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Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher?

With a little help from my friends: Auf der Suche nach einem Thema für diesen Kommentar habe ich einen Hilferuf unter meine Freunde gebracht. Auf FACEBOOK wurde auf meiner Pinnwand ein CALL FOR IDEAS gepostet. Basisdemokratischer geht es ja nimmer.

Partizipation ist Trumpf in den Social Media. Von meinen gut viertausend Freunden auf FACEBOOK haben sich dann die üblichen Verdächtigen gemeldet und Vorschläge für die Kolumne unterbreitet. So entstand die Frage nach den Arschlöchern. Lange habe ich überlegt, ob man überhaupt mit einem solchen Kraftausdruck aufmachen sollte.

Zwischenruf an meine Frau Mutter: Ja, Mama, ich weiß, dass das ein völlig unangebrachtes Wort ist. Aber so reden hier alle, Mama. Die Social Media haben einen „Informalitäts-Zwang“. Wer hier nicht umgangssprachlich und lässig daherkommt, der hat schon verloren. Ja, wie in der Gosse. Auch ältere Herrschaften pflegen hier einen derben oder losen Jargon, von dem sie annehmen, dass er dem der Jugend entspricht. Dazu gehört, jeden Text mit Informalitätsmarkern zu durchsetzen. Ja, Ghetto-Stil, ich weiß. Nein, Mama, die Leute glauben jetzt nicht, dass Du mir nichts Besseres beigebracht hast. Aber das ist Web-Zwei-Null, das ist der Fortschritt. Nein, wenn ich meine Füße unter Deinen Tisch stecke, werde ich nicht mehr so reden.

Abgesehen von den Bedenken der Wohlanständigkeit: Das Verfahren ist doch toll. Endlich steht in den Medien, was die Menschen wirklich beschäftigt. Mediendemokratie wird Wirklichkeit. Einer meiner Fratzenbuchfreunde fasst zusammen: „Wenn man sich all diese Vorschläge, Themen, Vorgänge mal anschaut, ist ein gemeinsamer Nenner: Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher? 15.000 Jahre Menschheitsgeschichte! Und immer noch verpesten und verhindern lauter Vollidioten den Frieden, den Zusammenhalt, die Gerechtigkeit, die Solidarität, das Mitgefühl, die Wehrhaftigkeit, die Wahrhaftigkeit, die Kultur…Ist doch zum Durchdrehen.“ Mein Freund, ein kluger Kopf, ist empört.

Empörung ist wichtig in den Social Media. Trotz der notwendigen Rücksicht auf den Ruf meiner guten Erziehung muss man das Wort nennen, mit dem dann eine erfolgreiche Empörungskommunikation bezeichnet wird: „shitstorm“ ( wahrscheinlich angelehnt an das amerikanische Sprichwort von dem Moment, „when the shit hits the fan“, wobei letzterer „fan“ kein Anhänger, sondern ein Ventilator ist).

Schon peinlich, diese Kindersprache und ihre Vorstellungswelten. Ein gewisser Hang zu analerotischer Rhetorik ist den Social Media nicht fremd. Die Psychoanalyse wüsste dazu einiges zu sagen; wenig Schmeichelhaftes. Analfixierungen sind für Freud Zeichen neurotischer Verhaftungen von Menschen, die es nicht geschafft haben, erwachsen zu werden. Die Kategorie des „Arschloches“ belegt das, also auch unser Titel, zu dem wir uns im Fratzenbuch haben überreden lassen.

Aber nehmen wir die Frage ernst: Warum besteht der überwiegende Teil der Menschheit aus Arschlöchern? Die Frage geht mir nach, seit ich das Brecht-Wort gelesen habe, nach dem er von Menschen, auch sich selbst, immer nur das Geringste erwartet habe und noch nie enttäuscht worden sei. Da klingt dieser Song aus der Dreigroschenoper an: „Denn wovon lebt der Mensch? Dass er so gründlich vergessen kann, dass Mensch er doch ist; davon lebt der Mensch.“ Die ganze Oper handelt davon, dass der Mensch nicht nach der Moral lebe, sondern von ihr. Wie immer bei Brecht gibt es dafür eine Verdichtung: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Das ist wohl nicht das christliche Menschenbild.

Ich erinnere mich an eine leidenschaftliche Diskussion darüber mit Toni Soprano im Bada Bing , diesem Tanzlokal, das ihm gehört. Toni hat zwei Menschenbilder, eines entspringt seiner alten Heimat, das andere seiner neuen. Als Migrant in New Jersey hat er Ansichten über seine Mitbürger afrikanischer Herkunft, mit irischen Wurzel und jüdischen Glaubens entwickelt, die nur noch übertroffen (oder unterboten) werden durch seine Vorurteile gegenüber Russen.

Gegenüber diesen Mitmenschen ist die Kategorie unserer Überschrift allemal angebracht. Toni kennt hundert Geschichten, die das belegen. Während er selbst versucht, seine Familie durch seine Tätigkeit in der Abfallbeseitigung („waste mangement“) zu ernähren, gehen die anderen mehr oder weniger verachtenswürdigen Jobs nach und sind sich dabei für nichts zu schade. Toni hält die Familie hoch und die Kirche, die katholische, versteht sich. Glaube, Treue, Fürsorge.

Salvatore („Big Pussy“) Bonpensiero stimmt ihm zu: So teilt sich die Welt in das Böse und das Gute, in Licht und Schatten. Dazwischen fällt, was wir lernen müssen über Heimkinder im katholischen Irland und auch unter der Hoheit der deutschen Kirchen. Elternlose Kinder, die ganz besonders schutzbefohlen sind, sollen hier über Jahrzehnte einer Schwarzen Pädagogik ausgesetzt worden sein.

Im Namen des Herrn wurden mit seelischer und körperlicher Gewalt Persönlichkeiten zerstört. Als wäre das nicht schlimm genug, soll es notorisch zu sexuellen Übergriffen durch die Geistlichen, Mönche und Nonnen gekommen sein, Notzuchtverbrechen unter’m Kreuz. Der fabelhafte Journalist Peter Wensierski hat das im SPIEGEL und in einem lesenswerten Buch und jetzt einem Film aufgedeckt. Das ZDF reagiert mit einem Themenabend. Hier ist Empörung angebracht, und das Schimpfwort unserer Headline eher noch zu schwach.

Was nun sagt die Täterseite zu diesem Wirken der Kirche Christi? Dass der scheidende Papst in seinem Pontifikat wesentlich zur moralischen Läuterung der schwarzberockten Agenten der Doppelmoral beigetragen habe, finden vor allem die seinen. Und sofort räumen sie ein: Man sei als Mensch halt fehlbar, und das werde so bleiben „bis zur Wiederkunft Christi“. Hallo? Solang darf dann wohl noch der Geist willig, aber das Fleisch schwach bleiben.

Generalabsolution für die eigenen Reihen, Inquisition gegen die anderen. Ratz-fatz. Das habe ich von einem Weihbischof. Er sagt, jetzt wörtlich: „Die Macht eines Verwaltungsapparates ist nicht Quelle für eine Erneuerung des Glaubens. Die Wirksamkeit der Kirche hängt wesentlich vom echten, frohen und überzeugten Glaubenszeugnis ihrer Glieder ab.“ Allen Ernstes. So lesen wir Dr. Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof zu Köln, in der FAZ vom 2. März 2013, Seite 10: Dem Zeugnis ihrer Glieder? Welch eine Wortwahl. Nun gut, vielleicht lesen wir seine Einlassung nur mit den Augen des Teufels.

Toni Soprano im Bing findet ohnehin, dass man mit den Guten nicht so ins Gericht gehen solle und sich mehr auf die wirklich Bösen konzentrieren. Es gebe eben unsere Sache („cosa nostra“) und das, was, ich zitiere den Jargon, die Neger, Juden und Iren so anstellten; und die Russen seien die Schlimmsten. Und damit sind wir auf dem Punkt: Moral ist der Anspruch, den wir an andere stellen.

Oder das Mittel, mit dem wir andere richten wollen. Es geht um unser Geschäft. Moral ist eine Hure der Macht. Toni widerspricht lebhaft. Und er wisse  nun wirklich, was eine Hure sei. Allmählich beginne ich zu zweifeln, ob das Bing wirklich nur ein Tanzlokal ist. Toni sagt : ja. Er schwört es beim Leben der Jungfrau Maria. Salvatore Bonpensiero flüstert ihm ins Ohr, er könne nicht beim Leben der Jungfrau schwören, die sei nicht mehr. So lässt sich Toni nicht entmutigen. Dann eben auf das Bild von Padre Pio. Toni hat eine verblichene Postkarte mit einem süßlichen Porträt des Volksheiligen auf die Tür seines Wandsafes geklebt.  Für alle Fälle.

 

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17 Gedanken zu “Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher?;”

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    Mal sehen …
    Alternative 1: Alles Arschlöcher. Stinklangweilig und ziemlich gewalttätig und chaotisch, aber ohne Nuancen, alles nivelliert. Also stinklangweilig halt.
    Alternative 2: Kein Arschloch. Stinklangweilig und ziemlich ruhig und friedlich, wie in der Gruft, nur mit Sonne – im Sommer, alles nivelliert. Also stinklangweilig halt.
    Brauchen wir also Arschlöcher? Viele? Nun ja, eindämmen ist die erste Pflicht der Nichtarschlöcher. Das ist zwar anstrengend aber interessant! Aufregend! Nicht so stinklangweilig. Sinn unseres Lebens.
    Ansonsten bitte mal auf die Uhr schauen, ist erst Tag 6 der Schöpfung, bestenfalls später Nachmittag. Wir sind für den unendliche Nivellierung einfach nicht gemacht. Generationen nach uns vielleicht, die das mit stinklangweilig mögen. Das einzig spannende dann: wer wird gewonnen haben?

  2. avatar

    @EJ

    …Tipp: googlen Sie in der ‘Schweiz’. Am besten im Browser einstellen. [google.ch]

    Dort wird, anders als in der ‘BRD’, nicht ‘moderiert’. (abgeseh. v. anderssprach.)

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    Lieber Herr Kocks,
    “Zwischenruf an meine Frau Mutter: Ja, Mama, ich weiß, dass das ein völlig unangebrachtes Wort ist. Aber so reden hier alle, Mama. Die Social Media haben einen „Informalitäts-Zwang“. Wer hier nicht umgangssprachlich und lässig daherkommt, der hat schon verloren.”

    Es ist verkehrt. Die Jugendlichen kopieren das, können sich inzwischen damit verteidigen, dass gestandene Journalisten in social media und blogs so reden, und laufen in der Schule an Fehlverhalten auf, während wir dämlichen Eltern damit beschäftigt und gestresst sind, die Sprünge zwischen einer Gesellschaft, die ihre Vorbildfunktion aufgibt und infantil wirkt, und den staatlichen Bueb-beeinflussten Zwangsanstalten zu kitten. Das ist keine einfache Aufgabe, vor allem, wenn man beides kritisch sieht. Daher finde ich wie Ihre Frau Mutter, Sie hätten den Ausdruck nicht verwenden sollen. “Tanzböden des Irrsinns” (Fuhr, zitiert von Posener, eins weiter unten in den comments)
    Wenn wir munter so weiter machen, stirbt der/die tüchtige Deutsche aus, denn diese Tüchtigkeit was auch immer mit einem gewissen Benehmen verbunden. Den Holocaust lassen wir aber lieber hierbei außen vor. Aber selbst, wenn die Nazis Beethoven hörten, war er doch in der Ausführung unten ein ungeheures Proll-Unternehmen, von Propaganda gesteuert.

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    … ooops?

    @EJ

    … noch etwas: Sozialisten zensieren nicht, Sie moderieren. Das kann ich Ihnen als weiteres gemeinsames Merkmal linker und rechter Angeber bestätigen. Hier dazu ein, wie ich meine toller Artikel. Vielleicht finden Sie sich darin.

    Meinen Dank an Frau Heckel. Von anfänglich etwa 70% meiner ‘Beiträge’ passieren nun schon eine Weile 100% den ‘Filter’. Das ist doch was oder?

  5. avatar

    @EJ

    … noch etwas: Sozialisten zensieren nicht, Sie moderieren. Das kann ich Ihnen als weiteres gemeinsames Merkmal linker und rechter Angeber bestätigen. A href=”http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display-mit-Komm.154+M58ddaee680e.0.html”>Hier dazu ein, wie ich meine toller Artikel. Vielleicht finden Sie sich darin.

    Meinen Dank an Frau Heckel. Von anfänglich etwa 70% meiner ‘Beiträge’ passieren nun schon eine Weile 100% den ‘Filter’. Das ist doch was oder?

  6. avatar

    @EJ

    … o Gott, o Gott, wie recherchieren Sie doch schlecht. Genauso wie M.B. ‘prozentrechnet’ … muhahaha!

    Fragen Sie mich ruhig, wenn Sie nicht weiter wissen. Ich beantworte (fast) alle Fragen. Noch ein Tipp zu den von Ihnen angeführten ‘braunen Sumpf’. Glauben Sie mir, im Vergleich zu wirklich ‘braunen Seiten’ ist Ihr Hinweis ‘pille-palle’.

    Wie ich schon mal geschrieben habe: ich lese alles.

    Vorhalten tun Sie mir bitte nur das, was ich schreibe (oder was ich – mit oder ohne ”” – zitiere) und nicht die Projektionen aus Ihrem Kopf.

    @APo: ich warte.

  7. avatar

    @EJ
    EJ sagt:
    3. März 2013 um 17:41

    @ derblondehans

    Sag ich ja. Wenn, dann (nicht gekennzeichnetes) “>Zitat. Eingeschlossen der Hinweis auf Luther.

    Ihr blondiplag ist gut. Ist die software auch opensource, damit wir hier alle an der Plagiatsdokumentation mitarbeiten können???

  8. avatar

    EJ: @ derblondehans
    Sag ich ja. Wenn, dann (nicht gekennzeichnetes) “>Zitat. Eingeschlossen der Hinweis auf Luther.

    … nein, nicht der Hinweis auf Luther. Allein das Zitat kommt hier her. Das ist doch was für Sie. Oder?

    … übrigens habe ich nicht die Absicht Doktor der ‘BRD’ zu werden. Daher oft auch ohne ””. Ob es Ihnen passt oder nicht. Mich interessiert allein die Aussage. Schon mal bemerkt: ich ‘zitiere’ auch die Stones. Dachten Sie wirklich ich singe dort im Video?

  9. avatar

    Cher blonder Hans,

    … ja, ja, das ist die Sprache der Lutheraner. Aber aus einem depressiv veranlagten Anus dekomprimiert nullfalls ein euphorischer Flatus.

    Quelle surprise oder soll ich sagen welche goettliche Offenbarung:

    Les catholiques haben kein trou de cul !!

    Nur zur ihrer persoenlichen offenbarung :

    Decamerone von Boccacio

  10. avatar

    … ja, ja, das ist die Sprache der Lutheraner. Aber aus einem depressiv veranlagten Anus dekomprimiert nullfalls ein euphorischer Flatus.

  11. avatar

    Lieber Herr Kocks

    vorab:wenn ich auf Ihr Geburtsjahr blicke, dann müßte Sie doch eher mit den Corleones als mit den Sopramos verbunden sein.

    Und bitte noch mehr solche Beiträge und der Himmel über Deutschland wird wieder blau statt grau und mein Körper produziert wieder mehr Selatonin statt Melatonin!!!

    Und zur Ergänzung Ihres Beitrags hier ein paar interessante Quellen:

    Charles Bukowsky:

    http://mightymueller.de/fun/bukowski_post_office_23.html

    Roland Topor:

    Memoiren eines alten Arschlochs.

    Walter Moers:

    Der alte Sack, ein kleines Arschloch und andere Höhepunkte des Kapitalismus.

    Und hier noch etwas zum etymologischen Hintergrund:

    Der Wortbestandteil Arsch findet sich in allen germanischen Sprachen (alts., altn., schwed., ahd, mhd. und frnhd. ars; altenglisch ærs, neuenglisch arse, vor allem im Amerikanischen Englisch auch ass; Niederländisch aars; niederdeutsch ors, auch nors, mors) und erlaubt die Rekonstruktion der gemeingermanischen Wurzel *ars-oz. Wahrscheinlich ist eine Verwandtschaft mit gr. ορρος orros „Schwanz“, das ebenfalls als Kraftausdruck für das Gesäß gebraucht und daher in gehobener Sprache vermieden wurde. Zu einer möglichen gemeinsamen indogermanischen Wurzel *ors werden auch air. err „Schwanz“ und hethitisch arrash „Gesäß“ gerechnet.

  12. avatar

    Warum gibt es eigentlich so viele Arschlöcher?

    Weil meiner Kenntnis nach jeder Mensch eins hat und jedes Säugetier auch, Vögel und Fische sind vermutlich auch qualifiziert, bei Insekten bin ich mir nicht sicher.

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