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	<title>starke-meinungen.de &#187; Neue Mitte</title>
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		<title>Bürgerlich – was ist das?</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Mar 2010 11:21:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Angeblich werden wir von einer „bürgerlichen“ Koalition regiert. Doch Westerwelle ist so wenig eine bürgerliche Erscheinung wie Merkel; beide sind auf ihre Art so exzentrisch, so unbürgerlich, wie es einst Schröder und Fischer waren. Und das ist gut so. Denn eine bürgerliche Regierung wäre eine Regierung ohne Basis.  Das Bürgertum existiert als Klasse nicht mehr. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Angeblich werden wir von einer „bürgerlichen“ Koalition regiert. Doch Westerwelle ist so wenig eine bürgerliche Erscheinung wie Merkel; beide sind auf ihre Art so exzentrisch, so unbürgerlich, wie es einst Schröder und Fischer waren. Und das ist gut so. Denn eine bürgerliche Regierung wäre eine Regierung ohne Basis.  Das Bürgertum existiert als Klasse nicht mehr.</p>
<p>Zum Beweis müssen wir nur eine Galaveranstaltung der Berliner Republik besuchen, einen Ball oder Diner. Politprominenz und Partygirls finden wir da, Sportler, TV-Persönlichkeiten, halbseidene Adelige, Consulting-Größen, Top-Manager, Top-Models und Spitzenjournalisten. Kein Bürgertum, nirgends.<span id="more-1041"></span></p>
<p>Wir haben reiche und sehr reiche Leute, und die sind bis zu einem bestimmten Grad ehrbar, und ohne sie läuft nichts. Bürgerlich sind sie nicht, eher nouveau riche, mit dem Hang zum Lifestyle-Magazin und zum Schweizer Konto.</p>
<p>Wir haben außerdem einen Mittelstand, und er ist bis zu einem bestimmten Grad ehrbar, das wirtschaftliche Rückgrat der Nation. Bürgerlich ist er nicht, eher kleinbürgerlich, mit dessen Hang zum selbstgerechten Ressentiment.</p>
<p>Und dann haben wir das, was Gerhard Schröder die „Neue Mitte“ nannte, die Bildungs-Meritokratie. Wo dank der überparteilich gewollten Bildungsexplosion der 1960er und 1970er Jahre in vielen deutschen Städten über 50 Prozent der Kinder das Gymnasium besuchen, tritt sie an die Stelle des „Bildungsbürgers“ alter Schule. Sie ist nahe genug dran an den alten Klassenscheidungen, um ein gewisses Ressentiment gegen „die da oben“ und eine gewisse Sympathie für „die da unten“ zu spüren. Schließlich kommt sie selbst von unten. Gewiss, diese Meritokratie schätzt die Tugenden des Bürgertums. Nostalgisch äfft sie zuweilen deren Formen nach. Aber sie ist wesensmäßig anders. Sie rockt. Sie muss das Offene, Pluralistische, ja zuweilen Vulgäre einer klassenlosen Marktgesellschaft verteidigen, weil sie sonst ihre eigene Herkunft verriete. Wer an ihr vorbei das „Bürgerliche“ als Programm beschwört, mobilisiert ihre tiefsten kulturellen Abwehrinstinkte. Das merkt die CSU nicht weniger als die FDP.</p>
<p>Es gab einmal ein Bürgertum in Deutschland, das stolz war auf die im Wort angelegte Verbindung von wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Tatkraft im Sinne des Bourgeois einerseits, auf Verantwortung und Liberalität im Sinne des Citoyen andererseits. Was dieses Bürgertum ökonomisch und politisch, wissenschaftlich, künstlerisch und literarisch leisten konnte, dafür stehen Namen wie Emil und Walter Rathenau, Robert Koch, Max Liebermann, die Familie Mann und viele andere. Die Villen, die sich das Bürgertum baute, stehen noch. Da wohnen heute Menschen, die Geld verdienen. Sie heißen Joop und Jauch und so weiter und sind gewiss ehrbar. Sie haben mit den Erbauern so viel gemeinsam wie ein Investor mit dem, was einst ein Bauherr war. So gut wie nichts.</p>
<p>Die einst jene Villen bewohnten, wurden durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts physisch, ökonomisch und moralisch erledigt: Ihre Söhne starben an der Somme, ihre Vermögen schmolzen in der Inflation dahin; ihre Legitimation zur Führung der Nation verloren sie, als sie mit den Nazis ihren Frieden machten, als sie ihre nichtarischen Nachbarn, Kollegen, Geschäftspartner und Freunde ausgegrenzt, vertrieben, vernichtet haben – und als sie sich gütlich taten an deren Eigentum, deren Stellen besetzten, deren Erinnerung schmähten. Oder zuließen, dass ihre Nachbarn das taten; als sie, kurzum, das Beste am Bürgertum verrieten. Und nach dem Krieg: Diktatur des Proletariats im Osten, im Westen Entstehung einer Massengesellschaft.</p>
<p>Die wäre übrigens auch ohne jene Katastrophen gekommen. Wie in Großbritannien. Friedrich Engels sah in diesem Land der Kleinkrämer neben einem bürgerlichen Adel ein bürgerliches Proletariat entstehen. Das alles wurde von der Krämerstochter Maggie Thatcher hinweggefegt, die Gesellschaft amerikanisiert. In den USA hatte David Riesman bereits 1950 die durch Krieg und New Deal geschaffene Gesellschaft als „einsame Masse“ charakterisiert. In dieser Einsamkeit der durch Kapitalismus, Konsum und Sozialstaat atomisierten Individuen besteht, so Riesman, der entscheidende Gegensatz der zwischen jenen, die von außen gelenkt werden, ob das nun reiche Börsenjunkies oder arme Schlucker sind, und jenen, die so etwas wie einen inneren Kompass besitzen, einen Grundstock an Werten und Wissen, der ihnen in der neuen Unübersichtlichkeit Orientierung gibt.</p>
<p>Dieser Grundstock ersetzt der Meritokratie das Kapital des früheren Bürgertums. Mein Kollege Matthias Kamann schrieb einmal: „Bürgerlich ist, wer seinen Kindern vorliest.“ Das erfasst deren Lebensgefühl. Diese postbürgerliche Mitte ist nicht durch Berechnungen des Durchschnittseinkommens zu ermitteln. Ihre Bedürfnisse sind selbst in der Krise nicht auf das Materielle zu reduzieren, weil sie selbst Produkt einer als idealistisch empfundenen Bildungsreform ist. Sie braucht einen Schuss Idealismus in der Politik. Ihr Schutzheiliger ist Willy Brandt, ihr Lebensmotto mehr Demokratie wagen.</p>
<p>In keinem entwickelten Land der Erde gelingt es jedoch so schlecht, den Nachwuchs dieser Mitte auch aus jenen Schichten zu rekrutieren, die heute unten sind. Brandts Motto, das der heutigen meritokratischen Mitte nostalgisch in den Ohren klingt, erscheint in den Augen der Unterschicht als hohl.</p>
<p>Nicht im längst vollzogenen Schwund des Bürgerlichen liegt Deutschlands Problem, sondern im Wachsen einer unterprivilegierten, chancenlosen und ethnisch vorsortierten Unterklasse. Wer sich von den Erfahrungen, Energien und produktiven Potenziale dieser Bürger zweiter Klasse im Namen des „Bürgerlichen“ abschottet, verrät den Geist jener Reform, die erst das moderne, postbürgerliche Deutschland möglich machte.</p>
<p>Wer die Mitte gegen „die da unten“ mobilisieren wollte, verriete das Beste, was es an bürgerlichen Traditionen in Deutschland gibt. Wer eine zeitgemäße Umsetzung jener Brandt’schen Losung glaubhaft verkörperte, könnte das Herz der Mitte gewinnen. Für kurze Zeit sah es so aus, als könnte Angela Merkel das tun. Sie ist drauf und dran, diese Chance zu verspielen.</p>
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