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Luther. Eine Erwiderung

Nun hat tatsächlich eine „echte Lutherexpertin“ auf meine Luther-Polemik geantwortet: Annette Weidhas ist Programm- und Verlagsleiterin der Evangelischen Verlagsanstalt. Sie betreut dort derzeit die sechsbändige Studienausgabe von Martin Luthers Hauptschriften.

Hier ist meine Polemik:

https://starke-meinungen.de/blog/2014/04/01/luther-eine-abrechnung/

Und hier ist die Entgegnung von Dr. Weidhas:

http://www.welt.de/kultur/article127697560/Luther-kann-nichts-fuer-die-Nazi-Verbrechen.html

Hier nun meine Erwiderung:

1. Es ist bemerkenswert, wie die von Martin Luther praktizierte Unsitte, ad personam statt ad rem zu argumentieren, unter seinen Anhängern Schule macht.  Den von mir zitierten Harvard-Gelehrten und Luther-Biographen Richard Marius tut Annette Weidhas ab als „ehemaligen Baptisten, der als junger Mann seinen Glauben verlor“, als ob diese Charakterisierung irgendetwas über die akademischen Qualitäten Marius’ aussagen würde. Marius hat es gewagt, die triumphalistische Geschichte der Reformation – wie sie etwa von der offiziellen „Luther-Botschafterin“ der EKD, Margot Käßmann, verbreitet, aber auch von Annette Weidhas vertreten wird – in Frage zu stellen und die Folgen als „Katastrophe für die westliche Zivilisation“ zu beschreiben. Er dachte dabei etwa an die Spaltung Europas und die Religionskriege, denen ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents zum Opfer fielen. Was Marius’ Glaube oder Unglaube damit zu tun hat, bleibt das Geheimnis der Luther-Expertin.

2. Schon beim evangelischen und katholischen Religionsunterricht in der Schule fiel mir unangenehm auf, wie religiöse Autoritäten gegen Kritik immunisiert wurden  Einerseits wurden uns ihre Lehren als überzeitlich gültig hingestellt. Fragte man aber nach einer Aussage, die offensichtlich unserem heutigen Moralverständnis widersprach, hieß es, man müsse das „aus seiner Zeit heraus verstehen“.  Das zugrundeliegende Argumentationsschema ist bekannt und lautet: Kopf ich gewinne, Zahl du verlierst.

So verfährt Dr. Weidhas mit Luther. Sie kritisiert, dass (Posener) „bar jedes historischen Verständnisses für die Denk- und Handlungszusammenhänge eines Menschen, der 500 Jahre vor uns gelebt hat“, Luther kritisiert und  „einzelne Äußerungen Luthers selbst aus ihrem damaligen Gesamtzusammenhang“ reißt. Was sie natürlich nicht hindert, ihrerseits Zitate, die Luther in einem guten Licht erscheinen lassen, munter aus den damaligen „Denk- und Handlungszusammenhängen“ reißt und zur Rechtfertigung des Reformators verwendet.

Gewiss doch: Luther war in seinem Fanatismus, seinem Antisemitismus, seiner Frauenfeindlichkeit,  seiner Wissenschaftsskepsis, seiner Kapitalismuskritik, seinem Hexenwahn ein Mann seiner Zeit.  Das habe ich ja nicht bestritten. Im Gegenteil. Meine Thesen bekräftigen das – und richten sich gegen die Behauptung Margot Käßmanns, die Luther zu unserem Zeitgenossen machen will, etwa indem sie schreibt: „Luthers Freiheitsbegriff hat große Konsequenzen nach sich gezogen. ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ als Parole der Französischen Revolution hat im Gedanken der Freiheit eines Christenmenschen durchaus Wurzeln. Am Ende ist der Bogen bis zur Aufklärung zu spannen.“ Wer die „Freiheit eines Christenmenschen“ tatsächlich liest, statt den Buchtitel bloß als Parole zu benutzen, der weiß, dass Luther diese Freiheit so definierte, dass der wahre Christenmensch der irdischen Obrigkeit – im Gegensatz zum Papst – unbedingten Gehorsam schulde, was aber nicht schlimm sei, da die wahre Freiheit die geistige sei.

3. Wenn man schon wie Käßmann solche abenteuerlichen Bögen in die Gegenwart spannt, so meine Überlegung, so müsse man sich auch nach den negativen Folgen der Luther’schen Reformation fragen; so könne man auch andere Bögen spannen. Etwa von Luthers politischer Obrigkeitshörigkeit zu bestimmten bis heute nachwirkenden demokratischen Defiziten. Oder von Luthers eliminatorischem Antisemitismus hin zum Antisemitismus der Nazis. Dr. Weidhas findet das „noch unsinniger als Marx für Stalin verantwortlich zu machen.“ Ein merkwürdiger Einwand. Ein Marxist, der sich nicht fragen würde, welche Elemente der Marx’schen Lehre die Keime des Totalitarismus in sich erhalten, wäre nicht ernst zu nehmen, sondern bloßer Apologet. Übrigens lassen sich diese Elemente relativ leicht benennen. Sie hängen mit jener Endzeiterwartung zusammen, die Marx mit Luther teilt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Marx, obwohl aus einer katholischen Gegend stammend, Protestant war.

4. Wie das Argument, religiöse Gestalten müsse man „aus ihrer Zeit heraus“ verstehen, wird auch eine angebliche Bedeutungsverschiebung von Wörtern schnell herbeigezaubert, wenn bestimmte Aussagen nicht zum gewünschten Idealbild passen. So beim „Hass gegen sich selbst“, den Luther gefordert hat, und der angeblich nur „Reue“ und „Demut“ bedeute. Nun, bei anderer Gelegenheit sagte Luther in einer Predigt zur Begründung der Notwendigkeit dieses Selbsthasses: „Ihr seid der Abfall, der aus dem Hintern des Teufels auf die Erde gefallen ist“. Will Annette Weidhas ernsthaft unterstellen, die Wörter „Abfall“, „Hintern“ und „Teufel“ hätten damals nicht bedeutet, was sie heute bedeuten?

5. Ich hatte – in einer nicht ganz ernst gemeinten These, schließlich glaube ich als Atheist nicht an ein Leben nach dem Tod – auch den Ablass verteidigt, als eine Art Versicherungspolice für das Jenseits. Klar, dass dies den Zorn der Luther-Expertin hervorrufen musste: „Was ist das? Neoliberaler Kapitalismus bis hin zum letzten Heil? Hier bedauert jemand, dass Luther mit der Vorstellung aufgeräumt hat, Gott sei käuflich! Und übersieht dabei Luthers epochale Einsicht, dass der Mensch nicht nur nichts zu seinem Heil beitragen kann, sondern das auch gar nicht muss. Denn Gott ist seinem Wesen nach ein gnädiger Gott.“

Nun ja. Um „Neoliberalismus“ kann es wohl in den „Denk- und Handlungszusammenhängen“ der Reformation kaum gegangen sein. Es ging vielmehr um die Angst vor Tod und Gericht. Und in der Tat habe ich geschrieben: „Der befreiende Kern der christlichen Botschaft lautet: Jesus ist für die Sünden der Menschen gestorben. Die Rechnung mit Gott ist beglichen. Diese Botschaft hat Luther bei Augustinus und Paulus wiederentdeckt.“ Das unterschlägt Annette Weidhas. Ich schrieb aber auch: „Doch würde diese Botschaft, konsequent zu Ende gedacht, auch die Entlassung der Menschen in die völlige Freiheit bedeuten. Kirche, Liturgie, Sakramente, ja der Glaube selbst wären überflüssig. Befreiung aber will Luther so wenig wie sein Lehrer Augustinus, der große Pessimist der Antike. Luther will ja die totale Unterwerfung des Menschen, das Leben als Buße.“

Das Mittel hierzu ist die Prädestinationslehre. Denn Gott ist für Luther eben nicht „seinem Wesen nach ein gnädiger Gott“; sondern er ist ein Gott, der von vornherein  einen Großteil der Menschheit zur ewigen Qual in der Hölle verdammt hat. „Das ist die höchste Stufe des Glaubens, zu glauben, jener (Gott) sei gütig, der so wenige selig macht…“, so Luther, und der darum nach menschlichen Maßstäben „hassenswert“ wäre. Über diese dunkle Botschaft des Reformators will offensichtlich niemand reden; auch Annette Weidhas verschweigt sie schlicht und einfach. Sie passt nicht zum gütigen Luther, den man zur 500-Jahr-Feier konstruieren will, und sei es um den Preis der Verfälschung seiner Lehre.

5. Meine Luther-Kritik versteht sich vor dem Hintergrund der Erinnerung an Erasmus von Rotterdam, dem Annette Weidhas unterstellt, er habe Luther „im Kampf gegen die Papstkirche im Stich“ gelassen, vielleicht – hier sind wir wieder bei bei der Argumentation ad personam – „aus Feigheit“. Dass Erasmus aus nachvollziehbaren Gründen vor den Folgen der Spaltung der Kirche und Europas, vor Glaubenseifer und religiös motiviertem Hass zurückschreckte und eine – gewiss kritikwürdige, aber reformfähige – einheitliche Kirche den Katastrophen vorzog, die Luthers Reformation über den Kontinent brachte; dass Erasmus also, und nicht Luther, der eigentliche Held seiner Zeit war, und kein Feigling, wie Luther meinte: Das zieht Annette Weidhas nicht einmal in Betracht.  Und darum soll hier der große Europäer Stefan Zweig zitiert werden, der über Erasmus meinte, er sei „unter allen Schreibenden und Schaffenden des Abendlandes der erste bewusste Europäer gewesen, der erste streitbare Friedensfreund … Und er hat nur ein Ding auf Erden wahrhaft als den Widergeist der Vernunft gehasst: den Fanatismus. … Er hasste sie alle, die Halsstarrigen und Denkeinseitigen, ob im Priestergewand oder Professorentalar, die Scheuklappendenker und Zeloten jeder Klasse und Rasse, die allorts für ihre eigene Meinung Kadavergehorsam verlangen und jede andere Anschauung verächtlich Ketzerei nennen oder Schurkerei.“

Europäer, Friedensfreund, Gegner des Fanatismus und der Unduldsamkeit: Das macht uns Erasmus zum Vorbild. Könnte man auch nur eine dieser Eigenschaften Luther andichten? Wohl kaum. Und darum geht es.

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34 Gedanken zu “Luther. Eine Erwiderung;”

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    Ein pädagogischer Journalist. Dolle Mischung. Bin von Ihrer originellen und immer anregenden Art und Weise begeistert, sich zunächst autodidaktisch und dann im schriftstellerischen kritischen Dialog erstaunlich tiefe Kenntnisse anzueignen. Ihr dialogisches Lernen bei leidenschaftlicher Anteilnahme an der Welt und ihren vielfältigen Erschungsformen erscheint mir vorbildlich. Schon viel von Ihnen gelernt. Danke.

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    @Bernd Kammermeier,
    endlich, Sie bringen es auf den Punkt.

    Wir leben heute und jetzt.
    Ein Herr Luther ist und war nie ein Vorbild.
    Er würde heute im Gefängnis sitzen nachweinen Verurteilung wegen Volkshetze, Rassismus, öffentlichem Aufruf zu Mord und anderen schweren Verbrechen.

    Und was passiert im Kirchenstaat Deutschland?
    Da werden Straßen nach diesem Scheusal benannt und viele Millionen € sinnlos für dieses „Vorbild“ pulverisiert.

    Es wird, wie christlich üblich, gelogen, verbogen, geklittert, dass sich die Balken biegen.

    Leider ist in D. Immer noch die Mehrheit der Bevölkerung verdummbibelt.

  3. avatar

    Ich habe den Welt am Sonntag-Artikel, die dortige Erwiderung, die Antwort hier und Teile der Kommentare gelesen. Und ich kenne Luther.

    Ich will hier keinen theologischen Diskurs beginnen. Das ist meiner Meinung nach auch nicht nötig. Wenn man „Von Juden und ihren Lügen“ etc. gelesen hat, springt einem ein halsstarriger – nein, nicht Jude, sondern – Luther entgegen. Einer, der Gottes „Aussagen“ wortwörtlich nimmt und keinerlei historische Zusammenhänge (er)kennt. Der wie ein salafistischer Korinthenkacker einzelne Bibelzitate interpretiert, wie es ihm in den Kram passt – angetrieben von einem unsäglichen Hass gegen Juden, Frauen und letztlich wohl auch sich selbst.

    Da lasse ich keine „Zeitgeistentschuldigung“ gelten, wenn jemand in widerwärtigster Fäkalsprache, die man seinem eigenen Kind verbieten würde, andere Menschen oder Denkweisen herabwürdigt, erniedrigt, durch den Dreck zieht. Und zwar absichtlich und bewusst!

    Luther ist ein geistiger Brandstifter des Nationalsozialismus, bei dem ich folgende Argumentationskette nicht gelten lassen würde:

    Ist der Arm schuld, das jemand erschossen wurde? Hing an diesem Arm nicht eine Hand und an diesem nicht ein Finger und kam nicht erst dann der Abzug? Ist also der Abzug Schuld am Tod und nicht der Arm? Ich kehre es um und sage: Am Arm hängt eine Schulter, an dieser ein Körper, an diesem ein Hals und an diesem ein Kopf. In diesem Kopf ist ein Gehirn und das ist Schuld. Dieses Gehirn heißt unter anderen Doktor Martin Luther!

  4. avatar

    Nicht nur Mussolini, sondern auch der neokonservative Michael Ledeen: http://pjmedia.com/michaellede.....epage=true

    Und was ist dann die Zerschlagung Googles, die Sigmar Gabriel und Thomas de Maizière gerade fordern? (Abgesehen davon, dass das an Größenwahnsinn grenzt, schließlich haben deutsche Politiker – glücklicherweise – keinen maßgeblichen Einfluss auf amerikanische Kartellämter)

  5. avatar

    o.t. APo: Alles Faschisten, oder was?

    Mussolini definierte den Faschismus als ‚Verschmelzung von Großkapital und Staat‘ … danach wäre die EU im jetzigen Zustand, als ‚Entartung‘ europäischer Demokratien – Stichwort Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM), Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF), Europäischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) usw. bla, bla, – die Wiedergeburt des Faschismus in Europa.

    Daher: Keine Imperien! Keine Großreiche! Für niemanden! Es gibt immer eine Alternative. 😉

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    Parisien: ‚Glück des Tüchtigen, Marshallplan, also Glück amerikanischer Unterstützung in W-D, jedenfalls nicht Prädestination.‘

    … Unterstützung? … das mögen ‚Wessis‘, als Folge der Reeducation, so glauben. Mit ‚m Marschallplan, 1,4 Mrd $, ‚förderten‘, erwarben die Amerikaner deutsche Betriebe und kauften Aktienmajoritäten.

    Frankreich mit 2,6 Mrd $ und England mit 3,1 Mrd $ wurden ähnlich versklavt, äh, ich meine ‚gefördert‘.

    Daher!

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    @ Parisien: Ganz gewiss ist an Heinsohns „youth bulge“-Theorie einiges dran. Hat eine Familie etwa in Nigeria „überschüssige“ Söhne (denn es handelt sich um zu viele junge Männer), so macht es sozusagen ökonomischen Sinn, wenn der eine sich unter Lebensgefahr nach Europa aufmacht, der andere sich als Boko-Haram-Kämpfer verdingt. Hauptsache, sie fallen der Familie nicht zur Last.
    Auch der Erste Weltkrieg wird ausgefochten zwischen Söhnen, die in der Regel aus kinderreichen Familien kamen, die sozusagen den Verlust eines Sohnes oder sogar zweier Söhne „vertragen“ konnten; heute hingegen sind wir dank unseren Ein-Kind-Familien pazifistisch.
    Den erstaunlichen Rückgang der Kriminalität in den USA führen Dubner und Levitt (in „Freakonomics“) ja auch auf die Einführung der Pille und den entsprechenden Rückgang überschüssiger junger Männer zurück. (Für Katholiken ein interessantes Dilemma: Soll man gegen die Pille sein, wenn sie etwa dazu führt, dass ein Einbrecher, Vergewaltiger und Mörder gar nicht erst geboren wird?) Kurzum: die Demographie hilft uns, viele Phänomene zu erklären, die ansonsten zu Unrecht allein auf kulturelle Faktoren zurückgeführt würden: Wir Europäer sind als Christen friedfertig, Muslime hingegen sind gewaltbereit.
    Heinsohn erinnert mich freilich auch ein wenig an Freudianer oder Marxisten, deren Theorien sozusagen immer passen. Er neigt zu monokausalem Denken. Denn es wirken ja auch kulturelle Faktoren, insbesondere wenn man sich fragt, weshalb es in vielen Ländern einen Männerüberschuss gibt. Darüber habe ich ja an dieser Stelle kürzlich (29. April) geschrieben.

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    Mehr will ich zu diesem posting von Alan Posener nicht beitragen außer einem Gedanken noch:
    „Luther“, der Film, der, soweit ich weiß, von der Evang. Kirche mit finanziert wurde, ist über den jungen Luther. Diese Sache mit den Thesen in Wittenberg ist schon snowdenmäßig gut. Luther forderte ein System heraus, das über fast alles das Sagen hatte. Das passierte mit dem Mut der Jugend.
    Vielleicht muss man zwischen dem jungen Luther und dem alten Luther unterscheiden und den jungen Luther stehen lassen. Zumal doch der nette Joseph Fiennes (Shakespeare in Love) den so wunderbar darstellt 😉
    Die beste Art, den jungen Snowden zu verderben, wäre, ihn zu exkulpieren und zum Verteidigungsminister zu machen. Or President. Insofern amüsiere ich mich immer über Leute, die „Snowden for President“ rufen.
    Ach ja, und wie Stefan Zweig ja andeutet, hätte der überaus feine Erasmus keinem System vorstehen wollen.

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    @ Roland Ziegler
    „Dass das Schicksal blind zuschlägt, genauso wie das Glück oft eben nicht bei den Tüchtigen ist.“

    Zufall. Buch Hiob. Im Buch Hiob steht, wie es danach weitergehen kann: Hiob im Ringen mit Gott. Immer wird mit Gott gerungen, ob das Hiob ist oder Jakob oder Jonas oder letztlich Jesus selbst. Überall steht, dass diese Personen durch Schwierigkeiten hindurch bei Gott bleiben, und es gibt auch Juden, die nach dem Holocaust dabei blieben, hiobianische Juden vielleicht. Nebenbei bemerkt, lohnt es sich, dass Buch Hiob anzuschauen und vielleicht auch Navid Kermani: „Hiob oder der Zorn Gottes.“ Ich glaube,so heißt es.

    Totaler Zufall. Manche Sachen lassen sich naturwissenschaftlich begründen, aber nicht ganz. Nicht jeder Raucher kriegt einen Lungentumor. Oder: Zwei verschiedene Leute hatten ein schlechtes Elternhaus, Vater soff, Mutter depressive Geschlagene, Sohn auch, z.B. Der Eine regeneriert sich davon, der Andere bringt plötzlich jemanden um und wird vor Gericht mit schäbiger Kindheit verteidigt, obwohl neun Andere eine ähnlich schäbige Kindheit hatten.

    Ich finde es vor allem bemerkenswert, dass Luther vor Mendel und Darwin lebte und besonders bemerkenswert, dass Letztere Theologen waren. Somit waren sie möglicherweise von der gleichen Sache wie Luther überzeugt und versuchten, herauszufinden, was dahinter steckt. Nun ja, aber dann gibt es ja noch die Prägung und in der Prägung die Religion, die, wenn sie gut gelebt wird, manches wettmachen kann. Die Lehren übrigens, finde ich, und die gelebte Religion, haben meistens wenig miteinander zu tun.
    Nächstenliebe zum Beispiel: Einer hilft der Oma spontan über die Straße, der Andere nicht. Ich würde das am ehesten auf gute Prägung und Erziehung bei dem Ersten schieben, und das ist auf keinen Fall prädestiniert. Schließlich ist es völlig falsch, zu denken, dass der Privilegierte seine Kinder immer richtig erzieht und der weniger Privilegierte falsch. Wissen die meisten Deutschen von sich selbst, denn die meisten Eltern oder Großeltern waren kriegsgeschädigt, arm und weniger ausgebildet. Im größeren Rahmen könnte man hier über Deutschland nach 1960 nachdenken: Glück des Tüchtigen, Marshallplan, also Glück amerikanischer Unterstützung in W-D, jedenfalls nicht Prädestination.
    Hitler?: Keine Prädestination, würde ich sagen, denn ohne WWI vermutlich kein Hitler.

    Ansonsten, auch für
    @ Alan Posener
    zu den Kriegen des frühen 20.Jh die interessante youth bulge theory von Gunnar Heinsohn, die dann heute in Afrika zum Tragen kommt. ? Was dran?

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    R.Z.: ‚… und wie reagiert die Konkurrenz, die Katholiken, … sie ignorieren sie einfach.‘

    … nicht mal das, die Kirche Christi hat keine Konkurrenz. Daher!

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    …die wie reagiert die Wissenschaft auf Kontingenz? Zu Luthers Zeiten gab es noch keine Naturwissenschaft in unserem heutigen Sinn. Sie entstand erst aus der empirischen Erfahrung der Kontingenz. Mitten im scheinbar verworrenen Weltgeschehen wurden unhintergehbare, apodiktische Naturgesetze entdeckt, mit denen die Kontengenz zunächst aufgehoben wurde. Später allerdings, mit Max Planck, tauchte die Kontingenz dann wieder auf – an fundamentaler Stelle, sozusagen mitten im Herz der Welt: bei den allerkleinsten Bestandteilen.

    Luther war sicher kein Aufklärer. Aber es gibt eine implizite Verbindung zwischen Luther und der Aufklärung. Auch hinsichtlich der Bibel: „Lassen wir uns nicht vom Priester sagen, was da steht. Lesen wir selber.“ Das ist auch die Haltung der Aufklärer.

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    …und wie reagiert die Konkurrenz, die Katholiken, auf Kontingenz? Durch Kontinenz: sie ignorieren sie einfach.

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    Im Zentrum dieser „dunklen Botschaft“ steht doch die moderne Frage, wie man auf die Erfahrung der Kontingenz reagiert. Dass der Ablauf der Dinge zufällig ist oder zumindest so aussieht. Dass das Schicksal blind zuschlägt, genauso wie das Glück oft eben nicht bei den Tüchtigen ist. Wenn man wie Luther bis in die Zehenspitzen Christ ist, nimmt man als Erklärung die Prädestinationslehre, die man von Augustinus her kennt.

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    @Alan Posener: Ja. Ich bin nur über den einen Punkt, die dunkle Botschaft, über die niemand reden will, gestolpert. Wenigstens diese These konnte ich eindeutig widerlegen: Es gibt jemanden, der darüber reden will 🙂

    Allerdings bin ich, @Parisien, kein Lutheraner und kann auch nicht beurteilen, ob Luther wahres Christentum oder Ketzerei bedeutet. Das ist mir allerdings auch egal. Besonders lilienmäßig kommt mir Luther tatsächlich auch nicht vor, eher wie ein Mediaval-Punk.
    Die Prädestinationslehre wurzelt in Augustinus, der vielleicht eher als wahrer Christ durchgehen kann? Einstein meinte, Gott würfele nicht, aber vielleicht würfelt er doch? Dann gäbe es Willkür und vielleicht auch Prädestination. Aber ansonsten ist Prädestination das Ergebnis durchgrübelter Nächte und wohl eher Volkspädagogik als Volksfrömmigkeit.

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    Ja, Roland Ziegler, es gibt paradoxe Konsequenzen. Mir ging es aber nicht darum, sondern um Luthers Botschaft, so wie er sie gemeint hat. Es ging mir also gerade darum, den Reformator „aus seiner Zeit heraus“ zu verstehen, und ihn nicht, wie Frau Käßmann, rückwirkend zu verklären.

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    Wenn ich dieses lese:
    „So beim „Hass gegen sich selbst“, den Luther gefordert hat, und der angeblich nur „Reue“ und „Demut“ bedeute. Nun, bei anderer Gelegenheit sagte Luther in einer Predigt zur Begründung der Notwendigkeit dieses Selbsthasses: „Ihr seid der Abfall, der aus dem Hintern des Teufels auf die Erde gefallen ist“.“,
    wird mir schlecht.
    Man meint doch dann, dass Luther Jesus überhaupt nicht verstanden hat, Jesus, der eher meinte, wir seien wie die Lilien auf dem Felde. Hierzu,
    @ Roland Ziegler, müssen Sie die Lilienfräulein-Gedichte von Clemens Brentano lesen. Jesus machte jeden Menschen groß. Wenn er ein verständnisvoller Pharisäer war wie Nikodemus, war er so groß wie ein barmherziger Samariter oder eine Ungläubige aus Samaria, die er am Brunnen traf, oder auch eine Ehebrecherin, der er unter der Prämisse vergab, dass sie sich ändert. Jesus machte den Defizitärsten unter seinen Jüngern zum Träger der Botschaft, den alten Schisser, Angsthasen und Leugner Petrus. Wenn Jesus diese oben angeführte Aussage von Luther gelesen hätte, hätte er ihn verworfen oder umgedreht.
    Und am Ende darf man nicht vergessen, dass Jesus wie auch die Jünger ein Jude war und Paulus, vielleicht der wirkliche Begünder des Christentums, Jude und Hellene. So lässt sich Luther nicht als tief religiös erfassen. Ein wirklicher Christ verwirft nicht die Mutterreligion. Und würde Menschen nicht als „Abfall“ bezeichnen. Er war wohl eher ein politischer Mensch, vielleicht auch profilsüchtig. Insgesamt fragt man sich daneben, ob sein Hauptmotiv war, dass er heiraten wollte. Eins kann man sagen: Der Mensch kann seine Selbstsucht oft gut verkleiden.
    Ein Beispiel aus moderner Zeit, das widerlegt, dass man solche Aussagen „aus jener Zeit“ verstehen sollte: Ein französischer Politiker bezeichnete vor ca. acht Jahren ein paar Leute als „Abschaum, der mit dem Kärcher gereinigt werden sollte.“ Sie wählten ihn dennoch zum Präsidenten. Danach echauffierten sie sich darüber, dass er einem einfachen Mann die Hand verweigerte, weil der zu dreckig sei, und weil er meinte, wenn man kein Geld für öffentlichen Nahverkehr hätte, solle man doch mit dem Rad fahren. Da wählten sie ihn wieder ab, ganz einfach, obwohl er wirtschaftlich besser für das Land wäre. Nun gut, das ist nur ein Politiker.
    Von Religionsgründern sind solche Dinge noch viel inakzeptabler. Dagegen ist es ein wohltuender Lichtblick, wenn Papst Francesco sich mit einem „Elefantenmenschen“ zeigt.
    Papst Francesco hat Mitleid, Luther wirkt mitleidlos, mit sich selbst und mit anderen Menschen. Überhaupt ist es nicht gut, wenn man sich selbst oder seiner Familie nicht vergeben kann. Ich muss hier an eine bestimmte Schamkultur erinnern. Kein Wunder, dass gerade Evangelen für diese so gern Entschuldigungen finden.
    Posener hat gewiss Recht: Die Selbstgerechtigkeit der Deutschen hat eine Menge mit Luther zu tun, erhobener Zeigefinger überall und die Begeisterung für eine App, mit der man Parksünder anzeigen kann.
    Sie sollten mal gucken: „Fanny und Alexander“ und die Bücher lesen von good old Ingmar Bergman. Bei manchen Sachen wird einem kalt. Bergmans Großeltern wollten die Ehe ihrer Tochter mit diesem Pastor unbedingt verhindern, aber sie schafften es nicht. Wir können heute nur sagen „Zum Glück“, aber nur, weil Ingmar uns sonst entgangen wäre.

  17. avatar

    …die „Willkürherrschaft“ Gottes ist, wie Sie sagen, ein mögliches Gegenstück zur „regelgeleiteten Herrschaft“ Gottes bei den Calvinisten und Katholiken. Aber es gibt eben auch die Alternative, dass die „Willkürherrschaft“ nur aus der menschlichen Froschperspektive willkürlich aussieht, tatsächlich aber einen gütigen Plan zugunsten der Menschen verfolgt. Dann wäre die geforderte Haltung: Vertrauen gegen den Augenschein.

    Dies scheint doch Luthers Meinung zu sein und auch viel einleuchtender als z.B. anzunehmen, dass die ganzen Pesttoten aus irgendeiner erkennbaren Regel oder gar Regelverstoß der Unglücklichen selber resultieren. Dass man dem Unglück also grundsätzlich vorbeugen könnte und auf der sicheren Seite zu liegen kommt.

    Ich weiß auch nicht, was Luther von seiner eigenen Erkenntnisfähigkeit hielt. Vielleicht zieht er auch nur die theologische Konsequenz aus dem sich empirisch aufdrängenden Umstand, dass er im Geschehen keine Regel erkennen kann? Auch Leibnitz hat später, wie viele andere, das verheerende Erdbeben von Lissabon nicht mehr als Folge eines theologischen Fehlverhaltens der Gestorbenen deuten können.

  18. avatar

    …vergleichen Sie das einfach mal mit anderen Konzepten z.B. der Taliban, aber auch anderer christlicher Fundamentalisten (Luther war ja auch einer): normalerweise ist das Diesseits nur eine Vorstufe zum Jenseits, die allerdings darüber entscheidet, ob man in die Hölle oder ins Paradies kommt. Ein Testlauf. Eine solche Haltung übt richtig Druck auf die Menschen aus, so sehr, dass man seine Kinder zu Selbstmordattentätern machen kann.

    Bei Luther werden solche aufs Jenseits gerichteten Anstrengungen kategorisch per Prädestination ausgeschlossen. Sie haben keinen Sinn, weil man sowieso in der Hölle landet, egal was man tut. Man sollte sich gut benehmen (gottgefällig leben), weil es einfach gut IST. Für das Leben. Das ist viel besser.

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    Ihrer Entgegnung kann und will ich nichts entgegensetzen. Sie argumentieren aber etwas anderes.
    Ich überlege gerade, dass bei einer Prädestination
    1.) eine individuelle Schuld entfällt. Keine Kleinigkeit für die Beladenen und Geplagten des Mittelalters.

    2.) die Heilserwartung entfällt. Zwar gibt es Leute, die Gnade finden, aber das sind nur wenige, und anders als bei Calvin gibt es keine Möglichkeit für normale Menschen, dies kalkulierend zu „erkennen“. Sie müssen daher davon ausgehen, dass es für sie kein Heil im Jenseits gibt.

    3.) Die Folge daraus ist, dass statt, wie üblich das Diesseits bei Luther (zunächst nur: auch) das Jenseits „vermiest“ wird (O. Marquard hat irgendwo mal von der christlichen „Jetztweltvermiesung“ gesprochen; bei Luther ist es halt anders herum). Mit dem Effekt, dass man sich auf das Leben im Hier & Jetzt besinnt.

    Wie gesagt geht es nicht um die Intention – die muss ich offen lassen – , sondern um den Effekt. Wie könnte es anders sein, wenn man später ohnehin nur eine Hölle zu erwarten hat! Vielleicht läuft also die „dunkle Botschaft“ der Prädestination darauf hinaus, dass das diesseitige Leben – welches natürlich möglichst gut ((=gottgefällig) geführt werden soll – seinen Sinn in sich selber findet. Nicht in der Jenseitserwartung. Nicht, wie sonst üblich, als Mittel, um später im Paradies zu landen.

    Ich kann wie gesagt nicht beurteilen, ob das wirklich den Intentionen Luthers entspricht, vielleicht hatte er anderes im Sinn (Terror? Stinkefinger zeigen?)

    Aber was auch immer er im Sinn hatte, das ist die – schwierig zu verstehende – Konsequenz aus der Prädestinationslehre.

    Nietzsche hatte ich shcon erwähnt, und auch bei Goethe gibt es einen ähnlichen und auch ähnlich schwierigen Gedanken: Angst und Hoffnung seien die größten Feinde der Menschen (Faust II). Bei der Angst leuchtet das unmittelbar ein, aber Hoffnung als Menschheitsfeind? Das verstehen wir nicht ohne Weiteres. Das ist ebenfalls eine dunkle Botschaft. Gemeint ist nicht die „kleine“ Hoffnung, dass es uns morgen noch immer gut gehen und die Sonne scheinen wird, sondern eine „große“, die sich auf ein Utopia/ein Jenseits richtet. Angst und Hoffnung haben gemeinsam, dass sie beide sich auf die Zukunft richten, und genau das macht sie für Goethe zu Menschheitsfeinden. Wir sollen lieber im Hier & Jetzt leben, statt unser Leben im Hinblick auf die Zukunft auszurichten.

    Diese Haltung vermittelt auch die Prädestinationslehre von Luther: das gottgefällige Leben trägt seinen Wert in sich. Das Jenseits sollte dafür keine definitorische Rolle spielen.

  20. avatar

    Lieber Roland Ziegler, Sie werden doch von mir keine Apologie des Katholizismus erwarten. Es gibt aber eine selbstgerechte protestantische Kritik am Katholizismus, die oft unbewusst von Nichtreligiösen übernommen wird im Sinne jener triumphalistischen Weltsicht, für die Frau Käßmann spricht, in der wir es also herrlich weit gebracht haben und der Katholizismus für Rückschritt und der Protestantismus für Fortschritt steht.
    Ich denke, dass es durchaus sinnvoll sein kann, einmal dieses Denkschema zu überprüfen – und sei es mit einer Provokation.
    Schon vor 15 Jahren zum Beispiel habe ich bei Rowohlt ein Buch über den Kult der Maria veröffentlicht, in dem ich darauf hinweise, dass es nicht unbedingt fortschrittlich war, den Kult um eine hohe Frau aus der Religion zu verbannen und zurückzukehren zum strengen männlichen Dreier-Pantheon. Lesen Sie einmal radikalprotestantische Flugblätter gegen die „Hure Babylon“, also Rom, und den „Götzendienst der Papisten“ an der Maria, und es läuft Ihnen kalt den Rücken herunter.
    Und hier argumentiere ich, dass es entlastend sein kann, zu seinem eigenen Heil und zum Heil seiner lieben Verstorbenen beitragen zu können. Sie müssen aber auch genau lesen wollen, wenn Sie das infrage stellen. So reden Sie vom „teuren Ablassbrief“. Dabei habe ich geschrieben, dass es für den Ablass einen sozial gestaffelten Tarif gab, wie schon zu Jesu Zeiten. Joseph und Maria opfern in der Bibel eine Taube, das Opfertier der armen Leute, während reichere Leute Ziegen, Lämmer und Stiere opferten. Die Wirkung war die gleiche. Und so hatten auch die Ablassverkäufer Angebote für arme Leute im Gepäck. Den eingefleischten Protestanten schaudert’s bei dem Gedanken: „Gott ist nicht käuflich!“ Aber wenn er nicht käuflich ist, wenn ihn weder gute Werke noch Opfer beeindrucken, ja nicht einmal, wie jesus sagte, die „Beschneidung des Herzens“, ist er schlicht und einfach ein Willkürherrscher. Wenn Ihnen das lieber ist, bitte sehr.

  21. avatar

    Wenn die Auserwähltheit wie bei Calvin sich am irdischen Reichtum zeigt, dann lässt sich der Platz im Himmel auf Erden buchen und die ganze Prädestination ist weg. Und wenn man dabei nicht mit redlichen Mitteln vorgeht, dann beweist der resultierende Reichtum, dass es auf die Mittel ja gar nicht ankommt, sondern nur auf den Reichtum. Fatal. Da ist mir Luthers rotziges „No Future for you!“ doch wesentlich lieber.

  22. avatar

    Die katholische Form des Christentums scheint doch aber so befreiend auch nicht zu sein: „Tue ordentlich Buße, dann kommst du in den Himmel.“ Zahle ggf. Ablass. Ein Kalkül, das gar nicht so froh stimmt, wie es vielleicht in der heutigen Komfortzone erscheint. Denn wenn man keine Möglichkeit zur Buße hat, weil man sich z.B. seines gewalttätigen Ehemanns nur mit unzulässigen Mitteln erwehren kann, oder wenn man kein Geld hat, um einen teuren Ablassbrief zu bezahlen, weil die Kinder hungern, wird es kritisch und kippt die Sache um. Luther sagt dazu, wenn man auserwählt ist – was leider sehr unwahrscheinlich ist, d.h. man kann davon nicht ausgehen – steht einem trotzdem und immer die Gnade offen.

    Überhaupt ist die ursprüngliche Idee, von seinen Sünden befreit zu sein und also munter aufspielen zu können, auch im Christentum vor Luther nicht weit gekommen. Im Gegenteil hört man doch auch heute noch gerade von katholischen Priestern die Botschaft, dass man sündig sei, wnen man z.B. homosexuell ist, und nur unter bestimmten Bedingungen einen genügenden Wert hat.

    Hier sagt Luther: Nein, gottgefälliges Verhalten kann uns nicht in den Himmel bringen. Ich denke schon, dass es eine solche Idee durchaus auch entlastend sein kann, aus der Not eine Tugend zu machen.

    Tatsache ist natürlich schon, dass die dunkle Botschaft bei Luther mit allerley höllischer Fantasie angereichert ist. Aber die, so könnte man vielleicht sagen, entspringt wie gesagt jedenfalls auch der „dunklen Zeit“.

  23. avatar

    Nun. lieber Parisiein, es freut mich, dass ich Ihnen auch einmal eine Freude machen konnte, hier mit Erasmus.
    Und, lieber Roland Ziegler, es hätte wohl so sein können, wie Sie sagen. Man kann nichts für das Jenseits tun, wozu also sich quälen? Das nenne ich in den Thesen wider Luther die von ihm verratene ursprüngliche frohe Botschaft des Protestantismus. Denn für Luther war gerade die Zerknirschtheit ein Zeichen des Heils. Gewiss konnte die Zerknirschtheit keine Heilsgewissheit vermitteln, aber wer sich nicht mit der Frage seiner Rechtfertigung quälte, war gewiss des Heils nicht würdig.
    Calvin wiederum sah im irdischen Erfolg ein Zeichen auch künftigen Heils, daher die enorme Bedeutung des Calvinismus für die Entwicklung des Kapitalismus in der Schweiz, in Holland, Großbritannien und Amerika, die von Max Weber herausgearbeitet wurde. Gewiss besser als Luthers unproduktive Grübelei, aber gewiss auch sehr problematisch; das führt nämlich zur Vorstellung, dass wer oben ist auch besser ist: das von so manchen Managern und ihren Apologeten gepflegte Gutmenschentum.

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    @ Alan Posener
    Wunderbar:
    „Und darum soll hier der große Europäer Stefan Zweig zitiert werden, der über Erasmus meinte, er sei „unter allen Schreibenden und Schaffenden des Abendlandes der erste bewusste Europäer gewesen, der erste streitbare Friedensfreund … Und er hat nur ein Ding auf Erden wahrhaft als den Widergeist der Vernunft gehasst: den Fanatismus. … Er hasste sie alle, die Halsstarrigen und Denkeinseitigen, ob im Priestergewand oder Professorentalar, die Scheuklappendenker und Zeloten jeder Klasse und Rasse, die allorts für ihre eigene Meinung Kadavergehorsam verlangen und jede andere Anschauung verächtlich Ketzerei nennen oder Schurkerei.“

    Europäer, Friedensfreund, Gegner des Fanatismus und der Unduldsamkeit: Das macht uns Erasmus zum Vorbild. Könnte man auch nur eine dieser Eigenschaften Luther andichten? Wohl kaum. Und darum geht es.“

    Großartig. Stefan Zweigs Erasmus sowie auch „Castellio gegen Calvin, Ein Gewissen gegen die Gewalt“ stehen für das, was das Abendland sein sollte. Und Cusanus sei nicht zu vergessen. Und Spinoza. Und, um unser Kernthema nicht zu vergessen ;-), das Klavierkonzert in c-moll von Sergej Rachmaninov. Und nun ja, selbstverständlich Leonard Bernstein, wer sonst.

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    Mir ist noch etwas Zweites eingefallen, mit dem man jene dunkle Prädestinationslehre möglicherweise etwas erhellen könnte. (Was ohnehin, wenn überhaupt, aufgrund inhärenter Unverständlichkeit nur bruchstückhaft gelingen kann.) Das darf ich Ihnen, der Ankündigung zum Trotz, nicht vorenthalten.

    Die Prädestination hat nicht nur zur Folge, dass „Gott nicht käuflich“ ist, sondern darüber hinaus: dass die gesamte Spekulation auf das Jenseits – die Heilserwartung – entfällt. Oder irre ich mich da? Es gibt keine Möglichkeit mehr, sich durch irgendein Verhalten einen Platz im Himmel zu reservieren. Das grenzt sie doch sehr z.B. von Al Kaida oder den Kreuzrittern ab. Mit einer Prädestinationslehre im Gepäck kann man tun und lassen, was man will, ohne dass es einen nachvollziehbaren Einfluss auf das Jenseits hat. Es gibt kein Kalkül mehr; der Himmel bleibt außen vor. Man verbleibt in der Hölle, zunächst nur auf Erden, aber dann später auch im Jenseits. Das klingt trostlos, aber das war es im Grunde schon vorher und die ganze Zeit über, und jetzt ist Platz für eine neue, modernere Frage: Was fangt ihr mit eurem verlorenen Leben an?

    Die Prädestinationslehre verschließt gewissermaßen den Himmel. Der kann keinen Trost mehr spenden, weil er verschlossen ist. Insofern ist diese Lehre auffallend verwandt mit der ebenfalls sehr seltsamen Lehre Nietzsches (der Luther nicht mochte) von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen (welches sich gegen den Tod richtete, sozusagen das Relikt des Jenseits, was für Schopenhauer noch erlösend war). Auch bei der Lehre Nietzsches geht es darum ,die Ewige Wiederkehr des Immergleichen zu bejahen, d.h. die Ausweglosigkeit zu begrüßen. Das ist ganz ähnlich wie bei der Prädestinationslehre, denn hier soll man ja auch am Ende sagen: Es ist gut so, es ist das Werk eines gütigen Gottes.

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    Lieber Alan Posener,
    falls Sie mal ins Altersheim müssen, gehen Sie doch nach Anti-gua, oder. Versprochen?
    Eines von Luthers Problemen war hundertprozentig, dass er ein Intellektueller war, und die Probleme von aktuellen Intellos sehen wir ja täglich. Er hat viel für die deutsche Sprache getan. Aber dass er sich geißeln musste, um Gott näher zu sein, spricht nicht für angeborene Glaubenssubstanz (oder soll ich lieber Essenz sagen?) wie man sie bei San Francesco, Teresa von Avila, Hildegard von Bingen, Erasmus von Rotterdam, Buddha und einigen mehr vorfindet.
    Verdammter Sesselpupser würden wir heute sagen. Er wäre natürlich heute mit Israel zu Gange, gar keine Frage, überhaupt keine. Insofern können wir ihn gern in die heutige Zeit übertragen.

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    Das ist richtig. Aber wie kommt die dunkle Botschaft über das Jenseits Ihrer Ansicht nach denn zustande? Was leistet sie für die Menschen? Geht es nur um Einschüchterung à la Al Kaida?

    Es gibt drei mögliche Standpunkte zur mittelalterlichen Misere: 1.) Gott will die Misere aus bestimmten, möglicherweise verborgenen Gründen (Theodizee; beste aller möglichen Welten oder Prädestination) 2.) Sie ist ihm gleichgültig; die Menschen haben sie sich selber zuzurechnen. 3.) Er will sie nicht. Aber warum ist sie dann da?

    Oder übersehe ich eine Möglichkeit?

    Luther scheint Antwort 1 zu geben: Gott will diese Misere, den Menschen trifft keine Schuld. Damit entlastet er den Menschen, der andernfalls sich fragen muss, warum es ausgerechnet ihn getroffen hat. Was hat er falsch gemacht, dass es ihn so erwischen konnte? Gott muss es so gewollt haben. Aber warum? – Aber ich höre schon auf; habe nicht die Kompetenz dazu und es ist ja auch nur ein Punkt unter vielen.

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    Bei allem Respekt, lieber Roland Ziegler: Sie können nicht einfach eine Aussage über das Jenseits auf das Diesseits beziehen, nur weil Sie nicht ans Jenseits glauben. Für die Menschen damals, nach dem Schwarzen Tod und bei einer Lebneserwartung von so um die 35 Jahre, war der Tod viel gegenwärtiger als für uns, und das Jenseits gewiss; die Angst vor der Hölle war so real, nein realer, als unsere Angst vor dem Altersheim.

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    …demnach würde Luther sagen: „Füge dich in dein Schicksal und lerne es zu lieben“ oder sowas Ähnliches. Eine fast buddhistische, über-pessimistische (ein Pessimismus, der zum Optimismus umschlägt) Haltung, der man Menschenliebe nicht grundsätlzich absprechen kann.

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    …aber vermutlich waren die Zeitgenossen Luthers in breiter Mehrheit einfach komplett chancenlos. Schlicht u. ergreifend. Wenn man ihnen gesagt hätte, jeder wäre seines Glückes Schmied, man müsse sich nur ordentlich anstrengen, dann würde man auch belohnt werden, dann hätten sie einen ausgelacht. Die dunkle Botschaft wird in der Erfahrung dieser Tatsache resultieren und birgt damit eine bemerkenswerte Wahrheit über die damalige Zeit.

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    Also sind nur metaphysische Lesarten der dunklen Botschaft angemessen, sagen Sie. Ich neige allerdings grundsätzlich dazu, Metaphysik als Bild von Physik zu nehmen.

    Jedenfalls scheint die Prädestinationslehre dem Unglücklichen mitzuteilen, er sei unglücklich, ohne etwas dafür und daran ändern zu können. Das hat auch seinen Vorteil: Ein Unglücklicher, der die Schuld an seinem Unglück sich selber zurechnet, wird noch unglücklicher. Es geht dabei ja ums Mittelalter, mit Pest, Hunger, Kriegen und Malaisen aller Art, wo eine solche fatalistische Auffassung am Platz zu sein scheint. Allerdings: Dass das Unglück dabei sozusagen festgezurrt wird, ist eine Nebenwirkung, die nicht im Sinn des Unglücklichen sein kann. Er ist zwar schuldlos, aber auch chancenlos.

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    Nein, lieber Roland Ziegler, das ist aus dem Kontext heraus ganz klar eine Stellungnahme zur Prädestinationslehre, derzufolge Gott von vornherein seine Gnade nur einer Minderheit vorherbestimmt habe, weshalb man ja auch nichts zu seinem eigenen Seelenheil dazutun könne. („Gott ist nicht käuflich.“) Und in der Tat wäre ein Gott, der die Mehrheit der Menschen von vornherein zur ewigen Qual verdammt hätte, hassenswert. Luther aber fordert dazu auf, diesen Gott für „gütig“ zu erachten.

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    „„Das ist die höchste Stufe des Glaubens, zu glauben, jener (Gott) sei gütig, der so wenige selig macht…”, so Luther, und der darum nach menschlichen Maßstäben „hassenswert“ wäre. Über diese dunkle Botschaft des Reformators will offensichtlich niemand reden“ – Darüber sollte man demnach wohl reden. Was ist damit gemeint? Eine metyphysische These, dass im jenseitigen Reich Gottes nur einige wenige Vorherbestimmte zu Engeln werden und der Rest in der Hölle schmort? So sieht es vordergründig wohl aus. Oder aber eine im Grunde empirische Deutung des Diesseits, wo es nicht von der Hand zu weisen ist, dass „so wenige“ selig=glücklich geworden sind? Dann wäre das schon eine „gütige“ Lehre, weil die sagt: „So wie es ist, so muss es sein, damit es überhaupt etwas (Gutes) gibt.“ Eine Theodizee, ohne die die Religion angesichts der vielen Übel in der Welt gar nicht auskommen kann.

    Oder ist diese Interpretation falsch bzw. unmöglich? Ich kann das nicht beantworten; ich habe von Theologie keine Ahnung.

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