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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (21) Chimes Of Freedom

Die Synästhesie ist ein gut recherchiertes psychisches Phänomen. Es geht, grob gesagt, um eine Verwechslung oder Vertauschung oder Ergänzung der Sinne. Unter dem Einfluss von LSD kommt das relativ häufig vor. Auf meinem ersten Trip, den ich 1967 oder 1968 in einer Wohnung in der Stephanstraße in Berlin einwarf, konnte ich Musik sehen und fühlen: ein Gitarrensolo von Jimmy Page auf Donovans „Sunshine Superman“ hätte mich buchstäblich beinahe umgebracht.

Bei „Chimes Of Freedom“ geht es um das Hören von Licht, genauer: Dylan und seine Freundin, die auf einem offensichtlich drogengeschwängerten Abendspaziergang in New York von einem Gewitter überrascht worden sind, hören die Blitze als Glockengeläut der Freiheit. Die Litanei der zu Befreienden endet bezeichnenderweise mit dem Wunsch,  „every hung-up person in the whole wide universe“ – jeder verklemmte Mensch im weiten Universum – möge befreit werden. „Everybody must get stoned…“ Anderes Lied, but you get the idea.

Far between sundown’s finish an’ midnight’s broken toll
We ducked inside the doorway, thunder crashing
As majestic bells of bolts struck shadows in the sounds
Seeming to be the chimes of freedom flashing
Flashing for the warriors whose strength is not to fight
Flashing for the refugees on the unarmed road of flight
An’ for each an’ ev’ry underdog soldier in the night
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

In the city’s melted furnace, unexpectedly we watched
With faces hidden while the walls were tightening
As the echo of the wedding bells before the blowin’ rain
Dissolved into the bells of the lightning
Tolling for the rebel, tolling for the rake
Tolling for the luckless, the abandoned an’ forsaked
Tolling for the outcast, burnin’ constantly at stake
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

Through the mad mystic hammering of the wild ripping hail
The sky cracked its poems in naked wonder
That the clinging of the church bells blew far into the breeze
Leaving only bells of lightning and its thunder
Striking for the gentle, striking for the kind
Striking for the guardians and protectors of the mind
An’ the unpawned painter behind beyond his rightful time
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

Through the wild cathedral evening the rain unraveled tales
For the disrobed faceless forms of no position
Tolling for the tongues with no place to bring their thoughts
All down in taken-for-granted situations
Tolling for the deaf an’ blind, tolling for the mute
Tolling for the mistreated, mateless mother, the mistitled prostitute
For the misdemeanor outlaw, chased an’ cheated by pursuit
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

Even though a cloud’s white curtain in a far-off corner flashed
An’ the hypnotic splattered mist was slowly lifting
Electric light still struck like arrows, fired but for the ones
Condemned to drift or else be kept from drifting
Tolling for the searching ones, on their speechless, seeking trail
For the lonesome-hearted lovers with too personal a tale
An’ for each unharmful, gentle soul misplaced inside a jail
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

Starry-eyed an’ laughing as I recall when we were caught
Trapped by no track of hours for they hanged suspended
As we listened one last time an’ we watched with one last look
Spellbound an’ swallowed ’til the tolling ended
Tolling for the aching ones whose wounds cannot be nursed
For the countless confused, accused, misused, strung-out ones an’ worse
An’ for every hung-up person in the whole wide universe
An’ we gazed upon the chimes of freedom flashing

Man vergisst gern, wenn man von Dylan als der Stimme seiner Generation spricht, dass er der weiße Prophet des Kiffens war. Frei sein, high sein… usw. Ich sage „der weiße Prophet“, weil Marihuana unter schwarzen Musikern seit Jahrzehnten im Umlauf war, bevor das Kraut von Dylan und anderen entdeckt und mit Bedeutung aufgeladen wurde. Bekanntlich stammte Dylans frühe Begeisterung für die in der Folk-Szene verachteten Beatles aus einem produktiven Missverständnis: Die ekstatisch wiederholte Zeile „I can’t hide“ aus „I Wanna Hold Your Hand“ hörte Dylan als „I geht high, I get high, I get high!“ Er revanchierte sich, indem er bei seiner England-Tournee 1964 die Beatles mit Cannabis bekannt machte. Schon ihr zweiter Film, „Help!“ zeigt den Einfluss der Droge.

Wie auch die Teile dieses Songs, die beschreiben, wie es war, dem Gewitter zuzuschauen. Irgendein Kritiker meinte hier den Einfluss Arthur Rimbauds auszumachen, und alle späteren Kritiker schreiben das ab, aber ich sehe eher den Versuch, das eigentümlich Zeitlose, Schwebende, Entrückte eines Trips in Worte zu fassen, ähnlich wie die Beschreibung eines Gangs durch die frühmorgendliche Stadt in „Mr Tambourine Man“. „Trapped by no track of hours…“

Hier und in der Zeile, die „the mad mystic hammering“ des Hagels beschreibt, lebt überdies die Lust an der Alliteration, die man bei näherem Hinsehen – auch als Binnenreim – überall im Gedicht findet:  „we ducked inside a doorway“, „bells of bolts struck shadows in the sounds“, „bells before the blowing rain“, „cathedral evening rain unraveled“, „splattered mist was slowly lifting“, „I recall when we were caught“ –  und natürlich „freedom flashing“. Das ist hohe Kunst, und man glaube ja nicht, sie sei nicht gewollt. Dylan hat ein feines Ohr für so etwas und hat in seinem neuen Buch die Musical-Arie „On The Street Where You Live“ (aus „My Fair Lady“) als Fingerübung mit dem Dreisilbenreim – „bother me / rather be“, „street before / feet before“ usw. – beschrieben.

Die Melodie hat Dylan von der Hymne „Chimes of Trinity“ geklaut – „wurde davon inspiriert“, sagen diejenigen, die Dylans „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ (Bertolt Brecht über Bertolt Brecht) nicht so harsch beurteilen mögen wie die Beklauten; und wo die Hymne von G nach D wechselt, wird die Stimmung auch anders, wechseln wir von der psychedelischen Freude am Gewitter in eine kirchliche Litanei der Menschen, die der Freiheit – der Erlösung, sagen wir es nur – bedürfen: Die Krieger, die nicht kämpfen, die Flüchtlinge, die einfachen, unterdrückten Soldaten, die Rebellen und die Lebemänner, die Glücklosen, Verlassenen, Ausgestoßenen, die Milden und Gütigen, die Lehrer („guardians and protectors of the mind“), die missverstandenen Künstler, die frustrierten Leserbriefschreiber und Möchtegernpropheten („the tongues with no place to bring their thoughts“),  die Blinden, Tauben und Taubstummen, die alleinerziehenden Mütter und die Huren, die Leute, die wegen einer bloßen Ordnungswidrigkeit wie Kriminelle verfolgt werden, die Suchenden, die Liebenden mit gebrochenem Herzen, die zu Unrecht Eingesperrten, die psychisch Kranken („the aching ones whose wounds cannot be nursed“) für die Verwirrten, Angeklagten, Missbrauchten und Heroinabhängigen … und die ganze Schar der Verklemmten, die in all den Aufgezählten – viele nennen den Song Dylans Bergpredigt – nur Versager sehen, für die das Einfache – „get born, keep warm, short pants, romance, learn to dance, get dressed, get blessed, try to be a success“ (Subterranean Homesick Blues) – einfach zu schwer zu machen ist.

Die Drogen haben allerdings nichts gelöst. Aber wem sage ich das.

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Ein Gedanke zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (21) Chimes Of Freedom

  1. avatar

    Lustig, einige Debatten hören wohl nie auf. Der eine Teil sieht in neuen Stoffen den Aufbruch in ein spirituelles Zeitalter (heute der Podcaster Joe Rogan mit Pilzen) und feiert alle 10 Jahre die Befreiungen der geistigen Potentiale , für die Säkularen sind das alles nur logische Fortsetzungen des Herrengedeck (Bier und ein Korn).

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