

{"id":4941,"date":"2015-09-04T05:07:31","date_gmt":"2015-09-04T05:07:31","guid":{"rendered":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/?p=4941"},"modified":"2015-09-04T05:07:31","modified_gmt":"2015-09-04T05:07:31","slug":"deutschlands-hauptstadt-unter-wert-regiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2015\/09\/04\/deutschlands-hauptstadt-unter-wert-regiert\/","title":{"rendered":"Deutschlands Hauptstadt: unter Wert regiert"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li><strong> Teil <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Erinnert sich noch jemand an Klaus Wowereit? Seit seinem unr\u00fchmlichen Abgang als Regierender B\u00fcrgermeister Ende 2014 ist er in der Versenkung verschwunden. Kein Berliner weint ihm eine Tr\u00e4ne nach, auch die notorischen Partyg\u00e4nger, die in Wowereit einen Gleichgesinnten sahen, sind zur Tagesordnung \u00fcbergegangen. Heute wei\u00df man, was hinter seinen kessen Spr\u00fcchen und seinem lockeren Auftreten stand: eine bestenfalls mittelm\u00e4\u00dfige Regierungsf\u00fchrung. Mehr Schein als Sein. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Nach Glitzer und Glamour &#8211; endlich Mittelma\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Im SPD-internen Ausscheidungswettstreit um die Nachfolge machte der sachlichste der drei Bewerber das Rennen: der fr\u00fchere Senator f\u00fcr Stadtentwicklung Michael M\u00fcller. Den Glamour-Effekt wollten die SPD-Mitglieder augenscheinlich von der Spitze der Hauptstadtpolitik verbannen. Von M\u00fcller (Nomen est omen) erhoffte man sich eine R\u00fcckkehr zu seri\u00f6ser Politik, das Anpacken auch schwieriger Politikfelder. Die ersten 100 Tage in M\u00fcllers Regentschaft waren freilich alles andere als berauschend. Er schickte sich an, die fatale Symbolpolitik von Klaus Wowereit unreflektiert fortzusetzen. So posierte er bei der Er\u00f6ffnung des Christopher-Street-Umzuges vor den Kameras und lieferte dem Koalitionspartner CDU eine publikumswirksame Fehde, weil dieser es wagte, in der Frage der Homo-Ehe anderer Meinung zu sein als die SPD. Berlin steht vor dem Fl\u00fcchtlingsnotstand und der &#8222;Regierende&#8220; k\u00e4mpft f\u00fcr die Homo-Ehe!<\/p>\n<p>Das Schlimme ist, dass M\u00fcller durch solche Scharm\u00fctzel die Kraft und Zeit vergeudet, die er f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der echten Probleme der Hauptstadt gut gebrauchen k\u00f6nnte. Und diese gibt es zuhauf.<\/p>\n<p><strong>Ewige Baustelle BER<\/strong><\/p>\n<p>Beim Flughafen BER hat Wowereit im w\u00f6rtlichen Sinne eine Baustelle hinterlassen. Nach dem j\u00fcngsten Konkurs der Technikfirma Imtech, die auch f\u00fcr die heikle Entrauchungsanlage zust\u00e4ndig ist, droht erneut eine Verschiebung des Er\u00f6ffnungstermins. Die Hauptstadtpresse munkelt, es sei ein Konkurs mit Ansage gewesen. Denn Ende 2012 brauchte die Firma schon einen millionenschweren Vorschuss, um \u00fcberhaupt die Arbeiten im Sanit\u00e4r- und L\u00fcftungsbereich aufnehmen zu k\u00f6nnen. Hat damals keiner aus Vorstand und Aufsichtsrat einen Blick in die B\u00fccher dieser Firma geworfen? Mitte August wurde in der Presse \u00fcber einen neuen Korruptionsskandal berichtet, in den so namhafte Firmen wie Siemens, Bosch und T-Systems verstrickt sein sollen. Den Firmen waren verd\u00e4chtig hohe Nachforderungen bewilligt worden, so dass der Verdacht entstanden ist, sie k\u00f6nnten den zust\u00e4ndigen Mitarbeitern der Flughafengesellschaft f\u00fcr die Bewilligung der Zahlung &#8222;gef\u00e4llig&#8220; gewesen sein. Wie steht es um die Korruptionskontrolle, die beim BER-Projekt angeblich l\u00fcckenlos sein soll?<\/p>\n<p>Seit Anfang Juli 2015 ist Michael M\u00fcller Vorsitzender des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft des BER. Es ist kaum zu erwarten, dass er bei den technischen Pannen und den unsauberen Abrechnungen genauer hinschaut als sein Vorg\u00e4nger Klaus Wowereit, unter dessen &#8222;Aufsicht&#8220; alle Baum\u00e4ngel, Korruptionsskandale und Bauverz\u00f6gerungen vonstattengingen. Der Rechnungshof von Brandenburg bezweifelte deshalb in einer \u00f6ffentlichen Stellungnahme, ob Spitzenpolitiker angesichts ihrer notorischen \u00dcberlastung ihre Aufsichtspflicht \u00fcberhaupt seri\u00f6s aus\u00fcben k\u00f6nnen. Man darf gespannt sein.<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlinge &#8211; wohin damit?<\/strong><\/p>\n<p>Das Berlin \u00fcberdurchschnittlich viele Fl\u00fcchtlinge anzieht, d\u00fcrfte auch dem Senat nicht verborgen geblieben sein. Da hier schon viele Syrier, Iraker, Iraner und Afghanen leben, streben ihre Verwandten hierher, weil sie sich durch die famili\u00e4ren Bindungen Vorteile versprechen. Aber auch Fl\u00fcchtlinge ohne Verwandte str\u00f6men in Massen nach Berlin. F\u00fcr das laufende Jahr wird mit 35000 Menschen gerechnet. Wer als Fl\u00fcchtling nach Berlin kommt, lernt die tr\u00e4ge Berliner Verwaltung aus erster Hand kennen. Erstes Gebot: Warten! Die Schlangen vor der Erstaufnahmestelle, die das &#8222;Landesamt f\u00fcr Gesundheit und Soziales&#8220; (LAGESO) in Moabit betreibt, sind gigantisch. 2000 Menschen kampieren bei praller Sonne oder Regen im Freien und warten auf Einlass. Anfangs gab es kein Essen und Trinken, keine Toiletten. Wenn nicht ehrenamtliche Helfer der Initiative &#8222;Moabit hilft&#8220; zur Stelle gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tte es angesichts der Hitze bei den in Berlin Gestrandeten schwere gesundheitliche Sch\u00e4den geben k\u00f6nnen. Ein Vertreter der Caritas verglich im Fernsehen, die Zust\u00e4nde in Moabit mit einem Fl\u00fcchtlingslager im Libanon. Wo ist der Senat abgeblieben? Wochenlang war vom Regierenden B\u00fcrgermeister nichts in der Sache zu h\u00f6ren. Erst am 10. 08. 2015 verk\u00fcndete er, dass ein &#8222;Koordinierungsstab&#8220; gegr\u00fcndet werden solle, der m\u00f6gliche Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge ausfindig machen und die privaten Hilfsangebote mit der staatlichen Versorgung koordinieren solle. Wenn in einem Bezirk eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft er\u00f6ffnet wird, dauert es einen Tag, bis ehrenamtliche Helfer zur Stelle sind. Der Senat gr\u00fcndet einen Stab, der zuerst einmal &#8222;untersuchen&#8220; muss. Wie lautet das Motto der Hilflosen? &#8211; &#8222;Wenn du nicht mehr weiter wei\u00dft, gr\u00fcnde einen Arbeitskreis.&#8220;<\/p>\n<p>Als dann die Bilder vom Budapester Bahnhof Keleti \u00fcber die Bildschirme flimmerten (&#8222;Germany! Germany!&#8220;), kam M\u00fcller doch noch in die G\u00e4nge. Zusammen mit Innensenator Henkel und Gesundheitssenator Caja (beide CDU) trat er am 2. 9. 2015 vor die Presse und gab Ungew\u00f6hnliches bekannt. Berlin beschlagnahmt ein leer stehendes B\u00fcrogeb\u00e4ude (die ehemalige Zentrale der Sparkasse), um dort eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge zu schaffen. Mit ernster Miene verk\u00fcndete der Regierende B\u00fcrgermeister, ab jetzt gebe es &#8222;keine Denkverbote mehr&#8220;. Interessant w\u00e4re es zu wissen, wer die bisher geltenden Denkverbote verf\u00fcgt hat.<\/p>\n<p><strong>Spa\u00dfbad oder historische Mitte?<\/strong><\/p>\n<p>Berlin ist eine Stadt im Umbruch. Schade nur, dass dabei hinsichtlich Stadtplanung und Architektur \u00fcberwiegend Mittelm\u00e4\u00dfiges entsteht. Als der legend\u00e4re Hans Stimmann noch das Amt des Senatsbaudirektors bekleidete (1999-2006), brachte er das &#8222;Planwerk Innenstadt&#8220; auf den Weg und setzte sich entschieden f\u00fcr ein St\u00e4dtebaukonzept der kritischen Rekonstruktion ein, die sich am historischen Stadtgrundriss und an der Bautypologie der untergegangenen Stadt orientierte. Von dieser planerischen Stringenz ist die heutige Stadtplanung weit entfernt. An den gerade im Entstehen begriffenen Stadtquartieren kann man die Konzeptlosigkeit ablesen. Die Neubauten rund um den Hauptbahnhof und im Humboldt-Hafen sind langweilig, uniform und ohne architektonischen Reiz. Das Kulturforum d\u00e4mmert immer noch als h\u00e4ssliche Ein\u00f6de vor sich hin. Man muss es sich vorstellen: Zwischen der weltber\u00fchmten Philharmonie (Hans Scharoun), der Neuen Nationalgalerie (Mies van der Rohe), der Gem\u00e4ldegalerie (Hilmer &amp; Sattler, Albrecht) und der Matth\u00e4uskirche trifft der Besucher auf Parkpl\u00e4tze, eine \u00dcbungsrampe f\u00fcr Skateboarder und eine versteppte Wiese. Berlin kennt keinen Platz mit weniger Aufenthaltsqualit\u00e4t. Der Architekt Stefan Braunfels hat vor kurzem einen Entwurf pr\u00e4sentiert, wie man die wertvollen Solit\u00e4rgeb\u00e4ude in eine harmonisches Ganzes integrieren k\u00f6nnte. Engagierte \u00f6ffentliche Debatte? Dezidierte Meinungs\u00e4u\u00dferung des Senats? Leider Fehlanzeige.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Areal zwischen Fernsehturm, Rotem Rathaus und Marienkirche existiert auch kein Senatskonzept. Stattdessen hat die Senatsbauverwaltung eine Online-Befragung unter dem Titel &#8222;Alte Mitte &#8211; neue Liebe?&#8220; ins Leben gerufen, um Volkes Stimme einzusammeln. Wer das Ergebnis der Volksbefragung zur Bebauung des Tempelhofer Feldes noch im Ged\u00e4chtnis hat, muss mit dem Schlimmsten rechnen. In der Berliner Abendschau, dem Heimatsender der Berliner, wurden die ersten Ergebnisse der Befragung schon vorgestellt. Was w\u00fcnscht sich der Berliner f\u00fcr seine alte Mitte: &#8222;ein Spa\u00dfbad&#8220;, &#8222;B\u00e4ume und B\u00e4nke&#8220; oder &#8222;Alles so lassen&#8220; (&#8222;Is doch O.K., so wie es is, wa?&#8220;). Von einer Wohnbebauung auf den Parzellen und dem Stadtgrundriss der Vorkriegszeit ist nirgendwo die Rede.<\/p>\n<p>Frankfurt\/M. macht gerade vor, wie es auch anders gehen k\u00f6nnte. Dort wird die historische Altstadt auf dem R\u00f6mer rund um den Dom in den alten Grundrissen im alt-neuen Gewandte <a href=\"http:\/\/www.domroemer.de\/\">wiederentstehen<\/a>. Dort hatten Experten das Sagen, in Berlin erledigt das Volkes Stimme. Der Regierende B\u00fcrgermeister war bis vor kurzem Senator f\u00fcr Stadtentwicklung. Es ist nicht bekannt, ob er zur historischen Mitte Berlins eine eigene Meinung hat. Mit der &#8222;Arbeitsgemeinschaft zur Wiedergewinnung des alten Stadtkerns&#8220; und der &#8222;Gesellschaft Historisches Berlin&#8220; gibt es zwei Vereine, in denen Expertenwissen genug vorhanden w\u00e4re, wenn man es denn abrufen wollte. Stadthistoriker betonen immer wieder, dass die soziale Lebendigkeit, die wir an den europ\u00e4ischen Innenst\u00e4dten so lieben und die Touristen aus aller Welt anzieht, sich der Verdichtung der Wohnquartiere verdankt. Wer jede h\u00e4ssliche Brach- und \u00d6dfl\u00e4che vor Bebauung sch\u00fctzen will, wie das in Berlin leider \u00fcblich ist, verhindert gerade diese sozial durchmischte, lebendige Stadtkultur. Aber wer gebietet den egoistischen Kiezw\u00e4chtern Einhalt? Dieser Senat?<\/p>\n<p>Mir hat ein Argument immer besonders eingeleuchtet, das mir eine Stadtf\u00fchrerin in Warschau nannte, als ich nach dem Grund fragte, warum die Polen ihre Hauptstadt nach der totalen Zerst\u00f6rung durch die deutsche Wehrmacht originalgetreu (!) wieder aufgebaut haben: &#8222;H\u00e4tten wir Hitler das letzte Wort lassen sollen?&#8220; &#8211; Die Polen haben noch das historische und patriotische Bewusstsein, das in unserer Gesellschaft &#8211; gerade auch in Berlin &#8211; weitgehend verschwunden ist. Hier r\u00e4cht sich besonders, dass das klassische (auch intellektuelle) B\u00fcrgertum durch Abwanderung gen Westen (nach dem Mauerbau) oder durch Ausl\u00f6schung im Holocaust (das j\u00fcdische B\u00fcrgertum) weitgehend von der Bildfl\u00e4che verschwunden ist. W\u00e4re es aber nicht Aufgabe einer Hauptstadtregierung, hier in die Bresche zu springen und das Bewusstsein von der Bedeutung der alten Mitte Berlins wach zu halten? Man traut sich kaum, den Regierenden B\u00fcrgermeister Michael M\u00fcller mit dem B\u00fcrgermeister von London Boris Johnson zu vergleichen. Dieser schrieb eine Biografie \u00fcber sein politisches Vorbild Winston Churchill (&#8222;Der Churchill-Faktor&#8220;) und f\u00fchrt einen geistreichen Dialog mit seinen Londonern in einem eigenen Blog. Es hat noch nie geschadet, wenn Spitzenpolitiker \u00fcber eine gewisse intellektuelle Brillanz verf\u00fcgen, auch wenn sie bei Johnson manchmal (bewusst?) skurril daher kommt.<\/p>\n<p><strong>Service-W\u00fcste Berlin<\/strong><\/p>\n<p><em>Willkommen bei Berlin Partner f\u00fcr Wirtschaft und Technologie<\/em><\/p>\n<p><em>Berlin begeistert \u2013 als Kreativmetropole, als Startup-Hub, als innovativer Technologie- und Wissenschaftsstandort. Berlin ist eine der dynamischsten Wirtschaftsregionen Deutschlands und wir bieten an diesem international attraktiven Standort Wirtschaftsf\u00f6rderung und Technologief\u00f6rderung f\u00fcr Unternehmen, Investoren und Wissenschaftseinrichtungen<\/em>.<\/p>\n<p>So lautet das Entr\u00e9e der wichtigsten Agentur f\u00fcr Berlin-Werbung &#8222;Berlin Partner&#8220;. Wenn man das liest, muss man den Eindruck gewinnen, alle Neuberliner w\u00fcrden mit offenen Armen empfangen, alle Widrigkeiten des Neubeginns ihnen flugs aus dem Weg ger\u00e4umt. Leider ist das nur ein Werbetext. Die Realit\u00e4t sieht anders aus. Der SPIEGEL-Redakteur Juan Moreno hat sie am eigenen Leib erfahren, als er in die Hauptstadt zog. Sein Fazit: <em>&#8222;Berlin ist der Ort, an dem ich dem Wahnsinn ganz nahe komme.&#8220;<\/em> (SPIEGEL 22\/2015). Was hatte der tapfere Redakteur erlebt? Er wollte beim Bezirksamt seines Wohnbezirks seinen neuen Wohnsitz anmelden. Auf der amtlichen Homepage landete er auf der Seite &#8222;Top-Dienstleistung&#8220; (sic) und erfuhr, dass der n\u00e4chste freie Termin erst in acht Wochen zu buchen sei. Den neuen Pass f\u00fcr die Tochter beantragen? Dieselbe lange Wartezeit. Das Auto ummelden? Wartezeit: vier Wochen. Wenn man eine private Zulassungsfirma bucht, geht es schneller, kostet aber 100 Euro. Berlin w\u00e4chst jedes Jahr um rund 30.000 Menschen, die aus aller Herren L\u00e4ndern in die <em>&#8222;coolste Stadt Deutschlands&#8220;<\/em> (Eigenwerbung) ziehen wollen. Die zahlreichen Fl\u00fcchtlinge sind in der Zahl nicht inbegriffen. Anscheinend funktioniert die Verwaltung aber noch in dem Modus, der sich im tr\u00e4gen Berlin vor der coolen Zeit als bew\u00e4hrt eingependelt hat. Keine noch so pfiffige und freche Berlin-Werbung hat es bisher vermocht, diesen piefigen Amtsschimmel aus den Stuben zu verjagen. Wie hei\u00dft es bei &#8222;Berlin Partner&#8220;: <em>&#8222;Berlin ist unsere Leidenschaft&#8220;. <\/em>Nur sollte man diese irgendwann auch sp\u00fcren.<\/p>\n<p><strong>Gr\u00fcnes Soziotop ohne Gesetz<\/strong><\/p>\n<p>Berlin leistet sich in seiner Mitte einen Ort, den viele Anwohner als &#8222;rechtlosen Raum&#8220; erleben, weil dort das Recht des St\u00e4rkeren gilt. Es handelt sich um den G\u00f6rlitzer Park, eine unwirtliche Wiese mit ein paar B\u00fcschen und B\u00e4umen, aber vielen jungen Menschen unterschiedlichster ethnischer Herkunft, die im Park Drogenhandel betreiben. Die Gangs haben das Areal s\u00e4uberlich untereinander aufgeteilt und gehen ihren Gesch\u00e4ften nach. Die Null-Toleranz-Politik, die die Polizei seit M\u00e4rz 2015 auf dem Platz f\u00e4hrt, konnte dem illegalen Treiben kein Ende bereiten. Die Gewalt ist allgegenw\u00e4rtig. Es gibt Diebst\u00e4hle, Raub, Vergewaltigungen, Messerstechereien &#8211; und das Kerngesch\u00e4ft: Drogenhandel. Anwohner versuchen sich zu wehren, manchmal auch mit illegalen Mitteln. So stach ein entnervter Kneipenbesitzer auf zwei Dealer ein, die sein Lokal belagert hatten. Die Politik zeigt sich gegen\u00fcber den Problemen am &#8222;G\u00f6rli&#8220;, wie das Areal im gr\u00fcnen Bezirk liebevoll genannt wird, hilflos. Die Gr\u00fcnen, die die Bezirksb\u00fcrgermeisterin und die Mehrheit im Bezirksparlament stellen, wehren sich vehement gegen &#8222;repressive&#8220; Ma\u00dfnahmen. Am liebsten w\u00fcrden sie am Park einen Coffee-Shop nach holl\u00e4ndischem Vorbild er\u00f6ffnen, in dem weiche Drogen legal verkauft werden k\u00f6nnten. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Partei, die stets der Toleranz im \u00f6ffentlichen Stadtraum das Wort redet, einen Zustand toleriert, der mit Faustrecht nur sehr milde umschrieben ist. Als der Innensenator Berlins, Frank Henkel (CDU), noch in der Opposition war, gerierte er sich gerne als der &#8222;Sheriff von Berlin&#8220;. Im Amt schreckte er vor durchgreifenden polizeilichen Ma\u00dfnahmen zur\u00fcck, weil er dem Koalitionspartner SPD kein Argument gegen eine konservative &#8222;Law-and-Order-Politik&#8220; liefern wollte. Und die SPD-F\u00fchrung m\u00f6chte es mit den Gr\u00fcnen nicht verderben, die man als Koalitionspartner braucht, falls der linke SPD-Fl\u00fcgel eine Exit-Strategie aus der ungeliebten Gro\u00dfen Koalition durchsetzt. Angeblich wartet man in der SPD nur auf die &#8222;passende&#8220; Gelegenheit. Parteipolitische Taktik l\u00e4hmt die Verantwortlichen, die das Problem im Interesse der Kreuzberger l\u00f6sen k\u00f6nnten und m\u00fcssten. So bleibt es bei einem Zustand, bei dem spielende Kinder schon mal kleine Heroinp\u00e4ckchen ausbuddeln, die die Dealer als Depot vergraben haben.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Techno-Strich&#8220; au\u00dfer Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Wo fr\u00fcher kaputte Eisenbahnen repariert wurden &#8211; im &#8222;Reichsbahn-Ausbesserungs-Werk&#8220; (RAW) &#8211; tobt\u00a0\u00a0 heute eine schrille Partyszene. Wo jungen Menschen unbeschwert feiern, finden sich bald auch Gestalten ein, die einem den Feierspa\u00df gr\u00fcndlich verderben k\u00f6nnen. Immer mehr betrunkene Gruppen, auch Punks aus Polen, Drogendealer, Taschenr\u00e4uber und auf Krawall geb\u00fcrstete Gewaltt\u00e4ter belagern die normalen Partyg\u00e4ste. Schleichend wurde so das RAW-Gel\u00e4nde zu einem neuen Brennpunkt der Kriminalit\u00e4t. Die Polizei gab bekannt, dass sie auf dem Gel\u00e4nde im ersten Halbjahr 2015 schon 286 Polizeieins\u00e4tze leisten musste, um das Schlimmste zu verhindern. Mitte August &#8211; an den hei\u00dfesten Tagen des Jahres &#8211; gab es dann einen beispiellosen Ausbruch an Gewalt. Zwei holl\u00e4ndische Touristen wurden brutal zusammengeschlagen, ein Amerikaner mit einer Rasierklinge lebensgef\u00e4hrlich verletzt. Das Bezirksamt hat darauf, wie zu h\u00f6ren war, &#8222;im Benehmen mit dem Senat&#8220; beschlossen, ein Dutzend Stra\u00dfenlaternen, die schon 40 Jahre alt sind und kein rechtes Licht mehr spenden, gegen moderne auszutauschen. Wie man mit den kriminellen Banden umzugehen gedenkt, hat der Bezirkssprecher nicht mitgeteilt. Und der Innensenator Frank Henkel (CDU) weilt im Sommerurlaub. Berlin eben.<\/p>\n<p><strong>Armenhaus Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Ein dunkles Kapitel Berlins ist seine Sozialstruktur. Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes leben 50% aller Berliner von staatlichen Transferleistungen: Rente, Pension, Arbeitslosengeld I, Hartz IV (ALG II) und Baf\u00f6g. Die Zahl der Empf\u00e4nger von Hartz IV sind besonders zahlreich. Jeder sechste erwachsene Bewohner und jedes dritte Kind lebt entweder ganz oder teilweise (wenn die Eltern sog. &#8222;Aufstocker&#8220; sind) von diesem Sozialgeld. Manche Familien beziehen die staatliche Hilfe schon in der dritten Generation. Wie passt das zu den st\u00e4ndig lancierten Erfolgsmeldungen \u00fcber die Gr\u00fcndung neuer Betriebe oder Gesch\u00e4fte, \u00fcber eine florierende Kreativszene? Viele der Neugr\u00fcndungen entstehen im hochtechnologischen Segment der Wirtschaft, in der IT-Branche, in der Medizin-Technik oder in der Verkehrstechnologie. Diese Firmen ben\u00f6tigen akademische Spezialisten, die sie in den vielen Universit\u00e4ten und Fachhochschulen rekrutieren. F\u00fcr die \u00fcberwiegend schlecht oder gar nicht ausgebildeten Berliner Arbeitslosen werden in diesen Firmen keine Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Die neuesten Berlin-Zahlen belegen dies: Im ersten Halbjahr 2015 wurden 3033 neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen, davon sind aber nur 915 industrielle Arbeitspl\u00e4tze. Wenn man unterstellt, dass dies in erster Linie Facharbeiterstellen sind, bleiben die gering Qualifizierten weitgehend auf der Strecke.<\/p>\n<p>Berlin leidet bis heute unter der De-Industrialisierung, von der es zweimal betroffen war. In der Nachkriegszeit zogen aus dem ummauerten West-Berlin viele Firmen in das sicher geglaubte Bundesgebiet. Nach der Wende 1989\/90 stellten viele Betriebe der DDR ihre unrentabel gewordene Produktion ein. Dies waren Aderl\u00e4sse, die auch durch den Hype um die kreative Gr\u00fcnderszene Berlins nicht kompensiert werden konnten. Dem Senat fehlt es offensichtlich an einem Konzept, neben Hightech-Betrieben auch klassische Industrieunternehmen anzulocken, die den wenig qualifizierten Arbeitslosen eine Perspektive bieten k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die hohe Sockelarbeitslosigkeit hat in Berlin eine nicht zu \u00fcbersehende Ursache: Es gibt in der Stadt zu viele Sch\u00fcler, die die Schule ohne Abschluss verlassen und deshalb kaum Chancen haben, in den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt integriert zu werden. Ann\u00e4hernd jeder zehnte Berliner Jugendliche hat im Schuljahr 2013\/2014 die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Das geht aus einer Erhebung der Senatsbildungsverwaltung hervor. Der Wert von 9,2% liegt deutlich \u00fcber der Quote des Vorjahres (7,9%). Sie stellte bereits eine Steigerung dar, im Schuljahr 2011\/2012 waren 7,4% Schulabg\u00e4nger ohne Abschluss registriert worden. Da im ganzen Bundesgebiet die Zahl der Schulversager gesunken ist (von 8% auf 5%), muss es f\u00fcr die hohe Berliner Zahl spezifische Gr\u00fcnde geben, die man in Berlins Schulsystem suchen muss.<\/p>\n<p>Anfang August wurde durch eine Studie bekannt, dass in Berlin jeder siebte Erwachsene als funktionaler Analphabet gilt, der pragmatische Texte des Alltags nicht lesen und verstehen kann. Dies bedeutet, dass 320.000 Berliner beim Lesen von Texten auf fremde Hilfe angewiesen sind. Der Studie zufolge sind dies zu 90% Menschen mit Deutsch als Muttersprache. Wie entsteht Analphabetismus bei Deutschen? Oft werden diese Menschen als Sch\u00fcler schon in der dritten Klasse der Grundschule &#8222;abgeh\u00e4ngt&#8220;, weil ihre Klassenkameraden schneller voranschreiten und die Ressourcen f\u00fcr eine individuelle F\u00f6rderung fehlen. Aus Scham verweigern sich diese Kinder der Schule ganz, fl\u00fcchten sich in Krankheiten, schw\u00e4nzen oder werden verhaltensauff\u00e4llig. An Schulen mit schwieriger Klientel sind die Lehrer sogar froh, wenn solche Problemkinder fehlen, weil dann der Unterricht reibungsloser verl\u00e4uft. Diese Kettenreaktion hat dann ein Ergebnis: Analphabetismus. Dass diese Sch\u00fcler sp\u00e4ter keine Lehre schaffen, dass sie zeitlebens nur einfache, schlecht entlohnte Hilfsdienste verrichten k\u00f6nnen, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>Die Bildung eines Menschen hat direkte Auswirkungen auf sein sp\u00e4teres Einkommen. Je schlechter die Bildung, desto geringer das Einkommen und desto gr\u00f6\u00dfer die Gefahr, unter die Armutsgrenze abzurutschen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hat gerade erst aktuelle Zahlen aus dem Jahr 2014 ver\u00f6ffentlicht. Berlin geh\u00f6rt zu den Regionen Deutschlands, wo auf Grund der vielen gering Qualifizierten unter der Erwerbsbev\u00f6lkerung 37,5% dieser Gruppe armutsgef\u00e4hrdet sind. Im Bundesdurchschnitt sind es 30,8%. Auch hier h\u00e4lt Berlin einen Negativrekord.<\/p>\n<p>Man sieht: Bildung ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr beruflichen Erfolg und f\u00fcr ein Leben in materieller Sicherheit. Was im Berliner Schulsystem im Argen liegt, soll im zweiten Teil des Artikels betrachtet werden.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start shariff-buttonstretch\" style=\"display:none\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2015%2F09%2F04%2Fdeutschlands-hauptstadt-unter-wert-regiert%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#3b5998\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#3b5998\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\" style=\"color:#3b5998\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2015%2F09%2F04%2Fdeutschlands-hauptstadt-unter-wert-regiert%2F&text=Deutschlands%20Hauptstadt%3A%20unter%20Wert%20regiert&via=starkemeinungen\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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