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Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (1): A Simple Twist Of Fate

Bei diesem Song werden die Zuhörenden meistens sehr ruhig. Jede denkt für sich an eine Begegnung, eine Affäre, eine Was-wäre-wenn-Geschichte.

They sat together in the park
As the evening sky grew dark
She looked at him and he felt a spark
Tingle to his bones
‚Twas then he felt alone
And wished that he’d gone straight
And watched out for a simple twist of fate

They walked along by the old canal
A little confused, I remember well
And stopped into a strange hotel
With the neon burning bright
He felt the heat of the night
Hit him like a freight train
Moving with a simple twist of fate

A saxophone someplace far off played
As she was walking on by the arcade
As the light bust through a beat up shade
Where he was waking up
She dropped a coin into the cup
Of a blind man at the gate
And forgot about a simple twist of fate

He woke up, the room was bare
He didn’t see her anywhere
He told himself he didn’t care
Pushed the window open wide
Felt an emptiness inside
To which he just could not relate
Brought on by a simple twist of fate

He hears the ticking of the clocks
And walks along with a parrot that talks
Hunts her down by the waterfront docks
Where the sailors all come in
Maybe she’ll pick him out again
How long must he wait?
One more time for a simple twist of fate

People tell me it’s a sin
To know and feel too much within
I still believe she was my twin but I lost the ring
She was born in spring
But I was born too late
Blame it on a simple twist of fate

 

Ein merkwürdiger Song. Was natürlich bei Bob Dylan ein Pleonasmus ist. Am Anfang haben wir es mit der Landschaft einer unschuldigen – oder nicht so unschuldigen, aber doch konventionellen – Liebesaffäre zu tun: die Parkbank, der Spaziergang am Kanal, die Blicke, die Verwirrung, die Reue im Voraus, selbst das Hotel. Irgendwie hat das alles etwas von Neuengland und Herbst. Beim Hotel aber – „a strange hotel“ – ändert sich die Szenerie. Er macht das Fenster auf, vielleicht ist die Klimaanlage zu kalt, vielleicht scheint durch die kaputte Jalousie das Neonlicht, und ihn trifft die Hitze der Nacht wie ein Güterzug. Wir sind nicht mehr im herbstlichen Cambridge, eher im schwülen New Orleans. Am nächsten Morgen dudelt irgendwo ein Saxofon, vielleicht sind wir an der Bourbon Street. Und man hört förmlich das Klicken ihrer Hacken, wie in Roy Orbisons „Pretty Woman“, auch ein zweideutiger Song über einen One-Night-Stand, als sie, schon zurecht gemacht, das Hotel verlässt, den Freier vergisst, und etwas Geld – etwas von seinem Geld? – dem blinden Bettler zuwirft, der in einem Hauseingang sitzt. Der Verlassene hingegen hört nur das Ticken der Uhr, seine Zeit läuft ab, er ist ein Besessener, er bildet sich ein, seine Seelenverwandte finden zu müssen, obwohl er weiß, dass sie eine Hure ist, und sucht sie in den Kneipen, wo die Seeleute Frauen finden, oder vielmehr umgekehrt. Jetzt wird die Zeile aus dem ersten Vers klar: „Wished that he’d gone straight“: Seine Abweichung vom Pfad der Tugend war nicht einfach eine Affäre mit der Frau eines anderen, sondern der Abstieg in eine ihm fremde Welt, und vielleicht hat er sich die Szenerie mit dem Park und dem Blick und der Verwirrung nur eingebildet, denn sie wusste ja von Anfang an, was sie wollte, worauf alles hinauslief.

Zwei unklare Bilder bleiben: der Bettler am Tor und der sprechende Papagei auf der Schulter des Suchenden, des Kneipengängers, des Erzählers, der vom Er zum Ich im Lauf des Lieds changiert, und mit dem Papagei zu einem Wiedergänger von Long John Silver aus der „Schatzinsel“ wird. Oder – weil Long John Silver schließlich glücklich wird mit seiner schwarzen Frau – vielleicht von Robert Newton, der in der klassischen Disney-Verfilmung den Piraten spielte und auf dem Höhepunkt seines Ruhms dem Alkohol verfiel und sich zu Tode trank. Oder vielleicht wollte Dylan einfach ein Reimwort auf „clocks“ und „docks“. Er hat in seiner Nobelpreisrede selbst gesagt, dass er nicht immer weiß, was seine Bilder bedeuten sollen. So mag es auch beim Bettler sein. Vielleicht sitzt er deshalb nicht einfach in einem Hauseingang („doorway“), sondern am Tor („at the gate“), weil Dylan einen Reim auf „fate“ brauchte. Aber Dylan kennt seine Bibel, sie ist und bleibt eine seiner Hauptinspirationsquellen, und wenn auch nicht jede Zuhörende die Assoziation haben wird: Er selbst wird sich beim Bettler am Tor erinnert haben an den Bettler am Tor des Tempels, den Petrus und Johannes in der Apostelgeschichte (3, 1-11) heilen. Die Frau aber, die vorübergeht und dem Bettler ein paar Münzen zuwirft, heilt nichts und niemanden.

Im Grunde genommen ist das ein Song mit einem Happy End. Denn der Erzähler sucht ja noch. Er wird die Frau nie finden und sich darum nie fragen, ob eine andere Wendung des Schicksals ihm die eigentliche gebracht hätte. Jedenfalls, solange er noch sucht.

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5 Gedanken zu “Die Philosophie der Songs von Bob Dylan (1): A Simple Twist Of Fate;”

  1. avatar

    Beeindruckender, wunderschöner Song, danke, dass Sie sich den zu Herzen genommen haben. An den „Parrot the talks“ dachte ich kürzlich bei der Lektüre von Tamar Noorts Debut „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“. In dem Roman spielt ein Papagei eine wichtige Rolle. Im Interview sagte mir die Autorin, sie habe den Papagei als Chaos-Element in ihren Plot eingebaut… By the way: Kennen Sie mein Buch, in dem ich Bob Dylans spirituelle Reise versucht habe zu skizzieren? „Forever Young, Bob Dylan“, erschienen im Verlag Neue Stadt 2022. https://birnsteinsbuero.de/buecherliste/forever-young-bob-dylan/

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