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Beatles vs. Stones

Die letzte Ausgabe des „Spiegel“ (22. 5. 2010) war den Beatles gewidmet. Dagegen kann keiner wirklich etwas haben, und es wäre undankbar, darauf hinzuweisen, dass die Überschrift „50 Jahre Beatles“ Blödsinn ist, weil die Gruppe nicht 1960 in Hamburg, sondern 1957 in Liverpool gegründet wurde, oder zu nölen, weil der Untertitel lautet: „Ringo Starr und Paul McCartney über eine unsterbliche Band“, während der Artikel eigentlich heißen müsste: „Philipp Oehmke und Tobias Rapp erzählen Altbekanntes über die Beatles und haben aus Paul und Ringo auch nicht mehr herausbekommen als alle anderen Journalisten vor ihnen“.

Nein, das ist alles ganz hübsch, wenn auch wie gesagt kein bisschen neu, und – kurz und gut –  warum nicht? Besser als die periodischen Hitler-Homestories, mit denen das Leitmedium immer wieder Auflage zu machen versucht, ist das allemal. Eins aber hat mich richtig geärgert. Es geht um die olle Kamelle, die Stones seien die eigentlichen Revolutionäre, die Beatles eben lahme Reformisten gewesen. Das wird, wie in zahllosen anderen Publikationen, an den beiden Songs „Street Fighting Man“ (Stones) und „Revolution“ (Beatles) aufgezogen. Konkret heißt es bei Oehmke und Rapp (und hier muss ich länger zitieren):

Der allgemeine Aufbruch, der als ein Einspruch gegen den Lauf der Dinge begonnen hatte (sic), eskalierte 1968 in Gewalt und Aufruhr. Die Kurve des Studentenprotests – Aufbruch 1967, Eskalation 1968, Selbstzerstörung 1969 – verläuft merkwürdig parallel zu der Beatles-Kurve. Doch sie berühren sich nicht.

John Lennon schreibt zwar einen Song mit dem Titel „Revolution“, doch ihm geht es nicht mehr um die gemeinsame Bewegung, sondern nur noch um sich selbst. Auf ihn könne man nicht zählen, singt Lennon, wenn es zu Zerstörungen komme. Und am Ende versichert er grundlos, dass schon alles in Ordnung kommen werde.

In Zeiten politischer Morde und Straßenschlachten waren die Leichtigkeit und der Sarkasmus dieses Songs ein politisch r Affront. Affirmativ und sogar konterrevolutionär sei er, fanden die Linken, während im selben Sommer die Stones „Street Fighting Man“ heraushauten, einen Song wie Maschinengewehrfeuer, der direkt und unironisch den Aufstand feiert und romantisiert. Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden rivalisierenden Bands schienen die Stones die erodierenden Beatles zu überholen.

Hier ist so ziemlich jeder Satz falsch. Beginnen wir mit dem letzten. Dass die Stones erst mit „Street Fighting Man“ die Beatles zu überholen drohten (was auch immer „überholen“ meinen soll), ist Unsinn. Schon ihre Version der Beatles-Komposition „I Wanna Be Your Man“ (1963) war eine gelungene Kampfansage. „Satisfaction“ (1965) war um Längen besser (textlich und musikalisch) als das seichte Zeug, das die Beatles zu der Zeit produzierten („Help!“, „Yesterday“ etc.). Erst durch diese Herausforderung wurden die Beatles angetrieben, Alben wie „Rubber Soul“ und „Revolver“ aufzunehmen, und selbst da hielten die Stones mit (man denke etwa an „Aftermath“ ). Ab „Sergeant Pepper“ (1967) jedoch war klar, dass die Beatles die Stones in Sachen Innovation und Originalität weit hinter sich gelassen hatten; ab da bis zu der Auflösung der Beatles, dem Tod von Brian Jones und dem Stones-Album „Let It Bleed“, der ihre klassische Phase einleitet, waren die Stones die Epigonen, und in diese Epigonen-Zeit fällt auch „Street Fighting Man“.

Worum geht es aber in diesem Song. Gewiss doch, zunächst um eine Feier des Aufstands: „Everywhere I hear the sound of marching, charging feet, boys / Cause summer’s here and the time is ripe for fighting in the street, boys…” Den Hintergrund bildet der sogenannte Sturm auf die amerikanische Botschaft in Londoners Grosvenor Square, einer der wenigen gewaltsamen Demonstrationen in Großbritannien wegen des Vietnamkrieges. Jagger hatte an der Demo teilgenommen und war unsäglich stolz darauf, weshalb er sich nun als „Street Fighting Man“ stilisiert.

Doch was sagt der Text nun: „But what can a poor boy do / Cept to sing for a rock’n’roll band? / Cause in sleepy London town there ain’t no place for a street fighting man, no…” Es blutet einem das Herz. Da ist ein echter Straßenkämpfer geboren, aber weil London so “schläfrig” ist, muss er weiterhin  in dieser ollen Rockband singen. Wie Oehmke und Rapp richtig sagen, war es „eine Zeit politischer Morde und Straßenschlachten“, und niemand hätte es Jagger übel genommen, wenn er seine Straßenkämpferfähigkeiten in Paris, Berlin oder gar Prag, in Berkeleley oder Mexico City den Demonstranten zur Verfügung gestellt hätte. Niemand außer den Autoritäten. Aber nichts da. Wenn es je einen Song gab, bei dem es „nicht mehr um die gemeinsame Bewegung, sondern nur noch um sich“ ging, dann war es nicht Lennons „Revolution“, sondern Jaggers „Street Fighting Man“. Ganz davon abgesehen, dass vom Inhalt und Anlass des Straßenkampfs bei diesem Angebersong nichts zu erfahren ist.

Ganz anders als bei „Revolution“, wo es eben nicht, wie Oehmke und Rapp urteilen (offenbar, ohne sich den Song anzuhören), um Lennon selbst geht, sondern gerade „um die gemeinsame Bewegung“. Die Stärke der Kulturrevolution, die von den Beatles ausgelöst worden war, bestand gerade darin, dass sie unpolitisch war und gerade deshalb fast die ganze Jugend erfassen und gegen die Autoritäten in Stellung brachte. (Bezeichnenderweise erwähnen die Spiegel-Autoren nicht das wichtigste Symbol dieser Revolution und der Band, die sie lostrat: die Haare.) Die „Selbstzerstörung“ der Jugendbewegung, die Oehmke und Rapp konstituieren, hatte eben damit zu tun, dass sie sich im Laufe des Jahres 1968 politisierte und radikalisierte und 1969 in verschiedene sich bekriegende Sekten verfiel. Das sah Lennon voraus, und er wollte damit nichts zu tun haben. Bei aller Sympathie für die Idee einer Revolution warnte er: „But if you go  carrying pictures of Chairman Mao / You ain’t gonna make it with anyone anyhow.“ Recht hatte er, und ich wünschte, ich hätte damals und später auf ihn gehört. Er fragte nach dem „Plan“ der Revolutionäre – der existierte nicht. Er warnte: „If you’re talking about destruction / Don’t you know that you can count me out“ – und nahm die notwendige Distanzierung von der Gewalt vorweg, die der Mehrheit der Neuen Linken erst angesichts der Zerstörungswut der RAF über die Lippen kam. Schließlich erkannte er, dass Menschen, die selbst gewaltsame, patriarchalische und unterdrückerische Verhältnisse internalisiert haben, diese auch in allen ihren Handlungen reproduzieren werden. Daher die dringende Warnung: „You better free your mind instead“. Die Geschichte ist über die prätentiöse Rhetorik von „Street Fighting Man“ hinweg gegangen. Sie hat die prophetische Richtigkeit von „Revolution“ bestätigt.

Was nun Lennons „grundlose Versicherung“ angeht, alles werde schon in Ordnung kommen – „It’s gonna be alright“: in der langsamen Version des Songs auf dem Weißen Album kann man hören, worauf Lennon seine Zuversicht gründet. Hinter der endlos wiederholten Zeile,  hört man, wie eine Frau – Yoko Ono – langsam zum Orgasmus kommt, der mit dem Klimax des Songs – „ALL RIGHT!“ – zusammenfällt. Ein Wunder, dass die Zensoren das durchgehen ließen, aber vielleicht auch kein Wunder: vermutlich hatten sie – wie die Mehrheit der Männer damals, einschließlich der Straßenkämpfer-Machos – so etwas noch nie gehört. Lennon sagte damit, ohne es zu sagen: die sexuelle Emanzipation der Frau ist der wichtigste Garant für die Fortdauer der Revolution, weil sie – nicht Drogen, und schon gar nicht der Straßenkampf – das wichtigste Mittel ist, „to free your minds“. Und auch hier hatte er unbedingt Recht und war seiner Zeit voraus.

Einige Monate nach „Revolution“ werfen einige SDS-Frauen Tomaten auf den Vorstand und nennen den SDS-Ober-Macho Krahl „objektiv einen Konterrevolutionär“. Das war ganz im Sinne des durch Yoko Ono feminisierten John Lennon und seines Songs. Krahl und die Aktionisten von Dutschkes „Viva Maria Fraktion“ fanden bestimmt „Street Fighting Man“ besser als „Revolution“. Verständlich damals, wenn auch kurzsichtig. Völlig bescheuert heute.

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27 Gedanken zu “Beatles vs. Stones;”

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    @jan z. volens
    „In Japan liebt man die “musica latina” , auch in Frankreich, Niederland, Finland, Norwegen: Germany is a lost case, sorry!“

    Auch in Deutschland wird die lateinamerikanische Musik geliebt, wie auch afrikanische und orientalische.
    Es gibt aber, wie in allen nördlichen Ländern, einen sehr starken angloamerikanischen Mainstream. das merkt man hierzulande leider allzu deutlich am Radioprogramm. Das hat viele Gründe, „USA-Kulturimperialismus“ gehört nicht dazu. Die meisten Mittelmeerländer haben eine erkennbar national eingefärbte Popmusik – sowie ein entspannteres Verhältnis der Jugend zu ihrer eigenen Volksmusik. In Südamerika ist das auch so. (Über das Thema könnte man glatt ein Buch schreiben..)

    PS: Sicher kennen Sie Milton Nascimento. Seine großen Vorbilder, nach eigener Aussage: Die Beatles.

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    @ Alan Posener & KJN : Wird die Unterhaltungskultur in Deutschland nicht zu unmaessig beherrscht von dem Einfluss von „New Yaaark“ und „Liverpool“ ? Warum ? Weil das „entertainment“ so „good“ ist ? Die kleine, gebildete Elite in USA graemt sich ueber was die USA „Soft Power“ in anderen Kulturlandschaften ruiniert, und man schaemt sich. Doch die „Strategists“ schmunzeln: „American Soft Power“ ist „smart power“ – Elvis Presley als „image“ foerdert die „coalition of the willing“. — Auch in Deutschland und Europa gibt es noch eine kleine gebildete Elite welche nicht von „New Yaaark“ verdummt ist, deshalb kommen heute die „neuen“ philharmonischen Kompositionen von Lateinamerika – und erklingen in London, Berlin, Paris: „Danzon No.2“ von Arturo Marquez, „Huapango“ von Juan Pablo Moncayo, „Adios Nonino“ von Astor Piazzolla: Kompositionen welche ihre Wurzeln in der populaeren Musik der drei Ahnen der „goldenen Rasse“ haben: Indianer, Afrikaner, Europaer. In „Danzon No. 2″ ist die Ahnmutter “ English Country Dance“ des 17ten Jahrhunderts (via „Contradanza“ von Mozart), der Rythmus und die Trommeln des Kongo von vorkolonialen Epochen, und auch die Instrumente und Zeremonialklaenge der Arawak Indianer: „Guiro“ der ausgehoehlte Kuerbis, und „claves“ das Mahagonieholz. — Ich „reite“ mit den „Latinos“ in der „musica“(nicht „schwarz gegen weiss“ oder „gegen U.S. Amerikaner“) mit Lateinamerika und Lateinafrika. In Japan liebt man die „musica latina“ , auch in Frankreich, Niederland, Finland, Norwegen: Germany is a lost case, sorry! Der groesste lebende Komponist der spanisch-sprachigen Welt, ist ein Maya Indianer: Armando Manzanero. Sein „wiki bio“ erscheint in allen europaeischen Sprachen, auch in Indonesia-Bahasa, Hebraeisch, Nahuatl (Aztek) usw. – aber nicht in DEUTSCH! Dabei haben die „Germans“ schon seit Generationen die Kompositionen von Manzanero gehoert – gesungen von Sinatra und Presley usw. Manzanero hat selbst einmal in „seiner“ Sprache, das MAYA gesungen – zusammen mit Placido Domingo, und den Philharmonikern mit Eugen Cohn. Manzanero erklaert Placido Domingo: „Meine Grossmutter brachte mich hier zum Tempel Chichen Itza 1945. Wir beide sprachen immer nur in unserer Sprache MAYA. Ich werde jetzt zu ihrem Gedenken meine Komposition „Verehrung“ in Maya singen: „Ikkatixch tuxkkabi…“ siehe youtube: „Placido Domingo Armando Manzanero Adoro“.

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    @alan Posener: Youssou N‘ Dour, nur falls sie nochmal nach ihm googeln (und ich den auch so gerne höre.)

    @jan z. volens:
    Auch die Musik in Ihren Beispielen würde ohne die europäische Harmonik nicht existieren. Sie ist genauso Grundlage der heutigen „Weltmusik“ wie die afrikanische Rhythmik (und die orientalische Melodie..).
    Sie schreiben über romantische Klischees und verknüpfen Sie zu einer politischen Aussage. Mit Musik hat das nichts zu tun.

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    @ Jan T. Volenz: Ich habe Salsa bei einem Kubaner gelernt und Tango bei mehreren Argentiniern. Ich tanze aber auch gern langsamen Walzer und Quickstep. In Zimbabwe 1989 habe ich mir allerlei Tapes der damals wichtigsten Musikgruppen geholt, ditto in Ramallah vor zwei Jahren, da waren’s aber CDs. yussuf N’Dour mag ich ebenso wie Ry Cooder. James Brown gehört wie Ray Charles, Aretha Franklin und Dinah Washington zu meinen musikalischen Helden; Willie Nelson, George Jones, Dolly Parton und all die anderen Country-Größen gehören aber auch dazu. Und und und. Wer in der Musik Weiß gegen Schwarz ausspielt, hat von Musik nichts verstanden.

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    @ EJ: Mein „letztes Wort“ stammt von einer aelteren Dame welche als freiwillige Empfangsperson in der Kulturhalle einer ostdeutschen Stadt wirkt: „Meine Tochter ist Chefaerztin der Onkologie in einem Krankenhaus. Sie faehrt zum Medizinkongress nach USA, aber zu ihren Ferien fliegt sie immer nach Buenos Aires, wegen dem Tango!“

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    „Starke Maerchen“ fuer treuherzige „German partners“: Die Beatles und Stones als „Revolutionaere“! Meine liebe guten „Germans“ – ich weiss, Ihr gruselt Euch noch ueber Weltgeschichte welche nicht von New Yaaark „certified“ kommt! Die USA Streitkraefte erschienen 1944-45 in Europa mit nach Rassen getrennten Regimentern: „Whites“, „Colored“, „Japanese American“, „Puerto Rican“. Waehlen durften damals nur „alle“ Weissen. Noch heute haben 5 Millionen in den USA“Besitztuemern“ in der Karibik und im Pazifik kein Recht fuer die Wahl des Praesidenten oder Congress – weil sie zu „links“ waehlen wuerden. (Alle „Franzosen“ haben das nationale Wahlrecht – auch die Arawak-Indianer in Guyane, oder die Polinesier in Wallis et Futuna). Erst nach 1947 wurde die Streikrafte integriert. Noch 1967 waren Ehen zwischen Rassen in 17 USA Staaten verboten und konnten mit bis zu 8 Jahren Zuchthaus bestraft werden. „Civil Rights“ kamen erst nach blutigen Kaempfen und Morden in 1964. Aber 1937 kamen schon schwarze und weisse U.S. Amerikaner zum Krieg nach Europa – die linke „Abraham Lincoln Brigade“ nach Spanien. Die „Revolution“ weltweit kam vom „Links“ – 1947 befreite sich Indien – und danach kamen die vielen Jahre des Unabhaengigkeitskaempfe in Asien und Afrika gegen die Kolonialmaechte (Heute „Nato-Coalition“). In USA entstand das Black Power Movement und erschuetterte das „white establishment“. Die weissen Beatles und Stones kassierten spaeter Zillionen mit „records“ und „concerts“ von den gaffenden Jungendlichen in ihren „blue jeans“ welche das „revolutionaer“ empfanden weil es von New Yaaark und Liverpool herkam – aber dort hat es nie eine „Revolution“ gegeben…

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    Nein. Wir reden nicht aneinander vorbei. Wir reden von genau demselben, wie sich jetzt herausstellt. Nur dass ich den europäischen Universalismus (der sich in dieser Tanzerei realisiert) für eine ungeheure Enteignung und Verarmung (Deprivation) halte, während Sie diesen Universalismus begrüßen und schätzen.

    Beenden wir die Diskussion! In diesem Punkt dürften unsere Differenzen unüberbrückbar sein. Bei allen Differenzen lese ich Sie aber (auch weiterhin) mit Aufmerksamkeit und großem Interesse. Und bei Gelegenheit – wuff! – spielen wir wieder miteinander? – Sie haben das letzte Wort.

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    @EJ: Agreed – we reden aneinander vorbei. Ich schreibe und lesen in einer Anzahl Sprachen und lebe in mehreren Kulturen und werde ueberall „verstanden“, nur unter den Deutschen kommt hier und dann mal eine raetselhafte Entgegnung. Ihnen kommen „die Traenen und Wut in die Augen“ ueber die „ungeheure Armseligkeit“? Die Kommentare fuer das Video von einigen der 15,000+ welches das Video gesehen haben, „sehen“ das Video aber mit Freude und Verehrung. Jemand von Frankreich schreibt: „Toujour aussi beau a regarder danser semba!“ Die Angolaner schreiben: „Grosser Respekt! Das ist rein. Bewundere wie die tanzen.“. „Sehnsucht nach Angola:Angola ist das gluecklichste Volk der Welt!“.“Schoen langsam und viel Rythmus: Die wissen wie!“. „Glueckwunsch: Das ist Herz – in das zu setzen was man macht!“ .“Ich nehme den Hut ab vor den Leuten!“. „Ich verbeuge mich vor Euch. Ihr habt meinen Respekt!“. Was ich sehe als „Internacional“: Da sind Kinder in allen Groessen und auch dabei wo die Familie tanzt, schon in der Nacht. Sie sind nicht in einer Mietwohnung eingekesselt wie im kalten Deutschland – die Pflanzen stehen im Patio des eigenen Hauses. Das Paar ist entspannt, keine verkrampftes „show-dancing“. Wer tanzen kann, bemerkt, sie kennen die Schritte und vollziehen alles fast unbemerkbar enstpannt auf einer winzigen Flaeche. Sie sind gut genaehrt und sauber gekleidet. Die Stimme des Vorsaengers ist fuerchterlich, aber die Musik und der Chor ist interessant fuer diese Umstaende.– Der Englaender Durell beschreibt in einem seiner Buecher einen Herren: „He builds a Taj Majal around something as simple as a good ….“. Jedoch bitte entschuldigen Sie wenn ich Sie zu „Traenen und Wut“ verfuehrt habe durch ein einfaches Video von einer Familienfeier im „Sueden“. Zur Verguetung – jetzt haben Sie doch die huebsche „Lena“ – eine interessante Frau (half Lolita half tomboy) – Stimme hat sie aber nicht, und Musik bekommt sie in „Germany“ keine… Was ich in Lateinamerika als „schoene Musik“ von Mitteleuropa empfehle: Video youtube: „Dein ist mein ganzes Herz Domingo Villazon Netrebko“ und „Kaertner Liedermarsch“…

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    @ jan z. volens

    Vielleicht reden wir aneinander vorbei. Zu der von Ihnen referierten Eigenentwicklung der südamerikanischen Musikkultur passt nicht, was ich, Ihren Angaben folgend, als ein vierzigjaehriges Ehepaar waehrend einer einfachen Familienfeier – in Angola, youtube video “dancando semba”. gesehen habe: http://www.youtube.com/watch?v=SNewca9FZ9U Mir hat das, ob seiner ungeheuren Armseligkeit, die Tränen der Wut und der Trauer in die Augen getrieben. (Statt nur vage Hinweise zu geben, sollten Sie vielleicht doch zielführende Links setzen.)

    Jenseits dessen bleibt mir einigermaßen unverständlich, was Sie für Deutschland an popkultureller Eigenständigkeit erwarten bzw. fordern. Die alte Bundesrepublik gehörte eindeutig zum Westen, wie viel interner Widerstand, welche Probleme dabei auch immer zu überwinden waren. Was Sie demgegenüber (pop-)kulturell verlangen, scheint dem zu entsprechen, was politisch der berühmte „Dritte Weg“ gewesen wäre.

    Gerade der Vergleich mit Südamerika zeigt, welche Voraussetzungen (und Folgen) ein solcher „Dritter Weg“ für Deutschland gehabt hätte bzw. haben müsste: Wie Südamerika müssten wir uns zu Recht – zu Recht! – als Opfer der Amerikaner fühlen. Anders wäre ein kultureller „Dritter Weg“ gar nicht zu motivieren (gewesen), der nötige Widerstand gegen angloamerikanische Popkultur gar nicht zu leisten (gewesen). Was würde das aber unter den Voraussetzungen unserer deutschen Geschichte für uns bedeuten? – Wir wären noch heute Nazis, mindestens Halb-Nazis und Faschisten!

    Und nebenbei: (1) Ihre Polemik übersieht, dass Deutschland und Europa kulturell keineswegs nur in dem besteht, was in New Yaaark “hot and in” ist. Im Gegenteil. Vermutlich sind die Unterschiede sogar größer als die Ähnlichkeiten. Woraus wahrscheinlich nicht wenige „transatlantische“ Schwierigkeiten resultieren. (2) Anders als wir mögen die Südamerikaner in ihrem Widerstand gegen die USA historisch durchaus legitimiert sein. Anders als Sie halte ich aber mindestens den daraus folgenden politischen „Dritten Weg“ diverser südamerikanischer Staaten keineswegs in jedem Falle für beispielgebend. Auf das Äquivalent der „eigenständigen“ HABANERA-TANGO-SEMBA-Politik diverser südamerikanischer Staaten möchte ich für Deutschland jedenfalls liebend gern verzichten.

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    @ EJ : Das hat der „new“ German von New Yaaark eindressiert bekommen: Was von New Yaaark (und Liverpool) kommt ist „global youth culture“ – aber Voelker im „Sueden“ sollen keine Einwirkung auf das „show biz“ (entertainment industry!) haben: Die sollen sich nur als anthropologische Museumsaustelluungen erhalten! Moeglichst mit Holzscheiben in den Lippen und geschmueckt mit geschrumpften Koepfen und um Gottes willen keine wirtschaftliche Entwicklung. Was Sie als „kolonialistisch/eurozentristische“ Tanzschritte zu erkennen glauben – haben einige Angolaner aber als „Einfluss vom Tango“ erkannt: Aber der Tango stammt als Tanz von Argentinien und als Musik von der kubanischen HABANERA und dem afro-rioplatense CANDOMBE. Die Musiker welche den Tango in den Seemannskneipen im Hafen von Buenos Aires entwickelten, waren Nachkommen von Angolaner welche nach Argentinien und Urugay als Sklaven verschleppt worden. Die Tanzschritte des TANGO enstanden aus dem natuerlichen Tanzverhalten der ermutigenden „Damen“ und dem „Hartermanngetue“ der Seeleute. Die rauhe Form des Tango verlangt einen „harten Mann“ und eine ihn „herausfordernde“ Frau. Nun haben die Angolaner heute ihren „Modetanz“ SEMBA entwickelt und exportiert nach Portugal, Spanien, Frankreich, England, Niederland, Polen, Australien (aber alles syntetisch uebertrieben!) Nach Deutschland natuerlich nicht – dort ist nur „political correct“ was in New Yaaark „hot and in“ ist!

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    @ jan z. volens

    Nun, lieber Jan (wuff, er will ja nur spielen), Sie werden zugeben, dass Ihr Lob des braven europäischen Tanzschritts als durchaus kolonialistisch, mindestens eurozentristisch miss-/verstanden werden kann und zu Ihren übrigen südamerikanischen Erzählungen, jedenfalls ohne weitere Erklärungen, eher wenig passt.

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    @ EJ: My dear German Dobermann – an ihren Beispiel erklaert sich warum die Einwanderer in Deutschland so zoegernd „deutsch“ werden: Dobermannumgangsformen und „narrow,rigid, musty“ (Churchill in „History of the English-speaking peoples“)- uebertuenscht von Erzatz-New-Yaaark- sonst NICHTS gelernt von der grossen Welt! Im Reich der Ersatzcowboys ist es so gefaehrlich etwas gegen die „Heiligen“ von Liverpool zu bemerken wie in Pakistan gegen den ……

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    @ Alan Posener

    Das stimmt, mea culpa, ich habe den Artikel nur überflogen, aber ich folge in dem Fall Poseners Viertem Gesetz: Wer kommentiert, will nichts zur Sache sagen;-)

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    @ Jan z. Volenz video “dancando semba”

    Hmm … einerseits beschreiben Sie südamerikanische Frauen so, dass sich mir, sagen wir: die Ohren spitzen. Andererseits propagieren Sie langweiligsten Schieber in mitteleuropäischer Missionarstellung. Sind Sie vielleicht einfach nur ein europäischer Reaktionär (der sich in exotischer Umgebung reaktionär auslebt (und beeindruckend schreiben kann))?

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    @ David Berger: Es schadet nicht, gelegentlich einen Text zu lesen, bevor man ihn kommentiert. Über den Vorzug der frühen Stones gegenüber den Beatles habe ich ja geschrieben. Hier geht es um die Beurteilung zweier Songs.

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    Der „Liverpool Virus“ hat das Kulturprogramm nun auch der deutschen Schriftsteller ueberwaltigt. Jetzt zeigt sich der Kulturnotfall: Beatlers vs. Stones – nicht als Parodie oder sarkastischen Humor – sondern ernsthaft analysiert als historisches und philosophisches Ereignis! Also hier das „Antivirusprogramm: In der Neuen Welt inspirierten besonders die Afrikaner fast alle Musik-Kulturen – vom Jazz bis zum Tango, von Marimba bis Bolero – der Einfluss der Afrikaner fliesst in der Genetik der Musik in den Amerikas. Auch 2010 koennten die Afrikaner den Deutschen helfen sich von dem „Liverpool Virus“ in ihren Kulturverstaendnis zu erloesen. Als „exibhit“ wuerde ich youtube video „Tito Paris Nha Pretinha“ (Cabo Verde) empfehlen. Und wie normale Menschen schoen tanzen zu angenehmer Musik zeigt ein vierzigjaehriges Ehepaar waehrend einer einfachen Familienfeier – in Angola, youtube video „dancando semba“.

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    Die Beatles waren musikalische Sirs – in allen Stilrichtungen zu Hause, die Rolling Stones dagegen waren Rabauken und nur der von ihnen vorgegebenen, eingleisigen Schiene verpflichtet.
    Das „Abbey Road“-Album der Beatles = ein Meilenstein, der seinesgleichen sucht – ich finde kaum etwas Gleichwertiges bei den Rolling Stones.
    Aber der Streit der jeweiligen Anhänger über diese beiden Gruppen ist so alt wie ihre Musik und wird wohl auch in Zukunft keine endgültige Entscheidung bringen, weil Geschmäcker eben verschieden sind.

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    @alle
    Bitte: Bei aller soziologischen und politischen Bedeutung des Themas “Beatles vs. Stones”: Hier geht es in erster Linie um Musik!
    Die „Stones“ sind wie die Beatles Rhythm&Blues-Leute – Rock’n Roller. Die Stones sind dabei geblieben. Vorbild von Mick Jagger und Keith Richard sind Musiker wie Muddy Waters, Howlin‘ Wulf, Lightning Hopkins, B.B. King etc. Das sind Blues – Leute mit einer Lebenserfahrung, die Rassendiskriminierung, soziales Abseits etc. beinhaltet. Das wurde in den 60er Jahren z.B. im Jazz programmatisch durch Musiker wie Charles Mingus und Ornette Coleman (letzterer Free-Jazzer) umgesetzt. Das wusste auch Mick Jagger. Von daher, klar: Vitalität – Emotion – Revolution. Und so wurde seine Musik auch verstanden. Sie wurde zur Begleitmusik der 68er-“Revolution“. Wie bei Frank Zappa, dem besten musikalischen Kabarettisten aller Zeiten. (Dem war das aber so gar nicht recht.)

    Die Beatles: Erst braver als die Stones, aber sie haben sich musikalisch weiterentwickelt, haben die musikalische Welt studiert und vereinnahmt („Eklektizismus“). Paul Mc Cartney und John Lennon sind sehr musikalisch gewesen und haben so ziemlich alles verwendet, was sie mochten, so daß Barockmusik bis zu indischen Ragas integriert wurden.
    Die Kompositionen (vgl. „Fool on the Hill“) sind kammermusikalisch arrangiert und haben in den Texten den Zeitgeist verarbeitet.

    @Alan Posener
    „lange Haare, Schreie, offene Sexualität usw.“
    Ist das für Sie bereits Revolution? (Gut vielleicht damals – ich war noch zu jung.)
    Waren aber auch damals sicherlich Äußerlichkeiten: John Coltrane ist in Schlips und Kragen aufgetreten, hat aber sein Tenorsaxophon so lange geblasen, bis es explodiert ist und nur noch (Free Jazz-) Fetzen übrigblieben. Nein, die Beatles sind keine Revolutionäre, aber das was sie gemacht haben, ist, wie man es heute sagen würde, „innovativer“, als das der Stones.

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    @ Alan Posener und EJ.

    Ich glaube, Sie diskutieren über die verschiedenen Sachen und haben im Grunde beide Recht. Wenn man Revolution als radikaler Wandel der bestehenden Verhältnisse versteht, dann haben sie beide – die Beatles und die Stones – Revolution gemacht. Die Beatles – vor allem musikalisch, die Stones – eher sozial (mit ihren Sex- und Drogenausschweifungen – dabei, sicherlich, viel lauter). Wer wem lieber ist – ist natürlich Geschmacksache. Mir persönlich sind die Beatles lieber, weil sie nicht nur Revolution in der Musik gemacht, sondern auch als Künstler und Musiker eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft gebaut haben.

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    Beim lesen des Spiegel-Artikels habe ich an ähnlichen Stellen wie Sie gekozzt. Trotzdem fand ich die Geschichte, auch als selbsternannter „Experte“ im wesentlichen solide aufgeschrieben. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass die 3,80 Euro nicht komplett fehl investiert waren.

    Trotzdem, da Sie dieses Lennon-Zitat bei solchen Anlässen wiederholt hervorkramen, folgende Anmerkung: Es heist eigentlich korrekt: „If you’re talking about destruction / Don’t you know that you can count me out – IN“ Zu hören in der Slow-Version, in diesem Video: http://www.youtube.com/watch?v=Imb4tYOk8GE etc. In ganz früheren Versionen soll sogar ganz ohne „out“ gesungen worden sein.

    Gerade diese Ambivalenz ist für mich als Spätgeborender im künstlerischer Sicht relativ wichtig. Passt dann aber leider nicht mehr so ganz in Ihre Argumentationskette.

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    Alan Posener: Die Beatles haben die Revolution gemacht: lange Haare, Schreie, offene Sexualität usw.

    Mädchenschwärme, Schwiegersöhne gegen Mick Jaggers enge Hosen und seine abgründige Hässlichkeit! Dazu die (allerdings nur gelegentlich) an die Kakophonie heranreichende Musik der Stones – Höllenläuterung. MaW: Revolution!

    😉

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    @ EJ: Interessant, was Sie über Chopin und Beethoven sagen. Falsch, was Sie über die Bealtes und die Stones sagen. Die Beatles haben die Revolution gemacht: lange Haare, Schreie, offene Sexualität usw.

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    Sie/ wir sprechen über Revolution, APO! REVOLUTION!

    Auf Apocalypso schrieb ich schon mal über das Verhältnis der Chopin’schen Revolutionsetüde zu Beethovens Eroica. Sie haben damals nicht verstanden, worauf ich hinaus wollte. (EJs Erstes Gesetz: Leser-Kommentare werden nicht oder nur flüchtig gelesen.)

    Nach konventionellen Maßstäben ist die kleine Etüde Chopins mit dem sinfonischen Brocken Beethovens gar nicht zu vergleichen, klar. Mich muss das aber nicht stören. (Ich bin ohnehin unmusikalisch bzw. radikaler Zwölftöner.) Mir geht es – wie Ihnen in der Stones/Beatles-Frage – um den revolutions-thematischen Zusammenhang.

    Natürlich ist Chopins Revolutionsetüde das politisch intelligentere, das feinsinngere, das ironischere, das weniger naive, das ungleich reflexivere Stück. In dem gegebenen thematischen Zusammenhang macht es in der in der Beurteilung der Qualität aber wenig Sinn, von der Wirksamkeit, von der Massenwirksamkeit abzusehen. Und da fällt die Chopin’sche Revolutionsetüde eben ganz weit nach hinten.

    Analog dazu werden Sie die Beatles nie zu Revolutionären machen können. Die Beatles sind tatsächlich auch nie so rezipiert worden. Zur Revolution gehören Beethovens „Pauken und Trompeten“ oder, sagen wir’s offen: eine hohe Bereitschaft auch zur Primitivität. Und die „Pauken und Trompeten“ haben nun mal die Stones eingesetzt. Und nicht die Beatles.

    Die Beatles mögen – wie Chopin – Recht behalten haben. Revolution haben die Stones gemacht.

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