Foto: KI basierend auf Eingaben von Wolfgang Schäfer
Kein Jahrzehnt gleicht dem anderen – geschenkt. Doch die Sechziger markieren mehr als nur eine weitere Etappe der Nachkriegsgeschichte. In dieser – gemessen an einem Menschenleben – kurzen Epoche ballen sich politische Umbrüche, gesellschaftliche Aufbrüche und technologische Neuerungen in einem Ausmaß, gegen das spätere Dekaden fast verblassen. Einige dieser damaligen Geschehnisse habe ich aus der Erinnerung wiederbelebt, aktuell nachrecherchiert und auf ihren Kern verdichtet. Die Schilderungen stammen aus der Perspektive eines in Bonn lebenden Westdeutschen; für diese Einseitigkeit bitte ich Ostdeutsche um Nachsicht. Nun denn – ein Jahrzehnt wird besichtigt, stilistisch inspiriert durch Florian Illies, der dieses Genre erdacht hat.
≡≡≡ 1960 ≡≡≡
Neujahrstag 1960. Das zweite Nachkriegsjahrzehnt beginnt. Die Deutschen leben weiter im sogenannten Wirtschaftswunder. Es herrscht Vollbeschäftigung, die Wirtschaft wächst, der Wohlstand steigt. Zeitgleich setzt in Afrika an diesem Tag eine Welle der Entkolonisierung ein: Insgesamt 17 Kolonien erlangen im Laufe des Jahres 1960 ihre Unabhängigkeit – 14 von Frankreich, zwei von Großbritannien sowie der Belgisch-Kongo von Belgien. Der Begriff „Afrikanisches Jahr“ etabliert sich. Kurios: Je länger die Kolonialzeit zurückliegt, desto stärker beschwören Aktivisten heutzutage einen Postkolonialismus.
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Am 1. Mai 1960 kommt es im Kalten Krieg zwischen der UdSSR und den USA zu einem dramatischen Zwischenfall. Die Sowjetunion schießt das US-Spionageflugzeug U-2 ab. Der Pilot Francis Gary Powers rettet sich mit dem Fallschirm. Nach einem Schauprozess in Moskau und einer Verurteilung zu zehn Jahren Haft wird Powers schließlich im Februar 1962 auf der Glienicker Brücke in Berlin gegen den sowjetischen Spion Rudolf Abel ausgetauscht.
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Es ist Mittwoch, der 11. Mai 1960, in einem Vorort von Buenos Aires. Gegen 20 Uhr steigt Ricardo Klement aus dem Bus und macht sich auf den Heimweg. Eine kleine Gruppe von Männern wartet bereits auf ihn. Unvermittelt zerren sie ihn in ein Auto und bringen ihn in ein Versteck. Die Männer sind Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad, und Klement ist in Wirklichkeit Adolf Eichmann. Er gilt als einer von Hitlers zentralen Vollstreckern des Völkermords an den europäischen Juden, also als einer der Hauptorganisatoren des Holocausts. Neun Tage später betäuben die Mossad-Agenten Eichmann und schleusen ihn, als krankes Crewmitglied der israelischen Fluglinie El Al getarnt, nach Israel. Die tollkühne Eichmann-Entführung gilt als eine der spektakulärsten Geheimdienstoperationen des 20. Jahrhunderts.
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In den USA eröffnet am 18. August 1960 der Verkauf der ersten Antibabypille eine neue Ära. Weltweit löst die nun kontrollierbare Empfängnisverhütung durch die Frau eine sexuelle Revolution aus. In der Bundesrepublik bringt das Pharmaunternehmen Schering ab dem 1. Juni 1961 die erste Antibabypille auf den Markt. Um „Unmoral“ vorzubeugen, empfiehlt die Bundesärztekammer ihren Mitgliedern, die „Pille“ nur an verheiratete Frauen zu verschreiben. In kürzester Zeit ergeben sich Millionen Frauen – verheiratet oder unverheiratet – der „Unmoral“.
≡≡≡ 1961 ≡≡≡
Am 20. Januar 1961 findet die Amtseinführung John F. Kennedys zum 35. Präsidenten der USA statt. Im Vergleich zu seinem 70jährigen Vorgänger Eisenhower wirkt Kennedy mit seinen 43 Jahren geradezu jugendlich. Dass der neue Präsident ein schwerkranker Mann ist, erfährt die Welt erst Jahre nach seinem Tod. Kennedys Antrittsrede gilt bis heute als eine der bedeutendsten der amerikanischen Geschichte. In ihr formuliert er den zeitlos gültigen Appell an seine Mitbürger: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“. Deutschland verkehrt Kennedys Mahnung bis in die Gegenwart zumeist in ihr Gegenteil.
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In Jerusalem beginnt am 11. April 1961 der Eichmann-Prozess. Ein Kamerateam filmt den Prozess und bietet das Material täglich internationalen Fernsehstationen an. Durch die weltweiten TV-Übertragungen erzielt der Prozess enorme Aufmerksamkeit. Dutzende Zeugen treten auf und schildern aus eigener Anschauung die Grausamkeiten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Eichmann, einst SS‑Obersturmbannführer und akribischer Organisator der sogenannten Endlösung, beruft sich auf Befehlsnotstand. Das verfängt bei den Richtern jedoch nicht. Die Urteilsverkündung erfolgt am 15. Dezember: Todesstrafe. Am 31. Mai des Folgejahres wird Eichmann in Tel Aviv am Galgen hingerichtet.
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Eine Brigade Exilkubaner landet am 17. April 1961 in der Schweinebucht im Süden Kubas. Ihr Plan: der Sturz der Regierung unter Fidel Castro. Der US-Geheimdienst CIA unterstützt sie dabei. Die Aktion scheitert jedoch kläglich. Nach drei Tagen sind über 100 Kämpfer tot, der Rest gerät in Gefangenschaft. Das Debakel führt dazu, dass sich Kuba politisch und militärisch eng an den sowjetischen Block bindet. Für US-Präsident Kennedy gerät das Scheitern in der Schweinebucht zu einer schweren außenpolitischen Niederlage. In einer Presseerklärung vier Tage später übernimmt Kennedy ein Sprichwort zitierend die alleinige Verantwortung: der Sieg habe tausend Väter, die Niederlage sei ein Waisenkind.
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Es könnte ein friedlicher Sonntag werden, dieser 13. August 1961. Stattdessen riegeln bewaffnete Einheiten der DDR in der Nacht ab 1 Uhr die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin ab. Sie unterbrechen den Verkehr zwischen den Stadthälften und verlegen kilometerweit Stacheldraht rund um West-Berlin. Als die Berliner am Sonntagmorgen aufwachen, sind sie entsetzt: Jeglicher Kontakt mit dem jeweils anderen Teil der Stadt wird unmöglich. In den Tagen danach ersetzen Bautrupps der DDR in ersten Abschnitten den Stacheldraht durch Betonplatten. Drei Tage später protestieren rund 300.000 Berliner gegen den Mauerbau. Die Schutzmächte der drei Westsektoren protestieren diplomatisch, greifen jedoch nicht ein. Im Laufe der Jahre entwickelt die DDR ein nahezu perfektes Grenzsystem mit bis zu drei Meter hohen Mauern, Beobachtungstürmen und Todesstreifen. 28 Jahre lang zeigt sie der Welt das betonierte Symbol ihres Scheiterns: die Berliner Mauer.
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Nikita Chruschtschow, Partei- und Regierungschef der Sowjetunion, bietet der Welt in der 15. UN-Vollversammlung am 12. Oktober 1961 in New York ein bis heute einmaliges Schauspiel. Ein philippinischer UN-Delegierter kritisiert die autoritäre sowjetische Herrschaft über die Vasallenstaaten in ihrem Machtbereich. Nach dem Motto „Getroffene Hunde bellen“ trommelt Chruschtschow daraufhin mit einem Schuh auf sein Pult im Plenum der UN. Das Bild mit dem Schuh in Chruschtschows Hand geht um die ganze Welt.
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Am 26. November 1961 veröffentlicht die Wochenzeitung „WELT am Sonntag“ einen Artikel über zum Teil schwerste Missbildungen bei Neugeborenen. Ursache sei die Einnahme des Schlafmittels Contergan in der Frühschwangerschaft – einer Phase, in der die Organbildung stattfindet. Tausende Kinder kommen mit gravierenden körperlichen Einschränkungen zur Welt. Die Ereignisse entwickeln sich zum größten Arzneimittelskandal Deutschlands. Die Herstellerfirma Chemie Grünenthal wird verklagt. Jahre später beginnt der Contergan-Prozess. Der Prozess dauert gut zweieinhalb Jahre. Die sogenannten Contergan-Kinder leiden ein Leben lang.
≡≡≡ 1962 ≡≡≡
An sechs Abenden im Januar 1962 hält der TV-Mehrteiler „Das Halstuch“ des Briten Francis Durbridge ganz Deutschland in Atem. Die Frage, die sich alle stellen: Wer ist der Halstuch-Mörder? Einen Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge tritt der Kabarettist Wolfgang Neuss als Spielverderber auf: In einer Zeitungsanzeige verrät er vorab den Namen des Täters. Die Einschaltquote der Serie ist mit bis zu 90 Prozent extrem hoch – allerdings gibt es zu dieser Zeit nur ein einziges Fernsehprogramm. Da so viele Menschen zusehen, dass die Straßen wie leergefegt sind, etabliert sich seitdem für Sendungen mit enormem Publikumserfolg der Begriff „Straßenfeger“.
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Mitte Oktober 1962 entdeckt ein US‑Aufklärungsflugzeug sowjetische Startrampen für Mittelstreckenraketen auf Kuba. Am 22. Oktober eskaliert die Lage zur gefährlichsten Krise des Kalten Krieges: Die Welt steht am Rand eines Atomkriegs zwischen den USA und der Sowjetunion. US‑Präsident Kennedy reagiert entschlossen. Er verhängt eine Seeblockade um Kuba, und warnt Moskau, jede weitere Lieferung militärischer Güter werde gestoppt. Ultimativ verlangt Kennedy außerdem, alle Startrampen zu demontieren und die Raketen abzuziehen. Tagelang bangt die ganze Welt, ob Chruschtschow einlenkt oder nicht. Sowjetische Kriegsschiffe nähern sich der Blockadezone. Am 28. Oktober lenkt Chruschtschow schließlich ein. Im Gegenzug sagen die USA – in einer geheimen Absprache – zu, eigene Raketen aus der Türkei und Italien abzuziehen. Die Furcht vor einem Atomkrieg endet. Die Welt atmet auf.
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Norddeutschland und speziell Hamburg erleben in den Nachtstunden vom 16. auf den 17. Februar 1962 eine verheerende Sturmflut, bei der über 300 Menschen sterben. Legt man die Zahl der Todesopfer zugrunde, gilt sie bis heute als die größte Naturkatastrophe in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Hamburger Innensenator Helmut Schmidt übernimmt das Krisenmanagement und ordert eigenmächtig Hubschrauber und Soldaten der Bundeswehr zur Rettung der Bewohner aus den Fluten. Diese beherzte Übernahme von Verantwortung dankt man Schmidt ein Leben lang.
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Am 17. August 1962 will der 18 Jahre alte Bauarbeiter Peter Fechter den Arbeiter- und Bauernstaat DDR hinter sich lassen. Er versucht, über die Berliner Mauer zu fliehen, wird dabei jedoch von Grenzsoldaten beschossen. Der schwer verletzte Fechter schreit um Hilfe. Niemand hilft ihm. Am Ende verblutet er. Der Fall Peter Fechter löst weltweites Entsetzen aus. Spätestens jetzt ist offenbar: Die Mauer, im DDR-Jargon „antifaschistischer Schutzwall“ genannt, richtet sich nach innen gegen die eigene Bevölkerung – nicht gegen einen äußeren vermeintlich faschistischen Feind.
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Charles de Gaulle besucht vom 4. bis zum 9. September 1962 als zweiter französischer Staatspräsident nach dem Krieg die Bundesrepublik. In einigen auf Deutsch gehaltenen Reden wendet er sich direkt an die Bevölkerung und erobert damit die Sympathien der Deutschen im Sturm. Nach Jahrzehnten der sogenannten Erbfeindschaft zwischen beiden Ländern ruft de Gaulle auf dem Bonner Marktplatz den Bürgern zu: „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“ Überall, wo er erscheint, brandet großer Jubel auf. Der Höhepunkt des Staatsbesuchs ist Ludwigsburg. Dort hält er seine berühmt gewordene Rede an die deutsche Jugend. Wörtlich sagt er: „Ich beglückwünsche Sie dazu, junge Deutsche zu sein, das heißt Kinder eines großen Volkes. Jawohl! Eines großen Volkes.“
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Im Oktober 1962 beginnt die SPIEGEL-Affäre und erschüttert die Bundesrepublik. Auslöser ist der wenige Wochen zuvor erschienene SPIEGEL-Artikel „Bedingt abwehrbereit“ über die Bundeswehr. Bundeskanzler Adenauer spricht später von einem „Abgrund an Landesverrat“. Am 26. Oktober 1962 durchsuchen Polizei und Staatsanwaltschaft die SPIEGEL-Redaktionen. Am nächsten Tag kommt Chefredakteur Rudolf Augstein für mehr als drei Monate in Untersuchungshaft. Mit Beteiligung von Verteidigungsminister Strauß wird auch ein Haftbefehl gegen den im Spanienurlaub befindlichen Autor des Artikels, Conrad Ahlers, erwirkt. Im Bundestag kommt es zu einer hitzigen Debatte. Strauß bestreitet seine Beteiligung, tritt jedoch nach dem Rücktritt aller FDP-Minister am 19. November elf Tage später ebenfalls zurück. In der Öffentlichkeit gilt das Vorgehen vielfach als Angriff auf die Pressefreiheit. Erst 1965 stellt der Bundesgerichtshof das Verfahren gegen den SPIEGEL ein.
≡≡≡ 1963 ≡≡≡
Im März 1963 erschüttert der Profumo-Skandal das Vereinigte Königreich und findet auch in der deutschen Öffentlichkeit große Beachtung. Der britische Heeresminister John Profumo hat 1961 ein kurzes außereheliches Verhältnis mit dem Model Christine Keeler, die zugleich Kontakt zu einem sowjetischen Marineattaché pflegt. Vor dem Unterhaus bestreitet Profumo wahrheitswidrig jede Anstößigkeit dieser Beziehung. Am 5. Juni tritt er infolgedessen zurück; der Skandal trägt in der Folge maßgeblich zum Sturz der konservativen Regierung unter Premierminister Harold Macmillan bei.
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Bundeskanzler Adenauer will das TV-Monopol der ARD auflösen. Sein Plan: ein staatsnahes Konkurrenzfernsehen, das mehr Wettbewerb schaffen soll. Doch das Bundesverfassungsgericht stoppt das Vorhaben. Rundfunk ist laut einem Urteil des Bundeverfassungsgerichts Sache der Länder, nicht des Bundes. Die Länder reagieren und schließen 1962 einen Staatsvertrag, auf dessen Grundlage das Zweite Deutsche Fernsehen entsteht. Am 1. April 1963 nimmt das ZDF den Sendebetrieb auf. Der angestrebte Wettbewerb bleibt jedoch begrenzt. In „Programmrunden“ verabreden ARD und ZDF für die Abendstunden ein Kontrastprogramm, um thematische Überschneidungen zu vermeiden. Statt einer Alternative bietet das ZDF bis in die Gegenwart hinein indes nur mehr vom Gleichen.
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Es ist Donnerstag, der 8. August 1963. Ein Postzug ist auf dem Weg von Glasgow nach London. Er transportiert Säcke voller Bargeld. Eine Bande Krimineller manipuliert ein Signal und bringt den Zug dadurch zum Stehen. Die Täter rauben insgesamt 2,6 Millionen Pfund Sterling. Inflationsbereinigt entspricht das heute einer Summe von deutlich über 50 Millionen Euro. Der Überfall ist so spektakulär, dass er als „The Great Train Robbery“ in die Geschichte eingeht. Bereits 1966 verfilmt die ARD den damals schon legendären Postraub als Dreiteiler mit dem Titel „Die Gentlemen bitten zur Kasse“. Die Serie wird mit einer Sehbeteiligung von rund 90 Prozent zu einem massiven Publikumserfolg – erneut einem „Straßenfeger“.
Schlagwörter: Postkolonialismus, Eichmann-Entführung, Eichmann-Prozess, Antibabypille, Kennedy-Antrittsrede, Schweinebucht, Kuba-Krise, Mauerbau, Contergan, Spiegel-Affäre, Posträuber, Profumo-Skandal