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	<title>starke-meinungen.de &#187; Jana Hensel</title>
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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Ritualisiertes Gedenken zum Mauerfall</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 06:34:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jana Hensel</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor ein paar Wochen gab Bärbel Bohley im SZ-Magazin ein langes Interview. Vieles, von dem, was sie sagt, hat mich in der Direktheit und Unkonventionalität erstaunt. Sie durchkreuzt die Linien, sagt nicht nur Dinge, die man von ihrer Generation, von den ehemaligen Bürgerrechtlern erwarten würde. Ich fand darin den Satz: “Ich freue mich, dass es die Mauer nicht mehr gibt. Aber ich habe etwas gegen Jubiläumsfeiern. Ritualisiertes Gedenken finde ich schrecklich – weil dadurch das, woran man sich wirklich erinnern müsste, begraben wird.”</p>
<p>Ich glaube das auch. Ich glaube, dass das dauernde Erinnern an den Mauerfall und die Wende die eigentlichen, individuellen und authentischen Erinnerungen unter sich begraben, sie abtöten. <span id="more-522"></span>Die Bilder der Montagsdemonstrationen habe ich in den letzten 20 Jahren wohl tausend Mal im Fernsehen gesehen. Ich habe dutzende Filme über die Ereignisse des Jahres 1989 angeschaut, unzählige Zeitgenossen berichten gehört. Über die Tage davor und die Tage danach. Ich frage mich heute oft, bin ich selbst wirklich dabei gewesen. Bin ich wirklich mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen? Oder bin ich nicht längst zu einer Fiktion geworden, die ich mir über all die Jahre aus all den nachträglichen Bildern, Stimmen und Kommentaren zusammengesetzt habe?</p>
<p>Die Torgauer Zeitung hat ihre Leser jüngst befragt, ob sie sich noch für die Ereignisse des Jahres 1989 interessieren? Ob sie noch daran erinnert werden wollen? Fast Dreiviertel der Leser haben mit Nein geantwortet. Sie interessieren sich nicht mehr für diese – alten möchte man fast sagen – Geschichten.</p>
<p>Das Ergebnis dieser Umfrage nun kann man unterschiedlich bewerten. Ich glaube, dass viele dieser Leser das Gefühl haben, dass die offizielle Erinnerungskultur nicht mit ihrer individuellen Empfindung übereinstimmt. Wir reduzieren das Gedenken an den Mauerfall ja nur auf Gefühle wie Euphorie, Glück und Aufbruch. Diese momenthaften Emotionen jedoch sind durch die Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte überschrieben worden, sie haben sich abgenutzt, schlicht verändert. Die Zeit ist über all diese Menschen hinweg gegangen, mit ambivalenten Erfahrungen. Erfahrungen von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Verlust und Neuanfang. Ein Neuanfang, der viel Kraft gekostet hat. Diese Erfahrungen jedoch bringen wir mit der offiziellen Erinnerung nicht zusammen. Das ist tragisch. War doch 1989 die Erfahrung von Teilhabe, von Mitbestimmung, war es doch ein großer Moment von Selbstbehauptung. Ein großer Moment von Wir. In diesem Jahr jedoch scheint selbst die Erinnerung daran den Ostdeutschen nicht mehr zu gehören.</p>
<p>Zuerst erschienen bei <a title="Blog von Jana Hensel" href="http://www.achtung-zone.de" target="_blank">www.achtung-zone.de</a></p>
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