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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (3): It Ain’t Me, Babe

Das hier ist zunächst eines dieser frauenfeindlichen Lieder, die Anfang bis Mitte der 1960er Jahre Mode waren: „Girl“ von den Beatles, „Stupid Girl“ von den Stones, „Semi-Detached Suburban Mr James“ von Manfred Mann, und natürlich „Don’t Think Twice, It’s Alright“ vom Meister selbst. In allen diesen Songs wird mehr oder weniger deutlich eine männliche Aggressivität gegen das angebliche Ansinnen der Frau sichtbar, den Mann festzuhalten, zu zähmen, ja auszubeuten:

„Did she understand it when they said / That a man must break his back to earn his day of leisure / Will she still believe it when he’s dead?“ („Girl“); „I’m not talking about the way she digs for gold / Look at that stupid girl / Well, I’m talking about the way she grabs and holds / Look at that stupid girl“ („Stupid Girl“); „I can see you in the morning time / Washing day, the weather’s fine / Hanging things upon the line / As your life slips away …“ („Mr James“); und natürlich, ganz übel: „I gave her my heart, but she wanted my soul“ (Don’t Think Twice“).

Die Frau erscheint hier als Agentin des Spießbürgertums, dem jene langhaarigen Rebels without a cause entkommen wollten; und natürlich passten diese Songs zum Lebensgefühl der jungen Männer einer Generation, die glaubte, mit dem Spießbürgertum zu brechen, wenn sie kifften, Rock and Roll hörten und sich möglichst emotional nicht banden; so konnte man die durch die Pille – also durch Big Pharma, also durch den Kapitalismus, aber so genau wollten wir das nicht wissen – möglich gewordene sexuelle Rücksichtslosigkeit in den Rang einer politischen Tugend erheben: „Wer zweimal mit derselben pennt / Gehört schon zum Establishment.“

Allerdings wurde dieser Song schon kurz nach seinem Erscheinen auch von Joan Baez gesungen. Eine ansonsten vergessenswerte Interpretation, im Gegensatz zu Dylans kräftig-kantig-quengelig vorgetragene Hymne auf das Recht, unzuverlässig und ungebunden zu sein, aber immerhin: Vielleicht wollten auch Frauen nicht die ihnen von Hollywood, den Kirchen – und Bob Dylan – zugedachte Rolle spielen.

Go away from my window
Leave at your own chosen speed
I’m not the one you want, babe
I’m not the one you need

You say you’re lookin‘ for someone
Who’s never weak but always strong
To protect you and defend you
Whether you are right or wrong
Someone to open each and every door
But it ain’t me, babe
No, no, no, it ain’t me, babe
It ain’t me you’re lookin‘ for, babe

Go lightly from the ledge, babe
Go lightly on the ground
I’m not the one you want, babe
I’ll only let you down

You say you’re lookin‘ for someone
Who will promise never to part
Someone to close his eyes for you
Someone to close his heart
Someone who will die for you and more
But it ain’t me, babe
No, no, no, it ain’t me babe
It ain’t me you’re lookin‘ for, babe

Go melt back in the night
Everything inside is made of stone
There’s nothing in here moving
And anyway I’m not alone

You say you’re looking for someone
Who’ll pick you up each time you fall
To gather flowers constantly
And to come each time you call
A lover for your life and nothing more
But it ain’t me, babe
No, no, no, it ain’t me, babe
It ain’t me you’re lookin‘ for, babe

Ja, wir haben damals gern die Zeile mitgesungen: „Someone to close his eyes for you / Someone to close his heart“. Wir hatten die Augen weit geöffnet, und es gab – Miniröcke usw. – viel zu sehen, und auch unsere Herzen waren weit, oder das, was wir für unsere Herzen hielten. Wir mochten auch das gemeine „And anyway I’m not alone.“ Kicher.

Wo wir aber nicht genau hingeguckt haben, das war bei jener letzten Zeile vor dem letzten Refrain, die alles in Frage stellt und den Song dann doch weit über die anderen Anti-Spießer-Songs hinaushebt: „A lover for your life and nothing more …“

Was könnte mehr sein als eine Liebe – oder einen Liebhaber – fürs Leben? Wir wollten doch möglichst weniger bieten. Was wäre das Mehr, das hier angedeutet, fast versprochen, aber nicht näher beschrieben wird?

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3 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (3): It Ain’t Me, Babe;”

  1. avatar

    Vielleicht hat Joan Baez nur auf Bob Dylans Song geantwortet. Damit ein irgendwie geartetes Zeichen gesetzt. Sicher, Frauen sollen auch sagen dürfen: „Du suchst nicht nach mir, Baby“. Allerdings bekommen Frauen für einen solchen Satz nicht selten Gewalt, manchmal tödliche, oder werden als Nutten geschmäht. Manches von dem, das ich hier in den Artikeln über die Songs lese, konnte man vor fast 10 Jahren bei achgut lesen. Das nahm ich oft als frauenfeindlich wahr, wobei man den Frauen unterstellte männerfeindlich zu sein. Die „armen“ Männer ausgebeutet von den gierigen Frauen. Die soziale Frage wurde zur Geschlechterfrage. Als Jugendliche hörte ich meist gecoverte Songs von Bob Dylan in der Clique. Damals baute ich dafür sogar einen Mundharmonikahalter nach, auch um Vorurteilen über Frauen zu begegnen. Ach ja die Peer Group mit ihren eigenen Werten, Vorurteilen und Songs. Vielleicht ist Bob Dylans Geheimnis seines Erfolgs: unterfüttere alles privat, das ist authentischer oder religiös (Senior, Armageddon), das passt nach Amerika. Sei vor allem mehrdeutig. Das Wenige, dass ich aus dem Deutschunterricht mitnahm, war, dass manchmal die Namen von Straßen und Kneipen eine politische Bedeutung besitzen. So sind die Fragen: Can you tell me where we’re headin‘? Lincoln County Road or Armageddon? mit diesem Straßennamen wahrscheinlich kein Zufall. Angesichts des Ukrainekrieges und den Drohungen mit nuklearen Waffen aus Russland für mich mal wieder brandaktuell. Da passt die nächste Zeile: „Seems like I‘ve been down this way before“. Ich war schon so oft dort unten gewesen, sicher nur mit Filmen und Büchern, doch immer mit Einfühlungsvermögen, vielleicht zu viel. Ich weiß, das Analysieren von Texten ist Ihre und nicht meine Profession.

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