<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>starke-meinungen.de &#187; Antisemitismus</title>
	<atom:link href="http://starke-meinungen.de/blog/tag/antisemitismus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://starke-meinungen.de/blog</link>
	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
	<lastBuildDate>Wed, 08 Feb 2012 16:17:20 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Geert Wilders ist ein Antisemit</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2011/07/18/geert-wilders-ist-ein-antisemit/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2011/07/18/geert-wilders-ist-ein-antisemit/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 17 Jul 2011 23:57:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geert Wilders]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Niederlande]]></category>
		<category><![CDATA[Schächten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=2791</guid>
		<description><![CDATA[Am 28. Juni stimmte das holländische Parlament für ein Verbot des rituellen Schächtens. Binyomin Jacobs, Oberrabbiner der Niederlande, verglich den Beschluss des Parlaments mit der antisemitischen Gesetzgebung der Nazis: „Eine der ersten Maßnahmen nach der Besatzung war die Schließung koscherer Schlachthöfe“, sagte Jacobs. Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz europäischer Rabbiner, meinte, Holland habe damit „Jahrhunderte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 28. Juni stimmte das holländische Parlament für ein Verbot des rituellen Schächtens. Binyomin Jacobs, Oberrabbiner der Niederlande, verglich den Beschluss des Parlaments mit der antisemitischen Gesetzgebung der Nazis: „Eine der ersten Maßnahmen nach der Besatzung war die Schließung koscherer Schlachthöfe“, sagte Jacobs.</p>
<p>Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz europäischer Rabbiner, meinte, Holland habe damit „Jahrhunderte des Liberalismus, der Menschenrechte, der Offenheit und Toleranz gegenüber Juden weggeworfen“. Juden seien „in den Niederlanden nicht mehr willkommen“.</p>
<p>Recht haben die Rabbiner. <span id="more-2791"></span>Ich persönlich finde das Schächten abscheulich, hauptsächlich, weil ich meine Steaks blutig mag; aber wenn die Torah nun einmal vorschreibt, dass nur geschächtetes Fleisch koscher ist, dann ist das ein Problem der gesetzestreuen Juden, nicht der Nichtjuden. Das holländische Parlament hat ein eindeutig antisemitisches Gesetz verabschiedet.</p>
<p>Das Interessante daran ist, dass auch Geert Wilders und seine „Freiheitspartei“ für das Verbot gestimmt haben. Wilders hat das natürlich getan, weil das Verbot nicht nur die 40.000 Juden betrifft, die heute in den Niederlanden wohnen, sondern auch die eine Million Muslime. Wilders versteht ja „Freiheit“ nicht als Freiheit der Andersdenkenden (der Juden und Muslime etwa), sondern – ganz im Geist der holländischen antikatholischen Bilderstürmer des 16. Jahrhunderts – als Freiheit von den Andersdenkenden und ihren Zumutungen.</p>
<p>Ich habe immer wieder gesagt – zum Beispiel hier: <a href="../../../../../2010/10/26/warum-juden-nicht-das-geschaft-der-rassisten-besorgen-sollten/">http://starke-meinungen.de/blog/2010/10/26/warum-juden-nicht-das-geschaft-der-rassisten-besorgen-sollten/</a> , dass diejenigen Juden, die in Geert Wilders und seinesgleichen wegen deren Gegnerschaft zum Islam und deren angeblicher Liebe zu Israel einen Freund oder wenigstens Verbündeten erblicken, sich furchtbar irren.</p>
<p>Wer glaubt, den Tiger reiten zu können, wird früher oder später von ihm gefressen. Wilders hat mit seiner Unterstützung für dieses antisemitische Gesetz nun früher, als ich es erwartet habe, mir Recht gegeben. Mir ist allerdings nicht bekannt, dass auf irgendeiner der einschlägig bekannten Websites, die hierzulande Wilders als einen Verteidiger des Westens gefeiert haben, sein Verhalten in Sachen Schächtungsverbot kritisiert hätte.</p>
<p>Freunde, hier seid ihr gefordert!</p>
<p>Was übrigens Wilders’ angebliche Israel-Freundschaft betrifft: Er unterstützt die „Hatikva“-Partei, eine Gruppierung der radikalen nichtreligiösen israelischen Rechten, die für die ethnische Säuberung der Länder „zwischen dem Jordan und dem Meer“ von allen Gojim, also Nichtjuden, eintritt, womit „alle Probleme Israels zu lösen“ seien. Die Unterstützung einer Partei, deren Losungen von über 90 Prozent der Israelis für gefährlichen Irrsinn gehalten werden, kann kaum als Unterstützung Israels ausgelegt werden. Im Gegenteil: der Versuch, eine solche rassistische – also zutiefst unjüdische – Politik umzusetzen, würde zweifellos zur Zerstörung des jüdischen Staats führen. So erweist sich Wilders auch hier in der Praxis als Antisemit. Es ist Zeit, dass nicht nur Europas Rabbiner, sondern auch jene nichtreligiösen europäischen Juden, die bisher diesem gefährlichen Irren die Stange gehalten haben, endlich klare Worte der Verurteilung finden. Noch einmal, Freunde: Ihr seid gefordert!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2011/07/18/geert-wilders-ist-ein-antisemit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>106</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ernst Nolte, Thilo Sarrazin und die Struktur des Vorurteils</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2011/01/04/ernst-nolte-thilo-sarrazin-und-die-struktur-des-vorurteils/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2011/01/04/ernst-nolte-thilo-sarrazin-und-die-struktur-des-vorurteils/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 03 Jan 2011 23:30:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Auschwitz]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gulag]]></category>
		<category><![CDATA[Nolte]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Thilo Sarrazin]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=2308</guid>
		<description><![CDATA[Aus Gründen, die hier zunächst nicht interessieren, habe ich mir wieder Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“ hervorgekramt; das Buch begründete bei seinem Erscheinen 1963 Noltes Ruf als Ausnahmehistoriker und ist nach wie vor lesenswert.  Verstörend freilich ist das Vorwort zur Ausgabe von 1995, in dem Nolte den Versuch macht, das Werk sozusagen in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus Gründen, die hier zunächst nicht interessieren, habe ich mir wieder Ernst Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“ hervorgekramt; das Buch begründete bei seinem Erscheinen 1963 Noltes Ruf als Ausnahmehistoriker und ist nach wie vor lesenswert.  Verstörend freilich ist das Vorwort zur Ausgabe von 1995, in dem Nolte den Versuch macht, das Werk sozusagen in eine Gesamtschau seines Schaffens einzuordnen. Insbesondere versucht er hier noch einmal, die Genese jener Thesen vom „kausalen Nexus“ zwischen Gulag und Auschwitz und von der Nachvollziehbarkeit der eliminatorischen Juden-Phobie der Nazis nachvollziehbar zu machen, die im Zentrum des „Historikerstreits“ standen.<span id="more-2308"></span></p>
<p>Weil mir scheint, dass Nolte hier in exkulpatorischer Absicht das Gegenteil erreicht und die Struktur des Vorurteils exemplarisch bloßlegt, will ich die entsprechende Stelle (Seite XII der Piper-Ausgabe von 1995)  hier ausführlich zitieren:</p>
<p>„Im ‚Faschismus in seiner Epoche’ hatte ich geschrieben, der Faschismus habe gerade als Faschismus in seiner extremsten Form jene Untat begangen, der in der Weltgeschichte nichts verglichen werden könne, ‚auch nicht der Terror Stalins gegen das eigene Volk und die eigene Partei’. Eine Aussage wie diese war 1963 keineswegs Gemeinplatz, und sie wurde erst später zu einem der linksliberalen Hauptargumente.“</p>
<p>(Richtig: 1963, im Jahr des Erscheinens von Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ beherrschte noch deren Totalitarismusthese die Köpfe auch und gerade der Linksliberalen; nach dieser These war der Massenmord nichts weiter als die logische Folge einer auf stetige ‚Bewegung’, sprich Radikalisierung, angewiesenen, sich verselbständigenden totalitären Maschinerie, deren „banale“ Rädchen Leute wie Adolf Eichmann waren. Ein Historiker wie Hans Mommsen neigt bis heute dieser Theorie zu.)</p>
<p>Aber weiter im Nolte-Text:</p>
<p>„Irgendwann zu Beginn der siebziger Jahre las ich dann David Shubs ‚Lenin’, und dort fiel mir ein Zitat aus einer Rede Sinowjews vom September 1918 ins Auge, das lautete: ‚Von den 100 Millionen Einwohnern Sowjetrusslands müssen wir 90 Millionen für uns gewinnen; was den Rest betrifft, so haben wir ihnen nichts zu sagen, sie müssen ausgerottet werden.’ Angesichts dieses Satzes ging mir auf, dass ich allzu voreilig eine allzu klare Unterscheidung zwischen dem ‚Terror Stalins’ und ‚Auschwitz’ vorgenommen hatte. Als Sinowjew seine Rede hielt, spielte Stalin erst eine zweitrangige Rolle, und selbst Hitler hatte weder damals noch später öffentlich die Ausrottung einer zweistelligen Millionenzahl von Menschen gefordert. War nicht vielmehr der frühe ‚rote Terror’ der fundamentale Tatbestand, die Leninsche ‚Klassenvernichtung’, und stand die spätere ‚Judenvernichtung’ dazu nicht in einer unübersehbaren Verbindung?“</p>
<p>(Hier werden bereits zwei disparate Gedanken zu einem einzigen verknüpft: nämlich erstens die Frage, ob der rote Terror nicht der „fundamentale Tatbestand“ sei, mit der Frage, zweitens, ob „Klassenvernichtung“ und „Judenvernichtung“ nicht miteinander in einem „kausalen Nexus“ stünden. Ein doppelter Taschenspielertrick. Denn erstens war auch die Radikalität der Leninschen Klassenvernichtung psychologisch wenigstens teilweise – ebenso wie die Radikalität der Rassenvernichtung – erklärbar aus den ungeheuren Menschenverlusten im Ersten Weltkrieg, dem „fundamentalen Tatbestand“ der Epoche: Wenn es den Generalstäben zivilisierter und teilweise demokratischer Länder möglich war, Abertausende zu opfern, um einen Hügel zu erobern, Millionen in einer Offensive zu verheizen, an deren Ende nur die Erhaltung des Status Quo stand – waren dann, um diesem Zustand ein für alle Male ein Ende zu bereiten, nicht sehr große Opfer berechtigt? Wer den – für die meisten Deutschen nur aus den Zeitungen bekannten – roten Terror zum alleinigen Vorbild und Auslöser für Auschwitz nimmt und den von Millionen Männern am eigenen Leib erlebten täglichen Terror des Kriegs – des eigentlichen „Zivilisationsbruchs“ – ausblendet, der will nicht erklären, sondern ideologisieren. Und zweitens folgt aus der Tatsache der Leninschen Klassenvernichtung der Bourgeoisie, des Kleinbürgertums und der Kulaken in keinster Weise logisch, dass man zur Vorbeugung weiteren Terrors die Juden vernichten müsse; allenfalls könnte man aus der Angst des deutschen Bürgertums vor einem solchen Schicksal den Terror gegen die Kommunisten – und die Entschlossenheit, die Sowjetunion zu vernichten – als nachvollziehbar hinstellen.)</p>
<p>Aber weiter im Text:</p>
<p>„Und war Georgij Sinowjew nicht ein Jude, wenngleich ein nichtorthodoxer und in gewisser Weise antijüdischer Jude? War am Ende jenes Verlangen Hitlers, anschaubare ‚Urheber’ ausfindig zu machen (&#8230;), vielleicht doch etwas mehr als ein ideologisches Postulat?“</p>
<p>Hier finden wir den Kern des Nolteschen Irrsinns bloßgelegt; die Struktur des in Vorurteilen befangenen Denkens, das auch in so mancher Phobie unserer Tage sichtbar wird. Die Logik des Irrsinns lautet: Sinowjew ist ein Massenmörder; Sinowjew ist „Jude“ (wenn auch „nicht orthodox“ und „in gewisser Weise antijüdisch“); also ist es „mehr als ein ideologisches Postulat“, wenn Hitler das „Verlangen“ spürte, alle Juden als potenzielle Massenmörder auszurotten. Das ist ungefähr so logisch, als wollte man sagen: Lenin ist Massenmörder. Lenin ist Russe. Also wäre es „mehr als ein ideologisches Postulat“, alle Russen – Männer, Frauen und Kinder, Revolutionäre und Konterrevolutionäre – auszurotten. Oder: Stalin ist Massenmörder. Stalin ist Georgier. Also&#8230; Oder: Hitler ist Österreicher&#8230; oder Arier &#8230; oder Katholik&#8230;</p>
<p>Sinowjew war eben genau so „Jude“, wie Hitler „Arier“ war; sein massenmörderischer Impuls war Ausfluss nicht seines Jude-Seins, sondern seiner leninistischen Ideologie, so wie Hitlers massenmörderischer Impuls nicht Ausfluss seines Arier-Seins war, sondern jener antisemitischen Ideologie, die er übrigens nach eigenem Bekunden lange vor der bolschewistischen Revolution aufgesogen hatte, nämlich während seiner Wiener Jahre. Es geht nicht darum, festzustellen, dass Sinojew ein „nichtorthodoxer“ Jude war (er war überhaupt nicht religiös); er war in der Tat doppelt „antijüdisch“, weil er erstens Atheist und zweitens Gegner einer „nationalen Befreiung“ der Juden im Rahmen der sozialistischen Revolution war, wie sie etwa die Bundisten vertraten. (Übrigens waren die Bolschewiki aus diesem Grund gerade bei den Juden Russlands unbeliebt. Von etwa 10.000 Parteimitgliedern am Vorabend der Revolution 1917 waren gerade mal 364 jüdischer Nationalität. Im ZK herrschte ein faktisches Quorum gegen Juden, und im Rat der Volkskommissare waren zwischen 1923 und 1930 von 23 Mitgliedern gerade mal fünf jüdischer Abstammung.) Es geht darum, festzustellen, dass Sinowjew und Lenin, Trotzki und Stalin, Juden und Nichtjuden, Anhänger einer verbrecherischen Ideologie und Mitglieder einer verbrecherischen Organisation waren.</p>
<p>All das ist Nolte bekannt und hätte Hitler (der vermutlich die von Nolte in einer obskuren Lenin-Biographie entdeckte Sinowjew-Rede nicht kannte) bekannt sein können. Aber der Punkt ist, dass Hitlers Juden-Phobie jeder konkreten Erfahrung mit Juden vorausgeht, auch wenn er in „Mein Kampf“ die Begegnung mit einem Ostjuden in Wien zur traumatischen Ur-Szene stilisiert, in der ihm klar wird, dass „der Jude“ etwas wesensmäßig Fremdes ist und niemals assimiliert werden könne. Hitlers Juden-Phobie ist eben irrational, sie ist ein „ideologisches Postulat“, das sich seine Beweise zusammensucht – in Bezug auf den Bolschewismus vermutlich via die „Protokolle der Weisen von Zion“ eher als durch das Studium von Sinowjew-Reden. Dass Sinowjew Jude war, wäre höchstens von Interesse, wenn Nolte (wie Hitler) tatsächlich meinte, es gäbe so etwas wie eine jüdische Essenz, die genetisch – oder meinetwegen „kulturell“ – vermittelt würde und sie besonders anfällig für Massenmord machen würde. Anders freilich kann man diese Noltesche Einlassung nicht verstehen.</p>
<p>Was uns zu Thilo Sarrazin bringt. Es ist ihm mit tatkräftiger Hilfe der meisten Medien (und einiger dummer Juden) gelungen, seine Auslassungen über ein angebliches „jüdisches Gen“ als im Grunde harmlose, wenn vielleicht verkürzte, Faktendarstellung zu verkaufen. In der von seinem Verlag – DVA – verbreiteten Erklärung nach Erscheinen des Interviews in der „Welt am Sonntag“ im August 2010 heißt es: „Ich bin kein Genetiker. Aber ich habe zur Kenntnis genommen: Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.“</p>
<p>So. Wieso hielt „man“ es bisher nicht für möglich, dass Leute, deren gemeinsame Vorfahren bis vor 2000 Jahren hauptsächlich in Palästina lebten (für Sarrazin „vor etwa 3000 Jahren im Nahen Osten“, aber rechnen war noch nie seine Stärke), „gemeinsame genetische Wurzeln“ haben? Wer ist „man“? Die Juden jedenfalls haben diesen ethnischen Zusammenhang nie geleugnet und allenfalls darauf hingewiesen, dass die regelmäßigen Vergewaltigungen ihrer Frauen durch christliche Nachbarn, durchziehende Kreuzzügler, plündernde Kosaken usw. zu einer gewissen Verwässerung des Genpools geführt haben könnten. Aber Sarrazin weiter: „Damit ist keinerlei Werturteil verbunden, damit ist auch nichts über eine wie auch immer zu verstehende ‚jüdische Identität’ ausgesagt.“</p>
<p>Hm. Im – von Sarrazin im Wortlaut autorisierten – Interview klang das doch anders. Da fiel die inkriminierte Äußerung eindeutig im Zusammenhang mit der Frage nach der Identität, nach dem Volkscharakter. Hier ist die Stelle:</p>
<p><strong>Welt am Sonntag: </strong>Wer genau ist jenes „Wir“, von dem Sie im Buch sprechen?</p>
<p><strong>Sarrazin: </strong>Die Identität eines Volkes oder einer Gesellschaft ist ja nichts Statisches, dennoch gibt es sie. Es gibt eine französische, deutsche, holländische Identität. Wenn es richtig läuft, wachsen Zuwanderer in solche Identitäten hinein, sie lösen sich aber irgendwann in dieser Identität auf, das Bild vom Melting Pot ist ja nicht falsch. Völker ändern im Laufe der Zeit ihr Gesicht, aber sie tun dies aus der kontinuierlichen Fortentwicklung ihrer Identität heraus. Es gibt über mehr als 1000 Jahre ein kulturelles Kontinuum der Entwicklung aus dem westfränkischen Reich in das heutige Frankreich und aus dem ostfränkischen Reich in das heutige Deutschland. Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas.</p>
<p><strong>Welt am Sonntag: </strong>Gibt es auch eine genetische Identität?</p>
<p><strong>Sarrazin: </strong>Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.</p>
<p><strong>Welt am Sonntag: </strong>Wir haben also andere Gene als die Menschen hier im türkischen Café?</p>
<p><strong>Sarrazin: </strong>Sie bringen mich nicht aus der Ruhe. Ich sage meine Dinge. Bis vor wenigen Jahrzehnten spielte Einwanderung für den Genpool der europäischen Bevölkerung nur eine geringe Rolle und vollzog sich überdies sehr langsam.</p>
<p>Es ist bemerkenswert, dass Sarrazin im Zusammenhang mit „genetischer Identität“ sofort auf „alle Juden“ kommt, nachdem er ein tausendjähriges „Kontinuum“ deutscher und französischer Kultur seit dem Frankenreich beschworen hat, das die „kulturelle Eigenart der Völker“ hervorgebracht habe (und von dem bis zum 18. Jahrhundert und vielerorts noch weit darüber hinaus die Juden ausgeschlossen waren).</p>
<p>In seiner Entlastungs-Erklärung vom 30. August schreibt Sarrazin weiter: „Die Frage, was aus möglichen genetischen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schließen ist, ist völlig offen.“ Ach ja? „Völlig offen“? Dann hätte der Rassismus also womöglich doch eine genetische, wissenschaftliche Basis? Dann könnten der „Volkscharakter“ und die jeweilige „Kultur“ womöglich doch eine genetische Ursache haben? Dann wäre womöglich der Rassismus, der im Bolschewik Sinowjew zuallererst den Juden sieht, „mehr als ein ideologisches Postulat“?</p>
<p>Nolte und Sarrazin: Beide sind unfähig, den Antisemitismus für das zu erklären, was er ist: ein Vorurteil, eine Phobie; eine Konstruktion des Antisemiten, wie Jean-Paul Sartre gezeigt hat. Die Struktur dieser Konstruktion wird vielmehr an ihnen selbst exemplarisch deutlich.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2011/01/04/ernst-nolte-thilo-sarrazin-und-die-struktur-des-vorurteils/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>26</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Anatomie einer Kampagne</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/16/anatomie-einer-kampagne/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/16/anatomie-einer-kampagne/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Sep 2010 23:19:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastautor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Gastautor]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kampagne]]></category>
		<category><![CDATA[Muslime]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Benz]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=1941</guid>
		<description><![CDATA[Von Sabine Pamperrien: Ende September wird der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in den Ruhestand verabschiedet. Obwohl seine Verdienste unter Fachleuten unumstritten sind, muss der langjährige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin (ZfA) um seine Reputation bangen. Seit er Ende 2008 eine Tagung mit dem provokativen Thema „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von <strong>Sabine Pamperrien</strong>:</p>
<p>Ende September wird der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in den Ruhestand verabschiedet. Obwohl seine Verdienste unter Fachleuten unumstritten sind, muss der langjährige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin (ZfA) um seine Reputation bangen.</p>
<p>Seit er Ende 2008 eine Tagung mit dem provokativen Thema „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ organisierte, sind er und sein Institut Ziel einer Kampagne, die an Rufmord grenzt. Die Kampagne zeigt exemplarisch, wie das Internet instrumentalisiert werden kann, um seriöse Wissenschaft zu diskreditieren.<span id="more-1941"></span></p>
<p>Bei der Tagung wurden auch pseudo-wissenschaftliche Netzwerke vermeintlicher Islamexperten im Internet wegen rassistischer Tendenzen kritisiert. Das Internet schlägt seither zurück. Dabei bot besonders das renommierte Autorenblog Die Achse des Guten den Kritikern der Tagung ein Podium -und ein Sprungbrett in die klassischen Medien. Achsen-Autor Henryk Broder gehörte zu den auf der Tagung Gescholtenen. Er konterte in der ihm eigenen Art.  Begleitet wurden Broders Attacken in den Blogs des ehemaligen Benz-Promovenden Benjamin Weinthal sowie des bis dato in der Fachwelt völlig unbekannten Politikwissenschaftlers Clemens Heni und des politikwissenschaftlich forschenden Berufsschullehrers Matthias Küntzel. Die drei belagern mit ihren Recherchen seit Monaten die zuständigen Redaktionen großer Zeitungen. Auch Email-Rundbriefe an prominente Verteiler zählen zum kampagnentauglichen Repertoire der vermeintlichen Aufklärer.</p>
<p>Broder verfasste gemeinsam mit Weinthal einige geharnischte Artikel gegen das ZfA und dessen Leiter, die sowohl bei Spiegel online als auch in der Jerusalem Post erschienen, wo Weinthal ein Blog betreibt. Weinthal konnte so später auch in anderen Medien – ohne Hinweis auf das Selbstzitat – behaupten, die „internationale Presse“ diskutiere den Fall des „umstrittenen“ oder gar „skandalumwitterten“ Berliner Instituts. Heni ist Mitherausgeber eines im Internet erscheinenden „Journal for the Study of Antisemitism“, das 2009 erstmals erschien. In dessen erster Ausgabe behauptet er, das  umstrittene Tagungsthema sei selbst Ausdruck von Antisemitismus.</p>
<p>Inzwischen wurde der Vorwurf personalisiert und dem Antisemitismusforscher Benz unterstellt, er sei Antisemit. Auf der Achse des Guten veröffentlichte Mitte Januar Clemens Heni unter dem Titel „Ein Nazi und sein Schüler“ eine Analyse von Benz’ Verhältnis zu seinem Doktorvater Karl Bosl. Der 1993 verstorbene  bayerische Historiker gehört noch immer zu den international angesehensten Mittelalterforschern.  Benz wurde 1968 promoviert. Heni wirft ihm nun vor, dass er sich bei der Suche nach einem Doktorvater nicht über Bosls Vergangenheit kundig gemacht habe und sich noch 1983 und 1989 an Festschriften für Bosl beteiligte. Dabei sei der in zahlreichen NS-Organisationen Mitglied gewesen. Dies zu ignorieren sei nach Benz’ eigener Definition sekundärer Antisemitismus. Dass Benz in den 60er-Jahren überhaupt keinen Zugang zu den Quellen gehabt hätte, erwähnt Heni nicht. Er selbst bezieht sich auf Publikationen  aus den  Jahren 2000 und 2005. Deren Autoren forschten in den Akten des Berlin Document Center. Erst seit  1994 sind die dort gesammelten Mitgliederkarteien der NS-Organisationen zugänglich.</p>
<p>Heni hält Benz weiter vor, dass keineswegs alle Bosl-Schüler ihren Lehrer weiterhin verehrten und nennt den Düsseldorfer Historiker Falk Wiesemann.  Auf Nachfrage reagiert Wiesemann zornig. Er wolle mit der Anti-Benz-Kampagne nichts zu tun haben, teilt er mit. Von Heni hat er sich schriftlich Verschonung von weiteren „Anti-Benz-Mails“ erbeten.</p>
<p>Im März dieses Jahres veröffentlicht Weinthal in der Jerusalem Post einen Artikel mit der Überschrift „Deutsches Zentrum entlässt pro-israelischen Forscher“ und der Unterzeile: „Forscher Clemens Heni nach Kritik an der Linie des Direktors gefeuert“. Bebildert ist der Artikel mit einem Foto von Wolfgang Benz. Der Leser muss annehmen, Benz habe Heni  wegen dessen angeblicher „pro-israelischer“ Haltung entlassen. Erst im Text erfährt der Leser, dass Heni gar nicht für das deutsche Zentrum tätig war, sondern von seiner Herausgeberschaft bei dem Internetjournal entbunden wurde.  Dies soll Benz bewirkt haben. Einziger Zeuge für entsprechende Äußerungen aus dem ZfA ist Steven K. Baum. Der als Arzt tätige klinische Psychologe ist einer der  Mitbegründer des neuen Journals. Weinthal zitiert Baum mit der Behauptung: „Dann“ seien „wir“ &#8211; die Herausgeber des Journals &#8211; gezwungen worden, uns von Heni zu trennen. Weinthal schreibt von „mafia-ähnlicher Taktik“ und „massiver Erpressung“.  In der Blogosphäre machte Weinthals Darstellung die Runde.  Auf Nachfrage sagt Baum jedoch, an Weinthals Darstellung sei nur richtig sei, dass er mit Benz‘ Stellvertreter über eine Antwort auf die Attacke Henis gesprochen habe. Baum stellt jedoch nachdrücklich klar, dass keinerlei Druck aus Berlin ausgeübt wurde. Über Druck wegen Henis Aufsatz habe er zwar tatsächlich mit dem Reporter gesprochen, aber nicht im Zusammenhang mit dem ZfA. Die Darstellung in der Jerusalem Post sei nicht korrekt.</p>
<p>Anfang Mai erschien bei Spiegel online ein kurzer Text „Hausbewerbung bei der Benz-Nachfolge“, der eine Recherche von Matthias Küntzel aufgreift. Empfohlen hatte Spiegel-Autor Broder das Stück, das von anderen Medien nach Auskunft des Autors abgelehnt worden war. Küntzel fiel im Berufungsverfahren um die Nachfolge von Benz auf, dass dessen langjährige Mitarbeiterin Angelika Königseder zu den Bewerbern zählt.  Ungewöhnlich dabei erscheine, dass Königseder nicht als Mitarbeiterin der TU aufgeführt wird, sondern als externe Bewerberin.  So genannte Hausbewerbungen sind zwar prinzipiell möglich, doch gelten dann erheblich strengere fachliche Anforderungen. Obwohl Königseder  seit den 90er Jahren an der TU arbeitet, werde sie seit Ende 2009 plötzlich im Vorlesungsverzeichnis als Mitarbeiterin eines Instituts für Vorurteils- und Konfliktforschung aufgeführt, so Küntzels Recherche. Als Träger des Instituts firmiert per Adresse an der TU ein Verein, dem Benz vorsteht. Man könne nicht ausschließen, dass der Amtsinhaber einer Mitarbeiterin bei der Vortäuschung falscher Tatsachen behilflich sei, so Spiegel online.</p>
<p>Tatsächlich wurde der „ominöse“ Verein 2002 gegründet, um langjährige Mitarbeiter halten zu können, die wegen des Verbots von Kettenverträgen im damals entsprechend novellierten Hochschulrahmengesetz keinen neuen Vertrag mehr bekommen hätten.  Juristisch sind sie damit Externe, wie die TU auch über die Pressestelle betonen lässt.  Der Vorwurf der Vortäuschung falscher Tatsachen bricht somit in sich zusammen und fällt auch auf diesen Autor zurück. Aber natürlich bleibt immer etwas hängen, wie bei jeder Kampagne.</p>
<p>Der Fall Benz ist entscheidend für die Diskussion um die Zukunft des Journalismus. Es ist kein Zufall, dass die Kampagne auf vermintem Gebiet geführt wurde, wo die Angst groß ist, einen falschen Schritt zu tun. Deshalb trauten sich nur wenige Journalisten, Benz beizuspringen. Einige Verlagsmanager haben aber gemerkt, dass in Zeiten des Internets einzig die Verlässlichkeit von Informationen den entscheidenden Unterschied ausmacht zwischen Qualitätsjournalismus und Gerüchtemacherei. Qualitätsjournalismus aber bedeutet: ergebnisoffene Recherche, ausgewogene Würdigung der Ergebnisse und kompetente Einordnung. Und: keine Angst vor Bloggern und ihren Kampagnen.</p>
<p><em><a title="Webseite von Sabine Pamperrien" href="http://www.pamperrien.de" target="_blank">Dr. Sabine Pamperrien</a> ist freie Journalistin. Die Juristin arbeitet  für zahlreiche Medien, unter anderen FAZ, NZZ, Berliner Zeitung, Der  Freitag und Das Parlament. </em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/16/anatomie-einer-kampagne/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>14</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Helmut Schmidt und die Fallen des Skeptizismus</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/14/helmut-schmidt-und-die-fallen-des-skeptizismus/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/14/helmut-schmidt-und-die-fallen-des-skeptizismus/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 13 Sep 2010 23:35:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Keynesianismus]]></category>
		<category><![CDATA[Konservatismus]]></category>
		<category><![CDATA[Pragmatiker]]></category>
		<category><![CDATA[Sarrazin]]></category>
		<category><![CDATA[Skeptizismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=1953</guid>
		<description><![CDATA[Letzte Woche habe ich an dieser Stelle die Ansichten Helmut Schmidts über einen angeblich genetisch bedingten Hang der Deutschen zum eliminatorischen Antisemitismus referiert und kritisiert. Es stellt sich die Frage, wie ein kluger Mensch wie Schmidt einen solchen Unsinn reden kann. Natürlich schützt Intelligenz vor Dummheit nicht, wie man auch bei Thilo Sarrazin sehen kann. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Letzte  Woche habe ich an dieser Stelle die Ansichten Helmut Schmidts über einen angeblich genetisch bedingten Hang der Deutschen zum eliminatorischen  Antisemitismus referiert und kritisiert. Es stellt sich die Frage, wie ein kluger  Mensch wie Schmidt einen solchen Unsinn reden kann. Natürlich schützt Intelligenz  vor Dummheit nicht, wie man auch bei Thilo Sarrazin sehen kann. Und auch  ich, obwohl nicht annähernd so intelligent wie diese beiden hohen Herren,  habe hier und dort Unsinn verzapft. Allerdings bin ich – alles in allem – nicht so selbstgerecht wie diese zwei Sozialdemokraten.</p>
<p>Zumindest  bei Schmidt ahne ich, woher diese Selbstgerechtigkeit kommt. <span id="more-1953"></span>Schmidt gehört  jener Alterskohorte an, die der Soziologe Helmut Schelsky als „skeptische Generation“ bezeichnete. Diese Generation war im „Dritten Reich“ aufgewachsen und machte Karriere im Kalten Krieg. Sie war  desillusioniert und pflegte den Zynismus als Attitüde; „Visionen“ waren für diese Menschen ein Fall für den Augenarzt oder die Psychiatrie; Ideen standen von  vornherein unter Ideologieverdacht; der Pragmatismus war ihre Leitphilosophie.</p>
<p>Keine  Frage, diese Haltung hat ihre Meriten. Aber ein solcher Skeptizismus birgt ihre  eigenen Gefahren. Der skeptische Pragmatiker erkennt nicht, dass auch seine  Praxis von philosophischen oder weltanschaulichen Voraussetzungen ausgeht, die umso wirksamer sind,  da sie nicht ausformuliert werden und daher ihrerseits der Ideologiekritik  entzogen bleiben. Würde man das skeptische Manifest ausformulieren, es würde vermutlich  mit Bertolt Brechts Satz beginnen: „Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen&#8230;“ Es würde mit der Feststellung weitergehen, dass man die Freiheit nicht  essen kann und dass die meisten Menschen glücklich wären, von pragmatischen  Experten möglichst geräuschlos regiert zu werden. Deshalb hielten die Skeptiker aus der SPD  den Gegensatz zwischen Kommunismus und Demokratie für maßlos übertrieben und glaubten an die „Systemkonvergenz“ unter der Ägide pragmatischer Manager, auch „Wandel durch „Annäherung“ genannt. Der Skeptiker hält die Menschen zwar nicht für gut, aber auch nicht für böse, weil er  gut und böse als Kategorien nicht anerkennt.  Für ihn zählt nur der Erfolg.</p>
<p>Wie sehr  Schmidt Opfer der eigenen unreflektierten Skepsis ist, zeigt sich – ich beziehe mich hier wie im vorigen Beitrag auf den Gesprächsband „Unser  Jahrhundert“ – in seiner Bewunderung für Hitlers Finanzminister Hjalmar Schacht,  „einen der erfolgreichsten Ökonomen, die Deutschland je besaß“, der  „Keynesianismus in Reinform praktiziert“ habe. Dass man Hitlers „Keynesianismus“ nicht loslösen kann von seiner Zielsetzung, Europa zu unterwerfen und  mit dem Gut und Blut der unterworfenen Völker die vom Reich angehäuften Schulden  zu bezahlen, hätte Schmidt in diesem Zusammenhang wenigstens beiläufig  erwähnen können.</p>
<p>Pragmatiker,  der er ist, glaubt Schmidt, dass Russland nach 1989 „einen wie Peter den  Großen“ gebraucht hätte, der zwar „das Volk missachtet, aber für jede technische und wirtschaftliche Entwicklung offen“ wäre. Leider habe Russland aber  Michail Gorbatschow bekommen: „Jeder Machthaber, der ein schwieriges Manöver namens Perestroika einleitet und zugleich eine öffentliche Meinung  schafft, eine kritische zudem, lässt sich auf ein Abenteuer ein.“ Wladimir Putin hätte es nicht besser formulieren können. Bei ihm wird die kritische öffentliche Meinung abgeschafft, notfalls per Kopfschuss. Ach ja, und  die Perestroika auch.</p>
<p>Und so  geht es bramarbassierend und besserwisserisch weiter durch die Weltgeschichte.  Denn wer sich wie Helmut Schmidt über aller Ideologie erhaben wähnt, fällt den  eigenen Vorurteilen oder den Vorurteilen der eigenen Nation, Klasse und Zeit  umso sicherer zum Opfer. Herbert Wehner bemerkte einmal, Schmidt habe „seine Manieren im Offizierskasino gelernt“. Schmidt nutzt zwar die Gelegenheit des Gesprächs mit Fritz Stern, um Hohn und Spott über Wehner auszugießen,  weil er weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg gedient habe (als Kommunist  war Wehner aus Deutschland geflohen) und daher nicht einmal wissen konnte,  dass Schmidt als Unteroffizier „nie ein Offizierskasino von innen gesehen“ habe. Aber Wehner hatte natürlich Recht, und nicht nur Schmidts  Manieren, sondern auch seine apodiktischen Aussagen, die umso selbstsicherer daher kommen,  je weniger Schmidt von der Materie versteht, seine Verachtung für  Intellektuelle und die brüske Abfertigung des wahrhaft kultivierten und  wohlmanierierten Fritz Stern bezeugen die philiströse Überheblichkeit des preußischen Militärs.</p>
<p>Das  Gespräch mit Stern dauert drei Tage. Schmidt findet darin anerkennende Worte für  seinen Nachfolger; er bringt es aber nicht fertig, die Jahrhundertgestalt seines Vorgängers  zu würdigen. Das verrät eine Engherzigkeit, die bei einem Politiker und Publizisten, den die Deutschen so verehren, zutiefst verstören muss.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2010/09/14/helmut-schmidt-und-die-fallen-des-skeptizismus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>16</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Unser Feind, der Jude</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/06/26/unser-feind-der-jude/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2010/06/26/unser-feind-der-jude/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 25 Jun 2010 23:43:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Böhme</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Böhme]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Aufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsferne]]></category>
		<category><![CDATA[Hannover]]></category>
		<category><![CDATA[Multikulti]]></category>
		<category><![CDATA[Muslime]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=1653</guid>
		<description><![CDATA[Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Okay, das ist jetzt vielleicht doch etwas arg zynisch. Aber es muss einen bei aller Unschuldsvermutung mächtig erschrecken, wer nach ersten Erkenntnissen in Hannover Steine gegen die Mitglieder einer jüdischen Tanzgruppe geworfen hat: Kinder und Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren sollen unter den Tätern sein! So [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Okay, das ist jetzt vielleicht doch etwas arg zynisch. Aber es muss einen bei aller Unschuldsvermutung mächtig erschrecken, wer nach ersten Erkenntnissen in Hannover Steine gegen die Mitglieder einer jüdischen Tanzgruppe geworfen hat: Kinder und Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren sollen unter den Tätern sein! So früh kann Hass beginnen. Und die Festgenommenen haben, wie es in schönem Amtsdeutsch heißt, arabischen Migrationshintergrund.</p>
<p>Machen wir uns nichts vor: Antisemitismus ist unter Muslimen weiter verbreitet, als es viele Multikulti-Fans wahrhaben wollen. Abwiegeln, schönreden, wegschauen – all diese Ausflüchte schaden, wenn es gilt, das Problem endlich in Angriff zu nehmen. <span id="more-1653"></span>Es ist eben kein allzu großer Schritt vom Ruf &#8220;Du Jude, du Opfer&#8221; zum Ausüben von Gewalt. Das einzugestehen, heißt nicht, alle Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Doch mit den ewig gleichlautenden Hinweisen und hilflosen Erklärungsversuchen – Bildungsferne, sozialer Brennpunkt, ärmliche Verhältnisse – unterschätzt man die Gefahr, die von der muslimischen Judenfeindschaft ausgeht.</p>
<p>Sie ist real und alltäglich – in der Schule, in den Wohnzimmern, auf der Straße. Und sie wird, keine Frage, durch den Nahostkonflikt verschärft, der als antijüdische Propagandakost ungehindert durch Fernsehsender wie Al Manar frei Haus geliefert und verinnerlicht wird. Antizionismus, Antiisraelismus, Antisemitismus – sie gehen Hand in Hand.</p>
<p>Da tut Aufklärung und eine gute Schule mehr als not. Auch bei denjenigen, die schon seit Jahrzehnten hier leben. Wenn wie in Hannover Gewalt ausgeübt wird, ist es jedoch längst zu spät für gute Worte. Dann müssen Polizei und Staatsanwaltschaft sich der Sache annehmen.</p>
<p>Die Knaben fangen zeitig an zu schießen, sagt Hedwig zu ihrem Mann in Friedrich Schillers &#8220;Wilhelm Tell&#8221;. Der entgegnet ihr, früh übt sich, wer ein Meister werden will. Hedwigs Antwort: Ach, wollte Gott, sie lernten&#8217;s nie!</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2010/06/26/unser-feind-der-jude/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>17</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Graunvolle Karfreitagsgeschichten</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/03/30/graunvolle-karfreitagsgeschichten/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2010/03/30/graunvolle-karfreitagsgeschichten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 29 Mar 2010 23:05:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Karfreitagsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Karwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzigung]]></category>
		<category><![CDATA[Ostern]]></category>
		<category><![CDATA[Passionsgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Preußen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=1152</guid>
		<description><![CDATA[Normalerweise gehört für mich Bachs Matthäus-Passion zur Karwoche wie das Weihnachtsoratorium in die Adventszeit. Wie der Berliner Jude in Michel Bergmanns schönem Roman „Die Teilacher“ sagt: „Ick bin nicht gläubig, aba’n Weihnachtsboom jab’s bei uns zuhause imma.“ Dieses Jahr aber waren wir – aus diversen Gründen, die nicht hierher gehören – nicht in der Matthäus-Passion, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Normalerweise gehört für mich Bachs Matthäus-Passion zur Karwoche wie das Weihnachtsoratorium in die Adventszeit. Wie der Berliner Jude in Michel Bergmanns schönem Roman „Die Teilacher“ sagt: „Ick bin nicht gläubig, aba’n Weihnachtsboom jab’s bei uns zuhause imma.“ Dieses Jahr aber waren wir – aus diversen Gründen, die nicht hierher gehören – nicht in der Matthäus-Passion, sondern in Carl Heinrich Grauns „Tod Jesu“. Das 1755 uraufgeführte Werk – mit einem Libretto von Carl Wilhelm Ramler, dazu gleich mehr – wurde von der Kantorei Alt-Tempelhof in der Glaubenskirche Tempelhof zu Gehör gebracht.</p>
<p>Um es vorwegzunehmen: die Musik – irgendwo zwischen dem alten Bach und seinen Söhnen angesiedelt – ist schön; der Chor war der Aufgabe absolut gewachsen; die Solisten – vor allem die Sopranstimmen Jihye Lee und Nina von Möllendorff – waren großartig. Was mich aber nachhaltig gestört, ja verstört hat, war der Text.<span id="more-1152"></span></p>
<p>Wie der interessante Begleittext des Chorleiters Wolfgang Wedel erläutert, galt die „Graun’sche Passion“ lange Zeit in Preußen als Standardwerk, bis es Ende des 19. Jahrhunderts von der Matthäus-Passion abgelöst wurde. Diese Ablösung, so Wedel, habe auch mit Ramlers Libretto zu tun, das „ein charakteristisches Produkt der Aufklärungsepoche“ und ihrer Theologie sei.</p>
<p>Nicht die Luthersche Passionstheologie stehe bei Ramler im Vordergrund, sondern der „tugendhafte Mensch Jesus“. Um das Nachempfinden seiner Leiden und Gefühle gehe es Ramler und Graun, nicht – wie bei Bach – um Geschichte und Dogma. Und Wedel schlussfolgert: „Grauns Werk wird mit seiner auf das ‚vernünftige’ moralisch-religiöse Gefühl ausgerichtete Poesie heute &#8230; wohl keine geistlich-erbauliche Wirkung mehr auslösen.“ Kann sein. Eine andere Wirkung, denke ich, kann der Text aber auch heute noch auslösen. Nämlich eine antisemitische.</p>
<p>Die schlichte historische Tatsache, dass der Jude Jesus von den Römern hingerichtet wurde (so ziemlich das einzige, was von der ganzen Passionsgeschichte als halbwegs sicher gelten kann), wird von Ramler verschwiegen. Stattdessen heißt es etwa unter Nummer 12 (Rezitativ Bariton): „Jerusalem, voll Mordlust, ruft mit wildem Ton: Sein Blut komm über uns und unsere Söhn’ und Töchter! Du siegst, Jerusalem, und Jesus blutet schon: In Purpur ist er schon des Volkes Hohngelächter&#8230;“</p>
<p>Mit „Jerusalem“ sind natürlich „die Juden“ gemeint. Die Römer kommen nur an einer Stelle vor: „Des Mitleids Stimme vom Richtstuhl des Tyrannen spricht: Seht welch ein Mensch!“ Das ist der Statthalter Pontius Pilatus. Doch mit „des Mitleids Stimme“ haben es die Juden bekanntlich schwer: „Und Juda (sic!) hört sie nicht, und legt dem Blutenden mit unerhörtem Grimme den Balken auf, woran er langsam sterben soll&#8230;“ Es ist also „Juda“, nicht Rom, der Jesus kreuzigt.</p>
<p>Und um das zu bestätigen, heißt es in Nummer 16 (Rezitativ Sopran): „Ihr Männer Israels“ – wir sind von „Jerusalem“, einer Stadt, über „Juda“, einen der zwölf Stämme, nun bei „Israel“, den zwölf Stämmen, angekommen – „Ihr Männer Israels, o ruft in eure Herzen Erbarmung! Lasst die Rach’ im Tode ruh’n. Umsonst: Die Väter höhnen ihn; ihr Hohn ist bitter, grausam fröhlich ihre Mienen.“ So sind sie, die Juden, so ist „Juda“: rachsüchtig über den Tod hinaus.</p>
<p>Wäre es zu viel verlangt, im Programmheft eine Distanzierung von solchen antisemitischen Klischees zu erwarten, die hier mit dem gewaltigen Bariton Markus Vollbergs und dem engelgleichen Sopran Jihye Lees vorgetragen wurden?</p>
<p>Man kann erwidern: am Ende steht es in den Evangelien nicht viel anders – wenn auch die Darstellung der Passionsereignisse in jedem einzelnen Evangelium verschieden ist, so dass es einen schon wundern muss, wie die Christen so tun können, als seien das zuverlässige Dokumente. Und es stimmt. Ramler bringt hier nur jene antijüdische Geschichtslüge auf den Begriff, die in den Evangelien seit 2000 Jahren  tradiert wird und die ideologische Wurzel des christlichen Antisemitismus bildet. Tatsächlich aber wurde Jesus von den Römern der Prozess gemacht, er wurde von Pilatus verurteilt und als Aufständischer – INRI: Jesus von Nazareth, König der Juden – gekreuzigt. Ob und wie weit die jüdischen Tempelpriester an der Verhaftung und Verurteilung Jesus beteiligt waren, steht dahin. Es gibt darüber keine Dokumente. Die Evangelisten, die darüber berichten, waren nicht dabei.</p>
<p>Die Aufrichtigkeit, angeblich eine christliche Tugend, müsste gebieten, in jeder Kirche zu Ostern darauf hinzuweisen, dass die Evangelien an diesem Punkt keinen Anspruch auf geschichtliche Wahrheit erheben können. Wer die Aussöhnung mit den Juden will, müsste die Lesung der Karfreitagsgeschichte – wenn schon nicht, was eigentlich zu verlangen wäre, darauf verzichtet wird – mit einer entsprechenden Erklärung begleiten, die klar feststellt: Die Juden waren und sind unschuldig am Tod Jesu. Der Papst, dem es  angeblich so sehr um die Wahrheit zu tun ist, müsste das laut verkünden. Aber nein. Karwoche für Karwoche lügt sich die Christenheit vor, der Sohn Gottes sei ein Opfer jüdischer Verstocktheit gewesen. Am Ende muss man Graun und Ramler dankbar sein, dass sie den immanenten Antisemitismus der Passionsgeschichte so deutlich herausgearbeitet haben.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2010/03/30/graunvolle-karfreitagsgeschichten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>19</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Islamophobie und sekundärer Antisemitismus</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/02/islamophobie-und-sekundarer-antisemitismus/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/02/islamophobie-und-sekundarer-antisemitismus/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 23:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Benjamin Weinthal]]></category>
		<category><![CDATA[Henryk M. Broder]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Islamophobie]]></category>
		<category><![CDATA[Judentum]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Walser]]></category>
		<category><![CDATA[Minarettverbot]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=930</guid>
		<description><![CDATA[So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So lange in Deutschland des Holocausts gedacht wird, so lange gibt es Leute, die das unangenehm finden. Das bekannteste Beispiel ist Martin Walser, der sich vor Jahren unter dem Beifall der versammelten deutschen Elite ausgerechnet in der Paulskirche dazu bekannte, lieber wegzusehen, wenn im Fernsehen wieder einmal die deutschen Verbrechen dargestellt werden und die Vermutung aussprach, „man“ wolle „uns“ damit  verletzen. Für diese Art von Äußerungen und Haltungen, gibt es mittlerweile einen Begriff: Man redet von „sekundärem Antisemitismus“.</p>
<p>Dieses Jahr können sich diejenigen freuen, die wie Walser genug vom Gedenken haben. <span id="more-930"></span>Im Vorfeld des diesjährigen Holocaust-Gedenktages haben sich jüdische Autoren ähnlich geäußert. Und, wie man weiß, ist das wichtigste Argument des Antisemiten immer: „Das sagen ja die Juden selber!“  In der israelischen Zeitung Ha&#8217;aretz schrieb der in Berlin lebende New Yorker Benjamin Weinthal: &#8220;Die Erinnerung an die Shoah ähnelt in Deutschland inzwischen einer Form von Zwangsneurose&#8221; – dem Waschzwang nämlich.</p>
<p>Und ausgerechnet im &#8220;Tagesspiegel&#8221;, dem Zentralorgan des West-Berliner Juste-Milieus, startete Weinthals Förderer Henryk M. Broder (bekannt durch Bücher wie  „Die Irren von Zion“ und „Deutsche Leidkultur“) einen Angriff auf &#8220;Jammerjuden, die in jeder Talkshow erzählen, wie viele Angehörige sie im Holocaust verloren haben und wie sehr sie sich heute vor der NPD fürchten&#8221;.</p>
<p>Nun wollen wir nicht unfair sein. Broder wollte nicht etwa, wie Walser, das deutsche gute Gewissen gegen Zumutungen verteidigen. Im Gegenteil. Broder meint, das Holocaust-Gedenken sei ein leeres Ritual, wenn aus ihm nicht die Entschlossenheit erwächst, den heutigen Islamismus zu bekämpfen.</p>
<p>Freilich ist es nicht ganz klar, ob und wo Broder die Grenze zwischen Islamismus und Islam zieht; und ob beziehungsweise wo er eine Grenze zieht zu jenen, die unter dem Deckmantel des Kampfs gegen den Islamismus einfach ihrer eigenen Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie frönen. So hat Broder nicht nur das Schweizer Minarettverbot begrüßt, sondern auch den holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders als &#8220;Radikalliberalen&#8221; gelobt. Wilders hält den Koran für ein „faschistisches“ Machwerk, fordert eine „Kopftuchsteuer“ und unterhält freundschaftliche Beziehungen zur FPÖ (Wahlslogan 2009: „Unser Kurs ist klar: Abendland in Christenhand“), die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl macht, mit ungarischen Faschisten turtelt und die jedenfalls zu Zeiten Jörg Haiders unseligen Angedenkens gute Beziehungen zum Iran unterhielt.</p>
<p>Das Mainstream-Judentum in Deutschland und anderswo hat hingegen immer – allen Zumutungen zum Trotz – den muslimischen Gemeinschaften die Hand ausgestreckt, weil es zu Recht spürte, dass Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie natürliche Bundesgenossen des Antisemitismus sind, auch wenn einige radikale Moslemhasser wie Geert Wilders sagen, sie liebten Israel &#8211; &#8220;weil es den islamischen Terrorismus bekämpft&#8221;. (Was so ziemlich der schlechteste Grund ist, den jüdischen Staat zu lieben, den man sich denken kann.)</p>
<p>In seinem Tagesspiegel-Artikel stellt Broder die rhetorische Frage,  „ob der Islam tatsächlich eine Religion des Friedens ist oder vielleicht eher eine religiös verbrämte Ideologie der Unterwerfung“. Es liegt auf der Hand, dass es auf diese Schein-Frage keine Antwort geben kann, was sofort einleuchtet, wenn man ein Gedankenexperiment vornimmt und im vorliegenden Zitat  „der Islam“ durch „das Christentum“ ersetzt.</p>
<p>Aus jeder Religion kann man so ziemlich alles herauslesen; auch deshalb ist die Religionskritik so bitter nötig, und nirgendwo nötiger als im Islam. Aber es besteht ein Unterschied zwischen der Religionskritik und der Diffamierung aller Angehörigen einer Religion als Anhänger einer „Ideologie der Unterwerfung“. Im Zusammenhang einer solchen Diffamierung laufen die Positionen Broders und Weinthals auf Folgendes hinaus: Deutschland erwache, hör auf damit, dich wegen deiner Vergangenheit zu geißeln, hör auf, den &#8220;Jammerjuden&#8221; zuzuhören und schließe dich dem Kreuzzug gegen jene Millionen Muslime an, die „Unterwerfung“ fordern.</p>
<p>Es ist klar, dass diese Botschaft viele Deutsche anspricht, die begierig sind, sich ihrer Verantwortung dafür zu entledigen, das Gedenken an den Holocaust aufrechtzuerhalten – vor allem, weil sie ihnen erlaubt, in Fremdenfeindlichkeit gegenüber Muslimen zu schwelgen und sich gleichzeitig gut dabei zu fühlen. Schließlich haben sie jetzt aus berufenem Munde das Koscher-Siegel erhalten. So fördert die Islamophobie den sekundären Antisemitismus.</p>
<p>Was niemanden wundern dürfte. Denn wie der – bezeichnenderweise besonders von Weinthal mit persönlichem Hass verfolgte – Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz feststellt, und wie die Vorurteilsforschung seit langem weiß, ähneln sich die Grundmuster aller Phobien – gegen Schwule oder Freimaurer, Amerikaner oder Muslime – und folgen jenem fürchterlichen Urmuster, das der christliche Antijudaismus vorgab und das leider nicht in Auschwitz endete.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2010/02/02/islamophobie-und-sekundarer-antisemitismus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>43</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was ist los in der Antisemitismuskommission des Bundestags?</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2009/12/08/was-ist-los-in-der-antisemitismuskommission-des-bundestags/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2009/12/08/was-ist-los-in-der-antisemitismuskommission-des-bundestags/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 07 Dec 2009 23:12:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Antizionismus]]></category>
		<category><![CDATA[Bundestag]]></category>
		<category><![CDATA[Henryk Broder]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kommission]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsradikal]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=694</guid>
		<description><![CDATA[Mit Beschluss des Bundestags vom 4. November 2008 wurde ein „Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus“ eingerichtet, der Regierung und Parlament regelmäßig über den Antisemitismus und Maßnahmen zu seiner Bekämpfung sowie über die Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland berichten soll. Der Expertenkreis konstituierte sich am 9. September 2009 und soll Ende 2011 einen ersten Bericht vorlegen. http://www.bmi.bund.de/cln_095/DE/Themen/PolitikGesellschaft/PolitBildGesellZusammen/Expertenkreis/expertenkreis.html [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Beschluss des Bundestags vom 4. November 2008 wurde ein „Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus“ eingerichtet, der Regierung und Parlament regelmäßig über den Antisemitismus und Maßnahmen zu seiner Bekämpfung sowie über die Förderung des jüdischen Lebens in Deutschland berichten soll. <span id="more-694"></span>Der Expertenkreis konstituierte sich am 9. September 2009 und soll Ende 2011 einen ersten Bericht vorlegen.</p>
<p>http://www.bmi.bund.de/cln_095/DE/Themen/PolitikGesellschaft/PolitBildGesellZusammen/Expertenkreis/expertenkreis.html</p>
<p>Es liegt in der Natur der Sache, dass es über diese Fragen verschiedene Meinungen gibt. Weniger im Grundsätzlichen als vielmehr in der Frage der Gewichtung. Vor allem gehen die Meinungen in der Frage auseinander, ob der sozusagen traditionelle, europäische Antisemitismus rechtsradikaler Gruppen im Zentrum der Arbeit stehen sollte, oder ob der islamistische Antisemitismus und der sich als Antizionismus gerierende linke Antisemitismus eine größere Gefahr darstelle. Die Antwort des gesunden Menschenverstands wäre, so meint man: beide analysieren, beide bekämpfen. Und so sind denn auch sowohl Experten für die eine wie für die andere Spielart des Antisemitismus im Arbeitskreis vertreten.</p>
<p>Nun wird manche Leserin vielleicht einwenden, der Antizionismus sei gar kein Antisemitismus, und Linke seien als Antirassisten von vornherein nicht des Rassen-Antisemitismus verdächtig. Oder meine, dass die Antisemitismuskeule nur eine Waffe der politisch Korrekten sei, um Gegner rechts der politischen Mitte mundtot zu machen. Oder… Genau deshalb hat sich der Expertenkreis vorgenommen, zuerst in geschlossenen Sitzungen eine Klärung der eigenen Terminologie und des eigenen Untersuchungsgegenstands vorzunehmen. Sehr vernünftig.</p>
<p>Freilich gibt es Leute, die an einer solchen Klärung nicht interessiert sind, denen vielmehr daran gelegen ist, das Gremium – oder einzelne Mitglieder – schon vor Aufnahme der Arbeit zu delegitimieren und zu diffamieren. Diesen Leuten geht es darum, aus einem „Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus“ ein Kampfkomitee gegen Islamismus zu machen. Wer sich ihrem Ansinnen widersetzt, hat mit Diffamierung zu rechnen.</p>
<p>Das Problem ist, dass sie Informanten innerhalb des Expertenkreises – oder, wie sie gegenüber Mitgliedern des Expertenkreises prahlen, im federführenden Innenministerium – haben. So werden interne Diskussionen nach außen kolportiert und Mitglieder des Expertenkreises unter Druck gesetzt, ihrerseits Informationen zu liefern, „da wir sowieso alles wissen“. Statt offener Diskussionen gibt es nun im Expertenkreis gegenseitige Vorwürfe, Verdächtigungen und Rücktrittsdrohungen. Die Runde droht zu scheitern, bevor sie überhaupt ihre Arbeit aufgenommen hat. Die Sieger wären die Antisemiten – ob linke oder rechte, islamische oder christliche. Die Verlierer wären wir alle.</p>
<p>Was ist zu tun?</p>
<p>Erstens: Die Quelle, die Journalisten mit Interna versorgt, im Wissen, dass diese sie im Rahmen einer Kampagne gegen den Expertenkreis veröffentlichen werden, muss gefunden werden. Wer das auch immer sei – ein Mitglied des Expertenkreises oder ein Beamter des Innenministeriums – muss entfernt werden.</p>
<p>Zweitens: Dem Expertenkreis sollte die Ruhe gegönnt werden, die er braucht, um vernünftig zu arbeiten.</p>
<p>Drittens: Die Strippenzieher der Kampagne gegen den Expertenkreis – Henryk M. Broder, Benjamin Weinthal und Levi Salomon – haben selbstverständlich jedes Recht, ihre Agenda zu verfolgen, so schädlich diese auch für den Kampf gegen den Antisemitismus und das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland sein mag. Jedoch haben sie nicht das Recht, sich als unabhängige Journalisten (im Falle Weinthals), unabhängige Experten (im Falle Salomons) oder unabhängige beleidigte Leberwürste (im Falle Broders) auszugeben. Sie sind Partei, und sie sollten das offen bekennen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2009/12/08/was-ist-los-in-der-antisemitismuskommission-des-bundestags/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>8</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

