

{"id":7347,"date":"2018-01-04T08:38:52","date_gmt":"2018-01-04T08:38:52","guid":{"rendered":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/?p=7347"},"modified":"2018-01-04T08:38:52","modified_gmt":"2018-01-04T08:38:52","slug":"warum-ich-nicht-mehr-links-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2018\/01\/04\/warum-ich-nicht-mehr-links-bin\/","title":{"rendered":"Warum ich nicht mehr links bin"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>&#8222;Sozialismus ist die Philosophie des Versagens, das Credo der Ignoranz\u00a0 und das Glaubensbekenntnis des Neides.&#8220; <\/em><\/strong>(Winston Churchill)<\/p>\n<p>Das rauer gewordene gesellschaftliche Klima f\u00e4rbt auch auf pers\u00f6nliche Beziehungen ab. Freunde aus der gemeinsamen linken Vergangenheit fangen an, sich von mir zu distanzieren. Sie haben meine Verteidigungsschrift f\u00fcr das Gymnasium \u00a0gelesen <em>(&#8222;Fluch des Erfolgs. Wie das Gymnasium zur Gesamtschule light mutiert&#8220;, 2015)<\/em> und werfen mir vor, f\u00fcr die &#8222;Selektion von Kindern&#8220; einzutreten. Sie haben Essays von mir bei den \u00a0&#8222;Starken Meinungen&#8220;\u00a0 gelesen und klagen mich an, mich von der Willkommenskultur des Herbstes 2015 zu distanzieren und mich dadurch &#8222;mit den Rechten &#8220; gemein zu machen. Wie fr\u00fcher in der \u00a0katholischen Kirche ist man mit \u00a0Stigmatisierungen schnell zur \u00a0Hand, wenn ein &#8222;Ehemaliger&#8220; \u00a0vom rechten Glauben abgefallen ist. Und wie man sieht, verlieren Werte\u00a0 wie Freundschaft, Loyalit\u00e4t und Treue an Bedeutung, wenn ideologische \u00dcberzeugungen im Spiele sind. Es w\u00e4re leicht, den Freunden von einst vorzuwerfen, sie hielten an linken Dogmen fest, die sich vor der Realit\u00e4t l\u00e4ngst blamiert\u00a0 haben\u00a0 und die sie nur noch\u00a0 als Lebensl\u00fcgen mit sich herumtragen. Das w\u00fcrde sie kaum treffen. Man legt ja den w\u00e4rmenden Mantel nicht ab, wenn es kalt um einen herum wird. Also versuche ich es auf anderem Wege. Ich zeichne nach, \u00a0weshalb ich die linken Denkmuster, die mich in den 1970er Jahren gepr\u00e4gt hatten, abgelegt habe. Dass ich mich bei diesem &#8222;Bekenntnis&#8220; \u00a0auf den Bereich der Bildung konzentriere, liegt in der Natur der Sache: Hier habe ich mein Links-Sein verlernt.<!--more--><strong>Ideologie trifft auf Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Alle linken Radikalismen zerbr\u00f6seln, wenn sie mit der Realit\u00e4t in Kontakt kommen. Vielleicht ist der Satz von Joachim Fest <em>&#8222;Die Wirklichkeit ist immer rechts&#8220;<\/em> \u00a0ein\u00a0 Naturgesetz. Ich erlebte \u00a0einen richtigen Kulturschock, als ich 1975 aus dem maoistischen Studentenmilieu an ein gutb\u00fcrgerliches Gymnasium kam, um mein Referendariat \u00a0zu absolvieren. Keine der linken Theorien, denen ich mich f\u00fcnf Jahre lang mit Inbrunst gewidmet hatte, spielte in der Praxis als Lehrer auch nur die geringste Rolle. Noch krasser war die Begegnung mit der Realit\u00e4t, als ich dann an einer Gesamtschule im M\u00e4rkischen Viertel die Kinder der Arbeiterklasse\u00a0 unterrichtete. Das erste, was ich in den Klassen herstellen musste, war Disziplin, um \u00fcberhaupt unterrichten zu k\u00f6nnen. Wie sollte ich diesen Sch\u00fclern, die jegliches zivilisierte Verhalten vermissen lie\u00dfen, \u00a0\u00a0Selbstbewusstsein vermitteln, die Grundlage \u00a0jeder Selbsterm\u00e4chtigung?\u00a0 Die Kollegen von der GEW, die damals stramm links ausgerichtet war, waren mir keine Hilfe. Sie unterliefen die m\u00fchsame Erziehungsarbeit immer wieder mit S\u00e4tzen wie: &#8222;Du darfst die Sch\u00fcler nicht\u00a0 bestrafen. An ihrem Verhalten ist doch das System schuld!&#8220; oder &#8222;Denkst\u00a0 du eigentlich daran, was f\u00fcr eine schwierige Kindheit der Junge hat?&#8220; &#8211; Mir wurde klar, dass ich mit meiner Haltung, auf die Selbstverantwortung der Sch\u00fcler zu setzen, weil nur sie zu einer starken Pers\u00f6nlichkeit f\u00fchren kann, alleine fertig werden musste.<\/p>\n<p><strong>Das Dogma der Gleichheit<\/strong><\/p>\n<p>Im Bereich \u00a0der P\u00e4dagogik \u00a0kann man am deutlichsten\u00a0 erkennen, wie das zentrale Paradigma der Linken, die Gleichheit, versagt. Ihnen geht es nicht nur um die\u00a0 Gleichheit \u00a0vor dem Gesetz, sondern um \u00a0die Gleichheit der Begabungen. Sie wurde gegen jeglichen Augenschein unverdrossen postuliert. Wenn Sch\u00fcler versagten, war die &#8222;selektive Schule&#8220; schuld oder die falsche Unterrichtsmethode (Frontalunterricht) oder der zu wenig einf\u00fchlsame Kollege. Es ist schon bemerkenswert, dass diejenigen, die in der Gesellschaft f\u00fcr \u00a0Vielfalt eintreten, Unterschiede\u00a0 gerade dort leugnen, wo sie unabweisbar sind: bei den Individuen selbst.\u00a0 Die Verfechter der Gleichheit \u00a0k\u00f6nnen nicht akzeptieren, dass ein Gut wie Begabung und Intelligenz nicht gerecht \u00a0\u00a0verteilt ist, wenn offensichtlich ein Teil der Kinder\u00a0 \u00a0von diesem \u201eRohstoff\u201c mehr\u00a0 abbekommen hat als der andere. Aber ist der Rohstoff\u00a0 Intelligenz \u2013 die Voraussetzung f\u00fcr Bildung \u2013 beliebig vermehrbar? Ist es nicht so, dass es sich auch\u00a0 bei dieser Gabe des Menschen so verh\u00e4lt wie bei allen anderen uns von der Natur verliehenen\u00a0 Eigenschaften: Sie sind ungleich\u00a0 verteilt. In den K\u00fcnsten und im Sport geht jeder Mensch davon aus, dass \u00a0Talent\u00a0 auf\u00a0 Veranlagung zur\u00fcckgeht. Bei der Intelligenz ist diese Annahme verp\u00f6nt, weil es als besch\u00e4mender empfunden wird, weniger intelligent als unsportlich zu sein.<\/p>\n<p>Die\u00a0 Begr\u00fcnder der Menschenrechte im Jahrhundert der Aufkl\u00e4rung, die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re, wussten, weshalb sie \u201enur\u201c die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz und hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Status fordern, nicht aber die Gleichheit der Lebensbedingungen. Sie wussten, dass dies schlechterdings in einer freien Gesellschaft nicht verwirklichbar w\u00e4re, weil sich die Menschen aufgrund unterschiedlicher pers\u00f6nlicher Voraussetzungen (Begabung, Flei\u00df, Ehrgeiz) unterschiedlich entwickeln und sich dadurch ungleiche Lebensbedingungen herausbilden. Den radikalen \u00a0Sansculotten \u00a0und der &#8222;Verschw\u00f6rung der Gleichen&#8220; von Fran\u00e7ois No\u00ebl <em>Babeuf<\/em> blieb es vorbehalten, auch hier die Schere der Gleichheit anzusetzen und die Gleichheit der Lebensbedingungen zu erzwingen, letztlich mit Hilfe der\u00a0 Guillotine. Alle Zwangssysteme, die der Kommunismus geschaffen hat, haben hier ihre Ursache: Die in der freien Gesellschaft entstandenen Unterschiede sollen eingeebnet werden &#8211; notfalls mit Gewalt.<\/p>\n<p><strong>Gene und Begabung <\/strong><\/p>\n<p>Dem egalit\u00e4ren \u00a0Schulkonzept liegt ein Verst\u00e4ndnis von Bildung zugrunde, das unterstellt, dass alle Kinder im Grunde gleich begabt sind, dass die kognitiven F\u00e4higkeiten bei einigen Kindern nur versch\u00fcttet sind, vornehmlich infolge ung\u00fcnstiger h\u00e4uslicher Bedingungen. Diese Denkschule ignoriert hartn\u00e4ckig alle Studien aus der Verhaltenspsychologie, die nachweisen, dass Intelligenz zu einem hohen Grad\u00a0 durch die Gene bestimmt wird, die ein Neugeborenes von den Eltern erbt. Und sie ignoriert den Augenschein, der sich jeder Lehrkraft, die eine Klasse mit 30 Sch\u00fclern unterrichtet, unmittelbar aufdr\u00e4ngt. Der\u00a0 bekannte Genomforscher Axel Meyer fasst in seinem Buch <em>&#8222;Adams Apfel und Evas Erbe&#8220; <\/em>(2015) die Ergebnisse der internationalen Intelligenzforschung zusammen. Demnach\u00a0 betr\u00e4gt\u00a0 der genetische Einfluss auf Intelligenz in einer Population je nach Messmethode\u00a0 50 bis 80 Prozent. Meyer betont, dass dieses Ergebnis noch gen\u00fcgend Raum lasse f\u00fcr positive Umweltfaktoren. Diese erlaubten es nicht nur, das genetisch festgelegte Potential voll auszusch\u00f6pfen, sondern auch den vorhandenen Intelligenzquotienten zu erh\u00f6hen. So haben Messungen ergeben, dass f\u00f6rderliche Umweltbedingungen, wie z.B. ein anregendes Lernumfeld in Familie, Kindergarten und Schule, den IQ eines Kindes\u00a0 um f\u00fcnf Punkte pro Jahr verbessern kann. Dieser Effekt nimmt w\u00e4hrend der Schulzeit kontinuierlich ab, bis er\u00a0 dann w\u00e4hrend des Studiums verebbt. Dieses Ergebnis ist das beste Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine f\u00f6rderliche fr\u00fchkindliche Lernumgebung.<\/p>\n<p>Der britische Intelligenzforscher Robert Plomin hat in einem Test mit 11.000 ein- und zweieiigen Zwillingen herausgefunden, dass ca. 60% der Intelligenz auf\u00a0 genetische Veranlagung zur\u00fcckgehen. Unter\u00a0 Intelligenz versteht Plomin das abstrakte Denkverm\u00f6gen, das Ged\u00e4chtnis, die r\u00e4umliche Vorstellungskraft und verbale F\u00e4higkeiten. Die restlichen 40% verdanken sich Umweltfaktoren, zu denen die h\u00e4usliche Situation, das\u00a0 Wohnumfeld\u00a0 und die soziale Zugeh\u00f6rigkeit z\u00e4hlen. Plomin wollte bei seinen Tests vor allem herausfinden, warum einige Kinder in der Schule viel und auch schnell\u00a0 lernen, w\u00e4hrend andere langsam lernen und schlie\u00dflich ganz\u00a0 abgeh\u00e4ngt werden. \u00a0F\u00fcr die Entwicklung kompensatorischer Unterrichtskonzepte ist es wichtig zu erfahren, ob \u00a0F\u00f6rdermethoden\u00a0 auch einen effektiven Nutzen zeitigen. Plomins \u00a0Befunde sind ern\u00fcchternd. Die Kluft zwischen einem guten und einem schlechten Sch\u00fcler l\u00e4sst sich nur zu 10%\u00a0 durch den Unterricht\u00a0 schlie\u00dfen. \u00a0Der Grund liegt auf der Hand: Die durch ihre\u00a0 Anlagen \u00a0bevorzugten, leistungsstarken Sch\u00fcler profitieren von jedem Unterricht &#8211; auch von einem schlechten &#8211; sehr viel mehr als die schwachen Sch\u00fcler, denen das Lernen und Begreifen ohnehin schwer f\u00e4llt. Letztere geben, wenn sie sich st\u00e4ndig \u00fcberfordert f\u00fchlen, schlie\u00dflich auf, \u00a0resignieren und bleiben der Schule fern. Dass in Deutschland pro Jahr ca. 50.000 Sch\u00fcler die Schule ohne Abschluss verlassen, hat auch darin \u00a0seine \u00a0Ursache.<\/p>\n<p><strong>Schulformen auf dem Pr\u00fcfstand<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man diese Evidenz leugnet, begibt man sich auf das Feld ideologischer Setzungen. Egalit\u00e4re Unterrichtskonzepte wollen die Sch\u00fcler nicht mehr nach ihrem Leistungsverm\u00f6gen unterscheiden, sondern \u00a0ungeachtet ihrer intellektuellen Gaben gemeinsam unterrichten. Der amerikanische Psychologe Paul F. Brandwein h\u00e4lt dies f\u00fcr einen p\u00e4dagogischen S\u00fcndenfall: \u00a0<em>\u201eEs gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen.\u201c<\/em> &#8211; Ich stie\u00df \u00a0bei meinen Vortr\u00e4gen an Schulen \u00a0auf gro\u00dfe Vorbehalte, als ich der F\u00f6rderung hochbegabter Sch\u00fcler das Wort redete. Es war den egalit\u00e4r gestimmten Kollegen nur schwer zu vermitteln, dass es \u00a0ein Gebot der Menschlichkeit ist, auch Kindern mit herausragenden Gaben das &#8222;n\u00f6tige Wissensfutter&#8220; zu geben. \u00a0F\u00f6rderma\u00dfnahmen f\u00fcr schwache Sch\u00fcler gibt es an jeder Schule. Was ist aber mit den \u00fcberragenden Lernern? Es ist merkw\u00fcrdig, dass hier das Konzept \u00a0gleicher Wertsch\u00e4tzung \u00a0\u00a0an seine Grenzen st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Bei allen Bildungsstudien, in denen Schulformen verglichen werden, schneiden die Sch\u00fcler an egalit\u00e4r organisierten Schulen schlechter ab als an gegliederten. Besonders problematisch sind die Leistungen an der j\u00fcngsten Schulform: der Gemeinschaftsschule. Baden-W\u00fcrttemberg st\u00fcrzte beim Leistungstest des IQB (2017) innerhalb von f\u00fcnf Jahren von einem Spitzenplatz unter den Bundesl\u00e4ndern ins untere Mittelfeld ab, weil sich die Gemeinschaftsschule mit ihren Selbstlernmethoden \u00a0als besonders leistungsschwach erwiesen hatte. Eine Ironie linker Bildungsgeschichte liegt in dem Umstand, dass die Gesamtschule, die von SPD und Gr\u00fcnen wegen ihrer Leistungsdifferenzierung\u00a0 inzwischen als selektive Schulform (!) eingestuft wird, bessere Ergebnisse aufweist als die neue Erfindung Gemeinschaftsschule. Linken Bildungsplanern w\u00e4re es \u00a0ohnehin am liebsten, wenn Leistungsvergleiche zwischen den Schulformen ganz unterblieben.\u00a0 Schon 1999 hatte die &#8222;Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Bildung&#8220; in der SPD gefordert, auf einen innerdeutschen PISA-Vergleich zu verzichten: <em>&#8222;Es ist ohne Test vorherzusagen, dass L\u00e4nder mit selektiven Schulsystemen, die den Schulstrukturreformen der letzten 30 Jahre widerstanden haben, bessere Sch\u00fclerleistungen in allen Schulformen haben werden.&#8220;<\/em> &#8211; Schlechte \u00a0Sch\u00fclerleistungen nimmt man offensichtlich\u00a0 in Kauf, wenn man nur \u00a0die Gewissheit hat, die Sch\u00fcler \u00a0\u00a0&#8222;sozial gerecht&#8220; &#8211; also ohne &#8222;Selektion&#8220; &#8211; unterrichtet zu haben. Sozialpolitik ersetzt P\u00e4dagogik.<\/p>\n<p><strong>Vom Wert des Individuums<\/strong><\/p>\n<p>Dem p\u00e4dagogischen Konzept der Linken liegt eine Philosophie der Gleichheit \u00a0zugrunde, die eine soziale Klasse oder Schicht, manchmal sogar die ganze Gattung Mensch \u00fcber den einzelnen Menschen stellt: <em>&#8222;Im Mittelpunkt steht der Mensch, nicht der Einzelne.&#8220;<\/em> (Reiner Kunze) &#8211; Der Philosoph Niklas Luhmann (1927-1989) verteidigt die Eigenmacht des Individuums gegen alle kollektivistischen Denkmodelle und Politikans\u00e4tze. F\u00fcr ihn besteht die Paradoxie darin, dass die abstrakte Gleichheit aller Menschen gerade darin besteht, dass sie sich als einzelne Individuen\u00a0 voneinander \u00a0unterscheiden. Jeder Mensch hat seine Individualit\u00e4t: <em>\u201dSelbst Kleinkinder und Bettler, selbst Zelebrit\u00e4ten des Showgesch\u00e4fts, selbst R\u00e4uber,<\/em> <em>selbst Betrunkene, selbst Diener. Wenn man gegen alle Evidenz alle Individuen als gleich behauptet, muss man angeben k\u00f6nnen, in welcher Hinsicht sie gleich sind.&#8220; <\/em>(Luhmann, 1997)<em> &#8211; <\/em>Die Verfechter der Gleichheit sind um solche Gr\u00fcnde nicht verlegen. F\u00fcr Marxisten ist es das gemeinsame Klasseninteresse, f\u00fcr \u00a0Gr\u00fcne die kollektive \u00a0Bedrohung durch die Erderw\u00e4rmung oder die Vergiftung der Welt. Die Gleichheit zwingt die Menschen ins kollektive Ma\u00df. Nur so sei Gerechtigkeit m\u00f6glich. Mit dieser Gleichsetzung kann man all diejenigen, die auf die Unterschiedlichkeit der Menschen pochen, ins Unrecht setzen, weil Gerechtigkeit der positiv besetzte Begriff schlechthin ist. Solche Zweifler gelten \u00a0als moralisch fragw\u00fcrdig, ethisch defizit\u00e4r. Im linken Mainstream geh\u00f6rt Mut dazu, das liberale Gesellschaftsmodell zu verteidigen, das vom Individuum ausgeht, das &#8222;seines eigenen\u00a0 Gl\u00fcckes Schmied&#8220; ist. Kluge Denker hat man freilich auf seiner Seite: <em>\u201e<\/em><a href=\"https:\/\/gutezitate.com\/zitat\/162621\"><em>Das gro\u00dfe, sch\u00f6pferische<\/em><em> Individuum <\/em><em>ist zu mehr Weisheit und Tugend f\u00e4hig, als es der kollektive Mensch je sein kann.<\/em><\/a><em>\u201c <\/em>(<a href=\"https:\/\/gutezitate.com\/autor\/john-stuart-mill\">John Stuart Mill<\/a>, 1806-1873)<\/p>\n<p><strong>Politisch korrekte P\u00e4dagogik<\/strong><\/p>\n<p>Ein problematisches Kapitel ist die politische\u00a0 Korrektheit, die zum Markenkern linker Politik geworden ist. Mit dem aus den USA stammenden Begriff\u00a0 war urspr\u00fcnglich gemeint, man solle im \u00f6ffentlichen Diskurs Ausdr\u00fccke vermeiden, die Menschen, die einer sozialen oder ethnischen Minderheit angeh\u00f6ren, kr\u00e4nken oder beleidigen k\u00f6nnten. Dagegen ist nichts einzuwenden, da der Schutz der Grundrechte\u00a0 f\u00fcr\u00a0 a l l e\u00a0\u00a0 Menschen gilt <em>(&#8222;Die W\u00fcrde des\u00a0 M e n s c h e n\u00a0 ist unantastbar.&#8220;<\/em>). Sinnvoll ist es auch, sprachliche Grenzen gegen Hass und Verleumdung\u00a0 zu ziehen, um das zivilisierte Miteinander einzufordern. Was in\u00a0 fr\u00fcheren Zeiten noch Anstand und Taktgef\u00fchl bewirkten, muss heute offensichtlich durch politisch definierte Sprachregelungen geleistet werden. Dabei schie\u00dfen unsere Verfechter der PC st\u00e4ndig \u00fcber das Ziel hinaus, indem sie\u00a0\u00a0 die &#8222;richtigen&#8220; politische Anschauungen durch moralische Zuschreibungen zu erzwingen versuchen. Damit wird der politische Meinungskampf zu einer Auseinandersetzung \u00fcber die richtige Moral,\u00a0 wobei es \u00a0Linken nicht schwer f\u00e4llt, sich auf das h\u00f6here ethische Podest zu stellen. Es ist auch nicht zu \u00fcbersehen, dass die \u00fcberspitzte politische Korrektheit\u00a0 dazu f\u00fchren kann, das \u00a0Grundrecht der Meinungsfreiheit zu\u00a0 besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>In der P\u00e4dagogik ist die politische Korrektheit reichlich absurd. Ein st\u00f6render Sch\u00fcler soll\u00a0 nicht mehr\u00a0 &#8222;verhaltensauff\u00e4llig&#8220; genannt werden, weil ihn dieses Wort\u00a0 stigmatisiert. Glaubt man allen Ernstes, man schaffte\u00a0 mit euphemistischen Verschleierungsvokabeln wie &#8222;verhaltenskreativ&#8220; den Sachverhalt\u00a0\u00a0 aus der Welt, dass\u00a0 Sch\u00fcler durch ihr Verhalten den Unterricht\u00a0 st\u00f6ren und \u00a0ihre Mitsch\u00fcler am Lernen hindern? V\u00f6llig konfus ist inzwischen die den Schulen von oben\u00a0 verordnete Sprachregelung. Die Gattungsbezeichnung Sch\u00fcler gilt den Sprachw\u00e4chterinnen als maskulin, was nur jemand annehmen kann, der das grammatische Geschlecht (generisches Maskulinum) mit dem biologischen Geschlecht verwechselt. Deshalb hei\u00dft es heute &#8222;Sch\u00fcler*innen&#8220; oder &#8222;Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen&#8220; oder knapp\u00a0 &#8222;SuS&#8220; (im Lateinischen \u00fcbrigens\u00a0 &#8222;Schwein&#8220;). Vor dieser\u00a0 Sprachreinigung w\u00e4re niemand auf die Idee gekommen, die Durchsage des Direktors &#8222;Wegen des Feueralarms werden alle Sch\u00fcler gebeten, sich sofort auf den Schulhof zu begeben&#8220; gelte\u00a0 nur f\u00fcr Jungen. Kein M\u00e4dchen h\u00e4tte sich der Idee unserer Feministinnen angeschlossen, es\u00a0 sei nicht gemeint und deshalb dem Feuertod anheimgegeben.<\/p>\n<p>Politische Korrektheit hindert P\u00e4dagogen mitunter das zu tun, was die Menschlichkeit gebietet. So geschehen im Fr\u00fchjahr 2017\u00a0 an der Gemeinschaftschule Berlin-Friedenau. Dort hatten muslimische Jungen einen j\u00fcdischen Mitsch\u00fcler gemobbt, drangsaliert und schlie\u00dflich geschlagen. Seine Eltern waren verzweifelt, weil die Schulleitung nicht willens war, ihren Sohn zu sch\u00fctzen, obwohl sie die rechtliche Handhabe daf\u00fcr gehabt h\u00e4tte. Das Schulrecht sieht f\u00fcr solche \u00dcbergriffe n\u00e4mlich\u00a0 die sofortige Suspendierung der T\u00e4ter vom Unterricht vor. Die Elternvertretung zeigte sich in einem offenen Brief besorgt: nicht etwa \u00fcber die \u00a0antisemitischen Aggressionen muslimischer Sch\u00fcler, sondern weil der Ruf der Schule durch die \u00f6ffentliche Debatte (sic)\u00a0 Schaden genommen habe. Das Motiv der Eltern ist leicht zu durchschauen. Sie wollten verhindern, dass die Kritik an den muslimischen Sch\u00fclern &#8222;von rechts&#8220; missbraucht werden kann, um Islamfeindlichkeit zu sch\u00fcren.\u00a0 Antisemitismus nimmt man offensichtlich in Kauf, um vermeintliche Islamophobie zu verhindern. Man k\u00f6nnte es auch T\u00e4terschutz nennen. \u00a0Diese Schule besitzt \u00fcbrigens\u00a0 das Zertifikat &#8222;Schule ohne Rassismus&#8220;.<\/p>\n<p>Dem Leser \u00a0wird nicht entgangen sein, dass \u00a0linke Politik allzu h\u00e4ufig schlicht mit dem gesunden Menschenverstand kollidiert.\u00a0 Immanuel Kant war der Meinung, dass ein solcher <em>&#8222;sensus communis&#8220;<\/em> f\u00fcr die Menschen ein guter Verhaltenskompass sei, weil er\u00a0 uns ein untr\u00fcgliches Gef\u00fchl\u00a0 f\u00fcr\u00a0 &#8222;<em>Wahrheit, Schicklichkeit, Sch\u00f6nheit oder Gerechtigkeit&#8220; <\/em>vermittelt. Vielleicht sollten wir diesen Alltagsverstand viel h\u00e4ufiger gegen Ideologien jeglicher Art zur Geltung bringen.<\/p>\n<p><strong>Hinweise:<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren sind einige B\u00fccher erschienen, in denen die Autoren ihr\u00a0 Coming-out als Konservative verk\u00fcndeten:<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong><em>Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus\u00a0 Versehen konservativ wurde. <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Manfred Kleine-Hartlage: Warum ich kein Linker mehr bin.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ulrich Greiner: Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auch den Roman <strong><em>&#8222;Das bleiche Herz der Revolution&#8220;<\/em><\/strong> von Sophie Dannenberg kann man zu\u00a0 diesen Bekenntnisschriften z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Auch Essays in\u00a0 Zeitschriften gibt es zu diesem Thema:<\/p>\n<p><strong><em>Verena Friederike Hasel: Ich bin nicht mehr links (DIE ZEIT, <\/em><\/strong><strong><em>25. April 2017)<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wer seine Kenntnisse \u00fcber die genetischen Grundlagen unseres Lebens vertiefen m\u00f6chte, dem sei das spannende Buch: <strong><em>&#8222;Adams Apfel\u00a0 und Evas Erbe&#8220; \/ &#8222;Wie die Gene unser Leben bestimmen&#8230;&#8220;<\/em><\/strong> von Axel Meyer empfohlen.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left shariff-buttonstretch\" style=\"display:none\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2018%2F01%2F04%2Fwarum-ich-nicht-mehr-links-bin%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#3b5998\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#3b5998\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\" style=\"color:#3b5998\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2018%2F01%2F04%2Fwarum-ich-nicht-mehr-links-bin%2F&text=Warum%20ich%20nicht%20mehr%20links%20bin&via=starkemeinungen\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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