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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (5): All Along The Watchtower

Diesen Song lieben alle angehenden Gitarreros, weil er nur drei – auch noch leicht zu spielende – Akkorde enthält, und auch, weil die Coverversion des größten aller Gitarreros vielleicht noch besser ist als die des Meisters. Was sehr, sehr selten vorkommt.

OK, wo waren wir, wo sind wir? Es ist oft angemerkt worden, dass „along the watchtower“ semantisch keinen Sinn macht. Poetisch schon: man stellt sich eine Stadt- oder Burgmauer mit Zinnen und Türmen vor. Und da stehen die „Prinzen“ und halten Ausschau? Wonach? Frauen kommen und gehen. Warum? Die Diener sind barfuß. Das scheint diese Stadt – es ist denn doch eher eine Stadt als eine Burg, mit Prinzen im Plural, und Frauen, und Dienern – irgendwo in der mediterranen Antike zu verorten; oder im Azteken- oder Inka-Reich, und dann wären die sich nähernden Reiter spanische Conquistadoren, denn die Azteken und Inkas besaßen keine Pferde. Und sonst? Boten? Welche Nachricht könnten sie bringen?

Die Akkorde und das Heulen des Windes – das letzte Wort evoziert das Langgedicht „Howl“ von Dylans Poetenfreund Allen Ginsberg – suggerieren Unheil. Vielleicht spielt sich alles, wie so oft bei Dylan, nur im Kopf ab, und wir befinden uns hinter den Augenlidern eines Junkies wie Carl Solomon, dem Ginsberg sein Gedicht widmet, des Insassen einer Nervenheilanstalt, wie der warnende Blechtrommler Oskar Matzerath, oder eines Fantasten, dem die Literatur den Sinn verwirrt hat, wie Don Quixote. Don Coyote. Don Peyotl. Vielleicht sind das Heulen des Windes und das Jaulen der Wildkatze die Polizeisirenen, und die Reiter sind Polizisten, gekommen, um eine Hausdurchsuchung zu machen. Die Bullen! Schnell den ganzen Stash ins Klo gekippt. „There must be somewhere out of here..“

https://www.poetryfoundation.org/poems/49303/howl

Hendrix fand den Weg. Erstickte am eigenen Erbrochenen.

There must be some way out of here
Said the joker to the thief
There’s too much confusion
I can’t get no relief

Business men, they drink my wine
Ploughmen dig my earth
None of them along the line
Know what any of it is worth.
No reason to get excited
The thief he kindly spoke
There are many here among us
Who feel that life is but a joke
But you and I, we’ve been through that
And this is not our fate
So let us not talk falsely now
The hour is getting late,

All along the watchtower
Princes kept the view
While all the women came and went
Barefoot servants, too
Outside in the cold distance
A wildcat did growl
Two riders were approaching
The wind began to howl

Das Gespräch zwischen dem Joker – dem Narren – und dem Dieb ist merkwürdig. Der Narr scheint Gedanken zu äußern, die sehr modern sind: Geschäftsleute und Bauern nutzen die Erde aus und  wissen nicht, was sie wert ist. Der Dieb tut diese umweltpolitischen – sagen wir es so prosaisch – oder umweltmetaphysischen Gedanken ab: Kein Grund, sich aufzuregen. Viele halten das Leben ohnehin für einen Witz. Andererseits: Wir beide sind da schon weiter. Wir wissen, dass es fünf vor zwölf ist. Die Reiter kommen. Die Bullen kommen. Gib mir das Geld, nimm du die Knarre.

Ist das Tiefsinn oder nur höherer Blödsinn? Eins von jenen drogenbefeuerten Gesprächen, die um 67 herum, als dieser Song den Summer of Love aufmischte, in tausend Küchen stattfanden, während das Horse lustig im Löffel über der Gasflamme blubberte und der Spliff die Runde machte, oder doch eine ernste Warnung, dass es unserer Zivilisation so ergehen könnte wie den Azteken, Maya und Inkas und anderen Reichen? Wie warnte der große Rudyard Kipling:

Lo, all our pomp of yesterday
Is one with Nineveh and Tyre!
https://www.poetryfoundation.org/poems/46780/recessional

Wer ist der Joker? Dylan? Und der Dieb? In 1. Thessalonicher 5 heißt es: „Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.  Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.“

There must be somewhere out of here.

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9 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (5): All Along The Watchtower;”

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    Meine Begegnungen mit Songs von Bob Dylan hatte vor allem Lagerfeuerromantik und mussten ohne Textanalyse auskommen. Im Grunde sagt jede Interpretation oder Aneignung eines Songs mehr über jenen, der dies realisiert, als über die Intentionen des Songwriters, der vielleicht im Eifer sein „ES“ sprechen lässt. Songs dienen neben der Unterhaltung zur Stimmungsregulation, Kommunikation, Mobilisierung und als Projektionsflächen. Das passierte wohl auch mit Bob Dylans Songs. https://www.spiegel.de/kultur/musik/musik-zum-vietnam-krieg-dylan-im-ohr-knarre-in-der-hand-a-724002.html Allerdings fragte ich mich: Was will uns Alan Posener mit dem Bild sagen, das er dem Text hinzufügte? Soweit ich mich erinnere, soll das Bild den chaotischen Abzug aus Afghanistan zeigen. Zeitlosigkeit scheint ein weiteres Geheimnis der Songs. Das erkläre ich mir durch Selbstähnlichkeit. Muster, die irgendwie wieder kehren. Angst sollte der Song wohl ausdrücken, da könnten die beiden Reiter auch apokalyptische Reiter sein. Die Händler konsumieren genüsslich Wein ohne sich über den Raubbau an Menschen und Natur Gedanken zu machen. Vielleicht sind die barfüßigen Diener einfach nur arm. Vielleicht sind das Heulen des Windes und das Jaulen der Wildkatze wichtige Zeichen, die uns die gepeinigte Natur schickt. Manchmal hörte ich als Jugendliche auch Ostrock, z. B. diese LP https://www.youtube.com/watch?v=Iihaw9_ps0g. Da glaubte ich, die Texte verstehen zu können.

  2. avatar

    Schöne Beiträge, lieber Herr Posener.
    „Ain’t talkin'“ und „Not dark yet“ sind die DylanSongs, die mich als ziemlich Ahnungslosen in Bezug auf sein Werk (derzeit) besonders beeindrucken. Dieses wunderbar „Dreckige“ an seiner Musik kenne ich sonst nur von Helge Schneider und seiner genialen Band.

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    Ich würde auf geniale Banalität tippen.

    There’s too much confusion
    I can’t get no relief

    …und starte dann die Reformation oder ärgere als Gracchus dann den Senat. Der Zauber ewiger Wahrheiten, die in der Jugend zum ersten Mal gehört werden. Funktionierte auch schon immer und deswegen ist es auch kein Weltuntergang, sondern Teil eines immer wiederkehrenden Zyklus. Werfe den ersten Stein, der das Gefühl beim lesen von Nachrichten nicht hat.

    There are many here among us
    Who feel that life is but a joke

    Das ist die dümmste Entschuldigung, die ich jemals gehört habe. Hendrix ist nicht am Erbrochenen erstickt, weil er einen Weg raus gefunden hat, sondern weil der Drogenrausch eine so wundervolle Sache ist, dass er aus diesem keinen Weg raus gefunden hat.
    Dieses Lied wird noch heute beim Konsum gehört, weil es ein Gefühl vermittelt, damit im Einklang mit dem Kosmos und der Wahrheit und einer Bruderschaft der Verstehenden zu sein. Ja, einer der besten Soundtracks zu diesem Thema. Viel ehrlicher war Irvine Welsh in Trainspotting:

    Choose life… But why would I want to do a thing like that? I chose not to choose life. I chose somethin’ else. And the reasons? There are no reasons. Who needs reasons when you’ve got heroin?”

    Jeder Rausch ist eine Abwendung von der Welt und wenn die Welt der Zuwendung nicht Wert ist, fühlt sich der Rausch noch besser, weil irgendwie sogar clever an. In dem Moment sind skrupelloser Banker oder Kriminelle und der Junkie in einer erkenntnistheoretischen Überlegenheit gegenüber denen, die wie Sisyphos ihren Stein jeden Tag den Berg hochschieben:

    But you and I, we’ve been through that
    And this is not our fate

    …und ja klar wird unsere Zivilisation untergehen. Das ist das Wesen von Zivilisationen, zumindest bis jetzt zuverlässig. Der Pessimist, der Defätist, hat am Ende immer Recht, weil auch das gesündeste Leben tödlich endet und alles ein Ende hat, außer der Wurst, die davon zwei hat. Und das Leben so furchtbar anstrengend ist:

    All along the watchtower
    Princes kept the view
    While all the women came and went
    Barefoot servants, too

    Das Leben der Spießer, der Langeweiler und der Ängstlichen im watchtower, der doch eigentlich ein Gefängnis für die meisten ist. Frauen als Huren, die kommen und gehen, Arbeiter als Diener. The game is rigged, take back control würde mir da einfallen.

    Outside in the cold distance
    A wildcat did growl
    Two riders were approaching
    The wind began to howl

    Das beiden hauen ab, in die gefährliche Freiheit, in die Wildnis, leben mit dem wildcat…aber eigentlich stiehlt der eine nur und der andere knallt sich zu.

    Ein irre tolles Lied, noch heute. Und da wird es auch wahrscheinlich ewig bleiben. Es feiert die Arroganz bei der Grenzüberschreitung und das ist ein irrer tolles Gefühl. Nur tiefsinnig, das ist es nicht.

  4. avatar

    Waren dann vielleicht die Bühnenshow, die technische Ausstattung mit E-Gitarre u.dgl. oder die Texte eben so revolutionär, dass sie ganze Hallen voller Mädchen zum Kreischen brachte und die Gesellschaftsordnung erschütterte?

  5. avatar

    ‚There must be somewhere out of here‘. Ja, aaaber; ‚… als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?‘ Er sagte zu ihnen: ‚Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.‘ (Apg 1,6-7).

    Und wenn Sie 1. Thessalonicher 5 weiterlesen; ‚ … Ihr aber, Brüder, ihr seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife; denn ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis'(5,4.5).

    Beschreibt Bob Dylan ’67 seinen Weg zu Jesus Christus in den 70ern?

  6. avatar

    Ich lese gerade in Platons Nomoi die Erzählung, dass die Nichtbefolgung der musikalischen Normen durch die Dichter der Anfang vom Ende der athenischen Demokratie gewesen sie, da sie eine Auflehnung gegen alle Autoritäten, Eltern, Ältere, schließlich Gesetze und Götter zur Folge gehabt hätte. Im Altertum gab es die Theorie, dass musikalische Umbrüche mit politischen einhergingen. Was meinen Sie als Alt-68er hierzu?

    1. avatar

      Das Interessante am Rock’n’Roll ist ja, dass er gar keine musikalischen Normen verletzte oder verletzt. Verglichen mit dem Jazz, insbesondere dem Modern Jazz, und der Zwölftonmusik war und ist der Rock’n’Roll, wie der Blues, die Gospelmusik und die Countrymusik, konservativ.

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