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Nemo (latein.): Niemand.

Gibt man bei Wikipedia als Suchbegriff „Nemo“ ein, findet man in der Rubrik: „Nemo ist der Name folgender Personen,“ hinter dem französischen Graffitikünstler, auf Platz 2 einen Eintrag, der mit „Nemo (*1999), Schweizer musizierende Person“ benannt ist. Man erfährt in diesem Artikel zunächst Fakten über die sexuelle Identität der Person und erst danach etwas über ihre musikalische Karriere.

„Nemo, bis dahin öffentlich als männlich wahrgenommen, outete sich im November 2023 als nichtbinär und ordnet sich im Deutschen keinem Pronomen zu. Nemo bezeichnet sich als pansexuell und führt eine langjährige Partnerschaft mit einer Frau.“

Nach dem Sieg der musizierenden Person beim ESC 2024, brachte die musizierende Person im Oktober 2025 das erste Album mit dem Titel „Arthouse“ und im Dezember 2025 die Single „Walk Away“ heraus. Das Album und die Single gerieren sich als gemischte Tüte quietschbunter Knallbonbons aus der Kategorie Plastikpop, unterer musikalischer Durchschnitt, einigermaßen nett produziert, aber nichts, wofür man nach (Art-)Hause schreiben müsste. Mehr als ein uninspirierter Kessel Buntes, der nicht mal den Massengeschmack von Frühstücksradiomusik bedient, ist dabei nicht herausgekommen. Bei Spotify hat die Person rund 650 000 Follower, bei Youtube hat der Kanal der Person 159 000 Abonennten. Man bewegt sich damit im unteren Fünftel der Beliebtheit. Die dazugehörigen quietschbunten Videos auf der Plattform erfreuen sich eher einer Nischenbeliebtheit. Die Likes bewegen sich im kleineren dreistelligen Bereich.

Halbwertzeit des Ruhms

Es ist der musizierenden Person Nemo wie so vielen Gewinnern des ESCs ergangen. Nach einer kurzen Phase des Hypes vor, während und nach der Veranstaltung gerät man, was die öffentliche Wahrnehmung angeht, in einen Abwärtsstrudel. Sofern man nicht bereits vorher eine musikalische Karriere hatte oder tatsächliches Talent vorweisen kann, ist die Halbwertzeit des Ruhms nur wenig länger als die eines Phosphorisotops. Wer erinnert sich beispielsweise noch an Künstler wie Sandra Kim aus Belgien, Linda Martin aus Belgien, Marie N. aus Lettland, Dima Bilan aus Russland oder auch nur an den Gewinner JJ aus Österreich aus dem Jahr 2025? Ausnahmen wie ABBA, Udo Jürgens oder Celine Dion bestätigen auch hier die Regel.

Als probates Mittel seiner neuesten Produktion zu Aufmerksamkeit zu verhelfen, erscheint es, entweder das Spiel mit dem Identitätswechsel zu spielen, oder mit viel Tamtam eine Mure vom Mount Everest der Empörung abgehen zu lassen. Wichtig ist dabei, den Habitus der moralischen Überlegenheit wirksam auszustellen. Den ersten Weg ist die Person schon gegangen. Ein Zurück kann es nicht geben, ohne diesen Schritt nicht als PR-Stunt zu offenbaren. Bleibt also tatsächlich nur der Schritt, das Haus, das einem zu einem kurzen Ruhm verholfen hat, unter Feuer zu nehmen und damit der Versuch, es dem Erdboden gleichzumachen. Die musizierende Person Nemo hat sich entschieden, seinen Pokal aus Protest gegen die Entscheidung der EBU, Israel am nächsten ESC teilnehmen zu lassen, zurückzuschicken. Er habe nach dieser Entscheidung „nicht mehr das Gefühl, dass diese Trophäe in mein Regal gehört“ (Nemo). Die Person schließt sich der Sichtweise des UN-Menschenrechtsrats an, dass Israel in Gaza womöglich einen Genozid veranstaltet hat.

Der PR-Move hat funktioniert, das mediale Echo ist überwältigend, zumindest für einen Tag. Allerdings wird nur in wenigen Berichten, und auch das nur am Rande, auf das Album oder die Single hingewiesen, zu dominant ist der politische Kontext, zu eindeutig die Heckenschützen-Attitüde. So entschwindet das „musizierende“ aus der Selbstzuschreibung als musizierende Person. Übrig bleibt am Ende des Tages lediglich der Titel als narzisstischer Boykottclown, der in dieselbe Kerbe wie Island, Spanien und die Niederlande haut, die am nächsten ESC in Wien aus Protest gegen Israels Selbstverteidigung nicht teilnehmen.

Queers for Palestine: Freilandhühner für Käfighaltung

Man könnte die Meldungen darüber, dass die musizierende Person den Pokal zurückschicken möchte, mit der Bedeutung dieses Berichts vergleichen: „Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete gestern über ein Ereignis im Dorf Nanjie (Provinz Henan). Einer von mehreren Säcken Reis verlor seine Stabilität und neigte sich erst unmerklich, dann immer schneller zur Seite, bis das 50kg-Gebinde schließlich nahezu geräuschlos umfiel. Laut dem Parteisekretär des Dorfes wurde der Vorfall zunächst nicht einmal bemerkt. Verletzt wurde bei dem Vorkommnis offenbar niemand.“

Wäre da nicht der Opportunismus, der Untertanengeist und der nur mühsam verschleierte Judenhass, wäre die Aktion nicht mal eine Fußnote. Die Person Nemo reiht sich allerdings in die Masse derjenigen Prominenten ein, die sich von ihrer medienwirksam präsentierten Doppelmoral einen Booster für ihre Wahrnehmung erhoffen. Erinnert man sich an den Brief, den 200 deutsche Kulturschaffende unter der Überschrift „Lassen Sie Gaza nicht sterben“ an Friedrich Merz geschrieben haben, wird man das Gefühl nicht los, dass man es, gutwillig ausgedrückt, bei der Person Nemo mit einer exorbitanten Kulmination von exorbitanter Dummheit zu tun hat. Nicht nur, weil die musizierende Person Nemo das Massaker der Hamas vom 7.10. völlig ausblendet.

„Wenn die Werte, die wir auf der Bühne feiern, nicht abseits der Bühne gelebt werden, werden selbst die schönsten Lieder bedeutungslos,“ heißt es in der Stellungsnahme der musiziernden Person zur Rückgabe des Pokals. Vertreten dann im Umkehrschluss die Vergewaltigung von Frauen, das Verbrennen von Menschen und das Köpfen von Kleinkindern, wie es die Hamas voller Stolz exekutiert und selbst dokumentiert hat, die Werte, die es für die musizierende Person Nemo zu leben gilt? Sicher nicht, aber die Person muss sich schon den Vowurf des Judenhasses gefallen lassen, denn die musizierende Person spricht den Juden tatsächlich das Recht auf Selbstverteidigung ab. Die Person kann durchaus seine Aversion gegen Juden privat ausleben. Nemo muss keine israelischen Produkte kaufen, Nemo muss nicht mit Juden Umgang pflegen, Nemo muss keine Medikamente, die in Israel entwickelt wurden, nehmen und Nemo muss nicht nach Israel reisen, niemand zwingt Nemo zu alldem. Er kann Freunde aus Gaza haben, gazanische Hight-Tech-Produkte kaufen, gazanische Medikamente bevorzugen. Allerdings wäre der musizierenden Person nicht anzuraten, nach Gaza, in die Autonomiegebiete oder in die meisten der muslimischen Staaten zu fahren, weil die Person dort wahrscheinlich keine Stunde überleben würde.

Übrigens hat der Fußballweltverband FIFA dem Spiel bei der Endrunde in 2026 Seattle zwischen Ägypten und dem Iran den Titel „Pride Match“ zugelost. Der ägyptische Fußballverband hat dagegen offen protestiert, da „solche Aktivitäten den kulturellen, religiösen und sozialen Werten der arabischen und muslimischen Gesellschaften widersprechen.“ Die FIFA hält jedoch an dem Plan des Pride Match für diese Begegenung fest. Wie wäre es, wenn die musizierende Person Nemo das Spiel mit einem Lied eröffnet?

Beitragsfoto: Screenshot ESC 2025

Daniel Anderson: Berufsausbildung zum Flugzeugmechaniker. Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Andersons Bücher sind im Spiegelbergverlag erschienen. https://spiegelberg-verlag.com/component/eshop/daniel-anderson Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.

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2 Gedanken zu “Nemo (latein.): Niemand.;”

  1. avatar

    Solche Fälle sind ja leider nicht (mehr) randständig, sondern fast schon typisch. Inzwischen hat auch der irische ESC-Gewinner Charlie McGettigan angekündigt, seinen Pokal aus Protest gegen Israels Teilnahme zurückzugeben. Keine individuellen Gesten mehr, sondern getragen von einem überwiegend linksidentitär geprägten Kulturbetrieb. Beide Symptome eines mittlerweile fast massentauglichen Diskurses, in dem israelische Verteidigung delegitimiert, Hamas-Terror/ Islamismus ausgeblendet und moralische Überlegenheit performativ ausgestellt werden. Dieser woke, postkoloniale Antisemitismus ist in vielen linken Milieus europaweit normalisiert. Und die Ästhetik erst: Je lauter der Aktivismus, desto sicherer verschwindet die Schönheit. Wer gerade etwas fürs Auge sucht, möge Documenta und Biennalen etc großzügig umkurven, dort dominiert das Didaktische über das Gestaltete.
    Neben der Debatte, wie mit der Neuen Rechten umzugehen ist, Ausgrenzung oder mit ihnen sprechen: Wie mit linken Milieus umgehen, die sich mit Islamisten verbünden, welche linksidentitär kaum je als Täter gelten dürfen und deren Gewalt und Extremismus, wenn überhaupt wahrgenommen, als “kolonialgeschichtliche” Folge umgedeutet und mit reflexhaften „Ja, abers“ gerechtfertigt werden?

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