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	<title>starke-meinungen.de &#187; Holocaust</title>
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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Der Pfarrer als Präsident: Joachim Gauck und der Holocaust</title>
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		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 23:10:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Bundespräsident]]></category>
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		<description><![CDATA[Dass ein Pfarrer, wenn auch ein Pfarrer im Ruhestand, der es offensichtlich mit der christlichen Sexualmoral nicht so ernst nimmt, Präsident der Bundesrepublik Deutschland wird, ist ein Novum. Ich bin keineswegs überzeugt, dass dies ein gutes Zeichen ist. Es ist eine Sache, wenn eine Bischöfin Kässmann die Afghanistan-Politik oder ein Bischof Lehmann die Abtreibungsgesetzgebung kritisieren. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass ein Pfarrer, wenn auch ein Pfarrer im Ruhestand, der es offensichtlich mit der christlichen Sexualmoral nicht so ernst nimmt, Präsident der Bundesrepublik Deutschland wird, ist ein Novum.</p>
<p>Ich bin keineswegs überzeugt, dass dies ein gutes Zeichen ist. Es ist eine Sache, wenn eine Bischöfin Kässmann die Afghanistan-Politik oder ein Bischof Lehmann die Abtreibungsgesetzgebung kritisieren. Ihre Räson ist eben nur bedingt die Staatsräson, und das ist in Ordnung so; die Kirchen sind Parallelgesellschaften, in denen letztendlich gefordert wird, die Loyalität zu Gott über die Loyalität zum Staat zu stellen.</p>
<p>Gerade deshalb sollten aber die Funktionäre der Kirchen auf eine gewisse Distanz zum Staat achten – und der Staat auf eine gewisse Distanz zu den Kirchen. Und deshalb ist es eine andere Sache, wenn einer aus diesen Reihen, plötzlich das Amt innehat, das die Staatsräson verkörpert.</p>
<p>Wie problematisch das im Falle Joachim Gaucks ist, will ich an seinem Verhältnis zum Holocaust erläutern. <span id="more-3157"></span>Als Grundlage dient mir die Rede, die er am 28. März im Rahmen der von der Robert Bosch Stiftung organisierten Vortragsreihe „Europa bauen, den Wandel gestalten“ gehalten hat. Denis Yüzel in der „taz“ und Alexander Hasgall in der „Jüdischen Allgemeinen“ haben zwar Entscheidendes dazu schon geschrieben, trotzdem glaube ich, dass es noch einiges dazu zu sagen gibt. Wer den Verdacht hegt, ich würde die Zitate nicht nur „aus dem Zusammenhang reißen“, was ja beim Zitieren nicht anders geht, sondern auch in einen verfälschenden Zusammenhang stellen, kann hier die ganze Rede nachlesen:</p>
<p><a href="http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck.pdf">http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck.pdf</a></p>
<p>Gauch kam nicht nebenbei auf den Holocaust zu sprechen. Er war aufgefordert, zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa?“ zu sprechen. Die Schlüsselpassage, auf die auch Yüzel und Hasgall eingehen, lautet:</p>
<p><em>&#8220;Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocausts. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt.</em></p>
<p><em>Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt (…) Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasireligiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen.&#8221; </em></p>
<p>Das perfide an dieser Passage ist, dass Gauck eine richtige Aussage – es wäre falsch, wenn man sich damit begnügen würde, den Holocaust „zu verdammen und zu verfluchen“, ohne sich zu bemühen, ihn zu begreifen – in einen Kontext packt, der das Begreifen des Holocausts eigentlich verunmöglichen will. Wie geht Gauck vor?</p>
<ol start="1">
<li>Zunächst benutzt er eine rhetorische Figur, die zutiefst unehrlich ist, und die wir auch von der berüchtigten Rede Martin Walsers in der Paulskirche her kennen. Er nennt keine Namen. Gauck sagt nicht: Der und der sagt das und das, und damit bin ich nicht einverstanden. Er sagt auch nicht: Laut Umfragen denken soundsoviel Prozent der Bevölkerung das und das,und damit bin ich nicht einverstanden. Er kritisiert eine „unübersehbare Tendenz“. Damit kann sich jeder angesprochen fühlen – oder keiner. Er greift „bestimmte Milieus postmoderner Gesellschaften“ an, ohne zu sagen, welche. Er unterstellt einen „psychischen Gewinn“, ohne zu sagen, wer diesen Gewinn einfährt. Wenn Gauck kritisiert, „das Geschehen des deutschen Judenmordes“ (was für eine unpersönliche Formulierung! Aus den Mördern wird ein Adjektiv) werde „in eine Einzigartigkeit überhöht, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist“ – meint er da, dass jeder, der die Singularität dieses Verbrechens behauptet (also etwa auch der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker), entziehe es dem Begreifen? Und wenn nicht, warum sagt er es dann  nirgendwo in dieser Rede?</li>
<li>Dann unterstellt Gauck denjenigen, die eine Singularität des Holocausts behaupten, sie täten dies nicht, weil das „Geschehen“ tatsächlich einzigartig ist, sondern weil ihnen „Gott fehlt“, weil sie „das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren“ hätten, und weil sie an der „Orientierungslosigkeit der Moderne“ litten. Das ist allerdings eine ausgesprochene Gemeinheit. Hier wird übrigens der Holocaust missbraucht, um Propaganda für die Religion zu machen. Und interessanterweise wird eine neumodische Denkfigur, die etwa bei Josef Ratzinger immer wieder auftaucht, auf bezeichnende Weise angewendet. Ratzinger hat ja – etwa in seiner skandalösen Rede in Auschwitz – behauptet, der Holocaust sei das Produkt der Gottlosigkeit, der Judenmord sei im Grunde genommen der Versuch gewesen, Gott auszuschalten. Nun behauptet Joachim Gauck, die „Überhöhung des Holocausts in eine Einzigartigkeit“ sei auch das Produkt der Gottlosigkeit. Dass der Holocaust von Leuten geplant, durchgeführt und geduldet wurde, die zu 99 Prozent Christen waren, fällt dabei unter den Tisch – und soll wohl unter den Tisch fallen. Nicht der christliche Antijudaismus, der dem Rassenantisemitismus seit 2000 Jahren den Boden bereitet hat und noch heute allzu oft die Auseinandersetzung mit Israel grundiert, wird problematisiert, sondern „bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften“ werden verurteilt, weil sie die Singularität des Holocausts behaupten.</li>
</ol>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dass Gauck im Folgenden den Holocaust erstens der Moderne in die Schuhe schiebt, wie Ratzinger, und dass er – anders als seine Apologeten meinen – dieses Verbrechen tatsächlich relativiert, verwundert nicht; darauf sind Yüzel und Hasgall nicht eingegangen, weil sie sich auf die Kritik der oben zitierten – zuerst von Clemens Heni aufgespießten – Passage beschränken. Lesen wir also weiter.</p>
<p><em>„Es ist eine verstörende Wahrheit, dass das, was Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert, gleichzeitig auch eine Steigerung der Rolle der Rationalität mit sich bringt“,</em> schreibt Gauck, <em>„wobei Rationalität in diesem Zusammenhang die Rationalität derer ist, die ihre antihumanen Ziele definieren und sie perfekt und zweckorientiert zu erreichen wissen. Und wenn der Zweckrationalität der jeweiligen Macht keine moralischen Gegenkräfte entgegenstehen (…), ist eine Gefahr im Verzug, die zu Katastrophen wie dem Holocaust führen kann.“       </em></p>
<p>Was der Antisemitismus, was der geradezu hysterische Hass auf Juden, der zum Mord an Alten, Frauen, Kindern führte, mit Rationalität zu tun hat, bleibt Gaucks Geheimnis. Dass der Nationalsozialismus, mit seiner Blut-und-Boden-Mystik, seiner Verteufelung der Demokratie, seiner Glorifizierung des Führerkults, seiner rückwärtsgewandten Utopie eines germanischen Bauern-Herrenvolks, seiner Verdächtigung der modernen Physik als „jüdischer Wissenschaft“ usw. usf. mit Rationalität nichts zu tun hatte – schon gar nicht mit dem, was „Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert“, wie Gauck behauptet – muss das wirklich im 21. jahrhundert noch einem deutschen Staatsbürger erklärt werden, dessen Vater Nazi war, der es also wirklich besser wissen müsste? Die Verwechslung der Zweckrationalität etwa des industriellen Massenmords mit dem Rationalismus der Aufklärung ist eine ebenso perfide wie verbreitete rhetorische Figur (als Denkfigur möchte man diese Manipulation nicht adeln) moderner Christen. Nur nebenbei sei auf die Redewendung „Katastrophen wie dem Holocaust“ verwiesen, die der Relativierung dieses Verbrechens den Weg bereiten soll.</p>
<p>Diese Relativierung erfolgt – natürlich, möchte man sagen, so tun es die Verharmloser und Relativierer immer – unter Bezug auf einen jüdischen Denker, nämlich Zygmunt Baumann, der dann mit der Reihung „Gulag, Auschwitz, Hiroshima“ als Beleg für „den spezifisch modernen Charakter“ des Inhumanen zitiert wird. Diese Reihung kenne ich, gern noch um Dresden und den Spruch von der „Banalität des Bösen“ ergänzt, aus meiner deutschen Schulzeit in den 1960er Jahren. Über Baumann mag ich nicht urteilen. Aber ein künftiger deutscher Bundespräsident sollte den Unterschied zwischen Hiroshima und Auschwitz kennen – zwischen einem Angriff im Rahmen eines Kriegs und zur Verwirklichung eines Kriegsziels, nämlich der Kapitulation des Gegners, selbst wenn man diesen Angriff als verbrecherisch einstuft, wie ich es übrigens tue, und dem systematischen Krieg gegen eine Bevölkerungsgruppe mit dem Ziel, sie – genauer. Ihr genetisches Material – auszulöschen. Das lässt sich nicht subsumieren unter „Katastrophen wie dem Holocaust“, die aus der entfesselten, von keiner moralischen Instanz (sprich Kirche) kontrollierten Rationalität resultieren.</p>
<p>Gauck sagt zwar, dass zwar im Hinblick auf die „universelle Bedeutung des Holocaust“ eine solche Relativierung notwendig ist, dass diese Sichtweise jedoch „für die Deutschen, speziell für die Zeitgenossen ders Unheils“ („Zeitgenossen des Unheils“, nicht: Mörder, Mitwisser und Mitläufer) um eine „eigene Perspektive“ ergänzt werden müsse. Genau das ist aber mit Relativierung des Holocausts gemeint. Gauck: <em>„Es ist auch nicht erforderlich, dass eine ewige Hierarchie der verschiedenen Ausprägungen des Bösen errichtet wird.“ Wir Deutschen müssten zwar die „moralische und metaphysische Schuldbearbeitung als Folgelasten (sic!)“ tragen. „Aber stellen wir uns einmal vor, die früheren Sowjetbürger würden sich entschließen, dem Holocaust-Gedenken die zentrale Rolle im nationalen Diskurs zuzuweisen. (…)  Schauen wir auf China und Kambodscha, so liegen deren Aufarbeitungsschwerpunkte auf der Hand. (…) Das westliche Europa hat sehr lange und sehr intensiv an den Leiden Osteuropas vorbeisehen können…“</em> usw.</p>
<p>Und die Ostdeutschen? Soll man es also gutheißen, wenn ein ostdeutscher Pfarrer dem erlebten und erlittenen Kommunismus „die zentrale Rolle“ in seinem Diskurs einräumt und Leuten, deren Prioritäten anders liegen, einen Gottesmangel attestiert?</p>
<p>Wie ist es eigentlich mit den Indianern in den USA? Soll bei ihnen der erlittene Genozid des 19. Jahrhunderts die Erinnerung an den Holocaust trumpfen? Mit den Schwarzen? Soll die Erfahrung der Sklaverei ihre Perspektive auf die Geschichte des 20. bestimmen? Was ist mit den Vietnamesen? Sollen da die Verbrechen der Kommunisten im Vordergrund des Gedenkens stehen, oder die Bomben der Amerikaner?  Ja, und was ist schließlich mit den Arabern, speziell mit den Palästinensern? Steht für sie nicht die Naqba, die Katastrophe der israelischen Staatsgründung, nach der Gauck’schen Logik zwangsläufig oben in der „Hierarchie der Ausprägungen des Bösen“? Ahmadenidschad lässt grüßen, der sagte, den Holocaust gab es nicht, aber wenn ihr Europäer meint, an ihm schuldig zu sein, dann kümmert ihr euch doch um die Juden, ladet sie doch nicht bei uns ab.</p>
<p>Nein, es ist eben nicht so, dass wir Deutschen als „Volk der Täter“ oder die Juden als „Volk der Opfer“ ein besonderes Verhältnis zum Holocaust hätten, das andere nicht tangieren müsste. Sondern es ist tatsächlich so, dass ein echtes Begreifen, eine klare Analyse des Holocausts, jenseits seiner metaphysischen und relativistischen Verortung als notwendige Katastrophe der entfesselten Moderne zum Ergebnis führt, dass dieses Verbrechen einzigartig war. Der Holocaust ist in der Tat der absolute Maßstab, an dem andere, durchaus ähnliche, durchaus vergleichbare, durchaus furchtbare Verbrechen zu messen sind. Niemand hat das Recht, im Namen des selbst erlittenen Unrechts das zu relativieren.</p>
<p>Natürlich müsste für die Russen die Aufarbeitung der Verbrechen der Kommunisten im Vordergrund „des nationalen Diskurses“ stehen. Das ist nicht die Frage. Auch die Opfer des Stalinismus jedoch müssen anerkennen, dass bei der Niederringung Hitlerdeutschlands und die Befreiung des KZ Auschwitz Stalin auf der Seite der Engel stand. Hitler stand dort nie. Der 8. Mai 1945, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, sei auch für uns Deutsche ein Tag der Befreiung gewesen.</p>
<p>Wird der künftige Bundespräsident Joachim Gauck dieses Wort wiederholen? Man darf es bezweifeln und es daher als besonders merkwürdig empfinden, wenn der Pfarrer a.D. in der Bundesversammlung die Stimmen von SPD und Grünen erhält.</p>
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		<title>Holocaustverdrängung und Atomophobie</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Apr 2011 23:26:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ich lese gerade mit atemloser Spannung Bettina Stangneths Buch „Eichmann vor Jerusalem“. (Wer dazu mehr erfahren will, kann in der letzten Ausgabe der WamS ein langes Interview lesen, das ich mit der Autorin geführt habe.) Das Buch ist auch deshalb so interessant, weil neben der Hauptgestalt auch faszinierende Nebengestalten ausgeleuchtet werden, wie etwa Willem Sassen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich lese gerade mit atemloser Spannung Bettina Stangneths Buch „Eichmann vor Jerusalem“. (Wer dazu mehr erfahren will, kann in der letzten Ausgabe der WamS ein langes Interview lesen, das ich mit der Autorin geführt habe.)</p>
<p>Das Buch ist auch deshalb so interessant, weil neben der Hauptgestalt auch faszinierende Nebengestalten ausgeleuchtet werden, wie etwa Willem Sassen, der holländische SS-Propagandist und Kriegskamerad Henri Nannens, der in Argentinien mit Adolf Eichmann an dessen Projekt einer apologetischen Autobiographie arbeitete. <span id="more-2580"></span>Und da stößt man auf Folgendes.</p>
<p>1956 schreibt dieser Sassen für das in Buenos Aires herausgegebene Nazi-Blättchen „Der Weg“ einen Artikel, in dem er seiner Betroffenheit beim Lesen des Buchs „Das Dritte Reich und die Juden“ von Léon Poliakov und Josef Wulf Ausdruck verleiht. (Man glaubt es kaum, aber in diesem 1955 in Deutschland veröffentlichten Buch fanden sich zum ersten Mal die wichtigsten Dokumente zur „Endlösung“ versammelt, darunter das Wannsee-Protokoll. Stangneths Buch ist auch deshalb so wertvoll, weil die Autorin vor Augen führt, wie wenig zuverlässiges Material es bis Mitte der 50er Jahre zum Thema Shoah gab, so dass Revisionisten aller Art bei der Verbreitung von Legenden leichtes Spiel hatten.) Sassen schreibt über seine Lektüreerfahrung: „Manchmal würgte es mich dabei und ich wand mich wie unter einem erstickenden Griff, bis ich – wieder ganz naiv – ausrief: ‚Es ist nicht wahr!’ Ich weiß, der Ausruf ist simpel, er entquoll der Hilflosigkeit&#8230;“</p>
<p>Der arme Kerl. Aber aus dem „erstickenden Griff“ des Juden Poliakov rettet er sich mit einem interessanten Trick: Als kleines Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie (diese Worte benutzt Sassen nicht, die wird  Eichmann in Jerusalem auf sich münzen) sei er „nur ein kümmerlicher Zwerg neben den Nobelpreisträgern und Giganten der wissenschaftlichen Vernichtungstechnik, denen die Menschheit hilflos ausgeliefert ist.“ Gemeint ist die Atomkraft, bekanntlich eine jüdische Erfindung. Ich sage nur: Einstein. Echte Arier spalten keine Atome.</p>
<p>Es mag weit hergeholt und doch nicht zu weit hergeholt sein, die besondere Empfindlichkeit der Deutschen für die Gefahren der Atomtechnologie als kollektive Anwendung jenes Schuldabweisungsmechanismus zu deuten, den Sassen hier vorführt. Immer wieder waren die Nachkriegsdeutschen um Relativierung der von ihnen zu verantwortenden Verbrechen bemüht. Zuerst glaubte man, mit dem Bombenkrieg, den Vertreibungen und der Teilung sei man sozusagen quitt. Dann schob man die Verantwortung für „Gräuel wie in Hiroshima, Dresden und Auschwitz“ (die Reihung war sehr beliebt) auf die moderne arbeitsteilige Bürokratie, die zum Abbau individueller Verantwortung führe. Diese Wendung findet sich etwa bei Hannah Arendts Bericht über Eichmann in Jerusalem, der gerade deshalb von Hans Mommsen bei der Neuausgabe 1986 so gefeiert wurde. In der Totalitarismustheorie (auch sie einer der weniger glücklichen Beiträge Hannah Arendts zur deutschen Vergangenheitsüberwältigung)  fand man zugleich eine Rechtfertigung dafür, besonders antikommunistisch zu sein („gerade wir Deutschen mit unserer Vergangenheit&#8230;“). Und in der Beschwörung einer technischen Apokalypse, der Millionen zum Opfer fallen könnten und bei der die Nazi-Verbrecher zu „Zwergen“ mutieren, findet sich weitere Labsal für die geschundene deutsche Seele.</p>
<p>Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Bewegung gegen die Atomkraft etwa zur gleichen Zeit Fahrt aufnimmt, als mit der Fernsehserie „Holocaust“ die Erkenntnisse Poliakovs, die den SS-Mann Sassen „würgten“, Bestandteil der kollektiven westdeutschen Psyche wurden. Explizit formuliert den Zusammenhang zwischen Holocaust und Atomophobie Caspar Harlan, einer der Söhne des „Jud Süß“-Regisseurs Veit, in Felix Moellers Film über den Umgang der Familie mit dem Erbe. Caspar lebt im Wendland, wo er die dortigen „Kulturtage“ organisiert, die sich explizit als Teil des Kampfs gegen das dort geplante atomare Endlager verstehen. Der Film zeigt ihn, wie er am Gelände des Endlagers vorbeiläuft. (Schon das Wort enthält zwei Teile, die im deutschen Bewusstsein nachklingen müssen: „End“ wie in Endsieg und Endlösung, und „Lager“; und natürlich ist Atommüll „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, nicht wahr. Ach ja, und apropos „Atommüll“: Sassens Artikel von 1956 heißt: „Müllkutscher her! Bilanz unserer Atomzeit“.) Mit seinen Mauern und Wachtürmen erinnert das Lager tatsächlich an ein KZ, weshalb man den Bildern nie trauen soll, denn es ist doch etwas anderes, ob man Leute ein- oder aussperren will. „Ich will nicht meinen Töchtern gegenüber sagen, ich hätte nichts gewusst und nichts getan“, sagt Caspar. „Das ist meine Lehre aus dem Leben meines Vaters“. (Ich zitiere aus dem Gedächtis.) Der Kampf gegen die Atomkraft also als nachgeholter Kampf gegen die Nazis. Ich fürchte, allzu viele Atomkraftgegner empfinden das so.</p>
<p>Was nicht heißt, dass dieser Kampf falsch war oder ist. Dazu habe ich mich eindeutig geäßert. Was aber wohl heißt, dass diejenigen, die unverdrossen eine offensichtlich genetisch übertragene „German Angst“ für die Heftigkeit der hiesigen Reaktionen verantwortlich machen, womöglich – wie bei jener anderen „German Angst“, nämlich vor dem Islam – eine dunklere Quelle unsichtbar machen wollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Auch Opa war ein Nazi</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/11/04/auch-opa-war-ein-nazi/</link>
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		<pubDate>Wed, 03 Nov 2010 23:16:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Böhme</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es muss doch mal Schluss sein. Lasst uns endlich nach vorne schauen. Die Vergangenheit ist schon so lange her, da können wir sie doch getrost hinter uns lassen. Und hat die Bundesrepublik, dieser rechtschaffene, demokratische Staat, nicht alles getan, um Licht ins Dunkel der Nazizeit zu bringen? Sind wir nicht die weltbesten Geschichtsaufklärer und Geschichtsaufarbeiter? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es muss doch mal Schluss sein. Lasst uns endlich nach vorne schauen. Die Vergangenheit ist schon so lange her, da können wir sie doch getrost hinter uns lassen. Und hat die Bundesrepublik, dieser rechtschaffene, demokratische Staat, nicht alles getan, um Licht ins Dunkel der Nazizeit zu bringen? Sind wir nicht die weltbesten Geschichtsaufklärer und Geschichtsaufarbeiter? Wohl wahr. Aber auch, wenn es vielen reicht – es reicht noch lange nicht.<span id="more-2104"></span></p>
<p>Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat vor kurzem den amerikanischen Schriftsteller William Faulkner mit einem prägnanten Satz zitiert: »Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.« Der heutige SPD-Fraktionschef hätte mit Blick auf die Studie über das Auswärtige Amt im Dritten Reich auch Fritz Bauer erwähnen können. Ein Großteil seines Lebens verbrachte der Staatsanwalt damit, NS-Verbrecher dingfest zu machen. Und sein Credo lautete: »Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.«</p>
<p>Ja, diese Vergangenheit, unsere Vergangenheit, die Schoa und die vielen anderen Verbrechen der Nazizeit reichen bis in unsere Tage. Und sie werden es weiter tun. Die Aufregung, das Erstaunen und die Enttäuschung über die diplomatische Elite und ihre aktive Teilhabe am Völkermord zeigen, dass wir mit Holocaust und Drittem Reich noch lange nicht fertig sind. Wie auch? Bis in den letzten ideologischen, politischen und geografischen Winkel hinein reichte dieses Projekt der Vernichtung. Da half und hilft alles Verdrängen, Verschweigen und Vertuschen nichts. Auch Opa war ein Nazi. Das Volk der Denker und Dichter – ein barbarisches Volk. Nichts Entlastendes, nirgends.</p>
<p>Aber wissen wir, die doch immer vorgaben, von allem nichts gewusst zu haben, das nicht längst? Großteils schon, man mag es jedoch nicht wahrhaben, sich vorstellen, sich eingestehen. Wer kann eine solche Last, kann so viel Verantwortung schon tragen und ertragen? Also geben wir uns lieber der Illusion hin, dass es auch ein bisschen Gutes im großen Bösen gab. Widerstand! Aufrechte Menschen, die Juden halfen! Sicherlich, die gab es auch. Aber die Wenigen reichen eben nicht aus, um der Mär vom verführten, verirrten Volk irgendeine Grundlage zu verschaffen. Dennoch ist diese Legende zählebig. Und so wird das heutige Deutschland noch oft überrascht sein, wenn »Neues« über Kooperation und Kollaboration in Sachen Judenmord aus den dunklen Tiefen bislang unzugänglicher Archive zutage gefördert wird.</p>
<p>65 Jahre sind seit der Schoa vergangen. Klingt nach verdammt viel Zeit. Aber gemessen an der Monstrosität des Menschheitsverbrechens sind 65 Jahre kaum mehr als ein Wimpernschlag.</p>
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		<title>Islamophobie und sekundärer Antisemitismus</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/02/islamophobie-und-sekundarer-antisemitismus/</link>
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		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 23:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung aussprach, „man“ wolle „uns“ damit  verletzen. Für diese Art von Äußerungen und Haltungen, gibt es mittlerweile einen Begriff: Man redet von „sekundärem Antisemitismus“.</p>
<p>Dieses Jahr können sich diejenigen freuen, die wie Walser genug vom Gedenken haben. <span id="more-930"></span>Im Vorfeld des diesjährigen Holocaust-Gedenktages haben sich jüdische Autoren ähnlich geäußert. Und, wie man weiß, ist das wichtigste Argument des Antisemiten immer: „Das sagen ja die Juden selber!“  In der israelischen Zeitung Ha&#8217;aretz schrieb der in Berlin lebende New Yorker Benjamin Weinthal: &#8220;Die Erinnerung an die Shoah ähnelt in Deutschland inzwischen einer Form von Zwangsneurose&#8221; – dem Waschzwang nämlich.</p>
<p>Und ausgerechnet im &#8220;Tagesspiegel&#8221;, dem Zentralorgan des West-Berliner Juste-Milieus, startete Weinthals Förderer Henryk M. Broder (bekannt durch Bücher wie  „Die Irren von Zion“ und „Deutsche Leidkultur“) einen Angriff auf &#8220;Jammerjuden, die in jeder Talkshow erzählen, wie viele Angehörige sie im Holocaust verloren haben und wie sehr sie sich heute vor der NPD fürchten&#8221;.</p>
<p>Nun wollen wir nicht unfair sein. Broder wollte nicht etwa, wie Walser, das deutsche gute Gewissen gegen Zumutungen verteidigen. Im Gegenteil. Broder meint, das Holocaust-Gedenken sei ein leeres Ritual, wenn aus ihm nicht die Entschlossenheit erwächst, den heutigen Islamismus zu bekämpfen.</p>
<p>Freilich ist es nicht ganz klar, ob und wo Broder die Grenze zwischen Islamismus und Islam zieht; und ob beziehungsweise wo er eine Grenze zieht zu jenen, die unter dem Deckmantel des Kampfs gegen den Islamismus einfach ihrer eigenen Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie frönen. So hat Broder nicht nur das Schweizer Minarettverbot begrüßt, sondern auch den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders als &#8220;Radikalliberalen&#8221; gelobt. Wilders hält den Koran für ein „faschistisches“ Machwerk, fordert eine „Kopftuchsteuer“ und unterhält freundschaftliche Beziehungen zur FPÖ (Wahlslogan 2009: „Unser Kurs ist klar: Abendland in Christenhand“), die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl macht, mit ungarischen Faschisten turtelt und die jedenfalls zu Zeiten Jörg Haiders unseligen Angedenkens gute Beziehungen zum Iran unterhielt.</p>
<p>Das Mainstream-Judentum in Deutschland und anderswo hat hingegen immer – allen Zumutungen zum Trotz – den muslimischen Gemeinschaften die Hand ausgestreckt, weil es zu Recht spürte, dass Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie natürliche Bundesgenossen des Antisemitismus sind, auch wenn einige radikale Moslemhasser wie Geert Wilders sagen, sie liebten Israel &#8211; &#8220;weil es den islamischen Terrorismus bekämpft&#8221;. (Was so ziemlich der schlechteste Grund ist, den jüdischen Staat zu lieben, den man sich denken kann.)</p>
<p>In seinem Tagesspiegel-Artikel stellt Broder die rhetorische Frage,  „ob der Islam tatsächlich eine Religion des Friedens ist oder vielleicht eher eine religiös verbrämte Ideologie der Unterwerfung“. Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Schein-Frage keine Antwort geben kann, was sofort einleuchtet, wenn man ein Gedankenexperiment vornimmt und im vorliegenden Zitat  „der Islam“ durch „das Christentum“ ersetzt.</p>
<p>Aus jeder Religion kann man so ziemlich alles herauslesen; auch deshalb ist die Religionskritik so bitter nötig, und nirgendwo nötiger als im Islam. Aber es besteht ein Unterschied zwischen der Religionskritik und der Diffamierung aller Angehörigen einer Religion als Anhänger einer „Ideologie der Unterwerfung“. Im Zusammenhang einer solchen Diffamierung laufen die Positionen Broders und Weinthals auf Folgendes hinaus: Deutschland erwache, hör auf damit, dich wegen deiner Vergangenheit zu geißeln, hör auf, den &#8220;Jammerjuden&#8221; zuzuhören und schließe dich dem Kreuzzug gegen jene Millionen Muslime an, die „Unterwerfung“ fordern.</p>
<p>Es ist klar, dass diese Botschaft viele Deutsche anspricht, die begierig sind, sich ihrer Verantwortung dafür zu entledigen, das Gedenken an den Holocaust aufrechtzuerhalten – vor allem, weil sie ihnen erlaubt, in Fremdenfeindlichkeit gegenüber Muslimen zu schwelgen und sich gleichzeitig gut dabei zu fühlen. Schließlich haben sie jetzt aus berufenem Munde das Koscher-Siegel erhalten. So fördert die Islamophobie den sekundären Antisemitismus.</p>
<p>Was niemanden wundern dürfte. Denn wie der – bezeichnenderweise besonders von Weinthal mit persönlichem Hass verfolgte – Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz feststellt, und wie die Vorurteilsforschung seit langem weiß, ähneln sich die Grundmuster aller Phobien – gegen Schwule oder Freimaurer, Amerikaner oder Muslime – und folgen jenem fürchterlichen Urmuster, das der christliche Antijudaismus vorgab und das leider nicht in Auschwitz endete.</p>
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