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There are places I’ll remember… (4): Hotel California

Illustration: Von Perplexity KI-generiert nach Anweisungen von Alan Posener

Ein Klassiker. Und wenn Jeff Bridges als der Dude in „The Big Lebowski“ sagt: „I hate the goddam fucking Eagles, man!“ – und daraufhin vom schwarzen Taxifahrer rausgeschmissen wird –, so läuft im selben Film in der großartigen Bowling-Szene mit John Turturro „Hotel California“. Allerdings in der Fassung der Gypsy Kings. Die ihrerseits nur beweisen, dass eigentlich nur die Eagles den Song spielen und singen können.

Womöglich ist das Gitarren-Doppelsolo am Schluss des Songs das Beste an ihm (und gilt zu Recht als eines der besten Gitarrensoli aller Zeiten); aber der klare, unmöglich hohe Gesang ist auch wunderschön. Und der Text hat es in sich. Um den soll es hier gehen. (Man findet ihn unten.) Der von mir verehrte Ulf Kubanke hat hier neulich Schönes dazu geschrieben, aber ich habe bei allem Respekt Probleme mit Interpretationen, die noch dunkler sind als Gegenstand der Interpretation.

Ab durchs Kaninchenloch

Da stelle mer uns janz dumm und beginnen also am Anfang. Wir befinden uns einer nächtlichen Straße in der Wüste, jemand fährt im offenen Wagen, der warme Wind in den Haaren, ein kalifornischer Traum. Aber er wird müde, der Kopf wird ihm schwer; immer der Ausgangspunkt für eine andere Art von Reise. Wie etwa bei Alice im Wunderland: „Alice was getting very tired …the hot day made her feel very sleepy and stupid…“

Und ab geht es bald durch das „rabbit hole“ in eine ganz andere Welt, die gerade in den späten 1960ern die Inspiration für so manchen psychedelischen Song geliefert hat, etwa „ „White Rabbit“ von Jefferson Airplane oder „Lucy in the Sky With Diamonds“ und „I Am the Walrus“ von den Beatles. Dass die Müdigkeit nicht nur etwas mit der späten Stunde zu tun hat, deutet der Sänger an, indem er den „warmen Geruch der Colitas“ beschwört. Colitas, Kaktusblüten, war damals zugleich ein Codewort für Cannabis.

Doch wird es nicht bei der Einstiegsdroge bleiben. In der Tür steht eine Frau, man wird bald mehr von ihr erfahren, aber bei ihrem Anblick denkt der Sänger, dies könnte Himmel oder Hölle werden – wieder eine Drogen-Anspielung, diesmal auf zwei Essays von Aldous Huxley: „The Doors of Perception“ (1954) und „Heaven and Hell“ (1956), in denen er seine Erfahrungen mit Meskalin verarbeitete. (Und ja, nach dem ersten Essay benannte sich eine sehr bekannte kalifornische Band, deren Sänger zum gar nicht so exklusiven „27 Club“ gehört.)

Übrigens beziehen sich die Titel dieser Essays, wie Axel Reitel im Gespräch mit Frederick Lubich erläutert, auf Gedichte des englischen Romantikers William Blake, der auch für Kris Kristofferson und Bob Dylan inspirierend wirkte.

Und da sind diese unheimlichen Stimmen, die den Neuankömmling im Hotel California willkommen heißen: Alles, was du willst, findest du hier, und hier ist noch viel Platz.

Welcome to Club 27

Wer ist die Frau am Eingang zu den Pforten unendlicher Wahrnehmung, erweiterten Bewusstseins? Ihr Verstand ist schon so verzerrt wie die Muster einer Tiffany-Lampe, und ihr ist endlich der Mercedes-Benz geliefert worden, um den sie den Herrn so inständig gebeten hatte. Sie vergnügt sich mit hübschen Jungen, die sie mit Freunden verwechselt, die sie aber nicht daran hindern werden, auch dem Club 27 beizutreten. Einstweilen aber tanzen sie verschwitzt im offenen Hof – die einen im vergeblichen Versuch, sich zu erinnern, wer sie einst waren, die anderen im ebenso vergeblichen Versuch, es zu vergessen.

Und der Sänger ruft den Sommelier, der in den USA „wine captain“ heißt, und will Wein haben; aber den hat man hier seit 1969 nicht mehr serviert.

Und wieder die Stimmen, die von tollen Partys im Hotel California schwärmen: Halt dein Alibi bereit. Das gibst du dann an der Tür ab. Denn, wie die Türsteherin und Führerin durch diese Hölle sagt: Wir sind alle hier aus freien Stücken Gefangene; oder Gefangene unserer eigenen Wahnvorstellungen. Wir können im Jailhouse rocken; aber wir bleiben im Jailhouse.

Und nun ist es Zeit für den Höhepunkt des Abends. Die Gäste versammeln sich im Schlafzimmer des „Meisters“. Wer ist das? Etwa der Meister aus Bulgakows Roman? Aber der ist ein armer Schriftsteller, der in einer Moskauer Irrenanstalt sitzt. Eher ist er jenes satanische „Tier“ aus der Offenbarung des Johannes, das als Zeichen „666“ auf der Stirn trägt. Die Hotelinsassen stechen mit ihren stählernen Messern darauf ein – sie setzen sich einen Schuss – , aber sie können das Tier, den Meister, den falschen Propheten, den Antichrist nicht töten, weil er in ihnen lebt und sich von der Droge und von ihnen selbst ernährt.

Nicht aufwachen können

Bleibt nur die Flucht. Der Sänger sucht eine „Passage“, einen Korridor, einen Weg zurück zum Ausgangspunkt; wie auch Alices Abenteuer im Wunderland damit endet, dass sie von der Herzdame zum Tode verurteilt wird; und das Abenteuer hinter dem Spiegel damit, dass sie ausruft: „I can’t stand this any more!“ Alice kehrt in die normale Welt zurück; aber der Sänger landet wieder an der Hotelrezeption, wie die Studenten auf der Suche nach der „Blair Witch“, die immer wieder am Ausgangspunkt ihrer Suche landen. „Der Flur, der nie endet“, wie Ulf Kubanke schreibt. „Entspann dich“, rät der Portier, „Wir sind hier auf Empfang programmiert. Du kannst jederzeit auschecken, aber niemals das Hotel verlassen.“ Ein Albtraum, der nicht enden will, nicht enden kann, und an dessen Ende der Club 27 wartet. Das Ende des kalifornischen Traums, des Sommers der Liebe, des unkontrollierten Massenexperiments mit der Bewusstseinserweiterung. What a nice surprise …

 

On a dark desert highway, cool wind in my hair
Warm smell of colitas rising up through the air
Up ahead in the distance, I saw a shimmering light
My head grew heavy and my sight grew dim, I had to stop for the night
There she stood in the doorway, I heard the mission bell
And I was thinkin‘ to myself, „This could be heaven or this could be hell“
Then she lit up a candle and she showed me the way
There were voices down the corridor, I thought I heard them say

„Welcome to the Hotel California
Such a lovely place (such a lovely place)
Such a lovely face
Plenty of room at the Hotel California
Any time of year (any time of year)
You can find it here“

Her mind is Tiffany-twisted, she got the Mercedes-Benz, uh
She got a lot of pretty, pretty boys that she calls friends
How they dance in the courtyard, sweet summer sweat
Some dance to remember, some dance to forget
So I called up the Captain, „Please bring me my wine“
He said, „We haven’t had that spirit here since 1969“
And still, those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night just to hear them say

„Welcome to the Hotel California
Such a lovely place (such a lovely place)
Such a lovely face
They’re livin‘ it up at the Hotel California
What a nice surprise (what a nice surprise)
Bring your alibis“

Mirrors on the ceiling, the pink champagne on ice
And she said, „We are all just prisoners here of our own device“
And in the master’s chambers, they gathered for the feast
They stab it with their steely knives, but they just can’t kill the beast
Last thing I remember, I was running for the door
I had to find the passage back to the place I was before
„Relax, “ said the night man, „We are programmed to receive
You can check out any time you like, but you can never leave“

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