Ist es nicht wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten gleichzeitig? Keine Deepfakes, kein Trump, kein Krieg. Friede, Freude Eiersuchen. Hätten wir nicht die Qualitätsmedien, wüssten wir nicht, was die aktuell wirklich wichtigen Themen sind. Ein Buckelwal liegt vor der Küste rum, die Nachrichtensendungen sind voll Mitgefühl. Ein Raumschiff ist unterwegs zum Mond. Wir fiebern mit, und der SPIEGEL betrachtet das Thema: „Duzen, wenn ja und warum dann vielleicht doch nicht?“ als titelwürdig.
Ja, das ist doch mal ein „softes“ Thema, zu dem jeder was sagen kann. Sogar der alte Zimmer, der sich schon seit seiner Jugend damit rumschlägt und sich dabei nachhaltig amüsiert.
Damals, die 70er-Jahre standen in voller Patschuli-Blüte, und wir weilten an den Wochenenden in einem selbstverwalteten Jugendzentrum in der badischen Provinz, wo die nächstliegenden Probleme debattiert wurden. Als da waren die Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus allhier und selbdort, die Kämpfe des heldenhaften Vietcong und der selbstverständlich bald zu erwartende Sieg im Volkskrieg, den die örtlichen KBW-Gruppe vor den Werkstoren der Firma Stotz Kontakt in Heidelberg-Pfaffengrund führte. Wo unsereins in den Semesterferien zu freiwillig zu arbeiten gedachte, um sich teure Musikinstrumente aus kapitalistischer Produktion leisten zu können. Mit denen man später eigene Songs erschaffen würde, in denen Zeilen vorkommen sollten wie diese: „Rudi, merk’ Dir eines: Sätze fangen an mit ‚Du’ und ‚echt‘.
Vielleicht hier ein kleines Beispiel: ‚Du, echt, Rudi rafft es necht.“ Wobei der Song mit dem schönen Titel „Tütenlaber“ etwas später entstand und zuvörderst die Zielgruppe sprechender lila Wickelröcke und verwirrter Wickel-Rocker im Auge hatte. Da machte man dann doch als Sanftmann ganz gerne mit in der vagen Hoffnung, von einer Sanftfrau die Erlaubnis zu bekommen, ihr gelegentlich einen Teebeutel schenken zu dürfen und dafür im Gegenzug den „Tod des Märchenprinzen“ sterben zu dürfen. Zwecks Weiterbildung über das „Du, das ist ja aber mal jetzt echt problematisch“ hinaus.
Ich schweife ab. Aber ja, gern noch mehr: Angefangen hatte das alles zu Schulzeiten. Das war die Zeit, als ich in der 10.Klasse mit einem klar formulierten Wahlprogramm zum Klassensprecher gewählt wurde. „Ich werde hier und jetzt unverzüglich den Sozialismus einführen“. Kein Scherz. Das reichte zur absoluten Mehrheit. Das war auch die Zeit, in der klassenkämpfende Mitschüler vom Lehrkörper verlangten, selbiger sollen fortan geduzt werden dürfen. Neben der Forderung natürlich, dass im Religionsunterricht nun Texte von Ulrike Meinhof oder Peter Paul Zahl zu lesen seien anstatt die Bibel. Ich trat lieber aus dem Religionsunterricht aus und trank stattdessen am gegenüberliegenden Kiosk Einbecker Urbock. Die Intellektuellen der Klasse kifften in der Freistunde und schnitten in der darauffolgenden Stunde öffentlich ihre Hemden in Fetzen. Das fand ich bizarr schön.
Lehrer duzen allerdings fand ich immer suspekt. Damit würden ja die wahren Machtverhältnisse verschleiert, gar am Ende beschönigt, so meine wie immer streng wissenschaftlich begründete Überzeugung. An der Meinung hat sich bis heute nichts geändert, an der Begründung schon. Ich war ja dann auch mal kurzzeitig Lehrer. Aber das ist eine andere Geschichte.
Im späteren Berufsleben wurde mir klar: Wenn ein Vorgesetzter Dich mit mit einem nassforschen „Du“ ankumpelt, ist Gefahr im Verzug. Dazu muss ich allerdings anmerken, dass ich 16 apokalyptische Jahre dieses Berufslebens als Redakteur mit wechselnden Funktionen in einer privaten Rundfunkanstalt verbrachte, deren Programmauftrag Verblödung war. Es gab dort eine Steigerung der „Du-Attacke“ von oben. Wenn der Chef jovial verkündete: „Meine Tür ist immer offen“, bedeutete das für uns Untertanen: Am besten die eigene Bürotür mit Selbstschussanlagen sichern. Eine dieser Korifeen erklärte mir denn auch einmal: „Wissen Sie, die beste Mitarbeitermotivation ist immer noch die tägliche Angst vorm Verlust des Arbeitsplatzes“. Immerhin duzte der mich nicht.
Ganz verwunderlich wurde es, als ich in meinem darauffolgenden Berufsleben als freier Mitarbeiter einer großen Regionalzeitung ab und an die eine oder andere Lokal-Redaktion besuchte, um die Kollegen kennenzulernen, die mir Aufträge erteilten. Abgesehen davon, dass sie sich alle gegenseitig offenbar abgrundtief hassten, gab es auch hier keine klaren Duz-Verhältnisse. Manche duzten, manche siezten, während sie Messer in die Rücken ihrer Kollegen rammten. In dieser Situation schlug ich der Leiterin einer diese Aussenstellen todesmutig das „Du“ vor. Zähneknirschend akzeptierte sie mit den Worten. „Aber ‚Sie Arschloch‘ hätte mir einfach besser gefallen“.
Schwiff ich erneut ab? Sagte ich das schon? In meinem noch späteren (deutlich angenehmeren) Berufsleben oblag es mir immer wieder, diverse mehr oder weniger bekannte Musikanten zu interviewen. Manche mochte ich, andere weniger. Wolfgang Niedecken etwa mochte ich. Auf die Idee, den Mann zu siezen, wäre ich nie gekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass überhaupt jemand mit ihm per Sie ist. Was nichts an einer gewissen respektvollen Distanz ändert – glaube ich zumindest. Et hätt noh immer jut jegange.
Vor anderen hatte ich einen Heidenrespekt, weil ich glaubte, ihnen intellektuell nicht gewachsen zu sein. So etwa Heinz Rudolf Kunze. Ein Mann, der Texte schreibt, die ich beim besten Willen nicht verstehe. Solche etwa: „Und wir warten auf den explodierten Bus, der uns verheißen ist, der da kommen muß. Und wir warten bis die schwachen Seiten stechen“. Diesen Herrn Kunze zu duzen, schien mir unmöglich. Wobei ich nicht wusste, ob ich es mit einem Genie oder einem Wahnsinnigen zu tun hatte. Ich überließ Interviews also über Jahre einem Kollegen, der vermutlich aus Sicherheitsgründen nur fragte: „Singen Sie eigentlich ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ noch gern?“. Doch eines Tages hatte ich eine Verabredung mit Kunze an einem Samstagmorgen. Wir hatten beide einen geschätzten Restalkoholspiegel von drei Promille. Er hatte abends Tour-Abschluss gefeiert, ich war zu jährlichen Presse-Besäufnis des Polizeipräsidiums abkommandiert gewesen. Kunze erschien mit schwarzer Sonnenbrille und sprach: „Die nehme ich übrigens nicht ab“. Sein zweiter Satz aber lautete: „Ich bin Heinz“. Dann gab er mir die Pianistenhand. Seitdem bin ich mit Heinz Rudolf Kunze per Du. Ob das gut ist, weiss ich bis heute nicht so recht.
Mit meinen Schwiegereltern in spe war ich übrigens so lange per Sie, bis der Hochzeitstermin stand. Fünf Jahre lang. Auf einer Familienfeier in dieser Zeit nahm mich ein entfernter Verwandter meiner künftigen Gattin desrob beiseite und meinte amüsiert: „Sie Spießer, Sie“. Was mich, wie ich finde, immer noch sehr gut charakterisiert. Ein gutbürgerlicher, stinknormaler Spießer mit dem Äußeren eines Künstlers als Tarnung. Gelegentlich sage ich das auch laut und bekomme dann zu hören: „Du, echt, Das glaub’ ich jetzt aber necht, du, ey.“ Ob das gut ist, weiß auch nicht so recht.