avatar

Jammerlappen

Der Autor Andreas Tölke mit Yuila in Odessa. Foto: A. Toelke

Ausnahmsweise bin ich in Berlin. Und videochatte mit Yulia in Odessa, wo ich eigentlich meistens bin und aktuell sein wollte. Über ihrem Haus hört man die Drohnen. Ab und zu wird im Screen der Himmel taghell, weil die Abwehrflak eine Drohne abgeschossen hat. Sie geht nicht in den Bunker, weil sie vorher auf der App geguckt hat, welche Ziele die Drohnen ansteuern. Ihr Viertel ist nicht dabei. Ob das immer so stimmt, ist zweifelhaft. Sie wartet, bis der Angriff vorbei ist, der laut Flugbahnen den Hafen im Visier und Außenbezirke als Ziel hat.

Das geht fast jede Nacht so. Diese Nacht hat sie Glück, weil es immerhin Strom gibt. Strom, der ihr Handy versorgt. Parallel zu den Schüssen der Abwehrflak quatschen wir über dies und das. Krieg ist für sie Alltag, und wie die meisten Ukrainer und Ukrainerinnen denkt und hofft Yulia: Dieses Mal geht es wieder gut.

Ich erzähle, dass in Berlin eine große Erregung über die entsetzlich vielen Baustellen herrscht. Die belegen, dass in dieser Stadt nach Jahrzehnten Investitionsstau endlich mal was an den Straßen und Brücken gemacht wird. Yulia lacht. Ich erzähle von den hohen Spritpreise, die jeden hart treffen, und gleichzeitig über den irrsinnigen Verkehr. Es ist absurd teuer, aber fahren tun eigentlich alle wie immer.

Letztens habe ich noch mit einer Freundin in Deutschland darüber gesprochen, die sich ebenfalls ziemlich über die Spritpreise aufgeregt hat, aber Habeck scheiße findet. Schaut man sich das Wirtschaftsprogramm der Grünen an, das jetzt zum großen Teil von der CDU übernommen wurde, fasst man sich ehrlich gesagt nur noch an den Kopf.

Yulia fragt nach, was denn passieren soll. Stand der Dinge: der dringende Wunsch der Bevölkerung, dass die Regierung doch eingreifen müsste mit Übergewinnsteuer, und ich denke: Schon spannend, dass bekannt ist, wie Ölkonzerne ihr Geld verdienen, dass die Alternativen, die auf der Hand liegen, nämlich sich von Ölkonzernen unabhängig zu machen, links-grün versiffte Ideologie sind.

Wärmepumpen sind Diktatur und E-Autos zerstören die deutsche Automobilindustrie. Dass selbst eine Diktatur wie China auf E-Mobilität setzt und den Markt platt macht mit E-Autos – Söder und Reiche ist das wurscht. Söder gleich doppelt (Achtung: Wortwitz). Frau Reiche, die Wirtschaftsministerin, kehrt zurück zu fossilen Brennstoffen, und in der Straße von Hormus stauen sich die Tanker, die darauf hoffen, dass ukrainische Drohnensysteme die iranischen Angriffe im Zaum halten. Wolodymyr Selenskyj hat angeboten, Partner bei der Sicherung der Straße von Hormus zu unterstützen – damit die Lieferungen wieder frei nach Deutschland und Europa kommen können. Yulia seufzt. Der Iran ist eng mit Russland – der Freund des Feindes ist Feind. Ganz klar. Und technologisch sind ukrainische Drohnen state of the art.

Die Drohnen sind wieder zu hören. Wir sprechen über eine Beerdigung. Ostersamstag wurde in Kyiv Alexander beerdigt, der Sohn einer Freundin. Ich schaffe es leider nicht hin. Katja musste sehr lange warten, weil die Brigade ihres Sohnes für alle aktuell Gefallenen eine gemeinsame Beerdigungszeremonie abhielt. Die Brigade wurde von der Front abgezogen beziehungsweise ausgewechselt, sodass alle Kameraden an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmen können. Das hat beinahe zwei Monate gedauert. Eine fürchterlich lange Zeit, aber auch meine Freundin Katja wollte für ihren toten Sohn ein gemeinsames Begräbnis und hat die Wartezeit ertragen. Eine Wartezeit, in der der Leichnam ihres Sohnes in einer Kühlung aufbewahrt wurde, nahe der Front.

Ich habe ihn dreimal getroffen – zweimal persönlich und einmal im Videochat, als ich mit ihm shoppen war. Er an der Front, ohne angemessene Ausrüstung, ich im Januar in einem Military Shop in Odesa, ein Paar Schuhe nach dem anderen in der Hand, in die Kamera gehalten, um auch das richtige Modell von ihm auswählen zu lassen.

Für morgen Abend ist Yulia mit gemeinsamen Freunden verabredet. In einem tollen Restaurant, das ich auch gut kenne. Es wird eine größere Runde, sie freut sich sehr darauf. Die Themen in diesen Runden sind logischerweise Krieg, aber auch ganz allgemeine lustige Anekdoten, Tratsch. Eben das, was Menschen ausmacht und zusammenhält.

In Berlin ist das größte Problem, dass es viel Müll auf den Straßen gibt und dass der nicht angemessen entsorgt wird. In ganz Deutschland ist das größte Problem, dass immer die anderen schuld sind. In Odesa steht meine Nachbarin jeden morgen um sechs auf der Straße und fegt. Und wer achtlos eine Kippe wegschnippt, kann mit kollektiver sozialer Ächtung rechnen. In Deutschland ist die Bürokratie Schuld, die unflexibel ist und überbordend. Es ist die Politik, die nicht reagiert auf die Bedürfnisse der Bürger und Bürgerinnen. Im Zweifel sind es die Nachbarn, die den Müll nicht trennen. Das wohlstandsverwahrloste Jammern basiert auf einem Grundsatz: Die anderen sind schuld. Egal, mit wem ich mich in Deutschland unterhalte, konstruktive Vorschläge kommen in der Regel nicht, sondern ein Abwälzen.

Und auf die Idee zu kommen, selber aktiv zu werden, scheint so unmöglich zu sein, wie sich die Relativitätstheorie anzueignen. Immerhin haben die meisten hier eins gemeinsam: schlechte Laune. Da ist es auch egal, ob man gerade den nächsten Urlaub plant oder eine wie auch immer geartete Neuanschaffung. Alles ist furchtbar. Die bürgerliche Mittelklasse, die sich für aufgeklärt, wachsam und zivil hält, unterscheidet sich letztendlich überhaupt nicht mehr von AfD-Wählenden, die ja auch nur ein Thema haben: alles scheiße. Yulia lacht wieder. Es hört sich bitter an.

Der Angriff ist vorbei, leider ist noch Sperrstunde, sonst würde sie jetzt noch einmal um den Block gehen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, aber so ist das nun mal im Krieg, sagt sie. Dafür wird es morgen Abend schön. Ich lasse mich morgen Abend in Berlin volljammern.

Folge uns und like uns:
avatar

Über Andreas Tölke

Andreas Tölke hat 25 Jahre Hochglanz-Magazine vollgeschrieben mit Porträts und Interviews mit Größen von Zaha Hadid bis Jeff Koons. Seit 2015 ist Tölke „Gutmensch“, hat Be an Angel e.V. initiiert, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und das Restaurant Kreuzberger Himmel gegründet, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Eer ist meist in der Ukraine, hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert. [display-posts include_date="true" date_format="d.m.Y" author="Toelke" excerpt_more="Continue Reading" display-posts posts_per_page="999" excerpt_more_link="true" title="Autorenbeiträge"]

Ein Gedanke zu “Jammerlappen

  1. avatar

    Danke. Einfach nur danke. Es tut gut, mal zu lesen wie verdammt gut es uns hier in Deutschland geht. Das immer noch – trotz vergleichsweise kleiner Probleme – das freieste, sicherste und sozialste Land der Welt ist. Zumindet der Welt, die ich kenne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top