<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>starke-meinungen.de &#187; Alan Posener</title>
	<atom:link href="http://starke-meinungen.de/blog/category/alan-posener/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://starke-meinungen.de/blog</link>
	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
	<lastBuildDate>Tue, 22 May 2012 15:15:29 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Fliegen, nicht shoppen, fressen und anstehen. Gegen die Fantasielosigkeit beim Flughafenbau.</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/22/fliegen-nicht-shoppen-fressen-und-anstehen-gegen-die-fantasielosigkeit-beim-flughafenbau/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/22/fliegen-nicht-shoppen-fressen-und-anstehen-gegen-die-fantasielosigkeit-beim-flughafenbau/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 21 May 2012 23:52:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Flughafen Berlin]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3334</guid>
		<description><![CDATA[Über den neuen „Groß“Flughafen Berlins lässt sich viel Negatives sagen, beginnend mit der  Anwohnertäuschung hinsichtlich der An- und Abflugrouten und dem völligen Versagen des so genannten „Aufsichtsrats“ (und damit sind wir erst beim Buchstaben „A“). Wenige Tage, bevor jener Augen-zu-und-durch-Rat die Verschiebung der Eröffnung bekannt gab, habe ich die  Baustelle besucht, und es war selbst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Über den neuen „Groß“Flughafen Berlins lässt sich viel Negatives sagen, beginnend mit der  Anwohnertäuschung hinsichtlich der An- und Abflugrouten und dem völligen Versagen des so genannten „Aufsichtsrats“ (und damit sind wir erst beim Buchstaben „A“). Wenige Tage, bevor jener Augen-zu-und-durch-Rat die Verschiebung der Eröffnung bekannt gab, habe ich die  Baustelle besucht, und es war selbst einem Laien wie mir klar, dass der Termin nicht zu halten sein würde. Nach der Eröffnung im März 2013 dürfte ziemlich schnell klar werden, dass der neue Flughafen schon jetzt zu klein ist und dass insbesondere die zentrale Check-in-Halle fürs Chaos vorprogrammiert ist. </span></p>
<p><em><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">You read it here first.</span></em></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Eine Sache aber haben Gerkan, Marg und Partner in BER richtig gemacht, und zwar bei den Billig-Airlines Easyjet, Germanwings und Co., und auf deren ausdrücklichen Wunsch hin: Es gibt keine Fluggastbrücken.<span id="more-3334"></span> Man läuft vom Terminal zum Flugzeug und betritt die Maschine über Treppen vorn und hinten. Das ist ein großer Fortschritt, und ich verstehe nicht, weshalb die anderen Fluggesellschaften diesem Beispiel nicht folgen.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Ein Flugzeug ist im Wesentlichen eine fliegende Metallröhre. Wenn sie nur von vorn gefüllt wird, kommt es zu Staus. Jeder, der geflogen ist, weiß davon zu berichten. Man steht an, um die Bordkarte vorzuzeigen, man steht in der Fluggastbrücke, man steht im Flugzeuggang. Die Fluggesellschaften können noch so oft die Leute auffordern, die Passagiere in den hinteren Sitzreihen zuerst einsteigen zu lassen, es reicht, wenn fünf oder sechs Egoisten oder Schwerhörige sich nicht daran halten, um alle anderen aufzuhalten. Ein cleveres Boarding-System müsste außerdem dafür sorgen, dass zuerst Passagiere mit Fensterplatz einsteigen, wodurch das umständliche Aufstehen, um dem – immer! – später kommenden Fensterplatzbesitzer hineinzulassen, wodurch wieder der Gang blockiert wird, vermieden werden könnte. Aber je ausgeklügelter ein System ist, desto weniger funktioniert es in der Praxis. Nach meiner Erfahrung macht es Easyjet am besten. Wer etwas mehr bezahlt, oder kleine Kinder dabei hat oder behindert ist, darf zuerst einsteigen. Danach wird das Flugzeug über die beiden Türen vorn und hinten bestiegen, und die Leute können sich ihre Plätze selbst aussuchen. Die Schwarmintelligenz funktioniert. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Idealerweise würden größere Flugzeuge sogar nicht nur zwei, sondern drei oder vier Türen haben, also auch zwei in der Mitte, durch die Leute mit entsprechenden Sitzplätzen die Maschine besteigen und verlassen. Offensichtlich übersteigt es die Fantasie moderner Ingenieure, entsprechende Fluggastbrücken zu bauen. Aber die werden ohnehin nur gebraucht, wenn es mal regnet oder schneit. Das kommt, zugegeben, in unseren Breiten nicht selten vor. Doch da kann man die Treppen mit Dächern versehen und die Passagiere gegebenenfalls mit Bussen abholen – ansonsten eine weitere Flughafen-Unsitte, die zu weiterem Warten führt, als ob man nicht imstande wäre, die hundert Meter von der Parkposition zum Terminal zu laufen. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Würde man ernsthaft überlegen, wie Flugzeuge am schnellsten und für Fluggäste und  Bordpersonal möglichst stressfrei – auch bei Schnee und Regen – zu be- und entladen sind, würde man sich nicht nur – wie die Billigflieger in BER – auf die gute alte Gangway besinnen, sondern bei der Flughafenarchitektur noch weiter zurückgehen und sich ein Beispiel am Flughafen Tempelhof nehmen. Dort hatten die Maschinen unter dem riesigen ausgekragtem Dach des Vorfelds Platz. Die Passagiere stiegen im trockenen ein und aus. Für moderne Ingenieure dürfte es ein Leichtes sein, Dächer zu bauen, unter denen auch Jumbo-Jets Platz finden, und die so konstruiert sind, dass weder Lärm noch Flugbenzinabgase ein Problem bilden. Man denke an Konstruktionen, wie sie Frei Otto für das Münchener Olympia-Stadion entwarf. Freilich würde das verlangen, dass man sich wieder mehr dem Bedürfnis der Passagiere zuwendet als dem Anliegen der Ladenbesitzer, die in jedem modernen Flughafen den Löwenanteil der Fläche pachten und entsprechende Entwürfe verlangen – im neuen Berliner Flughafen beispielsweise gibt es – wie im bisherigen Flughafen Schönefeld – keine Möglichkeit, von der Sicherheitsüberprüfung zum Flugsteig zu gelangen, ohne den Duty-Free-Shop zu passieren! </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Den Fluggast ernst nehmen – als jemand, der fliegen will (oder muss), nicht shoppen und fressen, anstehen und wieder anstehen und wieder anstehen – würde bedeuten, beim Flughafenbau wieder so innovativ zu werden, wie es die Berliner Flughäfen Tempelhof und Tegel zu ihrer Zeit waren. Gerkan, Marg und Partner haben in Tegel und beim Berliner Hauptbahnhof gezeigt, dass sie das können. Im neuen Flughafen durften sie wohl nicht. Schade.</span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/22/fliegen-nicht-shoppen-fressen-und-anstehen-gegen-die-fantasielosigkeit-beim-flughafenbau/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Allons enfants: Europa in der Krise</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/15/allons-enfants-europa-in-der-krise/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/15/allons-enfants-europa-in-der-krise/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 15 May 2012 08:05:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Euro-Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Hollande]]></category>
		<category><![CDATA[Merkel]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3325</guid>
		<description><![CDATA[Die Wahl von Francois Hollande bedeutet einen Wendepunkt in der europäischen Politik. Flankiert wird er von der Wahl in Griechenland, die anti-europäischen Populisten von links und rechts eine Mehrheit im Parlament gab, dem Sturz der Regierung in den Niederlanden durch den antieuropäischen Rechtspopulisten Geert Wilders, von zornigen Demonstrationen in Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit 40 Prozent [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wahl von Francois Hollande bedeutet einen Wendepunkt in der europäischen Politik. Flankiert wird er von der Wahl in Griechenland, die anti-europäischen Populisten von links und rechts eine Mehrheit im Parlament gab, dem Sturz der Regierung in den Niederlanden durch den antieuropäischen Rechtspopulisten Geert Wilders, von zornigen Demonstrationen in Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit 40 Prozent beträgt, von einem neuen Buch Thilo Sarrazins in Deutschland, der die Abschaffung des Euro fordert, und anderen Anzeichen einer ernsthaften Krise der Europäischen Union.</p>
<p>In Deutschland sind Politik und Medien noch in einer Phase der Realitätsverweigerung, die sie ihrerseits den anderen Europäern vorwerfen. Aber die Krise ist da, und sie geht nicht weg. Und Krise bedeutet: Entscheidung.<span id="more-3325"></span></p>
<p>Ich will nicht lange darauf herumreiten, dass ich das vorhergesagt habe. Trotzdem seien hier einige meiner auf „Starke Meinungen“ gemachte Prognosen und Bemerkungen in Erinnerung gerufen:</p>
<p>„Gibt es eine Euro-Krise? Nein. Die Währung ist stabil. Gibt es eine Europa-Krise? Ja. Denn mit dem bösen Wort von der „Transferunion“ wird gesagt: Wir wollen Europa nur dann, wenn es nichts kostet.  (…) Damit wird Europa kaputt gemacht.</p>
<p>Denn natürlich kostet Europa. Wenn man Staaten oder Regionen mit verschiedener Wirtschaftskraft in eine Währungsunion und eine Wirtschaftsunion zusammen zwingt, läuft es darauf hinaus, dass der Staat oder die Region mit der höheren Wirtschaftskraft bezahlt (das sind die wirtschaftlichen Kosten für die Geber), und der Staat oder die Region mit der niedrigeren Wirtschaftskraft dafür Bedingungen akzeptiert (das sind die politischen Kosten für die Nehmer).(6. September 2011)</p>
<p>„Nun soll nicht verschwiegen werden, dass der Euro die versteckte Agenda Helmut Kohls seit dem Einsatz der Finanzkrise sehr wohl in die Tat umsetzt: nämlich die Erzwingung „deutscher“ Verhältnisse in Staat und Wirtschaft. Dies war auch, wie ich wiederholt argumentiert habe, der eigentliche – der „imperiale“ – Auftrag des Euro…. Es ist möglich, dass diese Agenda durchgesetzt wird; davon bin ich bisher ausgegangen. Inzwischen bin ich mir nicht so sicher. Der Widerstand gegen die von Deutschland verordnete Politik des Sparens in die Krise hinein wächst.“ (22. November 2011)</p>
<p>„Das kann und wird nicht gut gehen. Spaniens arbeitslose Jugend wird nicht Jobs bekommen, weil die Regierung spart. Italiens dysfunktionaler Süden wird nicht funktional, weil die Regierung spart. Griechenlands Wirtschaft wird nicht wettbewerbsfähiger, weil die Regierung spart. Und so doof sind die Menschen nicht, dass sie das nicht merken werden.“ (13. Dezember 2011)</p>
<p>„Ganz davon abgesehen, dass der Fiskalpakt möglicherweise eine Totgeburt bleibt. Eine der ersten Maßnahmen der konservativen spanischen Regierung bestand darin, Europa mitzuteilen, dass sie nicht daran denkt, die von ihr selbst ausgehandelten Defizitziele einzuhalten. Die Wahl in Griechenland könnte Parteien an die Macht bringen, die unter Androhung eines Euro-Austritts Griechenlands Bringschuld neu verhandeln. Gewinnt Francois Hollande die Präsidentenwahl, ist Frankreich draußen. In Irland kann eine Volksabstimmung den Pakt zu Fall bringen.“ (20. März 2012)</p>
<p>Will man die Krise des Euro begreifen, muss man zunächst begreifen, dass an seiner Wiege nicht nur die Väter Helmut Kohl und Francois Mitterrand standen, sondern als Mutter Margaret Thatcher. Nur so kann man begreifen, warum Angela Merkel, die innenpolitisch durchaus vorsichtig agiert, auf der europäischen Bühne die Eiserne Lady gibt, die Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und Irland den Thatcherismus verordnet.</p>
<p>Der Euro wurde von Kohl und Mitterrand als Mittel verkauft, den europäischen Einigungsprozess unumkehrbar zu machen. Zyniker sahen hinter dem Projekt die Konturen eines Deals: Kohl bekam von Mitterrand die Einwilligung zur deutschen Einheit und musste im Gegenzug die deutsche Souveränität in Sachen Geldpolitik aufgeben.</p>
<p>Sicherlich spielten sowohl Kohls europäische Sendung als auch Mitterrands antideutsches Misstrauen eine wichtige Rolle bei der Euro-Einführung. Freilich ist es keineswegs entschieden, dass der Euro auch die Ergebnisse zeitigen wird, die sich Kohl und Mitterrand erhofft haben.</p>
<p>So hat die Schuldenkrise die Eurozone – „Kerneuropa“ also – an den Rand des Auseinanderbrechens gebracht und, wie Nikolas Busse am 22. Februar in der „FAZ“ schrieb, zu einer gefährlichen „Renaissance des Vorurteils“ geführt.</p>
<p>Andererseits wurde, allem Gerede vom Führungsduo „Merkozy“ (wer war das noch mal?) zum Trotz, die Krise Europas zur Stunde des größten Gläubigerlands. „Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“, krähte Volker Kauder.</p>
<p>Freilich mochte der Text, den Europa nachsprechen sollte, mit einem deutschen Akzent diktiert werden; entstanden ist er aber in Großbritannien. Denn der Euro war eben mehr als ein europäischer Klebstoff oder eine französische Leine, an die man Deutschland legen wollte. Bei seiner Einführung ging es, wie ich 2009 in meinem Buch „Imperium der Zukunft“ schrieb, „um eine wirtschaftspolitische Revolution auf kaltem Wege.“ Genauer: um die Durchsetzung des Thatcherismus auf dem Umweg über die Geldpolitik.</p>
<p>Zumindest war das so gedacht. Die allein der Geldwertstabilität verpflichtete Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) in Verbindung mit den Maastricht-Kriterien zur Begrenzung der Staatsschulden sollten Modernisierungen erzwingen.</p>
<p>Regierungen gleich welcher Couleur standen mit dem Beitritt zum Euro vor der Notwendigkeit, Sozialleistungen zusammenzustreichen, den Staatsapparat abzuschmelzen, staatliche Unternehmen zu privatisieren, Subventionen zu kürzen, die Löhne und Privilegien der Arbeitsplatzinhaber zusammenzustreichen, die Lebens- und Jahresarbeitszeit zu verlängern und geschützte Berufszweige zu öffnen, kurz: sich der unerbittlichen Logik des Markts zu stellen. Genau das passiert jetzt in jenen Ländern, die zur Eurozone gehören. Warum das nicht früher geschah, wird gleich zu erörtern sein.</p>
<p>Vorweg ist aber festzustellen, dass Reformen notwendig sind, will Europa Akteur der Weltwirtschaft bleiben. Die verfetteten europäischen Wohlfahrtsstaaten hätten auf dem Weltmarkt in der Konkurrenz mit den USA, China und Indien so wenig Chance wie Griechenland in der Eurozone gegenüber Deutschland. „TINA“ wurde unter Margaret Thatcher zum geflügelten Wort: <em>There is no alternative</em>. Freilich musste Thatcher ihre Modernisierungspolitik gegen Widerstände durchdrücken, die in jedem anderen europäischen Land die Regierung zu Fall gebracht hätten. Beim Bergarbeiterstreik 1984/5 tobte ein zuweilen blutiger Klassenkrieg, wie ihn Europa seit den 1920er Jahren nicht mehr erlebt hatte. Keine andere politische Klasse in Europa traute sich zu, solche Unruhen durchzustehen. Deshalb wurde die Verantwortung nach Europa ausgelagert. Der Euro sollte Europas Maggie Thatcher werden.</p>
<p>Dass er es nicht oder vielmehr sehr spät wurde, vielleicht zu spät, hat erstens mit der Feigheit der Politiker zu tun, denen zweitens ein Versagen des Markts zu Hilfe kam. Zunächst nämlich sanken beim Eurobeitritt für die meisten Länder die Kreditkosten erheblich. Die Märkte bewerteten die Bonität griechischer Schuldscheine etwa genauso wie jene Deutschlands. Mit dem billigen Geld aber wurden nicht etwa Infrastrukturmaßnahmen durchgeführt (sieht man von den Wahnsinnsbauten für die Olympischen Spiele in Athen ab) oder gar die Staatsschulden bedient.</p>
<p>Vielmehr wurden Reformen aufgeschoben, während Banken und Investoren den plötzlichen Reichtum in einen Immobilienboom steckten, der die schönsten Küsten des Mittelmeers und Irlands verschandelt hat und, als die Blase platzte, den Rest der Volkswirtschaft in eine Rezession riss.</p>
<p>Die internationalen Geldmärkte wachten gerade rechtzeitig auf, um mit Panikreaktionen eine Schuldenkrise auszulösen. Die europäischen Politiker sahen sich nun gezwungen, Thatchers Politik durchzusetzen, ohne das politische Mandat zu haben, das sich Thatcher immerhin dreimal von der Wählerschaft geben ließ.</p>
<p>Das hat sich nun gerächt. Genauer: die Wähler haben sich an den Politikern gerächt. Und, wie gesagt, das war abzusehen. <em>You read it here.</em></p>
<p>Wir stecken spätestens seit der Wahl Hollandes in einer Krise Europas. Nicht nur der europäischen Währung, sondern des europäischen Geistes.</p>
<ol start="1">
<li>Gewinnen die nationalen Vorurteile die Oberhand, werden in den Südländern die Reformen durch populären Protest gekippt und in den Nordländern Solidarität und Hilfe aus Angst vor den Populismus verweigert, wird ausgerechnet der Euro den Traum von einem postnationalen Europa zerstört haben.</li>
<li>Gelingt es den Politikern aber, ihren Wählern die Notwendigkeit von Reform und Solidarität – sagen wir: Liberalisierung und Budgetkürzung dort, Eurobonds und ein europäischer Marshallplan hier – zu erklären, kann Europa aus der Krise gestärkt hervorgehen.</li>
<li>Eine dritte Möglichkeit wäre, das Projekt Euro – und mit ihm die Vorstellung einer europäischen Wirtschaftsregierung – geordnet abzuwickeln, ohne in nationale Streitereien zu verfallen und sich auf die Vervollkommnung des europäischen Binnenmarkts und die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Außenpolitik zu konzentrieren.</li>
</ol>
<p>Die zweite und dritte Möglichkeit – nicht mehr Europa versus weniger Europa, sondern zwei verschiedene Arten, mehr Europa zu verwirklichen, erfordern aber Führung. So oder so ist der Mut einer europäischen Margaret Thatcher gefragt.</p>
<p>Durchwursteln wird langsam gefährlich. Doch nirgends ist eine solche Persönlichkeit in Sicht.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/15/allons-enfants-europa-in-der-krise/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>30</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Freiheit, die er meint: Joachim Gaucks Kritik des Liberalismus</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/08/freiheit-die-er-meint-joachim-gaucks-kritik-des-liberalismus/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/08/freiheit-die-er-meint-joachim-gaucks-kritik-des-liberalismus/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 07 May 2012 23:50:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gauck]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3315</guid>
		<description><![CDATA[Man hat es kommen sehen. Die  Frage war nur, wann Joachim Gauck die Gelegenheit ergreifen würde, wie von vielen Kritikern verlangt, seine Freiheitsrhetorik zu zügeln. Nun hat er ausgerechnet eine Rede zum Jahrestag der gewaltsamen Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung dazu verwendet. Keine gute Idee. Über die Kritik an Gaucks Freiheitsbegriff habe ich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Man hat es kommen sehen. Die  Frage war nur, wann Joachim Gauck die Gelegenheit ergreifen würde, wie von vielen Kritikern verlangt, seine Freiheitsrhetorik zu zügeln. Nun hat er ausgerechnet eine Rede zum Jahrestag der gewaltsamen Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung dazu verwendet. Keine gute Idee.<span id="more-3315"></span></div>
<div></div>
<div>Über die Kritik an Gaucks Freiheitsbegriff habe ich hier bereits einiges geschrieben:</div>
<div></div>
<div><a href="http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/13/freiheiten-die-ich-meine/" target="_blank"><span style="color: blue"><span style="text-decoration: underline">http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/13/freiheiten-die-ich-meine/</span></span></a></div>
<div></div>
<div>Dabei habe ich unter anderem gesagt, dass die von den Grünen erfundene Phrase „Freiheit zur Verantwortung“  dem Bundespräsidenten eine Hintertür öffnet, die Freiheit im Namen der Verantwortung  einzuschränken. Das hat Gauck nun bei seiner Rede in Breda getan. Laut Agenturberichten kritisierte das deutsche Staatsoberhaupt das europäische Freiheitsverständnis: Während Völker in anderen Teilen der Welt die Freiheit entdeckten, könnten viele Menschen in Europa deren Segen „nur noch begrenzt erfassen“, so Gauck.. „Sie missverstehen Freiheit als Libertinage, als das Versprechen auf ein hedonistisches Lebensmodell, als politische oder ethische Beliebigkeit oder als Aufforderung zum Verzicht auf Mitgestaltung.“ Dabei fehle, „was besonders viele junge Menschen auf die Straßen und zum Protest treibt – Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit, auch Gemeinsinn und Solidarität“.</div>
<div></div>
<div>Der ehemalige Pastor wurde, das sei hier nur nebenbei angemerkt, auf der Reise ins Nachbarland von seiner gegenwärtigen Lebensabschnittsgefährtin begleitet. Mir ist es völlig gleich, mit wem der Mann schläft, aber ich finde es schon ein Ding, wenn er dann andere Leute belehrt, sie dürften Freiheit nicht als Libertinage, Hedonismus oder ethische Beliebigkeit „missverstehen“. Der Mann, der immerhin einen Staat vertritt, dessen Verfassung den besonderen Rang von Ehe und Familie betont, mag sich die Freiheit herausnehmen, den sexualmoralischen Erwartungen zu trotzen, die bislang an den Amtsinhaber gestellt werden, und dazu soll er meinen Segen haben, aber dann sollte er den Zeigefinger nicht gar so erigieren.</div>
<div></div>
<div>Es ist schon erstaunlich, wie sehr Joachim Gauck inzwischen wie ein Echo des Joseph Ratzinger klingt (auch er ein Mann, der lieber vor der eigenen Tür kehren, genauer die Augiasställe seiner eigenen Kirche ausmisten sollte. Sie haben die gleichen Gegner: „Libertinage, Hedonismus, Beliebigkeit“. (Wer’s nicht glaubt, braucht nur die Begriffe zusammen mit den Namen „Ratzinger“ oder „Benedikt“ zu googeln, oder mein Buch zu lesen.)  Dafür, so meinen sie, dürfe der Begriff „Freiheit“ nicht „missbraucht“ werden.</div>
<div>Nun, es gehört nun einmal zur Freiheit eines Christen- wie jedes anderen Menschen, dass er mit ihr machen kann, was er will, und dass ihm weder Kirchenleute noch erst recht Politiker vorzuschreiben haben, was er darunter zu verstehen hat. Einem aktiven Kirchenmann könnte man das sogar eher nachsehen. Es gehört zum Markenkern der meisten Religionen, ihren Mitgliedern bestimmte Arten des Verzichts auf sinnliche Genüsse abzuverlangen, was die paradoxe Wirkung hat, die Anhänger noch stärker an die Organisation zu binden und sie zu ermutigen, auch intellektuell Verzicht zu üben. („Ich habe nun schon so viel in diese Geschichte investiert, da muss etwas dran sein.“)  Einem Staatspräsidenten, der das ganze Volk repräsentieren soll, steht es hingegen nicht zu, Libertinage und Hedonismus zu kritisieren. „The pursuit of happiness“ gehört nach Thomas Jefferson zu den elementaren Bürgerrechten, die der Staat gefälligst zu schützen habe. Ob Libertinage und Hedonismus, wie immer man diese Begriffe definiert, zum Glück der Menschen beitragen, ist eine philosophische, keine politische Frage. Die Freiheit ist aber  nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden. Sie ist auch die Freiheit des Anderslebenden. Wenn der Islam zu Deutschland gehört, dann gehört der Hedonismus allemal dazu. Schließlich war das „Versprechen auf ein hedonistisches Lebensmodell“ – mehr Konsum, freies Reisen, besserer Sex, schnellere Autos – ein wesentlicher Impuls, der zum Fall der Mauer führte. Der Wunsch nach einer strengen, Gauck-Ratzinger’schen „Freiheit zur Verantwortung“ hätte niemals gereicht, um der DDR den Garaus zu machen, wenn etwa der unfreie Osten das Konsumentenparadies und der freie Westen so arm gewesen wäre wie es das Arbeiter- und Bauernparadies war.</div>
<div>Dass sich Gauck nicht scheut, „Gemeinsinn und Solidarität“ als Elemente der Freiheit zu beschwören, muss zu denken geben. Nichts gegen Solidarität. Ich bin Ver.di- Mitglied. Nichts gegen Gemeinsinn. Ich trenne meinen Müll. Aber sie sind eben Werte oder Haltungen, die ich als freier Bürger erstens definieren kann wie ich will und in deren Namen zweitens die Freiheit niemals eingeschränkt werden darf, soll nicht im Staat „der Terror des dörflichen Zusammenlebens“ (Niklas Luhmann) herrschen. Stadtluft macht frei, weil sie von der Diktatur des Gemeinsinns befreit. Ich kann so solidarisch oder unsolidarisch sein, wie ich will, mitmachen oder nicht mitmachen, wie ich will. Gerade diese Freiheit ist kostbar – kostbarer noch als die Freiheit, wählen zu gehen, zu reisen oder studieren zu können, was ich will. Nicht mitmachen müssen, sich dem Gemeinsinn und der Solidarität entziehen können, das ist gerade der Unterschied zwischen einer freien und einer totalitären Gesellschaft.</div>
<div>Ähnliches gilt für die von Gauck als nicht zur Freiheit gehörige „ethische oder politische Beliebigkeit“. Nun weiß ich nicht genau, was „ethische Beliebigkeit“ sein soll. Ich weiß aber, dass meine Freiheit, mir meine eigene Ethik zu entwickeln, nicht von der Politik beschnitten werden darf. Gesetze kann die Politik machen. Sie kann sie auch ethisch begründen und mich als Bürger zwingen, sie einzuhalten oder mich dafür bestrafen, sie nicht einzuhalten. Aber sie kann mich nicht zwingen, sie gut zu finden, und wenn sie noch so ethisch begründet daher kommen. So galt bis vor wenigen Jahren der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen im Namen der Moral als Verbrechen definierte. Heute sind wir eher geneigt den Paragrafen 175 als Verbrechen zu bezeichnen. So wurde der Philosoph Bertrand Russel verurteilt, weil er im Ersten Weltkrieg die Kriegsdienstsverweigerung verteidigt und empfohlen hatte, was damals als Verstoß gegen den Gemeinsinn, die Solidarität und den ethischen Grundsatz der Vaterlandsliebe gewertet wurde, vor allem aber gegen die Gesetze verstieß. Die Verurteilung war rechtens und entsprach dem Gefühl der überwältigenden Mehrheit der Bürger. Heute lesen wir Bertrand Russels pazifistische Schriften mit anderen Augen. Was also „politische Beliebigkeit“ angeht, so fragt man sich wieder, was das bedeuten soll. Die Gedanken sind nun einmal frei, auch und gerade die politischen. Und das ist gut so, weil sie sich ändern – und damit die ethischen und politischen Koordinaten.</div>
<div>Was „viele junge Menschen auf die Straßen und zum Protest treibt“ – etwa zur Teilnahme an der „Occupy“-Bewegung, die Gauck ja „unsäglich albern“ fand,  ist nicht das Fehlen von „Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit, Gemeinsinn und Solidarität“, sondern das Fehlen von Jobs, Geld, Ausbildungsplätze und Zukunft – das Fehlen jener „Freiheit von Not“, die Franklin D. Roosevelt zu den „Vier Freiheiten“ zählte, in deren Namen der Sieg über Nazideutschland erkämpft worden war. Wie in Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich, wo die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 50 und 25 Prozent liegt, eine Zukunft zu schaffen ist, darüber muss diskutiert und gestritten werden; ich denke, dass die Lösung eher in der Liberalisierung des Arbeitsmarkts – also in einer Ausweitung der Freiheit – als in der Kritik der Freiheit im Namen der Solidarität zu finden sein dürfte. Wie dem aber immer auch sei: gefordert sind pragmatische Lösungen, nicht große Worte.</div>
<div>Gauck selbst hat sich wiederholt als „Demokratielehrer“ bezeichnet, wobei er offensichtlich die Tatsache, dass er einen Großteil seines Lebens in einem nichtdemokratischen Staat verbracht hat, als Qualifikation betrachtet. Andere würden das eher bezweifeln. Nun, erstens ist aber der Begriff ein Oxymoron. Zweitens gehört er nicht zur Jobbeschreibung eines Bundespräsidenten. Und drittens hat Gauck mit seiner Rede in Breda wohl gezeigt, dass er ein ganz guter Demokratielerner ist, indem er seinen Kritikern von linkskonservativer, grün-konservativer und christlich-konservativer Seite mit seiner Umwertung des Werts Freiheit nach dem Munde geredet hat; vom Liberalismus aber – wirtschaftlicher, sozialer, politischer und moralischer Natur – versteht er wenig. Ihm ist künftig mehr Jefferson und weniger Böckenförde als Lektüre zu wünschen.</div>
<div></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/08/freiheit-die-er-meint-joachim-gaucks-kritik-des-liberalismus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>73</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wenn Atheisten beten</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/01/wenn-atheisten-beten/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/01/wenn-atheisten-beten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 30 Apr 2012 23:53:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Atheist]]></category>
		<category><![CDATA[Beten]]></category>
		<category><![CDATA[Opfer]]></category>
		<category><![CDATA[Vaterland]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3298</guid>
		<description><![CDATA[Atheist werden ist nicht leicht. Eigentlich liegt es eher nahe, irgendwie religiös zu sein. Obwohl meine Eltern beide nicht besonders gläubig waren (mein Vater ein jüdischer Agnostiker mit Sympathien für das Christentum, meine Mutter eine anglikanische Agnostikerin mit einer Schwäche  für Astrologie), war ich als Kind ein frommer Christ. Allerdings rang ich als Neunjähriger mit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Atheist werden ist nicht leicht. Eigentlich liegt es eher nahe, irgendwie religiös zu sein. Obwohl meine Eltern beide nicht besonders gläubig waren (mein Vater ein jüdischer Agnostiker mit Sympathien für das Christentum, meine Mutter eine anglikanische Agnostikerin mit einer Schwäche  für Astrologie), war ich als Kind ein frommer Christ.</p>
<p>Allerdings rang ich als Neunjähriger mit folgendem Problem: Wenn ich der Sohn Gottes wäre, und ich wüsste, dass mein vorübergehender Tod die Welt erlösen würde – na, dann würde ich mich doch opfern. Ein viel größeres Opfer, schien es mir, hatten unsere tapferen britischen Soldaten gebracht, die fürs Vaterland oder für ihre Kameraden ihr Leben hingegeben hatten, ohne Gewissheit des ewigen Lebens und ohne Gewissheit, dass ihr Opfer etwas nutzen würde.<span id="more-3298"></span></p>
<p>Da las ich den Bericht des Markus vom Gebet Jesu in Gethsemane: „Da ergriff ihn Furcht und Angst, und … er warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe. Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“ Mir wurde einerseits klar, dass ich es mir etwas einfach gemacht hatte. Auch ein Gott graust sich vor dem Tod. Und andererseits, dass Gott, wenn er schon die Gebete seines Sohns nicht erhört, sicher die Gebete seiner anderen Kinder nicht hört, schon gar nicht erhört. Es sei denn, man betet wie Jesus einschränkend:  „Doch nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.“</p>
<p>Nebbich. Das geschieht ja sowieso. Dafür braucht man nicht zu beten.</p>
<p>Dass Gebete nicht erhört werden, wurde übrigens inzwischen wissenschaftlich – das heißt aufgrund eines wiederholbaren Versuchs – nachgewiesen.. Dr. Herbert Benson vom Mind/Body Medical Institute bei Boston ließ vor einigen Jahren 1802 Patienten, die sich einer Bypass-Operation unterzogen hatten, in drei Gruppen einteilen. Für die erste Gruppe wurde gebetet, ohne dass die Patienten davon wussten, für die zweite – die Kontrollgruppe – wurde nicht gebetet, und für die dritte wurde gebetet, und die Patienten wurden davon informiert. Das Beten übernahmen drei – ich nehme an protestantische – Kirchengemeinden in verschiedenen US-Bundesstaaten. Alle nahmen in ihr Gebet die Bitte „für eine gelungene Operation mit schneller Genesung und ohne Komplikationen“ auf. Es wird wohl niemanden überraschen zu erfahren, dass es zwischen der ersten und der zweiten Gruppe nicht den geringsten Unterschied gab. In der dritten Gruppe aber – unter den Patienten, die wussten, dass man für sie betete – war die Zahl der postoperativen Komplikationen signifikant höher. Das gibt mir zu denken, denn auf Webseiten wie „kath.net“ schreiben die Kommentatoren oft, mit zusammenbebissenen Zähnen,  sie würden für mich beten. Bitte nicht! Ich habe den Beipackzettel gelesen!</p>
<p>Dass Beten nicht hilft, wusste allerdings schon Hiob. Und der Doppelblindversuch ist seitdem tausendmal wiederholt worden, auch in den Gaskammern von Auschwitz. Mich wundert daher, dass sich die Kirchengemeinden auf den Versuch einließen. Denn angesichts der Erfahrungstatsache, dass Gebete nicht erhört werden, hat die christliche Bibel eine Falsifizierungssperre eingebaut: „Du sollst Gott nicht auf die Probe stellen“, sagt Jesus dem Satan in der Wüste. Der hatte ihm ja gesagt, er könne Gott um alles Mögliche bitten, er werde seinem Sohn doch nichts abschlagen. Dr. Benson hat Gott auf die – wissenschaftliche – Probe gestellt.</p>
<p>Beten hilft nichts. Und doch beten die Menschen. Menschen haben Wünsche und Ängste, und die Vorstellung, dass es keine übergeordnete Instanz gibt, an die man seine Wünsche richten und bei der man seine Ängste ablegen könnte, ist für ein Lebewesen, dessen erste Lebenslektion die totale Abhängigkeit von übergeordneten Instanzen ist, im Wortsinn widernatürlich. Wenn ich eine Kirche besuche, blättere ich immer in den dort ausliegenden Kladden, in die man seine Gebete und Wünsche eintragen kann. Mich rühren da nicht die religiös korrekten und gänzlich uneigennützigen Wünsche für den Weltfrieden oder dergleichen, die man dort immer findet, sondern die Herzensschreie. In der Kirche des Augustinerklosters in Erfurt (wo Luther Mönch war, und die Papst Benedikt XVI neulich besuchte) hatte ein Junge mit Krakelschrift geschrieben: „Bitte mach, das mir meine Eltern ein Hund schenken.“ Das rührte mich fast zu Tränen. Und dass irgendein Dauerstudienrat mit grüner Tinte die beiden grammatikalischen Fehler verbessert hatte, als ob Gott das sonst nicht lesen könnte, macht mich noch heute zornig. Es könnte mir egal sein, ist es aber nicht. Und ich frage mich, ob der Junge jetzt seinen Hund hat.</p>
<p>Mir ist in fast sechzig Jahren Leben nicht viel Schlimmes zugestoßen. Sicher, beide Eltern sind tot, aber Eltern sterben nun einmal. Sicher, es gab Liebesleid und Enttäuschungen und einige Dinge, die ich bereue. „But then again, too few to mention“, wie Frank Sinatra sang. Deshalb hatte ich wenig Anlass, um und für mich zu beten. Aber – um bei Haustieren zu bleiben – als meine geliebte schwarze Katze Shira eines Tages verschwand, ertappte ich mich beim Verhandeln. Ich schrieb damals in meinem Blog: „Eigentlich war der Juni ein schöner Monat. Wir haben uns zum Geburtstag meiner Frau neue Fahrräder geleistet, mein erstes seit zwanzig Jahren. Außerdem habe ich ihr eine wunderbare Stahl-Stele des Bildhauers Achim Pahle geschenkt, die wir im Garten aufstellen wollen. Ich habe die Arbeit an meinem Europa-Buch beendet, das jetzt in Druck gehen kann. Und doch: die Stele und die Räder würde ich zurückgeben, das Buch ungeschrieben machen, wenn ich dafür nur einmal morgens beim Zähneputzen am Badezimmerfenster das Klopfen hören könnte, das mir signalisiert, Shira ist da und will jetzt – sofort, nicht später – hereingelassen werden und ihren Fressnapf gefüllt bekommen. Auf dem Weg die Treppe herunter in die Küche wird sie mir wortreich von ihren nächtlichen Erlebnissen erzählen, sich aber dann dem wirklich Wichtigen zuwenden und mich keines weiteren Blickes würdigen. Vollkommenes Glück.“</p>
<p>Das ist die atavistische, dem Menschen wohl angeborene Haltung, man könne durch irgendein Opfer das Unabwendbare abwenden. Da ist der aufgeklärte Atheist plötzlich dabei, wie der abergläubischste Heide zu sagen: „Nimm das, und lass mir dies.“ Wem sagt er das?</p>
<p>Und dann gibt es den perfekten Tag. Im Skiurlaub, blauer Himmel, Neuschnee, man kann immer noch die Piste mit der Tochter herunterrasen wie früher; oder zuhause, beim Anblick der Frau, die Tee kocht, das plötzlichen Bewusstsein, wie gut, wie völlig unverdient gut man es hat. Das Leben könnte morgen vorbei sein, und es wäre gut gewesen. Spontan möchte man dafür danken. Wem?</p>
<p>Es ist also nicht so, dass ich die Leerstelle nicht spüren würde. Ich lerne, damit zu leben. Was ja nicht heißt, das Gefühl verdrängen, im Gegenteil. Der Gejagte, der darum bittet, nicht sterben zu müssen; der Junge, der einen Hund haben will; der erwachsene Mann, der dem Schicksal ein Gegenangebot für seine Katze macht oder plötzlich von Dankbarkeit überwältigt wird – sie scheinen mir alle etwas darüber auszusagen, was es heißt, Mensch zu sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Eine erste Fassung des Texts  erschien zuerst im „Vatican-Magazin“ 4/2009.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/05/01/wenn-atheisten-beten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>26</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was ist die Moderne? Erster Versuch: Die Moderne bedeutet die Heiligkeit der Fakten</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/24/was-ist-die-moderne-erster-versuch-die-moderne-bedeutet-die-heiligkeit-der-fakten/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/24/was-ist-die-moderne-erster-versuch-die-moderne-bedeutet-die-heiligkeit-der-fakten/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 23:55:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Karl Popper]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
		<category><![CDATA[Novalis]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3289</guid>
		<description><![CDATA[Als Deborah Lippstadt im Verleumdungsverfahren freigesprochen wurde, das David Irving gegen sie angestrengt hatte, weil sie ihn einen Holocaustleugner genannt hatte, sagte sie, das Urteil sei „a victory for the sanctity of facts“. Denn Irving hat in der Tat, wie das Gericht feststellte, den Holocaust verschiedentlich geleugnet. Mir scheint, das wichtigste Kennzeichen der Moderne ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Als Deborah Lippstadt im Verleumdungsverfahren freigesprochen wurde, das David Irving gegen sie angestrengt hatte, weil sie ihn einen Holocaustleugner genannt hatte, sagte sie, das Urteil sei „a victory for the sanctity of facts“. Denn Irving hat in der Tat, wie das Gericht feststellte, den Holocaust verschiedentlich geleugnet.</div>
<div></div>
<div>Mir scheint, das wichtigste Kennzeichen der Moderne ist diese „Heiligkeit der Fakten“. Sie widerspricht keineswegs jenem anderen Kennzeichen der Moderne, der durch Karl Popper formulierten Relativität aller Theorien. Denn das eine bedingt das andere. Da Fakten absolut sind, kann jede Theorie widerlegt werden, wenn die Fakten nicht zur Theorie passen. Das ist weder trivial noch selbstverständlich. <span id="more-3289"></span></div>
<div></div>
<div>Galileo Galilei ist ja gerade deshalb eine ikonografische Gestalt der Modernen, weil die Inquisition von ihm den Widerruf von Fakten verlangte, weil sie nicht zur Theorie – zur Theologie – passten. Dabei war die Kirche bereit, die Berechnungen des Kopernikus zu akzeptieren, ja benutzte sie selbst; was sie nicht akzeptieren konnte war der Versuch Galileis, das Modell des Kopernikus durch Beobachtung zu verifizieren und als Faktum hinzustellen.</div>
<div></div>
<div>Natürlich ist die Sache nicht so einfach, wie es den Anschein hat. Oft ist es nicht leicht, zwischen einem Faktum und einer Theorie oder einem Vorurteil zu unterscheiden. Die Existenz von Rassen zum Beispiel (und nicht nur in dem banalen Sinn, dass manche Menschen schwarz sind, andere braun, rot, pink usw., sondern als Trägerinnen und Vermittlerinnen psychologischer Eigenschaften und kultureller Fähigkeiten) galt nicht nur den Nazis als Tatsache.</div>
<div></div>
<div>Fakten selbst können umstritten sein, zum Beispiel der Klimawandel oder die Existenz einer Krankheit namens ADS. Manche Fakten können nicht gewusst werden, weil es keine Mittel gibt, sie zu eruieren, das gilt etwa für historische Fragen wie „ist Jesus von den Toten auferstanden?“ oder „Wer schrieb Shakespeares Dramen?“ oder „Wollte Hitler von Anfang an die Juden physisch ausrotten?“ In dem Fall müssen Theorien aus Indizien die Fakten ersetzen.</div>
<div></div>
<div>Theorien wiederum werden selten durch den Popper’schen Idealfall einer Falsifizierung durch Fakten erledigt, sondern biologisch, indem deren Vertreter sterben oder in Rente gehen, oder durch einen Wandel der gesellschaftlichen  Empfindungen oder der wissenschaftlichen Moden.</div>
<div></div>
<div>Trotzdem meine ich, dass die Heiligkeit der Fakten, der Gedanke, dass bestimmte Behauptungen nachprüfbar richtig, andere nachprüfbar falsch sind, und zwar unabhängig davon, ob sie den Priestern, Königen, Magiern oder Wissenschaftlern passen, das Grundkennzeichen der Epoche ist, die Galileo Galilei einleitet.</div>
<div>Und es ist ja auch kein Zufall, dass sich alle Antimodernen gerade dagegen richten.</div>
<div></div>
<div>In einem wunderbaren Gedicht schreibt der preußische Katholik Novalis:</div>
<div></div>
<div>Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren<br />
sind Schlüssel aller Kreaturen,<br />
wenn die, so singen oder küssen,<br />
mehr als die Tiefgelehrten wissen,<br />
wenn sich die Welt ins freie Leben<br />
und in die Welt wird zurückbegeben,<br />
wenn dann sich wieder Licht und Schatten<br />
zu echter Klarheit werden gatten<br />
und man in Märchen und Gedichten<br />
erkennt die wahren Weltgeschichten,<br />
dann fliegt vor <em>einem</em> geheimen Wort<br />
das ganze verkehrte Wesen fort.</div>
<div></div>
<div>Ich bin mir sicher, dass Nicolas Gomez Davila und Matthias Matussek das unterschreiben würden.</div>
<div>Und es ist, ich wiederhole es, ein wunderbares Gedicht – und ein gefährliches. Das Gefährliche liegt in der Entgegensetzung von „Zahlen und Kolumnen“ einerseits und wahrem Leben andererseits, und im Wunsch, „das ganze verkehrte Wesen“ – die Wissenschaft nämlich – werde „fortfliegen“.</div>
<div></div>
<div>Natürlich gab und gibt es Naturwissenschaftler, die nicht nur methodisch, sondern auch emotional und philosophisch Reduktionisten waren und sind. In der früheren DDR etwa wurde die Naturwissenschaft oft genug so gelehrt. Aber eben so klar ist es, „dass die, so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen“ – nur eben nicht unbedingt etwas über Hormonen und Harmonielehre.</div>
<div></div>
<div>Es ist eben eine andere Art von Wissen, und wir haben inzwischen erfahren, dass wir einerseits wissen können, was chemisch in uns vorgeht, wenn wir uns verlieben, oder warum ein bestimmter Rhythmus uns mitnimmt, dass dieses Wissen aber keineswegs bedeutet, dass die Liebe weniger zauberhaft oder ein Lied der Rolling Stones uns weniger in die Beine und die Seele geht. Das heißt, wir wissen, dass „Zahlen und Figuren“ nicht „Schlüssel aller Kreaturen“ sind; aber wir können nicht gegen das Faktum des Genoms – oder besser: gegen die Fakten der Genetik und Epigenetik – einfach Dinge behaupten wie dass die Intelligenz erblich ist oder dass wir deshalb krank werden, weil uns Gott für unsere Sünden bestrafen will.</div>
<div></div>
<div>Das Interessante ist, dass sowohl Nationalsozialismus als auch Sozialismus – jedenfalls in seiner Marx’schen Variante – sich zwar als Kinder der Moderne präsentieren, in Wirklichkeit aber Ausdruck jener Abkehr von der Moderne sind, die Novalis als Utopie beschreibt.</div>
<div></div>
<div>Bei den Nazis mit ihrer Betonung des Mythos, der „Stimme des Blutes“, der Esoterik und der Rasse, mit ihrer Ablehnung „jüdischer“ Wissenschaft  wie der Relativitätstheorie usw. ist das relativ klar, auch wenn heutige Reaktionäre genau das leugnen, wie schon Theodor Adorno mit seiner „Dialektik der Aufklärung“, die instrumentelle und existenzielle Vernunft verwechselt. Bei den Kommunisten ist das weniger klar, weil sie ja auf den Erkenntnissen der klassischen politischen Ökonomie und den Naturwissenschaften aufbauen, wenn Marx auch sowohl Adam Smith als auch Charles Darwin missverstanden hat. Man betrachte aber folgende oft zitierte Passage aus dem „Kommunistischen Manifest“:</div>
<div></div>
<div>„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelasssen als das nackte Interesse, als die gefühllose &#8220;bare Zahlung&#8221;. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Wurde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“</div>
<div></div>
<div>Das ist, im Grunde genommen, die Klage des Novalis: die Menschen sind zu „Zahlen und Figuren“ verkommen – Marx ergänzt nur: im Kassenbuch der Bourgeoisie. Und im Kern läuft der Kommunismus auf das Versprechen hinaus, diese Reduktion des Menschen auf den homo oeconomicus, aller „frommen Schauer“ durch „egoistische Berechung“, aller sozialen Beziehungen auf „bare Zahlung“ in der kommenden kommunistischen Utopie „aufzuheben“, wie es Marx in Anlehnung an Hegel gern formulierte.</div>
<div></div>
<div>Deshalb beruht der Marxismus, man muss es eigentlich nicht betonen, nicht auf Fakten, sondern auf einem utopischen Erlösungsversprechen; und wie jede Erlösungsreligion tut sie alles Erdenkliche, um sich gegen die Fakten zu immunisieren. Kein Wunder, dass Stalin am Ende seines Lebens beim Kampf gegen die „bürgerliche Wissenschaft“ der Genetik landet. Und beim Antisemitismus, aber das nur nebenbei.</div>
<div></div>
<div>Dabei vollzieht der Marxismus nur nach, was ihm das Christentum vormacht, das ja, wie Joseph Ratzinger es einmal zutreffend formuliert hat, ursprünglich eine „physikalische Religion“ ist und sich gerade dadurch von den Sagen und Mythen der Griechen, Römer, Perser, Ägypter und Juden unterscheidet. Mehr darüber vielleicht nächste Woche.</div>
<div></div>
<div>Um aber zum Ausgangspunkt zurückzukommen: modern sein heißt vor allem die Heiligkeit der Fakten respektieren. Und jede reaktionäre Wende beginnt damit (oder endet darin), die Fakten zu leugnen – oder, was nur eine Variante davonist, die Existenz von Fakten zu bestreiten. Und zwar oft genug im Namen der Freiheit („wenn sich die Welt ins freie Leben… wird zurückbegeben“). Denn anders als es die Reaktionäre behaupten, besteht die Moderne keineswegs im Verkünden einer absoluten Freiheit. Sondern vielmehr darin, die Begrenzung des Denkens durch die Fakten anzuerkennen. Für viele ist diese Begrenzung ärger als jene durch eine noch so irrwitzige Dogmatik. Nicht die Überheblichkeit ist das Kennzeichen des modernen Menschen. Sondern die Bescheidenheit.<strong><span style="color: #888888"><br />
</span></strong></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/24/was-ist-die-moderne-erster-versuch-die-moderne-bedeutet-die-heiligkeit-der-fakten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>113</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Matthias Matussek, der Papst und die Moderne</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/17/matthias-matussek-der-papst-und-die-moderne/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/17/matthias-matussek-der-papst-und-die-moderne/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 16 Apr 2012 23:45:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Mathias Matussek]]></category>
		<category><![CDATA[Papst Benedikt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3263</guid>
		<description><![CDATA[Mein Freund und Kollege Matthias Matussek hat im „Spiegel“ seinem Papst Joseph Ratzinger zum 85. Geburtstag gratuliert. Dieser Artikel ist lesenswert – nicht, weil er besonders originell wäre, sondern weil er den Hauptantreib des modernen Salonkatholizismus aufs Schönste offen legt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,827594,00.html Die Kernpassage dieser Suada lautet: „Ja, meine tiefe Überzeugung ist, dass die Kirche der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mein Freund und Kollege Matthias Matussek hat im „Spiegel“ seinem Papst Joseph Ratzinger zum 85. Geburtstag gratuliert. Dieser Artikel ist lesenswert – nicht, weil er besonders originell wäre, sondern weil er den Hauptantreib des modernen Salonkatholizismus aufs Schönste offen legt.</p>
<p><a href="http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,827594,00.html">http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,827594,00.html</a></p>
<p>Die Kernpassage dieser Suada lautet:</p>
<p>„Ja, meine tiefe Überzeugung ist, dass die Kirche der Ort sein sollte, wo wir uns dem Hochmut der Moderne entziehen dürfen. Aufatmend die Ohren verschließen vor dem Geplärr der nächsten Welterklärung, des nächsten Systemsturzes, der nächsten Fünf-Minuten-Mode, der nächsten Sau, die durchs Dorf rennt, und sich stattdessen der ewigen Wahrheit zuwenden.<span id="more-3263"></span></p>
<p>Antimodern ist mittlerweile nach &#8220;antisemitisch&#8221; die deftigste Ausschlussvokabel aus dem &#8220;kulturellen Diskurs&#8221;, ja aus der &#8220;demokratischen Gemeinschaft&#8221; überhaupt. Meistens übrigens werden beide Attribute in einem Atemzug genannt&#8230; Was ist eigentlich an &#8220;antimodern&#8221; so schlimm? Mir hängt das Moderne-Geklapper zum Hals raus. Ja, ich finde Michelangelos &#8220;Pieta&#8221; beeindruckender und tiefer und schöner als die aufgeblasenen Riesen-Ballon-Pudel von Jeff Koons. Ich bin gerne antimodern.“</p>
<p>Sicher geht es vielen alternden <em>enfants terribles </em>ähnlich. Sie haben als junge Leute alle fünf Minuten Säue durchs Dorf getrieben, nun werden sie müde, zweifeln an ihrer Fähigkeit, die Leute zu schocken. Über wie heißt er doch gleich, Harald Schmidt, gähnen die Leute nur noch, Thomas Gottschalk hat ein Quotenproblem. Kann ja nicht jeder ein Günter Grass sein, obwohl man dieser Passage anmerkt, dass es auch MM diesbezüglich in den Fingern juckt. Lass es lieber, Matthias.</p>
<p>Über Günter Grass schrieb ich im Februar 2002, da hatte er wieder einmal im „Spiegel“ Freiheit für die Israelkritik gefordert und sich im übrigen für die Veröffentlichung von „Mein Kampf“ eingesetzt (da bin ich übrigens bei ihm, wie die meisten denkenden Menschen):</p>
<p>„Man hat es als Enfant terrible in der permissiven Gesellschaft nicht leicht. Wie wäre es mit einem echten Schocker &#8211; dem Eintritt in die FDP oder dem Wiedereintritt in die katholische Kirche?“</p>
<p><a href="http://www.welt.de/print-welt/article372762/Grass-kaempft-fuer-Mein-Kampf.html">http://www.welt.de/print-welt/article372762/Grass-kaempft-fuer-Mein-Kampf.html</a></p>
<p>Nun, inzwischen ist das Bekenntnis zum Katholizismus (oder überhaupt zur Religiosität) nicht mehr so schockierend, wie es damals gewesen wäre; Martin Mosebach und  Martin Walser stehen ebenso für diese Entwicklung wie die Einrichtung einer Religionsseite in der „Zeit“, die Kampagne „Pro Reli“ in Berlin und überhaupt die neue Lust des Bürgertums an Konfirmation und dergleichen. Aber Matthias Matussek möchte natürlich seine Heimkehr in den Schoß der Kirche, die ihm die Last der ständig neuen Provokation abnimmt, denn doch als eine Art Grundprovokation vorstellen. Und so fantasiert er sich in die Rolle eines „Antimodernen“ hinein, der dadurch den „Ausschluss“ aus der „demokratischen Gesellschaft“ erleidet, wie Günter Grass wegen des Antisemitismus-Vorwurfs. Ach, das Christentum hat uns alle verdorben: wir lechzen danach, Opfer zu sein. Und darin liegt auch der Reiz des Salonkatholizismus. Nicht im Dafürsein. Nicht im Erfüllen des Gebots der Liebe und der Demut. Sondern im hochmütigen und hasserfüllten Dagegensein, in der Denunziation „der Moderne“ vom sicheren Hort der Kirche aus – und in der Vorstellung, man werde dafür gehasst, zumal von modernen Juden.</p>
<p>Hörten wir, wie Matussek die Moderne charakterisiert:</p>
<p>„Besonders in Deutschland, (ist) Moderne nur ein anderes Wort für rasendes Mitläufertum.“ „Bei uns glaubt man, das ergeben Straßenumfragen immer wieder, dass Golgotha eine Zahnpasta ist, und dass wir zu Ostern den Osterhasen feiern.“</p>
<p>Nun ja, und dann Hans Küng, Heiner Geißler, Stuhlkreise in der Kirche, und Jeff Koons. Und das war’s schon.</p>
<p>Bisschen dünn.</p>
<p>Das Problem der Kritik an der Moderne besteht darin, dass sie immer nur stattfinden kann von Standpunkt der Moderne von gestern oder vorgestern. Denn <em>sub specie aeternitatis</em> ist auch das Christentum eine moderne Religion. Und sie ist – in ihrer katholischen wie in ihrer protestantischen Variante – einer ständigen Evolution unterworfen. Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis etwa wurde erst 1854 verkündet, das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit wurde erst 1870 beschlossen, die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel erst 1950 als Dogma – an das also auch Matthias Matussek zu glauben hat – verkündet.</p>
<p>Kurz und gut: Jesus würde die Kirche heute nicht wieder erkennen, so modern ist sie; und jede angestrebte Reform der Kirche – auch durch einen Mohammed oder einen Martin Luther – zielte darauf ab, diese Modernität zurückzuweisen und zurück zum ursprünglichen Glauben – zum „Fundament“, daher „Fundamentalismus“ – zu kehren, wie er von Jesus und den Aposteln verkündet wurde. Ein antimoderner Katholik ist also im Grunde genommen absurd. Ich komme gerade aus Barcelona zurück, wo Gaudis „Sagrada Familia“ in den Himmel wächst. Gewiss, die Kathedrale beschwört die Gotik. Aber man baut doch mit Beton.</p>
<p>Eine Anmerkung noch.</p>
<p>Matthias Matussek schreibt über die Enzyklika „Deus Caritas est“:</p>
<p>„Und schon in dieser Enzyklika machten Sie deutlich, wie sehr das innere Heil und die Welt zusammenhängen, wie die äußere Verwüstung auch auf eine innere Wüste schließen lässt.“</p>
<p>Wenn dem so ist; wenn die äußere Verwüstung auf eine innere Wüste schließen lässt; was sollen wir von einer Kirche halten, die solche Dinge zu verantworten hat:</p>
<p><a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/missbrauchsskandal-in-den-niederlanden-dass-sie-mich-wieder-zu-packen-kriegen-11715604.html">http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/missbrauchsskandal-in-den-niederlanden-dass-sie-mich-wieder-zu-packen-kriegen-11715604.html</a></p>
<p>Und solchen:</p>
<p><a href="http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article106183937/Schwester-Maria-und-die-geraubten-Kinder.html">http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article106183937/Schwester-Maria-und-die-geraubten-Kinder.html</a></p>
<p>Ich respektiere jedes religiöse Gefühl; nicht, weil es religiös, sondern weil es ein menschliches Gefühl ist. Wird aber die Religion zur Erzielung von Distinktionsgewinn missbraucht; wird „Eine feste Burg ist unser Gott“ so missverstanden, dass aus dieser Burg vornehmlich gegen andere geschossen wird, dann nimmt die Religion so sicher Schaden wie das menschliche Gefühl.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/17/matthias-matussek-der-papst-und-die-moderne/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>44</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Was Günter Grass umtreibt</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/10/was-gunter-grass-umtreibt/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/10/was-gunter-grass-umtreibt/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 10 Apr 2012 14:50:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Grass]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3251</guid>
		<description><![CDATA[Ach ja, Günter Grass. Über sein „Gedicht“ zur israelischen Atombombe brauchen wir keine weiteren Worte zu verlieren. (Dennoch erscheint in der „Welt“ vom Mittwoch ein Artikel von mir zum Thema.) Das Merkwürdige ist ja, dass alle Versuche, ihn in ein Schema – immer schon Nazi und Judenfeind gewesen, siehe seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ach ja, Günter Grass. Über sein „Gedicht“ zur israelischen Atombombe brauchen wir keine weiteren Worte zu verlieren. (Dennoch erscheint in der „Welt“ vom Mittwoch ein Artikel von mir zum Thema.)</p>
<p>Das Merkwürdige ist ja, dass alle Versuche, ihn in ein Schema – immer schon Nazi und Judenfeind gewesen, siehe seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, oder immer schon Islamversteher gewesen, siehe seine Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen, oder immer schon ein Weichei gegenüber dem Kommunismus, siehe seinen Widerstand gegen die Wiedervereinigung – zu pressen, an der Komplexität des Menschen Günter Grass scheitern.<span id="more-3251"></span><!--more--></p>
<p>Was den Kommunismus betrifft, so gebe ich zwar zu, dass ich das Stück seit langem nicht mehr gelesen habe; aber mir scheint, „Die Plebejer proben den Aufstand“ war nicht nur ein clever gebautes Drama, sondern eine vernichtende Kritik Bertolt Brechts und seines Opportunismus gegenüber dem SED-Regime.</p>
<p>Gegenüber der Studentenbewegung blieb Grass gerade aus einem soliden sozialdemokratischen Antikommunismus heraus auf Distanz, schrieb auch darüber ein Stück, dessen Titel ich vergessen habe, das mich damals sehr geärgert hat. Jedenfalls kann man ihm, denke ich, nicht Anbiederei an die 1968err vorwerfen.</p>
<p>Was sein Verhältnis zum radikalen Islam angeht, so werde ich ihm immer zugute halten, dass er 1989 aus der West-Berliner Akademie der Künste austrat, weil diese aus Sicherheitsgründen – sprich: aus Feigheit vor den Mordkommandos der Mullahs – eine  Solidaritätsveranstaltung für Salman Rushdie verweigert hatte. Hierzu zwei Artikel aus der „Berliner Zeitung“ anlässlich seiner Wiederaufnahme:</p>
<p><a href="http://www.berliner-zeitung.de/archiv/rushdie-und-grass-in-der-berliner-akademie-in-die-hoelle-mit-dem-ajatollah,10810590,9429638.html">http://www.berliner-zeitung.de/archiv/rushdie-und-grass-in-der-berliner-akademie-in-die-hoelle-mit-dem-ajatollah,10810590,9429638.html</a></p>
<p><a href="http://www.berliner-zeitung.de/newsticker/nicht-ohne-meinen-rushdie,10917074,9429990.html">http://www.berliner-zeitung.de/newsticker/nicht-ohne-meinen-rushdie,10917074,9429990.html</a></p>
<p>Dass in „Was gesagt werden muss“ so gar nichts gesagt wird über die terroristische Geschichte des Teheraner Regimes, verwundert  mich  angesichts dieser Geschichte denn doch.</p>
<p>Dass Günter Grass aber kein Antisemit in irgendeiner sinnvollen Bedeutung des Wortes ist, das scheint mir so klar wie die Tatsache, dass „Was gesagt werden muss“ ein antisemitisches Gedicht ist.</p>
<p>Dass der Erfolgsautor seine kurze Mitgliedschaft in der Waffen-SS so lange verschwiegen hat, muss man auf das Konto Opportunismus verbuchen. Dass er als 17-Jähriger ein glühender Nazi war, hat er aber längst bekannt. Bei anderen seiner Generation war es eher so, dass sie ihre Mitgliedschaften zugaben (oder auch nicht), aber – wie die Ossis nach der Wende – behaupteten, innerlich immer Distanz zum Regime gehalten zu haben.</p>
<p>Deshalb (und weil ich selbst mit 21 einer kommunistischen Organisation beitrat) tue ich mich schwer, wegen der Waffen-SS-Geschichte in Wallungen zu geraten. Und man muss ja annehmen, dass er sein schriftstellerisches und politisches Leben zum großen Teil der Tilgung der deshalb empfundenen Schuld gewidmet hat.</p>
<p>Zweifellos enthält die „Blechtrommel“ eine der genauesten Beschreibungen jenes verschwitzt-verschwiemelten kleinbürgerlichen Niveaus, aus dem die SA und die Partei ihre Leute rekrutierte. Noch sein Widerstand gegen die Wiedervereinigung speist sich aus dem Misstrauen in die „geglückte Demokratie“ der Bundesrepublik, trotz Willy Brandt; und dieses Misstrauen, obwohl es heute nicht politisch korrekt ist, das zu sagen, war ehrenwert, wenn auch nicht begründet. Immerhin wurde es von Maggie Thatcher und Francois Mitterrand geteilt.</p>
<p>Was ist also passiert? Wie konnte aus dem Mann, der sich solidarisch erklärte mit Salman Rushdie, der Mann werden, der die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen verurteilte, obwohl sie erheblich weniger blasphemisch sind (wenn es denn Grade der Blasphemie gibt), als es Rushdies großer Roman ist?  Wie konnte aus dem Mann, der die linken Verirrungen der Studentenbewegung und den Opportunismus Brechts kritisierte, der seine „Plebejer“ am 17. Juni 1953 auf der Bühne die Wiedervereinigung unter (dem SPD-Vorsitzenden) Ollenhauer fordern ließ, der Gegner der Wiedervereinigung aus linker Verirrung heraus werden? Wie konnte aus dem Mann, der über seine eigene Nazi-Verblendung erschrak, der Hobby-Dichter werden, der – während in Syrien das Volk zusammenkartätscht wird von einem Regime, das mit dem Teheraner Regime verbündet ist – Israel unterstellt, „das iranische Volk auslöschen“ zu wollen?</p>
<p>Ich gestehe, dass mir das ein Rätsel ist. Ich bin nicht bereit, ihm irgendetwas nachzusehen. Wer austeilt wie Grass, muss auch einstecken können. Aber ich würde gern verstehen, was ihn umtreibt.     .</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/10/was-gunter-grass-umtreibt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>75</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Gedanken zur Karwoche: Die christlichen Kirchen und der Staat Israel</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/03/gedanken-zur-karwoche-die-christlichen-kirchen-und-der-staat-israel/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/03/gedanken-zur-karwoche-die-christlichen-kirchen-und-der-staat-israel/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 02 Apr 2012 23:12:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Palästina]]></category>
		<category><![CDATA[Papst Benedikt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3239</guid>
		<description><![CDATA[In meinem Arbeitsvertrag heißt es gleich in Paragraf zwei: „Die Zeitung hat folgende grundsätzliche Haltung: &#8230;“ es folgen die berühmt-berüchtigten fünf „Springer-Essentials“, zu denen unter Punkt zwei gehört: „Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“. Es versteht sich von selbst, dass mit dieser grundsätzlichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong></strong>In meinem Arbeitsvertrag heißt es gleich in Paragraf zwei: „Die Zeitung hat folgende grundsätzliche Haltung: &#8230;“ es folgen die berühmt-berüchtigten fünf „Springer-Essentials“, zu denen unter Punkt zwei gehört: „Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“.</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass mit dieser grundsätzlichen Haltung des Verlags eine Kritik der jeweiligen israelischen Regierung und ihrer Politik durchaus vereinbar ist, ja dass eine solche Kritik im Interesse der Lebensrechte des israelischen Volkes geboten sein kann. <span id="more-3239"></span>Allerdings muss man wissen: Israel kämpft immer noch um sein Existenzrecht, das von den meisten muslimischen Staaten bis heute nicht anerkannt worden ist. Kritik, die vor allem Israel delegitimieren soll, Kritik, die nicht ausgeht von den Lebensrechten des israelischen Volks, ist nicht akzeptabel.</p>
<p>Aus der Sicht dieser publizistischen Haltung, die der Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland entspricht, möchte ich mich nun mit dem Verhältnis der beiden großen Kirchen zum jüdischen Staat befassen.</p>
<p>Beginnen wir mit der katholischen Kirche. Man hätte denken können, dass gerade ein deutscher Papst und ehemaliger unfreiwilliger Hitlerjunge eine besondere Sensibilität für das Verhältnis zwischen Christen und Juden und für das Verhältnis zwischen seiner Kirche und dem Staat Israel entwickeln würde. Leider ist das Gegenteil der Fall. Ich erinnere an die Aussöhnung mit den Pius-Brüdern, einer Sekte, die immer antijüdisch und antisemitisch war und bis heute bleibt, was dem Vatikan natürlich bekannt ist. Ich erinnere an die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte für die Juden in der lateinischen Messe, die alle Fortschritte seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zunichte macht. Ich erinnere an die Beschleunigung der Seligsprechung von Pius XII. trotz jüdischer Proteste, und daran, dass der Papst bei seinem Israel-Besuch nur dann bereit war, Yad Vashem zu besuchen, wenn eine Vitrine, die sich kritisch mit der Rolle dieses Papstes beschäftigte, zugedeckt wurde. Ich erinnere an die skandalöse Rede des Papstes in Auschwitz, bei der er die Chuzpe besaß, nicht Pius XII., nicht die eigene Kirche, sondern Gott zu fragen, warum er zu diesem Verbrechen geschwiegen habe. Ich erinnere an seine ebenso skandalöse Rede vor dem Deutschen Bundestag. Kein Wort fand der Papst zur Tatsache, dass die Partei des politischen Katholizismus im Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hatte, das die Nazis rechtmäßig zur Partei der Diktatur machte – kein einziges Wort des Bedauerns, der Selbstkritik, der Scham. Freilich wussten diejenigen, die Joseph Ratzinger länger schon beobachten, dass er auf diesem Ohr taub ist. Dies ist der Mann, der in seiner Predigt zur Eröffnung der Oberammergauer Passionsspiele 1980 sagte:  „Man kann Antisemitismus auch herbeireden; auch das sollte bedacht werden; deshalb möchte ich alle, insbesondere unsere jüdischen Freunde, bitten, mit dem Vorwurf des Antisemitismus aufzuhören“. Dies ist der Mann, der in seiner viereinhalb Jahre als Erzbischof von München und Freising kein einziges Mal die Gedenkstätte auf dem Gelände des früheren KZ Dachau besuchte, die keine halbe Automobilstunde von der erzbischöflichen Residenz entfernt liegt, der aber ausgerechnet anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie den deutschen Soldatenfriedhof La Cambe besuchte, wo mehrere hundert Angehörige der berüchtigten Waffen-SS Panzerdivision „Das Reich“ begraben sind, so etwa SS-Sturmbannführer Adolf Diekmann, der im nahe gelegenen Oradour-sur-Glane das Massaker fast der gesamten Dorfbevölkerung, darunter 207 Kinder und 254 Frauen, befehligt hatte. Lassen wir aber Papst Benedikt einstweilen beiseite.</p>
<p>Nehmen wir Bischof Gregor Maria Hanke. Bei einem Israel-Besuch sagt er: „Morgens in Yad Vashem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem der Deckel hoch.“ Und damit sein Kollege in Christo nicht missverstanden wird, setzt sein Begleiter, der saubere Bischof Walter Mixa, nach: Die „ghettoartige Situation“ in den besetzen Gebieten sei „fast schon Rassismus“. Was wollen die hohen Herren damit sagen?</p>
<p>Warum trennt eine Mauer Ramallah, Bethlehem und andere palästinensische Städte von Tel Aviv, Herzliyah und anderen israelischen Städten? Weil von den Palästinensergebieten Massenmörder losgingen, um mit Sprengstoffgürtel möglichst viele Juden zu töten. Wenn die Mauer, die das verhindert, vergleichbar sein soll mit der Mauer um das jüdische Ghetto in Warschau – wollen die deutschen Bischöfe sagen, dass die Juden damals im Ghetto eine ähnlich tödliche Gefahr für ihre nichtjüdische Umgebung bedeuteten, wie arabische Terroristen heute?</p>
<p>Oder wollen die Bischöfe die Situation der Menschen in den palästinensischen Gebieten mit der Situation der Juden im Ghetto vergleichen? Was war denn das Ghetto? Schlicht und einfach ein Konzentrationslager, wo Menschen eingesperrt wurden bis zu ihrem Abtransport in den Tod. Vorher waren sie ihrer ganzen Habe, ihrer Bürgerrechte und ihrer Würde beraubt worden. Nun wurden sie in Fabriken geschunden, wo sie für ihre Todfeinde arbeiten durften, bis Hunger oder Typhus oder Verzweiflung ihnen den Garaus machten. Und wer diese Vorhölle überlebte, wurde in die Viehwagen getrieben und nach Sobibor, Treblinka oder Auschwitz ins Gas geschickt.</p>
<p>Die Situation der Bürger von Ramallah und Bethlehem, könnte weiß Gott besser sein. Aber erstens ist sie nicht im entferntesten vergleichbar mit der Situation der Todgeweihten vom Warschauer Ghetto. Und zweitens hat sie nichts mit Rassismus zu tun.  Palästina leidet nicht, weil dort Araber leben. Palästina leidet, weil es im Würgegriff arabischer Terroristen ist. Deshalb gibt es die Mauer und die Kontrollen an den Checkpoints. Rassismus? Nirgendwo in der arabischen Welt haben Araber mehr politische Freiheiten als im jüdischen Staat Israel. Rassismus? In Israel ist rassistische Hetze gegen wen auch immer strafbar. In den arabischen Staaten ist antisemitische Hetze das tägliche Programm in Schulen und Medien. Rassismus? Kein Staat, kein Volk wird von Israel mit Vernichtung bedroht, so wie Israel von Irans Präsident Ahmadenidschad mit Vernichtung bedroht wird.</p>
<p>Es seien, sagt der Sekretär des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, beim Besuch in Bethlehem, dem inzwischen judenreinen Geburtsort des Juden Jesus, „unter dem Eindruck der bedrückenden Situation“ aus der „emotionalen Betroffenheit einzelner heraus einige wenige sehr persönliche Bemerkungen gefallen“. Klar doch. Nur: warum spricht ein deutscher Bischof beim Anblick des Leids der Palästinenser „sehr persönlich“ ausgerechnet vom Warschauer Ghetto? Klar, „es“ denkt wohl auch in einem Bischof; es drängt auch ihn zur Relativierung der eben noch in Yad Vashem bekannten, unerträglichen Schuld; es geht auch ihm dann „der Deckel hoch“, und heraus lugt die Fratze des alten Antisemitismus. Und in Deutschland? Wer protestiert? Die üblichen Verdächtigen. Der Zentralrat der Juden. Der israelische Botschafter. Als ob die von keinerlei historischer Kenntnis, geschweige denn Scham getrübte Äußerung zweier deutscher Bischöfe in erster Linie die deutschen Juden und die Israelis anginge, und nicht die Kirche.</p>
<p>Doch ich möchte auf den Iran zurückkommen. Das dortige Regime hat bekanntlich sehr gute Beziehungen zum Vatikan. „Time Magazine“ bezeichnet in einer Reportage Benedikt XVI sogar als „Irans Geheimwaffe“. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins unterhalten die Iraner über ihre große Vatikan-Botschaft ständigen Kontakt zur Kurie und gehen davon aus, im Falle einer Zuspitzung des Konflikts um ihr illegales Atomwaffenprogramm mit Hilfe des Papstes Zeit zu gewinnen. Am 1. Mai 2008 kam es sogar zu einer gemeinsamen Erklärung des Vatikans mit „führenden iranischen Gelehrten“ zum Thema „Glaube und Vernunft“. In Rom wurde die Erklärung als „religionspolitisch sensationell“ und „theologisch revolutionär“ gewertet, wie die FAZ meldete.</p>
<p>Man muss weder theologisch versiert noch politisch besonders gebildet sein, um zu erkennen, dass diese gemeinsame Erklärung von Katholiken und Schiiten weder „theologisch revolutionär“ ist noch politisch gefeiert zu werden verdient. In Wirklichkeit ist der Vorgang philosophisch ein Sieg für den Werterelativismus und politisch ein Erfolg für die Theokraten in Teheran.</p>
<p>Wichtiger als der belanglose bis ärgerliche Inhalt, der zum Beispiel weder etwas über das Verhältnis zum Judentum noch über das Recht zum Wechsel der Religion noch erst recht zur Anerkennung der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte sagt, ist nämlich die Frage, mit wem der Vatikan hier verhandelt hat. Leiter der iranischen Delegation war kein „Gelehrter“, kein Imam oder Ayatollah, sondern Mahdi Mostafavi, Leiter der  <a title="ICR Teheran" href="http://en.icro.ir/?m=49751&amp;c=41165&amp;t=3" target="_blank">„Islamic Culture and Relations Organization</a>“(ICRO) in Teheran. Laut Selbstdarstellung ist diese Organisation mit dem Teheraner Außenministerium liiert und „handelt gemäß den Weisungen des Führers der islamischen Revolution und den außenpolitischen Richtlinien der Islamischen Republik“. Also konnte von einem „interreligiösen Dialog“ hier wohl keine Rede sein. Offenkundig handelte Mahdi Mostafavi im Interesse und Auftrag der iranischen Außenpolitik. Das wiederum ist auch kein Wunder, denn der Herr war zum Zeitpunkt seiner Unterhaltungen im Vatikan erstens Berater des Holocaust-Leugners und Präsidenten der Islamischen Republik Mahmoud Ahmadenidschad und zweitens stellvertretender Außenminister, wie „Iran Daily“ am 24. Oktober 2007 meldete. Dass der Vatikan genau wusste, mit wem er es zu tun hatte &#8211; davon darf man ausgehen.</p>
<p>Mostafavi gehört also zum inneren Kreis eines Regimes, das nach Atomwaffen strebt und Israel „aus dem Buch der Geschichte tilgen will“. Ganz davon abgesehen, wie es sein eigenes Volk kujoniert. Dass dieser Dunkelmann die Chuzpe besitzt, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der von der Friedlichkeit und Vernunft des Glaubens schwadroniert wird, überrascht nicht. Dass der Vatikan aber die Chuzpe besitzt, der Weltöffentlichkeit diese Heuchelei als „theologisch revolutionär“ zu verkaufen, wo sie bloß moralisch verlogen ist, überrascht, enttäuscht und erbittert aber doch. Dieses Dokument der Übereinstimmung mit einem Regime, das vermeintliche Ehebrecherinnen steinigt, Schwule an Baukränen erhängt, den Massenselbstmord als politische Waffe erfunden hat, hinter Tausenden von Terrorakten weltweit steckt, mit rücksichtsloser Grausamkeit gegen die Anhänger der Bahai-Religion vorgeht und mit der Fatwa gegen Salman Rushdie klar gemacht hat, dass es die Meinungsfreiheit auch im Westen nicht dulden wird &#8211; dieses Dokument ist politisch aber kein Deut besser als das Konkordat mit Adolf Hitler. Dennoch hat sich in der gesamten katholischen Öffentlichkeit keine einzige Stimme erhoben, um gegen diese Schande zu protestieren. Nun zur evangelischen Kirche.</p>
<p>Über die Protestanten reden ist schwieriger, weil sie nicht so zentral organisiert sind wie die Katholiken. Immerhin hat der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, erklärt, er und seine Kirche sähen in der Gründung, aber auch im Bestand des Staates Israel ein Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk. Nun geht es mir als Atheisten so, wie der Mehrheit der Juden in Israel: Auf Gottes Treue zu seinem Volk gebe ich wenig. 2000 Jahre lang haben sich die Juden darauf verlassen, und am Ende waren sie verlassen. Eher ist auf die IDF, die Israeli Defence Forces, und den Mossad Verlass. Der ganze Sinn eines eigenen Staates besteht ja darin, dass man sich zur Not auch wehren kann, wenn der Fall eintritt, dass sich Gott grad nicht kümmern kann. Aber das klare Bekenntnis zu Israel als einem jüdischen Staat höre ich dennoch gern und – so weit ist es schon gekommen, dass man für das Selbstverständliche noch dankbar sein muss – mit Dankbarkeit.</p>
<p>Der Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat bei der Verleihung der diesjährigen Buber-Rosenzweig-Medaille außerdem Nikolaus Schneiders „Absage an die Judenmission ohne Wenn und Aber“ begrüßt, die aus der Überzeugung erwächst, dass die Kirche nicht an die Stelle, sondern an die Seite des Gottesvolkes Israel getreten ist. Wie gesagt, mir ist der Gedanke eines Gottesvolks fremd, und wenn man sich die Stelle in Deuteronium anschaut, in der Gott den Bund mit Israel begründet, versteht man, weshalb viele, wenn nicht gar die meisten Juden herzlich gern die Bürde los wären; aber wenn man in solchen Kategorien schon denkt, dann ist diese Änderung einer zweitausendjährigen Diskriminierung zweifellos von historischer Bedeutung.</p>
<p>Aber dann gibt es so etwas: Unter der Überschrift „Partner für den Frieden – Mit Hamas und Fatah reden“ lud die Evangelische Akademie Bad Boll zu einer Tagung ein, die vom 11. bis 13. Juni 2010 stattfinden sollte. Gäste sind Abdullah Frangi von der Fatah und Basem Naim von der Hamas. Es mag für internationale Diplomaten – auch israelische – unumgänglich sein, mit der Hamas zu reden. Der Sinn der Diplomatie besteht ja – auch – darin, mit seinen Feinden zu reden, damit man nicht gegen sie Krieg führen muss. Ganz etwas anderes ist es, wenn eine Evangelische Akademie der Hamas vorweg den Titel „Partner für den Frieden“ verleiht. Die Hamas wird von der Europäischen Union als Terrororganisation eingestuft. Zu Recht. Auf das Konto der Hamas gehen zahllose Selbstmordattentate und  Raketenangriffe auf israelische Zivilisten. Die Charta der Hamas fordert die Auslöschung des Staates Israel und die Errichtung eines islamischen Gottesstaats zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. In Gaza gibt die Hamas einen Vorgeschmack auf das, was auch und gerade den Palästinensern in ihrem Gottesstaat blühen würde: Internetcafés und Restaurants wurden geschlossen, politische Gegner – laut Amnesty International – willkürlich festgenommen, gefoltert und ermordet. Es mag dennoch richtig sein, mit der Hamas zu reden, auch wenn man kein Diplomat ist. Doch gerade wenn man kein Diplomat ist, wenn man also Klartext reden darf,  muss vor allem ihr eliminatorischer Antisemitismus zur Sprache kommen.</p>
<p>Ich meine damit nicht allein die Feindschaft der Hamas gegen Israel, obwohl die Forderung nach Auslöschung des jüdischen Staates natürlich per se antisemitisch ist. Ich meine einen Rassen-Antisemitismus, der direkt abgeschrieben ist aus den Lehrbüchern der europäischen Antisemiten, auch wenn er sich „islamisch“ gibt. So heißt es in Artikel 32 der Hamas-Charta über die Juden: „Ihr Plan ist dargelegt in den Protokollen der Weisen von Zion, und ihr gegenwärtiges [Verhalten] ist der beste Beweis für das,  was wir sagen. […] Den Kreis des Konflikts mit dem Zionismus zu verlassen ist Hochverrat. Alle die das tun, sollen verflucht sein. ‘Wer immer [im Kampf mit den Ungläubigen] ihnen den Rücken zukehrt […] zieht sich den Zorn Allahs zu, und seine Wohnung soll die Hölle sein…’ (Koran, 8:16)“ Laut Hamas arbeiten unter anderem die Freimaurer, der Lions Club und der Rotary-Club insgeheim „im Interesse der Zionisten“ (Charta, Art. 22). Die Hamas sieht in den Juden die Verantwortlichen für die Französische Revolution, den „westlichen Kolonialismus“, den Kommunismus und die Weltkriege.  Sari Nusseibeh, der palästinensische Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem, meint zu Recht, die Charta der Hamas klinge wie etwas, „das direkt den Seiten des ‚Stürmer’ entstammt.“</p>
<p>Es verwundert nicht, dass der römisch-katholische Erzbischof und lateinische Patriarch von Jerusalem Fouad Tual den Dialog mit der Hamas befürwortet. Schließlich entspricht ihr Antisemitismus den Vorurteilen der vorkonziliaren Kirche und der unter Benedikt XVI zu neuen Ehren gekommenen Pius-Bruderschaft. Und außerdem ist für Erzbischof Tual wie für manche anderen Kirchenfürsten die Ordnung wichtiger als die Freiheit. Mit faschistischen (und, wenn man genau hinsieht, meistens auch mit kommunistischen) Regimes hat sich die Kirche arrangieren können. Da herrscht nämlich Ordnung. Dank der Hamas könne man sehen, dass die Zeit des Chaos im Gaza-Streifen vorbei sei, sagte seine Heiligkeit Tual in Radio Vatikan am 15. August 2007. Die Bewegung gehe mit eiserner Disziplin gegen Kriminalität vor. Es gebe keine Diebstähle mehr, man respektiere sogar die Ampeln. Na dann – was zählt ein bisschen mörderischer Antisemitismus gegen den Respekt vor Ampeln! Unter Mussolini fuhren die Züge ja auch endlich pünktlich.</p>
<p>Wie gesagt: Unter der Ägide des deutschen Papstes mag eine neue Unkompliziertheit im Umgang mit Antisemiten in der katholischen Kirche Platz greifen – von einer Evangelischen Akademie hätte man denn doch etwas mehr Sensibilität erwartet. Zu Unrecht vielleicht. Er könne sich kaum vorstellen, dass man in Bad Boll die Charta der Hamas nicht kenne, sagte der ehemalige Vorsitzende des Islam-Arbeitskreises der Deutschen Evangelischen Allianz, Albrecht Hauser der evangelischen Nachrichtenagentur „idea“. Er sei „bestürzt über die ideologische Einflussnahme antijüdischer und antisemitischer Kräfte in kirchlichen Kreisen“. Das ehrt ihn. Aber was tut er, was tut die Evangelische Kirche dagegen?</p>
<p>Akademiedirektor Joachim Beck rechtfertigte gegenüber „idea“ die Einladung an die islamische Terrororganisation, „Partner des Friedens“ zu sein. Es gehöre zum Auftrag der Akademie, mit den Menschen statt über sie zu reden. Gewiss doch. Aber kann man mit einem Minister der Hamas-Diktatur wie Basem Naim reden, ohne über das antisemitische Programm und die menschenfeindlichen Mordtaten der Hamas zu reden? Kann man einen Mann, der in der Hamas Karriere gemacht hat, als „Partner für den Frieden“ bezeichnen, bevor er sich auch nur mit einem Wort vom Antisemitismus seiner Partei distanziert hat? Aber darüber sollte in Bad Boll nicht geredet werden. Dafür umso mehr über Israel. Die geplanten „Arbeitsgruppen“ behandelten  Themen wie: „Gewaltloser Widerstand gegen die Mauer“, „Blockade beenden: ein Schiff nach Gaza“, und „Wenn Firmen an völkerrechtswidrigen Siedlungen und an der Mauer Geld verdienen“ – kurz: wie können wir als nützliche Idioten „gewaltlos“ den terroristischen Kampf der Hamas gegen Israel unterstützen?</p>
<p>Themen wie: „Warum die Mauer? Rückgang der Terroranschläge um 90 Prozent seit Errichtung des Grenzzauns“; „Schiffe nach Gaza – Wie der Iran die Hamas mit Waffen versorgt“; oder gar „Hitlers Mufti – Die historische Verantwortung Deutschlands für die Entstehung des arabischen Antisemitismus“ spielten ebenso wenig eine Rolle wie etwa „Frauen unter islamistischer Herrschaft“ oder gar „Freiheit für Gilad Shalit“, den die Hamas seit Jahren als Geisel gehalten hatte.</p>
<p>Zum Schluss möchte ich auf das so genannte Kairos-Dokument zu sprechen können, das der gute Erzbischof und Hamas-Bewunderer Tual mit unterzeichnet hat und eigentlich lieber Kairo-Dokument heißen sollte, weil es mit den Ansichten der ägyptischen Muslim-Bruderschaft weitgehend übereinstimmt. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass Israel ein Existenzrecht hat. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass Israel seinem Charakter nach ein jüdischer Staat sein soll, eine nationale Heimstatt für die Juden, wie es die Balfour-Deklaration und der Versailler Friedensvertrag, der Völkerbund und die Vereinten Nationen festgelegt haben. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass es die Araber waren, die den Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1948 ablehnten und stattdessen einen Krieg gegen Israel vom Zaun brachen, was erst zum Flüchtlingsproblem führte. Sie werden im ganzen Dokument kein Wort dazu finden, dass es wiederum die Araber waren, die 1967 die Juden ins Meer werfen wollten, was zu einem weiteren Krieg führte und zur Entstehung des Besatzungsregimes in den ehedem von Jordanien und Ägypten besetzten Teilen des Landes. Sie werden selbstverständlich nichts darüber lesen, dass Araber selbst in den besetzten Gebieten und erst recht als Bürger Israels mehr Rechte haben als Araber in Gaza, in Jordanien, ja selbst heute noch in Ägypten – von Syrien ganz zu schweigen. Sie werden im ganzen Dokument keine Verurteilung der Gewalt gegen Juden finden. Sie werden im ganzen Dokument keine Kritik des Programms der Hamas finden. Hingegen werden Sie lesen, dass die Palästinenser mit Unterdrückung, Vertreibung, Leid, Besatzung und Apartheid – ja, Apartheid, da hat’s vielleicht Sigmar Gabriel her – und nun kommt’s: „seit mehr als sechs Jahrzehnten“ konfrontiert seien. Wer ein Gehirn hat zu rechnen, der rechne. Gemeint ist: seit Gründung des Staates Israel. Wenn also von der Aufhebung der Besatzung, der Unterdrückung, des Leids die Rede ist, dann ist gemeint oder sagen wir: dann kann – und soll &#8211; gelesen werden: Aufhebung des Staates Israel. Oder Aufhebung seines jüdischen Charakters durch das so genannte Recht auf Rückkehr und das Einreißen der Mauer, die Israel vor jenem Terror schützt, der im Dokument als „legitimer Widerstand“ bezeichnet wird. Das ist ungefähr so, als hätte Jesus die Zeloten ermutigt, statt ihnen den Weg des Friedens zu weisen.</p>
<p>Nirgendwo im Kairos-Dokument wird gesagt, dass die Juden ein Recht haben, in dem Land zu wohnen, in dem sie schon immer gewohnt haben, unter den Ägyptern, den Babyloniern, den Persern, unter ihren eigenen Königen, unter den Griechen, den Römern, den Arabern, den Türken, den Briten: immer gab es in Palästina eine jüdische Präsenz, erst 1929 wurde etwa Hebron durch ein arabisches Pogrom judenrein gemacht. Nirgendwo wird auf das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern hingewiesen. In der entscheidenden Passage heißt es: „Der Westen versuchte, das Unrecht, das den Juden in den Ländern Europas erlitten hatten, wiedergutzumachen, aber das Ergebnis war wieder Unrecht.“ So ein Unsinn! Die Juden hatten nicht in den Ländern Europas „Unrecht erlitten“. Sie waren einem Genozid ausgesetzt gewesen. Das „neue Unrecht“, so schlimm es gewesen sein mag, ist damit nicht vergleichbar. Und: der Westen hat gar nichts getan, um dieses Unrecht wiedergutzumachen. Die Briten sperrten die aus europäischen KZs entlassenen Überlebende des Holocaust erneut in Lager ein, verhinderten deren Einwanderung nach Palästina, taten alles, um die Entstehung eines jüdischen Staates zu verhindern und überließen die Juden schließlich ihrem Schicksal in der Annahme, dass die von britischen Militärs ausgebildeten Armeen Jordaniens, Syriens, Ägyptens und des Irak den jungen Staat überrennen wurden. Waffen bekamen die Israelis nur aus dem Osten – von der Tschechoslowakei, auf Anweisung Josef Stalins.</p>
<p>Wie können Christen solche Lügen verbreiten? Wieso wird das Kairos-Dokument nicht von allen christlichen Kirchen und allen Politikern christlicher Parteien in Deutschland als das verurteilt, was es ist: ein Manifest zur Delegitimierung Israels?</p>
<p>Im arabischen Frühling ist endlich klar geworden, was seit 1948 hätte klar sein müssen: die Feinde der Araber sind nicht die Israelis, sondern ihre eigenen Herrscher. Wann werden das auch die Christen in Deutschland begreifen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Es handelt sich bei vorliegendem Text um die leicht redigierte Fassung eines Referats, das ich am 23. Januar 2012 auf einer Tagung des Koordinierungskomitees der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin hielt.</em></p>
<p>Hier eine Kritik des Kairos-Papiers aus evangelischer Sicht:</p>
<p><a href="http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&amp;mID=121">http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&amp;mID=121</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und hier die Ausführungen von Präses Schneider:</p>
<p><a href="http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&amp;mID=117">http://www.deutscher-koordinierungsrat.de/04_03_mehr.php?pNUM=1&amp;mID=117</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/04/03/gedanken-zur-karwoche-die-christlichen-kirchen-und-der-staat-israel/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>14</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Merah und Breivik: Woher kommt das Böse?</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/27/merah-und-breivik-woher-kommt-das-bose/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/27/merah-und-breivik-woher-kommt-das-bose/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 26 Mar 2012 23:17:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Anders Breivik]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Merah]]></category>
		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>
		<category><![CDATA[Toulouse]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3226</guid>
		<description><![CDATA[Klaus Kocks hat hier eine wichtige Diskussion begonnen, als er danach fragte, wie man die Tat und die Person des Mörders Mohamed Merah beurteilen soll. Ich bin in einigen entscheidenden Punkten nicht seiner Meinung, obwohl ich ihm in vielem auch zustimme. Deshalb möchte ich hier einigen Fragen nachgehen, die Klaus Kocks hier aufgeworfen hat:   [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Klaus Kocks hat hier eine wichtige Diskussion begonnen, als er danach fragte, wie man die Tat und die Person des Mörders Mohamed Merah beurteilen soll. Ich bin in einigen entscheidenden Punkten nicht seiner Meinung, obwohl ich ihm in vielem auch zustimme. Deshalb möchte ich hier einigen Fragen nachgehen, die Klaus Kocks hier aufgeworfen hat:</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small"> </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small"><a href="../2012/03/25/ach-der-mensch-kann-so-grundlich-vergessen-dass-mensch-er-doch-ist/#more-3223" target="_blank">http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/25/ach-der-mensch-kann-so-grundlich-vergessen-dass-mensch-er-doch-ist/#more-3223</a></span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small"> </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small"> </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Vorweg möchte ich daran erinnern, dass wir hier auf „Starke Meinungen“ auch über den Mörder Anders Breivik diskutiert haben. Und die Diskussion fand nicht nur hier statt. Stark vereinfacht könnte man nun sagen: Dieselben Leute, die bei Anders Breivik entschieden die ideologische Natur seiner Taten bestritten und ihn als geistesgestörten Einzelgänger hingestellt haben, sehen in Mohamed Merah einen voll verantwortlichen Agenten des radikalen Islam. <span id="more-3226"></span>Und tendenziell umgekehrt: Viele, die in Breivik einen Agenten der neuen, fremdenfeindlichen Rechten sahen, wollen in Merah einen verwirrten, verirrten Einzelgänger  sehen. Die ideologische Natur einer solchen Ungleichbeurteilung – und hier spiele ich gar nicht auf Klaus Kocks an, um das deutlich zu sagen – liegt auf der Hand. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Gewiss, es kann sein, dass Breivik verrückt ist, Merah aber nicht verrückt war. (Wir werden das nicht mehr erfahren, da die unfassbar dumm agierende französische Polizei dafür gesorgt hat, dass Merah fortan schweigen wird.)  Es kann auch sein, dass Merah ein verrückter war, und Breivik nicht. Ich halte die Frage für wenig interessant. Ich habe hier auf „Starke Meinungen“ die These vertreten, Breivik sei ein „politischer Attentäter“ gewesen, ein „Propagandist der Tat“, und ich stehe dazu, auch wenn ich von den üblichen Verdächtigen dafür kritisiert worden bin.  </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small"><a href="../2011/07/25/anders-breivik-als-theoretiker-und-propagandist-der-neuen-rechten/" target="_blank">http://starke-meinungen.de/blog/2011/07/25/anders-breivik-als-theoretiker-und-propagandist-der-neuen-rechten/</a></span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Dasselbe gilt meines Erachtens für Merah, wie es auch für das Mördertrio der NSU – und für die RAF – gilt. Das schließt nicht aus, dass alle oder einige dieser Leute psychisch gestört oder charakterlich deformiert sind oder waren. Dazu komme ich gleich.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Klaus Kocks schreibt:</span></p>
<p><em><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Ein junger Mann glaubt, der Sache seiner Religion zu dienen, indem er ein Schulmädchen am Zopf fasst und es mit der anderen Hand exekutiert? Er glaubt, dass seine Rache eine heilige sei, weil er glaubt, dass seine Religion es zulasse oder gar wünsche, dass die Ungläubigen zu töten seien. Selbst wenn. Denn der Bezug des Täters auf den Islam und Al Kaida ist nur eine Rechtfertigungspose.</span></em></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Nur eine Rechtfertigungspose? Das scheint mir eine gewagte These – eine These freilich, die nun, da Merah – den die großartige französische Polizei zunächst frei herumlaufen ließ und dann öffentlich exekutierte – nicht sprechen kann, kaum zu falsifizieren ist. Wenn aber die Ideologie nur „Rechtfertigungspose“ ist, wäre der eigentliche Grund für die Tat im Charakter Merahs – in seiner Psyche – zu finden. Diese These finde ich wenig hilfreich.  Ein paar Verrückte wird es immer geben, was soll man machen?</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Klaus Kocks fragt aber im gleichen Beitrag nach dem „absolut Bösen“, und mir scheint, diese Frage ist sehr hilfreich. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Die meisten von uns kennen das „absolut Böse“ eher aus dem Kino als aus dem realen Leben. Hannibal Lecter ist der Prototyp. Die Wissenschaft hat inzwischen bei den real existierenden Hannibal Lecters dieser Welt fast immer eine organische Hirndeformation nachweisen können – zum Beispiel das Fehlen der Spiegelneuronen, die uns den Schmerz anderer Menschen nachvollziehen lassen, die also die biologische Grundlage des Mitleids bilden. Anders als es etwa Sigmund Freud und mit ihm die pessimistische Schule der Psychologie glaubte und glaubt, sind wir nicht alle potenzielle Mörder und Vergewaltiger, die nur durch einen komplexen, anerzogenen psychischen Apparat und ein innerlich wachendes Über-Ich davon abgehalten werden, über unsere Mitmenschen herzufallen. Im Gegenteil. Wir sind von Natur aus programmiert, die Menschenwürde des Nächsten zu achten, was bedeutet, seine Freude und seinen Schmerz wie unsere eigenen Freuden und Schmerzen zu empfinden.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Auf der anderen Seite stehen das Milgram-Experiment und der Großversuch des Nationalsozialismus, die nachgewiesen haben, dass zivilisierte, moralisch erzogene und mit funktionierenden Spiegelneuronen ausgestattete Menschen dazu gebracht werden können, sich wie Sadisten, Vergewaltiger und Mörder zu verhalten. Die entscheidende Phrase hier ist: „dazu gebracht werden können“. Damit Milgrams Versuchsobjekte potenziell tödliche Stromstöße verabreichten, mussten sie durch eine von ihnen anerkannte Autorität im Rahmen einer relativ aufwendigen Versuchsanordnung dazu aufgefordert werden. Damit, wie Klaus Kocks sagt, „mein Vaterland sich dem Völkermord verschrieb“, musste der Staatsapparat unter dem Beifall der herrschenden Elite aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Kirchen den Nazis übergeben, die Opposition erstickt, die öffentliche Meinung gleichgeschaltet, ein Krieg entfacht werden und einiges mehr. So ganz leicht war das nicht. Freilich half den Nazis die Tatsache, dass der Antisemitismus weit über den Kreis der Parteimitglieder hinaus verbreitet und seit Treitschke salonfähig geworden war.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Und hier kommen wir zu einer anderen, entscheidenden Quelle des Bösen. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Uns allen schwant, dass es zwischen einem Mohamed Merah und Hannibal Lecter charakterlich einen Unterschied gibt; aber vielleicht keinen großen Unterschied zwischen Merah und dem Mörder-Trio des NSU. Bei manchen Menschen nämlich bedarf es, obwohl sie psychisch keine deformierten Monster sind, nicht eines organisatorischen Aufwands und des Einsatzes von Respektpersonen, sei es in weißen Kitteln oder braunen Uniformen, damit sie so funktionieren, als würden sie – wie der Schläfer in „The Manchurian Candidate“ – die Befehle einer mörderischen Zentrale ausführen. Sie haben diesen Befehlsgeber in Form einer Ideologie internalisiert. Eine Ideologie kann so mörderisch sein wie etwa der Ehrenkodex, der die Schlächter der „Ilias“ motivierte, sie kann aber auch zur höchsten Menschlichkeit motivieren, vergleichbar der Selbstaufgabe der christlichen Märtyrer. Manchmal beides: Man denke an das Schicksal mancher Kommunisten im 20. Jahrhundert.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Das Böse hat also, scheint mir, drei Quellen: die Biologie, die Organisation und die Ideologie. Genauer betrachtet, sind es nur zwei Quellen, denn Organisationen wie die KPdSU oder die NSDAP, der Gulag und Auschwitz, sind ihrerseits Produkte einer Ideologie. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Daniel Dennett hat Ideologien  - er untersuchte Religionen – mit bestimmten Parasiten verglichen, die sich in den Hirnen ihrer Wirtstiere festmachen und ihr Verhalten steuern. Man könnte Ideologien außerdem mit Viren vergleichen, weil sie ansteckend sind und wie Viren Strategien der Überwindung der Immunabwehr entwickeln, also eine eigene Evolution aufweisen. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Zu den tödlichsten dieser ideologischen Viren gehört der Antisemitismus, der eine interessante evolutionäre Entwicklung durchlaufen hat: als römisch-paganer, dann christlicher Antijudaismus, dann als europäischer Rassenantisemitismus, schließlich heute als Antizionismus und islamischer Antisemitismus. Insofern hat Klaus Kock absolut Recht, wenn er die Reaktion der EU-Außenministerin Catherine Ashton auf den antisemitischen Anschlag von Toulouse geißelt, und er hätte auch an den unsäglichen Auftritt Sigmar Gabriels wenige Tage zuvor in Hebron erinnern können. Das stete Trommelfeuer der „Israelkritik“ schafft nämlich die Atmosphäre, in der ein radikaler Ideologe wie Merah glauben kann, nicht ein einsamer Spinner, sondern vielmehr der Vollstrecker dessen zu sein, was die Mehrheit will; so wie Breivik sich ermutigt zeigte durch die Entwicklung einer islamfeindlichen Bewegung in ganz Europa und sich als Vorhut der kommenden Abwehrschlacht halluzinierte. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Deshalb hat Henryk Broder völlig Recht, wenn er darauf hinweist, dass die Tat Merahs nur vor dem Hintergrund des alltäglichen Antisemitismus zu verstehen ist.  „Aber auch das ist zu perspektiviert“, meint Klaus Kocks. Als hätte man als Jude nicht das Recht, die Dinge aus einer jüdischen Perspektive zu sehen (und als Nichtjude in Deutschland vielleicht sogar die Pflicht).  „Nichts wäre wirklich besser, wenn es nicht-jüdische Schulmädchen gewesen wären.“ </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman;font-size: small">Nein, nichts wäre besser, aber dann wäre – wie im Falle Breiviks, dessen Opfer  ja nichtjüdische Schulkinder waren – die Erklärung eine andere. Eine andere und wiederum eine ähnliche: Es gibt wenige von Natur aus böse Menschen; aber böse Ideologien können aus ansonsten normalen, unter anderen Umständen sogar guten Menschen Monster machen. Alles wäre besser, die jüdischen Mädchen (und die tapferen muslimischen Fallschirmjäger, vergessen wir die nicht!) wären am Leben, wäre Mohamed Merah nicht mit dem Virus des radikalen Islam infiziert worden. Deshalb gehören diese Ideologien – Antisemitismus und Rassismus, Nationalismus und religiöser Fanatismus – benannt und bekämpft. Sie sind die gefährlichste Verkörperung des Bösen in der Welt heute.  </span></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/27/merah-und-breivik-woher-kommt-das-bose/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>71</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Quo vadis, Europa?</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/20/quo-vadis-europa/</link>
		<comments>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/20/quo-vadis-europa/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Mar 2012 23:44:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Euro-Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Fiskalpakt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://starke-meinungen.de/blog/?p=3215</guid>
		<description><![CDATA[Es sind nun fast vier Monate vergangen seit jenem denkwürdigen Europa-Gipfel, bei dem Angela Merkel ihren &#8220;Fiskalpakt&#8221; gegen den Widerstand Großbritanniens durchsetzte. Zeit, sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, mit welchem politischen und publizistischen Getöse die Gipfelergebnisse damals begrüßt wurden, und sich zu fragen, was daraus geworden ist. Folgende Ausführungen basieren teilweise auf einem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="left"><em>Es sind nun fast vier Monate vergangen seit jenem denkwürdigen Europa-Gipfel, bei dem Angela Merkel ihren &#8220;Fiskalpakt&#8221; gegen den Widerstand Großbritanniens durchsetzte. Zeit, sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, mit welchem politischen und publizistischen Getöse die Gipfelergebnisse damals begrüßt wurden, und sich zu fragen, was daraus geworden ist. <span id="more-3215"></span></em></p>
<p align="left"><em>Folgende Ausführungen basieren teilweise auf einem Artikel, den ich für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift &#8220;Internationale Politik&#8221; geschrieben habe.</em></p>
<p align="left">  „Es gibt jetzt ganz klar zwei Europas: das eine, das vor allem Solidarität unter seinen Mitgliedern und Regulierung will. Und das andere, das sich nur an die Logik des gemeinsamen Marktes klammert“, sagte Frankreichs Präsident Nicolas vier Tage nach dem Gipfel im Interview mit „Le Monde“. Das &#8220;andere Europa&#8221; war im wesentlichen Großbritannien. Am 15. Dezember interpretierte Bernd Ulrich in der „Zeit“ die Gipfelergebnisse sogar „als eine Spaltung, freundlicher: eine Diversifizierung des Westens.“ Hier Europa (minus Großbritannien), das nicht nur umweltpolitisch, sondern nun auch finanziell auf Nachhaltigkeit setze, dort die USA, die weiterhin die Umwelt verpesten und Schulden machen wollten.</p>
<p align="left">„Wenn die Europäer das Versprechen halten, das sie sich gegeben haben, dann sind sie eine Systemalternative“, so Ulrich „Europa ist östlicher, deutscher und gaullistischer geworden“, stellte Eckhard Fuhr in der „Welt“ vom 5. Januar fest. „Nicht umsonst werden Atlantiker nervös angesichts des deutsch-französischen Schulterschlusses bei der Krisenbewältigung.“</p>
<p align="left">Nicht nur „Atlantiker“  sollten beunruhigt sein: Jeden Liberalen – und damit sind nicht nur Anhänger der FDP gemeint – muss ein leichtes Grausen packen, wenn ein „östliches, deutsches, gaullistisches“ Europa der „Solidarität und Regulierung“ einem marktwirtschaftlich und atlantisch ausgerichteten Europa gegenübergestellt wird. Wobei der &#8220;Schulterschluss&#8221; bei näherem Hinsehen so eng nicht ist, Sarkozy betont die &#8220;Solidarität&#8221; &#8211; in Griechenland, Spanien, Portugal und Italien mit ihrer Jugendarbeitslosigkeit um die 40 Prozent empfindet man die von Deutschland verordnete Austeritätspolitik wohl kaum als Solidarität.</p>
<p align="left">Und in Deutschland argwöhnt man (zu Recht) hinter der Forderung nach Solidarität die gemeinsame Haftung für Europas Schulden, sei es in Gestalt von Eurobonds, sei es durch die gegenwärtig von der Europäischen Zentralbank unter neuer Leitung betriebene Politik des billigen Geldes &#8211; also des &#8220;Quantitative Easing&#8221;, also der Inflation, die Schuldnern hilft und Sparern schadet. So viel übrigens zu Bernd Ulrichs Europa der Nachhaltigkeit.</p>
<p align="left">Der Leiter des „Zeit“-Politikressorts sieht  für das Jahr 2050 einen „europäischen Machtraum&#8221; entstehen, „von Skandinavien bis nach Nordafrika, von Portugal bis Weißrussland, von Frankreich bis zur Türkei“. Wie es scheint, hat er mein Buch &#8220;Imperium der Zukunft&#8221; gelesen.</p>
<p align="left">Wie dieser „Machtraum“ ohne Großbritannien, dafür mit Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Co. geschaffen werden soll, bleibt Bernd Ulrichs Geheimnis. Viel Spaß dabei. Gewiss, Deutschland und Frankreich, die größte und zweitgrößte Volkswirtschaft des Kontinents, bilden den Motor der europäischen Union. Aber ohne die drittgrößte, ohne Großbritannien, ist die Aufgabe nicht zu stemmen.</p>
<p align="left">Ganz davon abgesehen, dass der Fiskalpakt möglicherweise eine Totgeburt bleibt. Eine der ersten Maßnahmen der konservativen spanischen Regierung bestand darin, Europa mitzuteilen, dass sie nicht daran denkt, die von ihr selbst ausgehandelten Defizitziele einzuhalten. Die Wahl in Griechenland könnte Parteien an die Macht bringen, die unter Androhung eines Euro-Austritts Griechenlands Bringschuld neu verhandeln. Gewinnt Francois Hollande die Präsidentenwahl, ist Frankreich draußen.  In Irland kann eine Volksabstimmung den Pakt zu Fall bringen.</p>
<p align="left">Und ob das Bundesverfassungsgericht wirklich bereit ist, sein Recht auf Überprüfung der Verfassungsmäßigkeit des Haushalts an den Europäischen Gerichtshof  abzutreten, wird sich erst zeigen. Ich halte das für ausgeschlossen, und es könnte durchaus sein, dass der nationalstaatlich denkende Freiheitsapostel im Schloss Bellevue als eine seiner ersten Amtshandlungen jene Aufgabe nationaler Souveränität blockiert und eine entsprechende Überprüfung durch die Judikative auslöst. Wofür ihm mein Dank gewiss wäre.</p>
<p align="left">In seinem bemerkenswerten Essay „Zur Verfassung Europas“ hat Jürgen Habermas darauf hingewiesen, dass die „Völker eines Kontinents von schrumpfendem politischem und wirtschaftlichem Gewicht“ sich nicht darauf beschränken können, die Europäische Union „defensiv zur Erhaltung ihres kulturellen Biotops“ zu nutzen; vielmehr müssten sie ihren politischen Spielraum „auch offensiv für einen weiteren und noch mühsameren Aufbau globaler Steuerungskapazitäten“ einsetzen.</p>
<p align="left">Hat der Philosoph auch mein Buch gelesen? Wie dem auch sei: Es ist offenkundig, dass dies ohne Großbritanniens globale Erfahrungen und nach wie vor beträchtliches politisches Gewicht als Mitglied des Sicherheitsrats und des Commonwealth, Ursprungsland der weltumspannenden „Anglosphäre“ und Atommacht völlig illusorisch wäre. Habermas glaubt zwar, dass sich Deutschland Sarkozys Vorschlag einer „Wirtschaftsregierung“ einlassen könne: „Das bedeutet ja nicht, dass man sich damit schon auf die etatistischen Hintergrundannahmen und protektionistischen Absichten ihres Initiators einlassen würde“.</p>
<p align="left">Eine interessante Charakterisierung des französischen Standpunkts seitens eines Philosophen, der  <em>prima facie</em> kein Freund des angelsächsischen Kapitalismus ist. Aber wenn Deutschland, statt wie unter Helmut Kohl zwischen Frankreich und Großbritannien, Etatismus und Deregulierung, Protektionismus und Handelsfreiheit zu vermitteln, sich Sarkozys „Europa der Regulierung“ unter Ausschluss Großbritanniens anschließt, muss es sich entweder den &#8220;etatistischen Hintergrundannahmen und protektionistischen Absichten&#8221; Frankreichs anschließen &#8211; oder die &#8220;Wirtschaftsregierung&#8221; bliebt eine Chimäre.</p>
<p align="left">„Der ‚engeren Zusammenarbeit’ auf wirtschaftspolitischem Gebiet würde dann eine in der Außenpolitik folgen müssen“, schreibt Habermas weiter. Doch eine EU-Außenpolitik ohne Großbritannien ist absurd. Und wenn auch der volatile Sarkozy von &#8220;zwei Europas&#8221; faselt &#8211; in Sachen Außen- und Sicherheitspolitik verläuft der Riss durch Europa nicht am Ärmelkanal, sondern am Rhein.</p>
<p align="left">Deutlich wurde das im Vorfeld des Libyen-Kriegs. Großbritannien, Frankreich und Italien machten sich für einen Regimewechsel stark. Die Amerikaner waren zunächst „not convinced“. Als aber am 17. März im UN-Sicherheitsrat Resolution 1973 eingebracht wurde, die einen Militäreinsatz zum Schutz der Rebellen billigt, stimmten die USA mit Frankreich und Großbritannien dafür, ebenso wie das EU-Mitglied Portugal. Deutschland aber enthielt sich, zusammen mit Brasilien, Russland, Indien und China.</p>
<p align="left">Dieser Dissens  hat tiefere Wurzeln. Bereits als Sarkozy 2007 seinen Plan für eine „Mittelmeerunion“ vorstellte, die alle Mittelmeeranrainerstaaten plus Mauretanien und Jordanien umfassen und die nördlichen EU-Länder, darunter Deutschland, außen vor lassen sollte, wurde die Idee von Merkel torpediert. Die Kanzlerin sah in Sarkozys Projekt den Versuch, eine eigene französische Interessensphäre zu schaffen.</p>
<p align="left">Und das sollte sie auch – als Gegengewicht zu einer aus Pariser Sicht bedrohlichen deutschen Interessensphäre, die von der Oder bis über den Kaukasus hinweg reicht. Die vorübergehende deutsch-französische Einigung in Sachen Euro-Rettung, die tief greifende Differenzen über den künftigen Kurs nur zukleistert, verdeckt auch eine strategische Rivalität der beiden größten Mächte innerhalb der EU.</p>
<p align="left">Aus dem Libyen-Debakel haben Großbritannien und Frankreich ihre Schlüsse gezogen und eine von beiden Seiten als „historisch“ bezeichnete Ära der militärischen Kooperation eingeleitet. Gemeinsam wollen sie Flugzeugträger, U-Boote und Drohnen nicht nur entwickeln und bauen, sondern auch nutzen. Dass Deutschland nicht in diese Entente Cordiale einbezogen wird, spricht Bände.</p>
<p align="left">Während sich also Deutschland und Frankreich in der Ostpolitik und der Mittelmeerpolitik gegenseitig lähmen, wendet sich Frankreich, wenn es um künftige europäische Machtprojektion – ob im Rahmen der NATO, der EU, oder denkbarer Koalitionen der Willigen – an Großbritannien. Die USA, das hat Barack Obama zu beginn des neuen Jahres im Pentagon verkündet, verlegen ihren außenpolitischen und erst recht ihren militärischen Schwerpunkt westwärts in den Pazifik, um China zu kontern.</p>
<p align="left">Die Europäer werden sich um sich und ihre Umgebung künftig – wie es im Falle Libyens bereits deutlich wurde – selbst kümmern müssen. Der „Machtraum“, den die „Zeit“ der Europäischen Union zuspricht, wäre ohne eine Nation wie Großbritannien, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und aus einer seit Kolonialzeiten ungebrochenen Tradition heraus die Bürden weltweiter militärischer Einsätze übernimmt, nur ein Machttraum.</p>
<p align="left">Es ist ein Gebot der wirtschaftlichen, politischen, diplomatischen und militärischen Vernunft, Großbritanniens Potenzen für die EU nutzbar zu machen. Das macht man nicht, indem man das Land isoliert und eine Parallelstruktur nicht nur der Mitglieder der Eurozone einrichtet (für die einiges spricht, und gegen die von britischer Seite nichts einzuwenden gewesen wäre), sondern der 27 minus Großbritannien.</p>
<p align="left">Großbritannien hat einiges gemeinsam mit jener anderen unerlässlichen, gerade weil exzentrischen europäischen Nation, der Türkei, und es ist kein Zufall, dass die Briten zu den treuesten Lobbyisten eines türkischen EU-Beitritts sind. Beide teilen die Erinnerung an eine große imperiale Vergangenheit; beide eine gewisse Skepsis gegen die europäischen Mittelmächte, beide eine gewisse Kaltblütigkeit in militärischer Hinsicht.</p>
<p align="left">Beide – darf man in Sarrazin-Deutschland daran erinnern? – sind Ausnahmen vom europäischen Trend schrumpfender Bevölkerungen. Und beide sind Brücken-Nationen, ohne die Europa keinen weltpolitischen Einfluss im Sinne Habermas’ gewinnen kann: Großbritannien nach Amerika, die Türkei in den nahen und mittleren Osten. Manche Europäer, die von einem kontinentalen Mini-Imperium unter deutscher oder einem gaullistischen Verein der Vaterländer unter französischer Führung träumen, fürchten, dass die Inklusion jener peripheren, über das Klein-Klein hinausweisenden Mächte Großbritannien und der Türkei, die Europäische Union überdehnen und letztlich sprengen würde.</p>
<p align="left">Aber wenn die Euro-Krise eine bleibende Lehre bereithält, dann diese: Nicht die Erweiterung der Union birgt Sprengkraft, sondern die Vertiefung. Will Europa nicht implodieren, muss es expandieren. Über die Türkei wird in einigen Jahren zu sprechen sein. Jetzt aber gilt es, Großbritannien wieder in seine Rechte als führende europäische Nation einzusetzen. Niemand außer Deutschland kann das leisten. Niemand außer Deutschland hat so viel davon zu gewinnen. Angela Merkel weiß das. Warum sagt sie es nicht? Joachim Gauck, übernehmen Sie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://starke-meinungen.de/blog/2012/03/20/quo-vadis-europa/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>34</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

