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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (17): Idiot Wind

OK, also „Idiot Wind“. Kleiner Tipp: ich rede hier zwar selten von der Musik, aus Gründen, aber die Fassung auf „More Blood, More Tracks – The Bootleg Series Vol. 14“ ist viel schöner als die kanonische Aufnahme auf dem Album „Blood On The Tracks“. Vor allem singt Dylan auf dem ursprünglichen Take nicht ständig „yiddiot wind“, als wollte er etwas gegen „yids“ sagen (und nein, daraus werde ich keine Interpretation basteln).

Die schönste Strophe dieses Songs ist gleich die erste:

Someone’s got it in for me, they’re planting stories in the press
Whoever it is I wish they’d cut it out but when they will I can only guess
They say I shot a man named Gray and took his wife to Italy
She inherited a million bucks and when she died it came to me
I can’t help it if I’m lucky

Hier taucht der „idiot wind“ als Gerücht auf, als Shit-Storm. Ob mit „a man named Gray“ der Dylanologe Michael Gray gemeint ist, sei dahingestellt. Als sie sich begegneten, soll der völlig überwältigte Gray in Anspielung auf dieses Lied gesagt haben: „Mein Name ist Gray, und Sie können meine Frau mitnehmen, wohin sie wollen.“ Ein bisschen klingen hier auch die in Italien spielenden Tom Ripley-Geschichten von Patricia Highsmith an. Das Schönste an der Strophe ist nämlich die Ripleyeske Punchline: „Was kann ich dafür, dass ich Glück habe?“ Groß. Vielleicht stimmen ja die Gerüchte…

People see me all the time and they just can’t remember how to act
Their minds are filled with big ideas, images and distorted facts
Even you, yesterday you had to ask me where it was at
I couldn’t believe after all these years, you didn’t know me better than that
Sweet lady

Der Ich des Songs beklagt er die Bilder, Vorurteile und verzerrte Fakten, die über ihn im Umlauf sind, die Tatsache, dass ihm niemand natürlich begegnet; ja er zitiert einen seiner bekanntesten Lieder, „Ballad Of A Thin Man“, wo es um einen Journalisten geht, der gern Teil der Künstler- und Drogenszene wäre: „You raise up your head and you ask, „Is this where it is?““; und auch noch die nächste Zeile könnte sich an die Fans richten, die ihn nach all den Jahren nicht besser verstehen. Doch dann fügt er sarkastisch hinzu: „sweet lady“. Und schon sind wir woanders.

Idiot wind, blowing every time you move your mouth
Blowing down the backroads headin’ south
Idiot wind, blowing every time you move your teeth
You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe

Die meisten Dylanologen sind sich einig, dass Dylan in diesem Song die Trennung von seiner ersten Frau Sara – geboren Shirley Nozinsky, den Namen wäre ich auch möglichst schnell losgeworden – verarbeitet; der Song soll ein kaum verstecktes Hasslied auf die ehedem geliebte Frau sein; das Gegenstück zu „Sad-Eyed Lady of The Lowlands“ oder eben „Sara“. Man verweist auch auf den Einfluss des Malers Norman Raeben, Sohn des ukrainisch-russischen Schriftstellers Scholem Alejchem, bei dem Dylan um diese Zeit Malunterricht nahm. Eines der Lieblingswörter Raebens soll „Idiot“ gewesen sein, was ich auch von einigen heutigen russischen Emigranten kenn, die an ihrem Gefühl kultureller Überlegenheit gegenüber dem konsumistischen Westen, der überdies ihr Genie nicht anerkennt, zu ersticken drohen. Dylan selbst sagte, Raeben habe ihn derart beeinflusst, dass ihn von da an seine eigene Frau nicht mehr verstanden habe. Übrigens schrieb Alejchem auf Jiddisch. „Yiddiot“ wind. Just sayin‘ …

Aber die Frage ist: Was wissen wir, wenn wir den Anlass eines Songs kennen? Nicht viel. „How Do You Sleep?“ ist natürlich ein gegen Paul McCartney gerichteter Song. Die Anspielungen auf „Yesterday“, „Another Day“ und die „Paul is dead“-Gerüchte sind unüberhörbar. Aber John Lennon sagte später dazu, er habe nur seinen Groll benutzt, um einen Song zu schreiben. Es wäre auch umgekehrt blöd gewesen, einen Song zu schreiben, um McCartney seinen Groll mitzuteilen. Wie Sam „Ars gratia artis“ Goldwyn sagte: Wer eine Botschaft übermitteln will, soll ein Telegramm schicken. Oder anrufen, was auch immer.

Funktioniert „How Do You Sleep?“ auch ohne dass man weiß, es handele sich um eine Auseinandersetzung Lennons mit seinem besten Freund und Erzrivalen? Ich weiß nicht. Vielleicht. McCartneys sehr versöhnliche Erwiderung, „Let Me Roll It“, funktioniert jedenfalls für sich, auch wenn man mehr vom Song hat, wenn man hört, wie McCartney alle Lennon-Tricks in den Song einbaut, nach dem Motto: Du kritisierst meine Sachen als „Muzak“, aber was du kannst, das kann ich nicht nur, ich mache das sogar mit links.

Es gibt natürlich Songs und Gedichte, deren Anlass man kennen muss, weil sie nur für den Anlass geschrieben wurden: „Attica State“ von John Lennon etwa, oder „The Ballad of John And Yoko“. Solche Gelegenheitsdichtungen – neulich las ich ein Gedicht von Theodor Fontane, das er geschrieben hat um die Leipziger Schiller-Gesellschaft zu persiflieren, die mit viel Geld eine Weste des verehrten Dichters erworben hatte – haben ihre Berechtigung, aber sie überdauern den Anlass nicht und wollen ihn nicht überdauern.

Solche Songs hat Dylan eher selten geschrieben. Wenn „Hurricane“ nicht so eine verdammt gute Ballade wäre, würde ich sie in diese Kategorie einordnen. „Idiot Wind“ gehört aber definitiv nicht in diese Kategorie, und schon die nächste Strophe führt uns ganz weit weg von einem Scheidungskrieg zwischen Mr und Mrs Dylan:

I ran into the fortune-teller, who said beware of lightning that might strike
I haven’t known peace and quiet for so long I can’t remember what it’s like
There’s a lone soldier on the cross, smoke pourin’ out of a boxcar door
You didn’t know it, you didn’t think it could be done, in the final end he won the wars
After losin’ every battle

Der „einsame Soldat“ auf dem Kreuz, der den Krieg gewinnt, nachdem er jede Schlacht verloren hat, ist natürlich Dylans Held Jesus; wer aber hier „you“ ist, das ist nicht so klar: vielleicht eben der „Idiot Wind“, der damalige Zeit-Geist. Und auch die nächste Strophe ist ganz woanders:

I woke up on the roadside, daydreamin’ ’bout the way things sometimes are
Visions of your chestnut mare shoot through my head and are makin’ me see stars
You hurt the ones that I love best and cover up the truth with lies
One day you’ll be in the ditch, flies buzzin’ around your eyes
Blood on your saddle

Ist „Chestnut Mare“ eine Anspielung auf den Song der Byrds? Geschrieben wurde er von Jim McGuinn und Jacques Levy für ein geplantes Rock-Musical, dessen Handlung an Henrik Ibsens „Peer Gynt“ angelehnt sein sollte. Tatsächlich ist die halb surrealistische Handlung von „Peer Gynt“ mindestens so relevant für das Verständnis dieses Songs wie das Scheitern von Dylans Ehe. „Eines Tages wirst du im Graben liegen, Fliegen summen dir um die Augen, an deinem Sattel klebt Blut“: Das ist bestimmt nicht an Sara gerichtet.   

Idiot wind, blowing through the flowers on your tomb
Blowing through the curtains in your room
Idiot wind, blowing every time you move your teeth
You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe

Überhaupt muss man hier vorgreifen und die letzte Zeile kennen: „Wir sind Idioten, es ist ein wunder, dass wir uns selbst füttern können“. Die Anklage trifft auch den Sänger.

It was gravity which pulled us down and destiny which broke us apart
You tamed the lion in my cage but it just wasn’t enough to change my heart
Now everything’s a little upside down, as a matter of fact the wheels have stopped
What’s good is bad, what’s bad is good, you’ll find out when you reach the top
You’re on the bottom

Die ersten beiden Zeilen klingen nach Abrechnung mit einer Beziehung, die an der Schwerkraft und am Schicksal gescheitert ist; auch das abgedroschene Bild von der Frau, die den Mann „zähmt“ – siehe „Don’t Think Twice“, „It Ain’t me, Babe“ usw. – darf hier nicht fehlen; aber die drei letzten Zeilen sind wieder woanders, eher bei Peer Gynt, einer Geschichte von Aufstieg und Fall: Gut ist böse und böse ist gut, das kommt nicht nur bei „Sympathy For The Devil“ vor – „Just as all the cops are criminals / And all the sinners saints“ – , sondern auch bei William Shakespeares „Macbeth“, wo die Hexen zu Beginn des Dramas krächzen: „Fair is foul and foul is fair“. Eine Zweideutigkeit, die Macbeth erst erkennt, als er „the top“ – die Königskrone – erreicht hat. Bekanntlich ist es einsam da oben.  „Du bist unten“: Wen meint er? Bestimmt nicht Sara.

I noticed at the ceremony, your corrupt ways had finally made you blind
I can’t remember your face anymore, your mouth has changed, your eyes
don’t look into mine
The priest wore black on the seventh day and sat stone-faced while the
building burned
I waited for you on the running boards, near the cypress trees, while the
springtime turned
Slowly into Autumn

Da sitzt einer auf dem Trittbrett eines Autos – wir sind nicht mehr in der Gegenwart, Trittbretter hatten die Autos seit den 1950er Jahren nicht mehr – bei den Zypressen – sind wir wieder in Italien? Ein Priester trägt am Sonntag schwarz, was nicht wirklich überrascht, und sitzt untätig herum, während das Gebäude abbrennt. Es ist ja Sonntag, da sollst du ruhen. Derweil geht der Frühling unmerklich in den Herbst über. Wie es im Leben so geht.

Idiot wind, blowing like a circle around my skull
From the Grand Coulee Dam to the Capitol
Idiot wind, blowing every time you move your teeth
You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe


Der große Staudamm über den Columbia-Fluss – „Grand Coulee Dam“ – wurde von Dylans frühem Helden Woody Guthrie als ein achtes Weltwunder besungen. Zu Recht. Tatsächlich hat der im Rahmen von Franklin Roosevelts New Deal – daher der Hinweis auf das Capitol in Washington – errichtete Staudamm den Strom für die Industrialisierung des Nordwestens der USA geliefert, insbesondere aber für die Boeing-Werke in Seattle und für die Plutoniumproduktion in Hanford: Für die Atombombe also und die Bomber, die sie nach Japan brachten. Außerdem mussten 3000 Native Americans ihr Land verlassen, um dem Stausee Platz zu machen. „What’s good is bad, what’s bad is good.“


I can’t feel you anymore, I can’t even touch the books you’ve read
Every time I crawl past your door, I been wishin’ I was somebody else instead
Down the highway, down the tracks, down the road to ecstasy
I followed you beneath the stars, hounded by your memory
And all your ragin’ glory

I been double-crossed now for the very last time and now I’m finally free
I kissed goodbye the howling beast on the borderline which separated you from me
You’ll never know the hurt I suffered nor the pain I rise above
And I’ll never know the same about you, your holiness or your kind of love
And it makes me feel so sorry

Idiot wind, blowing through the buttons of our coats
Blowing through the letters that we wrote
Idiot wind, blowing through the dust upon our shelves
We’re idiots, babe
It’s a wonder we can even feed ourselves

Erst hier scheint der Song persönlich zu werden, den existenziellen Ekel und die plötzliche Fremdheit zu beschreiben, der den Tod der Liebe begleitet. Dabei ist er gerade hier sehr fair: Du wirst nie wissen, welchen Schmerz ich überwinden musste – und ich werde das nie von dir wissen. Das ist das Traurige. Plötzlich wirkt alles schal, der Wind des Zeitgeists, der Wind der Idiotie weht durch unsere Liebesbriefe, die plötzlich lächerlich wirken.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

So Erich Kästner in der Sprache und Bildwelt der Neuen Sachlichkeit.

Irgendwo las ich, „Idiot Wind“ sei Dylans „persönlichstes“ Lied. Ich war versucht zu schreiben, im Gegenteil, es ist sein unpersönlichstes. Aber die Kategorie „persönlich“ ist irrelevant. Dylan selbst sagte, er wollte einen Song schreiben, in dem man sich verlieren könne wie in einem Gemälde von Paul Cézanne. Ich finde, das ist ihm bei „Changing Of The Guard“ besser gelungen als hier; aber es ist ein guter Versuch.

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2 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (17): Idiot Wind;”

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