Als dieser Song 1986 herauskam, fand ich ihn ziemlich doof, vor allem wegen des Refrains: „Zuerst nehmen wir Manhattan ein, dann Berlin“. Ähm, nein, dachte ich angesichts der Pläne der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten, umgekehrt wird eine Strategie daraus: „We gotta take Manhattan; but first we‘ll take Berlin.“ Den Rest des Textes finde ich inzwischen ziemlich großartig; aber den Refrain finde ich auch 40 Jahre später problematisch. Gehen wir dem Problem also nach.
Cohen selbst hat gesagt, dass der Song – den Text findet man wie immer unten – vom Terrorismus handelt. Und obwohl ich bekanntlich der Meinung bin, dass ein Song – jedes Kunstwerk – sich in dem Augenblick von den Absichten des Künstlers oder der Künstlerin löst, wo die Schöpfung in die Freiheit entlassen wird, will ich Cohens Aussage zunächst ernst nehmen. Aber auch da stimmt die Reihenfolge nicht. Manhattan „einzunehmen“ dürfte ohnehin jenseits der kühnsten Träume selbst der größenwahnsinnigsten Terroristen liegen. Als aber Manhattan am 11.09.2001 angegriffen wurde, da kamen die Terroristen aus Deutschland; zwar nicht aus Berlin, aber aus Hamburg.
Man muss sich allerdings vor Augen führen, dass man 1986 außerhalb Israels bei dem Wort Terrorist nicht unbedingt zuallererst an einen arabischen Mann mit Bart dachte, der „Allahu Akhbar!“ ruft. In Deutschland hatten im Jahrzehnt vor Veröffentlichung des Songs die RAF-Terroristen ihr Unwesen getrieben; in den USA wütete der Öko-Terrorist Ted Kaczynski, bekannt als der Una-Bomber. Cohen selbst sagte, dass er das Unbedingte des Terrorismus bewundere; nicht die Taten der Terroristen, sondern, so wörtlich, „Psychischer Terror“; dabei verwies er auf ein Gedicht von Irving Layton.
Layton, eigentlich Israel Pincu Lazarovici, Jude wie Cohen, feiert in besagtem Gedicht keine Terroristen, sondern einige große jüdische Denker:
Iconoclasts, dreamers, men who stood alone:
Freud and Marx, the great Maimonides
and Spinoza who defied even his own.
In my veins runs their rebellious blood.
Bilderstürmer, Träumer, Menschen, die allein standen / Freund und Marx, der große Maimonides / Spinoza auch, der sogar den Eigenen widersprach: / In meinen Adern fließt ihr rebellisches Blut.
So wäre der Mann, der die Langeweile des Systems anklagt, der durch das Geburtsmal der Zugehörigkeit zum auserwählten Volk gezeichnet ist, der seine Liebesbeziehung seiner Zersetzungsarbeit opfert, der wie der große jüdische Erzähler J.D. Salinger in seinem „Fänger im Roggen“ oder Bob Dylan in vielen seiner Songs die Falschheit einer Gesellschaft anprangert, die den Unterschied zwischen Geschäft und Moral nicht kennt – dieser Mann wäre vielleicht nicht Leonard Cohen, aber doch sein alter ego. Ein radikaler Ablehner, seine „schönen“ Waffen die scharfen Waffen der Kritik.
Und da erschließt sich vielleicht der problematischer Refrain. Denn das, was mich daran stört, das bedeutungsvolle Raunen des Worts „Berlin“, hat ja mit einer Mode unter Rock-Musikern, Künstlern und Möchtegern-Künstlern zu tun; im Gefolge des Films „Cabaret“ von Bob Fosse nach dem Roman „Goodbye to Berlin“ von Christopher Isherwood strömten viele von ihnen in die damals provinzielle Halbstadt West-Berlin, wo sie in der Schwulen-Szene so etwas wie eine Wiedergeburt der im Film nicht sehr realistisch geschilderte Szene der 1930er Jahre zu finden hofften und zugleich mit Nazi-Äathetik spielten und den Frisson des Kalten Krieges aus der sicheren Entfernung von jeder Gefahr genossen, die ein britischer, amerikanischer (oder kanadischer) Pass verlieh. Hier ist vor allem David Bowie zu nennen, der von 1976 bis 1978 in West-Berlin lebte und diesem Gefühl mit dem Song „Heroes“ ein Denkmal setzte: „I can remember / Standing by the Wall / And the guards shot over our heads / And we kissed as though nothing could fall …“ Mit Bowie oder in seinem Gefolge aber kamen auch Iggy Pop, Nick Cave oder Lou Reed, der sogar ein Album mit dem Titel „Berlin“ aufnahm, und viele andere, deren Namen inzwischen vergessen sind. Cohen, dessen Selbstironie man nie unterschätzen darf, meinte vielleicht: Zuerst machen wir uns in Manhattan breit, dann erobern wie die Berliner Szene.
Und das galt nicht nur für die obengenannten Möchtegern-Kulturrevolutionäre; tatsächlich kommt alles, was in den letzten vierzig Jahren in Deutschland das intellektuelle und kulturelle Leben bestimmt hat, von Queer-Theorie bis Postkolonialismus, aus den USA. Bis Ende der 1960er Jahre hatte noch Paris eine Chance. Danach nicht mehr. „First we take Manhattan …“
Und nun kommt die Konterrevolution, die all das hinwegfegen will, ebenfalls aus Amerika. Und an dessen Spitze ein Mann – aus Manhattan: „Als Loser hast du mich gemocht, aber jetzt hast du Angst, ich könnte doch gewinnen … du weißt, wie du mich aufhalten könntest, aber dir fehlt dafür die Disziplin …“
Da ist was dran.
They sentenced me to 20 years of boredom
For trying to change the system from within
I’m coming now, I’m coming to reward them
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’m guided by a signal in the heavens
I’m guided by this birthmark on my skin I’m guided by the beauty of our weapons
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’d really like to live beside you, baby
I love your body and your spirit and your clothes
But you see that line there moving through the station?
I told you, I told you, told you I was one of those
Ah, you loved me as a loser, but now you’re worried that I just might win
You know the way to stop me, but you don’t have the discipline
How many nights I prayed for this, to let my work begin
First we take Manhattan, then we take Berlin
I don’t like your fashion business, mister
And I don’t like these drugs that keep you thin
I don’t like what happened to my sister
First we take Manhattan, then we take Berlin
I’d really like to live beside you, baby
I love your body and your spirit and your clothes
But you see that line there moving through the station?
I told you, I told you, told you I was one of those
And I thank you for those items that you sent me, ha ha ha ha
The monkey and the plywood violin
I practiced every night, now I’m ready
First we take Manhattan, then we take Berlin
Ah, remember me, I used to live for music
Remember me, I brought your groceries in Well, it’s Father’s Day, and everybody’s wounded
First we take Manhattan, then we take Berlin
Nun ja.. Technik ist nun wirklich nicht „die Moderne“, sondern eine mögliche Folge davon. Besonders bei Leuten, die wenig davon verstehen..
Ich würde ganz gern bei der Diskussion des Songs von Leonard Cohen bleiben. Ob die Moderne eine Folge der Technik oder die Technik eine Folge der Moderne verbuche ich einstweilen unter Henne und Ei.
Sehr tief und gleichzeitig sehr hoch. Danke für diesen Text.