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Die Ohrfeige

Mein Kollege und Freund Harald Martenstein fühlt sich vom Zentralrat der Juden geohrfeigt. Angeblich habe dessen Vorsitzender Dieter Graumann der britischen Zeitung „The Guardian“ ein Interview gegeben, in dem er „über das heutige Deutschland“ gesagt habe, das sei „die schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära“.


Dieser Satz sei „absurd“, so Martenstein, ja geradezu „maßlos“, eine „Ohrfeige“ für alle Leute, die – wie Martenstein, der meiner Alterskohorte angehört, also der Generation der Spät-68er – „jahrzehntelang nicht ohne Erfolg daran gearbeitet haben, dieses Land zu verändern.“
.
Hier ist Martensteins Kolumne im Wortlaut:

http://www.tagesspiegel.de/meinung/antisemitismus-in-deutschland-eine-ohrfeige-vom-zentralrat/10312454.html

Nun sollte man, bevor man zu gewalttätigen Vokabeln wie „Ohrfeige“ greift, vielleicht ein wenig Quellenstudium betreiben. Hier ist der Artikel aus dem „Guardian“, und es fällt sofort auf, dass es um den Anstieg des Antisemitismus in ganz West-Europa geht:

http://www.theguardian.com/society/2014/aug/07/antisemitism-rise-europe-worst-since-nazis

Die von „The Guardian“ – einer keineswegs unkritischen Zeitung, wenn es um Israel geht – zusammengetragenen Beispiele sind in der Tat erschreckend. Nur in diesem Zusammenhang sind Graumanns Worte verständlich. Er sagt ausdrücklich: „And it’s not just a German phenomenon.“
Dabei schreibt die Zeitung erst gar nicht über die Situation in Ost- und Südosteuropa: Nichts über Ungarn, wo die nach eigener Darstellung „christliche und patriotische“, antizionistische, pro-russische und islamfreundliche Jobbik-Partei antisemitische Parolen verkündet, nichts über die national-katholische Hetze gegen Juden in Polen, nichts über die „Goldene Morgenröte“ in Griechenland, schon gar nichts über die antisemitische Hetze von Wladimir Schirinowski in Russland usw. usf.
Der osteuropäische Antisemitismus ist Westeuropäern peinlich, weil er nicht auf muslimische Einwanderer geschoben werden kann; weil er die Erzählung stört, die auch Martenstein referiert: Die Gesellschaft sei – dank 68 – gründlich entnazifiziert worden, und wenn „Juden bedroht werden“, dann in den meisten (wenn nicht in allen) Fällen „von Zuwanderern aus arabischen Staaten.“
Dagegen hat – ausgerechnet! – Jakob Augstein kürzlich im „Spiegel“ (31/2014) angesichts der neuen Hasswelle gegen Juden festgestellt: „Weder die ‚Aufarbeitung’ der Nazi-Vergangenheit im Westen noch die Tradition des ‚Antifaschismus’ im Osten haben Deutschland immun gemacht gegen den Antisemitismus.“ Richtig.

Hinzufügen muss man freilich, dass der verordnete Antifaschismus im Osten einherging mit einem militanten Antizionismus, der in vielen osteuropäischen Staaten – etwa in Russland, Polen und Ungarn – offen antisemitische Züge trug, so dass der heutige Antisemitismus nicht trotz, sondern – auch – wegen jener Tradition so stark ist; und das die „Aufarbeitung“ der Nazi-Vergangenheit im Westen vor allem unter Ägide einer Linken geschah, die 68ff. ebenfalls antizionistisch und in Teilen  antisemitisch war.

Man denke an den ersten linken Terroranschlag in Deutschland, der sich nicht zufällig gegen eine Gedenkveranstaltung für die Reichskristallnacht im Jüdischen Gemeindehaus West-Berlin richtete. (Der Hauptverantwortliche, Dieter Kunzelmann, galt und gilt trotzdem in der Linken als  „Polit-Clown“.) Man denke auch an den Brandanschlag auf das Jüdische Altersheim in München, der ziemlich sicher von Linksextremisten verübt wurde, und der von eben jenem „Politclown“, einem der Hauptverdächtigen, als „zionistisches Massaker“ bezeichnet wurde.

Die Linke verdrängt gern, wie zentral die eng verbundenen Konzepte Antizionismus und Antiamerikanismus seit 1967 für ihre Ideologie und Propaganda waren. Die Nazi-Vergangenheit wurde im Rahmen einer Faschismus-Theorie „aufgearbeitet“, die den Antisemitismus als bloßes Blendwerk begriff, um „die Massen“ vom Klassenkampf abzuhalten; weil aber der Judenhass nicht ernst genommen wurde, konnten die 68er nicht erkennen, dass ihre eigene Parteinahme für radikale Palästinensergruppen, die „alle Juden ins Meer werfen“ wollten, selbst antisemitische Züge trug.

Und da sie mit wenigen Ausnahmen diese Verirrungen nicht „aufgearbeitet“ hat, trägt auch ihr selbstgerechter Hinweis darauf, wie herrlich weit wir es in der Bundesrepublik gebracht haben, was die Juden gefälligst zur Kenntnis zu nehmen hätten, seinerseits antisemitische Züge.
Nicht, dass ich die tatsächlichen Leistungen der Bundesrepublik herunterspielen wollte. Wenn man sieht, was sich etwa in diesen Tagen in Großbritannien abspielt, wo eine Ministerin wegen der angeblichen zu laschen Haltung der Regierung gegenüber Israel zurücktritt (so weit, so ehrenhaft) und sich sowohl die mitregierenden Liberaldemokraten als auch die Labour-Partei sich in Verurteilungen Israels zu überbieten versuchen;  wo ein Londoner Theater seinen Vertrag mit dem Jüdischen Film-Festival kündigt, weil die Veranstaltung von der israelischen Botschaft mitfinanziert wird, und wo der Parlamentsabgeordnete George Galloway seinen Wahlbezirk zur „israel-freien Zone“ erklärt hat; dann lernt man gewisse Tabus schätzen.

Tabus sind eine Sache, die Gedanken sind aber frei, wie es in diem Lied heißt. Wie „The Guardian berichtet: „In a study completed in February, America’s Anti-Defamation League surveyed 332,000 Europeans using an index of 11 questions designed to reveal strength of anti-Jewish stereotypes. It found that 24% of Europeans – 37% in France, 27% in Germany, 20% in Italy – harboured some kind of anti-Jewish attitude.”

Und:  “In 14,000 hate-mail letters, emails and faxes sent over 10 years to the Israeli embassy in Berlin and the Central Council of Jews in Germany, Professor Monika Schwarz-Friesel found that 60% were written by educated, middle-class Germans, including professors, lawyers, priests and university and secondary school students. Most, too, were unafraid to give their names and addresses – something she felt few Germans would have done 20 or 30 years ago.”
Das sollte man wissen, bevor man über „Ohrfeigen“ schwadroniert.
Und noch etwas: Aus Gründen, die mir nicht ganz klar sind, vergleicht Martenstein Graumanns Satz mit der Situation im Nahen Osten: „Im Zorn jedes Gespür für das rechte Maß verlieren – dieses Problem gibt es auch in Israel und in Palästina, und deshalb wird dort alles immer schlimmer.“ Ach so. Nicht weil die Hamas Israels Existenzrecht leugnet, Angriffstunnel baut und Raketen auf zivile Ziele abschießt, ihre eigenen Frauen und Kinder als Schutzschilde missbraucht, um einen PR-Erfolg in der arabischen Welt zu erzielen, ist die Situation in Gaza schlimm, sondern weil der Semit, ob Araber oder Jude, offensichtlich „im Zorn jedes Gespür für das rechte Maß verliert“, ob er nun in Deutschland lebt oder in Nahost.

Ich weiß, dass Sie es nicht so meinen, lieber Harald Martenstein. Weiß ich das wirklich? Wie meinen Sie es denn?

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64 Gedanken zu “Die Ohrfeige;”

  1. avatar

    Endlich mal ein sinnvoller Diskussionsansatz. Selbstredend muss unterschieden werden zwischen dem, was gerecht ist, und dem was in überschaubarer Zeit als realisierbar erscheint.
    1. Die Palästinenser haben natürlich das Recht, einen Teilstaat in den 1967 von Israel eroberten Gebieten zu gründen.
    2. Ein solcher Teilstaat, wenn er denn mehr sein soll als eine Reservat, hat inzwischen längst keine objektive Grundlage mehr. Die Politik der Besatzungsmacht seit 1967 war und ist ja genau darauf ausgerichtet.
    3. Ich trete in der Tat für ein einheitliches säkulares und demokratisches Palästina (oder von mir aus auch: Israel) ein, d.h. für einen Staat, in dem alle Einwohner gleiche Rechte haben. Zu behaupten, das sei z.B. im heutigen Israel der Fall, wäre lachhaft.
    4. Die Voraussetzungen für die Realisierung eines solchen Projektes sind bisher unverändert schlecht; wahrscheinlich sind sie sogar schlechter als je zuvor, aber sie sind zumindest nicht schlechter als die Chancen auf eine Zweistaaten-Lösung.
    5. zu den Voraussetzungen gehört, dass sich das Kräfteverhältnis in der Region grundlegend ändert. Auf sich gestellt haben die Palästinenser keine Kraft, entweder das eine oder das andere Projekt zu realisieren. Zumindest der linksnationalistische Flügel der PLO wusste das einst auch und hat – in Gestalt etwa der PFLP – deshalb einst die strategische Parole ausgegeben „Die Befreiung Jerusalems geht über Amman“. Die Vereinigung möglichst großer Teile der arabischen Welt setzt die Beseitigung der herrschenden Regime voraus, die Erben der Kolonialherrschaft und Widerspiegelung der ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit dort sind.
    6. Diese Einheit der arabischen Welt kann nicht durch islamistische Kräfte bewerkstelligt werden, die ihrerseits Ausdruck der Rückständigkeit sind, die der heutigen Schwäche der Region zugrundeliegt. Das Wachstum diese Kräfte ist natürlich wesentlich Ergebnis der Politik sogenannter fortschrittlicher Kräfte in der Region (arabisch-nationalistische, stalinistische Linkskräfte), ihrer Unfähigkeit ihre einst von den arabischen Massen mit Begeisterung aufgenommenen Versprechen zu realisieren.
    7. So gesehen braucht sich also niemand davor zu fürchten, dass es einen gemeinsamen (nicht-zionistischen) Staat geben könnte, in dem die bisherige Unterdrückung einfach umgekehrt würde. Hamas und andere Sektionen der Muslimbruderschaft oder gar die verschiedenen jihadistischen und takfiristischen Gruppen sind Ausdruck der Krise, nicht ihre Lösung.
    8. Der „Kampf gegen den Zionismus“ ist in diesem Sinn auch eher ein ideologischer Kampf hierzulande gegen prozionistische Kräfte, die den stets unverzichtbaren Kampf gegen den „Antisemitismus“ dadurch torpedieren, dass sie diesen an die Verteidigung des zionistischen Unrechts gegenüber den Palästinensern binden.
    9. Ich liebe zwar nicht „die“ Menschen in Israel speziell, aber respektiere sie doch soweit, dass ich nicht möchte, dass sie von irgendwem in ihrer Entfaltung behindert werden – es sei denn, es handele sich um Menschen, die darauf bestehen, genau das gegenüber anderen Menschen zu tun. Sie werden kaum leugnen wollen, dass es solche auch in Israel massenhaft gibt, offenbar sogar in wachsender Zahl wie z.B. die offen rassistischen (antiarabischen) Ausfälle der jüngeren Zeit und das Hinwegschmelzen des sogenannten Friedenslagers gezeigt haben. Also:diese Leute „liebe“ ich ebensowenig wie irgendwelche anderen religiösen (oder überhaupt) Fanatiker und Antisemiten (nochmal: nicht zu verwechseln mit Antizionisten, wenngleich natürlich subjektive Antizionisten aus Antisemiten sein können).
    Zusamenfassend: es gibt z.Z. keine Aussicht auf eine gerechte Lösung des Problems, aber das kann nicht bedeuten, dass man gegenüber die Ungerechtigkeit (und Gefährlichkeit) der Situation Augen und Mund schließt.

  2. avatar

    ad:Klaus J. Nick sagt:
    17. September 2014 um 07:34

    1.das Glück oder Unglück palästinensisch-arabischer Menschen ist leider de facto zu einem großen Teil mit ihrer Zugehörigkeit zu eben jener sozio-politischen Gruppe verbunden. „Ali Muhammad“ wurde nicht aus seiner Heimat in ein Flüchtlingslager vertrieben, weil er eine grade oder schiefe Nase hat oder lieber Qanun hört oder spielt als ‚Ud, sondern, weil er als Nicht-Jude auf Land lebte oder lebt, dass von den Zionisten als das „Land Israel“ und somit als legitimes Eigentum aller Juden dieser Welt beansprucht wird.
    2. Ich erkenne auch das Recht anderer Menschen an, nicht von ihrem Land vertrieben zu werden (so etwa das der Sudetendeutschen, wenngleich deren Vertreibung nach WK2 unmittelbare Folge der vom deutschen Staat in ihrem Namen, wenn auch ohne sie gefragt zu haben, begangenen Verbrechen war).
    3. Sie schreiben: „Nur was mich wundert ist, daß Sie als – so vermute ich – bekennender Linker nicht die auf die Verfolgung an sich als ungerechtem Akt fokussieren, sondern Partei für die Alteingesessenen ergreifen.“ Für diese Annahme gibt es keinen Anhaltspunkt. MIch „interessieren“ nicht die Palästinenser, weil sie irgendwelche besonderen mich erfreuenden Qualitäten hätten oder „alteingesessen/ursprünglich“ sind, sondern eben weil sie ungerechtfertigterweise unterdrückt wurden und werden. In Zusammenhang mit der Zionismus-Diskussion ist es natürlich auch unerheblich, dass sie auf die eine oder andere Weise auch in (arabischen) Ländern unterdrückt werden, in die sie fliehen mussten.
    4. Ich wende mich als „Linker“ gegen jede Art von Unterdrückung (soweit diese nicht notwendig ist, um Unterdrückung zu beenden/verhindern), so etwa auch gegen die Besetzung der ehemals spanischen Kolonie Westsahara durch Marokko. Dass wir um soviel intensiver über Israel/Palästina reden als über die Westsahara oder die Indianer in den USA etc. etc. liegt daran, dass die Unterstützung des Zionismus (der unumgänglich mit der Vertreibung und Entrechtung des Großteils der bis zur Staatsgründung Israels dort lebenden Menschen einhergeht) insbesondere in der BRD zur „Staatsraison“ erklärt wird und dabei natürlich die wahren Gründe dafür (Herrschaft über eine geostrategisch überaus wichtige Region mittels der selbsternannten Vertreter der „europäischen Zivilisation inmitten der asiatischen Barbarei“, sowie Ablenkung von der Tatsache, dass ein wesentlicher Teil des politischen, ökonomischen und militärischen Personals der BRD zu Zeiten ihrer Gründung sich aus den gleichen Kreisen rekrutierte, die auch die Verbrechen der Shoa direkt oder indirekt mitgetragen haben) versteckt werden. Der ideologische Kampf gegen den Zionismus ist somit gerade in der BRD ein notwendiger Bestandteil des Kampfes gegen den Antisemitismus.

    1. avatar

      Und was, lieber „Doktor Holberg“, folgt aus dem „ideologischen Kampf gegen den Zionismus“? Als Anleitung zum Handeln ist er ohnehin tot. Gerade mal 24.000 Menschen sind 2013 in Israel legal eingewandert. Wollen Sie die Einstaatenlösung für Palästina? Und wenn ja, was soll mit den 7 Million dort lebenden Juden geschehen? Oder wäre deren absehbare Unterdrückung durch die dann gegebene arabische Mehrheit halt eine – wie sagen Sie es so schön? – „notwendige Unterdrückung, um Unterdrückung zu beenden“? Was muss also mit den Juden in israel geschehen, damit Groß-Palästina ein freier arabischer Staat wird wie Ägypten oder Syrien oder Libyen oder Gaza? Der „Kampf gegen den Zionismus“ ist abstrakt, das Schicksal der Menschen aber konkret. Ich zum Beispiel bin kein Anhänger des Zionismus. Und ich will kein einziges Unrecht gut heißen, das an den Arabern begangen wurde. Aber ich liebe die Menschen in Israel. Um die geht es, nicht um Ideologien. Sie jedoch, das merkt man sofort, waren nie da.

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