avatar 9. August 2015 - 16:08
Von: Liane Bednarz

„Mainstream-Wahn“ und „Heldin im Selbstdarstellungsmodus“ – Zum Jargon von Roland Tichy und seinen Blog-Autoren

Im August-Heft des „Merkurs“ kommt Stefan Kleie in einem Beitrag über die aktuelle „rechte Mobilmachung“ zu der zutreffenden Feststellung, dass Konflikte „im rechten Lager stets mit dem Mittel der persönlichen Diffamierung ausgetragen werden“. Das „stets“ mag zu hart sein, die Grundbeobachtung ist aber richtig. Davon kann man sich täglich aufs Neue in den sozialen Netzwerken und Leserforen vieler Medien überzeugen, darüber ist eingehend berichtet worden.

Mindestens genauso beunruhigend muss sein, dass die Verrohung der Debattenführung zunehmend auch in bestimmten Teilen des Bürgertums zu beobachten ist, die sich selbst zwar nicht zur rechten Szene rechnen, sondern als konservativ, liberal-konservativ oder liberal firmieren, tatsächlich aber längst einige rechte Feindbilder und den zugehörigen Jargon adaptiert haben. Dazu zählen vor allem die „politische Korrektheit“ und der „Mainstream“.

Besonders gut ist diese Entwicklung auf dem Blog des Journalisten Roland Tichy zu sehen, dem ehemaligen Chefredakteur der Wirtschaftswoche. „Tichys Einblick“ heißt das Portal. Und in der Tat, der Einblick, zu dem der Blogbetreiber einlädt, lohnt sich, wenn man sich dafür interessiert, welcher Drift im Bürgertum gerade stattfindet. Dies gilt ganz besonders für die dortigen Texte von Bettina Röhl, in der Ära Tichy Kolumnistin bei der Wirtschaftswoche, nun Teil des sechsköpfigen Blog-Kolumnistenteams.

So wirft sie etwa dem „westlichen Mainstream“ „eine Art Moskau- oder Putin-Phobie“ vor und fabuliert davon, dass eine „blinde Putinhasserei derzeit „korrekt [sei]“. Oder redet vom „medien-und internetbasierten Mainstream, die wohl gefährlichste und gefräßigste Hydra, die auch die Menschen oder mindestens deren Seelen frisst“, daher.

Dazu muss man wissen, dass es bei Menschen, die so argumentieren wie Röhl, sehr beliebt ist, die eigene, nicht mehrheitsfähige Haltung hochzustilisieren, in dem man sich abfällig über „den Mainstream“ echauffiert. So als ob die Meinung der Mehrheit per se schlecht sei, was natürlich abwegig und eher Ausdruck einer fast schon kindlichen Trotzhaltung ist.

Bettina Röhl ist keineswegs die einzige, die sich auf Tichys Blog über den „Mainstream“ und die „politische Korrektheit“ echauffiert. Als Ende Juli der Spiegel eine fundierte Titelgeschichte zum alltäglichen Fremdenhass publizierte, dem Flüchtlinge in Deutschland inzwischen ausgesetzt sind, warf Kolumnist Hans-Peter Canibol den Autoren vor, sich „zähfließend, aber mainstreamig korrekt“ zu empören und trat als Entdecker angeblich vorhandener „Worthülsen“ auf, „die in ihrer Gleichförmigkeit aus Politikermündern schon ärgerlich sind, noch mehr aber, wenn sie von Journalisten unkritisch übernommen werden“. Belege, Beispiele? Fehlanzeige.

Lieber monierte Canibol zusätzlich, die Gründe für den Fremdenhass seien nicht „näher ausgeleuchtet“. Eine bemerkenswerte Haltung angesichts einer Titelgeschichte, die sich sehr wohl mit den Gründen hierfür beschäftigt. Beispiel gefällig? So werden etwa Parallelen zu früheren Ressentiments gegenüber Vertriebenen gezogen. Und überdies auch Fragen gestellt, was ja nicht schaden kann, wenn man Antworten sucht: „Es geht um den gefühlten Zuwanderungsdruck, dafür spielen die Zahlen sicherlich eine Rolle, aber auch die Umstände. Was sind das für Flüchtlinge, die kommen? Lassen andere EU-Staaten die Deutschen im Stich? Und vor allem: Worauf müssen sie verzichten, weil sie so großzügig helfen“? Ziemlich sicher ist ein solch differenzierter Ansatz, der nicht vorgibt, alles schon zu wissen, genau richtig. Vielleicht aber entspricht er nicht den Antworten, die Caniol hören möchte, wer weiß das schon?

Haus-, pardon Blogherr Tichy jedenfalls setzte noch einen drauf und schrieb auf Twitter: „Auch 6 Titelbilder beim Spiegel ändern nichts – Titelstory nur Mainstream-Geschreibsel, so HP Carpiol“. „Geschreibsel“ ist ein Begriff, den man ähnlich wie „Schreiberling“ häufig in der rechten Szene liest, und zwar oft auch mit dem Zusatz „Mainstream“. Man sollte also meinen, dass sich der Ausdruck „Mainstream-Geschreibsel“ für einen seriösen Journalisten nicht ziemt, wenn er über Kollegen spricht. Tichy denkt offenbar anders. Von der Verfasserin dieses Beitrags darauf angesprochen, dass dies eine „peinliche, typisch rechte Sprache“ und – angesichts des Themas – überdies „empathielos“ sei, verlor jener die Contenance. Anstelle einer Reaktion in der Sache zu zeigen, beschimpfte Tichy die Fragestellerin, die, wohlgemerkt, nur Jargon und Haltung kritisiert hatte, coram publico als „Gefühlswallungsjournalistin“ sowie „Emotussi“ und sprach überdies vom „Mainstream-Wahn“. Letztere Wortwahl ist übrigens sehr en vogue unter Mainstream-Gegnern. Man fügt in diesen Kreisen an Dinge, die einem nicht passen, fast schon reflexartig Suffixe wie „-Wahn“, „-Kult“ oder „-Lobby“ an.

Wer nun glaubt, die beschriebene verbale, persönlich werdende Herabsetzung einer andersdenkenden Person sei nur ein bedauerlicher Einzelfall, irrt. Hugo Müller-Vogg, vor vielen Jahren einmal Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, legte die Messlatte nochmals deutlich höher, dabei – natürlich – sekundiert von Tichy. Der nämlich kündigte einen Text aus der Feder Müller-Voggs wie folgt auf Twitter an: „Anja Reschke – moderne Heldin im Selbstdarstellungsmodus. Hugo Müller-Vogg über billige Sprüche.“

Reschke, Redakteurin der Sendung Panorama, hatte in einem Kommentar für die Tagesthemen den Hass auf Flüchtlinge zum Thema gemacht. Ihr Beitrag begann mit der Frage, was wohl passieren würde, wenn sie sich nun für die Aufnahme von Armutsflüchtlingen ausspräche. Die Antwort lieferte sie gleich mit: zu rechnen sei in diesem Fall gewiss mit einer Flut von Hassmails. Obwohl man diese Debatte ja durchaus führen könne.

Womit sie recht hat. Persönlich würde ich in einer solchen Debatte die Position einnehmen, dass, so verständlich die individuellen ökonomischen Motive von Asylbewerbern auch sein mögen, nun einmal zwischen Asyl- und Einwanderungsrecht klar zu trennen ist und Deutschland nicht alle Armutsflüchtlinge, die zu uns kommen, aufnehmen kann. Doch wie gesagt, darum geht es hier nicht, das war nur Reschkes Aufhänger – an dem Müller-Vogg sich in seinem Text übrigens ziemlich festbeißt, aber das ist eine andere Geschichte. Reschke jedenfalls kam schnell auf das zu sprechen, um das es ihr eigentlich ging: Das ganze Ausmaß der Hetze.

So wies sie darauf hin, dass die Hasskommentatoren Sprüche wie „Dreckspack soll im Meer ersaufen“ längst nicht mehr wie früher unter irgendwelchen Pseudonymen, sondern mit Klarnamen schreiben. Und dafür enorm viele Likes auf Facebook bekommen. Sie betonte des Weiteren, dass aus Worten längst Taten, nämlich brennende Asylbewerberunterkünfte geworden sind und rückte die Gefährlichkeit der „gruppendynamischen Prozesse“ in den Fokus, welche durch die „Hasstiraden“ im Internet ausgelöst werden. Als Fazit appellierte Reschke an die Gesamtgesellschaft, diese Dynamik nicht zu tolerieren, sondern dem Hass entgegenzutreten und Haltung zu zeigen. Kurzum, sie forderte einen „Aufstand der Anständigen“.

Damit konnte Hugo Müller-Vogg offenbar wenig anfangen. Lieber stellte er krude Behauptungen auf, die nur ein Ziel hatten: die Kommentatorin persönlich abzuwerten. Reschke habe „jetzt versucht, sich als einsame Rittersfrau gegen Neo-Nazis zu positionieren“, „nur das gesagt, worin ihr die ganz große Mehrheit zustimmt“, weshalb sich daraus keine „Heldensaga“ stricken lasse. Was bezweckt der Kolumnist mit solchen Äußerungen? Weder hat Reschke sich als Heldin inszeniert, noch hat sie behauptet, der rechte Internetpöbel stelle die Mehrheit der Gesellschaft dar. Sie hat ganz einfach darauf hingewiesen, dass dieser es zu leicht habe, weil die Mehrheit der Gesellschaft ihm nicht genug entgegensetzt, ihm zu wenig laut und deutlich im Netz widerspricht. In die gleiche Richtung wie Müller-Vogg stieß Alexander Kissler vom CICERO, der die Kolumne mit der Bemerkung: „Gratismut und Mut sind nicht dasselbe“ auf Twitter verlinkte.

Vielleicht sollten die Herren sich einmal damit beschäftigen, was der sonst unerschrockene Euskirchener Strafverteidiger und frühere European-Kolumnist Heinrich Schmitz just am selben Tag öffentlich gemacht hat: Seine Kapitulation vor dem Psychoterror, den der rechte Mob gegen ihn und seine Familie gerichtet hat. Eine drastische, menschlich gleichwohl verständliche Konsequenz. Schmitz, der schon früh vor Pegida und den (neu)rechten Strömungen in der AfD gewarnt hat, als freier Autor aber nicht durch ein Verlagshaus geschützt ist, wird fortan keine politischen Texte mehr verfassen. Seine Erklärung lässt die Worte Müller-Voggs wie blanken Zynismus erscheinen. Er habe „nicht das Gefühl gehabt“ habe, „dass ‚die Gesellschaft‘ selbst irgendwie mitzieht und allen extremistischen Bestrebungen ein klares STOPP entgegensetzt.“ Und dass es „vermutlich gar nicht erst zu irgendwelchen Einschüchterungsmaßnahmen“ gekommen wäre, „wenn es zu einer Allianz der Anständigen gegen die Hassbürger gekommen wäre oder wenigstens zu klaren Reaktionen aus der Politik.“

Wie wahr. Eines ist gewiss: Von selbst wird der Hass nicht verschwinden, schon gar nicht in Zeiten anhaltend hoher Flüchtlingszahlen. Wenn der Gesellschaft die liberale Demokratie etwas wert ist, muss sie aktiv werden und gerade auch im Internet Flagge zeigen, in den Leserforen, in den sozialen Medien. Noch eine Kapitulation wie die von Heinrich Schmitz darf es nicht geben. Enden soll dieser Text wie er – jedenfalls ab dem dritten Absatz – angefangen hat: mit Roland Tichy. Dessen Tweet mit dem Hinweis auf Müller-Voggs Text zitierte und kommentierte die hiesige Verfasserin wie folgt: „So redet H. Müller-Vogg über @Anja Reschke1. Auf dem Tichy-Blog. Wieder so ein „man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Wer nun eine Debatte erwartete, wurde enttäuscht. Roland Tichy zog es vor, die Fragestellerin zu blockieren.

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