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Die größten Kritiker des Rezensenten waren früher selber Enten.

Ach, was wäre das Leben des Musik-Kritikers ohne seine schärfsten Kritiker, die Leser. Die immer wieder ihre hochgeschätzte Meinung kundtun, weil der böse Rezensent das Werk ihrer geliebten Kapelle falsch verstanden hat. Selbst dann, wenn er eigentlich gar nichts Grundsätzliches an den gebotenen Ton-Reihungen auszusetzen hatte. Jede Kritik liest der Fan grundsätzlich als Verriss, und dann greift er zur Feder und produziert Stilblüte um Stilblüte.

Pur-Fans etwa kennen da keine Gnade. Da hatte ich also das Folgende geschrieben: „Schmutzige Musik ist nicht das ureigene Ding der Bietigheimer. Eher schon die frühen Genesis: „Bitte Lieber Gott“ bedient sich am Anfang ziemlich dreist bei „The Lamb Lies Down On Broadway“ und ufert anschließend zunächst aus in einen Refrain, der seine Schöpfer ohne Umweg zum Kirchentag führen sollte“.

Die Pur-Puristenfront 

Worauf der Leser sprach: „Es mag sein, dass Sie kein Fan der Gruppe PUR sind, aber dennoch sollten Sie als seriöser Reporter ihre Meinung ein wenig hinter dem Berg halten. Und wenn sie das nicht können sollten Sie vielleicht den Beruf oder am besten die Zeitung, für die Sie arbeiten, wechseln. Es gibt in Deutschland eine Zeitung, für die Sie mit ihren wertenden und schlechten Artikeln bestens geeignet wären. Ich bin sicher die BILD-Zeitung wäre erfreut darüber einen solchen Mitarbeiter zu haben. Aber wenn Sie weiter bei einer neutralen und seriösen Zeitung arbeiten, sollten Sie ihren Schreibstil nochmals überdenken. Auch wenn die Gruppe ihrer Meinung nach schlecht ist und Sie die Musik nicht mögen, gibt es Millionen Menschen, die das anders sehen. Ich empfehle Ihnen sehr ihr Niveau ein wenig (bzw. um einiges) zu steigern! Jedem seine Meinung, aber als Reporter der BNN bitte nicht so sehr“. Ein weiterer Leser meinte: „Dieser Mensch kann sich kaum auskennen, vor allem fehlt es ihm wohl auch sehr an Lebenserfahrung“.

Not so sweet

Über die mehrfach neu besetzte Altherren-Kapelle Sweet schrub ich mit Sympathie, obzwar ironisvher Distanz: „Plötzlich ertappt sich auch der härteste Typ aus der „Ich bin hier nur zum Arme verschränken“-Fraktion beim Mitsingen. Natürlich kann man Songs wie „The Six Teens“ oder „Teenage Rampage“, die ja auch viel mit den Nöten der Pubertät und sexuellen Anspielungen zu tun haben, auch heute noch zum Klingen bringen. Aber wenn man hinschaut, wie da eine Bande von zerknitterten älteren Herren, die zum Teil aussehen wie nette, aber orientierungslose Schiffschaukel-Bremser, eben diese Songs mit heiligen Ernst zelebriert, da kann man sich schon mal fragen, ob das nun mehrfach gebrochene Ironie ist“
Die Entrüstung folgte postwendend: „Sehr geehrter Herr Zimmer, mit Erstaunen und Verwunderung las ich Ihren Beitrag zum „Sweet“-Konzert. Mein Mann und ich waren ebenfalls vor Ort und stellten fest, dass diese Band, bestehend aus musikalisch sowie optisch gereiften Männern, äußerst professionelle, sowie absolut authentische, hervorragend ehrliche Arbeit abgeliefert hat. Es ist jedermanns eigene Sache, wie er sich gibt, kleidet und frisiert. Da braucht man nicht so schnöselig von oben herab kommen. Sweet hat‘s handwerklich voll drauf gehabt und deswegen ist es eigentlich scheißegal, was sie schreiben. Herzallerliebste Grüße.
P.S. Am 21. Juno sind wir in der Schleyer-Halle in Stuttgart, da spielen ZZ Top auf. Gott sei Dank sind Sie da nicht zugange und können uns 2 Tage später unseren Spaß in der Zeitung verderben!“

Hose? Tot!

Es ist tatsächlich 25 Jahre her. Ich war bei einem Konzert der Toten Hosen. Was war dort zu besichtigen? Fröhlich trinkende Fans, eine gutgelaunte, laute Band, die allerdings alles andere als Punk spielte. Es war halt gut gemachter Stadionrock mit der damals aktuellen Anti Bayern München Hymne als kleinstem gemeinsamen Nenner. Das war eigentlich der Tenor des Artikel, und darüber amüsierte ich mich ein bisschen mit Sätzen wie diesem: „Das Licht geht aus. Dann eine Gitarre. Campino schreit “Hey hey let’s go“. Wow, das muss jetzt aber wirklich Punk sein. Verdammt beschissene Fussballclubs hätten sie, die Düsseldorfer und die Karlsruher. Und das verbinde doch irgendwie die fünf da oben und die 10.000 da unten. Die 10.000 da unten hören es und sind begeistert. Das muss Punk sein. Und gegen Bayern sind sie allemal. Das ist der definitive Punk.“
Und los geht das Leser-Echo: „Es ist doch immer wieder erstaunlich, was für schlichte Gemüter von den Kulturredaktionen zu musikalischen Großveranstaltungen wie diese entsendet werden…“, fragt sich Leser A. Leser B stellt tiefgehende Detailfragen: „Ihr Artikel, oder was das bei Ihrem Deutsch gewesen sein sollte, war nichts als eine Lüge. Waren Sie überhaupt bei diesem Konzert in der Europahalle? Ich war mit einigen Freunden dort und von Bierseligkeit haben wir beim besten Willen nichts mitbekommen. Falls Sie Bier getrunken haben, brauchen Sie das nicht an den Toten Hosen auslassen. Ich möchte nicht wissen, was Sie gemacht haben, bevor Sie den „Artikel“ geschrieben haben“. Leser C kennt sich aus mit der Definition des Begriffs Kritik: „Es ist nicht das erste Mal, dass mir Herr Zimmer durch seine fehlende Objektivität, Inkompetenz und Intoleranz auffällt. In diesem Bericht sehe ich keine Objektivität – und gerade diese sollte man sich bewahren, wenn man derartige Berichte schreibt. Da ist die eigene Meinung fehl am Platz!“ Leser D kennt mich ziemlich genau: „Warum Herr Zimmer auf dem Wort Punk herumreitet, ist echt fraglich, da man meinen könnte er ist so um die 70 Jahre und steht auf Volksmusik.“. Leser E weiss noch genaueres und stellt schmerzhafte Fragen: „Ich kann mir Ihre Anti-Hosen-Einstellung nur so erklären: Entweder Sie sind ein alter, vertrockneter Mann um die 45 jahre und haben ein beschissenes Leben, oder Sie sind neidisch, weil Sie vielleicht weniger erfolgreich sind…. Was halten Sie eigentlich von sich?“ Das Schlusswort geht an Leser F: „Wenn so demokratischer Musikjournalismus aussieht, dann Gute Nacht!“

 

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