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Altersarmut: Der kalkulierte Tabubruch der Ursula von der Leyen

Es klingt wie Harakiri und könnte doch im Triumph enden. Mit der Debatte um die Altersarmut hat Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einen kalkulierten Tabubruch begangen. Denn das ist wirklich neu, dass eine Arbeitsministerin den Bürgern und Bürgerinnen auf schockierende Art und Weise verdeutlicht, dass viele Renten im Alter nicht das Leben absichern, sondern arm machen.

Ursula von der Leyen genügte eine dürre Tabelle mit ein paar Zahlen darauf, um genau das zu schaffen. Wer heute 2500 Euro im Monat verdient, bekommt später so wenig, dass er zum Sozialamt muss. Das war die simple Botschaft der millionenfach gedruckten Zahlen von der Leyens. Drastischer geht es nicht. Publikumswirksamer auch nicht.

Was treibt eine bislang ziemlich erfolgreiche Politikerin an, derart Angst und Schrecken zu schüren – und das ein Jahr vor der Bundestagswahl? Ihre düpierten Kollegen aus der Unions-Fraktion sowie beim Koalitionspartner FDP sagen hinter vorgehaltener Hand und teilweise sogar schon öffentlich, von der Leyen wolle sich profilieren. Was sie mache, sei Erpressung: In dem sie öffentliche Stimmung für ihre Zusatzrenten hochpeitsche, setzte sie die  Koalition unter extremen Druck. Bügelt die Union die von der Leyensche Zusatzrente ab, könnte das Stimmen bei der Bevölkerung kosten. Und es eröffnet ein neues Schlachtfeld für die bevor stehende Bundestagswahl, das die Opposition genüsslich auskosten wird.

Das dürfte den Überlegungen der Arbeitsministerin in der Tat ziemlich nahe kommen. Zwar sieht es momentan nicht danach aus, als ob die Zuschussrente in der von ihr favorisierten Form kommt. Doch bei den Menschen im Land hat ihr die Aktion Punkte gebracht. Und die Opposition hat sie zu einem Generalangriff auf die Absenkung des Rentenniveaus genutzt und wird das weiter tun.

Die Rentenreform ist eine derart schwierige Materie, dass kaum jemand sich hier sicher fühlt. Argumente pro und contra wabern durch die Gegend, gepflegtes Halbwissen wird mit dem Brustton der Überzeugung kundgetan. Also weichen die meisten auf Emotionen aus: Wie kann es sein, dass jemand im Alter nicht von seiner Rente leben kann, wenn er jahrelang fleißig eingezahlt hat? Was ist das für ein System, in dem eine Verkäuferin mit dem Renteneintritt zum Sozialamt muss?

Hier rächt sich wieder einmal, dass die Menschen in diesem Land nur die allerrudimentärsten Grundkenntnisse in Finanzdingen haben und sich kaum jemand bemüßigt fühlt, das zu ändern.

Gehen wir die Sachlage durch: Wer 2000 Euro im Monat verdient, zahlt inklusive der Arbeitgeberbeiträge derzeit knapp 400 Euro in die Rentenkasse. Nach 40 Jahren ergibt das einen Rentenanspruch von 688 Euro. Das klingt mickrig und ist sicher nicht genug zum Leben. Doch lassen Sie uns rechnen. Wir machen das ohne Gehaltssteigerungen, aber auch ohne Inflation, zur Vereinfachung. Ein Mann bezieht heute durchschnittlich 16 Jahre Rente, im Jahr 2030 werden es 21 Jahre sein. Frauen beziehen noch mal ein paar Jahre länger Rente, weil sie im Schnitt länger leben und werden im Jahr 2030 bei rund 24 Jahren liegen. Eine sehr grobe überschlägige Rechnung ergibt nun also folgendes: Die Arbeitnehmerin zahlt 192 000 Euro an Rentenbeiträgen während des 40-jährigen Arbeitslebens. Und sie bekommt 198 144 Euro Rente während des 24-jährigen Ruhestands.

Wie sieht die Argumentation nun aus? Natürlich leben nicht alle Rentnerinnen noch 24 Jahre, aber deshalb handelt es sich ja auch um den statistischen Durchschnitt. Manche werden noch 30 Jahre leben, andere nur 18 Jahre. Das gleicht sich aus, auf eben die durchschnittlichen 24 Jahre. Wer aber soll  nun die Differenz zahlen – die Mehrrente, die sich selbst in diesem sehr vereinfachten Modell ergibt?

Und wer soll den zusätzlichen Aufschlag zahlen, wenn wir heute der Meinung sind, dass 688 Euro zu wenig sind? Die Millionäre, die jetzt gleich immer genannt werden? Ok, rechnen wir auch das durch: Wenn wir dem Millionär seine Million abnehmen, können hunderttausend Rentner je 10 Euro bekommen. Wir haben derzeit rund 21 Millionen Rentner. Damit sie jeweils 10 Euro im Monat zusätzlich bekommen, müssen wir 210 Millionären pro Monat ihre Million wegnehmen und umverteilen. Die Millionäre sind dann arm wie eine Kirchenmaus. Das würde viele hierzulande zwar nicht stören, doch auch dieses übersimplifizierte Beispiel zeigt das Problem: Wir müssten pro Jahr 2520 Millionäre komplett enteignen, damit jeder Rentner zehn Euro zusätzlich bekommen würde pro Monat. Und nun mal ehrlich: 698 Euro Rente statt 688 Euro würde kaum jemand zufriedenstellen, oder?

Die rotgrüne Regierung unter Gerhard Schröder hat sich deshalb mit nicht unbeträchtlicher Weisheit entschlossen, die umlagefinanzierte Rente durch die private Vorsorge zu ergänzen und das großzügig mit Steuergeldern zu fördern. Dumm nur, dass gerade die Geringverdiener sich das entgehen lassen. 40 Prozent von ihnen riestern nicht. Dabei gehören gerade sie zu den maximal Geförderten. Eine Alleinverdienerin mit zwei nach 2008 geborenen Kindern kann bis zu 754 Euro pro Jahr vom Staat bekommen – und muss dazu im besten Fall nur den Minimalbeitrag von 60 Euro im Jahr einbezahlen. Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Die Geringverdienerin zahlt fünf Euro pro Monat – und bekommt eine Zulage von knapp 63 Euro im Monat. Das gleiche gilt für Ehefrauen ohne Einkommen, wenn die Kinder auf ihren Vertrag laufen. Das eingezahlte Geld muss sicher angelegt werden, kann also nicht in welchen Börsencrashs auch immer verloren gehen.

Nun frage ich Sie offen und ehrlich: Wer in diesem Land ist nicht in der Lage, fünf Euro pro Monat für eine Riester-Rente abzuzweigen?

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10 thoughts on “Altersarmut: Der kalkulierte Tabubruch der Ursula von der Leyen

  1. avatar

    Meinen Sie das ernst? Also entschuldigung, aber das ärgert mich jetzt wirklich. Da macht sich eine Bundesministerin zur Vertreterin und Gehilfin der Riesterrente-Händler und sie loben diese Werbeveranstaltung noch? Die soll sich gefälligst mit ihren sedierten Kollegen und Kolleginnen darum künmmern die STAALICHEN Renten so zu sichern und zu finanzieren, das MEnschen davon leben können, anstatt am Nebentisch ihre Werte-und-Euro-Vernichtungsmaschinerie wieter zu befeuern. Dieser von Schröder und …..-Fischer eingeführte Riesterdreck ist eine solche Unverschämtheit, das ich schäume. Denn was einmal großmäulig als lediglich:Zusatz und angenehmes Polster verkauft wurde, wurde also noch nicht in dem Maße gekauft, wie erhofft? AHA! Und da muss die Leyen nun Anschubhilfe leisten und Sie kaufen es ihr auch noch erwartungsgemäß als Großtat ab? Mir fehlen die Worte, ehrlich.

  2. avatar

    noch eine Fundsache:

    Geißler: Die Rentenpolitik ist ein Opfer der Ökonomisierung unserer Gesellschaft geworden. Wie kann man nach den Erfahrungen der Finanzkrise dem Irrglauben anhängen, die Lebensrisiken der Menschen seien auf dem Kapitalmarkt abzusichern? Millionen Amerikaner haben ihre Altersrenten verloren. Die Alterssicherung kann man nur solidarisch gestalten.

    http://www.welt.de/politik/deu.....jeden.html

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    Liebe Frau Heckel!
    Falls Sie eine haben, essen Sie gesund, leben Sie gesund und freuen Sie sich auf Ihre zehnte Dekade:

    “Wenn es nach der Ministerin geht, sollen Geringverdiener zukünftig eine Riester-Rente abschließen, um an die Zuschussrente des Staates zu gelangen. Angesichts solcher Vorschläge konnte Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten nur den Kopf schütteln – und gab ein gutes Beispiel für seinen Unmut: Riester-Renten rentieren sich zumeist erst ab dem 90. Lebensjahr.”
    http://www.welt.de/fernsehen/a.....atlos.html

    Aber dennoch: Den Aktivismus von UvdL halte ich auch für stark verfrüht, unzeitgemäß (lieber Sparen) und populistisch.

  4. avatar

    Margarete Heckel: ‘Hier rächt sich wieder einmal, dass die Menschen in diesem Land nur die allerrudimentärsten Grundkenntnisse in Finanzdingen haben und sich kaum jemand bemüßigt fühlt, das zu ändern.’

    Lb. Fr. Heckel, … ich meine, dass die Menschen in diesem Land mehr wissen als Sie ‘fühlen’.

    Wenn nicht, ändern wir das jetzt. 😉

  5. avatar

    Noch ein aktueller Nachtrag:

    Wenn es nachder Ministerin geht, sollen Geringverdiener zukünftig eine Riester-Rente abschließen, um an die Zuschussrente des Staates zu gelangen. Angesichts solcher Vorschläge konnte Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten nur den Kopf schütteln – und gab ein gutes Beispiel für seinen Unmut:

    Riester-Renten rentieren sich zumeist erst ab dem 90. Lebensjahr.

    Da jedoch statistisch erwiesen ist, dass gerade Geringverdiener eine geringere Lebenserwartung haben, ist für sie der Abschluss einer Riester-Rente nicht rentabel. Einzahlen sollen sie nach dem Willen von der Leyens dort aber trotzdem. “Es ist ein bisschen perfide”, kommentierte Kleinlein das geplante System der Zuschussrente.

    aus:

    http://www.welt.de/fernsehen/a.....atlos.html

    TGIF

  6. avatar

    @Margret Heckel
    Man gebe “Riester-Rente” in die beliebte Suchmaschine ein und mach sich selber ein Bild, was von Ihren Berechnungsbeispielen zu halten ist. Es ist müßig, über Zahlen zu diskutieren, weil die Zahlen, die diesen Zahlen zugrunde liegen, auf Prognosen beruhen und die betreffen bekanntermaßen die unsichere Zukunft.
    Ich halte Frau von der Leyens Kampagne für genauso unseriös, wie der Versicherungsvertreter, der dem bewohner einer Erdgeschosswohnung eine Blitzschutzversicherung andrehen will.
    In bekannter Manier wird mit Ängsten spekuliert. Erkennbar wird, wo das Latein schon zu Ende ist.
    Meine persönliche Prognose: Die Rentenversicherung ist zwar eine nicht lukrative, aber hierzulande relativ sichere Altersvorsorge – wohl dem, der ein paar Punkte sammeln konnte – aber das Zauberwort heißt Diversifizierung. Was Frau von der Leyen vorhat – den Leuten auch noch die letzte Kröte aus der Tasche zu ziehen – ist, finanzielle Entmündigung. Sozialismus durch die Hintertür. Alle zusammen, solidarisch, verantwortungsbewusst und vernünftig: Immer weniger und weniger.

  7. avatar

    @Margarete Heckel

    “Hier rächt sich wieder einmal, dass die Menschen in diesem Land nur die allerrudimentärsten Grundkenntnisse in Finanzdingen haben”

    http://www.handelsblatt.com/fi.....78494.html

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek.....-fuer-alle

    Sehr geehrte Frau Heckel,

    vielleicht sollten Sie doch einmal auch das Handelsblatt wieder in die Hand nehmen, statt 5 Euro jeden Monat für die Riesterrente einzuzahlen.

    Dass Sie die private Vorsorge hier so über den grünen Klee loben, kann ich durchaus verstehen, nur sollte Sie als ausgewisene Liberale und Kennerin der Wirtschaft auch daraufhinweisen, dass z.B. privaten Lebensversicherungen auch nicht mehr den Profit für die Rentner bringen, wie er propagiert ist.

    Daher finde ich es etwas bedauerlich dass Sie im RaHmen eines Beitrags zur zukünftigen Rentensituation nicht in der Lage sind,das gewabberte Halbwissen, wie Sie es anmerken durch etwas mehr Fakten zu bereichern.

    Riestern Sie ruhig weiter,

    Ich halte mich mehr an Jim Rodgers:

    Wenn Sie ein Investor in Deutschland wären, wo würden Sie Ihr Geld anlegen?

    Kaufen Sie einen Bauernhof.

    http://www.handelsblatt.com/fi.....998-5.html

    Oder sehen Sie zu dass Sie in Brandenburg einen Schrebergarten pachten.

    Mit ca. 800m2 können Sie Ihrer Rente in x Jahren sicher entgegensehen!!

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