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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (24): Changing Of The Guards

Wir müssen über William Blake reden. Wann immer die Texte von Bob Dylan etwas dunkel werden, verweist man, wenn nicht auf Paul Verlaine oder Arthur Rimbaud – oder Walt Whitman oder Allen Ginsberg – auf Blake. Und zu Recht. Die Gedanken- und Bilderwelt dieses Dichters und Poeten der englischen Frühromantik hat sehr viel mit Dylans Vorstellungswelt zu tun. Blakes Kritik des Industrialismus und Kapitalismus aus einer radikalchristlichen und radikalästhetischen Haltung heraus nimmt Dylans Kritik vorweg; und das ist nicht verwunderlich, denn Blake gehört zu den Heiligen der nicht-marxistischen Linken und des amerikanischen Agrarpopulismus, die wiederum die Folk-Bewegung der 1950er und 1960er Jahre beeinflussten.

Als ich zwischen 1960 und 1962 das Internat „Woolverstone Hall School“ besuchte, gab es jeden Morgen eine Vollversammlung mit anschließender Bibellesung und Hymne, was merkwürdig war, denn die Schule war eine Gründung des damals – und eigentlich immer – stramm linken „London County Council“ (LCC), der Londoner Stadtverwaltung. Doch ein patriotisches und muskulöses Christentum anglikanischer Prägung war eigentlich immer mit einer linken Grundhaltung vereinbar. Wie dem auch sei: meine Lieblingshymne, die bei diesen morgendlichen moralischen Aufrüstungsversammlungen auch besonders häufig gesungen wurde, war William Blakes Meisterwerk „Jerusalem“:

And did those feet in ancient time

Walk upon England’s mountains green?

And was the holy Lamb of God

On England’s pleasant pastures seen?

Und sind in alter Zeit jene Füße

Auf Englands grünen Bergen gewandelt?

Und ward das heilige Lamm Gottes

Auf Englands lieblichen Weiden gesehen?

And did the Countenance Divine

Shine forth upon our clouded hills?

And was Jerusalem builded here

Among these dark Satanic mills?

Und strahlte das göttliche Antlitz

Hervor auf unseren umwölkten Hügeln?

Und wurde Jerusalem hier erbaut

Inmitten dieser dunklen teuflischen Mühlen?

Bring me my bow of burning gold:

Bring me my arrows of desire:

Bring me my spear: O clouds unfold!

Bring me my chariot of fire.

Bringt mir meinen Bogen aus brennendem Gold –

Bringt mir meine Pfeile der Sehnsucht –

Bringt mir meinen Speer: O ihr Wolken teilt euch!

Bringt mir meinen Streitwagen aus Feuer.

I will not cease from mental fight,

Nor shall my sword sleep in my hand

Till we have built Jerusalem

In England’s green and pleasant land.

Ich werde weder vom geistigen Kampf lassen

Noch soll das Schwert in meiner Hand ruhen,

Bis wir Jerusalem errichtet haben

Auf Englands grünem und lieblichem Grund.

Wann immer ich diese Zeilen lese oder das Lied höre, brennen mir die Tränen in den Augen; Jerusalem in England erbauen und die „satanischen Mühlen“ – Blake meinte die Baumwollspinnereien, die mit dem Geld aus dem Sklavenhandel und den Zucker- und Baumwollplantagen errichtet wurden, und in denen Frauen und Kinder schuften mussten – mit geistiger Anstrengung, Schwert und Feuer zu vertilgen, das schien mir als Zehnjährigem ein wunderbares und erreichbares Ziel zu sein.

Dass Jesus mit Joseph von Arimathäa England besucht habe, das galt vielen Engländern als sicher; und das schien auch nicht so abwegig, da viele Engländer – darunter meine Urgroßmutter – auch der Überzeugung waren, wir Engländer seien einer der verlorenen Stämme Israels. Was uns, wie mir meine Urgroßmutter auseinanderlegte, das Recht, nein, die Pflicht gab, das Heilige Land zu erobern und dort eine Heimstatt für unsere weniger glücklichen Brüder, die Juden, einzurichten. Meine Urgroßmutter war damals 99 Jahre alt, und niemand traute ihr zu sagen, dass wir mittlerweile von den anderen Israeliten aus dem Heiligen Land vertrieben worden waren.

Aber ich schweife ab. In „Changing Of The Guards“, meinem Lieblingslied von Bob Dylan, gibt es tatsächlich viele Bilder, die von Blake stammen könnten: Das Feld, wo der gute Hirte – Jesus, zugleich Hirte seines Volks und Lamm Gottes –  trauert, über dem die Banner wehen und wo sich die geflügelten Männer und Frauen ihrer Verzweiflung hingeben; die machthungrigen Händler und Diebe, das nach Wiesen duftende Mädchen; der Ritt an der Zerstörung vorbei, die Engel, die flüsternd frühere Zeiten beschwören, das brennende Paradies und die falschen Götzen und natürlich die Räder von Feuer, das ist Blakes Kampfwagen – und der Wagen, der den Propheten Elias, den Götzenzerstörer und Vernichter ihrer falschen Priester, in den Himmel brachte und wiederbringen wird – und der König und die Königin der Schwerter, die den Frieden bewachen, in dem der bleiche Tod keine Macht hat.

Sixteen years
Sixteen banners united over the field
Where the good shepherd grieves
Desperate men, desperate women divided
Spreading their wings ’neath the falling leaves

Fortune calls
I stepped forth from the shadows, to the marketplace
Merchants and thieves, hungry for power, my last deal gone down
She’s smelling sweet like the meadows where she was born
On midsummer’s eve, near the tower

The cold-blooded moon
The captain waits above the celebration
Sending his thoughts to a beloved maid
Whose ebony face is beyond communication
The captain is down but still believing that his love will be repaid

They shaved her head
She was torn between Jupiter and Apollo
A messenger arrived with a black nightingale
I seen her on the stairs and I couldn’t help but follow
Follow her down past the fountain where they lifted her veil

I stumbled to my feet
I rode past destruction in the ditches
With the stitches still mending ’neath a heart-shaped tattoo
Renegade priests and treacherous young witches
Were handing out the flowers that I’d given to you

The palace of mirrors
Where dog soldiers are reflected
The endless road and the wailing of chimes
The empty rooms where her memory is protected
Where the angels’ voices whisper to the souls of previous times

She wakes him up
Forty-eight hours later, the sun is breaking
Near broken chains, mountain laurel and rolling rocks
She’s begging to know what measures he now will be taking
He’s pulling her down and she’s clutching on to his long golden locks

Gentlemen, he said
I don’t need your organization, I’ve shined your shoes
I’ve moved your mountains and marked your cards
But Eden is burning, either brace yourself for elimination
Or else your hearts must have the courage for the changing of the guards

Peace will come
With tranquillity and splendor on the wheels of fire
But will bring us no reward when her false idols fall
And cruel death surrenders with its pale ghost retreating
Between the King and the Queen of Swords

Ich glaube nicht, dass Dylan je dichter gedichtet hat; die Bilder sind stark und nie ganz auszudeuten, eröffnen Räume, die man wie durch einen dunklen Traum wandert. Der leere Spiegelpalast mit den hundgesichtigen Wachen. Wunderbar.

Daneben gibt es eine Handlung, die ebenfalls traumhaft ist, weil wie im Traum zwei Personen, ich und er – ein betrogener Liebhaber und ein betrügender Liebhaber – ineinander übergehen. Da ist der „Captain“, ein älterer Mann scheinbar, der ein Mädchen liebt, vielleicht schon Hochzeit feiert und ungültig auf die Braut wartet.  Da ist der junge Mann, der dem Mädchen in den Hof folgt, wo ihr, wie bei einer jüdischen Hochzeitsfeier, der Schleier abgenommen wird. Sie wiederum, zerrissen zwischen Jupiter, der Macht, und Apoll, der Schönheit, flieht mit dem goldlockigen Apoll aus dem Palast des Captains und hat irgendwo auf einem Berg im Freien, wo es nach Heidekraut duftet, die Hochzeitsnacht verbracht; sie will wissen, was er jetzt vorhat, vielleicht werden sie gejagt, wovon sollen sie leben, aber er antwortet nicht, sondern zieht sie zu sich herab. Ist Dylan der betrogene Captain? Ist das Bild des Mannes mit den langen blonden Haaren etwas, das ihn quält, eine Vorstellung, die er nicht bannen kann, ein Albtraum? Ist es wichtig?

Denn es gibt schließlich diejenigen, die sagen, dass an dem Lied nichts Mysteriöses sei, dass – beginnend mit „sixteen years“ – Dylan hier die Etappen seiner Karriere und seines Lebens Revue passieren lässt; der Song ist ja von 1978, also sechzehn Jahre, nachdem Dylan aus den Schatten trat – kleine Reminiszenz hier aus dem Lied der Seeräuber-Jenny: „… und werden aus den Schatten treten“ – und den Marktplatz der Eitelkeiten betrat, der Showgeschäft heißt. Dylan, der sich letztlich emanzipieren konnte von den Plattenfirmen, die ihn kontrollieren wollten – „I don’t need your organization“ – und dessen Botschaft im Kern immer lautete: Macht euch auf die Vernichtung gefasst, oder auf den Wechsel: „You’d better start swimming or you’ll sink like a stone, for the times, they are a-changin‘“.

Und warum nicht? Dylan selbst sieht seine eigene Rolle in prophetischen, apokalyptischen Dimensionen, wie Blake. Wenn ich also alle Bilder reduziert habe auf Lebensereignisse, die ich bei Wikipedia nachschlagen kann, muss ich doch wieder zurück in die Bilder.

Und ja, Dylan mag das Christentum als Erlösung empfunden haben vor der Macht dieser Bilder; auf das Album „Street Legal“, wo sich dieser Song befindet, folgte 1979 das Album „Slow Train Coming“, das seine  explizit „christliche Phase“ einleitete. Seit dem 16. Oktober 1978, entnehme ich der offiziellen Website Dylans, hat er den Song nicht mehr gespielt.

Vielleicht beunruhigen ihn die Bilder zu sehr.

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9 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (24): Changing Of The Guards;”

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    Sixteen years
    Sixteen banners united over the field
    Where the good shepherd grieves
    Desperate men, desperate women divided
    Spreading their wings ’neath the falling leaves

    Ein schöner Ort, eine gute Sache, eine Kunst oder ein ehrliches Geschäft. Aber bevölkert von Menschen, die nicht fliegen, sich ausdrücken oder verwirklichen können, aber ihre Flügel ausbreiten wollen. Wo der gute Hirte keine Freude mehr hat. Ein Ort, der verdorben wurde.

    Fortune calls
    I stepped forth from the shadows, to the marketplace
    Merchants and thieves, hungry for power, my last deal gone down
    She’s smelling sweet like the meadows where she was born
    On midsummer’s eve, near the tower

    Es geht zwar um das Musikgeschäft, aber er abstrahiert die Verhältnisse ins allgemeine. Der Ort ist ein Ort, an dem Geld gemacht wird, eine Branche, ein Marktplatz eben und er sieht sie und projiziert Unschuld in sie, in einer Art, wie sie Männern gefällt und die man heute nicht ansprechen sollte. Sie wurde in der Nähe geboren, dh sie arbeitet dort, gehörte irgendwie am Rand dazu. Jobbte oder war Praktikantin. Er ist dort, weil fortune calls, er vom Geld angelockt wurde.

    The cold-blooded moon
    The captain waits above the celebration
    Sending his thoughts to a beloved maid
    Whose ebony face is beyond communication

    The captain is down but still believing that his love will be repaid
    Der Captain ist der Reiche, der Arbeitgeber, die Macht, der sich in das wunderschöne Dienstmädchen (die Praktikantin) verliebt hat. Celebration kann auch der Prunk und das Geld einer Firma sein. Es sieht in ihr das gleiche, wie der Erzähler. Ein Gesicht, das träume lässt. Aber eben auf seine Weise. Er kennt das Leben als Geschäft und wenn er etwas gibt, wird es repaid.

    They shaved her head
    She was torn between Jupiter and Apollo
    A messenger arrived with a black nightingale
    I seen her on the stairs and I couldn’t help but follow
    Follow her down past the fountain where they lifted her veil

    Sie hat den captain geheiratet und dafür wurde ihr Kopf rasiert, dh dass, was ihre Schönheit und Unschuld ausmachte, sollte ihr genommen werden. Neuer Stand, neue Sitten und da werden Persönlichkeiten angepasst. Aber sie wird zerrissen zwischen Pflicht und Macht auf der einen Seite und Apollo, der Schönheit. Reicher Mann, mit dem sie unglücklich ist, und der melancholische Musiker/Underdog/wilde Mann.

    I stumbled to my feet
    I rode past destruction in the ditches
    With the stitches still mending ’neath a heart-shaped tattoo
    Renegade priests and treacherous young witches
    Were handing out the flowers that I’d given to you

    Er hat viel durchgemacht. Ein Veteran zahlreicher Kämpfe um Geld und Macht. Sein Herz verwundet, die Narben an der Stelle. Aber ist es noch ein Herz? Oder ist es nur noch ein Bild seines Herzens, wo seines mal war?

    The palace of mirrors
    Where dog soldiers are reflected
    The endless road and the wailing of chimes
    The empty rooms where her memory is protected
    Where the angels’ voices whisper to the souls of previous times

    Der Erzähler und die schöne Ehefrau des Captains sind in einer Beziehung, dem Spiegelsaal. Sie sind nun gefangen in ihrer Beziehung, sehen sich selbst und was sie da sehen, sind dog soldiers, das Leben geht ja weiter und nach der ersten Liebe ist das Zusammensein ein emotionales Elend, der Alltag, der Kampf ums Geld, Kompromisse. Die Glocken verkünden keine Freude, es ist nur noch Gejammer. Die Liebe verblasst. Sie erinnert sich noch, wie er in sie verliebt war und sie erinnert sich, wie sie ihn geliebt hatte, aber ihre Seele hat sich geändert und die Engel sprechen nicht zu ihr sondern zu dem verliebten Mädchen, dass sie mal war.

    She wakes him up
    Forty-eight hours later, the sun is breaking
    Near broken chains, mountain laurel and rolling rocks
    She’s begging to know what measures he now will be taking
    He’s pulling her down and she’s clutching on to his long golden locks

    Nach einer Liebe, die wie ein Rausch war und im Koma endete (48 hours = nach Suff zwei Tage schlafen), weckt sie ihn. Das Koma war das Leben, das sie geführt haben, obwohl die chains broken waren und Ruhm erlangt. Die Berge, in deren dunklem Tal sie leben (kommt gleich noch) beginnen zu zerbröckeln. Er ist immer noch schön, ein Apollon, und kann sie wieder gewinnen.

    Gentlemen, he said
    I don’t need your organization, I’ve shined your shoes
    I’ve moved your mountains and marked your cards
    But Eden is burning, either brace yourself for elimination
    Or else your hearts must have the courage for the changing of the guards

    Jetzt geht es richtig los. Es gibt kein Richtig im Falschen. Er braucht die Branche, Szene, Korruption, den Mammon nicht. Er hat ihre Berge bewegt (der Weg ist frei) und kennt die Karten, die die Gegner spielen, er ist ihnen einen Schritt voraus. Er macht nicht mehr mit, aber er steigt nicht aus. Er übernimmt die Herrschaft, changing oft he guards. Er läuft nicht weg, er setzt die Gegner nun unter Druck, my way or the highway.

    Peace will come
    With tranquillity and splendor on the wheels of fire
    But will bring us no reward when her false idols fall
    And cruel death surrenders with its pale ghost retreating
    Between the King and the Queen of Swords

    Mit Ruhe und Erhabenheit wird er Frieden bringen, er wird ihre falschen Götter, Mammon, Gier etc zu Fall bringen. Wie er biblischer Prophet wird er über sie kommen, nicht mit Gewalt, sondern einer höheren Gerechtigkeit auf seiner Seite. Der Tod, der seelische, the cruel death, wird zwischen Weisheit und Ideenreichtum verschwinden.

    Und was ist mit ihr? Ach ja, will bring us no reward. Sie ist gar nicht mehr wirklich da, nicht der Rede mehr wert. Er, prophetisch angehaucht und auf Selbstbestätigungs- und Selbstverwirklichungstrip, wusste schon vorher, dass es ihnen kein reward bringen wird, ihre Beziehung nicht zu retten sein wird. Sie trinkt vielleicht. Who cares?

    Der Kreis würde sich schließen, wenn er, nach Jahren der Selbstermächtigung, nun selbst der captain wäre, der ein junges Mädchen sieht, Whose ebony face is beyond communication. Aber vielleicht war Dylon noch nicht an der Stelle im Zyklus. Die Moral von der Geschichte? Es gibt keine innigere und reiner Liebe als zwischen einem Mann der sich für einen Propheten hält, und ihm selbst.

  2. avatar

    Sollte ich ein Bild des Horror und des Irrsinns malen, würde ich den Sprecher von N24 (oder ntv, ich weiß es nicht mehr) malen, der im ruhigen Ton über brechende Tanks berichtet, während neben seinem Kopf das Spruchband „Noch 48 Stunden bis zum Supergau“ eingeblendet ist, fast zwei Tage lang. Wäre es nicht tröstlich zu wissen, dass es irgendwo rote Drachen oder Cthulus gibt, denen es egal ist, ob wir Angst haben oder nicht? Denn, wenn es die gibt, könnten wir etwas mehr hoffen, dass da draußen auch Jesus und die Erlösung auf uns warten. So bleibt nur der Glaube und so auch die Furcht, dass es da draußen eben gar nichts gibt, außer Menschen, die den hellen Tag zum Alptraum machen.

      1. avatar

        Stevanovic meint APocalypse wie Bertolt Brecht; ‚… das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr auffindbar.‘

        General Kujat; ‚Die Waffenlieferungen bedeuten das Gegenteil, nämlich dass der Krieg sinnlos verlängert wird, mit noch mehr Toten auf beiden Seiten und der Fortsetzung der Zerstörung des Landes. Aber auch mit der Folge, dass wir noch tiefer in diesen Krieg hineingezogen werden.

        … es gibt Gründe sich zu fürchten; Olaf Scholz, 22.07.2022; ‚You’ll never walk alone‘

    1. avatar

      Apokalyptisch/fantastische Bilder waren vor dem fortgeschrittenen Informationszeitalter vielleicht beeindruckender. Ich spekuliere, ob Dylan heute, 35 Jahre und ein Internet später,
      auf die gleiche Bildsprache zurückgreifen würde. Und ich versuche seine Bilder in meine zu übersetzen, was natürlich die Gefahr jedes bildgebenden Verfahrens beinhaltet, nämlich zu sehen, was man sehen will. Ich müsste dieses Lied verstehen, was so nicht der Fall ist, und deswegen übersetze ich es, um es zu verstehen…und am Ende fragen Sie mich, was das überhaupt mit dem Lied zu tun hat. Vielleicht habe ich mit Blake einen Filter aufgesetzt, der mich nicht weiterbringt. Vielleicht fällt mir noch was runderes ein.

    2. avatar

      Nachtrag: Blake führt mich vielleicht deswegen vom Dylans Lied weg, weil Blake in der Popkultur der 80er und 90er sehr präsent war (dort, wo ich war) und seine eigene Kodierung hatte. Tatsächlich habe ich mehr darüber nachgedacht als über Dylans Lied. Bekannter wurde Blake durch den Film „Roter Drache“ Anfang 2000…aber ich schweife schon wieder ab. Ich höre mir das Lied die nächsten Tage noch mal an.

    3. avatar

      In letzter Zeit war Ye prominent in den Medien, the artist formaly known as Kanye West. Ich habe ein paar Podcasts, Interviews mit ihm, zu dem Thema angehört und es ging, wenig überraschend, um ihn und sein Verhältnis zum Musikgeschäft. Prince wurde zu the artist formaly known as prince, weil die Redewendung so im Vertrag stand, von dem er sich gelöst hat. Die Sex Pistols haben den Punk im Kampf gegen das Musikgeschäft populär gemacht…es scheint, nach der Liebe und dem Liebeskummer, Künstler nichts so sehr zu inspirieren, wie das Gefühl, um ihr Geld betrogen worden zu sein.
      I stumbled to my feet
      I rode past destruction in the ditches
      With the stitches still mending ’neath a heart-shaped tattoo
      Renegade priests and treacherous young witches
      Were handing out the flowers that I’d given to you
      Die Grupies haben ihn nicht wirklich geliebt und seine Musik sollte ein Geschenk an die Welt sein, dabei wurde sie verramscht…schluchz…schon klar. Ye klärt über die Musik-Juden auf, weil, wenn sie ihn, den Reichen, so behandeln, was machen sie erst mit uns…oje,oje. Ich glaube, jeder, der länger im Musikgeschäft ist, schreibt irgendwann so ein Lied. Nach Jahrzehnten in Büros mit frustrierten Angestellten ist mir die Melodie nicht fremd. Die dichten nur nicht so schön.

    4. avatar

      Ok, ob ein Musiker wirklich glaubt, dass Geschäftspartner den geballten Zorn Gottes verdient haben, ist wahrscheinlich ein Aspekt. Der Beruf bringt vielleicht eine Theatralik mit sich, bleibt dann ja nicht aus. Alles schlimm, klar, aber das Ende ist ja geradezu furchtbar, zumindest, wie ich die Geschichte von Elias kenne.

      Peace will come
      With tranquillity and splendor on the wheels of fire
      But will bring us no reward when her false idols fall
      And cruel death surrenders with its pale ghost retreating
      Between the King and the Queen of Swords

      Es wird keine Revolution und auch kein Konfetti geben. Und eden, das Paradies, ist auch abgebrannt. Die übrig gebliebenen sind klüger und weiser geworden (king and queen of swords – Tarot), bei Elias ja gläubiger, aber sind wir dann noch da? Der cruel death zieht sich zurück, sein bleicher Geist, das Grauen. Aber es gibt kein reward, keiner kommt zurück, der mal reingefallen ist? Death ist ja noch da, wenn auch nicht mehr cruel. Es gab einen unterhaltsamen Film mit Niclas Cage. Außerirdische retten eine Handvoll Menschen und besiedeln einen Planeten neu. Der Rest wird gegrillt. Juhu! Die überlebenden Israeliten haben verstanden, dass Baal Mist ist und…äh…die, die nicht wie Eliah einen Standleitung nach Oben hatten? Vielleicht hinter den Bergen Ziegen hüteten und deswegen die Sache mit Baal…das soll gerecht sein? Gar Trost? Ob Eliah nach jüdischem Glauben die Dummen und Uninformierten erlöst oder ihnen vergeben wird, weiß ich nicht, weil ich die Geschichte nur im christlichen Kontext kenne und weder den ursprünglichen Text noch die jüdische Vorstellung von Jenseits mir bekannt ist. Wie ich die Geschichte von meiner evangelischen Lehrerin gehört habe, war das ein Lehrstück über sola fide (ja, die Hirten und die ohne Satelitentelefon im Urwald haben Pech gehabt) und das glaubte ich ihr schon damals nicht. Der oben ist kein Arschloch. Natürlich sind abgefallene Israeliten, Kommunisten und Katzen im Himmel. Wenn er es darauf anlegt, dass die Leute es wirklich wissen, meldet er sich, wie eben bei Eliah oder Daniel, das Menetekel, den brennenden Büschen. Trompetet den einen mit Posaunen, schweigt zu den anderen über Generationen und wird dann sauer? Wenn es wirklich sola fide wäre, hätte er nicht so oft vorbeigeschaut. Herrjeh, klar hat man Alpträume, wenn man statt Gottvertrauen nur die Gottesfurcht annimmt.

      Aber, mal von solchen Überlegungen abgesehen, der Tod verschwindet zwischen king und queen of swords und das halte ich für ausschlaggebend. Zwischen Vernunft und Ideen verschwindet der cruel death, nicht durch Engel. Dylan bedient sich biblischer Bilder, aber es geht nicht um sie, das Lied ist geerdet. Wie eben Tarot nicht die Zukunft vorhersagt, sondern ein Spiel der Blickwinkel ist. Was auf Neudeutsch voll meta wäre, weil das Nachdenken über sein Lied, den Tarotkarten im Lied entsprechen würde. Autsch, ich geh schlafen.

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