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Schüler ohne Meister?- Björn Höckes Dresdner Rede und Götz Kubitschek

 

Götz Kubitschek hat sich jüngst im „Spiegel“-Interview mit Melanie Amann von der Dresdner Rede seines Weggefährten Björn Höcke distanziert. Und zwar nachdem er diese zuvor vehement verteidigt hatte. Über Dissonanzen im neurechten Milieu und die Schwierigkeit, den „schmalen Grat“ zu definieren, auf dem Götz Kubitschek sich so gerne bewegen möchte.

Götz Kubitschek, Verleger, Publizist und Vordenker der Neuen Rechten, hat dem „Spiegel“ ein bemerkenswertes, von Melanie Amann geführtes Interview gegeben, das in der am 4. Februar 2017 erschienenen Ausgabe des Magazins abgedruckt ist.

Inhaltlich geht es um die Dresdner Rede von Björn Höcke, die dieser am 17. Januar gehalten und in der er unter anderem eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ eingefordert hat. Höckes Äußerungen lösten bekanntlich erhebliche Empörung aus und brachten ihm die Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens durch den Bundesvorstand der AfD ein. Inzwischen ist er zurückgerudert. Auf dem Landesparteitag der AfD Thüringen am 18. Februar sprach er von einer „falschen Tonlage“. Er habe „Interpretationsspielräume offengelassen“ und „ein wichtiges Thema leider in einer Bierzeltrede vergeigt“. Zeitgleich erschien ein ebenfalls von Melanie Amann (gemeinsam mit Markus Feldenkirchen) geführtes „Spiegel“-Interview mit ihm, in dem er davon sprach, die Rede sei ein „Fehler“ gewesen. Er habe „das falsche Thema zum falschen Zeitpunkt mit dem falschen Pathos vorgetragen“. Nach einer klaren inhaltlichen Abstandnahme von seinen Dresdner Äußerungen klingt das eher nicht.

Kubitscheks anfängliche Verteidigung von Höckes Rede

Mit diesen Äußerungen liegt Höcke auf der Linie dessen, was sein langjähriger Weggefährte Götz Kubitschek zwei Wochen zuvor in dem erwähnten Interview mit Amann gesagt hatte, welches der „Spiegel“ mit dem folgenden „Teaser“ versehen hatte: „Der Rechtsideologe Götz Kubitschek distanziert sich von der umstrittenen Dresdner Rede des AfD-Politikers Björn Höcke. Er hält sie für einen Fehler“. Das kam überraschend. Immerhin hatte Kubitschek, worauf Amann ihn ansprach, Höckes Rede in einer initialen Stellungnahme mit dem Titel „Björn Höcke und das ‚Denkmal der Schande“ am Tag nach der Rede, also am 18. Januar, ohne jede Einschränkung verteidigt. Höcke, so Kubitschek damals, könne die Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ gleich „dreifach begründen“. Und zwar wie folgt:

Zum einen mit dem Verweis auf die schlichte Tatsache, dass kaum ein Volk in der Weltgeschichte so gründlich bezahlt habe für einen verlorenen Krieg und die darin begangenen Verbrechen wie das deutsche Volk (Zerstörung der Städte, Vertreibung, Gebietsverluste, Millionen Tote noch nach dem Waffenstillstand), und dass kaum eines so hart mit sich selbst ins Gericht gegangen sei.

Zum anderen damit, dass die deutsche Geschichte in der Tat nicht zu reduzieren sei auf jene zwölf Jahre, auf die man es immer wieder stoße, wenn es geschichtspolitisch opportun erscheine.

Drittens mit dem politischen Anspruch, die Geschichtserzählung jenen aus der Hand zu nehmen, die sie verzerren und gegen die Zukunft des eigenen Volkes richten.

Nicht die Spur einer Kritik also. Nirgends.

„Skandalisierung“ der Rede sei „Instrumentalisierung erinnerungs- und geschichtspolitischer Deutungsmacht“

Kubitschek ging sogar noch weiter und griff bereits vorhandene sowie potentielle weitere Kritiker von Höckes Dresdner Thesen an:

Wer Höckes gestrige Rede skandalisiert, instrumentalisiert die noch immer wirkmächtige erinnerungs- und geschichtspolitische Deutungsmacht eines unter Druck geratenen politisch-medialen Komplexes, der seine Politik und sein Wirken gegen unser Volk ausgerichtet hat. Höckes Rede und die Reaktionen darauf werden zeigen, wo diese Deutungsmacht ihre Risse bekommen hat oder bekommen wird.

Dies unter anderem ist die Aufgabe einer Partei, die alternative Politik betreiben will.

Spiegel-Interview: „Oberseminarthema in einer Stimmungsrede“

Irgendetwas muss danach passiert sein. Denn im „Spiegel“-Interview, das zwischen dem 18. Januar und dem 4. Februar stattgefunden haben muss, klang Kubitschek plötzlich wie folgt:

Höcke hat das „Denkmal der Schande“ als das „Denkmal unserer Schande“ begriffen und beschrieben. Das Problem ist: er hat ein Oberseminarthema in einer Stimmungsrede vorgetragen. Das passt nicht zusammen. Auch die Umerziehung nach 1945 ist ein Feld voller Missverständnisse. Ich hätte ihm wohl eine andere Stoßrichtung vorgeschlagen.“

Und fügte, nach eben jener anderen Stoßrichtung gefragt, hinzu:

Man muss die Erinnerung an den Holocaust denen aus der Hand nehmen, die daraus politisches Kapital schlagen das ist das Thema“. (:..) Die Erinnerung an das Verbrechen des Völkermords ist etwas zu Wichtiges, als dass es zur politischen Keule verkommen und selbstgefällig für die eigene moralische Überhöhung in Anspruch genommen werden dürfte“.“

Kubitschek ergänzt, was in Höckes Rede fehlt: Erinnerung an den Holocaust als etwas „Wichtiges“

Bemerkenswert an Kubitscheks Äußerung ist zunächst, dass er die Erinnerung an den Holocaust hier etwas „Wichtiges“ nennt, denn genau das hat Höcke nicht getan, als er die „erinnerungspolitische Wende um 180-Grad“ forderte. Erst am Folgetag brachte der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende diesen Punkt in seiner Stellungnahme auf. Pikanterweise war es die „Junge Freiheit“, die in Kubitscheks Umfeld als „Mutterschiff“ der neurechten Publizistik gilt, sich aber schon seit geraumer Zeit vom Rittergut Schnellroda distanziert, die in Gestalt ihres Redakteurs Michael Paulwitz bereits am 18. Januar deutliche Worte fand:

Wir müssten uns ‚in unserer Selbstvergewisserung der immensen Schuld bewusst‘ sein, sagt Höcke in seiner nachgereichten Erklärung. Erst provozieren, dann zurückrudern und Solidarisierung einfordernd alles zum Missverständnis erklären, das ist mehr als schlechter Stil. Der Satz hätte in seine Rede gehört, aber da hat er nicht so recht reingepasst. Denn da forderte Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.

Den Umstand, dass Höckes Rede diese Auslassung enthielt, versucht Kubitschek gegenüber dem „Spiegel“ wettzumachen, indem er davon berichtet, dass Höcke vor Jahren ihm gegenüber im Zusammenhang von Auschwitz und Dresden von einer „heilsamen Ergänzung“ der Erinnerung gesprochen habe. Tatsächlich wird jedoch so eher noch deutlicher, dass Höcke davon in Dresden nun einmal nicht gesprochen hat.

Kubitscheks Begriffskritik: „letzte evolutionäre Chance“ und „vollständiger Sieg“

Neben der „Stoßrichtung“ moniert Kubitschek im „Spiegel“-Interview auch den Ton bestimmter Passagen in Höckes Dresdner Vortrag:

In der Rede steckt ein dissonantes Pathos, ein Hang zur Übertreibung nüchterner Bestandsaufnahmen ins Schicksalhafte. Man muss nicht vom vollständigen Sieg der AfD sprechen, wenn man Regierungsverantwortung meint, und die AfD ist auch nicht die „letzte evolutionäre Chance“ für Deutschland, sondern schlicht eine parteipolitische Notwendigkeit.“

Das hört sich zunächst einmal gut an. Und passt auch zu einem „Rechtsintellektuellen“, als den Kubitschek sich selbst sieht. Gleichwohl reibt sich der Leser die Augen. Denn Höcke redet schon länger und immer wieder von der AfD als „letzter evolutionärer Chance“ für Deutschland, etwa hier und hier. Warum hat Kubitschek ihn nicht schon früher davon abgebracht? Hat er es wenigstens versucht? Immerhin antwortet er auf Amanns Frage, ob er Höckes Politikberater sei, man sei „seit bald 15 Jahren“ befreundet. Das Gespräch „über die richtige Politik für Deutschland“ sei gar „der rote Faden“ der Freundschaft. Interessanterweise hält Kubitschek sich allerdings eine Hintertür offen und befreit sich von der Verantwortung für Höckes Äußerungen:

Auch als AfD-Politiker liest Höcke, was ich schreibe, kommentiert, was ihn interessiert, greift auf, was er für vermittelbar hält. Auf mehr sollte ein unabhängiger Publizist und Verleger auch nicht drängen.“

Überhaupt ist Kubitschek darum bemüht, seinen Einfluss auf die AfD herunterzuspielen. Nach der Einmischung in Partei-Angelegenheiten gefragt, heißt es:

Ich bin kein Mitglied, war noch nie auf einem Parteitag, habe keinen Beraterposten und empfange kein Honorar.

Das stimmt zwar, allerdings wollte Götz Kubitschek ebenso wie seine Ehefrau, die Publizistin Ellen Kositza, sehr wohl AfD-Mitglied werden, scheiterte damit jedoch Anfang 2015 am Veto des damaligen Bundesvorstands rund um Bernd Lucke. Und vor einem Jahr hörte er sich, was seinen Einfluss auf die Partei angeht, durchaus deutlicher an. Wörtlich sagte er in der Sendung „ZDF Aspekte“:

Die AfD hat zum Teil Inhalte, Begriffe, Elemente, die wir vorgedacht haben, umgesetzt, setzt sie immer weiter um. Da gibt es eine eindeutige Nähe, auch eine Befruchtung von unserer Seite Richtung AfD.“

Sei’s drum. Die eigentlich spannende Frage ist, warum Kubitscheks kritische Äußerungen so spät kamen, nachdem er die Rede zunächst ohne jeden Einwand verteidigt hatte.

Warum diese späte Kehrtwende?

Hatte der Verleger die in den Tagen nach Höckes Auftritt einsetzende massive Empörung unterschätzt? Spielte der Umstand, dass bereits am 20. Januar im AfD-Bundesvorstand die Frage nach der Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens diskutiert wurde, eine Rolle? Geht es um Schadensbegrenzung, auch für das eigene Image? Immerhin erfreute sich das Umfeld des Publizisten jüngst an einem Portrait, das der „Spiegel“-Kulturredakteur Tobias Rapp publizierte hatte und in dem der Hausherr auf Schnellroda recht gemäßigt herüberkam.

Am Rande sei bemerkt, dass Kubitschek auch an anderer Stelle zu einer gewissen Sprunghaftigkeit neigte. So berichtete der Politikwissenschaftler Claus Leggewie kürzlich in der „Welt“ wie folgt von einem Mailaustausch, den er mit Kubitschek geführt hat:

Unvermittelt brach er dann den von mir provokant, aber respektvoll geführten Dialog ab und erklärte ihn für Zeitverschwendung.

Keine Erläuterung, aber ein paar Wochen später eine erratische Mail, er sei so niedergeschlagen und wir hätten jetzt irgendwo zu diskutieren, mit Nassehi und dem AfD-Intellektuellen Marc Jongen. Auf die dann wieder Funkstille folgte.“

Generell hat man den Eindruck, dass das Schnellrodaer Milieu seit geraumer Zeit zwar weiterhin weitreichende Thesen aufstellt, andererseits aber um Anschlussfähigkeit an die bürgerliche Mitte bemüht ist. Das stellt diese Kreise vor die Schwierigkeit, jenen „schmalen Grat“ zu definieren, von dem Kubitschek gerne spricht, und der auch eine Abgrenzung nach ganz Rechtsaußen erfordert. So postuliert Kubitschek einen „wachsamen Abstand vom Radikalen“, so fordert Martin Sellner, bekanntester Kopf der „Identitären Bewegung“, die in Deutschland nicht nur von mehreren Landesverfassungsschutzämtern, sondern auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird, auf „sezession.de“ eine klare Abgrenzung der Neuen Rechten von der „Alten Rechten“ bzw. einem „extremistischen Narrensaum“:

Jene, die für den Erhalt der Identität eintreten, damit die Identitätsfrage stellen und die Grenzen der Assimilations- und Integrationsfähigkeit erst thematisieren können, müssen sich klar und radikal von jenen trennen, welche die Identitätsfrage mit einer Renaissance der dritten politischen Theorie, mit Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus verbinden.“

Nun ist Höcke weder ein Altrechter noch ist seine Dresdner Rede als antisemitisch einzustufen, jedoch hat das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz diese, wie am 9. Februar 2017 bekannt wurde, als „revisionistisch und teilweise rassistisch“ qualifiziert. Höckes Vordringen in bürgerliche Wählerschichten dürfte diese Einordnung nicht zuträglich sein, auch wenn Amtschef Stephan Kramer betont, die Rede sei „nicht so extremistisch gewesen, dass das Amt tätig werden müsste.“ Diese Einordnung kann, da sie erst nach „Spiegel“-Interview öffentlich wurde, für Kubitscheks dortige Stellungnahme zwar keine Rolle gespielt haben, jedoch liegt sie auf der Linie diverser kritischer Äußerungen, die kurz nach der Rede von Medien und Politikern abgegeben wurden.

Verrat am Freund oder Schutz für Höcke?

Bedenkt man, wie wichtig Werte wie Treue und Loyalität in neurechten Milieus sind, so könnte Kubitscheks Interview auf den ersten Blick wie ein Verrat an seinem Freund Björn Höcke wirken. Aber das täuscht. Wären beide nicht in etwa gleich alt, ließe sich besser von einer fürsorglichen väterlichen Ermahnung sprechen. Denn Kubitschek stellt Höcke als jemanden dar, der schlichtweg ein bisschen überfordert war. Wörtlich liest sich das wie folgt:

Dieser Ton lässt sich mit dem ungeheuren Druck erklären, unter dem Höcke steht. Als Politiker und Person entlarvt er das Establishment bis zur Kenntlichkeit. Nun lässt man ihn die Konsequenzen spüren. Dennoch darf dies nicht dazu führen, dass er den Ton nach oben dreht.“

„Es kommt schlicht darauf an, Fehler zu vermeiden und kein Baumaterial zu liefern. Höcke hat einen Fehler gemacht, und er hat die Wucht der öffentlichen und parteiinternen Schläge nicht vorhergesehen, die ihn und die AfD nun hart treffen. Jedoch: Wäre diese Partei ohne ihn noch eine Alternative?

Dieser Schutzreflex liegt auf der Linie dessen, was auch Höckes wohl gesonnene Parteifreunde Alexander Gauland und Jörg Meuthen über ihn sagen. Und natürlich darf, wie es sich für einen Neurechten gehört, die Opferinszenierung nicht fehlen.

„Provokation“ – Wie hält Götz Kubitschek es mit der eigenen Sprache?

Botschaft und Bild sind klar: Der besonnene Kubitschek ruft den zu hohem Pathos neigenden Höcke zur Raison. Doch ist das im Lichte dessen, was Kubitschek an anderer Stelle selbst vertritt, stimmig? Soweit er bei Höcke einen „Hang zur Übertreibung nüchterner Bestandsaufnahmen ins Schicksalhafte“ beklagt, sollte er sich vielleicht an die eigene Nase fassen. Im letzten Jahr jedenfalls veröffentlichte er unter dem Titel „Die Spurbreite des schmales Grats“ eine Auswahl seiner Essays. Älterer und neuerer. Darunter findet sich auch ein Text namens „Provokation“, in dem u.a. Folgendes zu lesen ist:

Wünschen wir uns die Krise! Sie beseitigt die ganz unverhältnismäßig gewachsene Scheu vor Störung und bringt frische und mächtige Individuen hervor. Dann ist kein Halten mehr, dann pflanzen sich die aufrührerischen Ideen wie ein Funkenflug fort, finden sich überall Mutige, die den Angriff auf eben jene noch uneinnehmbaren Bastionen wagen, bricht sich der Enthusiasmus des Anfangs Bahn und wird die Beseitigung des gerade noch allgemein Anerkannten ohne Zögern ins Werk gesetzt“.

Die Hoffnung auf eine „Beseitigung des gerade noch allgemein Anerkannten“ klingt nicht gerade wie das Gegenteil einer „Übertreibung nüchterner Bestandsaufnahme ins Schicksalshafte“, sondern selbst wie der Traum von einer „180-Grad-Wende“, auch wenn es hier nicht konkret um die deutsche Erinnerungspolitik geht. Eine Beseitigungsphantasie enthält die „Provokation“ überdies auch an anderer Stelle:

Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.

Zugegeben, „Provokation“ wurde von Kubitschek im Jahre 2007 publiziert, also vor zehn Jahren. Vielleicht, so könnte man überlegen, würde der Kubitschek von heute den jungen Kubitschek für Äußerungen wie diese ebenso mäßigend an die Hand nehmen wie er das heutzutage gegenüber dem „Spiegel“ mit Höcke macht, dessen Dresdner Rede wie eine 1:1-Umsetzung von seinem damaligem Postulat wirkt:

 „Wir müssen von denen, deren Charakter es hergibt, solche Auftritte fordern: eine Provokation, die von der Selbstsicherheit und der Entschlossenheit eines jungen Konservativen, eines jungen Rechten lebt und mit wundervoller Aggressivität vorgetragen wird; eine Provokation, die angemessen ist und der man eine Gespür für das rechte Maß anmerkt“.“

Wie gerne möchte man glauben, dass Kubitschek das heute so nicht mehr sagen würde und dass er sich im Laufe der Jahre gemäßigt hat. Leider spricht jedoch wenig dafür. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ausgerechnet der Mann, der im „Spiegel“ Höckes Formulierung vom „vollständigen“ Sieg angreift und stattdessen den Begriff „Regierungsverantwortung“ präferiert, vor weniger als einem Jahr, nämlich in einem am 9. Juni 2016 veröffentlichtem Beitrag namens „Schlingen im Widerstandsmilieu“, selbst vom „Sieg“ spricht, ohne Verwendung des Wortes „vollständig“ zwar, aber immerhin doch wie folgt:

„Wer für Deutschland ist, muss siegen wollen! Die Politiker, die Meinungsmacher, die Köpfe der antideutschen Ideologie müssen selbst ausgetauscht und aus ihren Ämtern gebracht werden. Das ist die Bedeutung der Reconquista und der Revolte gegen den Großen Austausch.“

Und auch sonst gibt es aktuelle Äußerungen des Mannes, der sich schon länger im „geistigen Bürgerkrieg“ wähnt, die alles andere als frei von einem „Hang zur Übertreibung nüchterner Bestandsaufnahmen ins Schicksalhafte“ sind. Hiervon zeugen etwa diese Beispiele:

Ich für meinen Teil gehe davon aus, dass wir in einem kranken Staatsgebilde und Volkskörper leben: amerikanisiert, also umerzogen bis zur Selbstverleugnung.“ (aus: „Die AfD, die realpolitische Flexibilität und wir“, 5. September 2014).

Kurz: Er muss gewagt werden, dieser Gang. Die Signalhörner melden, wo Sprengungen erfolgen sollen. Daran vorbei muss sich die Truppe schlängeln. Und sie hätte die Unterstützung auch und gerade jener verdient, denen Pegida zu verbrannt, COMPACT zu laut, Sezession zu unversöhnlich, die Deutsche Burschenschaft zu völkisch und die mitteldeutsche AfD zu plebejisch ist.“ (aus: „Schlingen im Widerstandsmilieu“, 9. Juni 2016)

„Ich bin der politischen Führung unseres Landes im Grunde dankbar dafür sein, dass sie nun so rücksichtslos und offen die Auflösung unserer Rechtsordnung und die Überfremdung auch der jüngeren Bundesländer betreibt. Dieser Vorgang lief im Westen jahrzehntelang wie ein schleichendes Fieber ab, und nun endlich tritt diese elende Mischung aus innerer Schwäche und äußerer Bedrohung offen zutage. Es ist gut, dass es jetzt kracht! Lieber als dieses schleichende Fieber ist uns die offene Fleischwunde: Nur so fährt diesem Land der Schreck in die Knochen.“ (Pegida-Rede, 5. Oktober 2016)

Möglicherweise hat Björn Höcke einfach zu viel davon gelesen. Sowohl vom jungen als auch vom heutigen Kubitschek. Und unter Umständen sollte man durchaus ernst nehmen, was Karlheinz Weißmann, langjähriger, inzwischen aber auf Distanz gegangener Wegbegleiter Kubitscheks, bereits Ende 2015 in der „Jungen Freiheit“ schrieb:

Das, was Höcke macht und was Einflüsterer wie Kubitschek offenbar noch verstärken, hat eine destruktive Tendenz, die Chancen zerstört.“

Wer weiß? Vielleicht haben beiden inzwischen seit der Dresdner Rede ja doch dazugelernt. Vielleicht aber bleibt die Bestimmung des „schmalen Grads“, auf dem Kubitschek sich bewegen möchte, auch weiterhin ein Problem. In dem im letzten Jahr erschienenen Band „Tristresse Droite – Die Abende von Schnellroda“, der Ende 2013 geführte Gesprächsrunden zwischen Kubitschek und seinen Weggefährten wiedergibt, ist zu lesen, wie sehr die Frage der eigenen Haltung das Milieu auch im Hinblick auf die AfD bewegt. Kubitschek sagte damals dazu Folgendes:

Wir führen deshalb die interne Diskussion zu Recht, wie man sich positioniert, wie man sich in der Wirklichkeitsbeschreibung äußert, ob das zurückhaltend-anknüpfend, oder ob das radikal entlarvend geschehen muss.“

Nun, das kann man gewiss überlegen. Irgendwann sollte man sich dann aber einmal entscheiden, wohin die Reise geht, anstatt sich wie Kubitschek derart zu verheddern.

11 thoughts on “Schüler ohne Meister?- Björn Höckes Dresdner Rede und Götz Kubitschek

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    Den Ausschwitz-Prozess 1964 hatte Walser im Kursbuch noch als bedeutsam hervorgehoben, aber danach wollte er seine Ruhe: das konsequente Muster einer sich abzeichnenden Polarisierung: Erinnerungdkultur gegen Schlußstrich Mentalität und eine Selbtbemitleidung als „Opfer der Medien“, wie erbärmlich!

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    Mit meinem Opa habe ich einen Partisanenfilm geschaut, in dem eine Stadt die verwundeten Partisanen nicht ausliefern wollte. Der Oberkommandierende Comic-Nazi befahl die Erschießung der Bewohner, der ausführende deutsche Offizier protestierte, wehrte sich, aber umsonst, alle wurden an die Wand gestellt. Moral von der Geschichte: Das ist der Unterschied zwischen Mensch und Faschist. Historisch alles Unfug, aber darum ging es im kommunistischem Vorabendprogramm ja nicht wirklich. Sprung: Als in Griechenland die EU die Geldautomaten hat leer laufen lassen und die Bevölkerung in einem korrupten Land (fakelaki) ohne Bargeld dazustehen drohte (für Rentner und Kranke unter Umständen durchaus ein Todesurteil), musste ich an diesen Film denken und war ziemlich aufgebracht, moralisch erschüttert und als Mensch angewidert. Ein biodeutscher Freund fragte mich, ob ich sie noch alle hätte, das Euro-Drama mit der Erschießung von Zivilisten zu vergleichen. Und an der Stelle würde ich auch die Kritik an der Erinnerungskultur gelten lassen. Der Machtkampf zwischen griechischer Regierung und EZB hat nicht im Geringsten etwas mit Faschismus zu tun und diese Dinge sollte man auch nicht mischen (auch wenn ich die EZB Entscheidung nach wie vor für einen Fehler halte). „Nie wieder Auschwitz“ und „Auschwitz als Gründungsmythos“ ist nah an Guido Knopp und verschleiert in der Regel heutige Interessen (ja, gerade die Deutschlands) und steht einer sachlichen Auseinandersetzung auch im Weg. Eine solche Blüte ist auch die Israelkritik, das Gedenken als Trojaner für Antisemitismus, wenn man will endet alles irgendwie in Auschwitz, was wieder Auschwitz zu einer Popkulturen- Chiffre macht, wie das Bild von Che, bei dem sich jeder bedienen kann. Eben Hühnerholocaust, oder, in meinem Fall, Massenerschießungen mit paar Tagen ohne Bargeld vergleichen. Die Israelkritik als ultimative Perversion des Gedenkens.
    Was hat das alles mit der Rechten zu tun? Nichts. Es gibt keine neue und alte Rechte. Höcke und auch Kubitschek geht es um die Revision der Geschichte und zwar nicht der ganzen deutschen Geschichte, sondern nur der 12 Jahre, auf die die deutsche Geschichte nicht reduziert werden soll und doch von ihnen reduziert wird. Man könnte das Konterfei von Lützows benutzen, tut es aber nicht. Freud lässt grüßen. Der schmale Grat ist genau genommen ein schmales Trittbrett der Gemeinsamkeiten mit einem genervtem Bürgertum, das Politik nicht mit Auschwitz begründen will (so hatte ich Walser verstanden), dem es aber nie einfallen würde, eine Debatte über die Existenz von Gaskammern oder Opferzahlen zu führen.
    Ich will Walser nicht verteidigen (weil ich ihn nicht gut genug kenne), aber ich möchte daran erinnern, dass, als er die Rede hielt, der Krieg gegen Jugoslawien in Vorbereitung war und die Argumentationsketten absurde Blüten trieben, bis eben zu „nie wieder Auschwitz“ und KZs in Pristina führten, die alle nicht darauf abzielten, den Krieg wirklich zu begründen (und es gab gute und sehr richtige Gründe), sondern die eben darauf zielten, diese Debatte nicht zu führen. Weil eben Auschwitz. Davon lebt der Anti-Amerikanismus (gerade in Deutschland) bis heute, weil es lügen ja alle irgendwie, weswegen Äquidistanz angebracht ist. Könnte es nicht sein, dass nicht Walser dieses Amalgam aus Bürgertum und Rechten befeuert hat, sondern Argumentationen, wie der Verweis auf Appeasement mit Hitler, als es um den Irak-Krieg ging? Und ist man nicht genau dann auf Kubitscheks Linie, wenn man Walser (wirklich nur als Chifre für genervte Bürger, wie gesagt ich kenne ihn nicht) und Höcke in eine Reihe stellt und damit den schmalen Grat, von dem Höcke gerutscht ist, verbreitert?

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      Ungern unterbreche ich mein Meinungsfasten, hier jedoch will ich nicht versäumen, Ihrer Argumentation voll und ganz zuzustimmen, lieber Stevanovic
      „… aber ich möchte daran erinnern, dass, als er die Rede hielt, der Krieg gegen Jugoslawien in Vorbereitung war und die Argumentationsketten absurde Blüten trieben, bis eben zu „nie wieder Auschwitz“ und KZs in Pristina führten, die alle nicht darauf abzielten, den Krieg wirklich zu begründen (und es gab gute und sehr richtige Gründe), sondern die eben darauf zielten, diese Debatte nicht zu führen. Weil eben Auschwitz.“
      Ich möchte postulieren, dass keine einzige Diskussion um politische und gesellschaftliche Fragen, denen wir heute konfrontiert sind, um einen Deut besser wird, indem „Nazis“ und „Auschwitz“ ins Spiel gebracht werden. Insofern wären sowohl die Höckes als auch die Bednarze und Amadeusse bestens beraten, wenn sie eine Nazi- und Auschwitz-Fastenzeit einlegen würden.
      Insbondere für Frau Bednarz könnte die Betrachtung von Martin Sellner, Wir die Köterrasse, auf der Sezession (http://sezession.de/57017/) von Interesse sein; dort scheint mir dieses Thema sehr differenziert ausgeführt und zur Diskussion gestellt.

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      Leider darf ich nicht erwarten, dass mein Vorschlag zur Güte angenommen wird.

      „Was würde ich tun, wenn ich Spindoctor bei der CDU, den Grünen oder der SPD wäre, um die AfD zu schwächen? Nun, ich würde die besten, trendigsten und anständigsten Journalisten versammeln und sie bitten: Haltet Björn Höcke ein Mikrophon hin! Haltet ihm drei, fünf, haltet ihm hundert Mikrophone hin! Fragt ihn nach den Zwölf Jahren! Immer wieder nach den Zwölf Jahren! Schreibt den Höcke-Flügel stark! Erklärt ihn zum am schnellsten wachsenden, einflussreichsten Teil der Partei! Und adelt Götz Kubitschek zum heimlichen Generalhauptobervordenker der Partei! Und vergesst nicht, Höcke ein Mikrophon hinzuhalten! “ (Michael Klonovsky)

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    Auf dass wir nicht vergessen, wo das herkommt, hier ein Auszug aus meinem E-Book „Die empörte Republik“:
    „Fünfundzwanzig Minuten Schönes (…), dann bist du erledigt.“ So leitete Martin Walser am 11. Oktober 1998 seine Paulskirchenrede ein. Die Medien, so Walser, würden ihm eine schöne Rede nie verzeihen. Also gab er den Medien mit einem gezielten Tabubruch Zucker, indem er „vor Kühnheit zitternd“ gegen die „Dauerpräsentation unserer Schande“ zu Felde zog. Gemeint war die angebliche Allgegenwart des deutschen Massenmords an den Juden in den Medien. Gemeint war auch „die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum“, dem Holocaustmahnmal nämlich. An anderer Stelle sprach Walser im Zusammenhang mit dem, was früher Vergangenheitsbewältigung hieß, von „Drohroutine“ und „Moralkeule“.
    Nun kann man tatsächlich die Guidoknoppisierung der Nazi-Ära in den Massenmedien dégoutant finden und sich fragen, ob sie wirklich der Aufklärung dient oder nicht vielmehr die Dauerfaszination mit dem Nationalsozialismus bedient. Was aber Walser nicht tat. Er hätte auch die Gelegenheit ergreifen können, den Ruf eines Mannes zu retten, der genau zehn Jahre zuvor als Bundestagspräsident versucht hatte, die von Walser beklagte „Pflichtroutine“ des Gedenkens zu durchbrechen und dafür zum Rücktritt gezwungen worden war: Philipp Jenninger. Was Walser nicht tat. Ihm ging es gar nicht um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Ziel seiner Invektive waren vielmehr anonyme „Meinungssoldaten“ die unter Hinweis auf die historische Verantwortung der Deutschen mit „vorgehaltener Moralpistole“ den Schriftsteller „in den Meinungsdienst nötigen“ wollten, etwa zum Protest gegen brennende Asylbewohnerheime.
    Das von Walser gewählte Bild sollte man genau betrachten. Es ist die Szenerie eines KZ oder Arbeitslagers, wo Menschen mit Gewalt zur Fron getrieben werden. Und die „Moralpistole“ jener KZ-Wächter ist die deutsche „Schande“. Wer sich dem „Meinungsdienst“ widersetzt, wird Opfer. Damit hat Walser das Muster vorgegeben, dessen sich seitdem eine ganze Unterbranche der Publizistik bedient, nämlich die berufsmäßigen Tabubrecher und Provokateure, die gern gegen das angebliche Meinungskartell der „Gutmenschen“ (a.k.a. „Lügenpresse“) austeilen, aber bei der geringsten Kritik an ihren Positionen sich als Opfer hinstellen: „Darf man denn nicht mehr sagen, dass …?“
    Das, was diese Möchtegern-Märtyrer der Meinungsfreiheit sagen wollen, richtet sich normalerweise gegen eine recht überschaubare Gruppe angeblicher Tabus. Es geht, vordergründig zumindest, um das Recht, Juden und Muslime, Schwule und Frauen doof zu finden. Es geht in der Tat um Tabus der Moderne; um das, was nicht verboten, aber unter zivilisierten Menschen mit gutem Grund verpönt ist.

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      Absolut richtig, lieber Alan. Nicht umsonst haben sich sowohl Höcke in seiner Stellungnahme als auch Kubitschek in seinem ersten Text auf Walser berufen.

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    Das Kalkülhafte beschreibe ich ja. Kubitscheks Äußerungen zu Höckes Rede passen nicht zu seinen eigenen, zitierten Schriften.

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      Ich denke, ‚Kalküle‘ müssen nicht weiter ergründet werden, wenn man die Haltung der Potagonisten dieser Diskussion an ihrer Haltung zum Staat Israel hinterfragt. Hinterfragt, ob es taktische Haltungen sind (Israel, Juden als Feigenblatt) oder ehrlich gemeinte. Wo steht da Götz Kubitschek?

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    Verheddert? Wohl kaum. Das Ganze entspricht dem Kalkül des Auslotens völkisch-nationalistischer Resonanzböden in der breiten Gesellschaft. Höckes Rede ging für die nationalistische Rechte nach hinten los. Allein dies führte zum Zickzack-Kurs zurück ins Ungefähre. Man sollte dem nicht auf den Leim gehen.

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      Sehr geehrter Herr Restle,

      das ist eine Frage der Koordinaten. In diesem ultralinken, da anarchodiktatorischen (Samuel L. Francis) Staat irgend etwas „Rechtes“, also Vernünftiges, Gutes und nicht absolut Perverses zu orten, kann nur noch mit einer schweren Wahrnehmungsstörung erklärt werden.

      Aber was sage ich?
      Das Magazin „Monitor“ läßt ja sogar den „Schwarzen Kanal“ mit K.-E. von Schnitzler (unseligen Andenkens) wie eine CSU-Wahlsendung dastehen.

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