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150 Jahre „Das Kapital I.“ – 199 Jahre Karl Marx (2)

Wir sprechen zunächst einmal vom Modell des Modells bei Marx im Kapital oder die Kapitallogik, wie das in einer hegelschen Ausdrucksweise formuliert wurde und entwickeln dann erst einmal den Begriff der Ware bis zum Geld. Was wegabstrahiert wird in der Darstellung wird aber schon mal erwähnt, weil das die Voraussetzungen sind, die Marx in drei Bänden nach und nach einholt, um die möglichen Einsprüche, die kämen, wenn man das nicht versteht, zu verhindern.

Seit den 60er und 70er Jahren war oft von Logik des Kapitals die Rede, wir möchten natürlich wissen, wie so eine Logik oder ein Modell zur Empirie sich verhält. Das geht natürlich nicht unmittelbar. Jeder hat mal im Physikunterricht das Fall-Experiment sehen dürften, in dem eine Bleikugel und eine Feder mit der selben Geschwindigkeit auf den Boden fallen, weil in einer Vakuumhaube die Störfaktoren, die in der Empirie vorliegen, wegisoliert wurden. Das Vakkuum ist auch eine Annäherung, weil es nicht vollständig erreicht werden kann. Da muß man schon auf den Mond fliegen. Hier deutet sich auch schon an, daß so etwas wie Gesetze nur tendenziell sich durchsetzen. Insbesondere in der freien Natur, werden die Gesetze zwar gelten, aber dann doch nur tendenziell, hinter Rahmenbedingungen und Störfaktoren verborgen. Einige davon z.B. die Luftreibung läßt sich auch gesetzmäßig erklären.

Ein Gesetz hat in der simpelsten Variante die Form „Wenn p, dann q.“ Wenn ein Dachziegel vom Dach fällt, erschlägt er den Fußgänger, der da zufällig vorbeikommt. So sehen Naturgesetze zwar nicht aus, aber es kann das Problem bebildern. (In der Naturwissenschaft finden wir ja eher mathematische Formeln. In einem Gleichungssystem zeigt sich auch die Identität von Identität und Nichtidentität, das Gleichheitszeichen besagt, daß wenn eine Größe auf der einen Seite sich verändert, auf der anderen sich die entsprechende Veränderung zwingend ergibt, wenn keine Störungen dies hemmen.) Die Gesetzesformulierung drückt zwar eine Notwendigkeit aus, „wenn…. dann“, sie bezieht sich aber nicht unmittelbar auf die Wirklichkeit. Ein Gesetz drückt eine Möglichkeit / Unmöglichkeit aus, drückt also aus, was geschehen kann bzw. unmöglich geschehen kann. Der Positivismus neigt zum überdeterminierten Wirklichkeitsbegriff, ebenso wie eine Widerspiegelungstheorie. Bei so einem Verständnis von Wirklichkeit soll diese unmittelbar mit Notwendigkeit bestimmt sein. Das was man dialektische Auffassung nennt, erkennt, daß die Möglichkeit mit Notwendigkeit bestimmt ist. Es gibt keine Gesetz, nach dem dieser oder jener Apfel vom Baum fällt. Daß diese vom Baum fallen und nicht nach oben fliegen können, hat Notwendigkeitscharakter. Manchmal gibt es auch entgegenwirkenden Ursachen, so daß ein Apfel, den ich in der Hand halte, nicht runterfällt, obwohl dieser das im Prinzip könnte.

Es ist zwischen Rahmenbedingungen und Randbedingungen zu unterscheiden, wobei das p in der Formulierung so eine Randbedingung darstellt, die aus dem Gesetz selbst nicht folgt.Nur daß q folgt, wenn p geschieht, wenn nicht Störfaktoren oder Rahmenbedingungen vorliegen, ist zwingend.

In einem System von Gesetzen und Zusammenhängen kann es aber sein, daß solche Randbedingungen selber eine Folge sind, so in einem selbstorganisatorischen System. Marx beschreibt so ein System, das zwar historisch zufällig entstanden ist, aber dann die zufälligen Bedingungen dann selbst setzt. Dann reproduzieren sich daher gesetzmäßige Zusammenhänge und die Randbedingungen. Im Band 1 des Kapitals befindet sich ein Kapitel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Diese war eine historisch zufällige Voraussetzung, die die Entwicklung des Kapitals einleitete, nämlich die Trennung der unmittelbaren Produzenten von ihren Produktionsmitteln. Existiert das Kapital erst einmal, dann wird diese Trennung reproduziert, so daß diese Trennung reproduziert wird. Historisch nannte sich das z.B. Bauernlegen, der Wirtschaftshistoriker Polany bringt einige andere empirische Sachverhalte, z.B.Rechts- Gesetze, die geändert wurden, damit die Arbeiter sich nicht ohne irgendwo lohnabhängig tätig zu sein, ernähren können, Die  Speenhamland-Gesetzgebung war so ein Sozialgesetz, mit dem die Armut der Landbevölkerung kompensiert wurde. Natürlich gab es dann Leute, die sagten, daß wenn der Überlebensdruck nicht da ist, würden die Landarbeiter nicht arbeiten wollen, also muß das Gesetz weg. „Wer nicht arbeitet soll nicht essen.“ So geschah es dann auch und damit hatten wir eine Bedingung für Kapitalismus: freie Lohnarbeiter bzw. dessen Potential. Marx wird zeigen, daß, wenn die Arbeiter arbeiten, das Produkt nicht ihnen gehört, sondern sie nur das erhalten, was nötig ist, um ihre Arbeitskraft zu reproduzieren.

Die Arbeit als Substanz des Werts nicht nur, sondern allgemein die gesellschaftliche Arbeit, ist bei Marx ein wichtiger Begriff. Dennoch wird nicht behauptet, sie sei die einzige Quelle des Reichtums, was die „Arbeitsmetaphysik“ ist, die bei Hegel und der der alten Politischen Ökonomie, vorliegt.

Marxens Werttheorie ist aus der Kritik der von Smith und Ricardo hervorgegangen, wobei letzteren zwar für anvancierter hält, aber auf Smith doch angewiesen ist, weil dort die Widersprüche der älteren Theorie auf Fragen stößt, die in der neueren, obwohl ungeklärt, eliminiert wurden. Heute neigen ja die Vulgärökonomen, wie Marx sie nannte, sogar den Wert ganz wegzulassen und setzen ihn unreflektiert dann doch voraus. Smith bestimmt den Wert der Ware durch das Quantum Arbeit, welches gegen diese Ware eintauschbar ist einerseits, andererseits bestimmt er den Wert der Arbeit durchs Quantum, welches zur Produktion der Ware erforderlich ist. Ricardo läßt die erste Bestimmung weg und nimmt nur die zweite, dem Marx im Prinzip zustimmt.

„Zweitens aber beruht dieser Widerspruch und das Übergehn von der einen Erklärungsweise zur andren bei A.Smith auf Tieferem, was Ricardo in Aufdeckung dieses Widerspruchs übersehn, nicht richtig gewürdigt hat, daher auch nicht gelöst.“(MEW 26.1, S.42)

Scheinbar wird in beiden Definitionen die Arbeit als Bestimmungsgrund und Maßstab des Werts genommen. Die erste Definition meint zwar den Wert, behandelt aber den sich als Relation darstellenden Tauschwert. Hätte er nicht Arbeit, sondern ein anderes Produkt genommen, hätte er lediglich die Äquivalentform, eine Tauschbeziehung beschrieben, wo der Gebrauchswert gleichgültig ist. Die Arbeit, die er aber wählt, ist der Gebrauchswert als wertbildende Potenz, welche als Gebrauchswert aus den ökonomischen Bestimmungen herausfällt. Sie ist lebendige Arbeit, belebende Seele, Flamme des lebendigen Arbeitsvermögens, Feuer der Arbeit, um einige der Metaphern zu nennen, die Marx dafür hat. Das Desinteresse am Gebrauchswert führt dazu, daß er nur die Formbestimmungen, aber nicht die Sache selbst in den Blick bekommt. Dann kann er aber nicht begründen, warum sie spezifische Formbestimmungen annehmen. Ricardo geht gleich vom Wert als Quantum Arbeit, welches zur Produktion einer Ware erforderlich ist, aus. Da entgeht aber der Sachverhalt, den Marx dann mit der Differenzierung von Arbeit und Arbeitskraft löst. Arbeit als lebendige ist Gebrauchswert, Wert ist vergegenständlichte, tote Arbeit. Wert und Menge der Arbeit sind nur als tote identisch.

„Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“(MEW 23, 559)

Marx gewinnt also hier den Unterschied zwischen Arbeitskraft und Arbeit. Und gerade weil die Arbeit keinen Wert hat, kann sie nicht-tautologisch die Wertbildung erklären.

Was fehlt ist bei Ricardo,weil er gleich die richtige Bestimmung des Werts nimmt, wie es zur Wertform kommt. Und das erst ermöglicht den Ursprung des Mehrwerts dann zu erklären.

„Aber Ric[ardo] hat damit keineswegs das Problem gelöst, das der innere Grund von A. Smiths Widerspruch ist. Value of labour und quantity of labour bleiben ‚equivalent expressions‘, soweit es sich um vergegenständlichte Arbeit handelt. [|651[ Sie hören auf, es zu sein, sobald vergegenständlichte Arbeit und lebendige Arbeit ausgetauscht werden.“(MEW 26.2, S. 399)

Auch hier betont Marx den Begriff der Arbeitskraft bzw. nennt es hier Arbeitsvermögen, dann aber ist es auch möglich zu erklären, warum trotz Äquivalententausch dem Arbeitsgegenstand oder -material Wert hinzugefügt wird.

„Er hätte, statt von der Arbeit, von Arbeitsvermögen sprechen müssen. Damit hätte sich aber auch das Kapital dargestellt als die dem Arbeiter als verselbständigte Macht gegenübertretenden sachlichen Arbeitsbedingungen. Und das Kapital hätte sich sofort als bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis dargestellt. So unterscheidet es sich für Ricardo nur als „accumulated labour“ von „immediate labour“. Und ist etwas bloß Sachliches, bloß Element im Arbeitsprozeß, woraus das Verhältnis von Arbeiter und Kapital, wages and profits, nimmermehr entwickelt werden kann.“(MEW 26.2. S. 403)

Bevor komplexere Begriffe wie Arbeitslohn etc. behandelt werden können, schreitet Marx vom Reichtum zur Analyse der Elementarform des erscheinenden Reichtums fort.

Er führt den Begriff den Begriff der Ware exemplarisch ein, „zunächst“,wie er sagt. Der Begriff der Ware besteht also erst einmal nur darin, daß sie ein äußerer Gegenstand, ein Ding ist, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt, das können reale Befriedigungen sein oder auch fiktive, die der Phantasie entspringen. Wir kennen das ja heute auch, daß die Werbung den Genuß erhöht, etwa durch Assoziation, daß man wer ist, wenn man eine bestimmte Ware besitzt. (Hast Du was, bist Du was.) Werbung ist der fetischistische Bezugsrahmen warenformierter Apperzeption. Aber auch die Mittel zur Herstellung von Mitteln für das Leben, die Marx Lebensmittel nennt, stellen etwas dar, was indirekt die unmittelbaren Bedürfnisse befriedigt. Später wird Marx noch zweit Produktions-Abteilungen der Gesellschaft differenzieren, I. Produktionsmittel II. Konsumtionsmittel (das ist das, was am Anfang noch Lebensmittel genannt wird). Zu den Produktionsmitteln gehört das, was der Natur entnommen wird (z.B. in der extraktive Industrie wie Bergbau Kohle, Öl usw.), das nennt Marx Arbeitsgegenstand. Produkte, die in die Produktion sofort eingehen, nennt er Arbeitsmaterial, dann die Produktionsmittel, die solange sie funktionieren, in die Produktion einer Ware eingehen. Diese Unterschiede spielen eine Rolle bei der Unterscheidung des konstanten Kapitals c in fixes und zirkulierendes Kapital. In der Darstellung spielt das aber noch keine Rolle, weil alles zur Naturalform der Ware gehört.

Diese Güter gibt es also in einer bestimmten Quantität und Qualität als Gegenstand des Genusses oder Produktionsmittel. Sie haben einen Nutzen. Der Nutzen ist das Sein für Anderes eines Gegenstands. Ob etwas Nutzen hat, hat historischen Charakter, d.h. es bedarf des Wissens um die Eigenschaften, da steckt im Grund die gesamte Weltgeschichte drin. Der globale Handel hat ja seine Grenzen, so müssen die Käufer überhaupt wissen, was sie damit machen können. Heute erledigen das Kochshows z.B.

„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert. Nützlichkeit schwebt nicht in der Luft. Durch die Eigenschaften des Warenkörpers bedingt, existiert sie nicht ohne denselben. Der Warenkörper selbst, wie Eisen, Weizen, Diamant usw., ist daher ein Gebrauchswert oder Gut. Dieser sein Charakter hängt nicht davon ab, ob die Aneignung seiner Gebrauchseigenschaften dem Menschen viel oder wenig Arbeit kostet. Bei Betrachtung der Gebrauchswerte wird stets ihre quantitative Bestimmtheit vorausgesetzt, wie Dutzend Uhren, Elle Leinwand, Tonne Eisen usw. Die Gebrauchswerte der Waren liefern das Material einer eignen Disziplin, der Warenkunde. Der Gebrauchswert verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Konsumtion. Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns zu betrachtenden Gesellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen Träger des – Tauschwerts.“(MEW 23, 50)

Marx hatte früher sprachlich genau zwischen Wert und Tauschwert unterschieden, weil die diversen Ökonomien, die er rezipierte, Wert unterschiedlich gebrauchten. Der Tauschwert – Le Trosne, der Physiokrat, nennte es kurz Wert – besteht in dem Tauschverhältnis zwischen einem Ding und einem anderen. N. Barbon verneint einen inneren Tauschwert oder intrinsischen Wert. Wie kommt die Täuschung, der Schein zustande?

„Der Tauschwert scheint daher etwas Zufälliges und rein Relatives, ein der Ware innerlicher, immanenter Tauschwert (valeur intrinseque) also eine contradictio in adjecto.“(a.a.O. 50f)

Dies, weil der Tauschwert erst einmal als quantitatives Verhältnis, worin sich Gebrauchswerte tauschen, erscheint. Geld und Preis sind zwar hierbei schon historisch vorausgesetzt, aber eben noch nicht entwickelt in der Darstellung. Die Darstellung ist an Hegels „Rückgang in den Grund“ orientiert, d.h. daß im Nacheinander die Voraussetzungen eingeholt werden, die ersten unmittelbaren Bestimmungen sind vorausetzungsvoll und die Voraussetzungen müssen eingeholt werden. Dies ist ein Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, von einfachen zu komplizierten Bestimmungen. Keine Deduktion, sondern ein Einholen von Voraussetzungen.

Wir wissen, daß wir Äpfel und Birnen nicht zusammenzählen können und als Gebrauchswerte sind die Waren qualitativ verschieden. Wir können also nicht sagen, 2 Äpfel sind 1 Birne wert, wenn wir auf den Gebrauchswert achten. Da der Nutzen ja auch erst im Auge des Konsumenten erreicht ist, wäre das ja auch Willkür. Wenn jemand eine Allergie hat, nützt ihm der Gebrauchswert ja auch nur zum Suizid. Wie setze ich nun 2 Äpfel und 1 Birne gleich? Eine Relation ohne Relata, eine Beziehung, ohne Bezogenes geht ja nicht. Gebrauchswerte gleichzusetzen und das berechtig, wäre so eine Art Apfel-Birnenmus, das man dann wiegen kann. Außerdem Äpfel und Birnen entnahmen ja schon die Sammler der Natur, ohne auf die Idee zu kommen zu tauschen. Es bleibt also nichts übrig als zu abstrahieren. Das tun wir auch, wenn wir empirische Begriffe bilden, das wäre der Inbegriff, indem wir also verschiedene Dinge, etwa Äpfel, Birnen, Pflaumen usw. zu Obst zusammenfassen. Aber Marx geht es um die Realabstraktion. Diese ginge auch empirisch, wenn wir Häuser bauen und die Türen weglassen, haben wir Häuser ohne Türen, also real abstrahiert. Aber Marx geht es um eine Abstraktion, die vom allem absolut abstrahiert, was als Gebrauchswert oder Stoffliches, erscheint. Wenn wir von allem abstrahieren, bleibt nur noch das Hergestelltsein, daß es Resultat menschlicher Tätigkeit war.

„Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten. Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand verwandelt. Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert. so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen. Es ist nicht länger Tisch oder Haus oder Garn oder sonst ein nützlich Ding. Alle seine sinnlichen Beschaffenheiten sind ausgelöscht. Es ist auch nicht länger das Produkt der Tischlerarbeit oder der Bauarbeit oder der Spinnarbeit oder sonst einer bestimmten produktiven Arbeit. Mit dem nützlichen Charakter der Arbeitsprodukte verschwindet der nützliche Charakter der in ihnen dargestellten Arbeiten, es verschwinden also auch die verschiedenen konkreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche Arbeit.“(MEW 23, 52)

Was bleibt aber von den Arbeitsprodukten als unterschiedsloser menschlicher Arbeit, die gemeinschaftliche gesellschaftliche Substanz. Ob wir es wissen oder nicht, wenn wir tauschen, abstrahieren wir und betrachtet die Ware doppelt als nützliches und als gesellschaftliches Ding. Wenn wir das Austauschverhältnis feststellen wollen, müssen wir aber die Größe erkennen. Da haben wir aber nur die Zeit zur Verfügung, denn jedes Arbeitsprodukt benötigt Zeit. Aber hier kann natürlich nicht die wirkliche Zeit, die jemand benötigt gemeint sein, sondern nur die durchschnittliche Zeitdauer. Das ist voraussetzungsvoll und Marx wird das alles noch klären müssen. Denn dieser Durchschnitt setzt sich tendenziell auch empirisch durch. Die besten Produktionstechniken setzen sich langfristig durch, durch Ausbildung wird die Geschicklichkeit angepasst usw. (Daß es politische Bedingungen gibt oder der Wille des Arbeiters sich einer Entwicklung zu widersetzen, ist Marx klar, aber die Methode ist, erst einmal davon zu abstrahieren)

Es könnte scheinen, daß, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware sei, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Real, in der Tat, ist diese Substanz gesellschaftlich durch Konkurrenz vermittelt, methodisch ist das anfänglich noch nicht gesetzt, sondern vorausgesetzt. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnitts-Arbeitskraft besitzt und als solche gesellschaftliche Durchschnitts-Arbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeitszeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen. Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z.B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines frühern Werts.“(a.a.O. S. 53)

Und es kommt dann gleich zu einer begrifflichen Setzung. Im Laufe der Darstellung wird immer wieder gezeigt, daß bei Annahme des Gegenteils die gesellschaftliche Wirkung ist, daß das Quantum gesellschaftlicher notwendiger Arbeit über individuelle Schwankungen und andere Hemmungen sich durchsetzt. Es wird ja die Logik des Kapitals dargestellt, nicht die Geschichte seiner Entstehung und Entwicklung, aber zur Plausibilisierung verwendet Marx immer wieder Beispiele aus der Geschichte und Empirie.

Die folgende Begriffsbestimmung hat mehr definitorischen Charakter oder ist eine Einführung eines Begriffs durch seinen Gebrauch, der sich im Rahmen der Darstellung dann bewähren muß. Auch gilt das ganze ja nicht als 1:1 Abbildung der Wirklichkeit, wie Abbildtheoretiker suggerieren könnten, sondern das Wertgesetz setzt sich wie jedes – selbst das Natur- – Gesetz als Tendenz durch.

„Es ist also nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art. Waren, worin gleich große Arbeitsquanta enthalten sind oder die in derselben Arbeitszeit hergestellt werden können, haben daher dieselbe Wertgröße. Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit. „Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit‘.“(a.a.O. 54

Wir haben jetzt also Waren, die einen Gebrauchswert und Wert haben. Nun betrachtet Marx nicht eine isolierte Ware, die könnte ja gar nicht Ware sein, denn etwas hat Wert nur, wenn es im Austauschverhältnis steht und hat auch eine Bedingung, daß es einen Nutzen hat. Von Krisen, Störungen wird in den ersten beiden Bänden das Kapitals abstrahiert, bzw. nur dessen Möglichkeit aufgezeigt. Das bedeutet aber auch, daß gezeigt wird, daß die Krisen notwendig entstehen und zwar weil das Ganze funktioniert. Die Konkurrenz, so wird noch gezeigt werden, zwingt die Konkurrenten sich so zu benehmen, wie das Wertgesetz es erfordert. Dies tun sie on the long run, aber sie wissen nicht, daß sie es tun. In gewissen Sinne werden ökonomische Sünden schnell bestraft. Solche Dinge wie Angebot und Nachfrage, über die vermittelt das Wertgesetz sich durchsetzt, die technische Entwicklung usw. kommen erst später, aber widersprechen nicht dem Wertgesetz, sondern setzten es erst durch. Und je weiter die Entwicklung geht, desto mehr setzt sich der Wert durch. Erst heute ist das anschaulich vor uns, was Marx noch in seiner Phantasie sich anschaulich machen mußte.

Wir ahnen schon bei den ersten Formulierung, wo noch gar nicht Arbeit, Technik usw. thematisch ist, daß schon bei der Bestimmung der Wertgröße die Entwicklung eine Rolle spielt, dessen Möglichkeit und Notwendigkeit Marx schon früh einführt, weil er ja schon im Hinterkopf hat, was dann später nicht mehr bloß voraussgesetzt, sondern begrifflich eingeholt ist. Da das aber ein komplexes System ist, das er darstellt, etwa 2000 Seiten, kann man leicht den Überblick verlieren. Daher antizipiert Marx hin und wieder schon konkretere Bestimmungen.

„Die Wertgröße einer Ware bliebe daher konstant, wäre die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit konstant. Letztere wechselt aber mit jedem Wechsel in der Produktivkraft der Arbeit. Die Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umstände bestimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsmittel, und durch Naturverhältnisse. (…) Allgemein: Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, desto kleiner die in ihm kristallisierte Arbeitsmasse, desto kleiner sein Wert. Umgekehrt, je kleiner die Produktivkraft der Arbeit, desto größer die zur Herstellung eines Artikels notwendige Arbeitszeit, desto größer sein Wert. Die Wertgröße einer Ware wechselt also direkt wie das Quantum und umgekehrt wie die Produktivkraft der sich in ihr verwirkIichenden Arbeit.“(a.a.O. S. 54f)

Das wirft schon ein Licht auf das Kommende. Aber wir haben nun vom Doppelcharakter der Ware noch auf den Doppelcharakter der Arbeit zu kommen. Nun gibt es aber auch Dinge, die ohne Arbeit – eigene und fremde – schon da sind, wenn auch heute das teilweise gar nicht mehr der Fall ist, so bei einigen Beispielen bei Marx. Es kostet schon einige Arbeit, damit Luft zu atmen da ist und dergl. und die Wälder wachsen auch nicht ohne menschliche Zutat mehr, so wie sie verträglich mit unserer Gesundheit sind. Aber zur Abgrenzung muß Marx das noch ergänzen, um auf die Arbeit zu kommen. Denn Naturverhältnisse reflektiert er auch, die Produktionszeit von Getreide ist ja länger als die Arbeitszeit, weil es ja auch erst mal wachsen muß. Solche Naturbedingungen werden auch unter dem Thema Grundrente auch ökonomie-kritisch bedacht, Marx war sozusagen schon ein Ökologe.

„Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein. Es ist dies der Fall, wenn sein Nutzen für den Menschen nicht durch Arbeit vermittelt ist. So Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz usw. Ein Ding kann nützlich und Produkt menschlicher Arbeit sein, ohne Ware zu sein. Wer durch sein Produkt sein eigenes Bedürfnis befriedigt, schafft zwar Gebrauchswert, aber nicht Ware. Um Ware zu produzieren, muß er nicht nur Gebrauchswert produzieren, sondern Gebrauchswert für andre, gesellschaftlichen Gebrauchswert. {Und nicht nur für andre schlechthin. Der mittelalterliche Bauer produzierte das·Zinskorn für den·Feudalherrn, das Zehntkorn für den Pfaffen. Aber weder Zinskorn noch Zehntkorn wurden dadurch Ware, daß sie für andre produziert waren. Um Ware zu werden, muß das Produkt dem andern, dem es als Gebrauchswert dient, durch den Austausch übertragen werden.} Endlich kann kein Ding Wert sein, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist es nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“a.a.O.

Güter werden also durch ihre gesellschaftliche Formbestimmtheit zu Waren, zunächst sind diese Güter ja auch nicht anders beschaffen als sie auch vorher im Mittelalter z.B. waren. Sie sind unter die neuen Produktionsverhältnisse nur formell subsumiert, sie können aber – das gilt auch für die Arbeit – dann aber auch reell oder real subsumiert werden, d.h. ihre Beschaffenheit ändert sich im Laufe der Zeit unter den entfremdenten Verhältnissen. Es gibt da in bestimmten Epochen dann geistlose und geisttötende Arbeit, etwa am Fließband oder unter der Bedingung der Taylorisierung oder des MTM-Systems (Methodes of time measurement), je qualitätsloser die Arbeit desto mehr können die Arbeiter aber aus dem unmittelbaren Arbeitsprozeß zurücktreten und die Maschinen überwachen, die nun die Tätigkeit bestimmen. Das läßt sich als List der Vernunft beschreiben, das Material verschleisst, während der Mensch weniger Schwielen an den Händen hat, aber möglicherweise aber auch ein nervtötende Arbeit. Hier sind zwar Potentiale für Freie Zeit, für Reichtum, wie wir es im ersten Teil gehabt haben, weswegen Marx ja mit dem Reichtum anfängt, um dann zur Analyse fortzuschreiten.

Wir müssen nun einige Begriffe einführen, die Marx in der Wertform-Analyse verwendet. Jede Ware hat ja einen Wert, der unsichtbar ist, und einen Gebrauchswert, der sich in Beziehung auf den Endkunden, den Käufer bezieht und aus der Ökonomie herausfällt, sobald die Ware in seinem Eigentum sich befindet. Marx hat keine prämonetäre Werttheorie, darum wird ja auch nicht die komplexere Bestimmung Geld aus der Ware oder dem Tausch deduziert, sondern auf die bestimmungen logisch eingeholt. Geldtheorien, die historisch vorgehen, widerstreiten so einer logischen Betrachtunsweise nicht, da kann man z.B. Christoph Türckes, Philosophie des Geldes oder ältere Arbeiten über die Triebstruktur de Geldes nehmen. Was Marx analysiert ist ja ein Produktionsverhältnis, in dem kapitalistische Produktionweise herrscht und die wäre ohne Geld gar nicht möglich. Aber ersteinmal wird die einfache begriffliche Bestimmung analysiert.

a Ware X ist b Ware Y wert.

Hier hat die Ware X einen Wert, der auf seine Erscheinung b Ware Y bezogen ist. Das nennt Marx „relative Wertform“, eben wegen der Relation, ohne die der Wert – tote abstrakt-allgemeine Arbeit – gar nicht bewußt werden kann. Die Form, in der sich der Wert ausdrückt, ist die „Äquivalentform“ der Ware oder der Tauschwert. Man sieht einer Ware nicht an, ob sie in der „relativen Wertform“ oder „Äquivalentform“ sich befindet. Das sieht man, wenn man – das geht wegen der Äquivalenz – die Gleichung umkehrt.

b Ware Y ist a Ware Y wert.

Der Wert der Ware X kann sich aber auch in unendlich anderen Waren ausdrücken.

a Ware X ist b Ware Y, c Ware Z usw. wert.

Der Begriff der Unendlichkeit hat ja schon von der Antike bis heute Mathematiker in Verzweiflung gebraucht. So manche prominente darunter mußten ernsthaft sich psychiatrisch behandeln lassen. Wie löst man nun das Problem der schlechten Unendlichkeit. Jede Ware drückt sich im ganzen Warenuniversum aus, hat also unendliche Äquivalentformen. Die ersten Formen waren die einfache, einzelne oder auch zufällige Wertform. Wird die Ware – die ist immer exemplarisch gemint – auf alle möglichen Waren bezogen, so nennt Marx das totale oder entfaltete (relative) Wertform. Die besondere Äquivalentform ist nun eine neben vielen. Die Reihe, die Kette der Waren, ist unabschließbar unendlich. Wir kennen das von der Bestimmung der natürlichen Zahlen:

N= 1,2,3 ….. n Das ist eine unendliche Menge von Zahlen. Das beschreibt Marx nun für die totale Wertform als Mangel. Wie behebt er den Mangel – oder wie wird in praxi der Mangel ständig behoben? Die Äquivalentform ist umkehrbar, das gilt auch für die totale.

a Ware A ist k Ware Y wert

b Ware B ist k Ware Y wert

c Ware C ist k Ware Y wert

usw.

Eine unendliche Menge von Waren drückt sich also in EINER Ware aus. Die Darstellung ist nun so, daß der Wert sich nun einfach darstellt, ihre Wertform ist einfach und gemeinschaftlich und daher allgemein. Daher nennt sich diese Form Allgemeine Wertform. Die allgemeine Äuquivalentform ist daher auch die Form des Werts überhaupt. Jede Ware, die sich in der allgemeinen Äquivalentform befindet, kann sich nicht ZUGLEICH in der relativen Wertform befinden. Bestimmte Gebrauchswerte können dem Wert angemessen sein, die Teilbarkeit spielt eine Rolle, Gold und Silber waren historisch die Naturalform und als Maß geeignet, weil man sie z.B. durch das Gewicht bestimmen kann. Das englische Pfund zeigt das sprachlich. Wenn die Ausschließung aller anderen Waren abgeschlossen ist, wird die Ausschließung auf eine bestimmte Warenform beschränkt und nimmt gesellschaftliche Gültigkeit an.

Geldform:

a Ware A ist 2 Unzen Gold wert

b Ware A ist 2 Unzen Gold wert

usw.

So ist also die einfache Warenform Keim der Geldform, Geld ist hier erst einmal Maß der Werte, wie es später bei Marx heißt. Mit dem Problem hat sich ausführlich Frank Engster, Das Geld als Maß, Mittel und Methode, Berlin 2014 beschäftigt, auf fast 800 Seiten kleingedruckt. Für Anfänger eher ein schwieriges Buch, nämlich eine Doktorarbeit.

Was bei Marx in der zweiten Auflage des Kapitals folgt, ist dann das Fetischkapitel. Auf Flohmärkten findet man heute noch Exemplare des Kapitals, wo die Anstreichungen in dem Kapital aufhören. Und auch haben sich viele Lesegruppen darüber verstritten oder wollten über die Bedeutung abstimmen. Danach kommt dann der Austauschprozeß und dann wird der Begriff des Geldes behandelt. Denn Geld ist mehr als nur Maß. Auch ist Geld nicht an das Material gebunden, es ist auch Weltgeld, wo bei Marx noch nicht die Loslösung vom Gold ausgeführt und gedacht wurde. Polanyi, The great Transformation sprach davon, daß der Goldfaden riß. Banknoten kannte Marx natürlich, auch die Ersetzung von Menge durch Geschwindigkeit. Nachdem der Goldfaden riß, entstand das System von Bretton Woods, das noch begrenzte Konvertibilität in Gold hatte. Nun haben wir internationale Ad hoc Regulierungen. Diese sind natürlich krisenanfällig. Aber was Krise ist, müssen wir auch noch von Marx lernen. Die Geschichte ökonomischer Theorie hatte ja für jede historische Krise eine Theorie produziert. Das war einmal, das was Marx Vulgärökonomie nannte, hat schon lange keine Erklärungen mehr. Die neoliberale „Theorie“ ist so auch mehr Religion, das was Adam Smith unsichtbare Hand nannte, wird zum Deus ex machina, Gott aus der Maschine (ein Ausdruck aus dem antiken Theater). Und oft sind dann, weil mit der Unsichtbarkeit assoziiert, die Juden an allem schuld.

45 thoughts on “150 Jahre „Das Kapital I.“ – 199 Jahre Karl Marx (2)

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    Ich habe mir jetzt etwas verspätet diesen 2. Teil durchgelesen und habe drei Anmerkungen, auch im Zusammenhang mit den anderen Userkommentaren:

    1. Ich glaube nicht, dass „in der freien Natur die Gesetze nur tendenziell gelten, wie Sie sagen. Die Gravitationskraft Ihres Federbeispiels gilt komplett, nicht tendenziell. Nur gelten außerdem noch andere Naturgesetze, und erst im Zusammenspiel der Kräfte entsteht Reibung. Im Labor wird versucht, mittels eines Vakuums ein Setting herzustellen, indem die zu untersuchenden Kräfte sozusagen isoliert werden können.

    2. Ich glaube außerdem nicht, dass man so etwas wie „Arbeit“ auf ähnliche Weise analysieren kann wie eine fallende Feder. Eine Feder ist ein „Dieses-da“, wer ein Problem hat zu verstehen, um was es geht, dem zeigt man die Feder und sagt: „Hier, dieses-da wollen wir messen.“ Danach sollte sich das Verständnisproblem erledigt haben. Bei Arbeit ist es ganz anders, hier steht nicht fest, was das ist: Arbeit. Es gibt kein Ding namens Arbeit, das wir zeigen, angucken, umdrehen, runterwerfen oder sonstwie messen könnten. Sondern jeder versteht unter Arbeit etwas anderes. Die Verständnisse und Bedeutungen sind aber nicht völlig verschieden – dann würden wir komplett aneinander vorbeireden – , sondern haben eine „Familenähnlichkeit“. Diese Familienähnlichkeit der Bedeutungen führt zu Diskussionen und Streit, wie es auch in echten Familien üblich ist. Ich würde zum Beispiel wie derblondehans denken, dass ich für das bezahlt werde, was ich meinem Auftraggeber abliefere und dass es sich dabei um das Produkt meiner Arbeit handelt. Liefere ich es nicht ab, bekomme ich kein Geld (ich bin Freiberufler). Meinem Auftraggeber ist es völlig egal, welche Arbeitszeit ist verwende, welche Fähigkeiten ich besitze, sondern er möchte etwas von mir haben. Bekommt er es, bezahlt er mich, bekommt er es nicht, bezahlt er nichts. Dieses Verständnis steht dem Arbeitsverständnis von Marx im Wege, und nach meiner Meinung ist nicht das eine Verständnis richtig und das andere falsch, sondern beide sind eben unterschiedlich, aber ähnlich und miteinander verwandt.

    3. Und deshalb muss man sich eben schon die Mühe machen, wenn man Marx verstehen will, das Verständnis von Marx zu nehmen und zu gucken, woraus das besteht und wohin das führt. D.h. man sollte nicht sein eigenes Verständnis dagegenhalten, denn es geht nicht um dieses, sondern um das von Marx. Dann benutzt man „Arbeit“ im Zweifelsfall eben in Gänsefüßchen, als terminus technicus.

    1. avatar

      Den abstrakten Charakter des Gesetzes, darf man nicht verkennen, sonst ist man schnell bei einem naiven Abbildrealismus. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich nicht mit der Natur als vor der Erkenntnis schon daseindende Wirklichkeit, sondern immer mit aus dem Naturzusammenhang praktisch oder theoreitsch separierten Zusammenhängen. Das war ja auch schon die große Einsicht von Kants kopernikanischer Wende. Das Experiment muß immer zwischen Randbedingungen und Rahmenbedingungen unterscheiden und Störfaktortheorie gehört immer dazu, weil wir es bei Gesetzen mit Idealisierungen zu tun haben oder anders genannt mit Modellen. Im Experiment wird versucht zu verifizieren, daß das Modell sich realisieren läßt.
      Zum Begriff der Arbeit im Allgemeinen und Besonderen kommen wir noch. Im gesellschaftlichen Konnex ist es allerdings von Bedeutung für den Kunden und für den der Arbeit leistet, wie lange sie dauert, nicht nur wegen der Fertigstellung, sondern, weil der, der langsamer ist in der Konkurrenz scheitert. Der besondere Fall ist ja etwas, was in der Darstellung weggelassen wird, wenn er von der Regel abweicht, läßt sich per Gedankenexperiment zeigen, daß die Umstände dann doch on the long run erzwingen, daß die Regel sich durchsetzt. Genau das ist ja auch bei Marx mit Wertgesetz gemeint. Idealiert dargestellt sind ja auch Wert und Preis gleichgesetzt oder Produktions- und Marktpreis (bekommen wir alles noch nach und nach). Die meisten Einwände des unheilbar gesunden Menschenverstandes rennen bei Marx offene Türen ein. So ist dann ja später auch von Angebot und Nachfrage die Rede und Preise die um eine bestimmte Größe pendeln. Es gibt da ja noch eine ganze Pallete von modifizierenden Umständen, Monopol, Staatshandeln usw., die allerdings gerade beim Versuch der Abwehr von Krisen, deren Möglichkeit in der ökonomischen Struktur angelegt sind, die Krise herbeiführen. Dazu kommen wir auch noch. Pariser Manuskripte und Kapital I 192ff.
      Der freelancer ist ja etwas, was Marx zwar kennt, aber wenn dann in späteren Konkretionen kommt, wie etwa auch Dienstleistungen. Daß die Zeit dabei eine Rolle spielt, ist ja allein dadurch schon gesetzt, daß es Prozesse sind. Wir verschieben Dinge in Raum und Zeit nach einer bestimmten Zweckmäßigkeit, wenn wir arbeiten. Und wenn es nur die Finger sind auf der Tastatur oder der Knopf, der die automatische Fabrik einschaltet. Die Abhandlung von Besonderheiten kommt erst nach dem Allgemeinen. Dauerte ja auch bis Newton Planetenbewegungen aus dem Fallgesetz (Massen-Anziehung) und Trägheit konstruierte. Einstein verallgemeinerte dann noch mehr. So geht ja auch der wissenschaftliche Fortschritt.
      Es ist ja im Grunde auch eine eigentlich unzulässige Art logische Kategorien wie Wert, Ware usw. empiristisch, konkretisitsch aufzufassen, von den Handlungen her. Marx zeigte ja, daß sich daraus ein ideologisches Bewußtsein (Ideologie als notwendig falsches Bewußtsein verstanden) ergibt, das aufgrund dessen, daß die Wirklichkeit sich vekehrt präsentiert, nicht wegen Denkfehlern falsch ist. Marx vergleicht das damit, daß wir ja trotz Wissen, daß die Erde sich dreht, wir sie immer im Osten auf und im Westen untergehen sehen. Da gibt es eben nur vermitteltes Wissen und das ist eine der Dinge, die im Deutschen Idealismus erkannt wurden, der dann auch heute noch Bedeutung hat, wenn man sieht, wie etwa Wandschneider in Raum, Zeit, Relativität Einstein mit Hegel erklärt oder Stekelr-Weithöfer Hegel aktualisiert. Die Philologie ist da ja weitergegangen und wir merken, daß das ganz Alte modererner ist, als das ein wenig Ältere. Sich solcher Kenntnisse zu begeben, liegt auch an politischen Auseinandersetzungen, wenn die Leute von Lenin hören, Hegels Logik sei die ALgebra der Revolution, haben sie gleich die Hose voll, d.h. Angst vor möglichen Erkenntnissen. Der ganze Positivismus ist ja gekennzeichnet durch Angst vor Erfahrung. Weil sie alles kontrollieren wollen, alles auf Randbedingungen beziehen wollen, entfleucht aber das, was kontrolliert werden soll. Marx hat ja auch gezeigt, daß Kapitalismus etwas ist, was sowieso out of controll ist und gemessen an der Erwartung alles zu kontrollieren allein schon das Falsche. Deswegen gibt es auch Systemtheorien, die dann das verstelbständigte System, nur noch für sich behandlen und die Handlungen sind dann Umwelt des Systems. Was auch einen gewissen Wahrheits- und Erfahrungsgehalt hat.

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        Die Naturgesetze sind abstrakt, ja, Modelle, Idealisierungen, aber mit prognostischem Wert (möglicherweise liegt hier ein Unterschied zu den Gesetzen von Marx, die nichts Konkretes prognostizieren wollen, wie es aussieht). Es besteht keine Gefahr, in einen Abbildrealismus zu verfallen, wenn man über Gesetze im naturwissenschafttlichen Sinn spricht. Denn dort hat man alles auf vier Grundkräfte eingedampft, die auch jenes Federexperiment vollständig – d.h. ohne jeden Rückstand – erklären. Mit vier Kräften wird man kein Abbild dieser ungeheuren „Mannigfaltigkeit“ schaffen können, die wir Welt nennen. Da man aber mit der Zahl 4 unzufrieden ist, gibt es Versuche seitens der Physiker, alles noch weiter zu reduzieren auf die Zahl 1, die irgendwie schöner und angemessener scheint. Das gelingt aber – bisher – nicht. Bislang sieht es danach aus, als lebten wir in einem Vierer-Universum, warum auch nicht.

        Zeit ist auch in meinem Verständnis von Arbeit wichtig, keine Frage. (Ich rechne nach Stunden ab.) Aber Zeit IST nicht Arbeit. Ich kann eine gute, wichtige Arbeit in Sekundenschnelle erledigen, dann schüttele ich das aus dem Ärmel, ohne die geringste Schweißperle. Ich kann total miese Arbeit abliefern, die keiner brauchen kann, und selber dafür ewig brauchen. (Man könnte hier auch noch den Leistungsbegriff angliedern. Der ist – bei mir – auch nicht Arbeit/Zeit.)

        Ich will das aber gar nicht weiter vertiefen. Ich stimme ja zu: Man muss sich den Marxschen Kategorien gegenüber öffnen, wenn man verstehen will, was er zu sagen hat. Sofern man das verstehen will. Man muss also eine fremde Definition von Arbeit übernehmen und seine eigene zurückstellen.

        Und die Überlegung, dass es sich bei den gescheiterten Realsozialismen um Formen von Etatismus handelt, ist eine gute, interessante Überlegung. Auch die Frage, unter welchen Bedingungen Narzissten zum Zuge kommen. Wenn Marx hier weiterführen kann, ist das die Arbeit wert.

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        Naturgesetze fixieren das Wiederholbare an der Natur, d.h. das was immer wenn eine bestimmte (Rand)Bedingung vorliegt notwendige Folge ist. Rahmenbedingungen, Störungen sind etwas, wovon dann abstrahiert wird. Prognose halte ich, außer in bestimmten Zusammenhängen, wo Ereignismengen (wo Einzelereignisse nicht berechenbar sind) vorliegen oder Wahrscheinlichkeiten vorliegen, ohnehin für ein nicht triftigen Begriff. Der Gegenstand der Naturwissenschaften ist – nicht weniger allerdings auch in den sog. Geisteswissenschaften oder Sozialwissenschaften – ein Konsitutum, das im Denken und Praxis (im weiteren Sinne) eine Synthesis erfährt. Die Konstitutionsproblematik ist eines der wichtigen Probleme nicht nur da, sondern auch bei der ökonomischen Wirklichkeitskonstitution, wo ja auch überempirische, nichtsinnliche Sachverhalte eine Rolle spielen.
        Überspringt oder ignoriert man diese Problematik – wie das der Positivismus, auch der negative des Kritischen Rationalismus, tut, dann hat man entweder einen Abbildrealismus, welcher Spielart auch immer, oder auch einen subjektiven Idealismus im klassischen Sinne (esse est percipi).
        Welt ist ein Totalitätsbegriff, daher auch – selbst in der Naturwissenschaft – ein metaphyischer Begriff. Welt also das Ganze des Universums ist nicht beobachtbar, daher ist selbst so etwas wie Weltbild ein ungenauer Begriff, man müßte von Weltbegriff sprechen, wenn man präzise sein will. Oder es ist ein metaphorischer Gebrauch von Bild. Wobei man ohnehin von Welt oder Totalität in zweierlei Sicht reden kann, extensional oder intensional (vom Begriffsumfang oder Begriffsinhalt her).
        Von Totalität spricht man auch in Hinsicht selbstorganisierter Systeme, vor allem intensional, denn die schlechte Unendlichkeit läßt sich schwerlich einfangen, außer vielleicht im mathematischen Begriff des aktual Unendlichen, die aber immer auch ihre Gegner hatten, wie Kronecker, der dann andere Mathematiker die Karriere versuchte zu versauen. Der Begriff
        Arbeit hat sich aus dem Begriff der Poiesis des Aristoteles entwickelt, der von Praxis unterschieden ist (etwa Flötenspielen statt Flöten herstellen). Weitere Differenzierung, die Hannah Arendt einführte war – in ihrer Sprache – von Arbeit und Herstellen, die zwar fast dasselbe sind, aber das Resultat der Arbeit hat einen anderen Zeitfaktor, das Hergestellte ist mehr beständig, während die Produkte der Arbeit gleich in dem Stoffwechsel des Menschen mit der Natur verschwinden. Praxis bei Aristoteles hat kein äußeres Resultat, sondern die Tätigkeit ist das Resultat, Flötespielen, Heiraten etc.
        Von Leistungen spricht man ja in Analogie zur Physik (Watt?:-) Marx – wie noch zu zeigen ist – geht von einem engeren Arbeitsbegriff aus, weiß aber auch, daß andere Tätigkeiten (z.B. Diensleistungen) existieren, die – darum spreche ich manchmal auch das an – eine geringere Quantität hatten und heute eine größeren Umfang annimmt. Marx gesteht selbst dem Komponieren zu, daß es eine Anstrengung ist und zeigt daß Arbeit im weitesten Sinne auch drin steckt. Das wäre dort zu diskutieren, wo z.b. der Begriff der produktiven Arbeit die Rede ist, etwa im Gegensatz zu faux frais, wie Marx das nennt. Das steht sogar in neueren Lexika – auch mit Erwähnung von Marx Faux frais
        Vor Äquivokationen – ein Wort viele Bedeutungen – muß man sich zwar hüten, aber manchmal erhellen auch Mehrdeutigkeiten unterschiedliche Aspekte einer Sache. Manche Dinge sind ja nicht so eindeutig, wie die Wissenschaft sie gern hätte und manche sagen ja auch Umso schlimmer für die Tatsachen, wenn der Begriff nicht heranreicht.
        Leistung, abstrakt in Kilowatt, etwa Elektrizität, zahlen wir ja auch nach Stunden. Da spielt auch Zeit eine Rolle, daher hat man den physikalischen Begriff als Bildspender für unterschiedliche Tätigkeiten als Bildempfänger sprachlich dahergenommen. (Auch eine innovative Funktion der Metapher, nicht nur eine rhetorische, sondern erkenntnisfördernd.
        Marx unterscheidet auch von Arbeitszeit die Produktionszeit, etwa wenn das Produkt noch sich verändert, wie z.B. Getreide doer Gemüse wächst, während wir es nicht einmal beobachen. Ich sehe aber, daß viele auftauchende Fragen solche sind, von deren Beantwortung Marx erst einmal absieht, um sie dort, wo sie notwendig werden, dann aufwirft. Bei einem 2000 Seitenwerk und den vielen Vorarbeiten, die noch einen größeren Umfang haben, muß man eben nach und nach etwas entwickeln. Und da geht tatsächlich wie aus der Knospe die Blüte manchmal ein Begriff von sich aus über zu sich selbst in einer neuen Stufe. Die vielleicht einfacher als anderes bei Hegel zu lesenden Anfangskapitel in seiner Geschichte der Philosophie diskutiert das auch anhand der Möglichkeit von Philosophie im Plural, diese zu ordnen hieß dann für ihn jeweils ihren Wahrheitsgehalt festzuhalten und ihre Einseitigkeit oder Abstraktheit abzustreifen. Da kann man lernen, wie unterschiedliche bis gegensätzliche Wissenschaften vereinigt werden können.
        Auch beim Schreiben von Büchern kann man ja Schweißperlen fast sehen: „Die Fußnoten sind die Schweißperlen des Forscherfleißes.“(Erckenbrecht)

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        DochNochWas zum Verhältnis Arbeit, Leistung und Wert: Man denke an eine besondere sportliche oder künstlerische Leistung. Beim Sport nun nicht gerade an einen 100-m-Lauf, sondern z.B. dem Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft. Bei künstlerischer Arbeit sagen wir: dem Wohltemperierten Klavier von Bach. Was bedeuten hier Zeit, Arbeit, Leistung?

        Ich würde sagen: die Arbeit ist das, was jeder der Akteure geleistet hat. Die Mannschaftsleistung ist das Gesamtergebnis der arbeitenden Spieler. Die Zeit spielt bei der Leistung keine Rolle. Es ist egal, wie lange Bach an seinem Werk komponiert hat.

        Dieses vergleiche man z.B. mit Leistung=Arbeit/Zeit in der Physik. Das passt hinten & vorne nicht zusammen. Wer hat nun recht, der Physiker oder Bach? Beide, auf ihre Weise.

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        Bei der Kunst, also Praxis – nur im metaphorischen Sinne Arbeit – kann man schlecht die physikalischen Begriffe so eng übertragen. Picasso hat mal in wenigen Sekunden ein Bild gemalt, aber auf die Frage, wie schnell er sein Geld verdient, mußte er kontern, das Bild so schnell zu malen, dafür brauchte ich mehr als die Hälfte meines Lebens. Darüber, daß die Ausbildung, die Lernprozesse, auch für die komplizierte Arbeit als mehrfaches der abstrakten einfach, auch in dern Wert hineinspielen, sprach Marx sogar. im 20. Jh. hatte man da auch Diskussion über Bildungsökonomie und dergl.Marx ging es erst einmal um die Grundbegriffe. Und, wenn wir diese nutzen wollen, um die heutige Welt zu verstehen und zu erklären, müssen wir uns da ja sogar mehr als Marx dabei denken, mittlerweile gibt es ja schon Kompendien, die die Meter- oder Kilometer Bücher, noch mal zusammenfassen, etwa über 40 Jahre sog. Neue Marx Lektüre. Ich bin ja alt genug, um das noch mitbekommen zu haben.
        Als ich irgendwann nach 1990 jemanden wiedertraf, den ich lange nicht gesehen haben, erzählte er mir, daß ich Ende der 70er aus Marx das Ende des „real existierenden Sozialismus“ hergeleitet haben soll, im Streit mit Linken, die Apologeten des Sowjetregimes waren, er war der Wirt, der sich unsere lauten Gespräche immer anhören mußte und war stolz, daß er tatsächlich mal eine richtige Prognose miterleben durfte. Ich war da zwar nicht so originell, sondern hatte einiges von Paul Mattick sen. gelernt, der die Entwicklung aber für unwahrscheinlich hielt, während ich – allerdings später als er (1969) – da schon mehr historische Notwendigkeit darin sah. Das natürlich mit eigenständigem Denken beim Lesen des Kapitals, denn die heutige Zeit erklärt man nicht, wenn man sich passende Zitate sucht, wie das ja Marxologen des ML oder autoritäre Marxisten taten, sondern indem man die Einsichten mobilisiert, wenn man die Empirie studiert.
        Was nun Bachs „wohltemperiertes Klavier“ angeht, ist das ja auch eine kollektive Leistung, die sich in der Tendenz des musikalischen Materials manifestiert, die neue Stimmung – alle Halbtöne haben den gleichen Abstand – ermöglicht das Transponieren und Modulieren, dafür gibt es nur noch Dur und Moll als Geschlechter, früher hatte jede Tonleiter ein eigenes Geschlecht. Das ermöglicht so ein polyphones Komponieren und entsprechende Harmonielehren und Kontrapunktlehren. Schönberg lehrte – obwohl er zum Komponieren mit 12 Tönen kam, was man manchmal atonal nennt – traditionelle harmonielehre und sah zu seiner Musik eine Kontinuität. War also so bescheiden – obwohl er gern dick auftrug – zu meinen er stünde, wie Einstein mal sagte, auf Giganten wie Newton und Leibniz, auf dem Alten. Komponieren ist ja auch eine Form von Synthesis von Mannigfaltigkeit, das Verhindern zu plagiieren, ist eines der Kriterien Neues zu machen. Da steckt drin Lebenszeit, Ausbildungszeit, nicht nur die Zeit, wo die Noten geschrieben werden. Ähnlich wie bei Monopolpreisen ist die Einzigartigkeit der Tätigkeit und des Resultats, ein Moment, das dazu führt, daß Geld von der einen Tasche in die andere fließt. Der Wert – im Sinne der produktiven Arbeit – spielt da gar keine so große Rolle, außer daß sich nur eine Gesellschaft Künstler leisten kann, die entsprechende Werte produziert hat.

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        Ich sollte das vielleicht noch etwas genauer erklären. Die Arbeit, die die Fußballspieler leisten, dauert genau 90 (oder 120) Minuten. Diese Zeit gilt für beide Teams, d.h. sie ist nicht entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg des Teams. Deshalb meine ich, dass Zeit keine Rolle spielt bei der Frage des Werts, um den es hier, beim Fußballspiel, geht.

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        Davon mal abgesehen, daß es nicht nur 2 X 45 Minuten sind, zwei Halbzeiten, die das Spiel entscheiden, sondern Training, Sorge um die Gesundheit usw. Das ist so wie beim Künstler. Gäbe es keinen Überschuß in der gesellschaftlichen Produktion, würde man höchstens Fußball spielen, wie ich das früher im Verein machte, für nix, sondern sogar Mitgliedsbeiträge zahlen. Da wird man nicht mit geschickten Füßen und strategischen Bewußtsein Millionär, sondern man macht das in freier Zeit (nicht: Freizeit).
        Es gibt viele Tätigkeiten, die von den Werten abgezweigt werden, die von produktiver Arbeit (kommt noch, was das ist) stammen.
        Als ich vor langer Zeit anfing, Marx zu lesen, hatte ich ja vor das nach Strich und Faden zu widerlegen, wo ja familienseits die Flucht nicht nur vor den Hitlers, sondern auch den Stalins, damals noch nicht zur Marxlektüre verleiteten. Da stellte man sich allerlei Fragen beim Lesen und war erstaunt, daß bei Karl Marx kein Winitoux und Old Shatterhand vorkamen, sondern bei guter Anleitung – damals Rosdolski, Mattick, Reichelt, Backhaus – man tatsächlich etwas von der Welt versteht, das ansonsten in der Geisterbeschwörung der invisibel hand unterginge. Was da „der Markt“ macht, da konnte ja allerlei hineinprojizeirt werden und am Ende sind immer die Juden schuld. Auch da haben Autoren wie Moishe Postone von Marx einiges gelernt, wobei jener Marx über Hannah Arend kennenlernte.
        Im physikalischen Sinne leisten allerdings auch die Fußballer Arbeit, bewegen Massen (ihre und die des Balls) durch den Raum in bestimmer Zeit. Aber das ist nicht das Interessante, sondern das Moment von Praxis oder von Kunst dabei. Sinnloses Muskelspiel führt nicht zu Toren, eher zu Verletzungen.

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        Ich glaube wie gesagt, dass die vier Naturgesetze keinen Raum für Störungen zulassen. Im Experiment gibt es diese Störungen oder „Schmutzeffekte“, ja. Diese Störungen stören aber nur die Messungen, sie sind selber naturgesetzlich.
        Störungen werden durch die Naturgesetze ausgeschlossen oder besser gesagt: eingemeindet. Früher waren das Wunder, Geister, göttliche Allmacht; heute gibt es keine Wunder in diesem Sinne mehr. D.h. es gibt nichts „Unwiederholbares“, alle Erscheinungen sind restlos regelmäßig, d.h. gehorchen alle denselben vier Gesetzen. (Zumindest auf der makroskopischen Ebene; im „Mikrokosmos“ der Quanten herrschen Verhältnisse, bei denen das gute alte Wunder an der Tagesordnung ist. Und dies ist kein vorläufiger Zustand.)

        Die Prognose ist hier sehr wichtig. Einstein feierte posthum einen Riesenerfolg, als die um die Erde gejagten Atomuhren die von ihm prognostizierte Relativität der Zeit tatsächlich nachgewiesen haben. Aber auch unser Alltag wird von der prognostischen Kraft der Naturwissenschaft, die in Technik umgemünzt wurde, bestimmt. Wegen der Prognose setzt man sich relativ bedenkenlos in ein Auto und beschleunigt auf über 100 km/h – das wär früher undenkbar, ein Wunder.

        Die Konstitutionsproblematik scheint mehr oder weniger in der Gehirnforschung aufgegangen zu sein. Zumindest kann man hier am ehesten und greifbarsten nachvollziehen, was gemeint ist, wenn von Sinnesdaten und Begriffsbildung die Rede ist.

        Abbildrealismus – da muss ich an den frühen Wittgenstein denken, bei dem die drei Sphären Sprache – Geist – Welt in einem isomorphen Abbildungsverhältnis stehen. Satz : Gedanke : Sachverhalt. Das hat er dann selber als metaphysisch erkannt und im Laufe seines restlichen Lebens kritisiert. Wodurch zwei der wichtigsten modernen philosophischen Traditionen entstanden sind. Bei der empirischen Forshcung gibt es kein Abbildverhältnis, sondern einen Referenzverhältnis: Man schaut etwas an, d.h. bezieht sich darauf. Man bildet es aber nicht ab. (Dies geschieht bei gewissen wahrnehmungspsychologischen Ansätzen, wo plötzlich im Geist ein Bild auftaucht, und man nicht mehr weiß, ob man nur ein Bild oder etwas aus der Wirklicheit sieht. Das ist tatsächlich eine problematische Theorie. Auch bei Kant ist die Rede vom „Ding an sich“ hochproblematisch)

        Ob das Ganze des Universums beobachtbar ist, ist fraglich, ja. Aber man weiß offenbar oder nimmt begründet an, dass das Universum nicht unendlich ist, eine bestimmte Form und einen bestimmen Durchmesser hat und sich mit Überlichtgeschwindigkeit ausdehnt. Das ist ja schonmal was. Evt. gibt es sogar noch andere Universen (Multiversumstheorie), über die man allerdings mangels Zugriffsmöglichkeit nichts sagen kann.

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        Keine Störungen hätte man, wenn man im Denken, ohne Anschauung, ohne Emprie Naturwissenschaft betreiben könnte. Nicht einmal die Hegelsche Naturphilosophie behauptet so etwas, sondern geht auch von Idealisierungen aus, die – wie er das nennt – die Wirklichkeit „zerquetschen“. In der Quantentheorie hängt es vom Konzept ab, wenn zwei Messungen nicht mit gleicher Genauigkeit gemacht weden können, weil die Bedinungen sich widersprechen, einmal niederfrequentiges einmal hochfrequentiges Licht zur genausten Messung führt, kommt es zu berühmten Unschärfe, die von Planckschen Wirkungsquantum abhängt. Es gab auch Gegenvorschläge, bei der emitierte Teilchen an einem bestimmten Ort festgelegt sind und der Impuls dann genau gemessen werden kann. Die sind aber genauso teuer in der Durchführung und wurden bislang nicht realisiert. So geht es dann nicht um Ereignisse, sondern Ereignistypen, wenn etwas genau ist und man behilft sich mit Wahrscheinlichkeiten. Mit Wunder hat das weniger zu tun, das wäre ein Durchbrechen von Naturgesetzlichkeit. Da Ranken sich allerdings so einige Irrationalitäten an der Quantentheorie.
        Das Ding an sich Problem besagt ganz einfach nur, daß wir von einem Ansichsein keine positive Aussagen machen können, weil Erkenntnisse von unserem Erkenntnisvermögen (im weitesten Sinne, auch materielle Praxis gehört dazu) abhängen. Vom Ansichsein läßt sich gar nicht prädizieren. Hegel hielt das für eine Abstraktion, Kant in anderem Sinne auch. Denn was bleibt, wenn ich von den notwendigen Bedingungen der Erkenntnis abstrahiere vom Gegenstand. In der Erkenntnis haben wir da nur ein ignotum x, ein Noumenon, das wir nur (negativ) denken können. Könnten wir die Dinge erkennen, wie sie an sich sind, (und das ist nicht wie bei F.Engels eine Sache ds wissenschaftlichen Fortschritts) hätten wir das Universum vollständig erkannt. Die mathematische Nichtlösbarkeit des Problems hat Kurt Gödel untersucht, Vollständigkeit und Konsistenz geht nicht zugleich. Darum ist ja auch immer wissenschaftlicher Fortschritt möglich. Die Auflösung aller Störungen (bekannte wie unbekannte) in neue oder alte Naturgesetze ist prinzipiell nicht denkbar.
        Der frühe Wittgenstein hat tatsächlich eine Isomorphie-Verständnis von Wahrheit gehabt und ein atomistisches dazu. Nur ist das auch eine Variante von Abbild- oder Widerspiegelungstheorie. Davon mal abgesehen, daß Wittgegenstein da noch das eigentliche Problem wegabstrahiert hat.
        Dann wären wir wieder beim Konstitutionsproblem, das nicht empirisch aufgelöst werden kann, weil das Problem der Empirie vorausgeht. Auch die Gehirnforschung hat ein – sogar komplexeres – Konstitutionsproblem und das Problem, daß wir zweierlei Konstitutionsweisen haben, einmal ist der Gegenstand ein Naturprozeß, das andere Mal Denken, das ohne die Mitteilung, was gedacht wurde, gar nicht auf den Naturprozeß bezogen werden kann. Es ist – Spinoza hatte das mit dem Substanzmonismus beseitigt – nicht möglich von einem zum anderen zu schließen, Ströme wissen und dann die Gedanken wissen, zumal ja auch Sprache usw. eine Rolle spielt, die ist ja auch konstitutiv. Die Libet-Experimente geben auch nicht das her, was man aus ihnen herleiten kann, wie mich vor etwa 10 Jahren schon Göttinger Neurowissenschaftler bestätigten. Daher geht auch so ein Determinismus wie bei Roth nicht auf.

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        Um auch zur Arbeitszeit bei Kunst und Sport noch was zu sagen: sicher spielt die Zeit hier eine Rolle. Aber nicht als Produktionszeit, die die Anfertigung benötigt. Musik ist ja überhaupt eine Zeitkunst: gestaltete Zeit (das Musikstück fängt irgendwann an, bewegt sich in der Zeit und hört dann irgendwann auf). Das Fußballspiel ebenfalls. Und der Spieler muss wie auch der Komponist Erhebliches an Vorbereitungszeit investieren, ja. Dennoch ist der Erfolg – in dem sich der Wert zeigt (damit meine ich nicht nur den Erfolg im Markt, sondern eher die Frage, ob das Werk geglückt ist) – nicht eine Funktion der Produktionszeit, auch nicht der Vorbereitungszeit. Auch die unterlegene Mannschaft hat viel Vorbereitungszeit investiert. Es geht hier eher um die Qualität, die als solche zeitlos ist. Wir kennen in anderen Bereichen den Ausdruck Qualitätszeit (quality time) – die ist nicht in abgeleisteten Sekunden oder Stunden messbar. Es geht hierbei z.B. um die Intensität. Dieser Aspekt scheint bei Marx nicht aufzutauchen.

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        Musik ist wesentlich von Zeit bestimmt, aber wie man das auch hörbar machen kann, man höre Lachemann, auch der Raum spielt eine Rolle. Aber die Zeit hat bei den Klängen eine Rolle, daher war ja auch der Beriff Anschauungsform für Raum und Zeit ungenau, bei der Zeit könnte man ja eher von Anhörungsform sprechen, wie das U.Sonnemann auch tat. Wir wollen jetzt aber nicht die Wertbegriffe vermischen, die Unterscheidung von Wert und Gebrauchswert, sonst vergessen wir noch den Marx.
        Qualitative Zeitbegriffe – nicht nur bei Bergson – gibt es schon länger etwa die Jahreszeiten oder das Phänomen, das manchmal – it’s boring me – die Zeit nicht vergehen will, also psychologische Zeit. Aber das ist eine – ich habe ich da immer mit beschäftigt – neue Problematik.
        Bei Marx spielt die qualitative Zeit eine Rolle, wegen der Entqualifizierung der Zeit bei der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapitel sogar eine große. Am Anfang ist ja noch abgesehen von der Intensität der Arbeit und Durchschnittsintensität unterstellt. Auch die Synchronisierung der Arbeit hat ja ein Zeitproblem, wenn in der Renaissane plötzlich überall Turmuhren und andere Uhren auftauschen, ist das ein Anzeichen davon. Auch der Volksspruch „Zeit ist Geld“ ist bekannt. Was neu untersucht wird, kann man natürlich bei Marx auch einbauen, etwa Taylorisierung und MTM. Und bei jeder langen Welle der Ökonomie kann man ja auch unterschiedliche Typen technischen Fortschritts unterscheiden, z.B. kapitalsparenden von arbeitssparenden, was ja auch Auswirkungen auf die Gesetzmäßigkeit hat.
        Sportler und Künstler nimmt man wohl auch kaum als typisch für Kapitalismus, obwohl ja die Entkunstung der Kunst, geht ja beides an, also Kulturindustrie auch eine Geburt das Kapitalismus im 20. Jh. war, allerdings mehr eines Übergreifen des Produktionsverhältnis auf andere, tendenziell alle Sphären.

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        Schönberg stand tatsächlich in der Tradition von Bach. Beide haben ein universelles Kompositionsprinzip zur Synthese ihrer musikalischen Mannigfaltigkeiten angesetzt und ausgelotet. Wobei Bach anscheinend dachte, er würde eine Art musikalische Naturwissenschaft betreiben, d.h. die der Musik innewohnenden Gesetze zeigen, auszuführen und bis an ihre Grenzen führen. Bei Schönberg steckt vergleichsweise viel Zufall bzw. Willkür im Bauprinzip, nicht aber in der Ausführung. (Atonale Musik ist das deshalb nicht, Schönberg hat sich gegen diesen Ausdruck gewehrt. Bei atonaler Musik gibt es kein bestimmtes Bauprinzip, und Schönberg hat sein eher willkürliches Bauprinzip ins Zentrum gerückt. Immerhin ging es auch ihm um den Ausdruck von Gefühlen und seelischen Zuständen, und das Bauprinzip, das er benutzte, hielt er für geeignet, diesen Ausdruck zu ermöglichen. Er meinte anscheinend, man könne dasselbe auch oder sogar besser mit nichtharmonischen Bauprinzipien erreichen)

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        Max Webers Musiksoziologie ist da ja interessant, er hat die Stimmungen in einen historischen Zusammenhang gestellt. Etwas, was nach ihm vor allem Adorno auf das gesamte musikalische Material ausgedehnt hat, Metzger auch auf Ch. Ives und John Cage, etwa Cage Klavierwerk hat Ives schon vorgeäfft. Von Atonalität – Schönberg mochte den Ausdruck nicht – spricht man im Gegensartz zur Tonalität, der Dominanz von Tonika und Dominante, daß es einen herrschenden Ton gibt und die Bewegung voraussehbar ist. Schönberg fing ja an die freie Atonalität, die sich aus der Fortentwicklung Wagners (z.b. Tristan und Isolde) ergab, zu praktizieren, bevor er die sog. 12-Ton-Methode etnwickelte, an die er sich freilich auch frei erhob. Die Seriellen haben dann alle Parameter methodisiert. Adorno kritisierte das dann und entwickelte ein neues Konzept in „Vers une musique informell“, das gegen ein neues System sich richtete. In der Musik trägt sich ja auch sowas zu wie das Verhältnis der Individuen zur Gesellschaft, wo wir dann wieder bei Marx sind. Bei der Atonalität gab es immerhin das Wiederholungsverbot, damit nicht ein Ton die anderen dominiert und homophone Ausrutscher, schräge Harmonien klingen auch in der atonalen Musik falsch, machen sich bemerkbar. Natürlich führt das auch zu Abweichungen, etwa willentlich Wiederholung einzubauen, da dominiert was, was an „Manche mögens heiß“ erinnert, wo der als Frau gekleidete Mann immer zu führen versucht und sich den Vorwurf anhören muß: „Du führst schon wieder“. Cage wollte sogar Theater bauen, in dem jeder gleich gut hören kann, gegen den Absolutismus gerichtet. Die Elbphilharmonie sollte ja so was realisieren, aber man hört nun alle Fehler optimal und muß nachbessern.

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        Richtig: Störungen treten dort auf, wo gemessen wird. Dann treten sie sogar immer auf, sofern man auf ein bestimmtes Ziel fokussiert (auch im Labor, dort werden sie lediglich reduziert). In der Theorie sind sie aber voll integriert, d.h. dort stören sie nicht, sind also keine Störungen mehr. Dort gibt es keine Störungen. Ob dadurch die Wirklichkeit zerquetscht wird, weiß ich nicht, dazu müsste man wissen, was die Wirklichkeit denn sein soll und woher wir etwas von ihr wissen könnten, ohne sie anzuschauen (bzw. ohne gelernt zu haben und uns darüber verständigt zu haben, wie man anschaut. Das ist ja auch eine Technik).
        Die Quantenmechanik kenne ich zu schlecht. Ich wusste nicht, dass es immer noch Vorschläge gibt, dass ein Teilchen an einem konkreten Ort ist und dort (!) einen konkreten Impuls haben kann? Diese Vorschläge konnten sich bislang jedenfalls nicht durchsetzen. Die Wahrscheinlichkeit, um die es hier geht, ist keine Wahrscheinlichkeit der ungefähren Schätzung. Es ist eine fundamentale, theorieinhärente Wahrscheinlichkeit, die z.B. in einer Interpretation dazu führt, dass es zwei Schrödingerkatzenwelten zugleich gibt: eine lebendige Katze, eine tote. Unentscheidbar prinzipiell – nicht mangels Informationen. Diesem Befund haftet shcon etwas von einem Wunder an. Oder die Stringtheorie, bei der räumlich extrem entfernte Teilchen miteinander wie an Strings zusammenhängen und zeitgleich umschalten, zeitgleich – ebenfalls sagen wir: ein bisschen wunderbar. Dergleichen kennnen wir aus unserer makroskopischen Erfahrungswelt nicht. Und doch ist es so.
        Bei der Gehirnforschung sehe ich das Problem auch, dass hier etwas referenziert wird, das eben gleichzeitig selber referenziert. Das ist aber etwas Ähnliches wie sich selber in einem Spiegel zu betrachten. Und konkret kann man ja fast zusehen, wie die Wahrnehmung und die Begriffs- und Gedächtnisbildung auf neuronaler Ebene geschieht. Wiederum mit prognostischer Kraft: falls der-und-der Bereich ausfällt, können Sie die-und-die-Dinge nicht mehr sehen oder denken. (Ganz so weit ist die Forschung noch nicht).
        „Dinge an sich sehen“: Das hieße zugleich sehen und nicht sehen, das kann nicht gutgehen. Hier verknotet sich das Denken selber, wenn es das „Ding an sich“ zu denken versucht.
        Denn wenn ich sehe, richte ich eine Perspektive aus, nehme Bezug auf ein Ding (das kann auch ein abstraktes Ding sein). Dieses Ding muss auch anderen grundsätzlich zugänglich sein oder wenigstens gemacht werden können. Und dieses Ding kann durchaus auch das Universum selber sein, über das man immerhin einige Sachen aussagen kann.
        Dass es nicht vollständig (und konsistent) beschrieben werden kann, das stimmt wohl. Aber so ist es eben, das entwertet nicht die einzelnen Aussagen und Erkenntnisse. Da muss man eine gewisse Bescheidenheit an den Tag legen und zufrieden sein mit dem, was man erkennen kann. Darüber hinaus gibt es riesige Bereiche, die man nicht erkennen kann und nie wird erkennen können, Von einigen haben wir zumindest eine Ahnung (z.B. die abgewandte, zu weit entfernte Seite des Universums und die vermutlichen Materiemassen dort) – und bei anderen, von denen wir nie hören werden, können wir nur spekulieren (dann verlassen wir die Wissenschaft).

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        Damals hatte Heisenberg die kritische Unterscheidung zwischen beobachteter und unbeobachteter Welt gemacht, aber auch deterministische Gesetze unkritisch preisgeben, was ein Widerspruch ist. Beobachtungen sind ja wesentlich Messungen, also nicht vorrangig Sinneswahrnehmungen. Da mag es unter bestimmten Bedingungen Unschärfen geben, aber wenn man den Determinismus der unbeobachteten Welt bestreitet, macht man aus der Natur ein „blindes Ohngefähr“ in ihrem Fundament. Die Differenz ist aber wichtig zwischen struktureller Regelmäßigkeit der Natur an sich und was an ihr physikalisch bestimmbar ist. Die Begründung der Regelmäßigkeit, die nicht im Subjekt gründet, ist eine notwendige Voraussetzung dafür, daß Naturerkenntnis nicht als (pathische) Projektion verwirklicht werden kann. Über Spekulation darf man nicht so schlecht denken, denn ohne spekulative Sätze oder theoretische Sätze ist gar keine Wissenschaft möglich.
        Über das Universum oder das Weltganze macht man Aussagen oder Erkenntnis, indem man partikulare Zusammenhänge isoliert, es sei denn man – so es einen gibt, was nur zu glauben ist – ist Gott.

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        „Zeit ist Geld“, ja, manchmal, leider. (Die Bedeutung ist eigentlich: „Beeile dich!“). Dass es kaptialistische Arbeitsbereiche gibt, in denen die Zeit DIE entscheidende Rolle spielt, will ich nicht bestreiten. Je mechanischer die Tätigkeit, desto stärker ist diese Korrelation wohl. Aber Arbeit – nicht nur in Kunst und Sport, auch wie wir uns im Alltag verstehen – geht darin nicht auf. Im Gegenteil: Für bedeutsame, wertvolle Dinge nehmen wir uns Zeit (oder sollten sie uns jedenfalls nehmen). Hier sollte es auf die Zeit nicht so ankommen. Das sind gleichzeitig unsere wichtigsten, intensivsten Situationen: in denen die Zeit scheinbar zum Stillstand kommt und keine Rolle mehr spielt.

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        Die Geschwindigkeit spielt in der Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft eine immer größer werdende Rolle. Wenn man den Marx etwas auffrischen will, kann man sich an Paul Virilio, dem Denker der Geschwindigkeit wenden, für die Gründe eben an Marx des Kapitals. Ich hatte schon in Teil eins über Reichtum gesprochen (da noch mal gucken) Ricardo schon hatte es als disponible Zeit gesprochen. Wer weniger arbeitet ist so gesehen reich. Bei Virilio gibt es noch neben der industriellen die dromographische Revolution, die er als Geburtsakt der Moderne bezeichnet. Die Fusion von Macht und Geschwindigkeit, Dromokratie, spricht er allerdings allen Gesellschaften zu. Die Marxsche Grundlegung kann vielfältige Theorien der Moderne beispringen. Formel 1 ist ja auch ein Werbeunternehmen für die Automobilindustrie. Ich kann das nicht genießen, ich sehe nur Schatten vorbeihuschen, die sich wie Hummeln anhören. Auf Arbeit kommen wir – etwa Teil 4 oder 5 – noch zu sprechen, sonst nehme ich zuviel vorweg.

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        Der Unterschied zwischen Cage und Bach/Schönberg könnte größer nicht sein, scheint mir. Bei Bach kommt es auf Raum und Klang oft nicht an (drastische Ausnahme z.B. Orgelwerke), sondern es geht um die kontrapunktische Struktur. Eigenltich ein Prinzip endloser Variationsmöglichkeiten. Wann ist etwas eine Varation und wann etwas Neues? Welche Zusammenklänge können sich beiläufig ergeben? Oft (auch aus prakttischen Gründen) hat er seine Kompositionen für alle möglichen Instrumente und Besetzungen umgemodelt (wie es im Barock sowieso üblich war). Die „Kusnt der Fuge“ verzichtet gleich ganz auf Instrumente und wird mit allen möglichen Besetzungen aufgeführt. Das sind dann Variationen über einer Partitur, in de res ebenfalls um Variationen geht.

        Ganz anders Cage u. Co. (und andere Pioniere des Klangdesigns). Da geht es darum, wie etwas klingt. Da werden Klaviere aufwenig präpariert, damit es genauso knarzt und raschelt, wie der Komponist es sich vorgestellt hat. Aber eine Begründung, warum jetzt genau dieser Ton in dieser Länge und Höhe – und kein anderer , wird nicht gegeben.

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        Zu Cage empfehle ich Heinz-Klaus Metzger, Die freigelassene Musik. Schriften zu John Cage. Metzger, der nicht weit von Mendelssohn liegt, zitierte gern Adornos Philosophie der Neuen Musik: „Die Möglichkeit von Musik selber ist ungewiß geworden. Nicht, daß sie dekadent, individualistisch und asozial wäre, wie die Reaktion ihr vorwirft, gefährdet sie. Sie ist es nur zu wenig. Die bestimmte Freiheit, in welche sie ihren anarchischen Stand umzudenken unternahm, hat sich ihr unter den Händen ins Gleichnis der Welt verkehrt, gegen die sie sich auflehnt. Sie flieht nach vorwärts in die Ordnung.“
        Metzger ergänzt, was man der Neuen Musik als Anarchismus vorwarf, hat erst Cage eingelöst.
        Improvisation spielt bei Bach natürlich eine größere Rolle, was heute so genannt wird, verdient eh den Namen nicht mehr, wiederholt nur Stereotypen und hält sich für frei. Kontrapunkt spielt in der polyphonen Musik eine große Rolle, Ernst Kreneck hat ja auch eine 12-Ton Kontrapunktlehre geschrieben, die Metzger übersetzt hat. Mit der Geschwindigkeit der Zeit nimmt, wie an Beethovens Tempi (die er mit Metronomangaben vorschrieb) zu sehen ist, auch die Geschwindigkeit in der Musik zu. Die Reaktion will dann das langsamer spielen und Musiker bedrohen Dirigenten, weil ihnen die Finger wehtun.
        Einige Cage-Aufführungen des Esembles Musica negativa kann man bei Amazon runterladen. Ich spiele sie manchmal im Radio, wenn es paßt. Anarchie wird da ja auch als ästhetische Kategorie wichtig. Darauf wies Metzger, der gestern 85 geworden wäre, immer hin. Mir sterben meine Freunde weg, merke ich langsam. Statt philosophische Abhandlungen Trauerreden zu schreiben, ist wohl eine Alterserscheinung. Auch hier wieder die Zeit.

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        Den Determinismus einer unbeobachteten Welt zu bestreiten wird schon daran scheitern, dass wir gar keine Aussagen über die unbeobachtete Welt treffen können, da die ja unbeobachtet ist. Wer weiß wie die aussihet. Was hinter unserem Rücken so vor sich geht. Vielleicht wird da gezaubert oder es tanzen die Puppen auf den Tischen.
        Aber was wir sehen, wenn wir die Augen aufmachen, ist ein nicht von der Hand zu weisender Determinismus, der darin besteht, dass der Apfel immer nur vom Baum auf den Boden fällt, aber nie wieder zurück. Und wir sehen, dass dieser Determinismus auf Verhältnissen aufgebaut ist, sozusagen im Untergeschoss, die ihn zumindest doch arg zum Tanzen bringen. Man weiß nicht mal, ob es ein Ding oder eine Welle ist, was da unten herumschwirrt. Normalerweise müsste das so klar sein wie nur irgendwas. Andere Dinge erscheinen plötzlich und sind wieder weg, ohne dass man wüsste, wann und wieso. Wieder andere Dinge sind zu Paaren angeordnet und verhalten sich, als wären sie EIN Ding: dreht sich das eine, dreht sich auch das andere, gleichzeitig, aber es liegen Lichtjahre dazwischen. Es ist nicht so, dass dort unten gar keine Gesetze herrschen. Aber Voraussagbarkeit sieht anders aus. Wir sollten nicht darauf hoffen, dass wir dieses Chaos da unten irgendwann in den Griff kriegen, so dass wir sagen: Achso, ja nun endlich ist alles schön aufgeräumt und voraussehbar. Im Gegenteil eher: Je mehr wir wissen, desto unübersichtlicher wird es.

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        Daß wir keine postive Aussagen über das Ansichsein der Natur machen können, besagt nicht, daß wir gar keine Aussagen machen können. Das intelligibele Substant der Natur können und müssen wir in ihrer konstitutiven Bedeutung für die seiende Natur erkennen, sonst wären Phänomene bloße Vorstellungen, und keine Vorstellungen die relativ sind auf die vorgestellten Dinge und die vorstellende Subjektivität. Erscheinungen können nicht Erscheinungen von nichts sein. Kant tendierte zu einer Umwandlung des erkenntnistheoretischen zu einem ontologischen Chorismus von intelligblen Wesen und Erscheinung, woraus dann auch in der Denkbewegung von Fichte bis Hegel die Unerkennbarkeit des Ansichseins der Dinge in dessen Bedeutungslosigkeit für die Phänomene umschlug. Der Anspruch der Phänomene auf innere Bestimmtheit wird so zum Schein. Kant hatte ja immerhin erkannt, daß aus dem unbekannten Ansichsein der Phänomene, deren Gesetzmäßigkeit nicht als allgemeine und notwendige sich begründen ließ. Der Kritische Weg bestand in der Beschränkung auf eine negative Metaphysik, da wurde das Noumenon als Grenzbegriff gefaßt und die Unmöglichkeit der Deduktion der Welt aus Gott begriffen. In der Bewegung zu Hegel wurde die erscheinende Welt zur allein vorhandenen Welt, alles Transzendente verhauchte. Das führt zur reinen Immanenz und kann als heimlicher Positivismus gelten. So wurde die Stärke und Überlegenheit von Hegels System zur Schwäche. Das korrigierte die Kritische Philosophie, die von Spinoza, Schelling, Marx zu Adornos Negativer Dialektik führte, die den Kritizismus bewahrte. Ansichsein und Erscheinung können nicht dualistisch gefaßt werden. Weder ein positiver Determinismus (Laplace) noch ein Indetermismus sind triftig. Auch die traditionelle Metaphysik speiste sich aus einem heimlichen Positivismus, der abstrakten Imitation des Gegebenen zu ontologischen Wesenheiten, dies seit Platon und Aristoteles vorhandene Defizit, konnte Kant mit seiner negativen Metaphysik beheben, aber um den Preis, daß das Wesen nicht mehr positiv zu erkennen war, sondern nur die negative Erkenntnis, daß der Realgrund der Erscheinungen diese nur begründen kann, wenn er – unerkannt in seiner Bestimmtheit – doch strukturiert sein muß, wenn das Vorstellen der Dinge nicht Beliebiges in die Natur hineindeuten kann. Der unkritische Positivismus identifizierte die Kenntnis der naturwissenschaftlich fixierbaren Teille mit der Kenntnis des Ganzen. Marx war noch nicht vollständig zur Einsicht in eine negative Metaphysik gekommen, die das konstituirende Fundament der Natur begreift. Auch Popper kann die objektive Geltung der Naturgesetze nur noch glauben, d.h. mit dem unwissenschaftlichen Argumen, daß ohne sie keine Beobachtung und Sprache möglich wäre. Er kannte das Ansichsein nur im Sinne eines unkritschen Essentialismus, der diese Tautologie, von der die Rede war, teilt. So bliebt nur der Sprung ins Irrationale. Das intelligible Ansichsein erscheinender Dinge verkörpter eine präsubjektive Ordnung, in der jedes Seiende die objektive Grundlage seiner Erkennbarkeit hat. Das fehlt auch bei Heidegger, so daß ein in sich nichtiges Sein zum Ursprung menschlicher Aussagen über Seiendes gemacht wurde. Kürzer kann ich es nicht sagen. Ausführlich wird das vielleicht mal als Buch erscheinen.

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        Das Formel-1-Gebrause ist für mich auch nix. Ich finde es langweilig und würde mir auf die Nerven gehen ,wenn ich es gucken würde. Ja, Bach war ein Meister der kontrapunktischen Improvisation: Echtzeit-Variationen, aus dem Ärmel geschüttelt, immer neue Abwandlungen, Verschiebungen, Streckungen, Kürzungen, Umkehrungen, und das alles gleichzeitig in mehreren Dimensionen mit mehreren Stimmen. Dabei immer schön auf die Zusammenklänge achten und die Tonarten so modulieren, dass man wieder da ankommt, wo man losgefahren ist. Formel 1 ist nichts dagegen. Und das Ergebnis nichts weniger als lautes vielstimmiges Gebrause, oft von ganz zart, völlig unangestrengt. Ich hoffe ich habe noch etwas Zeit mit den Trauerreden.

        Nun ist für mich aber erstmal genug.

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        Das bezieht sich aber zum großen Teil auf die beobachtete Welt und abstrahiert dann davon. Was wir aus der beobachteten Welt abstrahieren, sind aber Eigenschaften der beobachteten Welt, nicht der unbeobachteten. Bei der unbeobachteten Welt wissen wir nur, dass es eine Welt ist. Das haben wir ja mit dem Begriff ausgesagt. Sonst wissen wir gar nichts. Man müsste sich also mit der Frage beschäftigen, was „Welt“ bedeutet. Eine unbeobachtete Welt (Welt an sich) muss zumindest die meisten Eigenschaften (gar nicht mal alle!), die jede Welt eben hat, auch haben. Das ist in erster Linie: einen Weltraum zur Verfügung zu stellen, in dem sich Dinge bewegen können (Raumzeit). Zumindest scheint mir, dass man sich eine raumzeitlose Welt nicht vorstellen kann, d.h. dass das sich mit dem Begriff der Welt widerspricht. Ob sich in der unbeobachteten Welt wirklich Dinge aufhalten, können wir nicht sagen. Dazu müssten wir die Augen aufmachen. Vielleicht ist die unbeobachtete Welt ja leer. Klar: immer wenn wir hinsehen, sind Dinge da. Und es sind sogar immer dieselben, was recht beruhigend ist. Wir gehen daher davon aus und haben auch gute praktische Gründe, dass sie auch noch da sind, wenn wir nicht mehr hinsehen. Aber logisch ist das nicht.
        Auch die Sprachspiele, mit denen wir uns von Anfang an über die Welt verständigen, erfordern offene Augen und Ohren. Die Babys haben weit offene Augen und Ohren.

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        Seit Kant kann man wissen, daß in der beobachtbaren Welt nur Konstituta, ein Mannigfaltiges, das durch eine Einheitsleistung der ursrpünglichen Selbsteinheit des Bewußtseins als Einheit eines Gegegenstands gestiftet wird, vorliegen. Wenn davon die Rede ist, das der Grund dieses Gegenstands selber nicht positiv erkannt wird, ist das eine metasprachliche Unterscheidung keine objektsprachliche. An sich heißt ja auch unbezüglich. So ist Das Ansichsein des Gegenstands der Gegenstand wie er ohne unseren Bezug auf ihn ist. Daß er nicht positiv erkannt wird, heißt nicht, daß es ein weiterer Gegenstand sei von dem dann unerkennbar prädiziert wird, was objektsprachlich wäre. Sondern es wird gesagt, daß nicht prädiziert werden kann. Die Negation ist nicht objektsprachlich, sondern metasprachlich zu verstehen. Damit löst sich auch der Widerspruch auf, den die Nachfolger von Kant sehen wollten. Genau genommen sind es ja auch keine zwei Welten, sondern zwei Aspekte der Welt. (Jetzt nicht an Leibniz Monadenlehre und Ideen von Paralleluniversen denken, das ist eine andere Problematik) Ein subjektiver Idealist, den Kant in seiner Kritik des Idealismus bemüht, wäre Berkeley wegen des esse est percipi, Sein ist Wahrgenommenwerden. Damit die Dinge nicht verschwinden könnten, wenn wir sie gerade nicht erkennen, mußte er postulieren, daß Gott sie immerzu denkt, daraus entsprang auch aus dem europäischen Rationalismus der Okkasionalismus (der auch eine lange Tradition hat, etwa im Islam), wo dann Gott sogar immer denken muß, wenn wir wir etwas denken. Kant wollte ja einen philosophischen Beweis der Realität, daß wir von den äußeren Dingen Erfahrung und nicht bloß Einbildung haben. Das wir zweifelsfrei ein Bewußtsein des eigenen Dasein haben, beweist bei ihm das es äußere Gegenstände gibt, weil ohne diese Bedingung wir auch von unserem Dasein nichts wissen könnten. Raumzeit, Kategorialität bringt das Subjekt in die Welt, das Subjekt erzeugt sie in Relation zur Welt. Eigenschaften einer an sich seienden Welt ist ein Widerspruch, weil Eigenschaften ja gerade relational sind und das Ansich unbezüglich. Kant ließ sich nicht aus, welche Funktion das Ansich bei der Erkenntnis hat und wie es auch die Gegenstände konstituiert; in der Kritik der Urteilskraft spricht er vom Realgrund der Erscheinungen oder intelligiblem Substrat. Dieser ist transzendent, immanent sind aus dem Weltganzen separierte Naturvorgänge, die unter meßbaren Bedingungen sich vollziehen. Natürlich gibt es keine wirklichen isolierten Dinge, das ist Abstraktion und Experiment. Ohne ein strukturiertes Ansichsein, das zugrunde liegt, könnte man widerstandslos in jede Erscheinung beliebige Gesetzmäßigkeiten hineinkonstruieren.
        Wenn vom Bezug abstrahiert wird, bleibt das Unbezügliche, da geht es um eine andere Art von Abstraktion, nicht um die empirische.

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        …Ansichsein und Erscheinung – das sind Abstraktionen aus der beobachteten Welt. Wir sehen uns um, denken nach und meinen dann, diese beiden Aspekte sinnvoll voneinander unterschieden zu können. Ob das wirklich möglich ist, sei dahingestellt. Jedenfalls sollten wir die Voraussetzungen anerkennen, die uns diese Unterscheidung ermöglicht haben: die Sprache, die wir von den Eltern und voneinander gelernt haben, die regelbasierte menschliche Lebensweise. Es gibt einen interessanten Aufsatz von Thomas Nagel: Was es bedeutet, eine Fledermaus zu sein. Da sieht die Welt – ob beobachtet oder nicht – schon ganz anders aus.

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        Erscheinung ist ein Konstitutum, eine Beziehung auf das Erkenntnisvermögen, das Ansichsein kann nicht zur beobachtenen Welt gehören, in die Erscheinungen fallen, denn es ist gedacht als das Unbezügliche. Mit der psychologischen Problematik oder erkenntisphysiologisch hat das gar nichts zu tun. Wobei man ja in den Wissenschaft von Beobachtungen redet, nicht im Sinne der Wahrnehmung von Eigenschaften der Dinge, es ist eine Apparate-Sinnlichkeit, Meßgeräte und Gegenständen unter meßbaren Bedingungen. Es ist auch eine eingreifende Beobachtung, keine kontemplative. das Problem bei der Quantentheorie war ja, daß man das Eingreifen nicht herausrechnen kann.
        Bei Marx haben wir ja den Doppelcharakter der Ware, einmal ist sie in der Naturform konstituiert, dann aber auch in der Wertform. Das entspricht dem in den Pariser Munuskripten erkannten Unterschied, zwischen Vergegenständlichung und Entfremdung (Entäußerung). Mit Geld zu hantieren hat ja schon was von gemeinsamen Wahn oder „theologische Mucken“(Marx)

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        Ich fürchte ich verstehe das trotz Kantlektüre nicht und muss deshalb entgegnen: Ohne Bezug ist auch ein „Ding-an-sich“ bestenfalls ein Ding und sonst nichts. Und auch das nur deshalb, weil wir das Wort „Ding“ als Subjekt in einen Satz gesetzt haben. Ein Begriff ohne Bezug ist eine Hülse. Wir reden über einen unbeobachteten Gegenstand, damit meinen wir einen Gegenstand, über den wir nichts sagen können („Kein Prädikat“). Wir können nichts sagen, aber sagen trotzdem etwas. Aber was? Dass er ein Gegenstand (oder „Ding“) ist, sofern er überhaupt ist. Das hat nicht viel Aussagekraft. Dagegen ist ein Einhorn ein quicklebendiges Geschöpf.

        Nur weil Berkeley sich nicht vorstellen kann und will, dass die unbeobachteten Dinge verschwinden können, wenn wir nicht hinsehen, heißt das nicht, dass sie nicht doch verschwinden können. Sie tun es nur nicht. Es ist schön, wenn sie nicht verschwunden sind, dann leben wir noch (apropos Trauerreden).

        Wir können nur wissen, dass etwas ist, indem wir uns vergewissern. Wenn es keine Möglichkeit gibt sich zu vergewissern, können wir keine Aussagen treffen. Die Aussage ist nicht definiert. Eine Null im Nenner (= ein Ding an sich) ist sinnlos im Zusammenhang unserer Mathematik (=Sprache).
        Wir können metasprachlich über solche Aussagen reden, ja, das tun wir ja hier grade.

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        Die Rede über die Unerkennbarkeit des Ansichseins ist ja metasprachlich. Die Frage ist ja, ob wir die Dinge erkennen, wie sie an sich sind, wenn wir die Konstituta erkennen. Die Antwort ist Jain, denn es bleibt ein unverfügbares Moment, ein Nichtidentisches mit der Erkenntnis, auch wenn wir erfolgreich in die Welt eingreifen können, was zeigt, daß die Natur auf Erkenntnis hingeordnet ist. In der Erscheinung zeigt sich halt etwas, was nicht erscheint.

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        „Ansichsein kann nicht zur beobachtenen Welt gehören, in die Erscheinungen fallen, denn es ist gedacht als das Unbezügliche“ – ja so ist es wohl gedacht. Es ist eine Abstraktion, die alles weglässt von dem, was wir sehen und hören oder sonstwie bemerken, sogar von unserem Seh- und Hörvermögen und von unserem begrifflichen Apparat – der eben wesentlich ein referentieller, ausgerichteter ist. Es ist ein Versuch, von alldem zu abstrahieren, was unseren Geist ausmacht (Intentionalität u. Referenzialität) – um irgendeine Essenz zu erfassen. Aber dabei wurde zuviel wegabstrahiert. So viel, dass nichts mehr übrigbleibt.

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        Die Problematik ist nicht erkenntnispsychologisch. Wir erkennen das an den Dingen, was sich auf uns bezieht. Was außerhalb des Beziehungsgefüges ist, darüber können wir aber nicht erkenntnismäßig prädizieren. Das wäre eien Frage einer Metaphysik, in dem Fall einer negativen Metaphysik, nachdem die affirmative seit Kant zu Protest ging. Was wir erkennen, ist von unserem Vermögen bedingt. Daß das Außer dieser Relation die Relation mitbestimmt – sonst wäre eine Erscheinung keine mehr von etwas – ist notwendig, sonst wäre es eine Relation ohne Relatum auf der einen Seite, was unlogisch ist. Oder eine Selsbtbeziehung, dann wäre es ein absoluter Idealismus.

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        …es gäbe vielleicht noch zu ergänzen, dass es sowas wie Vertrauen gibt, das da einspringt, wo die Vergewisserung aufhört. Man kann sich ja nicht immer vergewissern, aber tut es sehr oft, viel häufiger als es uns bewusst ist. Ohne Vertrauen hätten wir tatsächlich Probleme, wenn wir nachts die Augen schließen, weil wir befürchten müssten, aufzuwachen und die Welt ist ganz anders. So wie Kinder das tatsächlich auch manchmal haben. (Die Angst, dass die Welt am nächsten Morgen weg und man selber noch da ist, wäre allerdings unbegründet, denn man ist ja ein Teil der Welt. Wenn die weg ist, ist man mit ihr weg. Dass die Welt noch da ist, wenn wir selber weg sind, ist sehr wahrscheinlich. Aber sicher wissen können wir das nicht, denn wir werden das nicht überprüfen können)

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        Im Traum, der den Schlafzustand aufrechtzuerhalten die Funktion hat, wirkt die Welt ja weiterhin auf einen ein und das weckt auch Bedürfnisse, die dann ggf. halluzinatorisch befriedigt werden, was aber Projektionen sind. Sind es Wünsche, die illegitim sind wird der latente Trauminhalt so verändert, das man das im manifesten nicht auf Anhieb erkennt, so daß die Wunscherfüllung am Gewissen sich vorbeischleicht. So kann man sagen die Welt ist da und auch nicht da. Wenn wir im Schlaf die Welt verließen, hätte ich ja – so es eine für mich gibt – mich in eine andere begegeben. Aber so bleibt halt nur Kritik und Politik.

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    “ Bei Lenin ist das differenzierter zu sehen, zumal es ja diverse Auseinandersetzungen theoretischer Art gab.“
    na ja – der Putsch war weitgehend unblutig,
    aber dann setzte eine Herrschaft der rohen Gewalt ein. Die Brutalität der Bolschewiken reicht mir. Muss es gleich wie bei Stalin und Mao Massenmord sein, um von Makro-Verbrechen zu sprechen?

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      Den Leninisten, aber auch den Trotzkisten, gefiel ja schon in den 60er Jahren – fast 50 Jahre ist das schon her – die antilenistische Kritik gar nicht, weil sie die letzten Wurzeln des Stalinismus in Lenins Theorie ausmachen wollten. Je nach Perspektive hat man die Entwicklung Rußlands nach der Bauerbefreiung 1861 als semi-asiatischen Staatskapitalismus – da denke man auch an Lenins Liebhaberschaft für den Neomerkantislismus des Deutschen Kaiserreichs, die Deutsche Post galt ihm als Vorbild für Sozialismus – oder manchmal auch moderner eingeschätzt. Da Marx eher behandelt wurde wie in der Scholastik die Autoritäten und hatte man ein passendes Zitat, so meinte man schon so was Ähnliches wie eine Theorie gefunden zu haben. Lenins Auseinandersetzung mit den Narodniki (Volkstümler). Wichtig wurde der Briefwechsel von Marx mit Vera Sassulitsch in den 1880ern. Lenin ging davon aus, daß die Dorfgemeinde kein tragfähiges Fundament war und dachte an eine nachholende industrielle Entwicklung, die die Basis an Produktivkräften für eine sozialistische Entwicklung schaffen sollte. Nach dem sog. „Kriegskommunismus“ kam es daher auch zur „Neuen Ökonomischen Politik“, die dann gesellschaftliche Ungleichheit verstärkte, die dann weg-guillotiniert werden sollte (Kollektiviierung). Von Lenin so eingeseift wurde man von Stalin rasiert. Das Problem war ja auch, daß die russische Arbeiterklasse eine Minderheitenposition einnahm, auf der anderen Seite sollte ja nur diese eine Revolution machen können. Diese Orientierung erzeugte in Lenin ein Vertrauten in die Revolutionstheorie Marxens, was aber nur partiell gerechtfertigt war, sondern dann doch zu einer bolschewistischen Diktatur führte, deren „permanente Revolution“ mehr zur Konsolidierung und Zentralisierung der Macht in den Händen von Lenins Partei führte. Paul Mattick sagt sehr richtig: „Die Bolschewiki verteidigten ihre Machtposition gegen innere udn äußere Gefahren, statt für eine Weltrevolution zu kämpfen, die aller RÜckständigkeit und Unterdrückung ein Ende bereiten würde.“(Marx und Keynes, S. 305) Gerade die bürgerlichen und kapitalistischen Züge der Revolution hätten Kritikpunkt sein müssen, auf der anderen Seite stelle die bolschewistische Diktatur für die Reformisten eine unnötige Gewaltsamkeit dar. Und Mattick bemerkt folgerichtet. „Lenins dogmatisches Programm ging weit über die Notwendigkeit demokratischer Reformen hinaus; es zerstörte die Grundlage der Evolution von der bürgerlichen zur sozialistischen Gesellschaft.“(ebenda) Beim Staatskapitalismus, der Mittel sein sollte, blieb es dann, was bis heute im russischen Mafiakapitalismus nachwirkt.
      Als Kritiker der Entwicklung, ist es besser nicht so viel zu personalisieren, sondern mehr die Bedingungen, die bestimmte Persönlichkeiten an die Macht brachten, zu analysieren. Die Übergänge zum Verbrecherischen sind allemal ziemlich fließend, gerade dann, wenn bestimmte Grenzen überschritten wurden.
      Ich möchte ja auch die marxschen Kategorien so darstellen, daß sie auch die östliche Entwicklung des Staatskapitalismus oder Etatismsus zu kritisieren helfen. Meine Vermutung oder Hypothese ist, daß da noch ein großes Potential bei Marx herauszuholen ist. Was Marx im Band III zivilisatorische Seite des Kapitals nannte, das schien in Rußland jedenfall zu fehlen. Und dieses Fehlen ist so eine Art Causa Defficiens narzißtische Diktatoren hervorzubringen.

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    Engels spielte keine unmittelbare politische Rolle, lassen wir ihn also außen vor.

    Lenin, Stalin, Mao sind Verbrecher. Es geht ihnen nicht um Theorie, sondern um politische macht – ohne jede Skrupel. „Redliche Marxisten“ mussten keine Theorie dieser Leute „aus ihrem Weltbild“ streichen, weil sie keine Theorie hatten. Das gilt auch für Fidel Castro. Kommunismus wird zur Sprechblase, und es beginnt ein unsäglicher Machtkampf, dessen Folgen wir heute leider immer noch sehen..

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      Bei Lenin ist das differenzierter zu sehen, zumal es ja diverse Auseinandersetzungen theoretischer Art gab. Das Wertgesetz, so viele Kritiker, hatte er gar nicht begriffen. Und Lenin sah in der Bestimmung der Wertgröße, nicht in der Analyse der Wertform den Fortschritt von Marx. In einer Rezension von Rudi Dutschke, Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen, endete der Autor mit: „Lenin, so scheint es, wird weiterhin auf dem Kopfe stehen. Er hat nämlich keine Füße.“(Stefan Breuer, Utopie als Affirmation.Leviathan 2. Jg. 1974, S. 572-596)
      Ähnlich wie S.N.Eisenstadt, sehe ich nicht nur bem Fundamentalismus, einen jakobinischen Grundzug der Moderne, wie er das u.a. Die Antinomien der Moderne. Die jakobinischen Grundzüge der Moderne und des Fundamentalimsus. FfM 1998 entfaltet hat.
      Darin steckt nicht nur der Wille zur politischen Macht, sondern ein Gewaltcharakter darüber hinaus. Lenins Werke machen ja immerhin 40 Bände aus, nicht nur politische Reden, sondern auch theoretische Abhandlungen. In Drei Quellen des Marxismus spricht er ja sogar davon, daß der Marxismus allmächtig sei, weil er wahr ist, so ganz anders als Marx, der etwas dagegen hatte mit Knie nieder, hier ist die Wahrheit, aufzutreten, wie in dem berühmten Brief an Ruge geschrieben steht. Um solche Dinge zu hintertreiben lohnt sich immer noch die Marginalien zu Theorie und Praxis von Adorno zu lesen.

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    „Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.“(MEW 23, 559)

    … nun ja, ich meine das ist Geschwurbel. Wenn ich mein Auto verkaufe gehört es mir nicht mehr. Der Arbeiter bekommt Lohn. Das heißt, seine Arbeit wird unmittelbar in Geldbesitz umgewandelt. Wie kann Marx schreiben, dass die Arbeit keinen Wert hat? Als Wert sehe ich die Bezahlung für Arbeit. Für den Arbeitgeber ist die gekaufte Arbeit von Wert. Ja und? Ob die Bezahlung fair oder die Bezahlung sich rentiert, ist eine andere Sache.

    Da gibt es, nach meiner Meinung, auch nix zu abstrahieren. Da ist nix mit ‚Unendlichkeit‘ wie in der Mathematik, das ist schlichte Finanzmathematik. Meine ich. 😉

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      Der Lohn dient der Bezahlung nicht der Arbeit, sondern der Arbeitskraft oder Arbeitsvermögens. Das hat auch eine rechtliche Form. Wenn für die Arbeitskräfte nichts zu tun ist, weil die Waren sich nicht verkaufen lassen, die Maschine defekt ist und sie werden nach Hause geschickt, aber bezahlt. Denn sie müssen nur ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Ist sie nicht ausbeutbar, ist das Pech für den Unternehmer. Damit ist auch rechtlich anerkannt, daß es die Arbeitskraft, nicht die Arbeit ist, die bezahlt wird.
      Die Begriff aktuale und potentielle Unendlichkeit (Hegel nennt sie schlechte Unendlichkeit) gibt es schon sehr lange, nicht erst in der Mengelehre. Finanzmathematik, solche Bindestrichwissenschaften gab es damals noch nicht, als diese Begriffe geprägt wurden. Die Parallelen bei Marx mit dem Unendlichkeitsbegriff, Vollständigkeit usw. gingen mir bei der Beschäftigung mit Kurt Gödel auf, als durchaus Grundlagenforschung.

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        M: ‚Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.‘ … klar hat die Arbeit erst dann einen Wert wenn sie getan wird, so ein Quark. Aber nun ja, nix für ungut, werter M.B., für mich bleibt das unnützes Geschwurbel oder es ist für mich zu hoch. Es gibt Arbeitskosten und Lohnstückkosten … usw. … richtig. Auch die beschreiben noch lange nicht den ‚Wert‘, den bestimmt ganz allein der Absatz der Waren, also der/die Käufer. Sei denn, Sie arbeiten beim Staatsfunk, dort findet sich, mit den Zwangsgebühren, die Marx’sche Ideologie. Die Arbeit dort ist tatsächlich ohne ‚Wert‘ … und dass ein AG einen AN bezahlt, wenn er ihn wegen einer def. Maschine nach Hause geschickt hat, haben Sie wo gelesen?

        … was ist, was sollte denn eigentlich die Konsequenz daraus sein, wenn Marx schreibt, Arbeit hat, wenn sie nicht getan wird, keinen ‚Wert‘? Für mich klingt das so: den 100-Meter-Lauf schaffe ich ohne laufen in genau 0 Sekunden. Wer ist schneller?

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        Wenn gearbeitet wird, wird – sofern die Gesellschaftlichkeit der Arbeit an sich besteht und nicht für einen selber gearbeitet wird – bekommt die Arbeit auch keinen Wert, sondern sie erzeugt – neben Gebrauchswert, nützliche Güter – auch Wert. Wir werden noch darauf kommen, daß der Wert, der da erzeugt wird größer ist, als der Wert der Arbeitskraft. Die Zirkulation oder der Austausch erzeugt gar keinen Wert, allenfalls kann erzeugter umverteilt werden. Es ist ein Nullsummenspiel, wie das heute manchnmal genannt wird, was der eine dann mehr in der Tasche hat, wenn die Äquivalenz im besonderen Fall – nicht im Durchschnitt der Gesellschaft, um den es Marx erst einmal geht – nicht vorliegt, dann hat jemand anders dann weniger in der Tasche, aber im Schnitt ist das eben nicht so. Es ist schwierig, solche Dinge als exmplarisch für das Allgemeine zu betrachten und nicht konkretistisch, das glaube ich. Nur, um nachzuvollziehen, was Marx da gedacht hat, ist das dann doch wichtig. Es ist wenig ergiebig, wenn man eine Theorie oder eine Kritik dort kritisiert, wo sie gar nicht steht. Das steht im BGB
        § 615
        Vergütung bei Annahmeverzug und bei Betriebsrisiko

        Kommt der Dienstberechtigte mit der Annahme der Dienste in Verzug, so kann der Verpflichtete für die infolge des Verzugs nicht geleisteten Dienste die vereinbarte Vergütung verlangen, ohne zur Nachleistung verpflichtet zu sein. Er muss sich jedoch den Wert desjenigen anrechnen lassen, was er infolge des Unterbleibens der Dienstleistung erspart oder durch anderweitige Verwendung seiner Dienste erwirbt oder zu erwerben böswillig unterlässt. Die Sätze 1 und 2 gelten entsprechend in den Fällen, in denen der Arbeitgeber das Risiko des Arbeitsausfalls trägt.

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        ‚Das steht im BGB § 615 Vergütung bei Annahmeverzug und bei Betriebsrisiko‘

        … in der Praxis, besser für die Diskussion können Sie den § 615 BGB vernachlässigen, meine ich. Tatsächlich findet er nur bei Streitigkeiten zwischen AG und AN Anwendung. Für die Diskussion geht der AG in Insolvenz, dann bekommt der AN, möglicherweise, gar nix (direkt) vom AG, oder der AG verordnet mangels Aufträge Kurzarbeit, die aus den Beiträgen des AG und des AN, also aus den allgemeinen Arbeits- und Lohnstückkosten, usw., ‚vorfinanziert‘, von ‚Wert‘ ist … jau, das ist besser als Marx. Tatsächlich ist also der ‚Wert‘ der Arbeit, auch wenn nicht vorhanden – da. *rofl* 😉

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        Das ist ja auch nur ein Indikator dafür, daß nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft bezahlt wird. Rechtliche Normen – Normen sind ja immer kontrafaktische Verhaltenserwartungen, wie Niklas Luhmann sich mal ausdrückte – dienen ja immer, um von der Norm abweichendes Verhalten zu verhindern oder zu sanktionieren.
        Der Umgang mit Beispielen, die ja nur dem Spiel beiherspielen, indem man sie gegenüber dem, was sie illustrieren sollen, verselbständigt, ist übrigens für Erkenntnisgewinn destruktiv. Auf die Kategorie des Lohns als Preis der Arbeitskraft und die Lebensmittel, die zu dessen Reproduktion notwendig sind, darauf kommen wir ja noch. So ein wenig im Nacheinander etwas zu entwickeln, erfordert erst einmal Geduld, die dann später mit Einsichten belohnt wird.

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    Sehr schön gezeigt, wie hegelianisch Marx argumentiert. Das zeigt aber auch, dass Marx für uns heute ein Autor ist, den wir wie Smith als historischen Text lesen müssen.
    Im Grunde war der real existierende und extrem autoritäre Kommunismus ein Werk von Engels, Stalin, Mao.
    Putin folgt nur noch dem russischen Nationalismus und die anderen Diktatoren, seien sie klein wie Assad oder groß, sind nur noch gefährlich. Wir beobachten zurzeit deren Werk und sehen: es sun Nationalisten mit unverantwortlichen geopolitischen Gelüsten. Persönlich sind es schlicht Egozentriker.

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      Hegel spielte in der Tat für Marx auch im Kapital eine Rolle. Die Marx-Philologie unterscheidet mindestes zwei Hegel-Aneignungen. Zunächst eine von Ludwig Feuerbach motivierte, die Hegels „Verkehrungen“ von Subjekt und Prädikat kritisierte. Dann hatte er später ein von Bakunin stammendes Exemplar der Hegelschen Logik bekommen, von der er sagte, er hätte sie „durchgeblättert“. Was aber die Funktion der Hegelschen Logik war, bestimmt sich dadurch, daß die von Feuerbach und jungen Marx festgestellten Verkehrungen tatsächlich die Wirklichkeit mehr wiedergeben als er vorher dachte. Insbesondere Adornos Negative Dialektik hat das zur Kenntnis genommen und auch universalientheoretisch reflektiert. Im Gelde haben wir durchaus ein Allgemeines, das – trotz nominalistischer Genesis – realistischen Charakter annimmt. FÜr die modernen Sozialwissenschaften und Sozialkritik bedeutet das, daß es so etwas wie ein existierendes Allgemeines gibt. Der Nomininalismus dagegen behauptet, es gebe nur Einzelnes. Je nachdem wie radikal das vertreten wird, gibt es dann nur noch Individuen, aber keinen Staat, keine Gesellschaft, die für sich betrachtet werden kann.
      Mit Marx, so die Konsequenz, die ich daraus ziehe, läßt sich aus der Hegelschen Philosophie noch so einiges herausholen, was uns die Welt begreifen hilft.
      Jeden Text, so würde ich die Aussage noch überbieten, sollte man historisch lesen. Von Hegel läßt auch das sich lernen, daß jeder Text einen historischen Wahrheitsgehalt hat. Benjamin, dann Horkheimer und Adorno, sprechen vom Zeitkern der Wahrheit, wobei es so ist, daß die Wahrheit uns hat und nicht wir die Wahrheit. Falsches kann zwar gedacht werden, aber es erweist sich an Widersprüchen und scheiternder Praxis, daß es falsch ist. So die Behandlung von Smith und Ricardo von Marx. So auch eine Artikel über „Das Problem der Wahrheit“ in der Zeitschrift für Sozialforschung. „Die Wahrheit ist ein Moment der richtigen Praxis; wer sie jedoch unmittelbar mit dem Erfolg identifiziert, überspringt die Geschichte und macht sich zum Apologeten der je herrschenden Wirklichkeit; die unaufhebare Differenz von Begriff und Realität verkennend, kehrt er zu Idealismus, Spiritismus und Mystizismus zurück.“(ZSf IV S. 345) Hier wird auch der Pragmatismus kritisiert, der jeden Erfolg schon als Wahrheitskriterium akzeptiert, wie wir das heute kennen, wenn von „postfaktischem Zeitalter“ die Rede ist oder von alternativen Fakten oder dergl.
      Max Weber, den ja schon der junge Lukacs und andere, die dann zum Westlichen Marxismus gerechnet wurden, mit Marx verbanden, ist wie Marx noch jemand, von dem auch genug zu lernen wäre. Was er „plebizitäre Führerdemokratie“, so eine Mischung von charismatischer und bürokratischer oder rationaler Herrschaft, nennt, ist wirklich geworden. Die Übergänge zur Diktatur sind fließend, vielleicht mehr zur kommisarischen Diktatur als zur souvären. Dies ist zu erkennen an Erdogan z.B.
      Daß – nach einer Einsicht von Richard Sennet – auch charismatische Herrschaft, anders als Weber noch dachte, auch – gerade verknotet mit rationaler Herrschaft – Stabilität annehmen kann, sehen wir an manchen Gestalten wie Putin. Die Stärkung des Charismas in Demokratie fördert allerdings den Narzißmus des Charismatikers hervor, narzißtische Störungen waren ja auch vorher in der Geschichte nichts Neues. Es gilt allerdings gegen diejenigen, die meinen diese Politiker hätten „Ausstrahlung“ zu sagen, nein, daß ist doch eher „Anstrahlung“, nämlich durch das öffentliche Licht. Die Reden werden vom Fachpersonal geschrieben und wenn der Teleprompter ausfällt, haben auch für charismatische Redner gehaltene Präsidenten plötzlich herumgestottert.
      Engels, Lenin auch, Stalin, Mao das ist die Schiene, warum die redlichen Marxisten deren Theorien aus ihrem Weltbild strichen. Auf eine präzise Bezeichnung hat die Forschung sich nicht einigen können, ob Etatismus, Staatskapitalismus, real existierende Sozialismus, Sowjetregime und..und, das liegt allerdings auch am Phänomen. Ein komplementäres Phänomen tauchte auch im Westen auf, so daß neben Spätkapitalismus, organisierter Kapitalismus von Industriegesellschaft oder verwaltete Welt, soziale Marktwirtschaft oder Wohlfahrtsstaat die Rede waren, wegen der Mischformen, die auch Paul Mattick diagnostizierte. Dies alles gilt es mit Marx Einsichten zu konfrontieren.

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