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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Sarrazin sei Dank!  &#8211; Deutschland streitet über seine Zukunft</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 19:53:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daniel Dettling</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vorweg: die Hauptthese des neuen Buchs von Thilo Sarrazin – 50 bis 80 Prozent an Intelligenz seien vererbbar – ist grotesk und falsch. Wissenschaftlich kann er diese These nicht beweisen. Und dennoch sollten wir dem Noch-Bundesbanker und ehemaligen Berliner Finanzsenator dankbar sein. Aus zwei Gründen: Die Republik streitet, wenn auch empört und erregt wie seit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vorweg: die Hauptthese des neuen Buchs von Thilo Sarrazin – 50 bis 80 Prozent an Intelligenz seien vererbbar – ist grotesk und falsch. Wissenschaftlich kann er diese These nicht beweisen.</p>
<p>Und dennoch sollten wir dem Noch-Bundesbanker und ehemaligen Berliner Finanzsenator dankbar sein. Aus zwei Gründen: Die Republik streitet, wenn auch empört und erregt wie seit langem nicht mehr, über das vielleicht wichtigste Zukunftsthema – die Integration hier lebender Migranten. Der Noch-Sozialdemokrat Sarrazin führt zweitens ein Lager zusammen, das viele bereits aufgegeben hatten – Union und Grüne.<span id="more-1902"></span></p>
<p>Dass Ramona Pop (Grüne) und Thomas Heilmann (CDU) von der linken TAZ in der gestrigen Ausgabe eine ganze gemeinsame Seite zum Thema eingeräumt wurde, hat es noch nicht gegeben. Ein Jahr vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist der von beiden Politikern verfasste Essay ein Fanal zur Ablösung des rot-roten Senats.</p>
<p>Der Koalition aus SPD und Linkspartei ist zum Thema Integration und Bildung in bald 10 Jahren Regierungsverantwortung nichts eingefallen. Die verlorenen Jahre bekommen Tausende von Berliner Schülern bitter zu spüren. Zu lange hat insbesondere die Sozialdemokratie nicht hin hören wollen,  wenn Politiker wie Buschkowsky und Sarrazin auf die fehlende Bildungsbeteiligung insbesondere junger Türken und Araber hingewiesen haben.</p>
<p>Am Ende helfen nur Übertreibung und Provokation. Beides muss eine demokratische Streit-Gesellschaft aushalten können. Thilo Sarrazin schützt das Recht auf Meinungsfreiheit. Doch wer schützt die Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft eigentlich vor untätigen Politikern? Noch ist es nicht zu spät. „Früher investieren (in Bildung und Kitas) statt spät mit Polizei und Pädagogen zu reagieren“ muss das gemeinsame Ziel lauten. Jetzt nur mit Empörung und Erregung zu reagieren, wie es Medien und Politik tun, ist wohlfeil und wirkungslos.</p>
<p>In Deutschland tickt eine Zeitbombe. Sie zu entschärfen wird Geld, Geduld und Gelassenheit erfordern. Ressourcen, über die dieses Land eigentlich zu Genüge verfügt.</p>
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		<title>Wo ist es nur – das &#8220;Juden-Gen&#8221;?</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 16:09:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gastautor</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[Von Alexander Görlach, Herausgeber und Chefredakteur &#8220;The European&#8221;: Hätten Sie gedacht, dass wir noch einmal in der deutschen Öffentlichkeit darüber diskutieren, ob Juden ein bestimmtes Gen teilen? Ich nicht. Bis Thilo Sarrazin kam. Und einen Artikel aus dem Tagespiegel aufgriff, der sich wiederum auf zwei Studien berief, die in den beiden Zeitschriften Nature und American [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Von <strong>Alexander Görlach</strong>, Herausgeber und Chefredakteur <a title="Webseite von &quot;The European&quot;" href="http://www.theeuropean.de/">&#8220;The             European&#8221;</a>:</p>
<p>Hätten Sie gedacht, dass  wir noch einmal in der deutschen Öffentlichkeit darüber diskutieren, ob  Juden ein bestimmtes Gen teilen? Ich nicht. Bis Thilo Sarrazin kam. Und  einen Artikel aus dem <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/abrahams-kinder/1860976.html">Tagespiegel</a> aufgriff, der sich wiederum auf zwei Studien berief, die in den beiden  Zeitschriften <a href="http://www.nature.com/nature/journal/v466/n7303/full/nature09103.html">Nature</a> und <a href="http://www.cell.cm/AJHG/abstract/S0002-9297%2810%2900246-6">American  Journal of Human Genetics</a> erschienen waren.</p>
<p>Wovon handeln die  Studien? Bis zu ihrer Veröffentlichung ging man in der Forschung davon  aus, dass die beiden Hauptströmungen der jüdischen Religion, die  aschkenasischen und die sephardischen Juden, sich erst in der Zeit nach  der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) herausgebildet haben. Die Juden  in der sogenannten weltweiten Diaspora hätten sich mit den jeweiligen  Bevölkerungsgruppen in den neuen Siedlungsgebieten vermischt. Daraus  seien diese beiden Großgruppen entstanden. Die Studien, auf die sich der  “Tagespiegel” und infolgedessen Herr Sarrazin beruft, kommen nun zu  einem gegenläufigen Ergebnis.<span id="more-1897"></span></p>
<p>Vergleiche mit sieben Gruppen von Juden,  die nicht im Nahen Osten leben, mit Juden und Nicht-Juden, die in  dieser Gegend leben, haben gezeigt, dass die genetische Ähnlichkeit  höher ist, als bislang gedacht. Das widerlegt die These des jüdischen  Historikers Schlomo Sand, dass die aschkenasischen und die sephardischen  Juden keinen gemeinsamen Ursprung haben. Die heute noch feststellbare  Höhe der gemeinsamen genetischen Merkmale lässt den Schluss zu, dass  diese Gruppen im Laufe der Zeit stärker unter sich geblieben sind. Allen  gemein ist die Ähnlichkeit bestimmter Gen-Cluster. Ähnlichkeit heißt  aber nicht: genaue Übereinstimmung. Es gibt also nicht ein oder das  Juden-Gen.</p>
<p>Die beiden Studien sagen nichts aus zum Thema Vererbung  von Intelligenz. Und sie sagen nichts darüber, dass es etwas wie  rassenspezifische Eigenschaften gäbe. Weder allgemein noch solche, die  allein und exklusiv auf die Juden übertragbar wären. Die Grenze dessen,  was mithilfe von Genen gesagt werden kann, würde dann auch deutlich  überschritten, sollte jemand diese Aussage treffen: Menschen werden  nicht nur von Genen bestimmt. Die natürliche Umwelt, das soziale Umfeld,  Kultur und Religion. Juden verbindet nicht die Biologie, sondern die  gemeinsame Religion und ein gemeinsames kulturelles Erbe.</p>
<p>Wo liegt der Fehlschluss in den  Annahmen von Herrn Sarrazin? Neben dem Beispiel der Juden, so sagte er  es in einer Talkrunde, habe er auch das Beispiel der Engländer, die auch  gemeinsame Erbanlagen aufweisen. Daran ist wissenschaftlich nichts  Fragwürdiges: Auch die Franzosen haben im Vergleich mit Nichteuropäern  genetische Ähnlichkeiten. Sie haben denselben Siedlungsraum und pflanzen  sich miteinander fort. Dennoch würde weder der Franzose selbst noch der  Nichtfranzose in der Beobachtung des Franzosen alles Französische den  Genen zuschreiben. Zusammenhänge weisen immer über den Ist-Zustand  hinaus. Das gilt auch für die Türken und die Menschen, die in den  Ländern leben, die wir zusammenfassend als arabische Welt bezeichnen.  Sie sind es, auf die Herr Sarrazin mit seinem Vergleich eigentlich  hinaus will.</p>
<p>So wie wir wissen, dass sich der Genpool eines  Individuums aufgrund seiner Erfahrungen innerhalb eines Lebens schon  verändern und er diese an seine Nachkommen weitergeben kann, so wissen  wir auch, dass die geschichtlichen Prägungen, der Umgang mit  Naturkatastrophen, technische Revolutionen den Menschen verändern. So  wie die Franzosen etwas verbindet, so verbindet letztlich auch alle  Menschen etwas. Denn auch alle Homines sapientes, die heute leben,  stammen aus einem Siedlungsgebiet. Alle Menschen haben genetische  Ähnlichkeiten.</p>
<p>Wir sind also auch  Herr über unsere Gene. Herren über unseren Willen. Es gibt keine  Vorherbestimmung zu einem Leben in resignierter  Reproduktionsbereitschaft. Es gibt ein erfülltes Leben in einem  Gemüsegeschäft mindestens genauso wie in einem Bankenturm. Gene sind  nicht produktiv. Menschen sind es. Gene können sich nicht integrieren,  Menschen schon.</p>
<p>So sind es auch die kulturellen Prägungen und  sozialen Rahmenbedingungen, die Integration verhindern können. Wir  wissen, dass es Zuwanderer aus muslimischen Familien schwerer haben,  häufiger auffallen, straffällig werden. Wir wissen, dass es im Alltag  viele Probleme im Zusammenleben gibt: bei Eheschließungen, bei  Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion, bei Kopftuch und  Burka, beim Sportunterricht für die Mädchen und beim Moscheebau. Das mag  an vielem liegen, ganz gewiss auch an den weit verbreiteten  Vorurteilen, die es im Islam gegenüber Nichtmuslimen gibt. Es liegt aber  nicht an den Genen. Toleranz kann nicht vererbt werden, Herr Sarrazin.  Auch von uns Deutschen nicht. Schön wäre es, wenn es dafür ein Gen gäbe.</p>
<p><em>zuerst erschienen auf www.theeuropean.de</em></p>
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		<title>Ein faules Ei</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 23:22:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[1895 erschien in der Londoner satirischen Zeitschrift „Punch“ eine Karikatur mit dem Titel „Wahre Bescheidenheit“. George du Maurier zeichnete einen jungen, etwas ängstlich dreinschauenden Pfarrer am Tisch seines Bischofs. Der Bischof sagt: „Ich fürchte, Sie haben ein faules Ei bekommen, Mr. Jones.“ Der Pfarrer erwidert: „O nein, Mylord, ich kann Ihnen versichern, dass Teile davon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1895 erschien in der Londoner satirischen  Zeitschrift „Punch“ eine Karikatur mit dem Titel „Wahre Bescheidenheit“. George du Maurier zeichnete einen jungen, etwas ängstlich dreinschauenden Pfarrer  am Tisch seines Bischofs. Der Bischof sagt: „Ich fürchte, Sie haben ein faules Ei bekommen, Mr. Jones.“ Der Pfarrer erwidert: „O nein, Mylord, ich kann Ihnen versichern, dass Teile davon ganz ausgezeichnet  sind.“</p>
<p>Die Karikatur ist unsterblich geworden, denn die Redewendung, „a  curate’s egg“ ist inzwischen Teil der englischen Sprache. Ein faules Ei stinkt  nun einmal zum Himmel, und nur „wahre Bescheidenheit“ entdeckt in ihr „ganz ausgezeichnete“ Teile. Thilo Sarrazins neues Werk ist ein solches Ei. <span id="more-1892"></span></p>
<p>Immer wieder schreiben und sagen Leute, dass der Schnauzbärtige ja auch  Tatsachen anspreche. Natürlich tut er das. Jeder Demagoge tut das. Jeder Populist  tut das. Aber Demagogie und Populismus stinken trotzdem zum Himmel, wie das  Ei des armen Pfarrers. Man sollte nicht so bescheiden sein, den Geruch zu  leugnen. Eine andere Frage ist die nach seiner chemischen Zusammensetzung.</p>
<p>Sigmar Gabriel fragt sich, warum Thilo  Sarrazin noch in der SPD ist. In der letzten Ausgabe der „Welt am Sonntag“ hat Sarrazin geantwortet, dass die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen zur  Zwangsassimilation der hiesigen Muslime, vom Kindergartenzwang über die  Ganztagsschulpflicht bis hin zum Einwanderungsstopp, bis sich das biologisch „ausgewachsen“ hat, durch und durch sozialdemokratisch seien. Er hat Recht. Und da liegt das Problem für die SPD.</p>
<p>Dem Sozialismus – auch dem demokratischen  Sozialismus – sind als Geburtsfehler die Staatsgläubigkeit und der Nationalismus  eingeschrieben. Den Vorwurf der Staatsgläubigkeit muss man hier wohl nicht erläutern;  der Vorwurf des Nationalismus aber mag nicht unmittelbar einleuchten, da  sich die Sozialisten seit Karl Marx zum Internationalismus bekennen.</p>
<p>Da jedoch  die Staaten bis heute als Nationalstaaten organisiert sind, stellte – allem  proklamierten Internationalismus zum Trotz – der Sozialnationalismus immer eine  Versuchung für die Sozialisten dar, und oft – siehe die Bewilligung der Kriegskredite 1914 durch die SPD und der allgemeine Patriotismus aller  Parteien der „Zweiten Internationalen“ – mehr als nur eine Versuchung. Man will ja das im eigenen Nationalstaat erreichte, nicht durch andere –  angeblich faule Türken oder allzu hart arbeitende Chinesen – gefährden lassen.</p>
<p>Wer in sozialnationalen Kategorien denkt,  landet früher oder später beim Rassismus. Es ist ja kein Zufall, dass Oskar Lafontaine 2005  in Chemnitz gegen „Fremdarbeiter“ wetterte, die „deutschen Arbeitern den Arbeitsplatz wegnehmen“. Leute mit einem etwas längeren Gedächtnis erinnern sich auch, wie die IGM-Betriebsräte mit den Meistern  und Vorarbeitern bei Ford Köln während des großen, „wilden“ Streiks 1973 auf die türkischen Arbeiter unter ihrem gewählten Anführer Baha Targün  losgingen und sie mit Schlagstöcken und Schlagringen verprügelten. „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei“ lautete die Überschrift in der  „Bild“-Zeitung.</p>
<p>Und es ist kein Zufall, dass dem Sozialdemokraten Franz Müntefering zur Bezeichnung amerikanischer, oft jüdischer Hedgefonds-Manager der Begriff „Heuschrecken“ einfiel, womit er eine alte Nazi-Tradition aufgriff, die dem „artfremden“ Juden – dem „Wall-Street-Juden“ wie dem „Kreml-Juden“ – als „Ungeziefer“ ihr menschliches Wesen absprach. Es ist eben kein Zufall, dass sich Linke und Rechte oft in ihrer reflexhaften  Gegnerschaft gegen die Globalisierung einig sind. Die Vorstellung, der Rassismus sei allein  den „Rechten“ vorbehalten, ist ein Missverständnis.</p>
<p>Dem Sozialismus – auch dem demokratischen  Sozialismus – ist auch ein gefährlicher, zuweilen menschenfeindlicher Kollektivismus als Geburtsfehler eingeschrieben. Das Allgemeinwohl geht für den  Sozialisten vor dem Individualwohl. (Und natürlich bestimmt er, was das  Allgemeinwohl ist.) „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist eine ursozialdemokratische Parole, die Sarrazin nun gegen die „unproduktiven“ Zuwanderer wendet: Wer nicht arbeitet, sondern nur „Kopftuchmädchen“ produziert, soll auch keine Sozialhilfe bekommen.</p>
<p>Man könnte zurückfragen, ob der Sozialhilfeempfänger, dessen  „Koptuchmädchen“ bei richtiger Förderung durchaus tüchtige Verkäuferinnen bei seinem  Nachbarn, dem „türkischen Gemüsehändler“, oder Polizistinnen, Anwältinnen und Ärztinnen werden  können, dem Allgemeinwohl nicht mehr nutzt als die  kinderlose Frau eines Bankers, der sein Vermögen auf Schweizer Banken bringt, aber  damit wäre man schon dem Nationalkollektivismus auf den Leim gegangen.</p>
<p>Dem Sozialismus ist schließlich der Traum  von der Perfektibilität des Menschen eingeschrieben. In Verbindung mit ihrer Staatsgläubigkeit  und ihrem Kollektivismus führt der Traum von der Optimierung der  Gesellschaft in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zum Albtraum der Zwangs-Eugenik;  nirgendwo wurde vor 1933 die Verbesserung des „Genpools“, von dem Sarrazin faselt, so rigoros – durch die massenhafte Sterilisierung  „minderwertiger“ Frauen – betrieben wie in den sozialdemokratisch regierten Ländern Skandinaviens. Es ist kein Zufall, dass es ein  sich als linksstehend verstehender Philosoph war, der vor einigen Jahren wieder öffentlich  über eugenische „Regeln für den Menschenpark“ nachsann.</p>
<p>Wenn man anfängt, in kollektiven Begriffen  zu denken, landet man früher oder später bei Rassismus und anderen menschenfeindlichen Vorstellungen. Der Kollektivist kann vor lauter Wald die Bäume nicht  sehen.</p>
<p>Gegen den Sozialnationalismus, den  Sozialkollektivismus und die Sozialeugenik beharren das Judentum, das Christentum und der  Liberalismus auf dem nichthinterfragbaren Wert des Individuums. Für Immanuel Kant  bedeutete das, in jedem Menschen einen Zweck an sich, nie ein Mittel zum Zweck zu  sehen. Das heißt, der Zuwanderer ist nicht Mittel zur Steigerung des  Bruttosozialprodukts, die Frage seiner „Produktivität“ verbietet sich. (Dass ausgerechnet das Vorstandsmitglied einer völlig überflüssigen Behörde wie der  Bundesbank anderen Leuten mangelnde Produktivität vorwirft, ist nur eine weitere  Ironie.)  „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz, sie zu schützen sei oberste Pflicht des Staates. Soll heißen (und sollte heißen): die Würde des Individuums, nicht des Gattungswesens. Seine  Würde schützen bedeutet unter anderem, ihn vor unsinnigen Verallgemeinerungen  zu schützen: Katholiken sind falsch; Juden sind schlau; Muslime sind dumm; Kapitalisten sind unmoralisch; Hartz-IV-Empfänger sind arbeitsscheu;  Griechen auch. Bullshit.</p>
<p>Wie kann man den türkischen Bankier, die iranische Rechtsanwältin, den libanesischen Drogenhändler, die marokkanische Dolmetscherin, den palästinensischen Sozialarbeiter, die bosnische  Hausfrau und den kurdischen Gemüsehändler unter dem Begriff „muslimische Zuwanderer“ subsumieren, ihnen kollektiv eine mindere Intelligenz, einen mangelnden Integrationswillen und eine zu geringe „Produktivität“ vorwerfen? Seit wann gibt es so etwas wie eine Kollektivhaftung?</p>
<p>Nun ja, und hier versagte übrigens das  Christentum und schuf das Urbild aller Gruppendiskriminierung: bei den Juden, dem „Volk der Gottesmörder“.  Auch Sarrazin erkennt an ihnen ein Kainsmal: „Alle Juden haben ein Gen“, raunt er in der „Welt am Sonntag“, sagt aber nicht, wo es sitzt und was es bewirkt: Die krumme Nase? Die  hängende Unterlippe? Das Fehlen eines Gefühls für Transzendenz? Die sexuelle  Raffinesse? Die Begabung fürs Geldvermehren? Die Gemeinheit gegenüber den  Palästinensern? Und was bewirkt das Muslim-Gen?</p>
<p>Liberale aber kennen keine Kollektivhaftung.  Der viel geschmähte Ausruf Margaret Thatchers, „There is no such thing as society“, meinte eben das: schauen wir nicht auf das Allgemeine, schauen wir auf das Individuum. Im Guten wie im Schlechten. Weder kann „die Gesellschaft“ für das Scheitern eines Individuums kollektiv haftbar gemacht werden, noch kann das Individuum danach beurteilt werden, was er  oder sie „der Gesellschaft“ bringt. In diesem Sinne darf es für Liberale „die Gesellschaft“ nicht geben.</p>
<p>Übrigens: Nichts gegen Kinderkrippen,  Kindergärten, Ganztagsschulen, Sprachkurse, deutschsprachige Imame, schnellere  Gerichte und Polizei auf der Straße. Im Gegenteil. Mehr davon! Nicht, um die Muslime zu guten Deutschen umzuerziehen, was das auch immer bedeuten mag. Sondern um  jedem und jeder zu ermöglichen, ihr ganzes menschliches Potenzial zu  verwirklichen.</p>
<p>Wenn die Muslime in ihrer Mehrheit das tun, wer sollte etwas dagegen haben, dass  sie einmal nicht wie jetzt sechs, sondern zwölf oder zwanzig Prozent der  deutschen Gesellschaft ausmachen? Wie wird diese Gesellschaft dann aussehen? Und  wie wird sich der Islam verändern? Wir wissen es nicht, das ist das Schöne. Die  Zukunft ist offen. Die Angst davor ist ein schlechter Ratgeber. Und wer den  Leuten Angst vor der Zukunft machen will, wie der Sozialdemokrat Thilo  Sarrazin, will ihnen einen schlechten Rat geben. Will ihnen ein faules Ei als beste  Frischware unterjubeln.</p>
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		<title>Man sieht nur mit den Augen gut</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Aug 2010 23:08:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Klaus Kocks</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<description><![CDATA[Der berühmte Kleine Prinz, der Lieblingsroman aller Realschüler, sagt, dass man nur mit dem Herzen gut sehe. Das ist natürlich einfach sozialromantischer Kitsch. Und bestimmt das Lieblingsbuch von Christian Wulff aus Hannover. Alles Quatsch: Man sieht nur mit den Augen gut. Allerdings ist man auch gut beraten, ihnen zu trauen und die Wahrnehmung nicht durch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der berühmte Kleine Prinz, der Lieblingsroman aller Realschüler, sagt, dass man nur mit dem Herzen gut sehe. Das ist natürlich einfach sozialromantischer Kitsch. Und bestimmt das Lieblingsbuch von Christian Wulff aus Hannover.</p>
<p>Alles Quatsch: Man sieht nur mit den Augen gut. Allerdings ist man auch gut beraten, ihnen zu trauen und die Wahrnehmung nicht durch Sprüche  überlagern zu lassen. Der Kaisers neue Kleider nimmt man wahr, wenn man sich die Ohren vor der majestätischen Propaganda verschließt und seinen Augen traut. Ich habe in Hannover diesen Freund, der gehörlos ist, ein Tauber, so hätte man das früher gesagt.<span id="more-1886"></span></p>
<p>Er muss sich das Leben halt mit den Augen erschließen. Und es gelingt ihm mal schlecht und mal ganz gut und in vielen Fällen erstaunlich gut. Er selbst kann es nicht mehr hören, wenn man Menschen mit einem Handicap übersinnliche Fähigkeiten zubilligt, weil diese Annahme meist durch das schlechte Gewissen der Alltagsdiskriminierung diktiert ist.</p>
<p>Aber, da beißt die Maus keinen Faden ab, schon in der Antike war der Weise, der Seher, blind, siehe Teiresias bei Sophokles. So necke ich meinen Kumpel in Hannover mit dem Spitznamen Teiresias. Besuche ich ihn, erlebe ich das Fernsehprogramm ohne Ton, manchmal mit Untertiteln, meist aber einfach nur als Bilderfolge.</p>
<p>Ich entdecke erstaunliche Dinge, seit ich Politiker von ihrer Körpersprache her zu beurteilen suche. Der als künftiger Kanzler hochgelobte Adelsspross von und zu Guttenberg etwa hat die Gestik eines Modells für Herrenoberbekleidung aus Mailand.</p>
<p>Und zwar unabhängig vom Kontext: Er steht da wie der Armani-Mann, ob ihm nun ein Truppentransporter als Kulisse dient oder ein Untersuchungsausschuss.  Die körpersprachliche Nähe zu anderen Angehörigen des fränkischen Society-Adels, etwa der glorreichen Gloria von Thurn und Taxis und ihrem verstorbenen Gatten, ist unübersehbar.</p>
<p>Der Mann posiert, Gel im Haar, die Kleidung sorgfältig gewählt. Man sieht deutlich, was ihn treibt, die Eitelkeit. Und die Kenner der griechischen Tragödie wissen, was ihn eines Tages umbringen wird, seine Eitelkeit.</p>
<p>Oder Maybrit Illner, die Lady aus der Talkshow, die sich für eine Journalistin hält und auf Kollegen wie den „Soft-Talker Lanz“ (Illner) und den „Show-Man Plasberg“ (Illner) herabblickt: Sieht man sie an, ohne ihre hastig haspelnde Sopranstimme zu hören, blickt man in ein erstaunlich beschränktes Repertoire von Schlaumeier-Mimik und Schweinchen-Schlau-Gestik; ach je, die gelernte Sportreporterin aus der DDR macht auf „intellent“, wie der Berliner zu sagen pflegt.</p>
<p>Und so sehr die schreibende Klasse sich auch an dem SPD-Chef Sigmar Gabriel reiben mag, seine Leute halten ihn nicht für einen Windhund, den die Presse gerne aus ihm zu machen sucht. Der Dicke meint, was er sagt, sagt, was er meint.</p>
<p>Für die Genossen hat er die Kraft eines Räumpanzers und die Lebensgewohnheiten, die auch für den eigenen Bauchansatz verantwortlich sind. Gabriel, den sie Harzer Roller nennen und Dampfwalze, hat das Potential eines Franz Josef Strauß, nicht der eitle Gutsherr im Boss-Anzug.</p>
<p>Und dann der Besuch der Kanzlerin bei den Herren der Atomwirtschaft im Kernkraftwerk Emsland in Lingen. Man sieht den RWE-Chef Grossmann, der oft auf das Ausmaß und die erhabenen Gründe seiner Korpulenz zu sprechen kommt, wie einen Lakaien mit Schirm vor dem Kanzlerauto stehen.</p>
<p>Ach je, ist das klein, denke ich und lese im SPIEGEL: „ Selbst mächtige Vorstandschefs können aufgeregt sein wie Schulbuben beim Vorsingen. Jürgen Grossmann, Boss des 50-Milliarden-Euro-Multis RWE, tropft der Schweiß auf die Krawatte. Johannes Teyssen, Chef des 80-Milliarden-Euro-Konzerns E.on, schiebt seine Hände immer wieder in die Hosentasche und heraus. Er stellt sich erst vor seinen  Gast, dann daneben, schließlich hinter ihn. Er tapst von einem Bein aufs andere.“ Gerade hatte Grossmann noch die Machtfrage in der Energiepolitik mittels ganzseitigem Inserat gestellt; und schon kommt die Angst, dass ihm diese von der amtierenden Bundesregierung auch beantwortet wird.</p>
<p>Und dann, darauf bitte ich zu achten, der Herr Bundespräsident, der, gerade vom Anwesen des Multimillionärs Maschmeyer ins schnöde Berlin zurückgekehrt, neben seiner Frau herläuft. Er läuft mental hinter seiner Frau her.</p>
<p>Bettina, die First Lady, hat das Sagen; das hatte Bettina schon immer, sagt mein Kumpel aus Hannover, der sie aus dem Studium und vom Tresen eines Fitnessclubs vor Ort kennt.  Wie Wilhelmine bei Heinrich Lübke selig, sagt er. Wer Augen hat zu sehen…</p>
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		<title>Hau den Yussuf</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Aug 2010 12:59:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Böhme</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Überfremdung]]></category>

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		<description><![CDATA[Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen. Und wie. Genügten dem ehemaligen Berliner Finanzsenator und heutigen Bundesbanker bis vor Kurzem noch Interviews, um seine deutschtümelnden Thesen vom Untergang des Abendlandes unters Volk zu bringen, präsentiert er nun seine Vorschläge zur Rettung vor den Muslimhorden in Buchform. Herausgekommen ist bei „Deutschland schafft sich ab“ eine populistische Provokation à [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Thilo Sarrazin hat wieder zugeschlagen. Und wie. Genügten dem ehemaligen Berliner Finanzsenator und heutigen Bundesbanker bis vor Kurzem noch Interviews, um seine deutschtümelnden Thesen vom Untergang des Abendlandes unters Volk zu bringen, präsentiert er nun seine Vorschläge zur Rettung vor den Muslimhorden in Buchform.</p>
<p>Herausgekommen ist bei „Deutschland schafft sich ab“ eine populistische Provokation à la Möllemann. „Hau-den-Yussuf“ lautet das Motto. Beispiel gefällig? <span id="more-1881"></span>„Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken Türkisch und Arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.“</p>
<p>Oder biologistisch formuliert: „Bleibt die Geburtenrate der Migranten dauerhaft höher als die der autochthonen Bevölkerung, so werden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.“</p>
<p>Man merkt es fast bei jedem Satz, dass Sarrazin die Angst vor dem Islam, den Arabern und den Türken schier um den Schlaf bringt. Aber er, der Durchblicker und einzig wahre Gefahrenerkenner, stellt sich dieser Bedrohung mutig in den Weg. Seine Waffe ist das Ressentiment, seine Kugel das Vorurteil, und im Visier hat er Mohammeds Gefolgsleute.</p>
<p>Nun ist es nicht so, dass Thilo Sarrazin dumpfbackig den glatzköpfigen Nazi gibt. Der Mann mit dem SPD-Parteibuch (wohl nur noch für kurze Zeit) hat schon ein paar Punkte, über die es dringend einer Diskussion in Deutschland bedarf.</p>
<p>Viele Familien mit Migrationshintergrund nutzen die Annehmlichkeiten des Sozialstaats weidlich aus. Die Sprachkenntnisse sind oft mangelhaft, aber es gibt kaum Druck von außen, dies zu ändern. Der Integrationswillen ist zuweilen nur marginal ausgeprägt.</p>
<p>Das geht oft so weit, dass man mit Fug und Recht von Parallelgesellschaften sprechen kann, auch wenn das multikultibewegte Gutmenschen selten wahrhaben wollen.</p>
<p>Nur: Diese Hinweise gehen in Sarrazins dröhnender Anti-Ausländer-Kakofonie schlichtweg unter. Sie dienen ihm offenbar nur, um seinem Warnungsfuror richtig Nahrung zu geben. Und so gerät „Deutschland schafft sich ab“ schwuppdiwupp ins rechte Fahrwasser.</p>
<p>Kein Wunder, dass sich nun sogar die Kanzlerin empört. Von der SPD ganz zu schweigen. Nur die Nazis applaudieren Sarrazin und seinem „Widerstand gegen muslimische Überfremdung und Landnahme“ in aller Öffentlichkeit. Ist der SPD-Mann in Wirklichkeit gedanklich ein NPD-Mann? Eine etwas hinterhältige Frage.</p>
<p>Beantworten wir sie so: Eine politische Heimat wird der Genosse bei den Braunen wohl kaum finden. Einen Platz im Herzen der Rechten hat Sarrazin von nun an jedoch sicher. Selbst schuld.</p>
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		<title>Kanzler-Casting: Die Parteien brauchen neuen Wettbewerb</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 23:37:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daniel Dettling</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Dettling]]></category>
		<category><![CDATA[Gabriel]]></category>
		<category><![CDATA[Kampfkandidatur]]></category>
		<category><![CDATA[Laschet]]></category>
		<category><![CDATA[Parteien]]></category>
		<category><![CDATA[Röttgen]]></category>
		<category><![CDATA[SPD]]></category>
		<category><![CDATA[Vorwahl]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Zukunft in diesem Land ist bunter, älter und weiblicher als frühere Zeiten. Diametral dagegen verläuft die Entwicklung in den deutschen Parteien. Vor allem die beiden größeren unter ihnen, Union und SPD, leiden unter einer beispiellosen „Vergreisung“ ihrer Mitglieder und Funktionäre. Der Vorschlag des SPD-Parteivorsitzenden Siegmar Gabriel, nach dem Vorbild Frankreichs auch hierzulande offene Vorwahlen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><br />
</strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p>Die Zukunft in diesem Land ist bunter, älter und weiblicher als frühere Zeiten. Diametral dagegen verläuft die Entwicklung in den deutschen Parteien. Vor allem die beiden größeren unter ihnen, Union und SPD, leiden unter einer beispiellosen „Vergreisung“ ihrer Mitglieder und Funktionäre.</p>
<p>Der Vorschlag des SPD-Parteivorsitzenden Siegmar Gabriel, nach dem Vorbild Frankreichs auch hierzulande offene Vorwahlen einzuführen, ist mutig und weitsichtig. <span id="more-1877"></span></p>
<p>Mutig, weil Volkes Meinung oft quer liegt zur Stimmung in den Parteien selbst und das Rennen anders ausgehen kann als gedacht und weitsichtig, weil eine solche Kandidatenaufstellung die zunehmende Parteienverdrossenheit zu bekämpfen.</p>
<p>Die „Kampfkandidatur“ um den CDU-Vorsitz in NRW zwischen Umweltminister Norbert Röttgen und dem früheren Integrationsminister Armin Laschet stößt bereits jetzt auf großes Interesse, obwohl am Ende die Parteimitglieder entscheiden und nicht alle Interessierten, wie Gabriel vorschlägt.</p>
<p>Sein Vorschlag hat nur zwei Haken: Warum noch Mitglied werden in einer Partei, wenn auch Nichtmitglieder über die Kandidatur eines Politikers entscheiden dürfen? Und was, wenn es nur einen Bewerber gibt? Auf die erste Frage müssen die Parteien selbst kreative Antworten finden. Die Mitgliederpartei ist einer bunter werdenden Gesellschaft nicht unbedingt ein Auslaufmodell, aber nicht die einzige Antwort.</p>
<p>Geht es Mitgliedern nicht mehr um Inhalte, Argumente und Programme als dem Rest, den 98 Prozent der Bürger? Diese interessieren sich politisch allenfalls für Personen und Stilfragen.</p>
<p>Bleibt die Bewerberfrage. Ängstliche Parteien halten es wie in einer Diktatur: es darf nur einen Kandidaten geben und der muss zu möglichst 100 Prozent nominiert werden. Es ist diese Angst, die zu der neuen Entfremdung zwischen Politikern und Bürgern geführt hat.</p>
<p>Wenn Parteien noch eine Zukunft haben wollen und Politik einen Unterschied machen soll, dann müssen sie mutiger werden und sich öffnen. Die Partei, die das am ehesten versteht, wird die Nase vorne haben.</p>
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		<title>Mythos Ostschule? Streit klärt und erklärt</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 12:49:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ralf Schuler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Ralf Schuler]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsmisere]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Indoktrinierung]]></category>
		<category><![CDATA[Ostschule]]></category>
		<category><![CDATA[Pädagogik]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>

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		<description><![CDATA[Streit klärt und erklärt, und wenn dann noch unter Gleichgesinnten gestritten wird, ist es gleich doppelt produktiv. Alles begann mit einem Beitrag von Ralf Schuler in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit dem Titel „Mythos Ostschule“. Darin geht es um die Verklärung der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR, die heute von Ost-Nostalgikern gleichermaßen gepriesen wird wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Streit klärt und erklärt, und wenn dann noch unter Gleichgesinnten gestritten wird, ist es gleich doppelt produktiv.</p>
<p>Alles begann mit einem Beitrag von Ralf Schuler in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ mit dem Titel „Mythos Ostschule“. Darin geht es um die Verklärung der zehnjährigen Polytechnischen Oberschule der DDR, die heute von Ost-Nostalgikern gleichermaßen gepriesen wird wie von altbundesdeutschen Bildungsreformern. Schuler weist nach, dass das gemeinsame Lernen keineswegs die viel beschworene soziale Durchlässigkeit förderte. <span id="more-1868"></span>Da in DDR-Klassenbüchern die „Klassenzugehörigkeit“ der Eltern vermerkt wurde, ließ sich das sehr konkret nachvollziehen. Positiv sei an der Ostschule – jenseits all der unerträglichen Indoktrinierung – allenfalls der fächerübergreifend abgestimmte Lehrplan gewesen, schreibt Schuler, der den Stoff wie eine große, geschlossene Geschichte erzählte. Heute entscheide jeder Lehrer selbst darüber, mit welchem didaktischen Ansatz er wann was vermittele. Mit dem Ergebnis, dass irgendwann über die Atombombe gesprochen werde, zwei Jahre später über die Kernspaltung und irgendwann auch über den Zweiten Weltkrieg. Fragmentiertes Insel-Wissen, das beim Schüler kaum hängen bleibe und immer wieder neu vermittelt werden muss.</p>
<p>In einem großen Beitrag in der WELT beschäftigte sich Alan Posener mit den Auswüchsen autoritärer Ost-Pädagogik an Berliner Schulen und zitierte unter anderem auch aus Schulers Beitrag. Selbst der Mythen-Kritiker Schuler, schrieb Posener, hänge noch zentralistischen Bildungsideen an. Weil der das so auf sich nicht sitzen lassen wollte, entspann sich ein munterer Meinungsaustausch über Zentralismus und Freiheit im Bildungssystem, den wir an dieser Stelle dokumentieren und gern fortsetzen wollen.</p>
<p>Lieber Kollege Posener,</p>
<p>es ist ja ganz nett, dass Sie mich in Ihrem Beitrag zitieren, nur möchte ich auch nicht ansatzweise in das geistige Umfeld sortiert werden, über das Sie da schreiben. Meine Bemerkungen zum Lehrplan waren nicht von untergründigem Zentralismus-Wahn geprägt, sondern rein didaktisch gemeint. Als Vater dreier schulpflichtiger Kinder weiß ich, wovon ich rede. Die beiden Älteren gehen auf eine evangelische Schule mit sehr freiem Lernmodell. Wenn ich der Tochter erklären soll, warum Salze verschieden farbig verbrennen und noch nicht einmal erklärt wurde, was Salze sind, wie Atome aufgebaut sind, in denen die Elektronen von Niveau zu Niveau springen und unterschiedliche Spektralfarben abgeben, dann kann ich all dieses Beiwerk zwar erklären, aber wenn sie den Vortrag in der Schule hält, wird die Hälfte der anderen abschalten. Es ist, als ob man in einen Film mittendrin einsteigt, ohne zu wissen, was vorher geschah. Auf diese Weise bleibt weniger hängen, und man muss sich nicht wundern, wenn man entweder büffeln muss bis zum Anschlag oder am Ende weniger von Schülern nach dem Abitur erwarten kann.</p>
<p>Beste Grüße</p>
<p>Lieber Kollege Schuler,</p>
<p>Über Chemiefachdidaktik kann ich wenig sagen. Das Fach habe ich als Schüler gehasst. Als ehemaliger Schulbuchautor von Englisch-Büchern (für den Klett-Verlag) allerdings kann ich schon sagen, dass die inhaltlichen Vorgaben der Lehrpläne oft eher hinderlich als hilfreich sind für die Entwicklung eines Lehrwerks, das einer bestimmten didaktischen Vorstellung folgt; und dass die Konkurrenz der Verlage und Bücher eine unerlässliche Bedingung der Sicherung hoher Qualitätsstandards beim Lehrmaterial darstellt. Ob auf der Ebene der einzelnen Schule oder Klasse immer klug mit dem vorhandenen Angebot umgegangen wird, ist eine ganz andere Frage.</p>
<p>Natürlich wollte ich Sie nicht in die Nähe der DDR-Pädagogik rücken. Ich wollte im Gegenteil Sie als einen der Sympathie für solche Mythen gänzlich unverdächtigen Zeugen dafür aufrufen, dass heutige Missstände (die es ja gibt) häufig zum Fehlschluss führen können, die vermeintliche Effizienz des DDR-Schulwesens sei ohne den Preis einer gewissen Gängelung zu erreichen. Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt (soundovielte Woche) jede Klasse auf einem bestimmten Niveau &#8211; einer bestimmten Seite des Lehrwerks! &#8211; zu sein hatte, dann war das ohne die von mir &#8211; und von Ihnen in der FAZ! &#8211;  beschriebenen Erscheinungen nicht zu haben. Die Freiheit hat eben auch in der Pädagogik ihren Preis - was natürlich nicht jede Dummheit rechtfertigt.</p>
<p>Beste Grüße</p>
<p>Lieber Kollege Posener,</p>
<p>ich glaube nicht, dass Sie meinen wollen, was Sie in der Konsequenz schreiben: Die Bildungsmisere ist der Preis der Freiheit? Es gibt durchaus intelligente Zwischentöne zwischen preußischer Kadettenanstalt und Nenas Wünsch-dir-was-Schule in Hamburg. Sie haben Ihre Englischbücher vermutlich auch nicht mit Present Perfect begonnen &#8211; eine sinnvolle Strukturierung des Stoffes ist keine Gängelung. Da ich ihre Abwesenheit lange genug kennengelernt habe, weiß ich den Wert der Freiheit sehr wohl zu schätzen. Als Schulbuch-Autor sind Sie natürlich in anderer Weise von Lehrplan-Vorgaben betroffen. Nur kann man halt nicht immer über die mangelnden Kenntnisse der Schüler klagen, wenn man nicht klar sagt, was sie denn wissen sollen. Wenn ich nicht irre, sind die Spitzenbildungseinrichtungen dieser Welt nicht für ihr laissez faire bekannt, sondern eher für ihr straffes Reglement.</p>
<p>Herzliche Grüße</p>
<p>Lieber Kollege Schuler,</p>
<p>Zum Thema &#8220;present perfect&#8221; gäb&#8217;s einiges zu sagen, aber Ihr Beispiel selbst zeigt, was uns als Schulbuchautoren zu schaffen machte: die Gliederung der Lernstufen nach einer grammatikalischen Progression. Man mag in der Chemie von Atomen über Moleküle zu den konkreten Stoffen und ihrem Verhalten gelangen, in der Sprache herrschen andere Regeln.</p>
<p>Im übrigen glaube ich nicht, dass wir es in Deutschland mit einer &#8220;Bildungsmisere&#8221; zu tun haben, in Brandenburg möglicherweise schon, aber daran dürften am allerwenigsten die fehlenden zentralen Lehrpläne bzw. die vielen verschiedenen Schulbücher schuld sein. Ein Freund von mir arbeitet  im LISUM Ludwigsfelde, und was er mit dort über alte SED-Seilschaften erzählt, ist haarsträubend. Freunde von mir, die aus Zimbabwe kamen und dann in Schwedt an der Oder unterrichteten, hatten hauptsächlich mit einem Mentalitätsunterschied der Schüler zu kämpfen. In Zimbabwe aufgeweckte, lernbegierige Kinder, in Schwedt desinteressierte, zynische Jugendliche.</p>
<p>Lieber Kollege Posener,</p>
<p>Die SED-Seilschaften und vor allem die trotzige Beharrung auf überkommenen Ansätzen (Es war nicht alles schlecht) sind in der Tat ein Problem auch in Berlin. Leider ist es schwer nachweisbar, aus welchen Motivationen heraus manche Leute wie unterrichten. Dass es vor allem beim Geschichtsbild von der DDR große Defizite gibt, hat inzwischen auch die Brandenburger Landesregierung erkannt und versucht gegenzusteuern. Ob eine rot-rote Koalition da die beste Konstellation ist, lasse ich mal dahingestellt.</p>
<p>Trotzdem möchte ich darauf beharren, dass es in der Schule darauf ankommt, Inhalte spannend zu vermitteln und so, dass sie möglichst hängen bleiben. Die gestalterische und didaktische Freiheit des Schulbuch-Autoren kann für mich dabei nicht an erster Stelle rangieren. Ich sehe an den eigenen Kindern, dass vielfach mit großem Einsatz der Lehrer, mit viel Zeitaufwand und viel didaktischem Geschick Projekte zu einzelnen Themen gemacht werden, deren Substanz trotz eifrigsten Mitschreibens und Mitmachens nur spärlich abgespeichert wird, weil es losgelöstes Lernwissen bleibt. Da, wo es geht, finde ich ein kleines Lehr-Szenario nach wie vor sinnvoll. Tagesgenaue Punktlandungen, beim Lernstoff, wie Sie es offenbar befürchten, muss es deshalb noch lange nicht geben. Mir geht es da eher um große Linien, die gern auch in der jeweiligen Schule abgesprochen werden können.</p>
<p>Beste Grüße</p>
<p><em>Hier lesen Sie die Originalbeiträge von </em></p>
<p><em>Ralf Schuler in der FAS </em></p>
<div><span style="font-family: Arial;color: #0000ff;font-size: x-small"><a href="http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc%7EE66CA7C98580849DF948AA3A7500BE100%7EATpl%7EEcommon%7EScontent.html" target="_blank">http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E66CA7C98580849DF948AA3A7500BE100~ATpl~Ecommon~Scontent.html</a></span></div>
<p><em>Alan Posener in der WELT</em></p>
<p>http://www.welt.de/kultur/article9141971/An-Berliner-Schulen-kehrt-die-DDR-Paedagogik-zurueck.html</p>
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		<title>Deutschland, deine Vorbilder</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/08/25/deutschland-deine-vorbilder/</link>
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		<pubDate>Wed, 25 Aug 2010 22:42:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Böhme</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Böhme]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehgesichter]]></category>
		<category><![CDATA[Günther Jauch]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Vorbilder]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn die Deutschen heute die Wahl hätten, wäre Günther Jauch morgen Herr im Schloss Bellevue. Ein Fernsehmann als Bundespräsident? Aber ja doch! Denn die Bürger dieses Landes halten ihn für besonders vorbildlich. Und Jauch könnte sich einer sozialistisch anmutenden Fürsprachequote sicher sein: 84 Prozent der Bevölkerung, so hat es das Nachrichtenmagazin Spiegel durch eine Umfrage [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn die Deutschen heute die Wahl hätten, wäre Günther Jauch morgen Herr im Schloss Bellevue. Ein Fernsehmann als Bundespräsident? Aber ja doch! Denn die Bürger dieses Landes halten ihn für besonders vorbildlich.</p>
<p>Und Jauch könnte sich einer sozialistisch anmutenden Fürsprachequote sicher sein: 84 Prozent der Bevölkerung, so hat es das Nachrichtenmagazin Spiegel durch eine Umfrage ermittelt, schätzen den 54-jährigen Showmaster über alle Maßen. Da können nur noch zwei andere Herren mithalten. <span id="more-1864"></span>Auf die Frage: &#8220;Wer verkörpert ein Deutschland, wie Sie es sich wünschen?&#8221; antworteten 83 Prozent der Befragten: Helmut Schmidt, seines Zeichens kettenrauchender Altkanzler, der es immerhin schon auf 91 Lebensjahre gebracht hat. Dicht auf den Fersen ist ihm Fußballbundestrainer Joachim Löw (82 Prozent), ein Teamplayer also.</p>
<p>Und was machen die Frauen? Belegen mit 66 Prozent und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen den sechsten Platz. Nun ja, die Emanzipation in den Köpfen scheint doch noch nicht allzu weit fortgeschritten.</p>
<p>Das sind sie, Deutschlands Top-Leitbilder, moralische Instanzen und Autoritäten.</p>
<p>Nach Schwung, Aufbruch und Modernität klingt diese Liste freilich nicht. Eher wirkt das Ergebnis des Rankings etwas kläglich, langweilig und muffig. Wo sind die Jungen, die Wilden, die Frauen, die Quertreiber, die Mutigen, die frischen Denker? Gerade die Intellektuellen, Schriftsteller und Philosophen tun sich offenbar schwer damit, der Deutschen Gunst zu gewinnen. Günter Grass schafft es bei der Frage &#8220;Wer ist eine moralische Instanz für Deutschland?&#8221; gerade mal auf den zehnten Platz, von den Enzensbergers und Habermas&#8217; ganz zu schweigen.</p>
<p>Der Kollege vom Spiegel hat das Ganze schon richtig analysiert: Die Deutschen huldigen der Nüchternheit, der kühlen Sachlichkeit, am besten gepaart mit Fernsehpräsenz. Die Ungestümen, die Hungrigen, die Wagemutigen – sie sind gerade in Krisenzeiten offenkundig nicht gefragt. Das mag viele erleichtern. Es kann einen aber auch mit Fug und Recht ziemlich betrüblich stimmen.</p>
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		<title>Atomstreit: Großes Theater &#8211; und nur eine Inszenierung?</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/08/25/atomstreit-groses-theatern-und-nur-eine-inszenierung/</link>
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		<pubDate>Wed, 25 Aug 2010 08:35:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Wolfgang Köhler</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Köhler]]></category>
		<category><![CDATA[AKW-Laufzeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Anzeigenkampagne]]></category>
		<category><![CDATA[Atomlaufzeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Lobby]]></category>
		<category><![CDATA[Regierung]]></category>
		<category><![CDATA[Stromwirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Streit um die Atomkraftwerke (AKW) und den Preis, den deren Betreiber für eine Verlängerung der Laufzeit bezahlen sollen, eskaliert. Die Bundesregierung macht dabei keine besonders glückliche Figur, denn sie hat sich erpressbar gemacht. Einerseits ist die Diskussion darüber, wie lange die ungeliebten Kernkraftwerke noch Strom liefern können sollen, noch längst nicht abgeschlossen – nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Streit um die Atomkraftwerke (AKW) und den Preis, den deren Betreiber für eine Verlängerung der Laufzeit bezahlen sollen, eskaliert. Die Bundesregierung macht dabei keine besonders glückliche Figur, denn sie hat sich erpressbar gemacht.</p>
<p>Einerseits ist die Diskussion darüber, wie lange die ungeliebten Kernkraftwerke noch Strom liefern können sollen, noch längst nicht abgeschlossen – nicht zuletzt, weil es immer noch kein Energie-Gesamtkonzept für die Zukunft gibt. Andererseits aber hat der Bundesfinanzminister die Abschöpfung von Gewinnen aus einer Laufzeitverlängerung im Sparpaket der Bundesregierung für den Haushalt 2011 fest einkalkuliert.</p>
<p>Die Lobby der Energieversorger nutzt die verquere Lage geschickt aus. <span id="more-1861"></span>Erst drohen die AKW-Betreiber, Kraftwerke abzuschalten, die nach Erhebung zusätzlicher Abgaben unrentabel werden würden. Dann werben sie in einer Anzeigenkampagne für öffentliche Unterstützung bei den Stromverbrauchern, die doch sicherlich künstlich erhöhte Strompreise ablehnten.</p>
<p>Die Causa bietet Stoff für großes Theater. Die Atmosphäre ist beim Thema Atomkraft ohnehin notorisch durch historische Debatten und die Katastrophe von Tschernolbyl ideologisch vergiftet. Der Strombranche wird – wohl kaum zu unrecht – wegen ihrer oligopolistischen Struktur gern Machtmissbrauch unterstellt. Ein nüchterner Austausch von Argumenten erscheint da kaum mehr möglich.</p>
<p>Die Kommentatoren folgen denn auch der bekannten Dramaturgie: Kaum zeigen sich regierungsseitig einzelne Stimmen verhandlungsbereit, heißt es in den Medien: Die Regierung knickt vor der Atomlobby ein. Schon der Begriff „Lobby“ weckt dabei eindeutige Emotionen.</p>
<p>Die öffentliche Debatte stellt darauf ab, daß die Bürger es sich gern anders wünschen: Die Regierung, die sie gewählt haben, soll ihre Interessen vertreten, die sie mit dem Gemeinwohl gleichsetzen. Viele Bürger haben Angst vor der Kernkraft, wünschen sich aber zugleich billigen Strom.</p>
<p>Die Wirtschaft verlangt nach Regeln und Bedingungen, mit denen sie gut leben kann und die ihnen hohe Gewinne ermöglichen. Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise trauen die Bürger der Wirtschaft aber nicht mehr so recht, was den Druck auf die Regierung erhöht. Setzt sie sich nach Meinung der Wähler nicht gegen die Interessen der Wirtschaft durch, droht ihr bei nächster Gelegenheit die Abwahl.</p>
<p>Tatsächlich hat es diese strikte Trennung von Regierung und Wirtschaft als Repräsentanten von Gemeinwohl bzw. Partikularinteressen in der Bundesrepublik in Reinform nie gegeben. In den 1950er Jahren klagte der Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg über die „Herrschaft der Verbände“ in Deutschland. Zwei Jahrzehnte später machte das Wort vom „Gewerkschaftsstaat“ die Runde. Der Philosoph Jürgen Habermas erklärt den Deutschen seit Jahr und Tag, daß tragfähige politische Lösungen von Problemen in der Demokratie stets Ergebnisse von Aushandlungsprozessen seien.</p>
<p>Das ist in Deutschland ziemlich oft gelungen. Diese Tatsache veranlasste den französische Versicherungsmanager Michel Albert in den 1990er Jahren dazu, das „rheinische Modell“ der Marktwirtschaft, das den gemeinsamen Erfolg, den Konsens und das langfristige Vorausdenken favorisiere, dem „neo-amerikanischen“ Wirtschaftsmodell gegenüberzustellen. Ersteres bezeichnete Albert als das leistungsfähigere.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund erscheint die Debatte über den Streit zwischen Regierung und Stromwirtschaft um AKW-Laufzeiten und Brennstoffangaben wie eine Inszenierung für einen Gladiatorenkampf im römischen Colosseum. Dessen Regie verlangt am Ende nach einem Sieger und einem Besiegten. In der Realität politischer Auseinandersetzungen ist stattdessen stets eine Problemlösung gefragt, mit der beide Seiten weiterleben können.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Entschuldigung, Jörg Blech!</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/08/24/entschuldigung-jorg-blech/</link>
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		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 23:01:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Epigenetik]]></category>
		<category><![CDATA[Gene]]></category>
		<category><![CDATA[Intelligenz]]></category>
		<category><![CDATA[Jörg Blech]]></category>
		<category><![CDATA[Migrationshintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Sarrazin]]></category>
		<category><![CDATA[Vererbung]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Jörg Blechs Titelgeschichte im „Spiegel“ kritisiert. Wie es meine (Un-)Art ist, habe ich es nicht an starken Worten („Bullshit“) fehlen lassen. Umso angenehmer überrascht war ich, als sich Blech bei mir meldete und statt mich zu beschimpfen, wofür mir selber einige treffende Ausdrücke einfielen („Halbgebildeter“, „Hobby-Wissenschaftskritiker“, „Besserwisser“), [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Jörg Blechs Titelgeschichte im „Spiegel“ kritisiert. Wie es meine (Un-)Art ist, habe ich es nicht an starken  Worten („Bullshit“) fehlen lassen.</p>
<p>Umso angenehmer überrascht war ich, als sich Blech bei mir meldete und statt mich zu beschimpfen, wofür mir  selber einige treffende Ausdrücke einfielen („Halbgebildeter“, „Hobby-Wissenschaftskritiker“, „Besserwisser“), ein Treffen vorschlug, bei dem wir über meine Kritik reden könnten.  Ähnliches widerfuhr mir schon mit Blechs Kollegen Matthias Matussek und Jan  Fleischhauer, die auch untereinander einen Ton höflich-ironischer Feindschaft pflegen,  so dass ich mich schon frage, da ich anderswo wegen  Meinungsverschiedenheiten ganz anders behandelt worden bin, ob das möglicherweise etwas mit der Kultur  des Hauses zu tun hat. (Die Ausnahme bestätigt die Regel.)<span id="more-1857"></span></p>
<p>Nun ja, wir trafen uns also bei mir zuhause und verbrachten einen sehr netten Abend. Blech  meinte, meine Kritik beruhe darauf, dass ich den Unterschied zwischen normalen Körperzellen und Keimzellen verwische. Erstere seien, so die Ergebnisse  der Molekularbiologie, speziell der Epigenetik, durch die Umwelt steuerbar, letztere nicht.</p>
<p>Nur wenn man annähme, dass die Umwelt – mitsamt der Erziehung – auf die Keimzellen einwirke, könne man von Lamarckismus  reden; eine Vorstellung, die Blech weit von sich weist. Ich meinte (und meine  immer noch), dass der Artikel selbst durch eben jene Formulierungen, die ich aufspießte, jenes Missverständnis nahe legt.</p>
<p>Aber klar ist, dass Blech  das selbst nicht meint, wofür sein neues Buch, „Gene sind kein Schicksal“ (S. Fischer, 18,95 Euro) den Beweis erbringt; auch wenn auch bei diesem Buch der Untertitel – „Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können“ – mit der Möglichkeit des Missverständnisses spielt. Schwamm drüber, das Buch ist sehr lesenswert.</p>
<p>Weil ich in meiner Kritik des „Spiegel“-Titels  auf die Bedeutung der Befunde der Epigenetik für die Bildungspolitik hinwies, möchte ich im folgenden aus  Jörg Blechs Buch eine Passage zitieren, die jedem Lehrer, jeder  Bildungspolitikerin zu denken geben sollte.</p>
<p>Blech zitiert (s.174ff.) die Arbeiten des amerikanischen Wissenschaftlers Eric  Turkheimer, der den Einfluss der Gene auf die Intelligenz (oder auf jene  Eigenschaft, die wir mit dem IQ-Test messen, OK?) untersuchte und zu erstaunlichen  Erkenntnissen gelangte. Ohne im Einzelnen die Quellen und Methoden Turkheimers zu  referieren (lesen Sie das bei Blech nach!), hier die Ergebnisse: „Für die weißen Kinder aus wohlhabendem Haus ergab sich: Ihre unterschiedlichen  Leistungen im Intelligenztest gehen zu knapp sechzig Prozent auf die Gene zurück. Ganz  anders aber war das Ergebnis für die Kinder aus sozial benachteiligten  Schichten – die Erblichkeit der Intelligenz war bei ihnen gleich null.“</p>
<p>Diese Aussage muss man sich einmal sozusagen auf der Zunge zergehen lassen. Sie bedeutet,  dass die negativen Einflüsse der Umwelt so stark sein können, dass sie angeborene Intelligenzunterschiede einfach ausschalten. Blech: „Übertragen auf eine Stadt wie Berlin bedeutet dies: Kinder in reichen Vierteln wie Dahlem  wachsen oftmals in intakten und bildungsnahen Familien auf, und das Potential  ihrer Gehirne können sie gut und mitunter sogar maximal abrufen. (&#8230;)  Individuelle Unterschiede (&#8230;) gehen dann eher auf genetische Unterschiede zurück.  Kinder in einem armen Bezirk wie Neukölln dagegen (&#8230;) können das potential  ihrer Gehirne mitunter nur sehr eingeschränkt ausschöpfen. (&#8230;) Wenn Kinder  aus Neukölln unterschiedliche Noten haben, dann gehen diese Unterschiede vor  allem auf Einflüsse der Umwelt, sprich: die familiäre Situation zurück. Und  auch der Leistungsunterschied zwischen Schülern aus Dahlem und Neukölln liegt an  der jeweils anderen Umwelt.“</p>
<p>Blech weiter: „Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Politiker Thilo Sarrazin hat  in einem Zeitungsinterview erklärt, Intelligenz sei erblich, und deshalb  sei es illusorisch zu glauben, man könne Menschen durch die Schule ändern.  Damit deutet Sarrazin an, die von ihm kritisierten Berliner Schüler mit Migrationshintergrund (&#8230;) wären von Natur aus  geistig  minderbemittelt. Diese Ansicht ist allein schon wissenschaftlich gesehen blanker Unsinn.“</p>
<p>In der Tat.</p>
<p>Blech referiert Sarrazins Ansichten aus einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom  1. März 2010, in dem der SPD-Bundesbanker sagte, Intelligenz sei zu 80  Prozent erblich, darum könne die Schule die darauf beruhenden sozialen  Unterschiede nicht ausgleichen. Es fehlt nicht an Leuten, die diesen Schwätzer für  jemanden halten, der „endlich sagt, wie es ist“; auffallend viele Lehrer sind darunter. Und leider beschäftigt  der Berliner Senat Leute, die  unter dem Deckmantel der Lehrerfortbildung von Kollegium zu Kollegium ziehen und  die angeblich „wissenschaftlichen Ergebnisse“ referieren, denen zufolge die Schule allenfalls ein wenig Reparaturarbeit betreiben, niemals aber  die mitgebrachten Defizite aufheben könne. Eine Prophezeiung, die sich dann natürlich  selbst erfüllt.</p>
<p>Blech weiter: „Das Gegenteil ist der Fall, gerade die sozial benachteiligten Schüler würden von Förderung besonders profitieren.“ Blech liefert dazu auch ein Beispiel aus der amerikanischen Forschung: „Es ging um Kinder, deren leibliche Eltern gesund waren, aber äußerst arm und schlecht  ausgebildet. In einem Projekt etwa kamen die Kinder im Alter von sechs Wochen (! A.P.)  tagsüber in eine besondere Krippe, in der es für drei Kinder einen Lehrer gab und  in der sie besonders gefördert wurden. Nach drei Jahren war der IQ dieser  Kinder um etwa 13 Punkte höher als bei Kindern gleichen Alters und gleicher  Schicht, die nicht in den Genuss der Förderung kamen.“</p>
<p>Bei uns aber, wo das konservative Bürgertum einerseits das Privileg beansprucht, auf dem Gymnasium weiterhin auf Staatskosten unter sich zu sein, andererseits  den Ausbau von Kinderkrippen und anderen Einrichtungen bis vor kurzem als  Angriff auf die Familie verteufelte und Mütter überdies dafür bezahlen will,  ihre Kinder möglichst lange zuhause zu behalten – bei uns darf ein halbgebildeter Rassist wie Sarrazin weiterhin seinen gut dotierten   Ruheposten bei der Bundesbank behalten und zwischen Power-Lunches und Gala-Diners  ein Interview nach dem anderen absondern, in dem er nur beweist, dass  Schläue vor Dummheit nicht schützt.</p>
<p>Danke, Jörg Blech, für Ihr Buch.</p>
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