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	<title>starke-meinungen.de &#187; Islamophobie</title>
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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Die Islamophobie und ihr Kritiker</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Dec 2010 23:42:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[Der französische Publizist Pascal Bruckner möchte ein Wort verbieten lassen. Eigentlich eher eine deutsche Obsession. Für Bruckner aber gehört das Wort „Islamophobie“ zu „jenen Begriffen, die wir dringend aus unserem Vokabular streichen sollten.“ Man fragt sich etwas bang, was die anderen Dinge sind, die wir nach Bruckner „dringend“ entworten sollten: Rechtspopulismus? Rassismus? Werterelativismus? Nun gut. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der französische Publizist Pascal Bruckner möchte ein Wort verbieten lassen. Eigentlich eher eine deutsche Obsession. Für Bruckner aber gehört das Wort „Islamophobie“ zu „jenen Begriffen, die wir dringend aus unserem Vokabular streichen sollten.“ Man fragt sich etwas bang, was die anderen Dinge sind, die wir nach Bruckner „dringend“ entworten sollten: Rechtspopulismus? Rassismus? Werterelativismus?<span id="more-2236"></span></p>
<p>Nun gut. Bruckners Essay ist gut, weil er klipp und klar die wichtigsten Argumente gegen den Begriff „Islamophobie“ zusammenfasst und es damit jenen, die – wie ich – an diesem zugegeben unvollkommenen Begriff mangels eines besseren festhalten wollen, eine ebenso klare Erwiderung ermöglicht. Man kann den Essay auf Perlentaucher nachlesen, also hier:</p>
<p><a href="http://www.perlentaucher.de/artikel/6639.html">http://www.perlentaucher.de/artikel/6639.html</a></p>
<p>Für jene, die das nicht wollen, fasse ich Bruckners wichtigste Argumente in seinen eigenen Worten zusammen:</p>
<p><em>„Ende der siebziger Jahre haben iranische Fundamentalisten den Begriff der Islamophobie erfunden, den sie sich von der &#8220;Xenophobie&#8221; abgepaust haben. Sein Ziel ist, den Islam zu etwas Unberührbarem zu erklären. Wer diese neu gesetzte Grenze überschreitet, gilt als Rassist.“</em></p>
<p>Das Argument, Islamisten hätten den Begriff erfunden, um die Kritik am Islam in die krankhafte Ecke (eine Phobie ist eine irrationale Angst) zu drängen, mag richtig oder falsch sein. Es ist irrelevant. Der Begriff „Antisemitismus“ ist ja auch von Reaktionären erfunden worden, um ihrem vom christlichen Antijudaismus übernommenen Judenhass einen „wissenschaftlichen“ Anstrich zu geben. Tatsächlich hatten die „Antisemiten“ nie etwas gegen andere semitische Völker (etwa die Araber) einzuwenden, und ihr Hass richtete sich gegen eine Gruppe, die (Thilo Sarrazin und seinem „Judengen“ zum Trotz) genetisch zu den am wenigsten homogenen der Welt zählte und zählt. Dennoch benutzen wir heute den Begriff, und zwar nicht nur, um jene Ideologie zu bezeichnen,  die damals von den europäischen Antisemiten entwickelt wurde. Niemand würde etwa ernsthaft behaupten wollen, Martin Luther sei kein Antisemit gewesen, bloß weil er von Rassen und Genetik nichts wusste und sie deshalb nicht heranziehen konnte, um seinen mörderischen Hass zu rechtfertigen.</p>
<p><em>„Aber ein Bekenntnis lässt sich so wenig mit einer Rasse gleichsetzen wie eine säkulare Ideologie. (&#8230;) Hat nicht der französischer Präsident selbst, dem wahrlich kein Lapsus zu schade ist, die Islamophobie mit dem Antisemitismus verglichen? Ein tragischer Irrtum. Rassismus attackiert Menschen für das, was sie sind: schwarz, arabisch, jüdisch, weiß.“</em></p>
<p>Lassen wir die Frage außen vor, ob sich die Islamophobie mit dem Antisemitismus „vergleichen“ lässt. (Natürlich lassen sich beide Erscheinungsformen der Diskriminierung „vergleichen“; das heißt, es lassen sich Ähnlichkeiten und Differenzen zeigen. Aber lassen wir die Frage hier beiseite, ebenso wie die Frage, ob sich die Rassendiskriminierung in den Südstaaten der USA, die Apartheid in Südafrika, die „ethnischen“ Säuberungen auf dem Balkan usw. mit der Politik der Nationalsozialisten „vergleichen“ lassen.) Hier gilt es, zwei Missverständnisse auszuräumen: 1. Rasse und „Bekenntnis“ lassen sich in der Vorstellung von Rassisten sauber scheiden. 2. „Rassismus attackiert Menschen für das, was sie sind“.</p>
<p>Beginnen wir mit der zweiten Behauptung, weil sie so offensichtlich falsch ist, dass ihre Widerlegung keine Mühe macht. Der Rassist greift Menschen an nicht für das, was sie sind, sondern für das, was sie seiner Meinung nach sind. Der Rassist vermutet etwa eine „jüdische Weltverschwörung“, dirigiert von den „Weisen von Zion“, die sich auf dem jüdischen Friedhof von Prag treffen. (So viel zur Unterscheidung von Religion und Rasse, aber dazu gleich mehr); Homophobe Zeitgenossen halluzinieren eine „verschwulte Republik“ herbei; Islamophoben „die Realität einer islamistischen Offensive in Europa“, unterstützt von nützlichen Idioten wie mir, die verbotene Wörter in den Mund nehmen.</p>
<p>Nun aber zum ersten Missverständnis. Die Behauptung, der „wissenschaftliche“ Rassismus habe mit herkömmlichen Vorurteilen, besonders religiösen, nichts zu tun, wird von den Rassisten selbst in die Welt gesetzt, wie erwähnt, um ihrer kruden Ideologie die Weihe des Wissenschaftlichen (Schädelmessungen, Statistiken) zu verleihen. Sie wird dankbar von der Kirche aufgegriffen, die ihren zweitausendjährigen Antijudaismus dadurch entschuldigt sieht. Schließlich habe sie ja nur ein „Bekenntnis“ (Bruckner) kritisiert; jeder könne aus dem „Volk der Gottesmörder“ (ups!) austreten, indem er sich taufen lässt. Aber wie schon die – von den Pius-Brüdern bis heute verwendete – Formulierung vom Volk der Gottesmörder zeigt, die eine Kollektivhaftung aller Juden für die angebliche Sünde ihrer Vorväter begründet, war der Judenhass immer mehr als Religionskritik, so wie auch Islamophobie mehr ist als Religionskritik.</p>
<p>Auch wenn Bruckner ihn nicht wahrhaben will: viele Autoren haben über den Einfluss religiöser Vorstellungen auf den Judenhass des getauften Katholiken Adolf Hitler geschrieben. Ich zitiere aus einer der neueren Untersuchungen. In seinem exzellenten Buch „Anständig geblieben: Nationalsozialistische Moral“ (Fischer 2010) widmet Raphael Gross ein Kapitel dem „Nachleben der Religionen im Nationalsozialismus“. Das Kapitel heißt: „‚Positives Christentum’: Religion und Moral in Hitlers Politik.“ Es ist insgesamt eine aufregende Lektüre, hier will ich mich darauf beschränken, aus Reden Hitlers zu zitieren, um den fließenden Übergang von Religionskritik und Rassismus klarzustellen. Am 27. Oktober sagte er: „Diese unsere Bewegung ist tatsächlich christlich. Wir sind erfüllt von dem Wunsche, dass Katholiken und Protestanten sich einander finden mögen (sic) in der tiefen Not unseres eigenen Volkes&#8230;“ Die Feinde des Christentums aber seien die Juden.</p>
<p>Zwar betonte Hitler, etwa in „Mein Kampf“: „Das Judentum war immer ein Volk mit bestimmten rassischen Eigenschaften und niemals eine Religion.“ Aber er bestimmte, wie Gross bemerkt, „das Judentum immer religiös, das heißt durch den Mangel an Religiosität“. So heißt es weiter in „Mein Kampf“, aus dem „ursprünglichen eigenen Wesen kann der Jude eine religiöse Einrichtung schon deshalb nicht besitzen, da ihm der Idealismus in jeder Form fehlt und damit auch der Glaube an ein Jenseits völlig fremd ist“. Hier wird aus einer Eigenschaft der Religion (ob sie so stimmt, ist eine andere Sache) auf eine Eigenschaft „des Juden“ geschlossen. Und so wie heute Rechtspopulisten wie Geert Wilders sagen, der Islam sei keine Religion, sondern eine politische Lehre, eine Anleitung zur Eroberung der Welt für die Umma, schrieb Hitler: „Die jüdische Religionslehre ist in erster Linie eine Anweisung zur Reinhaltung des Blutes des Judentums &#8230; Über den sittlichen Wert des jüdischen Religionsunterrichtes gibt es heute und gab es zu allen Zeiten schon ziemlich eingehende Studien“. Kurz, denen fehlen unsere „sittlichen Werte“ – denn Werte brauchen Gott: den christlichen, versteht sich. Schließlich, und damit sind wir beim Anfang angelangt, dem christlichen Wesen des Nationalsozialismus: Der Geist „des Juden“ ist, so Hitler, „dem wahren Christentum innerlich so fremd, wie sein Wesen es zweitausend Jahre vorher dem großen Gründer der neuen Lehre selbst war.“</p>
<p>Wie kann jemand behaupten, Kritik an einem „Bekenntnis“ und Rassismus hätten rein gar nichts miteinander zu tun – und dennoch erwarten, als Begriffswart ernst genommen zu werden?</p>
<p><em>„Auf weltweiter Ebene wird ein neues Meinungsdelikt konstruiert, das stark an das Vorgehen der Sowjetunion gegen ‚Feinde des Volkes’ erinnert.“</em></p>
<p>Dass „Islamophobie“, wie Bruckner behauptet, gegen Muslime selbst angewendet werde, um Kritik an der eigenen Religion zu unterdrücken, halte ich für ein Gerücht. Dazu reichen die in fast allen islamischen Staaten bestehenden, skandalösen Gesetze gegen Blasphemie, Apostasie und so weiter; und wenn sie nicht reichen, etwa weil der Kritiker außer Landes kann man ja eine Fatwa aussprechen, wie im Falle Salman Rushdie. Der Vorwurf der „Islamophobie“ wird von islamischer Seite fast ausschließlich gegen Nicht-Muslime (und, zugegeben, auch gegen radikale Kemalisten) erhoben; ich benutze ihn zur Kennzeichnung einer religiös verbrämten Fremdenangst.</p>
<p>Aber wenn Bruckner in seinem Kampf gegen die von Ihm imaginierte „islamistische Offensive“ schon die Sowjetunion bemüht, sollte man an den unseligen Missbrauch des Antikommunismus durch Leute wie Joseph McCarthy erinnern. Gegen den Kommunismus zu sein war in den 1950er Jahren nicht nur ehrenhaft; der Antikommunismus war als Ergänzung des Antifaschismus die einzig mögliche aufrechte Haltung für kritische Intellektuelle. McCarthy und seinesgleichen machten aber daraus eine Hysterie und die Begründung für eine Hexenjagd.</p>
<p>Ähnliches wird heute mit dem Islam und dem Islamismus versucht, und hier verläuft die Grenze zwischen Religionskritik und Islamophobie. Ich mache aus meinem Atheismus keinen Hehl. Ich habe zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Anlässen Christentum, Islam und Judentum kritisiert. Wenn aber jemand behauptet, zwischen meiner – wie ich hoffe – begründeten, wenn auch teilweise unfairen und polemischen Kritik an Ideen und Einrichtungen und der Herabsetzung ganzer Volksgruppen etwa durch Thilo Sarrazin gebe es keinen Unterschied, das sei alles Religionskritik, dann zweifle ich an den Ergebnissen der PISA-Studie, der zufolge sich auch Frankreich, was die Lesefähigkeit betrifft, im Mittelfeld der Industrieländer befindet.</p>
<p>Nennen wir das Kind, wie wir wollen: Es gibt eine Form der Islam-Kritik, die über den Begriff  der „islamischen Kultur“ oder „islamisch geprägten Kultur“ und ihrer Abgrenzung von der „christlich-jüdischen Leitkultur“ dabei ist, die Vorstellung von Bürgern verschiedener Güteklasse zu etablieren. Getrieben wird sie von einer der McCarthy’schen Kommunisten-Hysterie vergleichbaren irrationalen Angst, die ich „Islamophobie“ nenne. (Ja, es gab auch kommunistische Spione in den USA; ja, es gibt islamistische Terroristen. Aber Hysterie und Angst sind keine guten Ratschläge im Kampf gegen Feinde der offenen Gesellschaft.) Vorschläge für bessere Namen nehme ich gern entgegen. Wer aber leugnet, dass ein solcher Prozess der Ab- und Ausgrenzung überhaupt im Gange ist, der leidet offenkundig unter Realitätsverlust. Da ist es nur logisch, auch die Worte verbieten zu wollen, die ihn an jene Realität erinnern.</p>
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		<title>Islamophobie, ein Luxusproblem</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/06/08/islamophobie-ein-luxusproblem/</link>
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		<pubDate>Tue, 08 Jun 2010 11:41:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Morgen wählen die Niederländer ein neues Parlament. Wie der „Economist“ (5. Juni) berichtet, ist der antiislamische Populist Geert Wilders, dessen Ein-Mann-„Freiheitspartei“ noch im Februar bei Meinungsumfragen führte, inzwischen auf den vierten Platz zurückgefallen, mit etwa 12 Prozent. Vor ihm liegen die Christdemokraten (CDA) mit 15, die Sozialdemokraten mit 19, und die Liberalen (VVD) mit 25 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Morgen wählen die Niederländer ein  neues  Parlament. Wie der „Economist“ (5. Juni) berichtet, ist der   antiislamische Populist Geert Wilders, dessen Ein-Mann-„Freiheitspartei“   noch im Februar bei Meinungsumfragen führte, inzwischen auf den  vierten  Platz zurückgefallen, mit etwa 12 Prozent. Vor ihm liegen die   Christdemokraten (CDA) mit 15, die Sozialdemokraten mit 19, und die   Liberalen (VVD) mit 25 Prozent.</p>
<p>Es ist zu hoffen, dass sich dieser  Trend, den Ian Buruma in  einem lesenwerten „Spiegel“-Essay (7. Juni) als  „Rückkehr der  Bourgeoisie“ bezeichnet, morgen durchsetzt. Zwar wäre  dann immer noch  eine Dreierkoalition von VVD, CDA und Wilders möglich,  aber die  Erfahrung zeigt, dass solche Koalitionen eher zur Entzauberung  von  Demagogen als zu ihrer Aufwertung beitragen. Freilich ist Wilders in   den Monaten seit Februar bereits auf beispiellose Weise entzaubert   worden. Wie kann das?<span id="more-1579"></span></p>
<p>Die  Antwort lautet zunächst schlicht und  einfach: die Krise, speziell die  Haushaltskrise. Holland wird, wie alle  anderen Industrienationen, in  den nächsten Jahren erheblich sparen  müssen, um die Folgen erstens der  strukturellen Schwäche des Haushalts  zweiten der aktuellen  Kreditaufnahme zur Rettung der Banken zu bezahlen.  Dafür bietet  Wilders, der eine linkspopulistische Ausgabenpolitik  befürwortet, keine  Lösungsansätze. Allgemeiner gesagt scheint  Islamophobie ein  Luxusproblem zu sein.</p>
<p>Das  ist eine gute Nachricht. In der  europäischen Geschichte war es eher so,  dass ökonomische Krisen den  Fremdenhass beförderten, vor allem  natürlich den Judenhass. Es ist ja  verführerisch, hausgemachte Probleme  einer als fremd empfundenen  Minderheit zur Last zu legen, und sehr  viel leichter, diese Minderheit  zu bedrängen, zu diskriminieren, ja  gegebenenfalls zu beseitigen, als  die Probleme anzugehen und zu  beseitigen.</p>
<p>Als ich im  Gespräch mit dem britischen  Journalisten und Autor („Grand Cru“) Martin  Walker, der mir Ähnliches  aus seiner Wahlheimat Frankreich berichtet,  laut über dieses Paradoxon  nachdachte,  meinte er, vielleicht hätten  wir Europäer schlicht und  einfach unsere Lektion gelernt; vielleicht  habe unsere Generation bei  der Erziehung doch nicht so versagt, wie es  zuweilen unterstellt wird.  Kann sein. Es wäre schön, das glauben zu  können.</p>
<p>Es kann natürlich  auch sein, dass sich  eine so sichtbare Minderheit wie die muslimischen  Zuwanderer weniger als  Objekt verschwörungstheoretischer Hasspropaganda  eignet als die  assimilierten Juden damals. Gerade weil sie so  unauffällig waren, so  angepasst, so eifrig und erfolgreich in Schule,  Studium und Beruf,  galten sie den Rassisten als besonders gefährlich.  Hinzu kommt natürlich  die christliche Tradition, die das Tätervolk der  „Gottesmörder“  kollektiv des schlimmsten Verbrechens der  Menschheitsgeschichte sprach.  Und schließlich die schnöde tatsache,  dass es bei den Juden etwas zu  holen gab.</p>
<p>Schließlich konnte der Antisemitismus in  weiten  Teilen Europas triumphieren, weil es zu wenige entschlossene   Verteidiger der Toleranz gab. In Holland gibt es Job Cohen, den   ehemaligen Bürgermeister von Amsterdam und heutgen Führer der   Sozialdemokraten. Buruma schreibt: „Cohen hat alles darangesetzt, mit   den Muslimen zu reden, in Moscheen Tee zu trinken und die Probleme der   Einwanderer ernst zu nehmen. Er hat wiederholt gesagt, er mache das,   weil er wisse, wie es sei, ausgeschlossen zu sein. Cohen entstammt einer   säkularen jüdischen Familie, seine Großeltern wurden in Bergen-Belsen   ermordet.“ Cohen vertritt für mich alles, was an der säkularen  jüdischen  Tradition liebens- und bewundernswert ist, so wie Wilders die  dunkle  Seite der 68er Bewegung vertritt. Ich habe in meinem Leben nie   sozialdemokratisch gewählt. Wäre ich jedoch Holländer, ich würde Job   Cohen wählen.</p>
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		<title>Islamophobie und sekundärer Antisemitismus</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 23:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung aussprach, „man“ wolle „uns“ damit  verletzen. Für diese Art von Äußerungen und Haltungen, gibt es mittlerweile einen Begriff: Man redet von „sekundärem Antisemitismus“.</p>
<p>Dieses Jahr können sich diejenigen freuen, die wie Walser genug vom Gedenken haben. <span id="more-930"></span>Im Vorfeld des diesjährigen Holocaust-Gedenktages haben sich jüdische Autoren ähnlich geäußert. Und, wie man weiß, ist das wichtigste Argument des Antisemiten immer: „Das sagen ja die Juden selber!“  In der israelischen Zeitung Ha&#8217;aretz schrieb der in Berlin lebende New Yorker Benjamin Weinthal: &#8220;Die Erinnerung an die Shoah ähnelt in Deutschland inzwischen einer Form von Zwangsneurose&#8221; – dem Waschzwang nämlich.</p>
<p>Und ausgerechnet im &#8220;Tagesspiegel&#8221;, dem Zentralorgan des West-Berliner Juste-Milieus, startete Weinthals Förderer Henryk M. Broder (bekannt durch Bücher wie  „Die Irren von Zion“ und „Deutsche Leidkultur“) einen Angriff auf &#8220;Jammerjuden, die in jeder Talkshow erzählen, wie viele Angehörige sie im Holocaust verloren haben und wie sehr sie sich heute vor der NPD fürchten&#8221;.</p>
<p>Nun wollen wir nicht unfair sein. Broder wollte nicht etwa, wie Walser, das deutsche gute Gewissen gegen Zumutungen verteidigen. Im Gegenteil. Broder meint, das Holocaust-Gedenken sei ein leeres Ritual, wenn aus ihm nicht die Entschlossenheit erwächst, den heutigen Islamismus zu bekämpfen.</p>
<p>Freilich ist es nicht ganz klar, ob und wo Broder die Grenze zwischen Islamismus und Islam zieht; und ob beziehungsweise wo er eine Grenze zieht zu jenen, die unter dem Deckmantel des Kampfs gegen den Islamismus einfach ihrer eigenen Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie frönen. So hat Broder nicht nur das Schweizer Minarettverbot begrüßt, sondern auch den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders als &#8220;Radikalliberalen&#8221; gelobt. Wilders hält den Koran für ein „faschistisches“ Machwerk, fordert eine „Kopftuchsteuer“ und unterhält freundschaftliche Beziehungen zur FPÖ (Wahlslogan 2009: „Unser Kurs ist klar: Abendland in Christenhand“), die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl macht, mit ungarischen Faschisten turtelt und die jedenfalls zu Zeiten Jörg Haiders unseligen Angedenkens gute Beziehungen zum Iran unterhielt.</p>
<p>Das Mainstream-Judentum in Deutschland und anderswo hat hingegen immer – allen Zumutungen zum Trotz – den muslimischen Gemeinschaften die Hand ausgestreckt, weil es zu Recht spürte, dass Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie natürliche Bundesgenossen des Antisemitismus sind, auch wenn einige radikale Moslemhasser wie Geert Wilders sagen, sie liebten Israel &#8211; &#8220;weil es den islamischen Terrorismus bekämpft&#8221;. (Was so ziemlich der schlechteste Grund ist, den jüdischen Staat zu lieben, den man sich denken kann.)</p>
<p>In seinem Tagesspiegel-Artikel stellt Broder die rhetorische Frage,  „ob der Islam tatsächlich eine Religion des Friedens ist oder vielleicht eher eine religiös verbrämte Ideologie der Unterwerfung“. Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Schein-Frage keine Antwort geben kann, was sofort einleuchtet, wenn man ein Gedankenexperiment vornimmt und im vorliegenden Zitat  „der Islam“ durch „das Christentum“ ersetzt.</p>
<p>Aus jeder Religion kann man so ziemlich alles herauslesen; auch deshalb ist die Religionskritik so bitter nötig, und nirgendwo nötiger als im Islam. Aber es besteht ein Unterschied zwischen der Religionskritik und der Diffamierung aller Angehörigen einer Religion als Anhänger einer „Ideologie der Unterwerfung“. Im Zusammenhang einer solchen Diffamierung laufen die Positionen Broders und Weinthals auf Folgendes hinaus: Deutschland erwache, hör auf damit, dich wegen deiner Vergangenheit zu geißeln, hör auf, den &#8220;Jammerjuden&#8221; zuzuhören und schließe dich dem Kreuzzug gegen jene Millionen Muslime an, die „Unterwerfung“ fordern.</p>
<p>Es ist klar, dass diese Botschaft viele Deutsche anspricht, die begierig sind, sich ihrer Verantwortung dafür zu entledigen, das Gedenken an den Holocaust aufrechtzuerhalten – vor allem, weil sie ihnen erlaubt, in Fremdenfeindlichkeit gegenüber Muslimen zu schwelgen und sich gleichzeitig gut dabei zu fühlen. Schließlich haben sie jetzt aus berufenem Munde das Koscher-Siegel erhalten. So fördert die Islamophobie den sekundären Antisemitismus.</p>
<p>Was niemanden wundern dürfte. Denn wie der – bezeichnenderweise besonders von Weinthal mit persönlichem Hass verfolgte – Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz feststellt, und wie die Vorurteilsforschung seit langem weiß, ähneln sich die Grundmuster aller Phobien – gegen Schwule oder Freimaurer, Amerikaner oder Muslime – und folgen jenem fürchterlichen Urmuster, das der christliche Antijudaismus vorgab und das leider nicht in Auschwitz endete.</p>
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