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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (19): Don’t Think Twice, It’s All right

Ich habe diesen Song immer geliebt. So einfach, dabei harmonisch und melodisch so schön. Es tut mir in der Seele weh sagen zu müssen, dass der Sänger ein Arschloch ist, der auch noch stolz darauf ist, ein Arschloch zu sein.

Wobei ich mit „Sänger“ die Kunstperson meine, die hier „ich“ sagt. Wir sind uns einig, dass die Frage, ob das Bob Dylan ist oder nicht, irrelevant ist.

It ain’t no use to sit and wonder why, babe
It don’t matter, anyhow
An’ it ain’t no use to sit and wonder why, babe
If you don’t know by now
When your rooster crows at the break of dawn
Look out your window and I’ll be gone
You’re the reason I’m trav’lin’ on
Don’t think twice, it’s all right

It ain’t no use in turnin’ on your light, babe
That light I never knowed
An’ it ain’t no use in turnin’ on your light, babe
I’m on the dark side of the road
Still I wish there was somethin’ you would do or say
To try and make me change my mind and stay
We never did too much talkin’ anyway
So don’t think twice, it’s all right

It ain’t no use in callin’ out my name, gal
Like you never did before
It ain’t no use in callin’ out my name, gal
I can’t hear you anymore
I’m a-thinkin’ and a-wond’rin’ all the way down the road
I once loved a woman, a child I’m told
I give her my heart but she wanted my soul
But don’t think twice, it’s all right

I’m walkin’ down that long, lonesome road, babe
Where I’m bound, I can’t tell
But goodbye’s too good a word, gal
So I’ll just say fare thee well
I ain’t sayin’ you treated me unkind
You could have done better but I don’t mind
You just kinda wasted my precious time
But don’t think twice, it’s all right

Es gibt im Englischen die Wendung „adding insult to injury“: der Verletzung noch die Beleidigung hinzufügen. Das gilt als nicht fein. Im Deutschen heißt es da eher zustimmend: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Nun, hier fügt ein Mann einer Frau nicht nur die Verletzung zu, sie zu verlassen; er verewigt auch noch seinen Spott in einem Song.

Was aber wirft er ihr vor?

Es bleibt selten unbestimmt. Sie hat ihn „nicht gemein behandelt“; andererseits hätte sie ihn auch besser behandeln können, aber was soll’s. Sie hat seine „wertvolle Zeit verschwendet“: Womit? Viel geredet haben sie ja nicht: lag das an ihr? Wollte sie immer nur schnuckimucki kuscheln, oder wollte er nur etwas von ihr, wenn er geil war? War sie keine Frau, sondern nur „ein Kind“, wie „man mir sagt“? Und wenn ja, wer ist schuld daran, dass es zu einer Liebesbeziehung kam?

Die Anklage wird in einem Satz zusammengefasst: „I give her my heart but she wanted my soul.“ Ja, diese Frauen. Es ist die ewige Klage des genialischen Mannes, der nicht gebunden sein will. Wie ich bei der Besprechung von „It Ain’t Me, Babe“ schrieb:

„Das hier ist … eines dieser frauenfeindlichen Lieder, die Anfang bis Mitte der 1960er Jahren Mode waren: „Girl“ von den Beatles, „Stupid Girl“ von den Stones, „Semi-Detached Suburban Mr James“ von Manfred Mann, und natürlich „Don’t Think Twice, It’s Alright“ vom Meister selbst. In allen diesen Songs wird mehr oder weniger deutlich eine männliche Aggressivität gegen das angebliche Ansinnen der Frau sichtbar, den Mann festzuhalten, zu zähmen, ja auszubeuten.“

https://starke-meinungen.de/blog/2022/12/02/die-philosophie-der-songs-von-bob-dylan-3-it-aint-me-babe/

Hinzu kommt das Motiv des Mannes, der nun einmal ewig weiterziehen muss. Siehe „Ramblin’ On My Mind“ von Robert Johnson, „The Wanderer“ von Dion, „Road Runner“ von Bo Diddley und – anderer Song, gleicher Titel – von Jr. Walker, „Ramblin‘ Man“ von den Allman Brothers, „Ramblin‘ Gamblin‘ Man“ von Pete Seger, „Call Me The Breeze“ von J.J. Cale, usw. usf. Es ist ja immer der Mann: „Papa was a rolling stone“, sangen die Temptations (der Song wurde von Barret Strong mitkomponiert, der auch den Klassiker des Realismus „Money“ zu verantworten hat). Hier zum ersten Mal die emotionalen Schäden dieses männlichen Egoismus schilderten: „Papa was a rolling stone / and when he left / all he left us was alone.“

Die finale Beleidigung ist: „Goodbye’s too good a word babe / So I’ll just say fare thee well.“ Goodbye bedeutet ja „God be with ye“: Gott sei mit dir: zu gut für diese Schlampe, also sage ich nur mach’s gut. Und mach dir keine Gedanken, ist schon OK so.

Arschloch.

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5 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (19): Don’t Think Twice, It’s All right;”

  1. avatar

    Also, ganz ehrlich, ich bin mir nicht sicher, ob das nun wirklich frauenfeindlich ist. Ich kann nur auf meine Beobachtungen zurück greifen und ich würde den Anteil der Männer dieses Zuschnittes auf vielleicht 10% schätzen – dh einer von 10 meiner Bekannten fiel in die im Lied passende Kategorie. Vielleicht etwas mehr oder weniger, wir nannten sie Tarzan. Tarzan schwang sich von Liane zu Liane (von Frau zu Frau) und stieß Brunftschreie aus, und nach jeder Liane verspürte er den Ruf des Dschungels, der Freiheit, um dann die nächste Liane zu ergreifen und nie wieder zurückzublicken. Arschloch. Ich war und bin kleinkariert, das kann man bestimmt auch anders sehen, ich tue es aber nicht. Aber ist es auch frauenfeindlich? Nach meiner Erfahrung ist Tarzan nicht nur gegenüber Frauen so, sondern auch gegenüber seinen Freunden, seinen Kindern und seinen sonstigen Verpflichtungen, solange sie nicht seinen Trieben oder Neigungen entsprechen.
    You’re the reason I’m trav’lin’ on
    Don’t think twice, it’s all right
    Das habe ich im Beruf und Privat oft gehört. Schuld ist der Arbeitgeber, die Schule, das Leben, Putin oder das Produkt zum Abnehmen.
    I’m walkin’ down that long, lonesome road, babe
    Where I’m bound, I can’t tell
    Yeah, er ist nun mal so. Dass er sich auf einer lonesome road befindet, ist bestimmt nicht das Ergebnis eines schlechten One night stands. Unbefriedigender Sex traumatisiert nicht und wirft in der Regel auch niemanden aus der Bahn.
    I’m a-thinkin’ and a-wond’rin’ all the way down the road
    I once loved a woman, a child I’m told
    I give her my heart but she wanted my soul
    Da muss ich wirklich lachen. Eine frühe, unreife Liebe? Er oder sie haben es wie auch immer vergeigt und danach stellt er sich eine carte blanche aus und redet sich ein, dass alles in Ordnung ist, weil er so ist wie er ist und er sich nicht verbiegen lässt? Er war also nicht zu doof eine Beziehung zu führen oder er hat sich nicht zu schnell in die falsche Verliebt oder er ist nicht etwa Schwanz gesteuert? Nein! Er ist Tarzan, der König seines Dschungels, dh der ganzen leeren Straße auf der er sich befindet. Man könnte sagen, auch nachdem er auf allen Ebenen versagt hat, bleibt sein Selbstbild des melancholischen Einzelkämpfers unbeschädigt. Er grübelt über sich die ganze Zeit, ohne über sich nachzudenken.
    „Hinzu kommt das Motiv des Mannes, der nun einmal ewig weiterziehen muss.“ Sagen wir doch eher, eines bestimmten Mannes. In dem Film „The Wanderers“ von 1979 war das Lied die „The Wonderer“ die Titelmusik. Es geht da um Jugendgangs…und kein Wonderer, weit und breit. Lauter Jungs, die Anschluss suchen, Familienersatz, unsicher gegenüber Frauen sind und an der Welt verzweifeln. Sie wünschten sich ein „Wonderer“ zu sein, weil sie das Leben um sich schlecht ertragen konnten. Sie stellen sich Tarzan als glücklichen Menschen vor. Etwas übertrieben und böswillig würde ich sagen, dass das Model Tarzan das Äquivalent zum Ritzen bei Mädchen ist.
    Aber ist das alles tatsächlich frauenfeindlich? Sicherlich sind auf den ersten Blick Frauen die Betroffenen, aber wer fehlt sonst noch auf der lonley road? Vater, Mutter, Nachbarn, Freunde, Brüder, Schwestern…es fehlt ein ganzes Leben auf dieser road. Papa was a rolling stone. Und…ganz ehrlich: Wo kommen die ganzen Frauen her, die von solchen Typen gevögelt werden? Und dann kommen wir zur schmutzigen Wahrheit, dass die Frauen, die sich auf solche Typen, die nach meiner Erfahrung gut zu erkennen sind, „reinfallen“, in Tarzan die Lösung für ihr frustriertes Leben sehen (oder gar ein femininer Tarzan sind) und glauben durch die Kraft ihres Egoismus einen Menschen ändern zu können. Klar Prinzessin, du musst es dir nur wünschen und es ganz dolle wollen, dann werden deine Träume wahr. Ich konnte es nie über mich bringen, diese Frauen wirklich zu bemitleiden. Sie haben gekämpft (mehr oder weniger) und haben verloren. Daraus werden viele klug, dann war so eine Begegnung ein Teil des Reifungsprozesses, an dem sie gewachsen sind und sie wählen sich nun Kämpfe, die sie gewinnen können. Und dann war daran nichts Schlechtes. Oder sie lernen nichts daraus, aber dann sind sie auf ihrer eigenen lonley road und das wäre ein Thema für ein eigenes Lied. Frauen hatten eine Wahl und haben eine falsche getroffen. Passiert, it`s all right. Ohne „adding insult to injury“ wäre der Song nicht aufklärerisch, weil er immer noch verschleiern würde, was man als Frau von solchen Leuten erwarten kann. Dh die Beleidigung hat hier eine Funktion, nicht als verspotten der Verletzten, sondern als Unterstreichung.
    Das Text ist für mich deswegen so eindringlich, weil er ehrlich und ungeschminkt in den Kopf eines Tarzan blicken lässt. Ja, so wird es wohl darin aussehen. Keine Liebe, keine Bindung, eine lonley road. Und so ist das Leben nicht, so sind „die“ Männer nicht und nicht alle Frauen fallen darauf herein. Und würde jeder Tarzan so ehrlich sein, würden ihn Jungs nicht bewundern, würden Mädchen sich nicht an ihnen abarbeiten.
    Der Song ist unangenehm ehrlich, er klärt auf, aber frauenfeindlich ist er nicht. Zumindest höre ich ihn heute so, ob er vor einem halben Jahrhundert so gemeint war und so gehört wurde, keine Ahnung. Vielleicht mochte Dylan Tarzan und bewunderte ihn. Aber dann wäre da vielleicht nicht diese Traurigkeit, diese Einsamkeit. Und dass die meisten Jungs auf Tarzan machen, um dann, wenn ihre Liebe erwidert wurde, verlässliche Männer zu werden, dass wusste auch Dylan. Ob er das gut fand, keine Ahnung.
    Dylan lässt Tarzan auch einfach gehen, wegen seiner selbst. Er gibt nur sich nicht die Schuld. Welch ein Unterschied zu dem aggressiven Texten des Rap, der hemmungslos die Frau in Form prügelt. In diesem Lied geht es nicht um die Form. Vielleicht mache ich da aus meiner Perspektive unterschiede, wo keine sind. Ich glaube aber, dass zwischen Tarzan und Frauenschlägern ein gewichtiger Unterschied ist. Frauenschläger brauchen Frauen, Tarzan ist einfach lonley. Ein Arschloch, klar. Aber er nimmt Frauen nicht wirklich wahr, während Frauenschläger doch sehr viel Zeit und Kraft in ihre Frauen investieren, ohne sie nicht die sind, die sie sind. Tarzan benutzt Menschen, der maskuline Rapper bricht sie.
    Nicht nur aus Mode sollte man auch wahrnehmen, dass in der schönen neuen diversen Welt die Probleme mit diesem Thema nicht verschwunden sind. Der Tarzan kann auch schwul sein und die Frau ein Mann. Oder auch beide Frauen. Promiskuität und die egoistische Freiheit sind nur dann reizvolle Konzepte, wenn man die Einsamkeit des Promisken ausblendet und die Enttäuschten am Wegesrand ignoriert. Heute kann man diesen Song ruhig auf alle Spielarten des Lebens ausweiten, das war in 60ern bestimmt nicht so. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nicht glaube, dass nach der progressiven, liberalen Revolution die Menschen mehr lachen oder das mit dem persuit of happiness nun besser klappen würde. The time they are a changin. Nicht überall. Freedom is just another word for nothing left to loose und das wird sich im Zwischenmenschlichem auch so schnell nicht ändern. Auch wenn nun alle und jeder heute Tarzan sein dürfen, was gut so ist, aber an der Grundkonstellation eben nichts ändert.
    Watchtower gefällt mir als Song von Dylan am besten, auch wenn er nicht aufklärt, sondern den Quark feiert, Hendrix machte daraus eine wunderschöne Hymne. Dieses Lied hat mir ein Freund mit gebrochenen Herzen vorgespielt. Es ist für mich das weiseste Lied von Dylan. There is no glory in diesem Zusammenhang. Seine Gitarre und die Harmonika untergraben jeden versuch, es cool sein zu lassen. Freiheit hat sich selten so traurig angehört. Aber das war eine ganze Genration nach der Veröffentlichung, keine Ahnung, ob das Dylan so meinte und ob es seinerzeit so verstanden werden konnte.
    Kann alles ganz anders sein.

    1. avatar

      Da fällt mir die erste Folge von „Sex and the City“ ein.
      Die vier Damen entschließen sich, wie die Männer, nun keine Beziehungen mehr zu führen, sondern von einem zum anderen zu springen. Und der erste Konflikt der sich ergibt ist jener, wo ein Mann eine feste Beziehung mit einer der Protagonistinnen führen will, sie aber weiter hüpfen will (wie die Männer?!).
      Das war dann auch meine letzte Folge.

  2. avatar

    APo: ‚Die finale Beleidigung ist: „Goodbye’s too good a word babe / So I’ll just say fare thee well.“ Goodbye bedeutet ja „God be with ye“: Gott sei mit dir: zu gut für diese Schlampe, also sage ich nur mach’s gut. Und mach dir keine Gedanken, ist schon OK so.
    Arschloch.‘

    … nein, das ist keine finale Beleidigung. Eher eine Urteil. Sie selber, APo, schreiben … Die Anklage wird in einem Satz zusammengefasst: „I give her my heart but she wanted my soul.“ Die Seele.

    … und wer die Seele will – dagegen ist Faust‘ Mephisto ein Würstchen – hatten ‚wir‘ hier schon.

    … meine ich.

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