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	<title>starke-meinungen.de &#187; Alan Posener</title>
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	<description>zur Bundestagswahl 2009</description>
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		<title>Helmut Schmidt und das deutsche Nazi-Gen</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Sep 2010 07:04:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Schmidt]]></category>
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		<description><![CDATA[Helmut Schmidt war ein zufälliger Kanzler und ein Kanzler des Übergangs. Er wurde 1974 Regierungschef, nachdem sein visionärer, aber willensschwacher Vorgänger das Amt in einem Anfall von Depressionen hingeschmissen hatte; und er musste 1982 den Posten zugunsten eines anderen Visionärs, Helmut Kohl, räumen. Der als Architekt der „Neuen Ostpolitik“ damals vielerorts als Verräter verdächtigte Brandt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-family: Arial;font-size: small"> </span></p>
<p>Helmut  Schmidt war ein zufälliger Kanzler und ein Kanzler des Übergangs. Er  wurde 1974 Regierungschef, nachdem sein visionärer, aber  willensschwacher Vorgänger das Amt in einem Anfall von Depressionen  hingeschmissen hatte; und er musste 1982 den Posten zugunsten eines  anderen Visionärs, Helmut Kohl, räumen.</p>
<p>Der  als Architekt der „Neuen Ostpolitik“ damals vielerorts als Verräter  verdächtigte Brandt wird heute allseits aus dem gleichen Grund verehrt.  Man begreift, dass Gesten wie sein „Kniefall“ in Warschau den  moralischen Status der Bundesrepublik aufwerteten, und dass die  Ergebnisse seiner Ostpolitik – etwa die Vereinbarungen der „Konferenz  für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ – zum Rosten des Eisernen  Vorhangs beitrugen. Kohl wird, wenn auch die von ihm geforderte  „geistig-moralische Wende“ bis heute ausgeblieben ist, allseits als  Architekt der deutschen Einheit und der Europäischen Union anerkannt.  Aber unter Schmidt passierte nichts Weltbewegendes, und er hinterlässt  kein politisch-geistiges Erbe.<span id="more-1921"></span></p>
<p>Es  gab, gewiss, die blutige Farce des RAF-Terrors, den Schmidt als  nationalen Notstand behandelte, obwohl weder Staat noch Gesellschaft  durch den Amoklauf einiger Bürgerkinder je ernsthaft gefährdet waren.  Aber das war’s auch schon.</p>
<p>Merkwürdigerweise  ist jedoch Schmidts Ansehen seit dem Ende seiner Kanzlerschaft stetig  gewachsen, was nur bedingt damit zu tun hat, dass er einer der  Herausgeber der „Zeit“ ist, dem Pflichtblatt des liberalen  Bildungsbürgertums. Seine gesammelten Gespräche mit dem Chefredakteur  jener Zeitung wurden ebenso zum Bestseller wie Schmidts Memoiren und das  Buch „Unser Jahrhundert”, das Protokoll einer Unterhaltung mit dem  amerikanischen Historiker Fritz Stern, das ich neulich mit wachsendem  Entsetzen gelesen habe.</p>
<p>Was  die Deutschen an Helmut Schmidt bewundern, ist schwer zu sagen. Die  Nostalgie spielt vielleicht eine Rolle. Als Schmidt Kanzler war, schien  die Welt zwar nicht in Ordnung, aber doch geordnet und überschaubar zu  sein. Der Ost-West-Konflikt dominierte die Politik. Westdeutschland saß  sicher und relativ bedeutungslos unter dem Atomschirm der USA; es wurde  an der Elbe verteidigt, nicht am Hindukusch. Der Zusammenbruch des  Ostblocks lag ebenso jenseits des Horizonts wie die Globalisierung.  Hinzu kam eine Politik der umfassenden sozialen Alimentierung. Obwohl  Schmidt nach der Ölkrise von 1973 immer wieder die Unhaltbarkeit des  üppigen westdeutschen Sozialstaats verkündete, erhöhte er immer wieder  die Staatsausgaben, getreu seinem Diktum, fünf Prozent Inflation seien  besser als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Gegen Ende seiner  Kanzlerschaft strebten beide Indikatoren der Zehn-Prozent-Marke zu. Und  trotzdem gilt Schmidt vielen Deutschen, wenn auch kaum sonst jemandem,  als <em>praeceptor mundi</em> in Sachen Wirtschaft. Die Deutschen haben  sich nie mit dem Wirtschaftsliberalismus anfreunden können, der seit  Reagan und Thatcher den Keynesianismus als Schulweisheit abgelöst hat,  und es kann sein, dass es Schmidts unverblümter Etatismus ist, der ihn  als Symbol einer vermeintlich goldenen Ära den Deutschen so sympathisch  macht. Hinzu kommt seine realpolitische, an Kissinger geschulte Skepsis  gegen jeden Versuch, die Welt zu ändern und sich in die Angelegenheiten  anderer Länder einzumischen, was einer aus der Historie heraus  verständlichen, ja fast sympathischen, wenn auch unhaltbaren deutschen  Neigung entgegenkommt, sich als etwas groß geratene Schweiz zu  empfinden.</p>
<p>Doch  nun zu „Unser Jahrhundert“. Bei einer Unterhaltung zwischen einem  jüdisch-amerikanischen Historiker, der als Kind aus Deutschland fliehen  musste, und einem deutschen Politiker, der acht Jahre in Hitlers Armee  diente, spielen naturgemäß der Nationalsozialismus und der Holocaust  eine große Rolle. Schmidt bekennt, ihm sei „der ganze Prozess“ immer  noch „ein völliges Rätsel“. Er misstraue immer noch seinen deutschen  Mitbürgern, weil er – Sarrazin-Freunde aufgepasst! – davon ausgehe, dass  „es irgendwelche Gene geben muss, die hier eine Rolle spielen“. Stern  ist über diese „biologistische, fast rassistische“ Herangehensweise an  geschichtliche Ereignisse zu Recht entsetzt, aber Schmidt bleibt  ungerührt: „Nennen Sie es eine ererbte Eigenschaft &#8230; Wenn Sie die mit  dem Wort Gen verbundenen Konnotationen vermeiden wollen, nennen Sie es  eine Prädisposition.“</p>
<p>Schmidts  „biologistische, fast rassistische“ Erklärung der deutschen  Anfälligkeit für Biologismus und Rassismus ist natürlich genauso absurd  wie Sarrazins biologistische und rassistische Erklärung für das Versagen  des deutschen Schulsystems. Aber wie Sarrazins Provokation den großen  Vorteil hat, jede konkrete Diskussion über Verbesserungen im Keim zu  ersticken, so hat auch Schmidts scheinbar radikale Kritik am deutschen  Nazi-Gen den Vorteil, jede konkrete Untersuchung deutscher Geschichte  und individueller Verantwortung im Grunde genommen überflüssig zu  machen.</p>
<p>So  kann Schmidt, der 14 Jahre alt war, als die deutschen Eliten Hitler die  Macht übergaben, und der einen jüdischen Großvater hatte, dem er beim  Fälschen des Ariernachweises half, dennoch im Gespräch mit Stern  behaupten, er und seine Familie hätten „als Beamte aus der unteren  Mittelschicht“ schlicht und einfach „keine Ahnung gehabt, was das Wort  Jude bedeutete“. „Das bezweifle ich“, sagt Stern mit bewundernswerter  Zurückhaltung. Wenn man die Rolle des Antisemitismus in der  Nazi-Propaganda bedenkt, wenn man bedenkt, dass gerade jüdische Beamte  als erste von den Diskriminierungen der Nazis betroffen wurden, so muss  man Schmidts Mär von der Ahnungslosigkeit seiner Familie als  offenkundige Schutzbehauptung einstufen, ebenso wie seine Behauptung,  seine Familie habe vom Pogrom der Reichskristallnacht „einfach nichts  mitbekommen“, oder seine Behauptung, er habe nicht gewusst, dass die  Nazis die Konzentrationslager einsetzten, um aktuelle und potenzielle  politische Gegner durch Terror „umzuerziehen“ – obwohl die Nazis, wie  Stern zu Recht erklärt, dafür sorgten, dass die Existenz und Funktion  der KZ bekannt wurden, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Schmidt  hingegen sagt, ihm sei klar geworden, dass die Nazis „verrückt“ waren,  als sie die „entartete“ moderne Kunst angriffen, die er schätzte; dass  sie „kriminell“ waren, habe er erst 1944 erkannt, als er vom  Reichsluftfahrtministerium abkommandiert wurde, den Schauprozessen gegen  die Verschwörer des 20. Juli an Freislers Volksgerichtshof als Claqueur  beizuwohnen.</p>
<p>Dieses  Bekenntnis, obzwar schockierend, ist immerhin ehrlich; aber es ist eben  die Tatsache, dass so viele individuelle Deutsche es vorzogen, so viel  so lange nicht zu bemerken und nicht zu wissen, dass so viele  individuelle Deutsche lieber nicht fragten, was mit Juden, Kommunisten,  Sozialdemokraten und kritischen Christen passierte,  dass so viele  individuelle Deutsche offenbar keinen besonderen Widerwillen gegen die  Diktatur, gegen den Militarismus und gegen den Rassismus empfunden, der  jenes „Rätsel“ wenigstens teilweise löst, von dem Schmidt spricht. Hier  gilt es, nach Ideologien und Institutionen, nach kulturellen und  politischen Prägungen, nach der Verantwortung und dem Versagen von  Eliten und Parteien, Militärs und Kirchen, Schulen und Verbänden, ja und  eben auch von Familien und Individuen zu fragen, statt von einer  genetischen Prädisposition zu schwafeln.</p>
<p>Wie  wenig der biologistische Ansatz hilft, zeigt sich daran, dass Schmidt  sich selbst offenkundig – vielleicht dank seines nichtarischen  Großvaters &#8211; als frei vom verhängnisvollen deutschen Gen empfindet und  trotz seiner acht Jahre in der Wehrmacht und seiner selbst  eingestandenen Blindheit gegenüber dem verbrecherischen Charakter des  Regimes ein erstaunlich reines Gewissen hat. Deshalb kann er kategorisch  behaupten: „Deutschland hat keine Verantwortung für Israel.“ Man müsse  „sich vor Augen führen, dass es höchstens 15 Millionen Juden weltweit  gibt“, und dass Israel „nur ein kleiner Staat ist, der durch seine  Siedlungspolitik in der Westbank und länger noch in Gaza (sic!) eine  friedliche Lösung fast unmöglich macht.“ Man könnte meinen, die  Tatsache, dass es nur 15 Millionen Juden gibt, von denen sechs bis  sieben Millionen in jenem von Feinden umgebenen „kleinen Staat“ leben,  gerade eine gewisse Verantwortung bei jenen begründet, die unter dem  Schutz der Wehrmacht, in der Schmidt diente, Europas Juden erfolgreich  ausrotteten. Aber nein, für Schmidt bedeutet die Tatsache jüdischer  Schwäche, dass es leichtsinnig wäre, die historisch guten Beziehungen  Deutschlands zur bevölkerungs- und ölreichen arabischen Welt durch das  Herausstellen einer besonderen Verantwortung für Israel zu gefährden,  wie es Kanzlerin Angela Merkel 2008 bei ihrem Staatsbesuch getan hat.  Leider, klagt Schmidt, „traut sich kaum jemand, Israel zu kritisieren,  aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus“ – eine ebenso falsche wie  weit verbreitete Behauptung aus dem Handbuch des sekundären  Antisemitismus.</p>
<p>Gerade  angesichts solcher Kaltschnäuzigkeit ist man fast geneigt, Schmidt  Recht zu geben und anzunehmen, die Deutschen hätten tatsächlich eine  genetische Prädisposition zur Judenfeindschaft. Jedenfalls sollten  diejenigen, die heute Sarrazin bejubeln, sich vor Augen führen, dass  eine solche Mutation dem Rest der Welt erheblich einsichtiger erscheint  als die von Sarrazin behauptete genetische Minderwertigkeit derjenigen,  die in dieses Land einwandern oder in seinem Schulsystem versagen. Die  Überlegung, die Deutschen seien – sei es kulturell, sei es eben  biologisch – in besonderem Maß für den Militarismus anfällig, lag ja  auch hinter dem Morgenthau-Plan, der tatsächlich darauf hinauslief, aus  Deutschland eine größere Schweiz zu machen, in der Hoffnung, seinen  Bewohnern im Lauf einiger Generationen „das Marschieren auszutreiben“,  wie Franklin D. Roosevelt es formulierte.</p>
<p>Erstaunlicherweise  hat in der Diskussion über Sarrazin, das Türken-, Unterschichten-,  Basken- und Juden-Gen, so weit ich weiß niemand auf Schmidts  Auslassungen zum deutschen Nazi-Gen verwiesen. Das macht Mut. Es  beweist, denke ich, dass die Leute zwar Politiker-Bücher kaufen, sie  aber nicht lesen. Und das ist gut so. Mit dem Kauf helfen sie den  Verlagen, wirklich gute Bücher querzufinanzieren, mit dem Nichtlesen  beweisen sie einen sicheren Instinkt für das, was sich lohnt. Hoffen  wir, dass sich dieser Instinkt auch bei der Bewertung von Sarrazins  Bestseller durchsetzt. Denn wie sagte FAZ-Mitherausgeber Frank  Schirrmacher richtig: Der Biologismus ist das Dümmste, was sich eine  demokratische Gesellschaft leisten kann.</p>
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		<title>Ein faules Ei</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 23:22:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Juden]]></category>
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		<category><![CDATA[Sozialhilfeempfänger]]></category>
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		<description><![CDATA[1895 erschien in der Londoner satirischen Zeitschrift „Punch“ eine Karikatur mit dem Titel „Wahre Bescheidenheit“. George du Maurier zeichnete einen jungen, etwas ängstlich dreinschauenden Pfarrer am Tisch seines Bischofs. Der Bischof sagt: „Ich fürchte, Sie haben ein faules Ei bekommen, Mr. Jones.“ Der Pfarrer erwidert: „O nein, Mylord, ich kann Ihnen versichern, dass Teile davon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>1895 erschien in der Londoner satirischen  Zeitschrift „Punch“ eine Karikatur mit dem Titel „Wahre Bescheidenheit“. George du Maurier zeichnete einen jungen, etwas ängstlich dreinschauenden Pfarrer  am Tisch seines Bischofs. Der Bischof sagt: „Ich fürchte, Sie haben ein faules Ei bekommen, Mr. Jones.“ Der Pfarrer erwidert: „O nein, Mylord, ich kann Ihnen versichern, dass Teile davon ganz ausgezeichnet  sind.“</p>
<p>Die Karikatur ist unsterblich geworden, denn die Redewendung, „a  curate’s egg“ ist inzwischen Teil der englischen Sprache. Ein faules Ei stinkt  nun einmal zum Himmel, und nur „wahre Bescheidenheit“ entdeckt in ihr „ganz ausgezeichnete“ Teile. Thilo Sarrazins neues Werk ist ein solches Ei. <span id="more-1892"></span></p>
<p>Immer wieder schreiben und sagen Leute, dass der Schnauzbärtige ja auch  Tatsachen anspreche. Natürlich tut er das. Jeder Demagoge tut das. Jeder Populist  tut das. Aber Demagogie und Populismus stinken trotzdem zum Himmel, wie das  Ei des armen Pfarrers. Man sollte nicht so bescheiden sein, den Geruch zu  leugnen. Eine andere Frage ist die nach seiner chemischen Zusammensetzung.</p>
<p>Sigmar Gabriel fragt sich, warum Thilo  Sarrazin noch in der SPD ist. In der letzten Ausgabe der „Welt am Sonntag“ hat Sarrazin geantwortet, dass die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen zur  Zwangsassimilation der hiesigen Muslime, vom Kindergartenzwang über die  Ganztagsschulpflicht bis hin zum Einwanderungsstopp, bis sich das biologisch „ausgewachsen“ hat, durch und durch sozialdemokratisch seien. Er hat Recht. Und da liegt das Problem für die SPD.</p>
<p>Dem Sozialismus – auch dem demokratischen  Sozialismus – sind als Geburtsfehler die Staatsgläubigkeit und der Nationalismus  eingeschrieben. Den Vorwurf der Staatsgläubigkeit muss man hier wohl nicht erläutern;  der Vorwurf des Nationalismus aber mag nicht unmittelbar einleuchten, da  sich die Sozialisten seit Karl Marx zum Internationalismus bekennen.</p>
<p>Da jedoch  die Staaten bis heute als Nationalstaaten organisiert sind, stellte – allem  proklamierten Internationalismus zum Trotz – der Sozialnationalismus immer eine  Versuchung für die Sozialisten dar, und oft – siehe die Bewilligung der Kriegskredite 1914 durch die SPD und der allgemeine Patriotismus aller  Parteien der „Zweiten Internationalen“ – mehr als nur eine Versuchung. Man will ja das im eigenen Nationalstaat erreichte, nicht durch andere –  angeblich faule Türken oder allzu hart arbeitende Chinesen – gefährden lassen.</p>
<p>Wer in sozialnationalen Kategorien denkt,  landet früher oder später beim Rassismus. Es ist ja kein Zufall, dass Oskar Lafontaine 2005  in Chemnitz gegen „Fremdarbeiter“ wetterte, die „deutschen Arbeitern den Arbeitsplatz wegnehmen“. Leute mit einem etwas längeren Gedächtnis erinnern sich auch, wie die IGM-Betriebsräte mit den Meistern  und Vorarbeitern bei Ford Köln während des großen, „wilden“ Streiks 1973 auf die türkischen Arbeiter unter ihrem gewählten Anführer Baha Targün  losgingen und sie mit Schlagstöcken und Schlagringen verprügelten. „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei“ lautete die Überschrift in der  „Bild“-Zeitung.</p>
<p>Und es ist kein Zufall, dass dem Sozialdemokraten Franz Müntefering zur Bezeichnung amerikanischer, oft jüdischer Hedgefonds-Manager der Begriff „Heuschrecken“ einfiel, womit er eine alte Nazi-Tradition aufgriff, die dem „artfremden“ Juden – dem „Wall-Street-Juden“ wie dem „Kreml-Juden“ – als „Ungeziefer“ ihr menschliches Wesen absprach. Es ist eben kein Zufall, dass sich Linke und Rechte oft in ihrer reflexhaften  Gegnerschaft gegen die Globalisierung einig sind. Die Vorstellung, der Rassismus sei allein  den „Rechten“ vorbehalten, ist ein Missverständnis.</p>
<p>Dem Sozialismus – auch dem demokratischen  Sozialismus – ist auch ein gefährlicher, zuweilen menschenfeindlicher Kollektivismus als Geburtsfehler eingeschrieben. Das Allgemeinwohl geht für den  Sozialisten vor dem Individualwohl. (Und natürlich bestimmt er, was das  Allgemeinwohl ist.) „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ ist eine ursozialdemokratische Parole, die Sarrazin nun gegen die „unproduktiven“ Zuwanderer wendet: Wer nicht arbeitet, sondern nur „Kopftuchmädchen“ produziert, soll auch keine Sozialhilfe bekommen.</p>
<p>Man könnte zurückfragen, ob der Sozialhilfeempfänger, dessen  „Koptuchmädchen“ bei richtiger Förderung durchaus tüchtige Verkäuferinnen bei seinem  Nachbarn, dem „türkischen Gemüsehändler“, oder Polizistinnen, Anwältinnen und Ärztinnen werden  können, dem Allgemeinwohl nicht mehr nutzt als die  kinderlose Frau eines Bankers, der sein Vermögen auf Schweizer Banken bringt, aber  damit wäre man schon dem Nationalkollektivismus auf den Leim gegangen.</p>
<p>Dem Sozialismus ist schließlich der Traum  von der Perfektibilität des Menschen eingeschrieben. In Verbindung mit ihrer Staatsgläubigkeit  und ihrem Kollektivismus führt der Traum von der Optimierung der  Gesellschaft in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zum Albtraum der Zwangs-Eugenik;  nirgendwo wurde vor 1933 die Verbesserung des „Genpools“, von dem Sarrazin faselt, so rigoros – durch die massenhafte Sterilisierung  „minderwertiger“ Frauen – betrieben wie in den sozialdemokratisch regierten Ländern Skandinaviens. Es ist kein Zufall, dass es ein  sich als linksstehend verstehender Philosoph war, der vor einigen Jahren wieder öffentlich  über eugenische „Regeln für den Menschenpark“ nachsann.</p>
<p>Wenn man anfängt, in kollektiven Begriffen  zu denken, landet man früher oder später bei Rassismus und anderen menschenfeindlichen Vorstellungen. Der Kollektivist kann vor lauter Wald die Bäume nicht  sehen.</p>
<p>Gegen den Sozialnationalismus, den  Sozialkollektivismus und die Sozialeugenik beharren das Judentum, das Christentum und der  Liberalismus auf dem nichthinterfragbaren Wert des Individuums. Für Immanuel Kant  bedeutete das, in jedem Menschen einen Zweck an sich, nie ein Mittel zum Zweck zu  sehen. Das heißt, der Zuwanderer ist nicht Mittel zur Steigerung des  Bruttosozialprodukts, die Frage seiner „Produktivität“ verbietet sich. (Dass ausgerechnet das Vorstandsmitglied einer völlig überflüssigen Behörde wie der  Bundesbank anderen Leuten mangelnde Produktivität vorwirft, ist nur eine weitere  Ironie.)  „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es im Grundgesetz, sie zu schützen sei oberste Pflicht des Staates. Soll heißen (und sollte heißen): die Würde des Individuums, nicht des Gattungswesens. Seine  Würde schützen bedeutet unter anderem, ihn vor unsinnigen Verallgemeinerungen  zu schützen: Katholiken sind falsch; Juden sind schlau; Muslime sind dumm; Kapitalisten sind unmoralisch; Hartz-IV-Empfänger sind arbeitsscheu;  Griechen auch. Bullshit.</p>
<p>Wie kann man den türkischen Bankier, die iranische Rechtsanwältin, den libanesischen Drogenhändler, die marokkanische Dolmetscherin, den palästinensischen Sozialarbeiter, die bosnische  Hausfrau und den kurdischen Gemüsehändler unter dem Begriff „muslimische Zuwanderer“ subsumieren, ihnen kollektiv eine mindere Intelligenz, einen mangelnden Integrationswillen und eine zu geringe „Produktivität“ vorwerfen? Seit wann gibt es so etwas wie eine Kollektivhaftung?</p>
<p>Nun ja, und hier versagte übrigens das  Christentum und schuf das Urbild aller Gruppendiskriminierung: bei den Juden, dem „Volk der Gottesmörder“.  Auch Sarrazin erkennt an ihnen ein Kainsmal: „Alle Juden haben ein Gen“, raunt er in der „Welt am Sonntag“, sagt aber nicht, wo es sitzt und was es bewirkt: Die krumme Nase? Die  hängende Unterlippe? Das Fehlen eines Gefühls für Transzendenz? Die sexuelle  Raffinesse? Die Begabung fürs Geldvermehren? Die Gemeinheit gegenüber den  Palästinensern? Und was bewirkt das Muslim-Gen?</p>
<p>Liberale aber kennen keine Kollektivhaftung.  Der viel geschmähte Ausruf Margaret Thatchers, „There is no such thing as society“, meinte eben das: schauen wir nicht auf das Allgemeine, schauen wir auf das Individuum. Im Guten wie im Schlechten. Weder kann „die Gesellschaft“ für das Scheitern eines Individuums kollektiv haftbar gemacht werden, noch kann das Individuum danach beurteilt werden, was er  oder sie „der Gesellschaft“ bringt. In diesem Sinne darf es für Liberale „die Gesellschaft“ nicht geben.</p>
<p>Übrigens: Nichts gegen Kinderkrippen,  Kindergärten, Ganztagsschulen, Sprachkurse, deutschsprachige Imame, schnellere  Gerichte und Polizei auf der Straße. Im Gegenteil. Mehr davon! Nicht, um die Muslime zu guten Deutschen umzuerziehen, was das auch immer bedeuten mag. Sondern um  jedem und jeder zu ermöglichen, ihr ganzes menschliches Potenzial zu  verwirklichen.</p>
<p>Wenn die Muslime in ihrer Mehrheit das tun, wer sollte etwas dagegen haben, dass  sie einmal nicht wie jetzt sechs, sondern zwölf oder zwanzig Prozent der  deutschen Gesellschaft ausmachen? Wie wird diese Gesellschaft dann aussehen? Und  wie wird sich der Islam verändern? Wir wissen es nicht, das ist das Schöne. Die  Zukunft ist offen. Die Angst davor ist ein schlechter Ratgeber. Und wer den  Leuten Angst vor der Zukunft machen will, wie der Sozialdemokrat Thilo  Sarrazin, will ihnen einen schlechten Rat geben. Will ihnen ein faules Ei als beste  Frischware unterjubeln.</p>
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		<title>Entschuldigung, Jörg Blech!</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Aug 2010 23:01:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Gene]]></category>
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		<category><![CDATA[Migrationshintergrund]]></category>
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		<category><![CDATA[Vererbung]]></category>

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		<description><![CDATA[Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Jörg Blechs Titelgeschichte im „Spiegel“ kritisiert. Wie es meine (Un-)Art ist, habe ich es nicht an starken Worten („Bullshit“) fehlen lassen. Umso angenehmer überrascht war ich, als sich Blech bei mir meldete und statt mich zu beschimpfen, wofür mir selber einige treffende Ausdrücke einfielen („Halbgebildeter“, „Hobby-Wissenschaftskritiker“, „Besserwisser“), [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle Jörg Blechs Titelgeschichte im „Spiegel“ kritisiert. Wie es meine (Un-)Art ist, habe ich es nicht an starken  Worten („Bullshit“) fehlen lassen.</p>
<p>Umso angenehmer überrascht war ich, als sich Blech bei mir meldete und statt mich zu beschimpfen, wofür mir  selber einige treffende Ausdrücke einfielen („Halbgebildeter“, „Hobby-Wissenschaftskritiker“, „Besserwisser“), ein Treffen vorschlug, bei dem wir über meine Kritik reden könnten.  Ähnliches widerfuhr mir schon mit Blechs Kollegen Matthias Matussek und Jan  Fleischhauer, die auch untereinander einen Ton höflich-ironischer Feindschaft pflegen,  so dass ich mich schon frage, da ich anderswo wegen  Meinungsverschiedenheiten ganz anders behandelt worden bin, ob das möglicherweise etwas mit der Kultur  des Hauses zu tun hat. (Die Ausnahme bestätigt die Regel.)<span id="more-1857"></span></p>
<p>Nun ja, wir trafen uns also bei mir zuhause und verbrachten einen sehr netten Abend. Blech  meinte, meine Kritik beruhe darauf, dass ich den Unterschied zwischen normalen Körperzellen und Keimzellen verwische. Erstere seien, so die Ergebnisse  der Molekularbiologie, speziell der Epigenetik, durch die Umwelt steuerbar, letztere nicht.</p>
<p>Nur wenn man annähme, dass die Umwelt – mitsamt der Erziehung – auf die Keimzellen einwirke, könne man von Lamarckismus  reden; eine Vorstellung, die Blech weit von sich weist. Ich meinte (und meine  immer noch), dass der Artikel selbst durch eben jene Formulierungen, die ich aufspießte, jenes Missverständnis nahe legt.</p>
<p>Aber klar ist, dass Blech  das selbst nicht meint, wofür sein neues Buch, „Gene sind kein Schicksal“ (S. Fischer, 18,95 Euro) den Beweis erbringt; auch wenn auch bei diesem Buch der Untertitel – „Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können“ – mit der Möglichkeit des Missverständnisses spielt. Schwamm drüber, das Buch ist sehr lesenswert.</p>
<p>Weil ich in meiner Kritik des „Spiegel“-Titels  auf die Bedeutung der Befunde der Epigenetik für die Bildungspolitik hinwies, möchte ich im folgenden aus  Jörg Blechs Buch eine Passage zitieren, die jedem Lehrer, jeder  Bildungspolitikerin zu denken geben sollte.</p>
<p>Blech zitiert (s.174ff.) die Arbeiten des amerikanischen Wissenschaftlers Eric  Turkheimer, der den Einfluss der Gene auf die Intelligenz (oder auf jene  Eigenschaft, die wir mit dem IQ-Test messen, OK?) untersuchte und zu erstaunlichen  Erkenntnissen gelangte. Ohne im Einzelnen die Quellen und Methoden Turkheimers zu  referieren (lesen Sie das bei Blech nach!), hier die Ergebnisse: „Für die weißen Kinder aus wohlhabendem Haus ergab sich: Ihre unterschiedlichen  Leistungen im Intelligenztest gehen zu knapp sechzig Prozent auf die Gene zurück. Ganz  anders aber war das Ergebnis für die Kinder aus sozial benachteiligten  Schichten – die Erblichkeit der Intelligenz war bei ihnen gleich null.“</p>
<p>Diese Aussage muss man sich einmal sozusagen auf der Zunge zergehen lassen. Sie bedeutet,  dass die negativen Einflüsse der Umwelt so stark sein können, dass sie angeborene Intelligenzunterschiede einfach ausschalten. Blech: „Übertragen auf eine Stadt wie Berlin bedeutet dies: Kinder in reichen Vierteln wie Dahlem  wachsen oftmals in intakten und bildungsnahen Familien auf, und das Potential  ihrer Gehirne können sie gut und mitunter sogar maximal abrufen. (&#8230;)  Individuelle Unterschiede (&#8230;) gehen dann eher auf genetische Unterschiede zurück.  Kinder in einem armen Bezirk wie Neukölln dagegen (&#8230;) können das potential  ihrer Gehirne mitunter nur sehr eingeschränkt ausschöpfen. (&#8230;) Wenn Kinder  aus Neukölln unterschiedliche Noten haben, dann gehen diese Unterschiede vor  allem auf Einflüsse der Umwelt, sprich: die familiäre Situation zurück. Und  auch der Leistungsunterschied zwischen Schülern aus Dahlem und Neukölln liegt an  der jeweils anderen Umwelt.“</p>
<p>Blech weiter: „Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Politiker Thilo Sarrazin hat  in einem Zeitungsinterview erklärt, Intelligenz sei erblich, und deshalb  sei es illusorisch zu glauben, man könne Menschen durch die Schule ändern.  Damit deutet Sarrazin an, die von ihm kritisierten Berliner Schüler mit Migrationshintergrund (&#8230;) wären von Natur aus  geistig  minderbemittelt. Diese Ansicht ist allein schon wissenschaftlich gesehen blanker Unsinn.“</p>
<p>In der Tat.</p>
<p>Blech referiert Sarrazins Ansichten aus einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom  1. März 2010, in dem der SPD-Bundesbanker sagte, Intelligenz sei zu 80  Prozent erblich, darum könne die Schule die darauf beruhenden sozialen  Unterschiede nicht ausgleichen. Es fehlt nicht an Leuten, die diesen Schwätzer für  jemanden halten, der „endlich sagt, wie es ist“; auffallend viele Lehrer sind darunter. Und leider beschäftigt  der Berliner Senat Leute, die  unter dem Deckmantel der Lehrerfortbildung von Kollegium zu Kollegium ziehen und  die angeblich „wissenschaftlichen Ergebnisse“ referieren, denen zufolge die Schule allenfalls ein wenig Reparaturarbeit betreiben, niemals aber  die mitgebrachten Defizite aufheben könne. Eine Prophezeiung, die sich dann natürlich  selbst erfüllt.</p>
<p>Blech weiter: „Das Gegenteil ist der Fall, gerade die sozial benachteiligten Schüler würden von Förderung besonders profitieren.“ Blech liefert dazu auch ein Beispiel aus der amerikanischen Forschung: „Es ging um Kinder, deren leibliche Eltern gesund waren, aber äußerst arm und schlecht  ausgebildet. In einem Projekt etwa kamen die Kinder im Alter von sechs Wochen (! A.P.)  tagsüber in eine besondere Krippe, in der es für drei Kinder einen Lehrer gab und  in der sie besonders gefördert wurden. Nach drei Jahren war der IQ dieser  Kinder um etwa 13 Punkte höher als bei Kindern gleichen Alters und gleicher  Schicht, die nicht in den Genuss der Förderung kamen.“</p>
<p>Bei uns aber, wo das konservative Bürgertum einerseits das Privileg beansprucht, auf dem Gymnasium weiterhin auf Staatskosten unter sich zu sein, andererseits  den Ausbau von Kinderkrippen und anderen Einrichtungen bis vor kurzem als  Angriff auf die Familie verteufelte und Mütter überdies dafür bezahlen will,  ihre Kinder möglichst lange zuhause zu behalten – bei uns darf ein halbgebildeter Rassist wie Sarrazin weiterhin seinen gut dotierten   Ruheposten bei der Bundesbank behalten und zwischen Power-Lunches und Gala-Diners  ein Interview nach dem anderen absondern, in dem er nur beweist, dass  Schläue vor Dummheit nicht schützt.</p>
<p>Danke, Jörg Blech, für Ihr Buch.</p>
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		<title>No Angels</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Aug 2010 17:32:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechtsverkehr]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Prozess gegen die „No Angels“-Sängerin Nadja Benaissa tritt als Nebenkläger ein Frankfurter Künstlerbetreuer auf, der behauptet, von der HIV-infizierten Sängerin bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr angesteckt worden zu sein. „Du hast so viel Leid in die Welt getragen!“ rief der Mann im Gericht der Sängerin zu, die wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist. Dann sagte er etwas, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Prozess gegen die „No  Angels“-Sängerin Nadja Benaissa tritt als Nebenkläger ein Frankfurter  Künstlerbetreuer auf, der behauptet, von der HIV-infizierten Sängerin  bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr angesteckt worden zu sein. „Du hast  so viel Leid in die Welt getragen!“ rief der Mann im Gericht  der Sängerin zu, die wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist.</p>
<p>Dann sagte er etwas, was mich stutzig  machte: Besonders schlimm für ihn sei: „Ich hätte unzählige Frauen  anstecken können, ohne es zu wissen.“ Daraus müssen wir entnehmen:  Dieser „Künstlerbetreuer“, also Agent, hat mit „unzähligen“ Frauen  ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt. <span id="more-1839"></span></p>
<p>Und geht offensichtlich immer  noch davon aus, dass nicht sein unverantwortliches Benehmen, bei dem man  annehmen darf, dass er seine Stellung im Showgeschäft durchaus  ausspielt, das eigentliche Problem sei, sondern die Tatsache, dass eine  dieser „unzähligen“ Frauen ihn über eine mögliche Ansteckungsgefahr  nicht informiert habe.</p>
<p>Es ist schon merkwürdig, dass eine Frau  vor Gericht steht, weil sie einem Mann, der es nicht wissen wollte, über  ihre Krankheit nichts erzählt hat; während ein Mann, der das Risiko  eingeht, „unzählige“ Frauen zu infizieren, als Kläger auftritt.  Verkehrte Welt.</p>
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		<title>&#8220;Der Spiegel&#8221;: Bullshit über Gene</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Aug 2010 10:50:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Im Sommerloch geraten wir Journalisten leicht in Panik, und so kann es kommen, dass der „Spiegel“ eine Titelgeschichte der Zerstörung eines Mythos widmet, den es gar nicht gibt, nämlich des Mythos, wir würden einzig und allein von unseren Genen kontrolliert. Nie haben verantwortliche Wissenschaftler einen solchen Unsinn behauptet; und so kann Spiegel-Autor Jörg Blech auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommerloch geraten wir Journalisten  leicht in Panik, und so kann es kommen, dass der „Spiegel“ eine  Titelgeschichte der Zerstörung eines Mythos widmet, den es gar nicht  gibt, nämlich des Mythos, wir würden einzig und allein von unseren Genen  kontrolliert.</p>
<p>Nie haben verantwortliche  Wissenschaftler einen solchen Unsinn behauptet; und so kann  Spiegel-Autor Jörg Blech auch kein einziges entsprechendes Zitat eines  Genforschers anführen. Neulich hat – im „Spiegel“-Interview – Craig  Venter wieder einmal entsprechende Fragen der Journalisten  zurückgewiesen.</p>
<p>Eher wurde der Mythos der alles  bestimmenden Gene von Gegnern der Genforschung und Gentechnik  verbreitet, um leichtgläubigen Lesern und Technophoben Angst einzujagen.<span id="more-1823"></span></p>
<p>Wer ein bestimmtes „Krankheitsgen“ besitze, werde bald keine  Versicherung mehr finden; wer es sich leisten könne, werde  „Designerbabys“ genetisch modellieren lassen, so dass künftig die  Reichen immer klüger und schöner, die armen immer fetter und doofer  werden würden. Und so weiter.</p>
<p>Verantwortliche Wissenschaftler (und  Journalisten) haben immer betont, erstens, dass die meisten menschlichen  Eigenschaften Produkte des Zusammenwirkens mehrerer, vielleicht sogar  sehr vieler Gene sind; und zweitens, dass die Auswirkungen einer  gewissen genetischen Prädisposition – ob zur Fettsucht oder zur  Intelligenz – in starkem Maße von der Umwelt abhängen. Alte Weisheiten  wie „man ist, was man isst“, oder „mens sana in corpore sano“ sind nie  in Frage gestellt worden.  Der „Spiegel“ führt wieder einmal einen Kampf  gegen Windmühlen.</p>
<p>Interessant sind Jörg Blechs Kronzeugen.  Der Journalist bezieht sich etwa auf das bereits 1993 – lange vor der  Entzifferung des menschlichen Genoms – erschienene Buch von Ruth Hubbard  und Elijah Wald,  „Exploding the Gene Myth: How genetic information is  produced and manipulated by scientists, physicians, employers, insurance  companies, educators, and law enforcers“ – ein, wie der Titel schon  sagt, typisches Beispiel verschwörungstheoretischer Wissenschaftskritik.  Elijah Wald ist ansonsten nicht als Wissenschaftsjournalist in  Erscheinung getreten. Der erfolglose Blues-Musiker ist wohl am ehesten  bekannt wegen seines Buchs „How the Beatles Destroyed Rock’n’Roll“.  (Immerhin eine interessante These.) Ruth Hubbard, Elijahs Mutter, ist  immerhin eine nicht unbedeutende Biochemikerin gewesen, bevor sie sich  einem kämpferischen und tendenziell antiwissenschaftlichen Feminismus  verschrieb, der genetisch bestimmte Unterschiede zwischen männlichem und  weiblichem Verhalten leugnet. Es sind ja diese Zeugen, die behaupten,  „die Leute“ würden „den Eindruck gewinnen: die Gene kontrollieren  alles.“</p>
<p>Wenn Blechs Artikel überhaupt Neues  enthält, dann betrifft das die Art und Weise, wie Umwelteinflüsse das  Operieren der Gene in den einzelnen Zellen modifizieren. Dass dies der  Fall ist, war längst klar: ansonsten hätte man wohl kaum auf jede  Zigarettenpackung eine Warnung vor den schädlichen Einflüssen des  Rauchens gedruckt, zu denen ja Krebs gehört: Krebszellen sind ja  körpereigene Zellen, deren Gene, um es sehr simpel auszudrücken,  verrückt spielen.</p>
<p>Dass überdies die Umwelt, wie in  mehreren im „Spiegel“ zitierten Studien nachgewiesen, bei der Entfaltung  und noch mehr bei der Unterdrückung angeborener Intelligenz eine  entscheidende Rolle spielt, ist auch klar – verdiente aber, in einem  anderen Zusammenhang hervorgehoben zu werden, nämlich im Rahmen der  immer noch von einer ihre Klassenprivilegien verteidigenden  Bürgerschicht dominierten Debatte um Schule und Erziehung.</p>
<p>Was an Jörg Blechs Geschichte besonders  ärgert, sind Formulierungen, die – bewusst oder unbewusst – so  missverständlich formuliert sind, dass sie als Kritik am Darwinismus  ausgelegt werden könnten. So schreibt Blech, „Biologen“ hätten „lange  kategorisch ausgeschlossen, dass Erfahrungen Spuren in den Erbanlagen  hinterlassen können“. An anderer Stelle: „An immer mehr Beispielen  erkennen Forscher, wie die Umwelt dem Erbgut ihren Stempel aufdrückt.“  Oder: „Körperliche Aktivität, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen  prägen das Erbgut.“</p>
<p>Das könnte man im Sinne des Lamarckismus dahingehend  verstehen, dass etwa Leute, die infolge von Armut und Stress ihre  Intelligenz nicht haben entfalten können, oder die infolge einer  ungesunden Lebensweise ihre Neigung zur Fettsucht nicht unter Kontrolle  bekommen haben, auch ihre „Erbanlagen“ verändern und ein entsprechend  verändertes „Erbgut“ weitergeben, also fette und dumme Kinder bekommen.  Dass also erworbene Eigenschaften vererbt würden.</p>
<p>Für diesen Befund, der  Sozialdarwinisten sehr recht wäre, weil spätestens in der zweiten  Generation soziale Unterschiede Ausdruck genetischer Differenzen wären,  gibt es, so weit ich weiß, eben keine Hinweise. Die Umwelt „prägt“  nicht das Erbgut, sondern bestimmt zu einem Teil die Ausprägung des  Erbguts im Individuum.</p>
<p>Das ist ein großer Unterschied. Wer genetisch  eher schmächtig veranlagt ist, sich aber durch Sport und Bodybuilding zu  einem Bruce Willis mausert, wird das – leider – nicht an seine Söhne  weitergeben. Die müssen von vorn anfangen.</p>
<p>„Spiegel“-Leser wissen mehr, so die  Werbung des Magazins. Das aber nur, wenn sie durch Umwelteinflüsse –  etwa, indem sie sich aus anderen Quellen informieren – der „Prägung“  durch ihre sensationslüsterne Stammlektüre entgegenwirken.</p>
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		<title>Gute Fragen</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/08/05/gute-fragen-und-damliche-antworten/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Aug 2010 13:14:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[gewalttätige Jugendliche]]></category>
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		<description><![CDATA[„Warum sind die türkischen Jugendlichen heute so friedlich?“ fragt ein Schwimmhallengast den Bademeister in Til Mettes neuester Karikatur für den „Stern“. Die Antwort: „Ich habe 5000 Liter Baldrian ins Becken gekippt.“ Man will ja in der Ära Sarrazin kein politisch korrekte Miesepeter sein, also beschließen wir, das ebenso wenig rassistisch zu finden wie die Kritik [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Warum sind die türkischen Jugendlichen  heute so friedlich?“ fragt ein Schwimmhallengast den Bademeister in Til  Mettes neuester Karikatur für den „Stern“. Die Antwort: „Ich habe 5000  Liter Baldrian ins Becken gekippt.“</p>
<p>Man will ja in der Ära Sarrazin kein  politisch korrekte Miesepeter sein, also beschließen wir, das ebenso  wenig rassistisch zu finden wie die Kritik von Mettes weniger begabtem  Kollegen Bernd Zeller auf der &#8220;Achse des Guten&#8221;, Baldrian würde es nicht  tun, „es müsste schon eine Ladung Östrogen sein“. Sexualneid ist schon  etwas Peinliches.<span id="more-1818"></span></p>
<p>Egal. Außerdem sind wir  Vollblut-Germanen selbst Opfer rassistischer Vorurteile. Einer Umfrage  der Verbraucher-Community „ciao“ zufolge sind Deutsche das unbeliebteste  Volk an Europas Stränden, noch vor den Briten. Angeblich würden wir  übermäßig Alkohol konsumieren, herumgrölen, Zigarettenstummel im Sand  liegen lassen, den Müll liegen lassen und Liegestühle mit Handtüchern  besetzen. Müll liegen lassen? Lächerlich! Wir sind doch keine Türken.</p>
<p>Man muss aber nicht Badegast in einer  peinlichen Karikatur sein, um dumme Fragen zu stellen. In der FAZ von  Mittwoch berichtet Frank Schirrmacher auf gefühlten zwanzig Seiten, wie  er den ersten Mann im Mond, Neil Armstrong, für einen obskuren  österreichischen Privatsender interviewte. Und was fragte als erstes der  Mitherausgeber des Blattes, hinter dem immer ein kluger Kopf steckt?  „Mal ehrlich: waren Sie wirklich auf dem Mond?“ Worauf der Astronaut  leider nicht antwortete: „Unter uns, Frank: Nein. Wir haben alles in den  Universal Studios in Hollywood gedreht, und ich ärgere mich noch heute  über die schlechte Bildqualität. Aber das kommt dabei heraus, wenn man  Woody Allen Regie führen lässt.“ Stattdessen sagte Armstrong:  „Definitely.“ Aber erst nach einer langen Pause. Jeder darf sich  ausmalen, was dabei in seinem Kopf vorging. Oder was im Kopf eines  türkischen Jugendlichen vorgeht, der diese Woche den „Stern“ liest.</p>
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		<title>Maulhelden und Hasenfüße</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Aug 2010 23:48:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Am Wochenende haben die holländischen Streitkräfte ihren Abzug – sprich ihre Flucht – aus Afghanistan abgeschlossen. Sollen doch andere den Kopf hinhalten, vornehmlich natürlich die einfachen Afghanen, die Hauptopfer des islamistischen Terrors. Bei dieser holländischen Hasenfüßigkeit fühlt man sich unweigerlich an jene andere holländische Heldentat der Nachkriegszeit erinnert, nämlich die Auslieferung der muslimischen Bevölkerung von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am  Wochenende haben die holländischen Streitkräfte ihren Abzug – sprich ihre Flucht – aus Afghanistan abgeschlossen. Sollen doch andere den Kopf hinhalten, vornehmlich natürlich die einfachen Afghanen, die Hauptopfer des  islamistischen Terrors.</p>
<p>Bei dieser holländischen Hasenfüßigkeit fühlt man sich  unweigerlich an jene andere holländische Heldentat der Nachkriegszeit erinnert, nämlich  die Auslieferung der muslimischen Bevölkerung von Srebrenica an ihre christlichen  Schlächter und Vergewaltiger vor gerade einmal 15 Jahren.<span id="more-1790"></span></p>
<p>Es  trifft sich, dass der Vollzug der Feigheit vor dem Feind in Afghanistan am selben Tag erfolgte wie die Bildung einer neuen Regierung in Den Haag, die von dem  Populisten und Islamophoben Geert Wilders geduldet wird. Wilders, der seine Haare  blond färbt, um seine eigene Abkunft von südasiatischen Einwanderern zu  kaschieren, dafür aber ein Verbot des Korans und der Burka verlangt und eine  Kopftuchsteuer befürwortet, hatte sich im Wahlkampf ebenfalls für den Abzug aus  Afghanistan ausgesprochen.</p>
<p>So sind sie, die Heroen des Kampfs der Kulturen: zuhause Minderheiten kujonieren und ihnen einen  Generalangriff auf unsere Werteordnung unterstellen; dort aber, wo es aber gilt, einem tatsächlichen Angriff auf unsere Zivilisation die Stirn zu bieten, feige  davonlaufen. Leugnen, dass es so etwas wie Islamophobie gibt, aber – wie der  holländische Kommandeur in Srebrenica – am Vorabend eines Völkermords an muslimischen Europäern mit dem Völkermörder Schnaps trinken.</p>
<p>Man schämt sich seiner Miteuropäer, dieser hasenfüßigen Maulhelden.</p>
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		<title>Der letzte Klassenkampf</title>
		<link>http://starke-meinungen.de/blog/2010/07/13/der-letzte-klassenkampf/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Jul 2010 23:41:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Mittelschicht]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Kampf um das Gymnasium ist ein Klassenkampf. Ein Kampf derjenigen, die haben, gegen diejenigen, die nicht haben. Ein typisch deutscher Kampf, nämlich ein Kampf um Besitzstandswahrung. So wie die Gewerkschaften die Arbeitsplatzbesitzer gegen diejenigen verteidigen, die keinen Arbeitsplatz haben, so verteidigt der Philologenverband die unverdienten Privilegien der Gymnasiallehrer, so verteidigen bürgerliche Eltern die unverdienten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Kampf um das Gymnasium ist ein  Klassenkampf. Ein Kampf derjenigen, die haben, gegen diejenigen, die nicht haben. Ein typisch  deutscher Kampf, nämlich ein Kampf um Besitzstandswahrung.</p>
<p>So wie die  Gewerkschaften die Arbeitsplatzbesitzer gegen diejenigen verteidigen, die keinen  Arbeitsplatz haben, so verteidigt der Philologenverband die unverdienten Privilegien der Gymnasiallehrer, so verteidigen bürgerliche Eltern die unverdienten  Privilegien ihrer Kinder. Dass dies mit sozialen Phrasen garniert wird, ändert  nichts am Sachverhalt.<span id="more-1729"></span></p>
<p>Um es vorwegzunehmen: ich habe nichts  dagegen, dass Eltern ihre Kinder auf Gymnasien schicken. Das haben meine Frau und ich auch  getan. Ich habe etwas dagegen, dass die Allgemeinheit für diese privilegierte Ausbildung bezahlt. Wir haben unsere Tochter auf eine Privatschule  geschickt, und obwohl ich damals als freier Schriftsteller keineswegs viel Geld  verdiente, war es uns recht, dass eben Fernreisen und ein neues Auto nicht drin  waren. So wie wir dachten übrigens auch viele Eltern, die keineswegs dem  herkömmlichen Bild des Bürgerlichen entsprachen, und so kam unsere Tochter auf ihrer Privatschule mit Leuten zusammen, denen sie auf ihrer städtischen  Grundschule und dem städtischen Gymnasium im bürgerlichen Bezirk Zehlendorf nie  zusammengekommen wäre. Auch das war uns recht. (Sie kam auch mit einer Reihe von Lehrern  und Lehrerinnen zusammen, die ich von meiner kommunistischen Zeit her  kannte. An den städtischen Schulen hatten sie Berufsverbot bekommen, aber die  Evangelische Kirche als Arbeitgeberin war in dieser Hinsicht nicht so streng, wie  übrigens auch die Katholische. Man musste nur getauft sein und fachlich gut. Als  ich 1977 Berufsverbot hatte, bewarb ich mich am Canisius-Kolleg. Dass ich  Kommunist gewesen war, störte die Fratres nicht. Dass ich Anglikaner war  allerdings dann doch. Das sah ich ein.)</p>
<p>Das Bürgertum jammert, wenn ihre Kinder  länger mit anderen Kindern zusammen lernen sollen: das hindere die lernwilligen Kleinen an  der Leistung! Das Bürgertum jammert, wenn das Gymnasium um ein Jahr verkürzt  wird: das bedeute die Unterwerfung der Kindheit unter das Leistungsprinzip!  Jeder Lehrer kennt aus seiner Sprechstunde diesen Widerspruch: die Eltern  drängen so lange auf Leistung und Strenge, bis sich zeigt, dass gerade ihr Kind  nicht damit zurande kommt. Dann schalten sie sofort um und reden dem  Humboldt’schen Bildungsideal und der Persönlichkeitsentwicklung das Wort. An diesem Widerspruch sieht man, worum es dem Bürgertum geht: möglichst früh ihre  Kinder von den Schmuddelkindern trennen und auf eine Schule bringen, wo sie  ohne allzu große Anstrengung die Berechtigung erhalten, sich weitere sechs Jahre  auf Staatskosten ausbilden zu lassen, damit sie Rechtsanwälte, Ärzte, Professoren und so  weiter werden können – oder eben Landtags- und Bundestagsabgeordnete, die weiterhin dafür sorgen, dass die Allgemeinheit das „gegliederte“ Schulwesen, sprich gute Schulen für die da oben, schlechte Schulen für  die da unten, erhält und bezahlt.</p>
<p>Die Gymnasiallehrerverbände jammern, wenn  sie andere Kinder als die bürgerlichen unterrichten sollen. „Die bringen von zuhause  nichts mit.“ Hat doch ein Gymnasiallehrer dafür, dass er die Problemkinder seinen Kollegen und Kolleginnen in den Gesamt- und Hauptschulen  überlässt, ein kleineres Stundendeputat, dafür aber wiederum eine bessere Bezahlung. Würden die Gymnasiallehrer auch das leisten müssen, was Grundschullehrer, Hauptschullehrer, Gesamtschullehrer leisten, man würde sich ja fragen,  warum sie denn dafür besser bezahlt werden.</p>
<p>Es gebe verschiedene Begabungen, heißt es,  darum müsse es verschiedene Schulen geben. Nur, warum es gerade drei verschiedene  Schultypen geben soll, die der wilhelminischen Schichtung der Gesellschaft in  Arbeiter, Angestellte und Akademiker entspricht, das will einem nicht einleuchten.  Manche Leute lernen halt langsamer, heißt es. Sicher. Warum müssen die dann  auch noch kürzer zur Schule gehen? Manche bringen eben von zuhause nichts mit.  Genau. Dann muss doch die Schule möglichst lange für sie sorgen und sie nicht  möglichst schnell  entsorgen. Für manche ist eine Lehre besser, sagt man. Möglich.  Warum will dann kein Land unser „duales System“ nachahmen? Und warum werden dann die besten Lehrstellen mit Abiturienten besetzt?</p>
<p>Die Einheitsschule sei ein sozialistisches Gleichmacherprogramm, heißt es. Ach ja? In einer bürgerlichen Demokratie  wie den USA gibt es seit jeher eine High School für alle, und da rufen nicht  alle Privilegierten, das sei Sozialismus. Wer partout sein Kind auf eine  andere Schule schicken will, bezahlt dafür extra.</p>
<p>Die Gesellschaft brauche eine Elite, heißt  es. Mag sein. Wer das Gymnasium kennt, weiß, dass dort jedenfalls keine Elite ausgebildet  wird. Im Übrigen kennen wir eine Gesellschaft, wo sich die Elite aus besonderen  Schulen selbst rekrutiert: Frankreich. Ist diese unbewegliche, korrupte und eingebildete Führungsschicht ein Vorbild für Deutschland?</p>
<p>Es ist nicht Aufgabe des demokratischen  Staats, die Privilegien der Elite zu erhalten. Das soll die Elite gefälligst selbst tun. Aufgabe  des Staats ist es, diejenigen zu fördern, die eben nicht zur Elite gehören;  immer wieder dafür zu sorgen, dass das Spielfeld begradigt wird, wie die  Engländer sagen, damit die da unten nicht ständig bergauf laufen müssen, wenn sie  gegen die da oben konkurrieren. Nachweislich gelingt diese Begradigung in  Deutschland am schlechtesten von allen vergleichbaren Industrienationen, Frankreich  sogar eingeschlossen. In dieser Hinsicht ist Deutschland noch kein  demokratischer Staat.</p>
<p>Was wir brauchen, ist eine staatlich  garantierte, erstklassige zwölfjährige Ganztagsschule für alle. Was wir brauchen, ist  die Ausschöpfung aller Bildungsreserven. Was wir brauchen, ist die  Erkenntnis, dass wer hier eingewandert ist, wahrscheinlich was auf dem Kasten hat, wenn  auch nicht das, was die saturierte Mittelschicht hier erwartet. Was wir  brauchen, ist die Bezahlung der Lehrer und Lehrerinnen nach Leistung. Und das  heißt, dass gute Grundschullehrerinnen mehr Geld bekommen und weniger Stunden geben  sollten als unfähige, ja selbst als fähige Studienräte. Was wir brauchen, ist  eine Schule, die durchlässig ist für Schüler und Lehrer, so dass der  Gymnasiallehrer begreift, was in der Grundschule gelehrt wird und die Grundschullehrerin  sich weiterbilden muss, um ältere Kids zu unterrichten. Was wir brauchen, ist  viel mehr Privatschulen mit eigenständigen Profilen, ob die nun dem  herkömmlichen „Gymnasium“ entsprechen oder was auch immer. Was wir vor allem brauchen, ist ein  System von Bildungsgutscheinen, die es Unterschichteltern ermöglicht, die beste  Schule für ihr Kind auszusuchen: staatlich oder privat; handwerklich oder  akademisch orientiert, streng oder reformpädagogisch; religiös oder weltlich. Was wir brauchen,  ist Wettbewerb der Schulen untereinander um die besten Schüler – und  Wettbewerb um die Frage, was die „besten“ Schüler sind.</p>
<p>Was wir nicht brauchen, sind  Landeskultusministerien, die alle paar Jahre „ihren“ Schulen ein neues Korsett verpassen. Gebt den Schulen die Freiheit!</p>
<p>Was wir nicht brauchen, ist die Zementierung  von Verhältnissen, die ihrerseits die Ungerechtigkeit zementieren. Gebt den  Kindern eine Chance!</p>
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		<title>Vom Einnehmen und Ausgeben</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jul 2010 23:11:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alan Posener]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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		<category><![CDATA[Solides Wirtschaften]]></category>
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		<description><![CDATA[Übers Wochenende ging mir ein Satz nicht aus dem Kopf, der in den letzten Wochen und Monaten wie ein Mantra immer wieder aufgesagt wird, ob es um die deutschen Sozialausgaben oder um die Hilfe für Griechenland geht: „Man kann nur ausgeben, was man vorher erwirtschaftet hat“. Dies sei angeblich eine Grundweisheit des deutschen Mittelsstands, von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Übers Wochenende ging mir ein Satz nicht aus  dem Kopf, der in den letzten Wochen und Monaten wie ein Mantra immer wieder aufgesagt  wird, ob es um die deutschen Sozialausgaben oder um die Hilfe für Griechenland  geht: „Man kann nur ausgeben, was man vorher erwirtschaftet hat“.</p>
<p>Dies sei angeblich eine Grundweisheit des deutschen Mittelsstands, von dem  wir alle die Grundsätze soliden Wirtschaftens lernen sollten. Nur die verantwortungslosen Politiker würden das nicht begreifen und dem dummen  Volk dieses Einmaleins der Wirtschaft verschweigen.</p>
<p>Natürlich weiß jeder Mittelständler, dass  diese Politiker- und Publizistenweisheit Blödsinn ist. Das Gegenteil ist wahr: man kann  nichts erwirtschaften, ohne vorher etwas auszugeben. <span id="more-1702"></span>Deshalb gibt es Banken.  Ohne Kredit kein Geschäft. Und das gilt auch für größere private  Anschaffungen: Häuser, Autos, Küchen, Flachbildfernseher. Ohne Konsumentenkredit würden  die Hersteller dieser Gegenstände auf Warenbergen sitzen bleiben.</p>
<p>Die Frage, die sich der Kreditgeber bei  solchen Geschäften macht, ist also nicht: hat der Kreditnehmer das Geld vorher „erwirtschaftet“? Hätte er das getan, bräuchte er den Kredit nicht. Sondern: kann er den Kredit bedienen? Das heißt: stimmt sein  Geschäftsmodell? Oder: hat er seine Einnahmen- und Ausgabensituation halbwegs richtig eingeschätzt?</p>
<p>Natürlich – so läuft die Marktwirtschaft – verschätzen sich manche Leute. 2009 zum Beispiel gab es in Deutschland  32.687 Insolvenzen von Unternehmen, davon etwa 99 Prozent mittelständische. Das entsprach einer Quote von 10,1 Insolvenzen pro 1000 Unternehmen (Zahlen: Institut für Mittelstandsforschung Bonn). Deutschland stand damit in  absoluten Zahlen an zweiter Stelle in Westeuropa – hinter Frankreich und vor Großbritannien.</p>
<p>Was allerdings den prozentualen Anstieg der Insolvenzen  anging, steht Deutschland im Westeuropa-Vergleich gut da. Die Insolvenzrate ist  hierzulande ziemlich gleich geblieben. (Den kleinsten Anstieg der Insolvenzen hatte  in den letzten fünf Jahren übrigens Griechenland zu verzeichnen.)</p>
<p>Zu den Kosten  dieser Insolvenzen habe ich kein aktuelles Zahlenmaterial, aber in einem  Artikel aus dem „manager-magazin“ vom Februar 2003, in dem darauf hingewiesen wurde, dass Deutschland in Sachen Pleiten mit einer damaligen Quote von 10,6 Insolvenzen auf 1000 Unternehmen „Europameister“ sei, wird errechnet, dass die damals etwa 40.000 Firmeninsolvenzen an die 590.000 Arbeitsplätze kosteten. Hinzu kamen an die 22.900 Verbraucherinsolvenzen  und 21.800 „sonstige“ Insolvenzen. Der „Gesamtschaden“ wird auf 38,4 Milliarden Euro geschätzt. Einen nicht unwesentlichen Teil  dieses Schadens –man denke an das Arbeitslosengeld – trägt der Staat, sprich der Steuer- und Abgabenzahler.</p>
<p>Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden.  Ich habe nur etwas dagegen, wenn Demagogen so tun,  als würde der Mittelstand – oder die Privatwirtschaft allgemein – solide wirtschaften, der Staat aber das  Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswerfen. Von BP und Banken habe ich  mit Absicht nicht gesprochen.</p>
<p>Eine Variante der neuen  Sparsamkeits-Rhetorik lautet: „Kein Staat kann auf Dauer mehr ausgeben, als er einnimmt“. Das wisse schließlich jeder Kaufmann. Nun ja, es kommt doch sehr darauf an,  was man unter „auf Dauer“, und was man unter „Staat“ versteht. Gerade Staaten können sehr lange immer neue Kredite aufnehmen, solange  sie sie bedienen können.</p>
<p>In föderalen Staaten wird zudem anerkannt, dass manche Untergliederungen – Bundesstaaten in den USA, Bundesländer in  Deutschland – strukturelle Probleme haben, die „auf Dauer“, sprich auf absehbare Zeit verhindern, dass sie mehr einnehmen als ausgeben. Dann  wird aus Solidarität ein Finanzausgleich geschaffen. Das reiche  Nordrhein-Westfalen hat jahrelang das arme Bayern durchgefüttert.</p>
<p>Apropos Bayern, und dann soll es gut sein:  der ehemalige Israel-Korrespondent der in diesem schönen Bundesland beheimateten „Süddeutschen“, Thorsten Schmitz, zog Ende 2009  unter heftigem Geschimpfe auf seinen bisherigen Wohnort Tel Aviv nach Berlin.</p>
<p>Kaum ein  halbes Jahr in der Hauptstadt genügte ihm, um festzustellen, dass auch hier der  Wurm drin ist. In Tel Aviv litt Schmitz an der ungehemmten freien  Marktwirtschaft, die ihm die Wohnung ins  Unerträgliche verteuerte. In Berlin, Stadt des  immer noch halbwegs billigen Wohnraums dank schwieriger Sozialstruktur (die  Leute können halt nicht mehr zahlen) und jahrzehntelang subventionierten  Wohnungsbaus (mehr ausgegeben als eingenommen), leidet Schmitz am Sozialstaat: „Als  Hauptstadt der Stütze ist man es gewohnt, die Hand aufzuhalten“, so der Journalist kürzlich in einem Beitrag auf der Seite Drei der „SZ: „Berlin, Berlin, wir zahlen nach Berlin“.</p>
<p>Schmitz empört sich auch über die 775  Millionen Euro, die Berlin jährlich für die Kultur ausgibt, und hält den Stütze  und Opernaufführungen verprassenden Hauptstädtern als Vorbild die 11.000-Seelen-Gemeinde Burgkirchen an der Alz in Bayern hin, die nun in  Zeiten klammer Kassen ihre Eissporthalle „Keltenhalle“ schließen muss.</p>
<p>Wir nehmen interessiert zur Kenntnis, dass es in Burgkirchen auf 11.000 Einwohner  eine Eissporthalle gibt. Wollte Berlin eine ähnlich großzügige Versorgung  seiner Einwohner mit Eissporthallen erreichen, müsste es in der Hauptstadt 31  solche Einrichtungen geben. Ich zähle zehn. Viele werden privat bewirtschaftet,  wie künftig wohl auch die Keltenhalle, wie ich der Homepage der Gemeinde Burgkirchen entnehme. Ihr entnehme ich auch, dass die Schuldenlast der  Gemeinde 28,4 Millionen Euro beträgt.</p>
<p>Lächerlich im Vergleich zu den 60  Milliarden, die Berlin, Hauptstadt der aufgehaltenen Hand, angehäuft hat. Bis man das  herunter bricht auf Schulden pro Kopf: in Burgkirchen 25.818,18 Euro, in Berlin 17.493,17 Euro.</p>
<p>Alles nicht so leicht, wie man sieht.</p>
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		<title>Christian Wulff und der Killerinstinkt</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Jul 2010 06:46:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alan Posener</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nichts gegen Christian Wulff. Damit man etwas gegen ihn haben könnte, müsste er irgendwo eine Ecke oder eine Kante haben. Hat er nicht. Das bewies er nun auch bei der Wahl zum Bundespräsidenten, als er lächelnd die Demütigung über sich ergehen ließ, zweimal als Prügel-Sack für diejenigen herzuhalten, die eigentlich die Eselin Angela Merkel meinten. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nichts gegen Christian Wulff. Damit man  etwas gegen ihn haben könnte, müsste er irgendwo eine Ecke oder eine Kante haben. Hat er  nicht. Das bewies er nun auch bei der Wahl zum Bundespräsidenten, als er  lächelnd die Demütigung über sich ergehen ließ, zweimal als Prügel-Sack für  diejenigen herzuhalten, die eigentlich die Eselin Angela Merkel meinten.</p>
<p>Wie oft  hörte oder las man schon vorher die Ansicht, Merkel solle „die Wahl freigeben“, erstens als ob die Wahl, da geheim, nicht frei wäre, und zweitens als hätte sie das Sagen, Wulff aber  keine eigene  Handlungsfreiheit in der Sache.</p>
<p>Man stelle sich vor, der Kandidat Wulff  hätte sich nach dem zweiten Wahlgang erhoben und erklärt: „Ich verzichte darauf, zum dritten Mal anzutreten und empfehle die Wahl Joachim Gaucks“.<span id="more-1687"></span> Merkel wäre bis in die Knochen blamiert worden, Wulff hätte sich nach Niedersachsen  zurückgezogen, von wo er einen Putsch – die späte Rache des Andenpakts – gegen die taumelnde Kanzlerin hätte in Szene setzen können. Aber dazu fehlte ihm  der Mut und – wie er schon öffentlich zu Protokoll gab – der Killerinstinkt. Den haben, ausweislich der in jeder Hinsicht verlogenen Kampagne mit Gauck, Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin nun unter Beweis gestellt, und der Beifall fast der ganzen Journaille gibt ihnen Recht.  Den bewies damals Angela Merkel, als sie ihrem Förderer Helmut Kohl in den  Rücken fiel.</p>
<p>Wie gesagt, nichts gegen Christian Wulff.  Außer, dass ein so netter Mann – Lieblingslektüre „Der kleine Prinz“ – nie in die Politik hätte gehen dürfen. OK, „nett“ ist ein relativer Begriff – er hat seine Frau abserviert und gegen eine jüngere eingetauscht. Aber diese übliche Männersauerei – die Alternative ist die Seehofer-Version der Bigamie – ist noch keine Qualifikation für das  harte Geschäft des Machtkampfs.</p>
<p>Auch nach Wulffs Wahl geht es in den Medien  nicht um ihn, sondern allein um die Frage, wie beschädigt die Kanzlerin ist. Sie ist  mit dem schlimmsten Virus infiziert, das es in der Politik gibt. Dem Virus des Versagens. Wulff freut sich bestimmt darauf, ihr als Bundespräsident die Entlassungsurkunde auszuhändigen. Denn er kann sie auf den Tod nicht  ausstehen. Aber wer folgt ihr nach? In der CDU hat Merkel so gründlich aufgeräumt,  dass weit und breit kein Nachfolger zu sehen ist. Eher bei der CSU. Ich tippe  auf den Freiherrn zu Guttenberg. Killerinstinkt hat der schon gleich bei  seinem Amtsantritt als Verteidigungsminister bewiesen. Und wie wird er es  anstellen? Ich gehe davon aus, dass die CSU die Koalition an der Gesundheitsfrage zerbrechen lässt. Und dann der SPD ein Angebot macht, das sie nicht  ablehnen kann. Das wird auch der FDP insgeheim recht sein. Denn Opposition kann  sie zurzeit offenbar besser als Regierung.</p>
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