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	<title>starke-meinungen.de &#187; Papst</title>
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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Intellektuelle Taschenspielertricks: Benedikt vor dem Bundestag</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2011 06:06:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Benedikt IXV.]]></category>
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		<description><![CDATA[Der den meisten Lesern dieses Blogs bekannte Kommentator EJ hat mir geschrieben: „Bilanz des Papstbesuchs: Benedikt beflügelt APOs Karriere.“ Da ist etwas dran. Dabei möchte ich keinesfalls als berufsmäßiger Papst-Basher Karriere machen. So interessant ist Josef Ratzinger nun auch nicht, auch wenn die halbe Intelligenzia Deutschlands vor ihm auf den Knien liegt, was aber nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der den meisten Lesern dieses Blogs bekannte Kommentator EJ hat mir geschrieben: „Bilanz des Papstbesuchs: Benedikt beflügelt APOs Karriere.“ Da ist etwas dran. Dabei möchte ich keinesfalls als berufsmäßiger Papst-Basher Karriere machen.</p>
<p>So interessant ist Josef Ratzinger nun auch nicht, auch wenn die halbe Intelligenzia Deutschlands vor ihm auf den Knien liegt, was aber nur etwas über deren geistige Beschränktheit aussagt.<span id="more-2903"></span> Gerade dieses <em>sacrificium intellectus</em> macht es freilich nötig, die Ansprache des Papstes vor dem Bundestag</p>
<p><a href="http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/benedict/rede.html">http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/benedict/rede.html</a></p>
<p>kurz zu kommentieren. Danach würde ich mich gern wieder anderen Themen widmen, wozu ein 14-tägiger Aufenthalt in Israel beginnend nächste Woche sicherlich einige Anregungen liefern dürfte.</p>
<p>Die Rede Benedikts XVI. galt der Verteidigung des „Naturrechts“, aus dem die katholische Kirche ihre Vorstellung dessen ableitet, was Recht und was Unrecht ist. Zum Beispiel die Vorstellung, die Homosexualität sei eine „objektive Störung im Aufbau der menschlichen Existenz“, weil sie der zweigeschlechtlichen „Natur“ des Menschen widerspreche. Der Papst plädierte dafür, dieses Naturrecht – und nicht das von ihm kritisierte „positivistische Rechtsverständnis“ und die Erkenntnisse der Wissenschaft  – wieder zur Grundlage der Gesetzgebung in Deutschland zu machen. Ein Ansinnen, das der säkulare, pluralistische Staat entschieden zurückweisen muss. Aber dazu gleich mehr.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Papst begann seine Rede typischerweise, indem er seinen Lehrmeister Augustinus zitierte, der Ende des 4. Jahrhunderts fragte: „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande?“ Benedikt, für den Augustinus nicht eine aus seiner Zeit heraus zu verstehende historische Gestalt, sondern, wie er immer wieder sagt, „ein Zeitgenosse“ ist, hat in seiner Rede diese Aussage des Augustinus in keiner Weise relativiert. Er sagte vielmehr, die Nazidiktatur habe gezeigt, wie wahr die Aussage des Augustinus noch heute sei. Nun ist sicher ein Staat, in dem die Willkür herrscht,  „nichts anderes als eine große Räuberbande“. Aber wer den Nationalsozialismus im Gebäude des deutschen Reichstags anprangert, hätte doch auch sagen müssen, dass die Nazis erstens mit legalen Mitteln – mit den Mitteln des Rechts also – an die Regierung kamen; dass sie mit legalen Mitteln – mittels eines Ermächtigungsgesetzes des Reichstags, zu dem das katholische Zentrum seine Hand hob, und gegen das allein die SPD votierte – eine faktische Diktatur errichtete; und dass erst nach dieser christlich beförderten Selbstabschaffung der Demokratie die Pervertierung des Rechts möglich wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Augustinus kannte die Demokratie nicht. Er sprach über das Römische Imperium. Tatsächlich sind Demokratie und Rechtsstaat die sichersten Bollwerke dagegen, dass der Staat zur „Räuberbande“ verkommt. Das Eine ist ohne das Andere wenig wert. Es ist bezeichnend, dass der Papst Rolle der Demokratie bei der Rechtsfindung und Rechtsverteidigung in seiner Rede nicht erwähnte. Denn die Kirche hat aus dem Naturrecht nie die Forderung abgeleitet, dass alle Menschen an der Leitung der Angelegenheiten des Staates – oder gar der Kirche! – beteiligt sein sollten. (Und zwar deshalb, weil es zur „Natur des Menschen“ gehört, dass sie verschiedene Fähigkeiten haben.)  Daran schon erkennt man die Problematik des Naturrechts, das der Papst – ausdrücklich nicht als Oberhaupt des Vatikanstaats, sondern als „Bischof von Rom“ – dem deutschen Parlament als Rechtsgrundlage nahelegte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Woher kommt aber die Demokratie? Benedikt hat die Frage nicht beantwortet, weil er sie erst gar nicht gestellt hat. Er behauptete aber:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>„Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Das ist keine neue Idee, vielmehr wiederholt Joseph Ratzinger diese Behauptung immer wieder. Dabei ist sie so offenkundig unsinnig, dass man sich fragt, warum es nicht wenigstens im Bundestag ein Gemurmel gab, als er sie auch dort vorbrachte. Denn jeder Abiturient weiß, dass die Kultur Europas – Deutschlands zumal – ebenso stark wie von „Jerusalem, Athen und Rom“ von der Stammeskultur der Germanen geprägt wurde. Und jeder Student der Jurisprudenz lernt schon im ersten Semester, dass unser heutiges Recht aus der „Begegnung“ (um mit Ratzinger zu reden) von germanischem und römischem Recht stammt. Man muss kein nationalistischer Romantiker sein, um zu erkennen, dass es gerade die Gewohnheitsrechte der Individuen und Kollektive innerhalb der germanischen „Räuberbanden“ waren, die – in der Renaissance neu formuliert als gott- oder naturgegebene „Freiheitsrechte“ – eine Grundlage der modernen Demokratie bildeten; dass die Vorstellung der Verfassung als eines „Gesellschaftsvertrags“ zwischen Stamm und Fürst, Volk und Regierung, der vonseiten des Volks zu kündigen ist, wenn die Regierung nicht dem Volkswohl dient, ein im germanischen Stammesrecht wurzelnder Gedanke ist, der in der Aufklärung – am prägnantesten in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – neu formuliert wurde. Ich will das Germanentum nicht zu sehr strapazieren, auch weil es geschichtlich verschiedentlich missbraucht wurde; aber Benedikt missbraucht „Jerusalem, Athen und Rom“, wenn er den germanischen Beitrag zur abendländischen Kultur unterschlägt – und wenn er verschweigt, dass sich die Christen zu Zeiten des Augustinus häuslich im Römischen Reich eingerichtet hatten und dessen Staatsrecht, das eben keine demokratische Kontrolle und kein Gewohnheitsrecht kannte, zur rücksichtlosen Unterdrückung aller anderen Religionen – sprich der Religionen der Mehrheit – benutzten. Diese Unterschlagung und Geschichtsfälschung sollte einem im Hinblick auf Benedikts Absichten zu denken geben.</p>
<p>„Wie erkennt man, was recht ist?“ fragte Benedikt im Bundestag. Dann folgte eine zunächst verblüffende Antwort: „In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen“ jedoch „hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben.“</p>
<p>Das ist zwar nicht ganz richtig: wenn man etwa an die Verfolgung von Hexen und Ketzern, an die Sonderregelungen für Juden, Frauen usw. denkt, wird man kaum leugnen können, dass hier ein besonders übler Teil der Rechtsordnung „vom Blick auf die Gottheit her“ gestaltet wurde. Wenn wir aber um der Auseinandersetzung Willen zugestehen, dass es so ist, wie Benedikt behauptet: Warum ist das so? Warum haben die Christen nicht von der Offenbarung her eine Art Scharia verhängt? Weil die Christen  als Minderheit im Römischen Reich gar nicht die Rechtsordnung gestalten konnten. Als das Christentum nach der konstantinischen Wende zur Staatsreligion avancierte, hat es das römische Recht für seine Zwecke in Bewegung gesetzt. Typischerweise erklärt Ratzinger dieses geschichtliche bedingte – also zufällige – Faktum zu etwas Wesentlichem: „(Das Christentum) hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft&#8230;“</p>
<p>Das klingt gut und erinnert an die Regensburger Rede, in der Benedikt ebenfalls zu meinen schien, die Religion müsse der Vernunft entsprechen. In Wirklichkeit allerdings meint er, die Vernunft müsse der Religion entsprechen. Denn der Satz von den „wahren Rechtsquellen“ setzt er wie folgt fort: „ den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ Womit intellektuell der Zirkelschluss vollzogen ist, eine für Benedikt geradezu konstitutive Gedankenfigur: Das Christentum leitet das Gesetz nicht aus der Gottheit ab, sondern aus der Vernunft, die sich aber aus der Gottheit ableitet. Taröööh!</p>
<p>„Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den ‚unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt’ bekannt hat“, erklärte Benedikt. Nun, wie wir gesehen haben, „geht der Weg“ ganz wesentlich in der Spätantike über die Verbindung von römischem und germanischem Recht infolge der germanischen Eroberungen römischen Territoriums; und überhaupt „geht“ da überhaupt kein Weg; sondern kämpfen da Menschen, oft in blutigen Kriegen und Bürgerkriegen, für ihre Freiheitsrechte, fast immer übrigens gegen die mit den Machthabern verbündete katholische Kirche, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil die Demokratie als „Irrlehre“ verdammte. Auch daran selbstkritisch zu erinnern hätte dem Pontifex Maximus nicht schlecht angestanden; aber da er das nicht tut, müssen wir es im Namen der geschichtlichen Fakten – das Wort „Wahrheit“ hat er endgültig verdorben – für ihn tun.</p>
<p>Nun kommen wir, wie versprochen, zum „Naturrecht“. Es war ja der Anspruch der Kirche, wie Benedikt XVI sagte, dass sie statt auf eine Offenbarung „auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen“ verweise. Das Christentum ist, wie Joseph Ratzinger bei anderer Gelegenheit in der Sorbonne gesagt hat, „eine physikalische Religion“. Das heißt: Es ging aus von der völligen Übereinstimmung zwischen seinen Lehren und den Erkenntnissen etwa eines Aristoteles über die Natur. Damit das so bleibe, durfte sich die Naturwissenschaft freilich nicht anmaßen, Aussagen über die Natur zu machen, die dem widersprechen konnten, was das Christentum behauptete. Noch einmal, und anders formuliert: gerade weil das Christentum „wissenschaftsgläubig“ war (und in Gestalt Benedikts noch ist), musste es die Wissenschaft zensieren. Galileo Galilei wurde ja nicht deshalb von der Inquisition verfolgt, weil er  das kopernikanische System verteidigte; der Vatikan selbst benutzte längst die Tabellen des Kopernikus zur Berechnung der Sternen- und Planetenbahnen usw. Galilei wurde verfolgt, weil er durch Beobachtung der Wirklichkeit beweisen zu können meinte, dass Kopernikus eine Aussage über die objektive Struktur der Natur machte. Seit Galilei ist das kirchliche „Naturrecht“ eben nicht mehr „Naturrecht“, sondern ein Recht, das sich auf die kirchliche Interpretation der Natur stützt. Wenn etwa die Biologie nachweist, dass homosexuelles Verhalten in der ganzen Natur verbreitet ist, also zum Spektrum natürlichen sexuellen Verhaltens gehört, dann erwidert die Kirche, zum „Wesen“ der menschlichen Natur gehöre nach der „schöpferischen göttlichen Vernunft“ aber die Zweigeschlechtlichkeit; niemals könne aus einer bloß „positivistischen“ Beobachtung dessen, was ist, abgeleitet werden, was sein soll. Das Beispiel Homosexualität ist nur ein besonders augenfälliges und absurdes Beispiel für das „Kopf-ich-gewinner-Zahl-du-verlierst“-Theologie Benedikts, die am „Naturrecht“ festhalten, aber die wissenschaftliche Erkenntnisse über die Natur nicht als eine Grundlage des Rechts akzeptiert, wenn sie der Offenbarung der Kirche widersprechen. Wie er vor dem Bundestag sagte:</p>
<p>„Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewusstsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede ist.“</p>
<p>Und im Sinne dieser Einladung habe ich mich dazu geäußert. Der Papst bringt es fertig, in ein und derselben Rede einerseits zu behaupten, das Christentum betrachte traditionell „Natur und Vernunft“ als Grundlagen des Rechts, andererseits aber zu klagen, wo die Religion dem Bereich des Subjektiven zugeordnet würde und Naturwissenschaft und Vernunft herrschten, seien „die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt“. Dass kein Kind zu rufen wagt: Der Papst ist nackt!</p>
<p>Ich will mich nicht einmal mit der Bemerkung aufhalten, in einem Land, in dem eine ausdrücklich christliche Partei die Kanzlerin stellt, wirkt die Behauptung, hierzulande würde nur nach „positivistischer“ Vernunft entschieden, absurd. Wo lebt der Papst eigentlich? (Gut, in Italien. Man würde gern aus seinem Mund ein selbstkritisches Wörtchen zur wirklich „dramatischen Situation“ des Rechts dort erfahren, wo die Kirche – und Benedikt selbst – maßgeblich zur Installierung der Regierung Berlusconi beigetragen haben.) Ich will – frisch ausSchweden zurück – nur auf eine interessante Tatsache verweisen: Dort, wo die Kirchen den geringsten Einfluss haben und der Anteil der Atheisten an der Bevölkerung am höchsten ist, also in den skandinavischen Ländern, sind jene Gesellschaften entstanden, in denen sich nach allen bekannten Parametern des Glücks am besten lebt; in denen der Staat am ehesten jener „civitatis dei“ entspricht, die Augustinus auf Erden für unerreichbar hielt, und am wenigsten jener „Räuberbande“, die er während eines Großteils der Geschichte des christlichen Europa zweifellos war und in vielen Teilen der Welt noch ist. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Warum Benedikt XVI nicht vor dem Bundestag reden sollte</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Sep 2011 23:54:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Benedikt IXV.]]></category>
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		<description><![CDATA[Warum sollte Benedikt XVI nicht vor dem Bundestag sprechen? Er wäre schließlich nicht der erste und nicht der schlimmste Dunkelmann, der zu den Abgeordneten des deutschen Volks gesprochen hat. Man denke etwa an Wladimir Putin. Aber die Tatsache, dass der Bundestag etwa beim Gasmann Putin nicht den Mut hatte, Gesicht zu zeigen, ist kein Grund, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong>Warum sollte Benedikt XVI nicht vor dem Bundestag sprechen? Er wäre schließlich nicht der erste und nicht der schlimmste Dunkelmann, der zu den Abgeordneten des deutschen Volks gesprochen hat. Man denke etwa an Wladimir Putin.</p>
<p>Aber die Tatsache, dass der Bundestag etwa beim Gasmann Putin nicht den Mut hatte, Gesicht zu zeigen, ist kein Grund, sich beim Kirchenmann Benedikt genauso feige zu benehmen. Benedikt ist kein Demokrat. Er ist ein Kritiker der Demokratie. Das darf er sein, aber dann darf, ja sollte der Bundestag ihm sagen, was ein demokratisches Parlament davon hält.<span id="more-2892"></span></p>
<p>Der deutsche Papst vergleicht das Europa des einundzwanzigsten gern mit dem Rom des fünften Jahrhunderts, in dem sein Lehrmeister Augustinus wirkte. Auf die Parallele zwischen dem Imperium Romanum und der Europäischen Union spielt auch Ratzingers gewählter Name „Benedikt“ an. Er bezieht sich auf Benedikt von Nursia, der knapp hundert Jahre nach Augustinus zum Ergebnis gelangte, das von allen Seiten bedrängte christliche römische Reich sei nicht mehr zu verteidigen und sich mit seinem Mönchsorden aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Wie Augustinus und Benedikt von Nursia vor anderthalb Jahrtausenden sieht Joseph Ratzinger heute überall Vorzeichen des Untergangs: „Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden“, erklärte er 2004 vor dem Italienischen Senat in Rom: „Diesem inneren Absterben entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. (&#8230;) Der Vergleich mit dem untergehenden Römischen Reich drängt sich auf, das als großer geschichtlicher Rahmen noch funktionierte, aber praktisch schon von denen lebte, die es auflösen sollten, weil es selbst keine Lebenskraft mehr hatte.“</p>
<p>Europa „verabschiedet sich ethnisch“ und „lebt von jenen, die es auflösen“ werden? Man könnte auch mit Thilo Sarrazin sagen: Europa schafft sich ab. Zuwanderung ist für Ratzinger nicht ein Zeichen dafür, dass unser Wohlstand und unsere Freiheit attraktiv sind, sondern Zuwanderung ist ein Zeichen dafür, dass wir „keine Lebenskraft mehr“ haben.</p>
<p>Warum ist das so? Als Kern der „Krise der europäischen Kultur“ nennt Ratzinger die „Diktatur des Relativismus“. Den Kampf gegen diese Diktatur hat er zum zentralen Thema seines Pontifikats gemacht, und es ist wichtig, kurz dabei zu verweilen. Weil er einen Wahrheitskern enthält. Tatsächlich ist die Demokratie, wenn man so will, die Diktatur des Relativismus. Wer für die Demokratie eintritt, setzt sich dafür ein, dass jede Meinung geäußert werden darf und dass sich alle möglichen Parteien um die Macht im Staat streiten. Man darf keine Hassreden schwingen und nicht zu Gewalt aufrufen, aber sonst ist so ziemlich alles erlaubt. Was nicht erlaubt ist, das ist die Beendigung dieses Relativismus, die Aufhebung der Spielregeln der Demokratie. Eine Partei, die das erklärte Ziel hat, den anderen Parteien den Zugang zur Macht zu verbieten oder die freie Meinungsäußerung zu unterbinden, darf nicht kandidieren, selbst wenn – ja gerade wenn – die Mehrheit hinter ihr steht. Was Demokraten nicht wollen, ist die Diktatur der Wahrheit. Egal ob das die Wahrheit einer Minderheit oder die einer Mehrheit ist.</p>
<p>Die will aber Benedikt.</p>
<p>Und die Wahrheit ist seine Wahrheit.</p>
<p>In der Diskussion mit Jürgen Habermas forderte Joseph Ratzinger ein Nachdenken darüber, „ob nicht die Vernunft unter Aufsicht gestellt werden“ müsse; eine Ratzinger-Formulierung, die man sich – wie die „ethnische Verabschiedung“ Europas &#8211; sozusagen auf der Zunge zergehen lassen sollte, um sich ihrer Implikationen bewusst zu werden. Denn wer würde wohl diese Aufsicht stellen? Die Vorstellung einer Art Vernunft-Zensur ist mit der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik unvereinbar.</p>
<p>Der Westen müsse sich die Frage stellen, so Ratzinger in der Diskussion mit Habermas weiter, ob die „europäische Säkularisierung ein Sonderweg sei, der einer Korrektur bedürfe“. Auch das ist ein direkter Angriff auf die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik.</p>
<p>Die von Ratzinger geforderte Korrektur der Säkularisierung sieht so aus, dass „die Lehre von den Menschenrechten um eine Lehre von den Menschenpflichten und von den Grenzen des Menschen ergänzt werden“ müsste. Abgesehen davon, dass die Menschenrechte keine „Lehre“ sind, sondern unveräußerlicher Besitz jedes Menschen und Ergebnis seiner verfassungsmäßig garantierten Würde; abgesehen davon, dass die Pflichten und Grenzen der Bürger im bürgerlichen Gesetzbuch längst festgehalten sind; abgesehen davon, dass es Ratzinger selbst war, der als Chef der Glaubenskongregation verfügt hat, das bürgerliche Gesetzbuch in Bezug auf sexuellen Missbrauch nicht gelten zu lassen, sondern das Kirchenrecht; abgesehen davon also, dass diese Formulierung den Mann als bigotten Nichtwisser entlarvt: Wer sollte diese Grenzen der Menschenrechte formulieren?</p>
<p>Der Teheraner Wächterrat lässt grüßen.</p>
<p>Ich übertreibe? Nur leicht. 2008 hat Benedikt die Pius-Brüder wieder in die Kirche aufgenommen. Als Skandal galt damals, dass sich unter den vier Pius-Bischöfen auch der Antisemit und Holocaust-Leugner Williamson befand. Mindestens ebenso skandalös sind aber die politischen Vorstellungen dieser Brüder. So ist der deutsche Distriktobere der Bruderschaft Franz Schmidberger, für den die Schändung eines Kreuzes ein schwereres Verbrechen ist als die Terroranschläge von 9/11, Befürworter eines theokratischen Staates, in dem die Gewalt „nicht vom Volke“ ausgeht, „sondern von Gott (&#8230;)“, und in dem deshalb an die Stelle der Parteien „jene christlichen Männer treten, die sich durch sittliche Reife und Lebenserfahrung, durch Gerechtigkeitssinn und Sorge um das Gemeinwohl auszeichnen“ – da haben wir also den Wächterrat. Dieser Gottesstaat müsse „falsche Religionen und Kulte verbieten“, also vermutlich alles außer dem Katholizismus, ebenso wie Abtreibung, Euthanasie, den Vertrieb von empfängnisverhütenden Mitteln und die zivile Eheschließung. Er müsse „Gotteslästerung, Homosexualität und Pornographie aus dem öffentlichen Leben verbannen“ und „den vorehelichen und außerehelichen Beziehungen“ den Kampf ansagen. Es versteht sich fast von selbst, dass Schmidbergers Idealstaat die Todesstrafe – vermutlich auch für Kreuzesschändung &#8211; wieder einführen, die „Tyrannei des Großkapitals und der Großbanken“ brechen, „Freimaurerlogen schließen“ und Geheimgesellschaften“ – sprich jede Opposition, die notwendigerweise „geheim“ arbeiten musste &#8211; verbieten, dafür aber „die Liebe zur Erde, zur Natur, zum Volk, zur Arbeit, zur Heimat mit ihren Bräuchen und Traditionen, zu ihrer Kultur und ihrer Geschichte“ pflegen und die „Entwurzelung des Menschen, die Landflucht und das Gedränge in den Großstädten“ überwinden würde. Willkommen im Klerikalfaschismus. Vielleicht hat Benedikt XVI wirklich nichts von Williamsons Neigung zur Holocaustleugnung gewusst (obwohl ich das nicht glaube); dass die Pius-Bruderschaft ein nicht bloß konservativer, sondern erzreaktionärer Verein ist, in dem antisemitisches und antidemokratisches Gedankengut gepflegt und verbreitet wurde, das wusste und weiß er allerdings genau. Und das stört ihn offensichtlich nicht.</p>
<p>(Übrigens werden die von der Piusbruderschaft in Deutschland betriebenen vier Schulen mit über einer Million Euro pro Jahr vom Staat unterstützt. Das scheint unsere Politiker nicht zu stören.)</p>
<p>Fazit: Ein Mann, der die Liberalität, den Pluralismus und den Säkularismus abschaffen, die Demokratie und die Vernunft kontrollieren will, darf aufgrund unserer Liberalität vor dem Bundestag sprechen. Manchmal fragt man sich, ob Benedikt mit seiner Kritik an der Diktatur des Relativismus nicht doch Recht hat. Es sollte Grenzen geben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Übrigens:</p>
<p><a href="http://itunes.apple.com/de/book/wir-sind-gegenpapst%21/id463172482?mt=11">http://itunes.apple.com/de/book/wir-sind-gegenpapst!/id463172482?mt=11</a></p>
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		<title>Ein offener Brief an Außenminister Guido Westerwelle</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2011/09/13/ein-offener-brief-an-ausenminister-guido-westerwelle/</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 04:58:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Papst]]></category>
		<category><![CDATA[Westerwelle]]></category>

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		<description><![CDATA[Betr.: Benedikt. Ein offener Brief an unseren Außenminister Sehr geehrter Herr Westerwelle, als schwuler Politiker hat man es nicht leicht. Heute, ein Jahrzehnt nach Klaus Wowereits „Ich bin schwul &#8230; und das ist gut so“, mag diese Aussage seltsam klingen. Aber Sie wissen, was ich meine. Sie wissen, wie Sie sich verbiegen, verstecken und verleugnen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Betr.: Benedikt. Ein offener Brief an unseren Außenminister</p>
<p>Sehr geehrter Herr Westerwelle,<br />
als schwuler Politiker hat man es nicht leicht. Heute, ein Jahrzehnt nach Klaus Wowereits „Ich bin schwul &#8230; und das ist gut so“, mag diese Aussage seltsam klingen.</p>
<p>Aber Sie wissen, was ich meine. Sie wissen, wie Sie sich verbiegen, verstecken und verleugnen mussten, um in der Partei voranzukommen. Sie wissen, wie Jürgen Möllemann, den Sie so bewunderten, dem Sie noch die Treue hielten, als er längst untragbar und für Sie als künftigen Außenminister zur Belastung geworden war, hinter Ihrem Rücken über Sie lästerte. <span id="more-2885"></span>Wie er genüsslich unter Journalisten Ihren Spruch, „Auf jedem Boot, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt, und das bin ich“, ins Zotige verkehrte.</p>
<p>Dass Sie zu all den Gemeinheiten und Zurücksetzungen schwiegen, mag man als Selbstbeherrschung bewundern oder als Beleg für charakterlosen Karrierismus buchen, je nach Einstellung.</p>
<p>Der Punkt ist der: Ihre Karriere ist vorbei. Jetzt kostet es Sie nichts, Charakter zu beweisen. Und der Besuch des Papstes bietet dafür eine Gelegenheit.</p>
<p>Dass der Papst, wiewohl Oberhaupt der „größten transnationalen Schwulenorganisation der Welt“, wie der Jesuit und Psychotherapeut Hermann Kügler sagte, die Homosexualität als Sünde betrachtet, braucht Sie nicht anzufechten.</p>
<p>Sie sind evangelisch. Dass Joseph Ratzinger sogar weitergeht und die Homosexualität als „objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz“ bezeichnet – nun, da könnten Sie mit Recht sagen, dass jemand, der zölibatär lebt, nicht über objektive Ordnungsstörungen reden soll, wenn er sich nicht intellektuell blamieren will, und insoweit zur Tagesordnung übergehen. Aber als Außenminister und Schwuler müsste Ihnen folgendes doch zu denken geben:</p>
<p>Ende 2008 hat die Europäische Union auf Initiative der französischen Ratspräsidentschaft eine Resolution in die Vereinten Nationen eingebracht, die eine universelle Entkriminalisierung der Homosexualität fordert. Bis heute ist die Homosexualität, wie Sie wissen, in mindestens 77 Ländern der Erde ein Verbrechen.</p>
<p>In sieben islamischen Ländern – Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Iran, Mauretanien, Nigeria, Sudan und Jemen – werden homosexuelle Handlungen sogar mit dem Tod bestraft. Die Bilder von jungen Männern, die wegen verbotener Liebe in Teheran an Baukränen baumeln, kennen Sie auch.</p>
<p>Dort könnten auch Sie hängen, Herr Außenminister, wenn Sie nicht die Gnade der westlichen Geburt genossen  hätten. Gegen die Resolution votierten nicht nur – erwartungsgemäß – die betroffenen Länder; gegen die Resolution stimmte auch der Vatikan.</p>
<p>Dessen oberster Vertreter – manche sagen: Diktator, aber wir wollen nicht so sein – ist nun zu Besuch. Was kostet es Sie, öffentlich diese unerhörte Haltung anzusprechen und als das zu kritisieren, was sie ist – nämlich als eines zivilisierten Menschen und Christen unwürdig? Einmal in Ihrem Leben Mut beweisen, ein Zeichen setzen – reizt Sie das nicht?</p>
<p>Denken Sie bitte darüber nach.</p>
<p>Es grüßt Sie hoffnungsvoll</p>
<p>Ihr<br />
Alan Posener</p>
<p>http://www.facebook.com/Gegenpapst</p>
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		<item>
		<title>Wenn zwei dasselbe tun</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/05/11/wenn-zwei-dasselbe-tun/</link>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 23:59:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Lieber Klaus Kocks, Man weiß es ja: wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Und doch hat mich die – wie soll ich es sagen – Unbedenklichkeit, mit der Sie in Ihrem letzten Beitrag für „Starke Meinungen“ dieses Privileg für sich in Anspruch nehmen, ähm, verwundert. Sie schildern, wie Sie im Erste-Klasse-Abteil eines ICE [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Lieber Klaus Kocks,</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Man weiß es ja: wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe. Und doch hat  mich die – wie soll ich es sagen – Unbedenklichkeit, mit der Sie in Ihrem letzten Beitrag für „Starke Meinungen“ dieses Privileg für sich in Anspruch nehmen, ähm, verwundert. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Sie schildern, wie Sie im Erste-Klasse-Abteil eines ICE die ehemalige  Bischöfin Margot Käßmann vorfanden: <em>Die gefällte  Heilige aus Hannover hat diesmal einen Blumenstrauß neben sich liegen (Maiglöckchen)  und zwei leere Fläschchen Schaumwein. (&#8230;) Sie schlummert. Und hört Musik  von einem roten iPod, auf dessen Bildschirm man einen jungen Mann sieht,  sehr attraktiv, Typ George Clooney.<span id="more-1412"></span></em></span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Sie reisen zwar, wie die Ex-Bischöfin (die es dienstwagenmäßig nicht unter  einem Phaeton tat) gern Erste Klasse, und wer täte das nicht, haben aber für  Ihre Mitreisenden nichts als Verachtung übrig. Die sind „Nieten in Nadelstreifen“. Keine Ahnung, woher Sie das wissen. Wie gesagt, wenn  zwei dasselbe tun, in diesem Falle ICE fahren, ist es nicht dasselbe. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Und dann: <em>Eine der Nieten im  Nadelstreifen nimmt sein Handy und fotografiert das Stillleben. Es könnte sich um einen Leserreporter einer großen Boulevardzeitung handeln, der nun mit einer vierstelligen Kurzwahl den Schnappschuss in eine Millionenauflage hebt.  Muss sich die Ex-Bischöfin das alles gefallen lassen? (&#8230;) Es riecht, obwohl  hier der parfümierte Teil der Gesellschaft sitzt, ein klein wenig nach Pöbel  und Pogrom. Der Pöbel hier trägt zwar Nadelstreifen, was ihn aber nicht sympathischer macht. Da erhebt einer der Reisegefährten mutig seine  Stimme. „Lassen Sie das!“ Lässt er vernehmen. „Wo sind wir eigentlich?“</em> </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Es „könnte sich“ um einen Bild-Leserreporter handeln, obwohl die normalerweise  nicht zum „parfümierten Teil der Gesellschaft“ gehören. Es könnte aber auch sein, dass diese parfümierte Niete bloß einen privaten  Schnappschuss machen wollte. Nun ist es aber gleichgültig, was dieser  Beinahe-Teilnehmer eines Beinahe-„Pogroms“ machen wollte oder nicht, denn ein „mutiger“ Mitreisender interveniert, um die Privatsphäre der Schlafenden zu  schützen. Meine Güte, was heutzutage alles als Mut durchgeht! </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Freilich hat dieser Mut des unbekannten Helden, der im ICE gerade noch ein  „Pogrom“ verhindert hat, der armen Frau Käßmann wenig genutzt, denn die Szene  wird nun von Ihnen auf „Starke Meinungen“ in allen Einzelheiten ausgebreitet. Und meine Frage lautet: ist es wirklich nicht mehr oder weniger dasselbe,  wenn sich eine „parfümierte Niete“ als Bild-Leserreporter betätigt, und wenn ein hochintelligenter, kritischer und rhetorisch begabter Kolumnist wie  Sie seine Leser wissen lässt, dass Frau Käßmann immer noch ein Alkoholproblemchen  hat? </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Und weiter: Die Bild-Zeitung rückt sich zuweilen die Wirklichkeit ein wenig  zurecht, das wissen wir alle. Gibt uns diese Tatsache das Recht, dasselbe zu tun,  bloß weil wir kritische Intellektuelle sind, die um nichts in der Welt einen Nadelstreifen tragen, sich parfümieren, unsere Vorteile gegen den  „Pöbel“ ablegen oder die Bild-Zeitung loben würden? Ist es nicht mehr oder  weniger dasselbe, lieber Klaus Kocks, wenn Sie über den unfreiwilligen Rücktritt der Frau  Käßmann schreiben: <em>Die Polizei hatte sie  angetrunken bei einer nächtlichen Autofahrt gestellt. Eine Boulevardzeitung im  Schlepptau. Solche Zufälle gefallen mir gar nicht. Das riecht für mich immer nach Intrige.</em></span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Hallo? Die besoffene Bischöfin hatte eine rote Ampel überfahren. Hatte das die  Polizei – „eine Boulevardzeitung im Schlepptau“ – arrangiert, um die Bischöfin loszuwerden? Kann die Polizei bei uns von der Politik  oder – nennen Sie doch Ross und Reiter – dem Springer-Konzern gekauft werden?  Darf man so etwas öffentlich suggerieren, und gleichzeitig fest daran  glauben, man habe mit den Methoden jenes Blattes nichts zu tun? </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Und warum gab es diese vermeintliche „Intrige“, Ihrer Meinung nach?</span></p>
<p><em><span style="font-family: Arial;font-size: small">Die gefällte Heilige aus  Hannover hatte sich in unpatriotischer Weise zum Kriegseinsatz der Bundeswehr geäußert und sich  damit als Dreifachproblem ge-outet: eine Frau, eine Linke, eine Pazifistin. </span></em></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Lieber Klaus Kocks, hamse’s nich ne Nummer kleener? Frau Käßmann war und ist keine Heilige. Sie wurde nicht „gefällt“, sie stolperte. Schon gar nicht wurde sie Opfer einer „Intrige“. Mit ihrer Wahl als  EKD-Ratsvorsitzende ging die Evangelische Kirche ein kalkuliertes Risiko ein. Auf der einen  Seite standen ihr – in der Kirche allgemein bekanntes – Alkoholproblem,  ihre erschreckende Schwäche als Theologin und ihre Publizitätssucht. Auf der  anderen Seite standen ihr unbestreitbares Charisma und gerade die Tatsache, dass  sie eine Frau ist, die – so der Titel Ihres neuesten Bestsellers – „mitten im Leben“ steht. Die EKD dachte in PR-Kategorien: Käßmann contra  Ratzinger, das machte sich gut. (Und mir ist sie auch sympathischer als jener  furchtbare Kirchenfürst, das können Sie mir glauben.) Wer aber durch die Medien  lebt, wird durch die Medien fallen – das erlebt übrigens auch der Event-Papst  Benedikt XVI, auch wenn ihn die Bild-Zeitung schont. </span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Käßmann machte den gleichen Fehler, den auch Ratzinger weiterhin macht: sie  glaubte, die Gesellschaft und die Politik darüber belehren zu müssen, was gut und  was böse ist. Sie glaubte, kraft der Tatsache, dass sie qua Amt zu den Guten  gehörte, dazu berechtigt, ja verpflichtet zu sein. Und vergaß – wie Benedikt – die Worte des Jesus von Nazareth, der politische Enthaltsamkeit  predigte, die religiösen Amtsträger seiner Zeit verachtete und seine Jünger belehrte: „An ihren  Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Wenn zwei dasselbe tun, ist es eben doch dasselbe, denn gut ist man nicht durch das, was man denkt oder ist,  sondern durch das, was man tut – oder lässt.</span></p>
<p><span style="font-family: Arial;font-size: small">Und das gilt, um zum Ausgangspunkt zurückzukommen, lieber Klaus Kocks, auch  für Publizisten.</span></p>
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		<title>Darkroom Beichtstuhl – Roma im Koma</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Apr 2010 16:55:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Burchardt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es wäre wohl auch zu schön, um wahr zu sein. Man stelle sich vor: Der Stellvertreter Gottes auf Erden, der Papst „verteufelt“ die Sünder seiner Kirche. Ostern wäre eine einmalige Chance gewesen: Zum Segen für Stadt und Welt zusätzlich von oben ein „mea culpa“ für die unsäglichen Schweinereien vor allem in der katholischen Kirche und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es wäre wohl auch zu schön, um wahr zu sein. Man stelle sich vor: Der Stellvertreter Gottes auf Erden, der Papst „verteufelt“ die Sünder seiner Kirche.</p>
<p>Ostern wäre eine einmalige Chance gewesen: Zum Segen für Stadt und Welt zusätzlich von oben ein „mea culpa“ für die unsäglichen Schweinereien vor allem in der katholischen Kirche und ihr zugeordneten Einrichtungen von Amtsbrüdern gegen die ihnen Schutzbefohlenen.<span id="more-1183"></span></p>
<p>Doch was stattdessen? Gerade so, als habe der Teufel dem Vatikan ein faules Osterei ins Nest gelegt, tut ein  leibhaftiger Kardinal  im Vatikan die Kritik als „Geschwätz“ ab. Vor Zehntausenden von Gläubigen entblödete sich der Vorsitzende des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano nicht, die weltweite Kritik an Missbrauch und Gewalt als unbedeutend und belanglos zurückzuweisen. Ein unglaublicher Skandal, wie er in der Kirchen-Geschichte einmalig sein dürfte.</p>
<p>Und der heilige Vater? Er schweigt zu alledem beredt. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.</p>
<p>Dementsprechend harsch die Kritik der Betroffenen in vielen Ländern. Eine Sprecherin des US-Opferverbandes prangert Sodanos Rede als beleidigend an, britische Anwälte erwägen eine Klage gegen das Kirchenoberhaupt, der geplante Papstbesuch auf der Insel wird von zehntausenden abgelehnt, der Bürgermeister von Bethlehem fordert klare Worte der Kritik vom Vatikan.</p>
<p>Kein Frage, es knistert im Gebälk des Petersdoms. Der Hausherr kann sich nicht länger wie der Vorsteher eines Schweigeklosters gerieren. Es reicht nicht, wie am Ostersonntag geschehen, ganz allgemein eine „geistig und moralische Umkehr“ zu fordern. Das hat schon der Politik unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls nicht funktioniert.</p>
<p>In diesen Tagen, da sinnbildlich gesprochen, unter dem Schutz der Kirche vielerorts von perversen Sexualstraftätern  in Sutanen der Beichtstuhl, sinnbildlich gesprochen, zum Darkroom  umfunktioniert wurde, bedeutet das „Schweigen der Belämmerten“ zu Rom eine faktische Mitverantwortung, ja Mitschuld.</p>
<p>Das kann, das darf nicht toleriert werden. Wenn selbst ein derartiger Sturkopf wie der Augsburger Bischof Mixa, der den ihm gemachten Vorwurf von Gewaltanwendung bestreitet, die Missbrauchsvorfälle von der Kanzel herab verurteilt, dann darf Benedikt nicht länger den Kopf in den heiligen Sand des Vatikan stecken.  Dies umso mehr, als er ja auch persönlich sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, in seinem ehemaligen bayerischen Kirchenamtsbereich  auf einen sexuellen Missbrauch eines Paters  unangemessen  reagiert zu haben.</p>
<p>Schluss mit dem Koma in Roma!  Wie heißt es doch so schön in einem Kirchenlied:  „Wachet auf, ruft uns die Stimme….“ Also, bitte, worauf wartet ihr noch?!</p>
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		<title>Der Papst und der Kindesmissbrauch: dem Reinen ist alles rein</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Mar 2010 23:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[„Werte brauchen Gott“: So lautete die Parole, unter der die Kirchen in Berlin eine Kampagne gegen den gemeinsamen Ethikunterricht in Berlin organisierten. (Sie ist bekanntlich gescheitert, trotz des Einsatzes von Günther „es ist mir zu anstrengend, meinen Kindern selbst Werte zu vermitteln“ Jauch.) Die Parole unterstellt: Wer an Gott nicht glaubt, hat keine Werte. Nun [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Werte brauchen Gott“: So lautete die  Parole, unter der die Kirchen in Berlin eine Kampagne gegen den gemeinsamen Ethikunterricht in Berlin organisierten. (Sie ist bekanntlich  gescheitert, trotz des Einsatzes von Günther „es ist mir zu anstrengend, meinen Kindern selbst Werte zu vermitteln“ Jauch.) Die Parole unterstellt: Wer an Gott nicht glaubt, hat keine Werte.</p>
<p>Nun ja. Wie zuverlässig jene Werte sind, die  Gott dem gläubigen Päderasten gibt, erfahren wir in diesen Tagen.<span id="more-1090"></span> Im aktuellen „Spiegel“ etwa spricht der Autor Bodo Kirchhoff von jenem „großartigen Kantor“ und „verdammten Knabenlutscher“, der ihn als Zwölfjährigen auf dem evangelischen Internat Gaienhofen am Bodensee Anfang der 1960er Jahre verführte. Dieser protestantische Pädagoge scheute sich nicht, beim  Kinderschwanzlutschen das Pauluswort zu zitieren: „Dem Reinen ist alles rein“ (Titus 1,15).</p>
<p>In dieser Überzeugung liegt der Kern des  Problems, bei den Reformpädagogen – auch sie übrigens oft genug christlich motiviert – wie bei den schrecklichen Patres am Canisius-Kolleg, in Ettal, St.  Blasius und anderswo: Wir sind die Guten; also ist das, was wir tun, gut. Und selbst  wenn man beim bösesten Willen unser Tun nicht mehr gutheißen kann, so bleiben  wir doch die Guten, und darum muss das, was geschehen ist, vertuscht,  verschwiegen, verleugnet werden.</p>
<p>Werte brauchen Gott nicht. Im Gegenteil: Wer  glaubt, Gottes Willen zu kennen und in Gottes Namen zu handeln, wird eher als andere  versucht sein, die Werte der Zivilgesellschaft nicht auf sich anzuwenden.</p>
<p>Nehmen wir folgenden Fall: Der Amtsleiter  einer Sozialeinrichtung hört davon, dass sich in einer benachbarten  Einrichtung ein Pädagoge an Kindern sexuell vergangen hat. Anstatt die  Staatsanwaltschaft einzuschalten, beschließt er, dem Verbrecher in seiner Einrichtung eine  zweite Chance zu geben. Dort vergeht sich der Mann wieder an Kindern. Wie würden wir  diesen Leiter beurteilen? Wir würden wohl sagen, er trage die Verantwortung; es  geht schließlich um Strafvereitelung im Amt, wenn nicht um Beihilfe zum Kindesmissbrauch; er müsse sich entschuldigen und von seinem Posten  zurücktreten. Wenn sich der Amtsleiter darauf hinausreden wollte, er habe sich um den  Fall des versetzen Sexualstraftäters nicht weiter gekümmert, verantwortlich  sei irgendeine niedrige Charge, so würden wir wohl sagen: Wer sich nicht um  das kümmert, was bei sich vorgeht, trägt erst recht die Verantwortung.  Verantwortung ist ein Wert. Erkennen, wo man Verantwortung hat, wo man aus Mangel an Verantwortung schuldig geworden ist, und die entsprechenden Konsequenzen  ziehen – das ist eine elementare charakterliche Eigenschaft, die wir von jedem Politiker, jedem Firmenchef, jedem Beamten verlangen.</p>
<p>Nicht aber vom Papst. Nicht vom Erzbischof  von München-Freising, nicht von Joseph Ratzinger, der genau das getan hat,  was ich am hypothetischen Fall des Leiters einer Sozialeinrichtung  durchbuchstabiert habe. Denn Ratzinger versteht sich als „moralisches Gewissen der Welt“, wie er sagt. Er ist der Reine, und dem Reinen ist alles rein. Klar, er  hatte als Erzbischof Wichtigeres zu tun, zum Beispiel täglich mehrere Messen  feiern und Brandreden gegen den moralischen Verfall des Landes wegen 68 und der  Welt wegen des Liberalismus zu halten. Vielleicht hätte er aber doch zwischendurch  in die Bibel schauen müssen. Jesus von Nazareth sagte (Mt 25,31): „Was ihr dem  geringsten meiner Brüder tut, das tut ihr mir; was ihr dem geringsten meiner Brüder  nicht tut, das tut ihr mir nicht.“ Das heißt, wer es wichtiger findet, Messen zu feiern, Brandreden zu halten usw. als sich um das Wohl der Kinder zu kümmern, die der Kirche anvertraut sind, der hat – dies ist wohlgemerkt  die Auffassung der Christen – sich schuldig gemacht am sexuellen Missbrauch Jesu Christi – am Missbrauch Gottes. So weit würde unsereiner als  Atheist nicht gehen. Sollte der Papst zurücktreten? Unsereinem würde es reichen,  wenn er sagen würde: Vergebt mir, ich habe durch Unterlassen gesündigt. Ich will  ab jetzt weniger selbstgerecht sein.</p>
<p>Glaubt irgendjemand, dieser stolze Mann  werde jemals diese Worte der Demut über die Lippen bringen? Natürlich nicht. Er ist ja der  Gute. Dem Reinen ist alles rein. Das – und nicht der Zölibat, und schon gar nicht die Reformpädagogik – ist das Problem.</p>
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		<title>Nicht die pädophilen Priester sind das Problem – der deutsche Papst ist das Problem</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Feb 2010 23:01:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[religiöse Parallelgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[sexueller Missbrauch]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit der tapfere Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin die Fälle sexuellen Missbrauchs an seiner Schule publik gemacht hat, erfasst die Welle der Enthüllungen über pädophile Priester endlich auch Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass der für Ende des Jahres erwartete Bericht über die Heimerziehung Skandale ganz anderen Ausmaßes zu Tage fördern wird. Es handelt sich, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit der tapfere Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin die Fälle sexuellen Missbrauchs an seiner Schule publik gemacht hat, erfasst die Welle der Enthüllungen über pädophile Priester endlich auch Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass der für Ende des Jahres erwartete Bericht über die Heimerziehung Skandale ganz anderen Ausmaßes zu Tage fördern wird.</p>
<p>Es handelt sich, das wissen alle, die mit der unappetitlichen Materie je befasst waren, nicht um die Verirrungen einzelner schwarzer Schafe, sondern um ein systemisches Problem jener religiösen Parallelgesellschaft, die sich katholische Kirche nennt, und die nach Ansicht des Jesuitenpaters und Psychotherapeuten Hermann Kügler „die größte transnationale Schwulenorganisation der Welt“ ist.<span id="more-958"></span><!--more-->Nun ist gegen internationale Schwulenorganisationen gar nichts einzuwenden, im Gegenteil. Das Problem ist aber, dass diese Organisation von einem Mann geleitet wird, der den Kampf gegen die Homosexualität zur Lebensaufgabe und damit die Lebenslüge zur Aufgabe jener etwa 20 Prozent der katholischen Priester und Seminaristen gemacht hat, die nach Expertenmeinung als homosexuell zu gelten haben. Da diese Sexualität nicht offen gelebt werden darf, ja verdrängt und beschwiegen werden muss, findet sie eben andere Wege, sich zu äußern. Das wird sich nicht ändern, so lange Benedikt XVI Papst ist.</p>
<p>Dessen Biograph und früherer Schüler Christian Feldmann hat bei Joseph Ratzinger eine „panische Angst vor Schwulen“ ausgemacht. Diese Homophobie äußert sich etwa in der Hysterie, mit der Ratzinger gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren wettert: „Mit dieser Tendenz tritt man aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit heraus“, erklärte der Chef der Glaubenskongregation am 13. Mai 2005 vor dem italienischen Senat.</p>
<p>Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wollen zwei gleichgeschlechtliche Menschen offen zusammenleben und füreinander sorgen, handelt es sich um ein Heraustreten aus der ganzen moralischen Geschichte der Menschheit; worum aber handelt es sich, wenn ein Priester Kinder und Jugendliche missbraucht, die ihm vertrauen, die ihm als Erzieher oder Beichtvater anvertraut und ausgeliefert sind? Ähnlich starke Worte wie gegen die Homo-Ehe hat man zu diesem Verbrechen vom Heiligen Vater nicht gehört.</p>
<p>Für Benedikt XVI ist nicht die Kirche, sondern die liberale, offene und permissive Gesellschaft unfrei, denn, wie er in einem Briefwechsel mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten 2004 schrieb: „Dass Homosexualität, wie die katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.“ Nun, aufgeklärte Menschen überlassen die Frage, was eine „objektive Störung“ ist, eher einem Arzt als einem Theologen; aber man muss weder Arzt noch Theologe sein, um zu begreifen, dass Homosexuelle in einer Organisation, die sie einerseits stets in Versuchung führt, ihnen andererseits keine Möglichkeit gibt, offen über ihre Bedürfnisse zu reden oder sie gar auszuleben, eine elende Existenz führen, die früher oder später zu „objektiven Störungen“ ihrer Psyche führen muss.</p>
<p>Wenn die Kirche auch nur einen Bruchteil der Energie, die sie der Diffamierung der Homosexualität gewidmet hat, der Aufklärung in den eigenen Reihen gewidmet hätte, getreu dem Jesuswort, den Balken im eigenen Auge zu suchen, nicht den Splitter im Auge des Bruders, man hätte Tausenden von Missbrauchsopfern ihr Martyrium ersparen können. Das wird mit Benedikt XVI nicht gehen.</p>
<p>Nun mag man einwenden, es sei Sache der Kirche, ihren Mitgliedern vorzuschreiben, wie sie sich sexuell zu verhalten hätten, das gehe sonst niemanden etwas an. Das ist, wie man an den  missbrauchten Kindern in Schulen, Heimen und Beichtstühlen sieht, etwas zu kurz gedacht. Vor allem wird eine solche Nachsicht der unnachsichtigen Härte dieses fürchterlichen Papstes nicht gerecht. Ihm genügt es nicht, den eigenen Funktionären und Gläubigen eine verlogene und weltfremde Sexualmoral zu verordnen, die zu objektiven Störungen im Aufbau ihrer Psyche führt; der deutsche Papst unterstützt überdies jene Staaten, die Homosexuelle als Kriminelle verfolgen.</p>
<p>Auf Initiative der französischen Ratspräsidentschaft brachte die Europäische Union 2008 eine Resolution in die Vereinten Nationen ein, die eine universelle Entkriminalisierung der Homosexualität forderte, die in 77 Ländern der Erde als Verbrechen gilt und in sieben islamischen Ländern sogar mit dem Tod bestraft wird. Gegen die Resolution stimmten nicht nur – wie zu erwarten war – die betroffenen Länder, sondern auch der Vatikan. Sollen doch die Iraner Schwule an Baukränen aufhängen – Hauptsache, sie „fallen nicht aus der gesamten moralischen Geschichte der Menschheit heraus“, indem sie, wie die dekadenten liberalen Länder des Westens, die Schwulenehe legalisieren oder die Meinungsfreiheit von Verklemmten beschneiden, die Homosexualität als „objektive Störung“ beschimpfen wollen.</p>
<p>Wann regt sich endlich massenhafter Widerstand gegen diesen Papst? Ein Kirchensteuerstreik wäre doch das Mindeste, was man von einer katholischen Christenheit erwarten dürfte, die sich etwas darauf einbildet, „werteorientiert“ zu sein, im Gegensatz zu uns wertevergessenen Heiden.</p>
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