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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (16): Blowin‘ In The Wind

Stephan Gatti hatte mich aufgefordert, etwas zu „Idiot Wind“ zu schreiben, und dem komme ich gern nach. Nur muss ich vorher etwas über die Bedeutung des Winds bei Bob Dylan schreiben. Weltberühmt wurde er schließlich als Songwriter des Mega-Hits „Blowin‘ In The Wind“. Nicht seine Version schaffte es in die Charts, sondern die gefälligere des New Yorker Folk-Trios „Peter, Paul & Mary“, die den gleichen Manager hatten wie Dylan: Albert Grossman. In der Folge wurde der Song von allen möglichen und unmöglichen Leuten gecovert. In Deutschland wurde vor allem die Version von Marlene Dietrich gern im Radio gespielt:

Wie viele Straßen auf dieser Welt
Sind Straßen voll Tränen und Leid?
Wie viele Meere auf dieser Welt
Sind Meere der Traurigkeit?

Wie viele Mütter sind lang schon allein
Und warten und warten noch heut?
Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind
Die Antwort weiß ganz allein der Wind

Wie viele Menschen sind heut noch nicht frei
Und würden so gerne es sein?
Wie viele Kinder gehen abends zur Ruh
Und schlafen vor Hunger nicht ein?

Wie viele Träume erflehen bei Nacht
Wann wird es für uns anders sein?
Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind
Die Antwort weiß ganz allein der Wind

Wie große Berge von Geld gibt man aus
Für Bomben, Raketen und Tod?
Wie große Worte macht heut mancher Mann
Und lindert damit keine Not

Wie großes Unheil muss erst noch geschehen
Damit sich die Menschheit besinnt?
Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind
Die Antwort weiß ganz allein der Wind

Der deutsche Text bringt das Unangenehme des Songs auf den Begriff. Man muss sich nicht einbilden, auf Englisch wäre er viel besser. Au contraire.

How many roads must a man walk down
Before you call him a man?
How many seas must a white dove sail
Before she sleeps in the sand?
Yes, and how many times must the cannonballs fly
Before they’re forever banned?

The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Das ist natürlich alles Unsinn. Ob ein Mensch – oder ein Mann – als Mensch – oder Mann – anerkannt wird, hängt nicht davon ab, wie viele Straßen er abgelaufen hat. Tauben sind keine Meeresvögel, und die meisten bauen ihre Nester nicht im Sand. Und was Kanonenkugeln angeht, so werden sie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr benutzt. Die braucht man also nicht zu verbieten.

Yes, and how many years must a mountain exist
Before it is washed to the sea?
And how many years can some people exist
Before they’re allowed to be free?
Yes, and how many times can a man turn his head
And pretend that he just doesn’t see?

The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Auch Quatsch. Man kann ziemlich genau die Erosionsgeschwindigkeit eines Bergs berechnen. Und was „some people“ (a people?) angeht: solange man ihnen „erlaubt, frei zu sein“, sind sie nicht frei. Die einzige Zeile im ganzen Song, die nicht peinlich ist – „How many times can a man turn his head / And pretend that he just doesn’t see?“ – führt dann wieder zur unsinnigen Frage, wie oft man nach oben gucken muss, bevor man den Himmel sieht. Antwort: wenn man draußen ist; einmal; drinnen wiederum kannst du so oft du willst nach oben gucken, du siehst nur die Decke. Und zum ungewollt komischen Bild des Menschen mit multiplen Ohren. Die Schlussbehauptung wiederum, dass „zu viele Menschen gestorben“ seien, mag stimmen. Allein, was folgt daraus?

Yes, and how many times must a man look up
Before he can see the sky?
And how many ears must one man have
Before he can hear people cry?
Yes, and how many deaths will it take ‚til he knows
That too many people have died?

The answer, my friend, is blowin‘ in the wind
The answer is blowin‘ in the wind

Also, ein lyrisches Glanzlicht ist das ganze Ding nicht, und wenn es noch so oft von noch so vielen Promis mit noch so innigem Pathos gesungen wird. Und natürlich ist es Unsinn, dass die Antworten auf diese Fragen – falls es darauf Antworten gibt, ich meine Menschen haben nun einmal nur zwei Ohren, zum Beispiel – „im Wind wehen“ oder ganz allein vom Wind gewusst wären. Als Dylan fragte, „how many years must some people exist / Before they’re allowed to  be free?“ gab es ja in den USA eine immer stärker werdende Bürgerrechtsbewegung gegen die Apartheid in den Südstaaten, und außerhalb der USA erstarkende antikoloniale Bewegungen, die in vielen Ländern – Israel, Indien, Ghana, Indonesien, Malaysia usw. – bereits erfolgreich gewesen waren.

Die Antwort müsste also, statt des resignierenden Hinweises auf den Wind, lauten: Das hängt von uns ab. We shall overcome. Freilich ist das folgenlose Jammern über das unausrottbar Böse in der Welt erheblich bequemer und darum auch kommerziell attraktiver als ein Aufruf, das eigene Leben zu ändern und dadurch zur Veränderung der Welt beizutragen. „Wie viele Grad muss die Welt sich erwärmen … Die Antwort weiß ganz allein der Wind.“ Na, wenn det so is, koof ick mir’n Porsche. „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“

Vielleicht nimmt Dylan hier den Standpunkt des Kohelet ein, der König in Jerusalem war, großen Besitz anhäufte, alle Freuden der Welt genoss, alles Wissen der Welt erwarb, sich guten Taten widmete und am Ende erkannte: „Alles ist Windhauch.“ In der Version der King James Bible, die Dylan oft als Quelle dient: „All is vanity and grasping after wind“. Wie es etwa Donovan, der zu Beginn seiner Karriere als „der englische Dylan“ vermarktet wurde, in einem sehr schönen Song über unerwiderte Liebe formulierte: „Ah but I may as well try and catch the wind.“

Nicht zufällig wird der Song in vielen christlichen Kirchen auch als Hymne gesungen. Nachdem Dylan 1997 vor ihm – und dem späteren Papst Joseph Ratzinger, der nicht amüsiert war – aufgetreten war, erklärte Papst Johannes Paul II, die Antworten auf alle Fragen liege tatsächlich im Wind – im „Wind des Geistes“, der die Menschen zu Christus führe. Vermutlich spielte der polnische Papst auf das hebräische Wort „Ruach“ an, das im „Alten“ Testament den „Atem“ oder „Hauch“ Gottes, einen durch Gott erzeugten „Wind“ meint; manche christlichen Exegeten wiederum sehen hier eine Verbindung zum Heiligen Geist, der zu Pfingsten als „Wind“ herabkam und die Jünger befähigte, in Zungen zu sprechen und die Botschaft Jesu aller Welt zu verkünden.

Vielleicht aber meinte Dylan – und man muss hier betonen, dass es gar nicht darauf ankommt, was „uns der Dichter sagen wollte“, sondern was uns die Dichtung sagt, sofern wir unsere Interpretation mit dem, was dasteht, in Einklang bringen können – weder den Windhauch des Kohelet noch den Atem Gottes, sondern das, was der britische Premier Harold MacMillan zwei Jahre zuvor bei einer Rede vor dem Parlament Südafrikas erklärt hatte: „The wind of change is blowing through this continent. Whether we like it or not, this growth of national consciousness is a political fact.“

The wind of change. Die Antwort, mein Freund, spürst du schon im Wind. The times, they are a-changin‘. Oder wie Walter Benjamin über den Engel der Geschichte schrieb: „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Dass Dylan jenen Wind gemeint haben könnte, der „unabhängig davon, ob wir es mögen oder nicht“, die Geschichte vorantreibt, geht aus dem Song „Forever Young“ hervor, wo es unter den Segenswünschen heißt: „May you have a strong foundation / When the winds of changes shift“. Hoffentlich hast du ein festes Fundament, wenn die Winde der Veränderung – die Pluralbildung ist schon genial, das muss man Dylan lassen – die Richtung ändern. Wenn sich also der Zeit-Geist ändert und einem plötzlich ins Gesicht weht, vom Weg abbringt, dorthin trägt, wo man nicht sein will, als Shit-Storm daher kommt.

Womit wir endlich bei „Idiot Wind“ wären. Nächstes Mal.

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3 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (16): Blowin‘ In The Wind;”

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    … war klar. Im (Werte)Westen nix Neues. Keine Ideologie mag Dylans Blowin‘ In The Wind. Die Ideologen haben auf alles eine Antwort; sie wissen wie lange cannonballs in der Kokaine fliegen müssen, wozu KZ, Gulag und 150’000’000 (150 Millionen) ermordete Menschen, allein im 20. Jahrhundert, ‚gut‘ waren.

    … ich wünsche mir im 21. Jahrhundert mehr Bob Dylan. Der Mensch nicht dem Cyborg weicht, sich nicht Schwab, dem sich selbst erhöhten ‚Superhirni‘ vom WEF und seinem Chefberater Harari; ‚… wenn wir Erfolg haben, und die Chancen stehen gut, werden wir bald über den Gott der Bibel hinaus sein …‘ und andere unterwirft.

    Harari will Menschen in dem vom ihm propagierten ‚Transhumanismus‘ – das ist eine seelenlose ‚Mischung aus Computerchips und Hackfleisch‘ – nicht mehr brauchen; ‚… ‚wir‘ brauchen die große Mehrheit der Bevölkerung nicht … die größte Frage ist, was man mit diesen nutzlosen Menschen machen soll. Das Problem ist eher die Langeweile und was man mit ihnen macht, wenn sie wertlos sind. Mein bester Tipp ist eine Kombination aus Drogen und Computerspielen … die meisten Menschen werden wirtschaftlich nutzlos und politisch machtlos sein … wir beginnen, eine neue Klasse von Menschen zu sehen. Die nutzlose Klasse‘.

    … geht ’s noch?

  2. avatar

    Vielleicht inspirierte ihn das Buch Genesis 8 („And God made a wind blow over the earth, and the waters subsided“ 2, so übersetzt in der ESV).
    Daran angelehnt, ergibt die weiße Taube einen Sinn. Seefahrer setzten Tauben zur Orientierung ein, die fliegen immer in Richtung Land, so sendet sie auch Noah aus. Beim ersten Flug kehrt die Taube aufs Schiff zurück. Beim zweiten Flug bringt die Taube einen frischen Olivenzweig, beim dritten Flug bleibt die Taube fern, an Land, möglicherweise auf Sand…

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