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Hermann ist tot

Hermann, du menschliches Strandgut aus Empathie, du Grenzenloser, jetzt bist du tot. Ein Klischee: Mit 50 stirbt man nicht. Eine Freundin erzählte heute, dass die Mortalitätsrate wegen Herzinfarkt bei Männern zwischen 50–55 ziemlich hoch sei. Das ist egal. Es geht um Hermann.

Hermann ist ein Mensch, dem ich ohne einen Krieg wahrscheinlich nie begegnet wäre. Die Schönheit der Tragik in der Tragik und das Entdecken vom unmittelbaren, berührenden, menschlichen – das Verwüstung, Terror und Sadismus hervorbringt. Brauchen wir das Böse, um das Gute hervorzubringen? Es ist obszön, allein der Gedanke. Können wir nicht im Guten gut sein? Hermann kann, Hermann konnte. Der österreichische Bube, der beim Sacher seine Ausbildung gemacht hat, der schlüpfrige Anekdoten von Eliette von Karajan zum Besten gab, respektlos, mit sichtlichem Vergnügen.

Nie in meinem Leben wollte ich nach Chișinău. Der Name hört sich an wie ein koreanisches Rezept. Es ist die Hauptstadt von Moldawien. Ich wusste das nicht. Und Herrmann, der Unbekannte, stand in Chișinău. Er fand es okay, dass ich da war, aber eigentlich war es auch egal. Das Wichtige war die Ukraine und Ukrainerinnen, die zu Hunderttausenden im Februar in dieses bizarre Land zwischen Ukraine und Europa kamen.

Chișinău, sozialistische Parademeile mit McDonald’s-Filiale. Chișinău ist Plattenbau und Mafia-Gastronomie mit viel Bling-Bling. Chișinău – das sind betrunkene Polizisten, die versuchen, einen abzuzocken. Mittendrin Hermann.

Hermann, dem kein Scherz zu unkorrekt war, als dass man ihn nicht hätte machen können. Und das Erste, was er sich nicht gewünscht, sondern verlangt hat, war, eine Turnhalle zu evakuieren. Nachts, 04. März 2022, irgendwas um 9:00 Uhr. Die ersten Busse, die wir damals von Moldau aus nach Deutschland schicken konnten. Die Turnhalle war überfüllt. Die Waschanlagen waren ein olfaktorischer Albtraum. Und das Essen, das ausgegeben wurde, bestand aus einem minderwertigen Würstchen, das nach Fleischabfällen roch, und fies wässrigem Kartoffelsalat aus bitteren, zerfallenden Kartoffeln.

Die Menschen, die dort untergebracht waren – alles Roma aus der Ukraine – 500, nein weit über 500, auf Feldbetten untergebracht. Neonlicht, Feldbetten, Plastiktüten mit Habseligkeiten, Menschen in verwaschenen Jogginghosen, die Frauen in Pastelltönen, alles sehr abgetragen. Am Eingang links der Turnhalle ein Stehtisch, und darauf eine Keramikvase mit Blumen, ein liebloser Strauß, kurz vorm Verwelken. Und in der Turnhalle das Schönste, was das Auge erfassen konnte. Mittendrin Hermann. Alles während Corona. Er sprach kein Rumänisch, die Sprache, die in Moldawien gesprochen wird. Er sprach auch kein Russisch oder Ukrainisch, die Sprachen der Menschen, die wir nach Deutschland bringen wollten und sollten.

Er hatte Oleg und Madalina. Madalina, die aus dem Nachtleben raus direkt in die Kriegsopfer gefallen war und so aussah, als ob sie in zehn Minuten wieder in irgendeinem skurrilen Club verschwindet. Oleg, ein Kleiderschrank, der zu Sowjetzeiten in Afghanistan kämpfen musste, gutmütig wie ein Brauereipferd und ausgestattet mit einer emotionalen Intelligenz, die ans Geniale reicht.

Hermann war das Scharnier zwischen den Menschen, die sich auf die Reise machen sollten, und seinen Vertrauten. In der direkten Begegnung mit den Autoritäten aus Grenzschutz, Polizei und später dann in Konferenzen mit Ministern und Generälen genauso unvermittelt, abrupt, übergriffig, lautstark – wie mit jedem anderen. Aus Haltung respektlos. Desto höher die Position, desto respektloser. Je hilfloser, umso direkter. „Wo willst Du in Deutschland hin?“, blafft er die junge Frau an. Eine Reisende von 160, die auf drei Busse verteilt wurden. „Zu meinem Freund.“ – „Wie lange kennst Du ihn?“ „Zwei Wochen. Von Facebook.“ „Gib mir mal die Nummer.“ – „Bernd? Ich hab deine Nummer und deine Adresse. Wenn Olga sich nicht bei mir meldet, kommt die Polizei zu dir. Alles klar?“

Ich war Dekoartikel dabei, habe beobachtet und versucht zu verstehen. Der Anfang unserer Freundschaft. Ein Mensch, dem ich ohne den Krieg nie begegnet wäre. Wir waren uns fremd und nah zugleich, standen staunend voreinander. Kein Mensch hat mich je so zur Sau gemacht wie Hermann. Von keinem Menschen hätte ich mir das gefallen lassen. Wir erstaunten einander. Was der andere kann, weiß, wie der andere lebt und was er war, wie er wurde.

Hermann ist raus aus Österreich, ist nach Dubai, hat dort irgendwas mit Medien gemacht, ist nach Rumänien, hat dort irgendwas mit Medien gemacht, und hat dann seine moldawische Frau Kristina kennengelernt, mit der er in Chișinău gelebt hat.

Gelebt hat. Ein gelebtes Leben. Ein geliebtes Leben, das 50 Jahre gedauert hat und zu kurz war – und in das doch drei Leben reingepasst hätten. Der Tod ist eine grausame Angelegenheit. Er gehört abgeschafft, hat Bazon Barock es formuliert. Ich weiß es nicht. Der Gegenpol ist der Ohrwurm-Hit von Queen: Who Wants to Live Forever. Hermann hat die Erde verlassen, innerhalb weniger Stunden, ohne Anzeichen, ohne Vordiagnose, ohne Warnsignal. So, wie er gelebt hat.

Er war mal sehr dick, das war 2022. Dann wurde er sehr dünn, schlank, trainiert. Er hat mal Kette geraucht, 2022, dann hat er nicht mehr geraucht. Und unser gemeinsamer Freund Nachmann, den wir beide in Chișinău kennenlernen durften, erzählte just vor Minuten am Telefon, er hätte ihn vor ein paar Tagen noch getroffen – und er wäre wieder dick gewesen. Hermann war in all seinen Ausprägungen ein liebenswerter Extremist, der Menschen erschreckt hat und gerüttelt. So wenig, wie er auf die Gegenüber Rücksicht genommen hat und zeitgleich über Sensoren erkannte und verstand, welche Rücksichten das Gegenüber eigentlich braucht, so wenig Rücksicht hat er auf sich genommen. Who wants to live forever.

Die Menschen, die wir gemeinsam auf ein für sie unbekanntes Ziel nach Deutschland geschickt haben, waren bei ihm gut und warm aufgehoben. Wenn ihm jemand breitbeinig kam, war er breitbeinig und hat sehr klargemacht, wo die Grenzen sind – seine Grenzen. Wenn jemand zerbrechlich war, war er weich. Bei Kindern war er immer weich. Er war distanzlos, was die Kinder überhaupt nicht gestört hat, sondern sie seine Distanzlosigkeit, seine frechen Bemerkungen, sein Schubsen und Knuddeln erkannt haben als: Ich werde wahrgenommen. Sich selber hat er an seine Grenzen gebracht und oft nicht wahrgenommen, dass er Grenzen hat.

Er ist tot.

Es ist müßig zu spekulieren, was er hätte machen können oder was er hätte sein lassen sollen. Es ist vermessen, von außen sein Leben zu betrachten und rückwärts gute Ratschläge zu geben. Hermann hat selten Ratschläge gegeben. Er hat sich eingemischt und seine Meinung unverhohlen, wahrhaftig dem Gegenüber vor die Füße geklatscht. Eine Augenhöhe in der Wahrnehmung des Gegenübers, die wenige haben. Wie oft tanzt man um den heißen Brei, gibt sich Mühe, schlechte Nachrichten, Kritiken so zu verpacken, dass man als Überbringer der Botschaft immer noch lieb gehabt wird. Eigentlich konnte man mit Hermann nur eins machen: ihn lieb haben. Wenn man nicht gerade sauer auf ihn war oder Deckung gesucht hat.

Würde man es ihm sagen, er hätte schief gelacht und es ziemlich albern gefunden.

Über zwei Jahre hat er mit den Evakuierungen tägliche Dramen um sich gehabt – Menschen vor dem Nichts, ohne Heimat und nicht den Hauch einer Idee von einer Zukunft. In den Bussen schwebten schwarze Wolken. Aus Angst, aus schlechtem Gewissen, zu überleben, während Freunde, Männer und Nachbarn in Lebensgefahr sind, vielleicht in dieser Sekunde sterben. Und mit diesen Dramen ist er irgendwohin in seine Seele, hat sie verpackt, verarbeitet oder auch nicht – aber mich auf keinen Fall hat er teilhaben lassen – und ich glaube auch keinen anderen.

 

Einzig bei einer Fahrt nach Transnistrien rollten ihm die Tränen über die Wangen. Wir standen an der Grenze zu Transnistrien, dem russisch besetzten Gebiet innerhalb Moldawien. Ein ungefähr 16-jähriger russischer Soldat moldawischer Herkunft verweigerte uns die Einreise. Die russische Fahne flatterte im Wind mit knatternden Geräuschen. Der junge Mann hatte seinen ersten Flaum auf der Oberlippe zu einem Schnäuzer modelliert. Und wir drehten um. Hermann wollte nur eins: Wir nehmen den mit. Das ist nicht fair. Er kann nichts dafür. Er steht da, und sein Leben ist eigentlich schon zu Ende. Und dann schluchzte er.

Es war seine eigene Trauer – für sich. Mit mir als unerlaubtem Zuschauer. Kollektive Trauer war für ihn nicht auszuhalten. Ein gemeinsamer Freund, der Chef des Busunternehmens, mit dem wir über Jahre aus der tiefsten Ukraine, direkt von der Front, Menschen evakuiert haben, starb ähnlich unvermittelt und plötzlich wie Hermann. Und Hermann konnte es nicht. Da war seine Grenze. Er konnte es nicht aushalten. Er konnte nicht zur Beerdigung. Das war ihm zu nah.

Und vielleicht wäre am offenen Grab von Alexander – so hieß der Mann, so heißt er noch immer – durch seinen Tod die Kammer in der Seele von Hermann aufgegangen, in der all die fürchterlichen Schicksale der Busreisen nach Deutschland versteckt waren. Hermanns Grenze. Hermanns Grenze war nicht die Liebe zu den Menschen. Hermanns Grenze war Ungerechtigkeit. Und da, wo Liebe ihre Grenze findet: wenn ein Mensch, den man liebt, aus dem Leben gerissen wird. Das, was die letzten Tage, quasi direkt nachdem sein Tod die Runde machte, passierte – es hätte ihm nicht gefallen.

Anrufe, Nachrichten aus allen Ecken Europas.

Von der italienischen Reporterin, die er als Irgendwas-mit-Medien-Mann dann in Chișinău auf einen Bus setzte, um zu berichten, wie katastrophal die Lage im Land ist – sie meldete sich. Es meldete sich der Grenzbeamte vom Grenzübergang Palanca, von wo aus es aus Moldau raus in die Ukraine geht, Richtung Odesa. Es meldeten sich Frauen, von denen ich nie geahnt hätte, dass sie irgendeine Nummer von unserem Team überhaupt haben, die wir mit Hermann evakuiert haben – nach Karlsruhe oder Stuttgart oder Wien. Es meldeten sich Männer aus Krebsstationen in Salzburg. Hermann hatte nächtelang das Klinikpersonal malträtiert, damit es Plätze gibt und diese Männer versorgt werden.

Er hat während seines Lebens auf das Danke derjenigen, denen er wahrscheinlich sogar das Leben gerettet hat, reagiert wie ein Kleinkind, das man beim Naschen erwischt: peinlich berührt und gleichzeitig ein bisschen erfreut über die Leckerei, die man sich verbotenerweise gönnt. Hermann ist der Gerechte unter den Gerechten. Kein Mensch ist zu ersetzen. Bei einigen wird man froh darüber sein, dass sie nie ersetzt werden. Für Hermann gilt das für Putin.

Einen zweiten Hermann wird es genauso wenig geben wie all die guten und wunderbaren Menschen, die zu früh – was für ein Klischee – diesen Planeten verlassen. Hermann, ob du es glaubst oder nicht, ob du es wahrhaben willst oder nicht: Du wurdest geliebt. Du wurdest gesehen. Und in jedem Herz, das deinem nahekam, lebst du weiter.

Es waren über 24.000 Menschen, die Hermann mit seinem Team in Sicherheit gebracht hat.

Sie werden Hermann nie sterben lassen.

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Über Andreas Tölke

Andreas Tölke hat 25 Jahre Hochglanz-Magazine vollgeschrieben mit Porträts und Interviews mit Größen von Zaha Hadid bis Jeff Koons. Seit 2015 ist Tölke „Gutmensch“, hat Be an Angel e.V. initiiert, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und das Restaurant Kreuzberger Himmel gegründet, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Eer ist meist in der Ukraine, hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert. [display-posts include_date="true" date_format="d.m.Y" author="Toelke" excerpt_more="Continue Reading" display-posts posts_per_page="999" excerpt_more_link="true" title="Autorenbeiträge"]

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