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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (15) A Hard Rain’s Gonna Fall

Als Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur bekam, schickte er Patti Smith, um den Preis für ihn abzuholen. Der Meister selbst hatte „andere Verpflichtungen“. Beim offiziellen Bankett trug der US-Botschafter Dylans – übrigens hoch interessante, wenn auch teilweise aus einem Literaturtextbuch für Schüler abgeschriebene – Nobelpreisrede vor. Smith sang „A Hard Rain’s Gonna Fall“, begleitet vom Royal Symphony Orchestra. Und verhaspelte sich bei der zweiten Strophe. So von wegen: „But I’ll know my song well before I start singin’“. Vielleicht war es aber auch eine Freud’sche Fehlleistung. Denn bei ihrer ersten Begegnung anno 1974 hatte Dylan sie als „Poetin“ angesprochen; und sie, die Punk-Rebellin, hatte erwidert: „Ich hasse die Poesie!“

Oh, where have you been, my blue-eyed son?
Oh, where have you been, my darling young one?
I’ve stumbled on the side of twelve misty mountains
I’ve walked and I’ve crawled on six crooked highways
I’ve stepped in the middle of seven sad forests
I’ve been out in front of a dozen dead oceans
I’ve been ten thousand miles in the mouth of a graveyard
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, and it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall

Oh, what did you see, my blue-eyed son?
Oh, what did you see, my darling young one?
I saw a newborn baby with wild wolves all around it
I saw a highway of diamonds with nobody on it
I saw a black branch with blood that kept drippin’
I saw a room full of men with their hammers a-bleedin’
I saw a white ladder all covered with water
I saw ten thousand talkers whose tongues were all broken
I saw guns and sharp swords in the hands of young children
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall

And what did you hear, my blue-eyed son?
And what did you hear, my darling young one?
I heard the sound of a thunder, it roared out a warnin’
Heard the roar of a wave that could drown the whole world
Heard one hundred drummers whose hands were a-blazin’
Heard ten thousand whisperin’ and nobody listenin’
Heard one person starve, I heard many people laughin’
Heard the song of a poet who died in the gutter
Heard the sound of a clown who cried in the alley
And it’s a hard, and it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
And it’s a hard rain’s a-gonna fall

Oh, who did you meet, my blue-eyed son?
Who did you meet, my darling young one?
I met a young child beside a dead pony
I met a white man who walked a black dog
I met a young woman whose body was burning
I met a young girl, she gave me a rainbow
I met one man who was wounded in love
I met another man who was wounded with hatred
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
It’s a hard rain’s a-gonna fall

Oh, what’ll you do now, my blue-eyed son?
Oh, what’ll you do now, my darling young one?
I’m a-goin’ back out ’fore the rain starts a-fallin’
I’ll walk to the depths of the deepest black forest
Where the people are many and their hands are all empty
Where the pellets of poison are flooding their waters
Where the home in the valley meets the damp dirty prison
Where the executioner’s face is always well hidden
Where hunger is ugly, where souls are forgotten
Where black is the color, where none is the number
And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it
And reflect it from the mountain so all souls can see it
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin’
But I’ll know my song well before I start singin’
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard
It’s a hard rain’s a-gonna fall

Warum „Hard Rain“? Dylanologen verweisen auf die zur Entstehungszeit – 1962 – verbreitete Angst vor radioaktiven Wolken nach den Atombombentests in der Atmosphäre. Später schien der Refrain auf den sauren Regen zu passen, noch später dann zum Klimawandel. Bloß dass der sonstige Text stört: das von Wölfen gehütete Kind, die Jungfrau mit dem brennenden Körper, die zehntausend Redner mit gebrochenen Zungen, die hundert Trommler mit brennenden Händen, die Männer mit blutenden Hämmern, die zwölf Berge und sieben Wälder, die Leiter im Wasser, die menschenleere Straße voller Diamanten, die alles verschlingende Flutwelle, das Mädchen, das einen Regenbogen schenkt.

Es sind apokalyptische Bilder; und der harte Regen, das ist Gottes Zorn, der in Kapitel 16 der Offenbarung des Johannes von sieben Engeln über die Erde ausgegossen wird. „The Lord’s burning rain“ wird auch in Gram Parsons großartigem Song „Sin City“ beschworen (bitte die Version von Emmylou Harris hören), wo der Stadt der Ungläubigen mit Zerstörung gedroht wird; und das Bild der sieben Engel kehrt in „Seven Spanish Angels“ wieder, einem wunderbar kitschigen Gunfighter-Song, den Bob Dylan leider weder geschrieben noch gecovert hat. Nicht also, weil die Menschen mit Atombomben oder dem Weltklima spielen, und das Trinkwasser vergiftet ist, regnet Gottes Zorn auf sie herab, sondern weil ein Dichter in der Gosse endet, ein Clown weint (ja, das sind entsetzliche Klischees, halb verdauter Verlaine oder Baudelaire oder wahrscheinlicher „Die Kinder des Olymp“ in irgendeiner Nachmittagsvorstellung in Greenwich Village); nicht weil ein Mensch hungert, ja nicht einmal weil der Hunger hässlich ist (und Armut nicht „ein großer Glanz aus innen“, wie Rainer Maria Rilke meinte) sondern weil andere dabei lachen: „Where souls are forgotten“. Die Menschen sind seelenlos und hohl: Bobs Basso Continuo.

Und der Prophet? „Ich stehe auf dem Ozean“, und die Botschaft lässt er „vom Berg spiegeln, auf dass es alle Seelen sehen.“ Selten hat ein Dichter seinen messianischen Anspruch so klar formuliert wie der damals 21-Jährige. Dabei ging Jesus bloß auf dem See Genezareth und predigte nur den Juden. Aber alle wollten in Dylan bloß einen „Protestsänger“ sehen.

Den handelsüblichen Weltuntergang – Hass in Rotchina, Leichen im Jordan, Krieg in Vietnam, Rassenunruhen in USA, der Rote Knopf – beschwor drei Jahre später Barry McGuire (McWer? Eben) in „Eve Of Destruction“. DAS war ein „Protestsong“. Verkaufte sich auch gut. Untergang geht immer.

Dylan aber ging es um Untergang im transzendenten, T.S. Eliot’schen Sinn: in „The Hollow Men“ (1925) heißt es: „This is the way the world ends: / Not with a bang but a whimper“. Eine Zeile, die Dylan sicher gern geschrieben hätte. Das schöne Wort „whimper“ zitiert Dylan denn auch in „Tombstone Blues“: „The Commander-in-Chief answers him while chasing a fly / Saying, ‚Death to all those who would whimper and cry‘”. Der Oberkommandierende will doch, dass die Erde mit einem Knall endet, wie in Stanley Kubricks Film „Dr. Strangelove“, der ein Jahr vor Dylans Album „Highway 61 Revisited“ herauskam, auf dem „Tombstone Blues“ – auch so ein Song voller biblischer Bezüge – der zweite Track ist.

Eliot erhielt 1948 den Nobelpreis für seine christlich-apokalyptische Lyrik, und Patti Smith hat, etwa in „Easter“, diese Tradition fortgeführt: „I am the sword, the wound, the stain“. Das Problem so sagte sie einmal, „ist nicht, dass Gott uns verlassen hat, sondern dass wir ihn verlassen haben.“ Was Dylan sicher auch gern gesungen hätte. Es ist jedenfalls die Lage der Dinge, die in Dylans „Hard Rain“ ebenso geschildert wird wie in Eliots „The Waste Land“. Ja, und in Rilkes „Sie sind es nicht“, das ein sehr schönes Gedicht wäre ohne die letzten beiden Zeilen, und das im Dreivierteltakt als Country-Song gesungen werden könnte:

Sie sind es nicht. Sie sind nur die Nicht-Reichen,
die ohne Willen sind und ohne Welt;
gezeichnet mit der letzten Ängste Zeichen
und überall entblättert und entstellt.

Zu ihnen drängt sich aller Staub der Städte,
und aller Unrat hängt sich an sie an.
Sie sind verrufen wie ein Blatternbette,
wie Scherben fortgeworfen, wie Skelette,
wie ein Kalender, dessen Jahr verrann, –
und doch: wenn deine Erde Nöte hätte:
sie reihte sie an eine Rosenkette und
trüge sie wie einen Talisman.

Denn sie sind reiner als die reinen Steine
und wie das blinde Tier, das erst beginnt,
und voller Einfalt und unendlich Deine
und wollen nichts und brauchen nur das Eine:

so arm sein dürfen, wie sie wirklich sind.

Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen…

Dylan hat also für das Nobelpreiskomitee einen passenden Song – und die passende Sängerin – ausgesucht. Obwohl es noch besser gewesen wäre, wenn er es abgelehnt hätte, von diesen kompromittierten Komitee überhaupt einen Preis entgegenzunehmen.

 

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5 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (15) A Hard Rain’s Gonna Fall;”

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    Seit dem 20. Jahrhundert wissen wir, wir Menschen können auch Apokalypse (Atombombe, Holocaust, Bombenkriege (Napalm)). Das Problem ist m. E. nicht nur, dass Gott die Menschen verlassen hat oder dass die Menschen Gott verlassen haben, sondern dass es Menschen gibt, die glauben Gott spielen zu müssen. Die Neigung Menschen bestrafen und belehren (»schwarze Pädagogik«) zu wollen, spielt dabei sicher eine wichtige Rolle. Noch die Aufklärer nahmen das Erdbeben von Lissabon zum Anlass »Theodizee«-Problem zu diskutieren.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Lissabon_1755#Wirkung_auf_die_Philosophie
    Bob Dylan bedient sich religiöser Konzepte, da es die Welt ist, die er lebt.

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    … moin.

    APo. ‚Obwohl es noch besser gewesen wäre, wenn er den Preis abgelehnt hätte.‘

    … sehe ich ähnlich. Schreiben ‚wir‘ mal so; der Literaturnobelpreis hat einen Bob Dylan nicht verdient.

    Ich lese übrigens Walt Disneys Mickey Mouse. Diesen Comics würde ich, zum Beispiel, eher den Literaturnobelpreis ‚verleihen‘, als einer ‚Blechtrommel‘. Als Techniker darf ich so eine Meinung haben. 😉

    ‚A Hard Rain’s Gonna Fall‘ ist einer meiner Lieblingssongs überhaupt, ohne aber andere abzuwerten.

    … tja, und die Offenbarung ist 2022 beim deutschen Buchpreis ‚angekommen‘. Weder Mann noch Frau Kim de l’Horizons ‚Blutbuch‘; ‚Sie war ein Dazwischen, trank Blut.’… ‚Ich wurde ein Werwolf, ein Wenwolf, ein Wenfickeichheute-wuff.‘.

    Galater 6:7 – ‚Täuscht euch nicht: Gott lässt seiner nicht spotten!‘

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      Hätte es die Liste der Literaturnobelpreisträger nicht gegeben, hätte ich wahrscheinlich niemals S. J. Agnons »Nur wie ein Gast zur Nacht« oder die Brüder Singer uvm. gelesen. Dann hätte ich mich wohl kaum mit dem osteuropäischen Judentum beschäftigt, wäre nicht mit Büchern in die zerstörten Schtetl eingedrungen, hätte den 6 Millionen ermordeten Juden keine Gesichter geben können und hätte kaum die Ähnlichkeiten von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit entdeckt. Solch eine Liste schreibt irgendwie auch Geschichte.

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        … Kerstin, Sie haben ‚den 6 Millionen ermordeten Juden ein Gesicht gegeben‘? Kommen Sie wieder runter.

        Wo habe ich geschrieben, den Literaturnobelpreis braucht es nicht? Lesen Sie immer was Sie wollen.

        Ich kenne keine Islamfeinde. Antisemitismus ist sozialistisch/mohammedanisch. Da finden Sie ‚Ähnlichkeiten‘.

        Netanjahus Äußerungen zur ’sozialistisch/mohammedanischen Kampfgenossenschaft‘ lass ich hier mal weg. (Das kann ‚frau‘ selber googlen.)

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        Ein Jahr nach Isaac Bashevis Singer erhielt Odysseas Elytis den Literaturnobelpreis. Die Vertonung dessen Werkes »Axion Esti« durch Mikis Theodorakis https://www.youtube.com/watch?v=n8t4S1LXJTI hörte ich schon in den 80-igern. Nationenbildung im 20. Jahrhundert. Ich glaubte dies fast überwunden, doch die Propagandasprache auch im 21. Jahrhunderts belehrte mich schnell eines Besseren.

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