

{"id":17355,"date":"2026-04-23T18:37:39","date_gmt":"2026-04-23T16:37:39","guid":{"rendered":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/?p=17355"},"modified":"2026-04-23T18:37:39","modified_gmt":"2026-04-23T16:37:39","slug":"vom-witz-zur-wueste-warum-der-westen-seine-geschichte-verlernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2026\/04\/23\/vom-witz-zur-wueste-warum-der-westen-seine-geschichte-verlernt\/","title":{"rendered":"Vom Witz zur W\u00fcste: Warum der Westen seine Geschichte verlernt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_17356\" aria-describedby=\"caption-attachment-17356\" style=\"width: 484px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-17356\" src=\"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-200x143.jpg\" alt=\"\" width=\"484\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-200x143.jpg 200w, https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-445x318.jpg 445w, https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-768x548.jpg 768w, https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-1536x1097.jpg 1536w, https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/Le_bar_du_B._sur_le_toit_Dancing_Le_boeuf_sur_le_toit_beschnitten-2048x1462.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17356\" class=\"wp-caption-text\">Pierre Gatier: Le bar du B. sur le toit Dancing Le b\u0153uf sur le toit (1923)ancing \/ Le boeuf sur le toit (titre factice). Quelle: wikimedia commons<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Gedanken eines Komponisten \u00fcber die Leere im Kulturbetrieb und die Kraft der Biografie.<\/h5>\n<p>Ich hatte als Musiker das Gl\u00fcck, Menschen zu begegnen, deren Biografien von den harten Bruchkanten der Geschichte gezeichnet waren. Da war Leon Schwarzbaum, ein Auschwitz-\u00dcberlebender, dessen Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Volker Schl\u00f6ndorff ich musikalisch umrahmen durfte. Ganz anders, doch nicht weniger interessant, war der Lebensweg des Komponisten Klaus W\u00fcsthoff, \u00fcber den ich eine Biografie verfasste. Nachhaltig beeindruckt bin ich von der Vitalit\u00e4t und Selbstbehauptung ukrainischer K\u00fcnstler \u2013 dazu wird zuk\u00fcnftig noch viel zu sagen sein.<\/p>\n<p>An der Seite der Biografieforscherin Judith Kessler erz\u00e4hlte ich auf dem j\u00fcdischen Kulturschiff <i>MS Goldberg<\/i> Lebenswege am Klavier nach. Mit Rabbiner Walter Rothschild, der ironisch-humoristisch aus seinem Leben erz\u00e4hlt, war ich mehr als zehn Jahre auf Tour. Lebensreisen interessierten mich immer schon, nat\u00fcrlich nicht nur die \u201ehistorisch gewaltigen\u201c. Im Lebensweg eines Menschen liegt aus meiner Sicht der Ur-Keim jeder kulturellen Erz\u00e4hlung. Als Musiker und Komponist gehe ich so weit zu sagen: Eine Melodie oder musikalische Struktur ist im Grunde nichts anderes als eine biografische Linie in der Zeit \u2013 stets gibt es eine untrennbare Verbindung zum gelebten Leben.<!--more--><\/p>\n<p>Dagegen wirkt der hiesige Kulturbetrieb auf mich oft \u201etot\u201c und steril wie eine Ausstellung unter Glas: Man sieht die gesch\u00e4ftigen Bewegungen, man h\u00f6rt das intellektuelle Rauschen, aber man sp\u00fcrt keinen Wind mehr. Vielen Inszenierungen in Oper und Schauspiel geht es weniger um die Erz\u00e4hlung oder den Sinn eines Werkes, sondern vielmehr um dessen Dekonstruktion. Motive aus Klassikern, denen eine tiefe, jeden Rahmen sprengende Wirkungsmacht zueigen ist, sollen nicht erz\u00e4hlt, sondern \u201eentlarvt\u201c werden \u2013 etwa hinsichtlich Rassismus oder Misogynie.<\/p>\n<p>Niemand wundert sich heute, wenn selbst bei namhaften Inszenierungen gro\u00dfer Festivals die Handlung ins Absurde verzerrt wird, um mit beachtlichen Budgets die \u201eUnm\u00f6glichkeit des Erz\u00e4hlens\u201c zu betonen. Zur Klarstellung: Ich m\u00f6chte nicht gegen k\u00fcnstlerische Experimente polemisieren; auch Provokation, Brechung und Ironie sind f\u00fcr mich als k\u00fcnstlerische Mittel jederzeit legitim. Doch was ich f\u00fcr aus der Zeit gefallen halte und inzwischen als unertr\u00e4glich langweilig empfinde, ist die Ideologie des Dekonstruktivismus, in der der Kulturbetrieb leider nach wie vor bis zur Halskrause steckt.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Bild zeigt sich in der bildenden Kunst: Viele gro\u00dfe Museen haben Abteilungen, in denen klassische Meisterwerke nur noch unter dem Aspekt ihrer \u201eProblematik\u201c (Kolonialismus, Gender, Machtstrukturen) gezeigt werden. Das Kunstwerk wird zum Beweismittel f\u00fcr eine soziologische Betrachtung degradiert. Die \u00e4sthetische Autonomie \u2013 eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung \u2013 wird als b\u00fcrgerliches, \u00fcberkommenes Konstrukt diffamiert. Es ist eine hochglanzpolierte Leere. Wir leisten uns den Luxus, die \u201egro\u00dfe Form\u201c als Relikt zu bel\u00e4cheln, w\u00e4hrend wir uns in der Nische der \u00e4sthetischen Verweigerung eingerichtet haben. Doch drau\u00dfen brennt die Welt.<\/p>\n<h4>Musik als Tapete<\/h4>\n<p>Paris, stellen wir uns ein verrauchtes K\u00fcnstlercaf\u00e9 um 1920 vor. Erik Satie hatte die \u201eMusique d\u2019ameublement\u201c (M\u00f6belmusik) erfunden. Seine Idee war revolution\u00e4r und provokant zugleich: Musik sollte nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Sie sollte den Raum f\u00fcllen wie ein Sessel, ein Tisch oder eine Tapete \u2013 n\u00fctzlich, aber ignorierbar. Damit sollte der H\u00f6rer von der \u201eTyrannei des Meisterwerks\u201c und dem emotionalen Zwang der Romantik befreit werden. Bei der Urauff\u00fchrung 1920 in einer Pariser Galerie forderte Satie das Publikum auf, w\u00e4hrend der Musik herumzulaufen und Wein zu trinken. Als die Leute doch stillhielten, rannte Satie zum allgemeinen Am\u00fcsement verzweifelt herum und schrie: \u201eSprechen Sie doch! H\u00f6ren Sie nicht hin!\u201c Satie war umgeben von der \u201eGroupe des Six\u201c, darunter auch Jean Cocteau, dessen Buch \u201eLe Coq et l\u2019Arlequin\u201c zum Manifest einer \u00c4sthetik der Alltagsobjekte wurde \u2013 gegen die \u201egro\u00dfen Gef\u00fchle\u201c.<\/p>\n<p>Was Satie und Cocteau da auff\u00fchrten, war eine charmante Frechheit. Ein befreiender Witz gegen die Schwere der Vergangenheit und gegen falschen Pathos. Doch werfen wir den Blick auf heute: Einhundert Jahre sp\u00e4ter wird Standard-Pop f\u00fcr eine Aufmerksamkeitsspanne von 15 Sekunden produziert. Diese Musik darf gar keine h\u00f6rbare Entwicklung mehr besitzen, die sich \u00fcber f\u00fcnf Minuten entfaltet, weil der Algorithmus sonst abbricht. Das Material sind Samples im Copy-Paste-Stil; sie liefern konditionierte Reize. Das ist die wahre M\u00f6belmusik \u2013 Musik, bei der keiner mehr hinh\u00f6rt. Heute nennt man das eher \u201eTapete\u201c. Doch gibt es hinter der Tapete \u00fcberhaupt noch Mauern?<\/p>\n<p>Der geniale Gy\u00f6rgy Ligeti, Meister der klanglichen Nebelw\u00e4nde, formulierte im fortger\u00fcckten Alter eindringlich: Jenseits der reinen Textur wartet nur noch die W\u00fcste. Ligeti fand in seinem Sp\u00e4twerk gl\u00fccklicherweise noch eine faszinierende Synthese aus afrikanischer Rhythmik, Bart\u00f3k-Idiom und der Sprache der Avantgarde. Ich habe als Pianist einige seiner Klavieret\u00fcden aus dieser Zeit gespielt.<\/p>\n<h4>Postmoderne Surfer der Aufl\u00f6sung<\/h4>\n<p>Wir haben uns im Westen eine seltsame Angewohnheit zugelegt: Wir trauen uns kaum noch, ein Haus zu bauen, ohne vorher zu erkl\u00e4ren, warum Steine eigentlich ein problematisches Konstrukt sind. W\u00e4hrend wir damit besch\u00e4ftigt sind, die Tr\u00fcmmer unserer Geschichte auf R\u00fcckst\u00e4nde zu untersuchen, sto\u00dfen andere M\u00e4chte in die L\u00fccke. Wo wir keine Kraft oder kein Interesse mehr haben, uns sinnbewahrend zu erz\u00e4hlen, finden wir uns zunehmend in einer Geschichte wieder, die leider \u00fcberhaupt keinen Respekt vor der W\u00fcrde des Einzelnen hegt \u2013 diese Geschichte kannten wir, aber hatten sie offenbar vergessen. Und als postmoderne Surfer der Aufl\u00f6sung und Zusammenhangslosigkeit genie\u00dfen wir es noch, dass wir uns selbst damit zum Spielball der Algorithmen, Populismen und letztlich l\u00e4ngst tot geglaubten Gewaltideologien machen.<\/p>\n<p>Selbst die Kunstmusik-Szene sucht heute in der Tradition des Dekonstruktivismus auffallend oft nur nach Klangreizen statt nach einer echten Fallh\u00f6he oder \u201eStr\u00f6mung\u201c, die einem musikalischen Kunstwerk wahre Individualit\u00e4t verleihen k\u00f6nnte. Vor \u201eLigetis W\u00fcste\u201c befindet sich gewisserma\u00dfen noch die Steppe, ein noch nicht v\u00f6llig ausgetrocknetes Grenzareal, in dem sich so mancher h\u00e4uslich niedergelassen hat.<\/p>\n<h4>Kulturelle Ersch\u00f6pfung<\/h4>\n<p>Viel dramatischer und gesellschaftlich relevanter jedoch ist die Algorithmierung des Pop. Im heutigen Radio-Pop sehe ich die ultimative Vollendung der Dekonstruktion, weil hier das k\u00fcnstlerische Subjekt durch den Algorithmus ersetzt wurde. Es geht mir dabei \u00fcberhaupt nicht um eine elit\u00e4re Abkehr vom Popul\u00e4ren. Wer Stevie Wonder, Bj\u00f6rk oder die Beatles h\u00f6rt, sp\u00fcrt das pulsierende Leben einer echten Erz\u00e4hlung. Mir geht es um die industrielle Standardisierung, die uns Ohr und Seele verklebt. Wenn Musik nur noch als Hintergrundrauschen f\u00fcr den Konsum funktioniert, hat sie ihre biografische W\u00fcrde verloren. Sie dekonstruiert uns zum Reiz-Reaktions-Schema, w\u00e4hrend wir mitsummen.<\/p>\n<p>Wenn Erik Satie und Jean Cocteau \u2013 mit sp\u00e4teren Adepten wie John Cage \u2013 den gr\u00f6\u00dften Musik-Witz des 20. Jahrhunderts erdacht haben, dann l\u00e4sst sich in unserer Epoche des Algorithmus nur sagen: Wir haben den Witz nicht verstanden. Ich kenne diesen Mechanismus des Dekonstruktiven aus meiner eigenen Arbeit. In der Musik war es jahrzehntelang das h\u00f6chste Gebot, jede Melodie sofort wieder zu zertr\u00fcmmern, um blo\u00df nicht unter Verdacht zu geraten. Die erste, unendlich wichtige Frage schien immer zu sein: Darf man das \u201eheute\u201c noch so machen? Wir nannten das Fortschritt. Heute nenne ich es kulturelle Ersch\u00f6pfung. Wer keine eigene Geschichte mehr zu erz\u00e4hlen hat, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von der Geschichte anderer \u00fcberrollt. Schon deshalb ist es an der Zeit, wieder nach dem zu suchen, was uns tats\u00e4chlich zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left shariff-buttonstretch\" style=\"display:none\"><ul class=\"shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2026%2F04%2F23%2Fvom-witz-zur-wueste-warum-der-westen-seine-geschichte-verlernt%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#3b5998\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"fill:#3b5998\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\" style=\"color:#3b5998\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fstarke-meinungen.de%2Fblog%2F2026%2F04%2F23%2Fvom-witz-zur-wueste-warum-der-westen-seine-geschichte-verlernt%2F&text=Vom%20Witz%20zur%20W%C3%BCste%3A%20Warum%20der%20Westen%20seine%20Geschichte%20verlernt&via=starkemeinungen\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; 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