

{"id":7370,"date":"2018-01-24T14:20:59","date_gmt":"2018-01-24T14:20:59","guid":{"rendered":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/?p=7370"},"modified":"2018-01-25T14:41:51","modified_gmt":"2018-01-25T14:41:51","slug":"das-elend-der-ethnopluralisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2018\/01\/24\/das-elend-der-ethnopluralisten\/","title":{"rendered":"Das Elend der Ethnopluralisten"},"content":{"rendered":"<p>Die Ethnopluralisten gelten als die kl\u00fcgeren Rassisten. Das halte ich f\u00fcr ein Ger\u00fccht. Auf der Linken wie auf der Rechten bedeutet identit\u00e4re Politik die Leugnung der Komplexit\u00e4t des menschlichen Charakters und der menschlichen Gesellschaften. Sie ist willk\u00fcrlich und letztlich dumm.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle das Buch \u201eDie Angstmacher\u201c von Thomas Wagner <a href=\"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2017\/12\/25\/thomas-wagner-liefert-der-querfront-argumente\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kritisiert<\/a>. Wagner zeigte sich besonders beeindruckt \u2013 und besonders hilflos \u2013 gegen\u00fcber den Argumenten der Identit\u00e4ren oder Ethnopluralisten (die Begriffe sind weitgehend synonym), was nicht verwundert, da \u00e4hnliche Argumente auch unter \u201eAntiimperialisten\u201c und linken Globalisierungskritikern verbreitet sind, wie Wagner ja auch selbst betont. Darauf gehe ich noch ein.<\/p>\n<p><strong>\u201eBlutsm\u00e4\u00dfige\u201c Homogenit\u00e4t als Voraussetzung der Demokratie?<\/strong><\/p>\n<p>Wenden wir uns aber zun\u00e4chst den von Wagner zitierten Ethnopluralisten selbst zu, dem Chefideologenpaar der neuen Rechten, Ellen Kositza und G\u00f6tz <a href=\"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2017\/05\/25\/der-antisemitismus-des-goetz-kubitschek\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kubitschek<\/a>. Im Gespr\u00e4ch mit Wagner (S.80ff) spricht Kubitschek von dem \u201eblutsm\u00e4\u00dfigen Austausch\u201c, der \u201ean den R\u00e4ndern\u201c der jeweiligen Besiedlungsr\u00e4ume der V\u00f6lker stattgefunden habe, und f\u00fcr die seine Familie \u201eein gutes Beispiel\u201c sei. Womit er vermutlich meint, dass der Name Kubitschek (wie \u00fcbrigens auch Kositza) slawischen Ursprungs ist. Dass jemand aber hier immer noch von \u201eBlut\u201c und \u201eblutsm\u00e4\u00dfigem Austausch\u201c spricht, wenn es um die ethnische Abstammung und Vermischung geht, das ist bemerkenswert.<\/p>\n<p>\u201eKlar ist\u201c, so Kubitschek, \u201edass jedes Volk auch eine ethnische Gr\u00f6\u00dfe ist und dass der Verlust dieser relativen Homogenit\u00e4t gro\u00dfe Probleme nach sich zieht.\u201c Mit \u201eethnischer Gr\u00f6\u00dfe\u201c ist eben jene \u201eblutsm\u00e4\u00dfige\u201c Homogenit\u00e4t gemeint, f\u00fcr die er und seine Partnerin gerade nicht stehen. Doch nicht nur deshalb ist ist diese Behauptung \u00fcberhaupt nicht \u201eklar\u201c, ebenso wenig wie Kubitscheks Folgebehauptung: \u201eBestimmte politische Konzeptionen funktionieren nur, wenn es eine gewisse Homogenit\u00e4t im Volk gibt. Demokratie ist nur m\u00f6glich, wenn Sie akzeptieren k\u00f6nnen, dass Sie \u00fcberstimmt werden. Wenn das, was Sie \u00fcberstimmt, zu fremd ist, k\u00f6nnen sie das nicht. Das betrifft beispielsweise die Frage nach unseren Rechtsnormen auf der einen Seite und Scharia-Ans\u00e4tzen auf der anderen Seite.\u201c<\/p>\n<p>Es ist nicht ganz klar, ob Kubitschek meint, Anh\u00e4nger der Scharia k\u00f6nnten demokratische Entscheidungen nicht akzeptieren, wenn sie der Scharia widersprechen, oder ob er das Gespenst der Einf\u00fchrung der Scharia in Deutschland per Mehrheitsbeschluss an die Wand malt. Beide Auffassungen offenbaren ein mangelhaftes, ja erschreckendes Verst\u00e4ndnis von Demokratie.<\/p>\n<p>Dass bestimmte religi\u00f6se Gebote mit gesetzlichen Regelungen in Konflikt geraten, ist nicht neu und nicht beschr\u00e4nkt auf &#8222;Fremde&#8220;. Die katholische Kirche beispielsweise lehnt die Scheidung und die Abtreibung ab. Katholiken, die sich scheiden lassen, werden vom Abendmahl ausgeschlossen und sind damit der Gnade nicht teilhaftig. Niemand zwingt gl\u00e4ubige Katholiken, die Tatsache zu &#8222;akzeptieren&#8220;, dass der Staat die Scheidung erlaubt und die Abtreibung zwar verbietet, zugleich aber zul\u00e4sst. Die Kirche agitiert auch best\u00e4ndig dagegen, und das ist ihr gutes Recht. F\u00fcr alle wirklich religi\u00f6sen Menschen gilt der Satz, dass sie &#8222;Gott mehr gehorchen (m\u00fcssen) als den Menschen.&#8220;\u00a0 Radikale Protestanten wie die Qu\u00e4ker und die Zeugen Jehovas leben diesen Grundsatz noch strenger. Damit muss und kann die Demokratie leben.<\/p>\n<p>Wenn aber Kubitschek meint, irgendwann k\u00f6nnte die Scharia per Mehrheitsbeschluss in Deutschland eingef\u00fchrt werden, so betreibt er entweder demagogische Irref\u00fchrung oder wei\u00df tats\u00e4chlich wenig \u00fcber die Demokratie. Um die Verfassung im Sinne der Scharia zu \u00e4ndern, w\u00e4re eine Zweidrittelmehrheit n\u00f6tig. Sie wird es in der absehbaren Zukunft nicht geben. Die Demokratie ist \u00fcbrigens nicht nur ein System, in dem man &#8222;akzeptiert, wenn man \u00fcberstimmt wird&#8220;. Demokratie ohne Rechtsstaat w\u00e4re ja einfach die Diktatur der Mehrheit. Demokratie bedeutet, dass die Minderheit &#8211; auch die kleinste &#8211; alle Rechte genie\u00dft, die die Verfassung garantiert, und dass ihr diese Rechte auch nicht per Mehrheitsbeschluss genommen werden k\u00f6nnen. Dass man dies auf Gut Schnellroda nicht wei\u00df (oder verschweigt), ist erschreckend.<\/p>\n<p>Es ist in der Tat genau andersherum, als von Kubitschek behauptet. Nur der demokratische Rechtsstaat erm\u00f6glicht es verschiedenen Gruppen mit verschiedenen Kulturen und Religionen und politischen Priorit\u00e4ten, friedlich zusammenzuleben.Es ist kein Zufall, dass die \u00e4lteste Demokratie der Welt, die USA, eben nicht auf einem \u201eblutsm\u00e4\u00dfig homogenen\u201c Staatsvolk aufbaut, sondern, wie John F. Kennedy sagte, &#8222;a nation of immigrants&#8220; ist. Und obwohl es gewiss in den USA Rassenprobleme gibt, so sind sie nicht Produkte einer mangelnden blutsm\u00e4\u00dfigen Homogenit\u00e4t, sprich Rassereinheit, sondern der Ausnutzung ethnischer und kultureller Differenzen durch wei\u00dfe Suprematisten und gewissenlose Demagogen.<\/p>\n<p>Auch Indien, die gr\u00f6\u00dfte Demokratie der Welt, ist weder ethnisch noch erst recht kulturell homogen, und doch funktioniert diese Demokratie. Die Probleme Indiens werden nicht durch den Mangel an \u201eblutsm\u00e4\u00dfiger\u201c Verwandtschaft hervorgerufen, sondern durch religi\u00f6se und nationalistische Fanatiker, die aus Differenzen Gegens\u00e4tze konstruieren, und aus Gegens\u00e4tzen Unvereinbarkeiten.<\/p>\n<p>Immer schon bildeten die Juden innerhalb ihrer arabischen, persischen, t\u00fcrkischen und europ\u00e4ischen \u201eWirtsv\u00f6lker\u201c (um den rassistischen Begriff zu verwenden, der nur umgedreht als \u201eGastarbeiter\u201c wieder auftauchte) eine abgeschottete Gruppe. Das hinderte aber keines dieser V\u00f6lker daran, sich zur Nation oder zu einem Imperium zu konstituieren, im Gegenteil; allenfalls machten extreme Nationalisten oder hysterische Christen \u2013 gelegentlich auch Muslime \u2013 ein Problem daraus.<\/p>\n<p>Und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, dass Demagogen, Fanatiker, Hysteriker und Extremisten nur dann einen fruchtbaren Boden f\u00fcr ihre Hasspropaganda finden, wenn die \u201eV\u00f6lker\u201c eben nicht homogen seien, wie etwa in Bosnien-Herzegowina; deshalb m\u00fcsse man \u2013 leider, leider! \u2013 das Ideal der Multikulturalit\u00e4t und Multiethnizit\u00e4t, der Vielfalt und Toleranz, so anziehend es sein m\u00f6chte, als unrealistisch begraben.<\/p>\n<p>Aber abgesehen davon, dass Kossitza und Kubitschek die Vielfalt innerhalb einer Nation oder eines Imperiums gar nicht anziehend finden und nirgends so argumentieren: Es ist auff\u00e4llig, dass der Faschismus und der Nationalsozialismus sich nicht etwa in jenen L\u00e4ndern durchsetzten, denen es an ethnischer Homogenit\u00e4t mangelte, wie in den USA, Gro\u00dfbritannien oder der Schweiz, sondern in relativ abgeschlossenen und ethnisch homogenen L\u00e4ndern wie Deutschland, Italien und Japan. Im Falle Deutschlands musste man eine winzige und \u00fcberdies hervorragend integrierte Gruppe zu \u201eblutsm\u00e4\u00dfig\u201c Fremden erkl\u00e4ren, um die angeblich ausgerechnet durch die 500.00 Juden bedrohte \u201eReinheit des deutschen Blutes und der deutschen Ehre\u201c zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Auch in Bosnien \u2013 wie in ganz Jugoslawien \u2013 waren seit dem Zweiten Weltkrieg Ehen zwischen Serben und Kroaten, \u00a0Muslimen und Christen eher die Regel als die Ausnahme, die \u201eethnische Homogenit\u00e4t\u201c ohnehin gegeben (die Albaner einmal beiseitegelassen) \u2013 bis die serbischen Nationalisten in den Muslimen pl\u00f6tzlich \u201eT\u00fcrken\u201c und in den Kroaten Erzfeinde und Deutschenfreunde entdeckten. Kurzum, die ethnische \u201eDifferenz\u201c ist eine \u201eDiff\u00e9rance\u201c, um das Kunstwort von Jacques Derrida zu verwenden: eine k\u00fcnstliche Zuschreibung, kein naturgegebenes Faktum, schon gar nicht ein Fatum.<\/p>\n<p><strong>Wer sind die Vertreter der \u201eHyperidentit\u00e4t\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Das Argument, die Demokratie (oder, wie andere sagen: der Sozialstaat) funktioniere nur in einem blutsm\u00e4\u00dfig homogenen Staat, ist so absurd, dass Kubitschek selbst nicht lange darauf herumreitet. Kositza weicht auf ein anderes Feld aus: \u201eDas Gef\u00fchl des Verlusts an Kultur war f\u00fcr uns \u00fcberhaupt ein Grund, uns als rechts zu empfinden\u201c, behauptet sie. \u201eMich macht es traurig, wenn Vertrautes, Sprache, Sitte, Feste ihren Charakter verlieren und von sei einer Hyperidentit\u00e4t verdr\u00e4ngt werden.\u201c Nun gut, das geht vielen so: CSUler lieben den Barock, die Bierg\u00e4rten und die Blasmusik, SPDler trauern nostalgisch Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet, Taubenz\u00fcchtervereinen \u2013 und der Blasmusik der zechenkapellen \u2013 hinterher, und so weiter. Das ist gut konservativ gef\u00fchlt, aber, wie das Beispiel SPD zeigt, kein Grund sich \u201eals rechts zu empfinden\u201c und von blutsm\u00e4\u00dfiger Homogenit\u00e4t zu schwafeln.<\/p>\n<p>Denn Konservative wissen auch, dass sich \u201eSprache, Sitte und Feste\u201c wandeln, wie das Landschaftsbild und die Architektur; nicht wegen einer aufgest\u00fclpten \u201eHyperidentit\u00e4t\u201c, \u00fcber die noch zu sprechen sein wird, sondern zum Beispiel wegen der Technik. In meiner bayerischen Verwandtschaft f\u00e4llt es einigen aus meiner Generation schwer, mit mir Hochdeutsch zu reden, und mir also schwer, ihnen zu folgen. Die Enkelkinder sprechen schon untereinander Hochdeutsch, obwohl sie den Dialekt beherrschen. Der Grund f\u00fcr diese Bereicherung ihrer Optionen ist das \u2013 deutsche \u2013 Fernsehen.<\/p>\n<p>Was \u201eSitte\u201c angeht, so mag mancher Reaktion\u00e4r sich zur\u00fccksehnen nach der Zeit, da Frauen ihre \u201eEhre\u201c verloren, wenn sie vor der Ehe mit einem Mann schliefen, aber auch da ist nicht die \u201eHyperidentit\u00e4t\u201c schuld an der Erweiterung ihrer Optionen, sondern die Pille.<\/p>\n<p>Auch Feste \u00e4ndern ihren Charakter, nicht weil eine \u201eHyperidentit\u00e4t\u201c deren urspr\u00fcngliche Bedeutung verdr\u00e4ngt h\u00e4tte, sondern weil die Menschen anders empfinden, anders glauben, anders feiern: Weihnachten war ein paganes Fest, dann wurde es ein christliches, nun ist es wieder ein semi-paganes; dito Ostern. Dass Ramadan und Halloween hinzugekommen sind, ist eine Erweiterung der Feieroptionen und schr\u00e4nkt niemanden in seiner Freiheit ein, Weihnachten entweder als Konsumorgie oder als Fest der Geburt des Gottessohns \u2013 oder beides \u2013 zu feiern.<\/p>\n<p>Die Landschaft \u00e4ndert sich: Fabrikschlote, K\u00fchlt\u00fcrme, \u00dcberlandleitungen, Autobahnen, Windr\u00e4der. Mais verdr\u00e4ngt andere Feldfr\u00fcchte, \u00e4hnlich wie zuvor die Kartoffel. Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs der Wald, bedeckte vorher sandige und warme Fl\u00e4chen und schuf ein v\u00f6llig neues \u00d6kosystem. Die St\u00e4dte des Mittelalters brannten nieder und wurden in Stein wieder aufgebaut. Stadtmauern wurden niedergerissen, Verteidigungsgr\u00e4ben zugef\u00fcllt und zu Parks umgestaltet. Und so weite rund so fort. Au\u00dfer dem Wandel ist nichts best\u00e4ndig, und gerade Symbole des Best\u00e4ndigen \u2013 wie etwa der Wald \u2013 erweisen sich bei n\u00e4herem Hinsehen als Produkte der Moderne.<\/p>\n<p>Auch das kulturelle Argument ist derart absurd, dass Kositza es bald wieder verl\u00e4sst, nicht ohne den Hinweis freilich, dass sich Kubitschek \u201emehrmals in Kamerun\u201c aufgehalten habe, wo er \u201edas Andere als Anderes wahrgenommen\u201c habe, \u201eohne Herablassung oder Geringsch\u00e4tzung\u201c \u2013 ganz anders als andere Touristen, denen \u2013 so Kubitschek \u2013 \u201enur eine konsumierbare Folklore vorgesetzt\u201c wird. Das ist gewiss der Fall; aber kaum besser ist es, \u201edas Andere als Anderes\u201c unkritisch wahrzunehmen, wenn zu diesem Anderen geh\u00f6rt, dass in Kamerun Hexerei und Homosexualit\u00e4t brutal bestraft werden, wenn der Staat autorit\u00e4r regiert wird und korrupt ist und die Geburtenziffer 4,7 Kindern pro Frau betr\u00e4gt, auch deshalb, weil nur 13 Prozent der Frauen und M\u00e4dchen Zugang zur Pille haben. Eine gewisse \u201eGeringsch\u00e4tzung\u201c der Elite dieses zu 70 Prozent christlichen Commonwealth-Landes, die solche Zust\u00e4nde zu verantworten hat, w\u00e4re schon an der Tagesordnung, meine ich.<\/p>\n<p>Aber ich bin ja ein \u201eGlobalist\u201c und damit angeblich Vertreter jener \u201eHyperidentit\u00e4t\u201c, die als \u201eKosmopolitismus\u201c von den Stalinisten und als \u2013 na, Sie wissen schon \u2013 von den Nazis bek\u00e4mpft wurde. (F\u00fcr Kubitschek bin ich gar &#8222;ein vergifteter Brunnen&#8220;. Den &#8222;Brunnenvergifter &#8220; hat er sich gerade noch <a href=\"https:\/\/sezession.de\/57272\/ein-vergifteter-brunnen---alan-posener-zugedacht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verkniffen<\/a>.) Am Schluss des Gespr\u00e4chs mit Thomas Wagner ziehen Kubitschek ihre Trumpfkarte: \u201eEchte Kultur und echtes so-und-nicht-anders-Sein\u201c sei \u201enicht verf\u00fcgbar, nicht konsumierbar\u201c, so Kubitschek nicht \u201emerkantil ausschlachtbar\u201c, so Kositza, widersetze sich dem Drang der \u201eglobalen Wirtschaft\u201c, \u201eeinheitliche Konsumgewohnheiten\u201c herzustellen, um \u201eeinheitlich produzieren\u201c zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Linke und Rechte gegen den humanistischen Universalismus<\/strong><\/p>\n<p>Verz\u00fcckt h\u00f6rt Thomas Wagner zu. Denn, wie er schreibt: \u201eDie Frontstellung gegen einen zumindest partiell als repressiv empfundenen humanistischen Universalismus verbindet einen Ethnopluralismus, der die Andersheit des Anderen betont, mit dem Begriff der Differenz, wie er in den 70er Jahren \u2026 auf Seiten der Linken \u00fcblich wurde.\u201c Darum geht es: Um die \u201eFrontstellung gegen den humanistischen Universalismus\u201c. Um die Verteidigung von Diktatur und Korruption, Homosexuellen- und Hexenverfolgung, Aberglaube und Hass als \u201eDifferenz\u201c. Das in der Tat verbindet Teile der Linken, die zu ihrer ewigen Schande ihren universalistischen Anspruch aufgegeben haben, mit der extremen Rechten.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass diese Linke auch anf\u00e4llig ist f\u00fcr den Antisemitismus, gelten doch die Juden als Erfinde rund Tr\u00e4ger des universalistischen Gedankens. Aber das will ich hier nicht weiter ausf\u00fchren. Wohin freilich diese linke \u201eFrontstellung gegen den humanistischen Universalismus\u201c f\u00fchrt, will ich an einem Beispiel ausf\u00fchren, \u00fcber das ich 2010 in der WELT <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/politik\/article11339196\/Israel-wird-seine-Toleranz-fuer-Schwule-vorgeworfen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">schrieb<\/a>. Jasbir Puar \u2013 \u201eQueer-Theoretikerin\u201c und Professorin f\u00fcr Frauen- und Gender-Studien an der Rutgers-Universit\u00e4t in New Jersey \u2013 hatte auf einer Konferenz in Berlin einen Vortrag angek\u00fcndigt: \u201eBeware Israeli Pinkwashing!\u201c Hintergrund war die Aktion der britischen Gruppe \u201eOutRage\u201c, die f\u00fcr die Rechte sexueller Minderheiten k\u00e4mpft und auf einer Pro-Pal\u00e4stina-Demonstration die Losung verbreitete: \u201eIsrael: Schluss mit der Unterdr\u00fcckung Pal\u00e4stinas! Pal\u00e4stina: Schluss mit der Unterdr\u00fcckung von Queers! Schluss mit Ehrenmorden an Frauen und Schwulenmorden in Pal\u00e4stina!\u201c<\/p>\n<p>Was, so sollte man meinen, gut links und gut universalistisch gedacht ist. Es gibt keine guten und schlechten Unterdr\u00fccker; man muss \u00fcberall auf Seiten der Unterdr\u00fcckten stehen. Das sah (und sieht) Puar anders. Solche Losungen \u201everw\u00e4ssern die Solidarit\u00e4t mit der Sache Pal\u00e4stinas\u201c, schimpfte sie in der Zeitung \u201eThe Guardian\u201c. Der Kampf gegen Israel d\u00fcrfe \u201enicht durch eine derart unterkomplexe Haltung unterminiert werden\u201c. Mit anderen Worten: die Identit\u00e4t als Pal\u00e4stinenser ist in der Hierarchie der Unterdr\u00fcckung wichtiger als die Identit\u00e4t als Schwuler oder als Frau. Pech f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen Schwulen, Lesben, Transgender-Menschen, f\u00fcr die Opfer von Ehrenmorden, sexueller und h\u00e4uslicher Gewalt: Die Ethnie geht vor. Das Blut geht vor. Du bist nichts, dein Volk ist alles. Dahin hat sich die Linke gebracht. Jedenfalls Teile davon.<\/p>\n<p><strong>\u201eI am large. I contain multitudes\u201d (Walt Whitman)<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe Puar zitiert, weil sie ex negativo die entscheidende Frage beleuchtet, die von Identit\u00e4ren und Ethnopluralisten, postkolonialer und \u201eantiimperialistischer\u201c Linke falsch beantwortet wird. N\u00e4mlich worin \u2013 oder woraus \u2013 meine \u201eIdentit\u00e4t\u201c besteht. Gewiss hat die Ethnie (das versch\u00e4mte Wort f\u00fcr \u201eRasse\u201c ihren Platz, die Nation und ebenso die Kultur. Das zu leugnen hie\u00dfe die Realit\u00e4t leugnen. Aber weder Rasse noch Nation noch erst recht Kultur m\u00fcssen die bestimmenden Elemente meiner Identit\u00e4t sein. Die fr\u00fchen Sozialisten hofften, die Proletarier aller L\u00e4nder w\u00fcrden erkennen, dass sie gemeinsame Interessen haben, die sie \u00fcber nationale und kultuzrelle Grenzen hinweg verbinden. Frauen in der ganzen Welt haben gemeinsame Interessen. Schwule und Lesben f\u00fchlen sich in Berlin und Tel Aviv zuhause \u2013 aber auch arabische Schwule und Lesben eben nicht in Ramallah ode Riad. Im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts war die Religion wichtiger als die Nation oder die gemeinsame Sprache und Kultur. Im 14. und 15. Jahrhundert bildeten Gruppen wie die Humanisten \u00fcbernationale Zirkel, verbunden durch die Liebe zu bestimmten Idealen und die lateinische Sprache. Wissenschaftler in der ganzen Welt kooperieren heute. Viele junge Menschen betrachten sich zuerst als Europ\u00e4er, dann erst als Angeh\u00f6rige einer bestimmten Nation. Generationen k\u00f6nnen Identit\u00e4t stiften, man denke an die \u201e68er\u201c und die \u201eMillenials\u201c.<\/p>\n<p>Es ist geradezu widersinnig, in einem Zeitalter, in dem ich mich per Smartphone mit \u2013 sagen wir \u2013 einem Blues-Fan in Israel verbinden kann, der mir das Video einer mexikanischen Musikgruppe empfiehlt, das ich mir sofort auf YouTube ansehe, um es dann meinen deutschen Mitmusikern zu empfehlen, einen \u201eEthnopluralismus\u201c zu predigen, eine abgeschottete \u201eIdentit\u00e4t\u201c, die Vorrang haben soll vor all den anderen Identit\u00e4tsangeboten meiner Welt. Ich bin Engl\u00e4nder, Anglikaner, Atheist, Halbjude, Deutscher, Ehemann, Vater, Gro\u00dfvater, Journalist, Ex-Lehrer, Ex-Kommunist, Kosmopolit, Intellektueller, Musiker, Beatles-Fan, Linker und noch viel mehr, nicht immer in der Reihenfolge. Der von Linken und Rechten verschm\u00e4hte humanistische Universalismus gibt mir die Sicherheit, dabei Teil der Menschheit zu sein, die in ihrer ungeheuren Vielfalt nicht daran denkt, sich wieder pressen zu lassen in rassisch oder religi\u00f6s oder kulturell bestimmte Identit\u00e4tsk\u00e4sten. Gibt man den Universalismus auf, gibt man das Menschsein auf.<\/p>\n<p>Anmerkung: Aufgrund der berechtigten Kritik eines Kommentators (&#8222;Waldg\u00e4nger aus Schwaben&#8220;, siehe unten) habe ich den Artikel an der betreffenden Stelle \u00fcberarbeitet.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left shariff-buttonstretch\" style=\"display:none\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2018%2F01%2F24%2Fdas-elend-der-ethnopluralisten%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#3b5998\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#3b5998\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\" style=\"color:#3b5998\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2018%2F01%2F24%2Fdas-elend-der-ethnopluralisten%2F&text=Das%20Elend%20der%20Ethnopluralisten&via=starkemeinungen\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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