Kein Jahrzehnt gleicht dem anderen – geschenkt. Doch die 1960er Jahre markieren mehr als nur eine weitere Etappe der Nachkriegsgeschichte. In dieser kurzen Epoche ballten sich politische Umbrüche, gesellschaftliche Aufbrüche und technologische Neuerungen in einem Ausmaß, gegen das spätere Dekaden fast verblassen.
Einige der damaligen Geschehnisse habe ich aus der Erinnerung wiederbelebt, nachrecherchiert und auf ihren Kern verdichtet. Die Schilderungen stammen aus der Perspektive eines in Bonn lebenden Westdeutschen; für diese Einseitigkeit bitte ich Ostdeutsche um Nachsicht. Nun denn – ein Jahrzehnt wird besichtigt, stilistisch inspiriert durch Florian Illies, der dieses Genre erdacht hat. Hier nun Teil 3, 1967 – 1969.
≡≡≡ 1967 ≡≡≡
Konrad Adenauer leidet an einem grippalen Infekt, als er am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren stirbt. Kein anderer Politiker prägt das Nachkriegsdeutschland so nachhaltig wie er.
Die Betroffenheit in der Bevölkerung ist entsprechend groß. In Bonn besorgen sich Geschäftsleute beim Auswärtigen Amt großformatige Porträtfotos des „Alten“ und stellen sie als Zeichen der Trauer in ihre Schaufenster. Zu den Trauerfeierlichkeiten reisen Spitzenpolitiker aus aller Welt an. Nach der öffentlichen Aufbahrung und einem Staatsakt im Bundestag wird der Sarg über den Rhein nach Köln überführt, wo im Dom ein feierliches Requiem stattfindet. Die Beisetzung erfolgt schließlich im privaten Kreis auf dem Friedhof seines Wohnorts Rhöndorf – knapp zehn Kilometer Luftlinie südlich seines ehemaligen Arbeitsplatzes im Palais Schaumburg in Bonn.
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Der Schah von Persien befindet sich auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik und am 2. Juni 1967 in West-Berlin. Bereits am Vormittag demonstrieren dort Studenten gegen den Schah. Weitgehend unbehelligt von der Polizei prügeln sogenannte Jubel-Perser mit Holzlatten auf Demonstranten ein. Am frühen Abend kommt es vor der Deutschen Oper zu weiteren Protesten, bei denen die Polizei mit Knüppeln auf Studenten und Schaulustige einschlägt. In dem Tumult erschießt der Zivilpolizist Karl-Heinz Kurras den 26jährigen Studenten Benno Ohnesorg. Dieser 2. Juni wird zum Fanal für die Radikalisierung der sogenannten Außerparlamentarischen Opposition (APO). Die Ironie der tragischen Geschichte: 2009 identifizieren Historiker den Todesschützen Kurras als SED-Mitglied und Stasi-Informanten in der Berliner Polizei.
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Im Mai 1967 drohen wieder einmal arabische Staaten – Syrien, Ägypten und Jordanien –, Israel zu zerstören. Ägypten sperrt zuerst den Zugang zur Straße von Tiran und rückt mit über 100.000 Soldaten sowie rund 1.000 Panzern auf den Sinai vor. Israel antwortet am 5. Juni 1967 mit einem präventiven Luftschlag gegen Ägypten. Der Sechstagekrieg beginnt. Binnen Stunden zerstört Israel die ägyptische Luftwaffe; in den folgenden fünf Tagen erobert es die Sinai-Halbinsel, das Westjordanland und die Golanhöhen in Syrien. Nach sechs Tagen tritt ein Waffenstillstand in Kraft. Deutschland kennt noch nicht die antiisraelische Stimmung der Gegenwart. Im Gegenteil: Die Bevölkerung bewundert Israel für seinen schnellen Erfolg. Um ihre Anerkennung auszudrücken, versteigen sich Blätter wie die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, der Spiegel und Die Zeit gar zu dem nicht zwingend unschuldig konnotierten Begriff „Blitzsieg“.
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Am 25. August 1967 betritt Deutschland das Zeitalter des Farbfernsehens. Schauplatz ist die Internationale Funk- und Fernsehausstellung in Berlin. Außenminister Willy Brandt drückt mit dem rechten Daumen auf einen übergroßen roten Knopf – der symbolische Startschuss. Beide Programme, ARD und ZDF, übertragen das Ereignis synchron. Leicht asynchron vollzieht sich im Fernsehen selbst der Moment des Wechsels: Etwas verfrüht flutet Farbe die Bildschirme, und das vertraute Schwarz-Weiß weicht dem neuen, leuchtenden Bild. Noch senden ARD und ZDF nicht durchgehend in Farbe, doch der Anfang ist gemacht.
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Zunächst fungiert Ernesto „Che“ Guevara als Guerillakommandant auf Kuba, später leitet er die dortige Nationalbank und übernimmt das Industrieministerium. 1967 ist der argentinische Marxist erneut unterwegs, um eine Revolution anzuzetteln. Nachdem er in Afrika damit keinen Erfolg hatte, versucht er es nun im bolivianischen Dschungel. Mit 60 Kämpfern will er dort einen Aufstand entfachen. Am 8. Oktober 1967 nimmt ihn bolivianisches Militär gefangen, am Folgetag wird er exekutiert. Der Westen degradiert „Che“ nach seinem Tod zum Posterboy für ahnungslose Jugendliche und unverbesserliche Linke.
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Eduard Zimmermann, ein Journalist mit eigener Hafterfahrung, entwickelt mit „Aktenzeichen XY … ungelöst“ ein neues TV-Format. Am 20. Oktober 1967 strahlt das ZDF die erste Folge aus. Betont sachlich führt Zimmermann durch rund 300 Ausgaben. Die Bitte um Mithilfe in ungelösten Kriminalfällen bleibt weit über den Tod Zimmermanns im Jahre 2009 hinaus ein Dauerbrenner im Programm des ZDF – bis in die Gegenwart.
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Im Groote-Schuur-Krankenhaus in Kapstadt, Südafrika, geschieht am 3. Dezember 1967 eine medizinische Sensation. Ein Team von 31 Ärzten unter der Leitung des Herzchirurgen Christiaan Barnard führt eine Operation durch, bei der erstmals ein menschliches Herz transplantiert wird. Mit dieser Herztransplantation erregt Barnard weltweites Aufsehen. Der Empfänger des neuen Herzens stirbt jedoch 18 Tage nach der Operation an einer schweren Lungenentzündung. Knapp einen Monat später wagt Barnard den zweiten Versuch – sein neuer Patient überlebt bereits 18 Monate. Der Durchbruch zu routinemäßigen Herztransplantationen gelingt erst in den achtziger Jahren mit einem neuen Medikament, das die Abstoßreaktion des Immunsystems hemmt.
≡≡≡ 1968 ≡≡≡
Martin Luther King erlebt seinen Traum von Rassengleichheit nicht. Am 4. April 1968 erschießt ein entflohener rassistischer Strafgefangener den Bürgerrechtler auf dem Balkon seines Motels in Memphis, Tennessee. Martin Luther King ist gerade einmal 39 Jahre alt. In zahlreichen Städten der USA entlädt sich die Wut über das Attentat in schweren Ausschreitungen. Mehr als 40 Menschen sterben dabei.
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1968 ist Rudi Dutschke das bekannteste Gesicht der sogenannten Studentenbewegung. Am Gründonnerstag, dem 11. April 1968, schießt in Berlin ein 23-jähriger Arbeiter Dutschke auf offener Straße nieder. Dutschke wird schwer verletzt und überlebt nur dank einer mehrstündigen Notoperation. Der Attentäter gibt in Vernehmungen an, der Mord an Martin Luther King habe ihn zu seiner Tat inspiriert. Noch am selben Abend beginnen in Berlin die schwersten Unruhen der Nachkriegszeit. In mehreren Großstädten kommt es zu Blockaden und Straßenschlachten. Mit der Parole „Bild hat mitgeschossen“ richtet sich die studentische Wut vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag. Rudi Dutschke stirbt am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen des Attentats.
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Es ist der 3. Mai 1968. Linke Studenten besetzen eine Fakultät der Pariser Sorbonne. Die Polizei räumt die Besetzung. Proteste folgen auf dem Fuße und weiten sich binnen weniger Tage massiv aus. Nach Massendemonstrationen und Straßenschlachten greifen die Unruhen auf andere Städte über. Unter tonangebender Beteiligung der kommunistischen Gewerkschaft CGT setzt der größte Generalstreik in der Geschichte Frankreichs ein. Der Streik dauert mehrere Wochen, das Land steht still. Am 30. Mai ergreift Staatspräsident Charles de Gaulle die Initiative: Er hält eine entschiedene Rundfunkansprache, löst das Parlament auf und setzt Neuwahlen an. Diese gewinnt de Gaulle haushoch – die Linke verliert mehr als die Hälfte ihrer Sitze.
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Robert F. Kennedy, ein jüngerer Bruder des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, strebt 1968 selbst das Präsidentenamt an. Er gewinnt gerade die entscheidende Vorwahl in Kalifornien, als in der Nacht zum 5. Juni 1968 in einem Hotel in Los Angeles ein Attentäter auf ihn zutritt und mehrere Schüsse abfeuert. Nur einen Tag später ereilt auch Bobby Kennedy, wie ihn viele nennen, das Schicksal seines Bruders: Er erliegt seinen schweren Verletzungen. In den Medien ist seitdem vom „Fluch der Kennedys“ die Rede. Sein Mörder, Sirhan Sirhan, verbüßt in Kalifornien seit fast 58 Jahren eine lebenslange Haftstrafe.
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In der Tschechoslowakei blüht seit Januar 1968 der sogenannte Prager Frühling. Die regierende kommunistische Partei versucht, das Land zu reformieren und zu liberalisieren. Doch die sowjetische Führung stoppt diesen Prozess mit militärischer Gewalt: Am 21. August 1968 rücken Panzer des Warschauer Pakts – ohne Beteiligung von DDR-Truppen – in die Tschechoslowakei ein. Die fremden Militärs besetzen das Land und verschleppen ihre Führung in die Sowjetunion. In Moskau muss der tschechoslowakische KP-Chef Alexander Dubček unter massivem Druck seine Entmachtung besiegeln. Neuer Vollstrecker der Moskauer Politik in Prag wird der Altkommunist Gustáv Husák.
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Am letzten Tag des CDU-Bundesparteitages, dem 7. November 1968, geschieht etwas Ungeheuerliches: Eine politische Aktivistin ohrfeigt den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Am Sicherheitspersonal vorbei stürmt sie aufs Podium und gibt dem dort sitzenden Kiesinger eine schallende Ohrfeige und ruft ihm dreimal „Nazi“ entgegen. Zum Hintergrund: Kiesinger ist ab 1940 im Auswärtigen Amt tätig, zuletzt als stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung. Der Eklat erregt internationales Aufsehen. Ein Schnellgericht verurteilt die Aktivistin Beate Klarsfeld noch am selben Tag zu einem Jahr Gefängnis. In der Berufungsverhandlung reduziert sich das Strafmaß auf vier Monate auf Bewährung.
≡≡≡ 1969 ≡≡≡
Die Qualifikationsspiele zur Fußballweltmeisterschaft 1970 laufen: Dreimal treffen die Mannschaften von Honduras und El Salvador aufeinander. Im Entscheidungsspiel am 27. Juni 1969 in Mexiko-Stadt kommt es zu heftigen Ausschreitungen; ihre Ursachen liegen jedoch im Politischen. Dort eskalieren die Spannungen zwischen beiden Staaten weiter. Im Juli greift El Salvador Honduras mit Luftangriffen militärisch an. Nach rund 100 Stunden tritt ein Waffenstillstand in Kraft. Die Welt kennt nun den Begriff „Fußballkrieg“. So bizarr das wirkt – der Krieg fordert rund 2.000 Tote, Hundert-tausende werden vertrieben.
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US-Präsident John F. Kennedy schwört am 25. Mai 1961 sein Land darauf ein, noch vor Ende des Jahrzehnts einen Menschen sicher auf den Mond und wieder zurück zur Erde zu bringen. Nicht weil es leicht sei, sondern weil es schwer sei, will er Amerikas Energien und Fähigkeiten freisetzen – so bekräftigt Kennedy dieses Ziel ein Jahr später erneut. Gut fünf Monate vor Ablauf des Jahrzehnts, am 20. Juli 1969, setzt die amerikanische Landefähre „Eagle“ tatsächlich auf dem Mond auf. Stunden später steigt Neil Armstrong, Kommandant der Mission „Apollo 11“, aus der Landefähre und betritt den Mond. Eine halbe Milliarde Fernsehzuschauer sitzt gebannt vor den Fernsehgeräten und verfolgt das schier Unglaubliche. Mit seinen Worten „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit“ erfasst Armstrong die Dimension der Mondlandung in einem Satz. Kurz vor seinem Ende krönt dieses Jahrzehnt eine wagemutige technische Jahrhundert-leistung – nein, eine zeitlose Menschheitsleistung.
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Der Nordirland-Konflikt brodelt seit langem. Am 12. August 1969 paradieren Protestanten durch ein katholisches Viertel in Londonderry. Katholiken reagieren empört auf die Provokation. Der Konflikt entlädt sich in Straßenschlachten. Die Unruhen greifen auf weitere Städte über. Die Polizei scheitert beim Versuch, die Lage zu beruhigen. Die britische Regierung entsendet Soldaten, die für Sicherheit sorgen sollen. Doch die Auseinandersetzung eskaliert weiter. Während republikanische Katholiken zunehmend in den Untergrund gehen, greifen auch loyalistische Protestanten zu den Waffen. Der Gewaltkreislauf hält über Jahre an. Erst 1998 gelingt mit dem sogenannten Karfreitagsabkommen eine Einigung. Der Frieden bleibt fragil.
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Bethel, ein kleiner Ort im Bundesstaat New York mit rund 2.500 Einwohnern, erlebt ab dem 15. August 1969 einen Ausnahmezustand: Etwa 400.000 Menschen pilgern auf ein nahegelegenes Farmgelände. Anlass ist ein dreitägiges Musikfestival – Woodstock. Die Organisatoren sind vom Ansturm überrascht, Regen und Schlamm überfordern Logistik und Infrastruktur zusätzlich. Ab dem zweiten Tag ist das Festival kostenlos; Einlasskontrollen sind im Chaos nicht mehr möglich. 32 Bands und Solokünstler, darunter The Who, Janis Joplin, Creedence Clearwater Revival und Jimi Hendrix, erfüllen dennoch das Motto „Three Days of Peace & Music“. Ein Dokumentarfilm und ein Triple-Schallplattenalbum nähren den Mythos um Woodstock. Die Tantiemen daraus wandeln den anfänglichen Verlust in einen finanziellen Erfolg.
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Die Stimmung im Bonner Bundestag ist am 21. Oktober 1969 extrem angespannt. Seit 20 Jahren stellt die CDU/CSU den Bundeskanzler, doch nun tritt Willy Brandt an, das Amt erstmals für die SPD zu übernehmen. Die Wahl gerät zur Zitterpartie: Drei Abgeordnete aus seinem eigenen Lager verweigern Brandt die Stimme, und am Ende kommt er nur auf zwei Stimmen mehr als die erforderliche absolute Mehrheit. Dass er überhaupt eine Chance auf die Kanzlerschaft hat, verdankt er dem Umstand, dass 4,3 Prozent der Wählerstimmen, die an die NPD fallen, wegen der Fünf-Prozent-Hürde nicht zu Mandaten führen. Die neue sozialliberale Koalition sehnt einen politischen Umbruch herbei. Willy Brandt spricht sieben Tage später in seiner Regierungserklärung davon, man wolle „mehr Demokratie wagen“. Doch schon früh erodiert das Bündnis. Bis 1972 wechseln insgesamt acht Abgeordnete faktisch ins Lager der Opposition – die Koalition hat keine Mehrheit mehr.
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Hier endet das höchst subjektive Mosaik der Sechziger. Selbst wenn kaum ein Stein dieses Mosaiks der Erwähnung wert wäre: Die Reise des Menschen zum Mond – und seine glückliche Rückkehr – bliebe als das alles überstrahlende Ereignis dieses Jahrzehnts bestehen.