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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (22): The Man In Me

Jan Techau bat mich, etwas zu diesem Song zu schreiben. Dabei wirkt das Lied wie eines, das Bob Dylan geschrieben hat, damit es von einem Mainstream-Pop-Künstler gecovert wird. Nur drei Strophen und ein Bridge. Und ein Text, der wie aus Bausteinen der Fließbandproduzenten des Brill-Building-Pops zusammengesetzt wirkt. Ray Charles hätte daraus eine schöne Country-Nummer machen können; tatsächlich hat Joe Cocker die für mich einzig halbwegs akzeptable Version dieses Songs aufgenommen: als Reggae. (Nachtrag: Singer-Songwriter Stephan Gatti – check out his Facebook page – weist mich darauf hin, dass es wohl die britische Reggae-Band Matumbi war, die zuerst den Song als Reggae aufgenommen hat; deren Version finde ich auch gut, wenn auch nicht so gut wie die von Cocker. Gatti hat auch eine Clash-Version der Matumbi-Vorlage aufgetrieben. Na ja. Aber die Beispiele zeigen, wie potenziell kommerziell die Nummer ist.)

The man in me will do nearly any task
And as for compensation, there’s little he would ask
Take a woman like you
To get through to the man in me

Storm clouds are raging all around my door
I think to myself I might not take it anymore
Take a woman like your kind
To find the man in me

But, oh, what a wonderful feeling
Just to know that you are near
Sets my heart a-reeling
From my toes up to my ears

The man in me will hide sometimes to keep from bein’ seen
But that’s just because he doesn’t want to turn into some machine
Took a woman like you
To get through to the man in me

Die ersten beiden Strophen sind rein konventionell: der hart arbeitende Mann, der wenig Lohn verlangt; der Mann, der viele Probleme hat, vielleicht leicht depressiv ist; die Frau, die ihn versteht. Der Bridge-Teil wiederum beginnt mit einem Zitat aus der Arie „On The Street Where You Live“, die der in Eliza verliebte Freddy Eynsford-Hill in „My Fair Lady“ singt. Dort heißt es: „But oh, the towering feeling / Just to know somehow you are near“. Dylan bespricht die Arie in seiner „Philosophy of Modern Song“.

Alan Jay Lerner reimte auf die erste Zeile seiner Arie: „The overpowering feeling“. Dylan verspottet Lerners drei- und viersilbrige Reimdichoderichfressdich in seinem Buch. Er bedient sich bei Chuck Berry – „reeling and a-rocking‘“ und macht „sets my heart a-reeling“: OK, kann man machen. Die Schlusszeile beim Bridge ist wieder eine Reminiszenz an Freddys Liebesgefühle für Eliza: „But the pavement always stayed beneath my feet before“: Er empfindet die Liebe sozusagen von den Füßen auf, wie hier bei Dylan von den Zehen bis zu den stets für Einflüsse offenen Ohren.

Übrigens ist das Ende von „My Fair Lady“ so ärgerlich, dass es mir fast (aber nur fast) das ganze Musical verdirbt. Anders als in der Vorlage, George Bernard Shaws „Pygmalion“, bleibt Eliza bei ihrem Lehrer, oder kehrt zu ihm zurück. Das Stück schließt mit Henry Higgins‘ Worten: „Eliza, where the devil are my slippers?“ Lerner und sein Komponist Frederick Loewe schrieben anschließend das Musical „Gigi“, in dem auf gerade obszöne Art das Thema junges Mädchen – älterer Mann abgehandelt wird. Schade. Aber zurück zu Dylan:

Der letzte Vers ist, zugegeben interessant: Der Mann, der ich eigentlich bin, versteckt sich zuweilen, weil er nicht eine Maschine werden will: Das klingt wie ein Dylan-Bekenntnis, versteckt in einem Song, der klingt, als wäre er von der Hit-Maschine Nashvilles oder New Yorks produziert worden, und den Dylan zu Recht auf „New Morning“ mit den Textzeilen „La-la-la-la-la-la …“ usw. selbst parodiert.

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Ein Gedanke zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (22): The Man In Me

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    … als ich ‚My Fair Lady‘ das erste Mal gesehen habe, hab‘ ich gedacht, meno Freddy, lass sie gehen, sie ist deiner nicht wert … aaaber meine Frau meint, Freddy war ein Filou. Daher! 😉

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