avatar

Cem Özdemir: Der Traum einer Urgrünen geht in Erfüllung

Künftiger Ministerpräsident Cem Özdemir, Foto: Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0

Mit seiner Wahl geht etwas auf, das ich seit Gründung der Grünen und den vielen Kämpfen in der Partei mit mir herum getragen habe. Obwohl es auch ruhig eine Frau wie die deutsch-türkische Landtagspräsidentin hätte sein können. Das kommt ja hoffentlich noch.

Ein anatolischer Schwabe und Erdogan-Gegner, Freund des auch mal schlitzohrigen Pragmatismus, bürgerinnennah und nicht immer auf Parteilinie, ein Dorn im Auge der Grünen Jugend, die sich in Linksradikalismus gefällt. Wie ich ein Kritiker der faulen Toleranz gegenüber reaktionären Muslimvereinen. Einer, der die Tugenden, die ihm seine Eltern beigebracht haben wie Respekt vor dem Alter und Höflichkeit, nicht weggeschmissen hat für neumodische Lifestlyes und Selbstüberschätzung. Einer, der viele Auf und Abs mit und gegen die Mehrheit der Grünen erfahren hat als Abgeordneter, Parteivorsitzender und Minister. Dessen Traum auch mal Außenminister war.

Mit dem Glückwunsch an Cem Oezdemir von der Gruppe Realo Vert, zu der ich mit Rezzo Schlauch und Uschi Eid seit einigen Jahren gehöre, die wir Reformen der grünen Migrations- und Integrationspolitik fordern, wird erkennbar, dass ich bei meinem alten Weggefährten Kretschmann aus der einst ökolibertären Gruppe, in der wir waren, und bei Cem den Pragmatismus schätze und Bodenhaftung, den gerade die Bündnisgrünen im Osten gebraucht hätten. Und von dem die Gesamtpartei, vor allem die gern laute Grüne Jugend, wenigstens ein bisschen lernen sollte.

Wo Cem und Boris und Kretschmann und Ricarda Lang waren, als ich 1979 auf dem Marktplatz in Freiburg stand, ziemlich allein ohne Mikro und ohne Werbeagentur, um für die Wahl der Grünen
zum Europaparlament zu werben, weiss ich nicht. Ricarda Lang, eine der heutigen grünen Lichtgestalten, die seit ihrer Zeit in der grünen Jugend dazu gelernt hat von Cem, war wohl noch im Himmel.

Die Geburt der baden-württembergischen Realos

Als ich im Mai 1979 mit Josef Beuys und Rudi Dutschke auf dem Podium im Audi Max  der altehrwürdigen Universität Tübingen saß, um von da der marxistischen Gruppe Contra zu geben und für eine feministische Ökologiepolitik zu werben, für den Ausstieg aus Kohle, Gas, Öl und Atomenergie, kurz nach der ersten Ölkrise, da waren auch Kretschmann und Boris Palmer oder Rezzo Schlauch noch nicht dabei. Doch schon beim Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe am 12./13.1.1980 tauchten Winfried Kretschmann und der spätere grüne Stutgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn auf und fanden meine Forderung nach der Frauenquote wohl überflüssig, denn sie haben in all ihren Männermauscheleien hinter den Kulissen wohl gar nicht zugehört.

Es war, glaube ich, März 1980 schon, als die Grünen nach denen in Bremen, unterstützt von Rudi Dutschke, in den Landtag eingezogen waren, mit Wolf Dieter Hasenclever und seiner Frau, die mit ihren Kindern das wunderbare Plakat entworfen hat „Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geerbt“, da zog ich lachend und wohl auch mit genug Sekt in das alte Gebäude in Stuttgart ein, das so das erste Mal grün belebt wurde.

Ich war als Rheinländerin, die Westberlinerin mit dem Besuch Kennedys geworden war, mit dem Ländle durch die Bekennende Kirche mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis, demn Stuttgarter Kirchentag 1968, wo ich gegen den Konsumterror wetterte und dann ab 1973 durch den Buchladen Jos Fritz in Freibug und die Wyhler und badisch-elsässicshen Anti-AKW-Bürgerinitiativen mit ihren tapferen älteren Frauen verbunden.

So wurde ich auch in meiner Zeit im Bundesvorstand der Grünen eine Vorkämpferin der Realas und einer rotgrünen Reformpolitik, die den Atomausstieg und andere gesellschaftliche Reformen möglich machte. Die Grünen in Baden-Württemberg zehren immer noch von der Kulturgeschichte der Bürgerinitiativen, durch das dort wie in Gorleben und um den Schnelllen Brüter in Kalkar entwickelte neue politische und kulturelle Bündnis zwischen aufmüpfigen Winzern, Bäuerinnen, Landpfarrern, Uni-Feministinnen aus Kleinstädten und der Weitsichtigkeit und Energie der Antiatom- und Umweltbewegungen mit ihrem Sänger Walter Mossmann aus Freiburg, der wie ich auch ein Erbe der 68er in die Grünen trug.

Auch die Evangelische Akademie Bad Boll, wo eine meiner Grossmütter mit den roten Haaren schon aktiv war, die Tochter eines Lederindustriellen aus Stuttgart und Nichte von Gustav Werner, der ein grosses evangelisches Sozialwerk in BaWü gegründet hat, verbanden mich mit dem Land. Obwohl ich die linken Schwaben in Berlin am Osi zu dominant fand und einiges an den geschäftigen Schwaben mir fremd blieb, da ich ja in die Hippie- und Sponitbewegung geraten war und das Rheinland mich geprägt hatte mit der Nähe zu Holland und Frankreich.

Schliesslich haben wir in der regionalen und überregionalen Antiatombewegung mit den Liedern von Walter Mossmann und den Frauen der Bürgerinitiativen auch die Traditionen der 1848er Demokratierevolution, die europäisch war, wieder entdeckt und in dem von Nazis und Stalinisten geprägten deutschen Geschichte ein anderes Erbe freizulegen und für eine neue europäische Demokratie wiederzubeleben versucht.

Die weltberühmte Menschenkette gegen Atomwaffen mit 250.000 Menschen, jung und alt, von Stuttgart bis zum Eucom habe ich initiiert als Sprecherin der bundesweiten Koordination der Friedensbewegung, die weg wollte von den grossen Reden der Grossorganisationen und der Dominaz von SPD und DKP hin zu einer Bürgerrechtsbewegung. Doch organisiert haben es unzählige Bürgerinnen und ein schwäbisches Organistionstalent und Genauigkeit wie beim Autobauen. Diese Menschenkette hat bis zur Menschenkette am 23.8.1989 für die Freiheit der Baltischen Staaten gereicht

Vor einem Jahr haben wir im Museum in Stuttgart noch einmal daran erinnert. Diese Bürgerkraft hat Kretschmann mit meiner Mitstreiterin und seiner Staatssekretärin Gisela Erler und seinem Team in seinen Regierungsjahren nicht zur Abstimmmasse degradiert, sondern durch die Politik des Zuhörens beteiligt und aktiv erhalten. Womit ich nicht alles, was Kretschmann und sein Team oder Cem getan haben, über den grünen Klee loben will.

Ein besonderer Fall

Noch vor sechs Jahren habe ich auf einem Europaparteitag der Grünen Cem eine Tasche von den neuen Ausstellungen zur 1848er Revolution geschenkt und er hat blitzschnell verstanden und darauf öffentlich reagiert. Schliesllich war er ja auch einer meiner Nachfolger im Europaparlament und zog in den Bundestag ein, als ich wegen meinem Bosnienengagement für militärisches Eingreifen von meinem Mandat vertrieben war.

Er folgte mir auch in den Bundesvorstand, ein schwieriges Gelände, wo viele Minen bei den Grünen liegen und die Apparatschiks freies Denken und Selbstkritik gerne verhindern. Mit dem Einzug von Cem in den Bundestag habe ich mich heimlich gefreut, dass etwas von dem, was Petra Kelly und ich bei der Gründung der Grünen die Vielfalt genannt hatten, Einheit in der Vielfalt, nicht Vielfalt um jeden Preis, in Erfüllung zu gehen schien. Feministinnen und die Frauenquote hatten wir ja schon durchgesetzt als Teil der grünen Parteigeschichte. Nun war es an der Zeit, dass in Berlin und den Großstädten zumindest auch migrantische Vielfalt in die Grünen und ins Parlament einzogen.

Cem war ein besonderer Fall für mich, da er der erste Mann bei den Grünen war,als ich ihn das erste Mal im Bundestag sah, der mit einer gewissen Eleganz sich bewegte und gut angezogen war und Respekt auch gegenüber den Grünen-Gründerinnen wie mir für eine Tugend hielt.

Erst spät habe ich etwas von seinen Eltern erfahren. Was er über seine Mutter geschrieben hat später, geht mir sehr nah. Denn solche Frauen habe ich auch in den Bürgerinitiativen jenseits der großstädtischen Akademikerszene und bei meinen Reisen nach Thessaloniki kennen gelernt. Einige meiner Freundinnen aus der Türkei und dem Iran, die hier im Exil leben, weil sie seit Jahren für die Demokratie in ihren Ländern eintreten, erinnern mich an die Mutter von Cem.

Bevor Cem bekannter Bundespolitiker wurde, hatte ich den ersten Kontakt mit ihm,weil er sich fuer die Unterstützung für Sozialarbeit und Jugendbildung durch das Europaparlament interessierte. Er war einer der wenigen, die mir nicht in den Rücken fielen, als ich mich für die liberalen Muslime in Bosnien und Sarajevo und Sebrenica einsetzte und vorwagte, militärisches Eingreifen der Uno oder Nato zu fordern, um einen Genozid in Sebrenica zu verhindern, was ich schon 1992 getan habe – drei Jahre vor den Massakern.

Dieses Thema verbindet Cem und mich auch ohne lange Debatten, denn er hat durch seine Eltern und die Aleviten und einen migrantisch gemischten Hintergrund eine Toleranz und ein Interesse an Liberalität in der Religion gelernt. Er hat ein starkes Interesse an Integration in die europäische Demokratiekultur und ihre Institutionen.

So sind wir beide Gegner von Erdogan und den Grauen Wölfen, die mich auch schon mal auf einer Kurdendemo bedroht haben in Berlin. So sind wir beide Realos, einen Begriff ,den ich in meiner Zeit im Bundesvorstand eingeführt habe, um dem Framing von links und rechts entgegen zu wirken. Dagegen habe ich zwischen Fundis und Realos unterschieden, wobei mir meine theologische und kirchen- wie linke Geschichtsbildung wohl geholfen hat, wie dass ich in Westberlin viele Kämpfe innerhalb der linken und Frauen- und Ökoszene bestehen musste schon vor Gründung der Grünen.

Damit aber Realos nicht alle nur als Anhänger oder Follower von Joschka Fischers Machtpolitik betrachtet wurden und innerparteiliche Demokratie erhalten wird, die die Grünen lebendig gehalten hat und von den Altparteien unterschied, viel mehr als das von mir nie benutzte Schlagwort Antiparteienpartei, habe ich dann eine Gruppe Refomrealos gegründte, wozu auch der leider schon verstorbene Jürgen Treulieb und Einige aus BaWü gehörten.

Aufstiegs- und Lerngeschichte

Cem ist also auch deshallb jetzt eine Hoffnung der Grünen, weil er die Realpolitik von seinem Ziehvater Kretschmann mit seiner persönlichen Aufstiegs- und Lerngeschichte verbindet und als Person Charisma hat, wozu auch sein Witz und seine Ironie gehört und das Schwäbische, europäisch geweitet.

Für seinen Wahlsieg hätte er das Video-Ausbuddelen einer jungen Abgeordneten, die nun Medienruhm erreicht hat wie die Hardlinerinnnen der Grünen Jugend gegen die Polizei etc.
nicht gebraucht. Besser als das Video zu verteidigen und dessen Ausbuddeln zum Feminismus zu verklären, fände ich es, die Klima-, Auto-, Integrations- und Migrationspolitik von Cem und Kretschmann genauer anzugucken in diesen Krisenzeiten der deutschen Autoindustrie, nach Konzepten gegen die chinesische Konkurrenz bzw. Übermacht und dem Verbrenneraus mit der EU zu fragen und wo von der Leyen jetzt Atomkraftwerke bauen will oder die KI-Industrie.

Mit meiner Mitstreiterin Günar Balci, die wir seit Jahrzehnten freie Frauen und freie Muslima gegen Kopftuch und Ramadan und andere Zwänge des konservativen und reaktionären Islam verteidigen, die falsche Toleranz vieler Linker und Grüner bis zu Frau Merkel demgegenüber kritisieren, bin ich einig, dass die Wahl von Cem und seine Arbeit als Ministerpräsident mit der CDU von BaWü ein Fortschritt für die deutsche Geschichte mit Einwanderung und Vielfalt ist. Ein liberaler Muslim und Erdogan-Kritiker mit Lebenserfahrung tut unserem Lande und den Deutschtürkinnen hier gut tut wie allen, die auf Leistung und Demokratie und beste europäische Zisammenarbeit setzten in Trumputin Zeiten.

So entwickeln wir uns als zwei verschiedene Generationen der Grünen gemeinsam weiter, und ich kann vertrauensvoll den Stab für die Zukunft der Bündnisgrünen an Cem, Ricarda Lang, Franziska Brantner, Boris Palmer und einige andere weitergeben. Das Fundament und einige Entwicklungsstufen sind gebaut. Von der Art, wie Cem Krisen überwinden und aus seinen Fehlern lernen musste, lernen hoffentlich viele sowohl in den Grünen wie in der CDU und SPD. Und natürlich sollte die Grünen immer von anderen lernen und zu Selbstkritik mit mehr Bescheidenheit bereit sein.

Der demokratischen Opposition in der Türkei und dem Wahlgegner von Orban in Ungarn sei auch so ein Wahlsieg gegönnt.m Wir brauchen eine Schwächung der AfD bei uns durch kluge Realpolitik, Bürgerinnennähe und ein wenig Humor und Lebenslust, nicht dadurch, dass viele Linke und einige Grüne die CDU billig in die Nähe von rechts zu rücken versuchen, ganz im Sinne der Populistinnen der Linkspartei.

Ein gutes, respektvolles Bündnis mit einer selbstbewussten, reformfähigen CDU ist nötig, die wir als europäische Kraft brauchen. Hoffentlich zerreden unsere Talkshow-Herrscherinnen und die von ihnen merkwüdig einseitig ausgewählten Experten nicht wieder den Demokratieerfolg in Baden-Württemberg. Dazu muss für eine stabile Demokratie die illegale Migration eingedämmt, die Richtigen und nicht die Falschen abgeschoben werden, die am Arbeitsplatz zu finden sind.

Viele junge Migranten nehmen sich jetzt hoffentlich Cem als Vorbild und nicht gewisse Rapper. Er kann jungen Muslimen, die von Islamisten und rechten Imanen und Vereinen verführt werden sollen, zu innerer Stärke im eigenen Milieu verhelfen und zu Aufstiegs- und Mitmachbereitschaft als Demokraten.

Eva Quistorp war mit Petra Kelly eine der Grünerdinnen der Grünen

Folge uns und like uns:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top