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Ein Elend namens Tatort

Aus irgendwelchen Gründen ist der „Tatort“ nach wie vor eine deutsche Institution. Die Sendung ist auch darin eine typisch deutsche Institution, dass alle über sie meckern, aber niemand etwas dagegen tut – zum Beispiel ab- oder umschalten.

Wenn ich „Tatort“-Apologeten frage, warum sie gucken, obwohl die Plots haarsträubend, die Dialoge hölzern und die nuschelnden Schauspieler schlecht geführt sind, höre ich oft, dass die Serie „realistisch“ sei. Nun ist das zwar kein Grund, sich schlechte Unterhaltung anzuschauen. Wie sagte Friedrich Schiller im Prolog zu seiner „Wallenstein“-Trilogie:

Und wenn die Muse heut,

Des Tanzes freie Göttin und Gesangs,

Ihr altes deutsches Recht, des Reimes Spiel,

Bescheiden wieder fordert – tadelts nicht!

Ja danket ihrs, dass sie das düstre Bild

Der Wahrheit in das heitre Reich der Kunst

Hinüberspielt, die Täuschung, die sie schafft,

Aufrichtig selbst zerstört und ihren Schein

Der Wahrheit nicht betrüglich unterschiebt,

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.

Genau. Die Kunst soll erst gar nicht so tun, als bilde sie das Leben ab. Sie ist „heiter“, auch wenn sie „das düstre Bild der Wahrheit“ behandelt. So wie etwa die „Sopranos“ heiter sind, obwohl es um Mord und Totschlag, Korruption und Erpressung geht. Nicht „lustig“, wohlgemerkt, sondern heiter. Überhöht. Bei Schiller durch den Reim, bei Shakespeare durch den Blankvers, bei Quentin Tarantino durch den Witz der Dialoge. Niemand wird auf die Frage, weshalb er „Hamlet“ guckt, antworten, das Stück sei so realistisch. Und doch ist „Hamlet“ trotz seiner halb katholischen, halb paganen Theologie, seiner unwahrscheinlichen Handlung und psychologischen Ungereimtheiten ein Drama, das Wahrheiten transportiert. Niemand findet „Pulp Fiction“ besonders „realistisch“. Und trotzdem erfahren wir in dem Film einiges übers Leben, das wir beim „Tatort“ nicht finden.

Ist es also schon Unsinn, eine Krimi-Serie mit Verweis auf seinen „Realismus“ zu rechtfertigen, kann man dennoch fragen, ob der „Tatort“ tatsächlich die bundesrepublikanische Wirklichkeit abbildet.

Neulich in einem Salon von Industrielobbyisten, Unternehmern und Ministerialen, dem anzugehören ich die Ehre habe, klagte ein Unternehmer über den „Tatort“. Wie könne man von jungen Leuten erwarten, dass sie Unternehmergeist entwickeln, wenn die Unternehmergestalt in Deutschlands beliebtester Krimi-Serie immer ein Arschloch sei?

Es stimmt. Der Unternehmer ist selten oder nie der Täter, obwohl oft höchst verdächtig – und immer ein Unsympathling. Wenn er auftritt, dann kalt lächelnd in einem kalt möblierten Büro: „Kommen sie zum Punkt, Herr Kommissar; meine Zeit ist knapp bemessen.“ ihm geht es ums Geschäft, und dafür scheint er bereit, über Leichen zu gehen. „Dieses Medikament hat das Potenzial – hähä – immens profitabel zu sein. Da können wir uns beim klinischen Test keine kleinlichen Bedenken erlauben.“ Den Staat und dessen Organe verachtet er: „Fräulein Schmidt, zeigen Sie dem Herrn Kommissar die Tür.“

Wenn man wissen will, warum das so ist, muss man sich nur die Struktur der öffentlich-rechtlichen Sender anschauen, von denen manche TV- und Film-Produktionsfirmen vollständig abhängig sind. Zuständig für die Abnahme der Drehbücher sind TV-Redakteure, die in beamtenähnlicher Stellung eine beamtenähnliche Laufbahn absolvieren. Die Drehbuchautorin Nicole Joens hat die Prozedur in ihrem Enthüllungsbuch „Tanz der Zitronen“ geschildert. Vom wirklichen Leben haben diese Redakteure ebenso wenig Ahnung wie vom Drehbuchschreiben oder von Regie, sonst wären sie Drehbuchschreiber, Regisseure oder Produzenten. Aber sie müssen sich einmischen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.

Kein Wunder also, dass die Bürokratie im „Tatort“ ganz realistisch geschildert wird; nur wenn es um das Leben außerhalb des Reviers handelt, ist das Klischees König. Ein Kollege, der jeden Sonntag Tatort guckt („Es ist halt ein Ritual“), weist mich darauf hin, dass auch andere Gruppen Opfer dieser Charakterisierung durch Klischees sind: Anwälte, besonders die Anwälte der Verdächtigen, Staatsanwälte und vor allem Politiker. Und dass natürlich fiese Geschäftsleute, korrupte Politiker, rachsüchtige Staatsanwälte und schmierige Anwälte sozusagen zum festen Personal der Film- und Fernsehunterhaltung auch jenseits von „Tatort“ – und auch jenseits des Atlantiks – gehören.

Schon. Aber warum ist ein Gangster wie Tony Soprano sympathisch? Ein Politiker wie Francis Underwood in „House of Cards? Eine Anwältin wie Patty Hewes in „Damages“? Vielleicht ist es dies: dass sie mehrdimensional sein dürfen, wie Shakespeares mörderischer König Richard III (das Vorbild für Underwood) oder sein jüdischer Wucherer Shylock. Die Mehrdimensionalität der „Tatort“-Figuren scheint sich darauf zu reduzieren, dass die Kommissare Eheprobleme haben. Dass selbst in einem TV-Drama jede Figur eine Möglichkeit darstellt, das Klischee zu transzendieren; dass jeder Dialog das Potenzial hat, uns durch Esprit zu bestechen; dass Figuren und Dialoge, die diesen – künstlerischen – Zwecken nicht dienen, überflüssig sind: das scheint sich bei den „Tatort“-Drehbuchautoren und ihren Redakteuren noch nicht herumgesprochen zu haben.

Ein großes Muster weckt Nacheiferung

Und gibt dem Urteil höhere Gesetze.

So Schiller. Drehbuchautoren, Redakteure, lest die Klassiker! Schaut amerikanische Serien – aber nicht in deutscher Synchronisation! Jede Zeile, die nicht funkelt, ist ein Verbrechen wider die Kunst. Jeder Charakter, der nicht überzeugt, ist eine Beleidigung der Zuschauer. Wo bleibt der Kommissar, der Sendung für Sendung die Schuldigen an diesen Untaten aufspürt und beim Namen nennt?

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131 Gedanken zu “Ein Elend namens Tatort;”

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    @LF
    Nun habe ich – endlich – auch den von Ihnen verlinkten Artikel (http://www.rosalux.de/fileadmi.....sdorff.pdf) gelesen. Für mich interessant darin die Analogien:

    „Es gehört zum diskreten Charme heterosexueller Herrschaft, dass sie Bereiche durchzieht, die auf den ersten Blick nichts miteinander und schon gar nichts mit Sexualität zu tun haben: Privatheit und Öffentlichkeit, »Nation« und »Rasse«, Wahrheit und Lüge, Original und Kopie, Geheimnis und Evidenz, Frau und Mann, Aktivität und Passivität, Männlichkeit und Weiblichkeit, Mutter und Kind, Spaß und Ernst. Heteronormativität ist als gesellschaftlicher Zwang in den Staat und seine Institutionen (Schule, Militär, Ehe) eingelagert.“

    Es wird also gefordert, Kategorien, die der eigenen Entfaltung und Entwicklung entgegenstehen, zu ignorieren. Gut so. Aber ist denn die Akzeptanz der sexuellen Orientierungen wirklich noch ein Problem hierzulande angesichts von sich öffentlich und deutlich bekennenden Politikern? Sind die ‚Leitbilder‘ überhaupt noch ‚Leidbilder‘ – abgesehen von der Identitätsfindung in der Pubertät, ggf. auch später, die immer schwierig ist? Muss hier wirklich der Staat gestaltend eingreifen, oder dient das nicht einfach nur der Bürokratievermehrung? Überhaupt: Darf der Staat Avantgarde sein und der ist er nicht gerade dann in der Gefahr, totalitär zu werden? Ist es nicht besser, der Staat verhält sich da etwas behäbig, gutmütig-konservativ und bietet nicht jeder privaten Emanzpationsbewegung auskömmliche Nischen an Instituten, Einrichtungen, Institutionen? (Auch das letztlich wieder ‚gestaltende Förderpolitik‘). Gerade angesichts einer Zuwanderung (hoffentlich noch, nach diesen ständigen Brandstiftungen – gerade ländlichen Gebieten dürfte sie guttun), einer abzusehenden weiteren Deindustrialisierung und Dezentralisierung, sowie geringeren Steuereinnahmen sollte er sich besser darauf konzentrieren, Hemmnisse für wirtschaftliche Betätigung abzubauen, komplizierte Infrastruktur (z.B. Kläranlagen) zurückzubauen und damit Abgaben zu verringern statt ständig noch kompliziertere Leitbilder zu entwickeln. Wohin werden sich wohl (z.B.) eingewanderte konservative Muslime orientieren bzw. polarisieren? Ich möchte jedenfalls keine Entwicklung, wie sie Houellebecq mit seiner ‚Soumission‘ beschreibt, erleben. Nicht in die eine und auch nicht in die andere Richtung. Beide werden Liberalität nicht zulassen.

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    @ „derblondehans“: Der Begriff wird auch heute noch von manchen Linken verwendet, doch dadurch wird er in keiner Weise besser. So hat sich z. B. der „konkret“-Herausgeber Gremliza an das „Lügenpresse“-Getöne der Pegidazis angebiedert, woraufhin ich mich – in guter deutscher Wutbürger*innen-Tradition – sofort bei der Redaktion beschwert habe ;-).

    @ Klaufs J. Nick: Den FAZ-Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen! Das ist tatsächlich unsäglich, was der Herr Money damals durchgezogen hat! Ich selbst habe mich mit feministischen Belangen noch nicht eingehend beschäftigt und kann mich zu einer Kritik an ‚den‘ theoretische Fundamenten ‚der‘ Gender Studies nicht wirklich fundiert äußern (zumal es sich dabei nach meinem Eindruck um ein sehr heterogenes Feld handelt). Stattdessen habe ich mich aber mit der Queer Theory von Judith Butler auseinandergesetzt und halte deren konstruktivistischen Ansatz für sehr zielführend (zumindest in Bezug auf die politischen Anliegen von LSBTTIQ). Butlers Theorie der „heterosexuellen Matrix“, zeigt nämlich im Detail, wie Menschen in unserer Gesellschaft in Bezug auf ihr Geschlecht und ihre Sexualität an ein gewisses Leitbild angepasst werden (wie Sie das ganz richtig gesagt haben): So herrscht die Vorstellung vor, die Menschen hätten ein ’natürliches Geschlecht‘ (’sex‘), das ganz klar den Kategorien ‚Mann‘ und ‚Frau‘ zuzuordnen sei und das ein ganz bestimmtes soziales Verhalten, bzw. klar voneinander abgenzbare, ‚männliche‘ und ‚weibliche‘ Identitäten (‚gender‘) mit sich bringe. Desweiteren wird dann das sexuelle Begehren der Menschen (desire), genau zwischen diesen beiden Polen verortet. Die Beziehungen, die diese drei Konstrukte im gesellschaftlichen Alltag eingehen, sind dabei vielfältig:

    „Mal leitet sich das Begehren aus dem Geschlecht ab, mal wird über das Begehren Geschlecht erst verankert. Mal folgt aus dem Körper eine bestimmte soziale Rolle, mal erzeugt eine bestimmte Rolle ein bestimmtes Begehren usw. Die heterosexuelle Matrix zeichnet sich […] dadurch aus, dass sie dieses Dreigestirn normativ einrichtet sowie ihre Deckungsgleichheit erzwingt. Sie teilt die Menschen in genau zwei und nur zwei, deutlich voneinander zu unterscheidende Geschlechter. […] Dem Geschlechtskörper wird dann […] eine ganz bestimmte soziale Rolle und Identität und ein heterosexuelles Begehren zugewiesen. […] Diese Organisationsform ist nicht nur die vorherrschende, sondern nimmt für sich auch in Anspruch, die naturgemäße zu sein“ (http://www.rosalux.de/fileadmi.....sdorff.pdf).

    Mit dem Sternchen, das ich so gerne verwende, möchte ich nur auf dieses Konstrukt (in Ihren Worten: „Leid-Bild“) hinweisen. Dass das bei Leuten wie dem blonden Hans zu Lachkrämpfen führt, finde ich symptomatisch für deren Illiberalität.

    Noch drei Anmerkungen zum Schluss: 1. Intersexualität hat – wie Sie vermutlich jetzt auch gelesen haben – nichts mit Sexualität zu tun (kommt aus dem Englischen, wo ’sex‘ für Geschlecht steht); 2. Gender-Mainstreaming baut nicht unbedingt auf irgendeiner wissenschaftlichen Theorie auf, sondern bezeichnet nur die gesellschaftliche Gleichberechtigung der Geschlechter; 3. – um Kritik vorzubeugen – ich schätze zwar die queertheoretischen Beiträge von Judith Butler, verachte aber ihre Haltung zu Israel und der Hamas!

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    @Parisien: ja, sollte man meinen, dass der doppelte Preis reichen könnte. Aber es handelt sich eben um eine AG, und die muss gemäß des Aktionärsgesetzes handeln. Da reicht der doppelte Preis eben nicht, da „reicht“ gar kein Preis – und sei er astronomisch – unterhalb des maximal möglichen.

    @KJN: Dem stimme ich gerne zu.

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    @R.Z.
    Um’s kurz zu machen und ggf. – wenn Sie mögen – abzuschließen: Ich bin für staatliche Finanzierung (nicht ‚Förderung‘) von Kultur, die Erbe ist und sonst nicht mehr praktiziert oder konserviert würde. Auch bin ich selbstverständlich für eine starke staatliche Forschung, insbesondere Grundlagenforschung oder Astronomie (Asteroiden!), die besondere Bedeutung hat, aber keine oder nicht genügend Profitphantasien bei Investoren erzeugt. Ich bin allerdings gegen ‚Brot und Spiele‘ (z.B. Übertragung der teuren Bundesliga durch Staatsfernsehen, pädadgogische Gender-Tatorte), gegen die ewige ‚Standortförderung‘, PPP’s und alle sonstigen staatlicherseits inszenierten Simulationen von (hier Kultur-) Wirtschaft. Kulturerbe, Bildung, Grundlagenforschung: 100% Staatsauftrag – alles andere privat. Entflechtung. (Und sowas kann man von mir aus morgen schon abschaffen).

    @LF „vermessen“
    Das wäre es gewesen, wenn ich etwas bewertet hätte. Ich denke, ich habe aber eher das umgekehrte geschrieben, nämlich daß eine vorliegende geschlechtliche Orientierung genauso wenig ‚Thema‘ bei mir ist, wie dunkle, blonde oder rote Haare, also m.E. nicht irgendwie ‚bewertet‘ werden sollte (wie auch?). Thema ist allerdings bei mir, warum private Dinge ohne Not ‚politisch‘ gemacht werden. Sollte dazu beim Thema Asexualität /Intersexualität /Homosexualität (hierzulande) Anlass bestehen, bin ich für einen Hinweis bzw. Link zum Thema Diskrimnierung oder Behinderung, solches ‚zu leben‘ dankbar. Daß das woanders allerdings ein Thema ist, weiß ich.

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    @LF

    … gut, dann wollen wir so schreiben, ‚Lügenpresse‘ hat kein Alleinstellungsmerkmal für Nazi-Rhetorik, sondern wurde auch, u.a., von der 68er-Bewegung, für die Zeitungen des Springer-Verlags benutzt. APo weiß da bestimmt mehr. 😉

    … tja, da ist dann meine Behauptung, ‚Lügenpresse‘ gibt es so lange es Papier gibt, etwa 200 BC, wohl wahr.

    … und, ein Beweis dafür, dass Wahrheit nur in Stein ‚gebrannt‘ ist. Oder?

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    @ Roland Ziegler
    Man kann nicht unbedingt sagen, das sei basaler Kapitalismus, denn es ist nur ein Teil davon. Da ist etwas sehr Seltenes und dann einige sehr Reiche, die darum bieten. Aus diesem Dilemma kommt man nur, wenn der Erste, der das seltene Kunstwerk verkauft, nicht den vollen Preis nimmt, wenn er es an einen Nachfolger gibt. Der Anfangsfehler liegt also bei dem Erstverkauf, in den eine Bank verwickelt war, nicht als Kreditgeber, sondern als Besitzer. Jetzt soll ein Fonds gegründet werden für die gesamte Sammlung. Und darauf muss es in Zukunft wohl hinauslaufen. Die Banken selbst haben die Preise in Kunst und Musik wohl hochgetrieben, nachdem sie sich eingedeckt hatten. Im Prinzip muss solche Praxis rückentwickelt werden, evtl. durch einen internationalen Fond.
    Dasselbe übrigens auf dem Pferdemarkt.
    Übersetzung: Das Pferd, die Geige eine Sache, reine Kapitalanlage, das Talent des Spielers/Reiters nachgeordnet. Für das britische Olympiasiegerpferd von Charlotte Dujardin wurde ebfs. ein Fonds gegründet.
    Andererseits sollte man meinen, dass der doppelte Kaufpreis im Vergleich zu 2002 ausreichen würde. Doch da ist einer, der bietet mehr, und die Bank ist pleite. Tragödie. Wenn sie Zimmermann jetzt die Geige für seinen Preis verkaufen würden, würden sie einen Achtungserfolg landen. Wenn ich Zimmermann wäre und die Geige verlieren würde, würde ich einfach ins Ausland ziehen, dann verlieren sie in NRW Zimmermanns Steuern. Im Laufe der Jahre wären die höher, wenn er noch lange spielt. Leider scheint er nicht bei Deutsche Grammophon unter Vertrag zu sein. Aber das wurde nie diskutiert, weil Zimmermann kein Kapitalist ist. Kapitalismus kann man nur mit Kapitalismus bekämpfen, mit z.B.: Nicht ohne meine Geige oder nie mehr ein Konzert in NRW. Also mit Erpressung, siehe Griechenland.

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    …und konkret zur Geige: für mich ist das der gleiche Fall wie z.B. bei Gemälden. Solche Gegenstände sind öffentlicher Natur, d.h. von ihren Herstellern dazu gemacht, gehört oder gesehen zu werden. In diesen Fällen bin ich sogar dafür, dass man diesen Schöpferwillen per Gesetz durchsetzt: Aufbewahrung im Safe gehört verboten. Jeder Privatbesitzer sollte seinen Kunstbesitz öffentlich zugänglich machen müssen. Ein Gemälde soll gezeigt, eine Geige gespielt werden – jeweils unter möglichst optimalen Bedingungen. Und Herr Zimmermmann stellt die optimale Bedingung für Lady Inquist her.

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    @“derblondehans“: Sie können beruhigt sein, dass ich so einen Schund wie die „PI-News“ oder die „Freie Welt“ nicht lese (ebenso wenig wie Telefonbücher, aber sei’s Ihnen gegönnt). Ich spreche nur deswegen von diesen neurechten Plattformen, weil sie jedes Mal, wenn ich die von Ihnen verwandten Begriffe bei Google eingebe, unter den Top 5 auftauchen(https://www.google.de/search?q=alpen+prawda&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=Ov8PVY68N8r2PP2pgagD ).

    Ihr Sozialist*innenwahn scheint mir fast schon pathologisch zu sein. Sich gegen die Diskriminierung geschlechtlicher Minderheiten einzusetzen hat im ersten Moment noch überhaupt nichts mit Sozialismus zu tun (oder ist Peter Tauber für Sie etwa auch ein Sozialist? https://www.youtube.com/watch?v=zXMMZJV-mP0 ).

    @ Klaus J. Nick: Sie haben vollkommen Recht, dass mein Wortwechsel mit dem blonden Hans an den Inhalten des obigen Kommentars vorbeigeht. Wenn Kommentator*innen wie „derblondehans“ hier unwidersprochen mit Nazibegriffen hantieren könnten, wäre nach meinem Empfinden aber DAS ein Anzeichen dafür, dass in den Kommentarspalten dieses Blogs etwas schief läuft (und nicht umgekehrt). Dass das Thema der geschlechtlichen Vielfalt in Ihrem Leben keine Rolle spielt, mag ja sein, doch daraus zu schließen, dass dieses Thema insgesamt irrelevant sei, halte ich für ziemlich vermessen, bei etwa 40.000 Menschen in der BRD, die schon bei der Geburt aus den geltenden Geschlechternormen herausfallen http://www.welt.de/lifestyle/a.....xuell.html

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    @KJN: Mag sein, dass der Mehrheitswillen grundsätzlich unscharf ist. Irrelevant ist er aber nicht.

    Was und wer gefördert werden sollte, hängt natürlich davon ab, was und wer eine Förderung überhaupt nötig hat. Sie scheinen zu meinen, dass das alles ohne Förderung besser wäre.

    Das finde ich höchst unplausibel. Wie ein Gärtner, der meint, das beste für seinen Garten wäre, wenn man überhaupt nichts täte und Wind, Sonne und Regen überlassen würde: Die könnten das besser als der beste Gärtner.

    Das ist natürlich für einen „Gärtner“ am bequemsten: die Selbstabschaffung. Aber ist es auch am besten? Sind Sie auch bei der Wissenschaft der Meinung, dass wir besser auf Förderungen – Grundlagenforschung beispielsweise – verzichten, d.h. staatliche Finanzierungen streichen sollten?

    Die von Ihnen beispielhaft geschilderte Übungs- und Jam-Kultur hat die Förderung, Ihren Ausführungen zufolge, nicht nötig, ja die Förderungen schaden sogar. Das mag so sein.

    Bei der klassischen Musik ist es jedenfalls anders; diese Musik ist angewiesen auf Pflege, Förderung und Bezuschussung. (Das kann man sich ganz einfach klarmachen, indem man an große Orchester und arme Musiker denkt.) Dasselbe gilt für Oper, Kino und Theater (jenseits der „Off“-Szenen).

    Die Ausbildungsqualität für professionelle Musiker ist in Deutschland sehr hoch (oder gilt jedenfalls allgemein als sehr hoch) – d.h. die Unis und Musikgymnasien erfreuen sich eines kontinuierlichen Zustroms an Bewerbern, insb. aus Asien, wo man merkwürdigerweise die klassische Musik höher schätzt als bei uns. Lang Lang lässt grüßen. Unterhalb dieser „Profischiene“ – die nur in den Städten stattfindet – gibt es hierzulande kaum Förderung. Hier ist der Werdegang reine Glücks- und Privatsache (d.h. hängt von der Qualität der privat bezahlten Instrumentallehrer ab). Diese Assymmetrie hat Folgen.

    Nun kann man sagen: egal, diese altertümliche klassische Musik brauchen wir nicht. Lasst uns die einsparen. Wenn sie nicht auf eigenen Beinen laufen kann, ist sie nichts wert.

    Oder: doch, die Musik haben wir zum Glück und wollen wir auch behalten. Die wollen wir unseren Kindern vermachen, das ist eine wertvolle geistige Welt, die sollten wir entwickeln und ausbauen.

    Ich bin für Letzteres. Und so steht es auch im Gesetz.

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