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„Rolling Stone“, Charles Manson, und die Beatles (Teil 2 und Schluss)

Die Botschaft des Weißen Albums war zwar Charles Manson klar; allein die Schwarzen, die 1968 nach dem Mord an Martin Luther King ganze Stadtteile – auch in Los Angeles – abgefackelt hatten, schienen 1969 merkwürdig unentschieden. Könnte es sein, dass sie selbst für ihr Werk der Zerstörung der Führung des „weißen Mannes“ bedürften?

So reifte in Mansons Hirn die Idee, eine Mordserie zu initiieren, eine Terrorwelle gegen das weiße Establishment, die den Schwarzen in die Schuhe geschoben und einen weißen Backlash provozieren, der wiederum den Rassenkrieg – „Helter Skelter“ – auslösen würde. Darum auch die Verwendung der mit Blut geschriebenen Worte „Pig“ und „Piggies“ – Codewörter radikaler Schwarzen-Organisationen für die Weißen oder die weiße Staatsmacht – und „War“. Wobei „Piggies“ außerdem der Titel einer Schlüssel-Nummer auf dem Weißen Album ist, in dem George Harrison beschreibt, wie die kannibalischen Schweine zum Dinner gehen, wo sie „mit Messer und Gabel Schweinespeck essen“. Daher das Messer und die Gabel, die in die Leiche Leno LaBiancas gerammt worden waren.

 

Ein verrücktes Szenario? Gewiss doch. Aber nicht viel verrückter als manche politische Utopie, für die noch viel mehr Menschen gestorben sind; nicht viel verrückter als die Vorstellung, dass, wer einen Boeing in ein Hochhaus fliegt, für diesen Massenmord mit 72 Jungfrauen belohnt wird.

Und dass die Beatles Götter, Engel oder Propheten seien, war nicht nur die Ansicht Charles Mansons. Timothy Leary etwa, selbst Prophet eines neuen, LSD- und TV-inspirierten, post-rationalen Zeitalters, erklärte: „Die Beatles sind Mutanten. Prototypen gottgesandter evolutionärer Agenten, mit der geheimnisvollen Macht ausgestattet, eine neue menschliche Spezies zu schaffen, eine junge Rasse lachender freier Männer.“ Auf einer weniger exaltierten Ebene studierten Millionen junge Menschen die Beatles-Texte nach geheimen Botschaften ab. Wer war zum Beispiel „Sexy Sadie“? Nun, Charles Manson wusste es. Hatte er doch selbst – vor Erscheinen des Weißen Albums – seiner Anhängerin Susan Atkins den neuen Namen „Sadie Mae Glutz“ verpasst. Atkins wurde zum eiskalten Engel. Vor Gericht erklärte sie, Sharon Tate habe sie um Gnade gebeten. „Ich habe keine Gnade für dich, Bitch!“ sagte sie, und stach weiter zu. 

 

Nun aber zurück zur Zeitschrift „Rolling Stone“, der jetzt, 44 Jahre nach der Tat, die Theorie Bugliosis nicht nur verrückt, sondern auch suspekt erscheint. Hier ist die entscheidende Passage (sie findet sich auf Seite 5 des Online-Artikels):

Forty-four years on, the facts in the Manson case aren’t really facts anymore – they’re beliefs and conclusions fashioned out of bits and pieces of bent and redirected light, or, as Charlie likes to call them, they’re „perspectives.“ „Helter Skelter wasn’t a lie,“ he says. „It was just Bugliosi’s perspective. Everybody’s saying it the way they want to remember it. Sooner or later, we all got to submit to each other’s point of view. Sure, it was going on. But it was just part of the part. The reasons was all kinds of different things that were happening in Tex’s mind and all of our minds together, and there’s lots of different discrepancies in there that don’t correlate to be straight. There was a lot of motives, man. You got a motive for every person there. It was a collective idea. It was an episode. A psychotic episode, and you want to blame me for that?“

In a sense, Bugliosi had no choice. You can’t prosecute a collective psychotic episode. You’ve got to boil it down to a single dominant face and a single dominant motive. But, according to Manson and others associated with the Family, lots of crazy things were happening right then in the summer of 1969: big possible paranoia after Charlie killed Lotsapoppa (or so he thought), big possible paranoia over brother Bobby in jail, LSD in the air, guns in the ground, nasty drug deals, dire money needs, Strategic Air Command flying atomic bombs overhead, the Weathermen flying to Cuba to learn how to revolution, the thrumming background noise of the Black Panthers, stolen cars in the weeds, underage girls in the swimming hole, big acid-happy dinners with everyone gathered round, Charlie speaking in metaphors, riddles and paradoxes, unreal figments perhaps being taken too literally, Charlie scared someone’s going to rat him out about Lotsapoppa, brains going round and round, big ideas coming out of the big collective mind, mass psychosis, and a different motive for every person there. And to the degree that this is true, Manson might fairly be considered an innocent man, just as he says he is, or, if guilty, then only as guilty as everyone else there; or, if guilty, then maybe absolutely guilty, his fear of someone snitching on him about the Lotsapoppa shooting perhaps leading him to want to bind everyone to him, by turning them into killers, too; or maybe Charlie had nothing to do with anything and it was all Watson’s doing, revolving around a drug deal, which is what some people believe.

Das ist eine ziemlich üble Passage. Fakten sind keine Fakten, sondern nur Ansichten. Niemand sei eigentlich schuld. Es habe sich um eine kollektive psychotische Episode gehandelt. Und da „vieles in der Luft lag“, von Drogen bis zu den Atomwaffen der Strategic Air Command, von „großen Ideen aus dem kollektiven Bewusstsein“ bis hin zu einer nicht näher definierten „Massenpsychose“, könne Manson insoweit „als unschuldig gelten“. Bugliosi habe sein „Helter Skelter“-Motiv ausgedacht, weil er sonst die gesellschaftliche Massenpsychose und die daraus resultierende psychotische Episode der Tate-Bianca-Morde hätte anklagen müssen.

 

Diese wirre Passage offenbart, wie es selbst dem alten Charles Manson gelingen kann. einen durchaus intelligenten, gebildeten Menschen zu manipulieren, Denn alle Argumente im zweiten Absatz  Erik Hedegaards stammen von Manson: Die „Helter-Skelter“-Theorie sei nur die „Perpektive“ des Staatsanwalts, es gebe jedoch „viele Perspektiven“, jeder habe halt seine Version, und jeder müsse irgendwann auch die subjektive Wahrheit des anderen akzeptieren, alle hätten halt ihre Motive, es sei eine „kollektive Idee“ gewesen, eine „psychotische Episode“ – „Dafür will man mich schuldig sprechen?“

 

Übrigens hat Manson bereits in seinem Prozess die ziemlich banale Feststellung gemacht, dass er nur ein Kind der Gesellschaft sei; ein Spiegel der Gesellschaft, dass sie darin ihre eigene hässliche Fratze erkenne. Was auf die These hinausläuft, dass es keine individuelle Schuld gebe, weil wir alle irgendwie mit allem zusammenhängen und an allem schuld seien, was in der Gesellschaft schief läuft. Nur, dass 99,9 Prozent der Menschen nicht losgehen und aus einer Laune heraus, weil alles so beschissen ist, oder wegen der in einem heiligen Album oder einem heiligen Buch versteckten Botschaften, sieben unschuldige Menschen mit über 190 Messerstichen umlegen.

 

Besonders merkwürdig ist aber, dass ausgerechnet „Rolling Stone“ nun Mansons Sicht auf Bugliosi und seine Helter-Skelter-Theorie als die eigene übernimmt. Wie merkwürdig, erhellt, wenn man den ersten längeren Bericht der Zeitschrift über Manson liest, der am 25. Juni 1970 erschien:

 

http://www.rollingstone.com/culture/news/charles-manson-the-incredible-story-of-the-most-dangerous-man-alive-19700625

 

 

In diesem brillant recherchierten Artikel reden die Autoren David Felton und David Dalton auch mit Staatsanwalt Bugliosi, für den sie wenig Sympathie empfinden und dem sie – vermutlich aus presserechtlichen Gründen, weil Prozessbeteiligte auf richterliche Anordnung nicht mit Reportern reden durften – den Namen des Staatsanwalts aus Fedor Dostojewskis „Schuld und Sühne“ geben: „Porfiri“.

Bugliosi erzählt ihnen, wie die Beweislage im Fall ist, wer wann was getan hat. Mit keinem Wort erwähnt er das Buch der Offenbarung, einen kommenden Rassenkrieg,  „Helter Skelter“, die Beatles, das weiße Album und so weiter. Man hat das Gefühl, dass er kein Motiv hat, oder dass es ihm zu diesem Zeitpunkt relativ unwichtig ist.

Es ist vielmehr die Zeitschrift „Rolling Stone“ selbst, die dieses Motiv einführt, und zwar gleich zu Beginn des Stücks:

Meanwhile Charlie sits blissfully in his cell at the Los Angeles County Jail, composing songs, converting fellow inmates to his gospel of love and Christian submission, and occasionally entertaining a disturbing thought: Why haven’t they gotten in touch? A simple phone call would do it. Surely they’ve received the telegrams, the letters. Surely they realize that he knows, he understands their glorious revelation; that he understands the whole fucking double album.

Everywhere there’s lots of piggies
Living piggy lives
You can see them out for dinner
With their piggy wives
Clutching forks and knives to eat their bacon.

„Warum melden sie“ – die Beatles nämlich – „sich nicht? Sie müssen doch sehen, dass er bescheid weiß, dass er ihre herrliche Offenbarung begreift, dass er das ganze scheiß Doppelalbum versteht.“

Genau.

Und natürlich haben Felten und Dalton das nicht selbst ausgedacht. Sie haben mit Manson gesprochen:

Rolling Stone: Can you explain the meaning of Revelations, Chapter 9?

Manson: What do you think it means? It’s the battle of Armageddon. It’s the end of the world. It was the Beatles‘ „Revolution 9“ that turned me on to it. It predicts the overthrow of the Establishment. The pit will be opened, and that’s when it will all come down. A third of all mankind will die. The only people who escape will be those who have the seal of God on their foreheads. You know that part, „They will seek death but they will not find it.“

Rolling Stone: Can you explain the prophecies you found in the Beatles‘ double album? [Charlie starts drawing some lines on the back of a sheet of white paper, three vertical lines and one horizontal line. In the bottom area he writes the word SUB.]

Manson: OK. Give me the names of four songs on the album.

[We choose „Piggies,“ „Helter Skelter,“ „Blackbird,“ and he adds „Rocky Raccoon.“ Charlie writes down the titles at the top of each vertical section. Under „Helter Skelter“ he draws a zigzag line, under „Blackbird“ two strokes, somehow indicating bird sounds. Very strange.]

Manson: This bottom part is the subconscious. At the end of each song there is a little tag piece on it, a couple of notes. Or like in „Piggies“ there’s „oink, oink, oink.“ Just these couple of sounds. And all these sounds are repeated in „Revolution 9.“ Like in „Revolution 9,“ all these pieces are fitted together and they predict the violent overthrow of the white man. Like you’ll hear „oink, oink,“ and then right after that, machine gun fire. [He sprays the room with imaginary slugs.] AK-AK-AK-AK-AK-AK!

Rolling Stone: Do you really think the Beatles intended to mean that?

I think it’s a subconscious thing. I don’t know whether they did or not. But it’s there. It’s an association in the subconscious. This music is bringing on the revolution, the unorganized overthrow of the Establishment. The Beatles know in the sense that the subconscious knows.

Die entscheidenden Aussagen Mansons: „Revelation 9” verkündet  „Armageddon, das Ende der Welt. Es war die Beatles-Nummer ‚Revolution 9’, die mir das klar machte. Sie sagt den Sturz des Establishments voraus. (…) In ‘Revolution 9’ sind (alle die seltsamen Endstücke der Songs vom Weißen Album) zusammengefügt, und sie sagen den gewaltsamen Sturz des weißen Mannes voraus. (…) Diese Musik bringt die Revolution hervor, den unorganisierten Sturz des Establishments. Die Beatles wissen das in dem Sinne, wie es das Unterbewusstsein weiß.“

Liest man das Stück von 1970, könnte man fast zum Ergebnis gelangen, „Rolling Stone“ habe dem für die Gegenkultur unempfänglichen Pofiri-Bugliosi sein fehlendes Motiv geliefert. Wie kommt also Erik Hedegaard 43 Jahre später darauf, dieses Motiv als eine Erfindung Bugliosis hinzustellen? Nun, Charles Manson hat ihm das suggeriert, so wie Charles Manson 1970 den „Rolling Stone“-Reportern suggeriert hat, das Weiße Album sei sein Motiv; was in so fern nur die halbe oder weniger als die halbe Wahrheit war, denn sein tiefstes Motiv war tiefer Hass und schiere Mordlust: Rache an der Welt, die ihn im Stich gelassen und ausgestoßen hatte. Hass aus Liebesbedürftigkeit; nichts Neues, man kann das schon im ersten Monolog von Shakespeares Massenmörder „Richard III“ lesen.

Manson aber betonte das „Helter-Skelter-Motiv“ gegenüber „Rolling Stone“ nicht nur, weil es tatsächlich sozusagen das bewusste Motiv, die Rationalisierung – wenn man das so sagen kann – für die Morde war, sondern weil der gekonnte Menschen-Manipulierer Manson wusste, dass der Appell an die Beatles, an die obersten Götter der Gegenkultur die Reporter einer Zeitschrift verwirren würde, die sich als Stimme jener Gegenkultur verstand. Seine Kalkulation ging auf. So beschrieb die Zeitschrift Mansons Wirkung auf die Hippie-Kultur, auf eine Jugend, die nach Auskunft der Autoren zwar die herrschende Kultur als „Scheiße“ entlarvt hatte, jedoch nicht wusste, was sie an deren Stelle setzen würde und wie:

Into this void, this seemingly endless river of shit, on top of it, if you will, rode Charlie Manson in the fall of 1967, full of charm and truth and gentle goodness, like Robert Mitchum’s psychopathic preacher in Night of the Hunter with LOVE and HATE inscribed on opposing hands. (… ) This smiling, dancing music man offered a refreshing short cut, a genuine and revolutionary new morality that redefines or rather eliminates the historic boundaries between life and death.

„In diese Leere hinein, in diesen scheinbar endlosen Scheißfluss, oder auf ihm, wenn Sie so wollen, ritt Charlie Manson im Herbst 1967, voller Charme und Wahrhaftigkeit und Güte, wie der psychopathische Prediger, den Robert Mitchum in ‚Die Nacht des Jägers’, dem auf die eine Hand LIEBE, auf die andere HASS eingeschrieben waren. (…) Dieser lächelnde, tanzende Musiker bot eine erfrischende Abkürzung an, eine echte und revolutionäre neue Moral, die die historischen Grenzen zwischen Leben und Tod neu definiert, oder vielmehr aufhebt.“

Was Hitler und Eichmann, Stalin und Mao Tse-tung, Baader und Meinhof und die NSU auch taten.

Man muss sich diese – millionenfach gelesene – Scheiße nur, so übel sie schmeckt, auf der Zunge zergehen zu lassen, um zu begreifen, warum es der Zeitschrift heute so wichtig ist, von der Verbindung zwischen Manson und der Gegenkultur, die solchen Unsinn von einer „revolutionären neuen Moral“ von sich gab und schluckte, abzulenken. Und sei es um den Preis, Fakten für unwichtig zu erklären und Mansons Schuld im Ungefähren aufzulösen.

Da lobe ich mir Staatsanwalt Porfiri.


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36 Gedanken zu “„Rolling Stone“, Charles Manson, und die Beatles (Teil 2 und Schluss);”

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    Wer dieses Manifest bzw. Apotheose „Befreite Sinneslust“ (http://www.welt.de/print/die_w.....slust.html geschrieben hat, könnte durchaus in der Lage sein, genauer darzustellen, was seine Faszination am helter skelter war.

    Habe ich es übersehen oder ist es nicht auf dem Radarschirm von Alan Posener, welchen Einfluss eine Figur wie Aleister McCrowley auf die Popszene hatte (http://de.wikipedia.org/wiki/A.....rit.C3.A4t)? Mehr wundern als über extreme Figuren wie Charlie Manson und Aleister McCrowley sollte man sich jedoch darüber, mit welcher Leichtigkeit und Schnelligkeit die Poprevolution, die Alan Posener mit dem Recht eines Apologeten als „Befreite Sinneslust“ feiert, zum Mainstream wurde. Figuren wie Charlie Manson und McCrowley zeigen lediglich, welche Differenz und welche Fallhöhe am Anfang der Bewegung noch empfunden wurde; heute empfindet das ja niemand mehr in der Indifferenz der Popkultur mit ihren Piercing-, Tattoo-, Gothic-, Black Sabbath- und Satanisten-Spießern (Reihe unvollständig).

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    @KJN: pädagogisch sicher nicht, eher so wie der große Zampano, der auf einzigartige Weise eine möglichst großes Publikum ansprechen will. „You can’t do this on stage anymore.“

    (Es ist übrigens Jahrzehnte her, dass ich das letzte Mal was von FZ gehört bzw. mich mit ihm beschäftigt habe; ich geb hier nur meinen subjektiven Eindruck von „damals“ wieder.)

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    @R.Z.
    „Edgar Varèse“ .. so isses, womit er auch schon seine arme Mutter nervte, wenn er den „Tonarm mit der osmiumverstärkten Abspielnadel, mit einem Geldstück beschwert,..“ in Kontakt mit dem Tonträger brachte. Das wussten (wir Fans) damals alle und einer hatte auch immer einen Pfennig auf dem Tonarm. Das war so ein (Nerd-)Kult. Harmlos (im Gegensatz zu anderem..)

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    Lieber Moritz Berger, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Freue mich, dass Sie wie ich Keynes bewundern.

    Lieber Herr Posener,

    Sie sind mir nicht zu nahe getreten, ich würde sonst zurücktreten 🙂

    Was Ihre Bewunderung für Keynes betrifft.

    Ich sehe ihn in bestimmten Bereichen kritisch. Z.B. seine Einstellung zur Eugenik.

    Was seine ökonomischen Werke betrifft, so schätze ich vor allem seine klaren Aussagen, wie z.B. von die der Euthanasie des Rentiers 🙂 etc.

    Und generell:

    Der staatliche Einfluß auf die Wirtschaftspoltik ist in den vergangenen Jahren erheblich zurückgegangen. Während in den 5oiger Jahren die Zentralbanken noch einen erheblichen Einfluß hatten, bedarf es heute z.B. der EZB um eine gewisse Stabilisierung der Geldmärkte zu erreichen.

    Jemand wie Soros hätte zu Zeiten von Keynes nicht das Pfund Sterling ruinieren können!!

    Und heute mit dem Einsatz des Algorithmus im Devisenhandel schwindet zunehmend der Einfluß der Nationalstaat und auch der Staatenbündnisse auf das Wirtschaftsgeschehen.

    Nur zur wiederholten Erinnerung:

    Von den 2 Bill.€ die inerhalb von 24 Stunden um den Globus reisen, beruhen nur knapp 10% auf Realgütern. Daher mein persönlicher Ratschlag an Sie:

    Sehen Sie zu, dass Sie nach dem Eintritt ins Rentenalter Ihren Rasen in einen Kartoffelacker umwandeln 🙂 und bauen Sie rechtzeitig Kaninchenställe, damit Sie von realen Dingen leben können!!

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    @R.Z.
    „Frank Zappa dazu, seine sehr amitionierten u. ausgetüftelten Kompositionen unters Pubkikum zu “schmuggeln”“
    Das wäre so eine absichtsvolle, geplante Strategie. Das glaube ich auch nicht, ich vermute eher, daß Zappa, wie viele andere von der ewig gleichen Interpretation und Verwurstung immer gleicher Figuren, Genres und Klischees genervt war und dieses Gefühl produktiv umgesetzt hat. Und sein Glaubensbekenntnis ist das – meine ich jetzt – sowieso das in der Kunst, denn sie ist ja vor allem Ausdrucksmittel.
    Einen „pädagogischen“ Ansatz sehe ich da nicht (solches wäre mir auch suspekt).

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    …ich glaub übrigens, die Satire und die witzig-sexistischen Texte dienten Frank Zappa dazu, seine sehr amitionierten u. ausgetüftelten Kompositionen unters Pubkikum zu „schmuggeln“.

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    @Alan Posener: Die Zahl der Spuren ist heute im Prinzip unbegrenzt, und jeder normale PC kann als riesiges Tonstudio dienen. Die Software dazu ist billig; lediglich in gute Mikros und eine vernünftige Recordingkarte muss man noch investieren.
    Der digitale Klang ist vollkommen neutral; er erfüllt perfekt, was man früher, in analoger Zeit, als Idealzustand nie erreichen konnte. Nun überlegt man, wie sich die Sache auf den Kopf stellen und in der Tugend die Not (d.h. die ganzen liebgewonnenen Artefakte: Bandsättigung, Knistern, Übersteuerungen, „warmes“ Gefühl…) wiederherstellen lässt. Was aber mit speziellen Plug-ins inzwischen auch kein Problem mehr ist.

    @KJN: Als Blaupause für Soziopathen taugte Frank Zappa tatsächlich absolut nicht, da haben Sie völlig recht. Sein Witz verhinderte dies,. Allerdings glaube ich nicht, dass sich sein musikalisches Bewusstsein im Kabarett erschöpft hat; für ihn gehörte Satire und Humor eben zu Musik dazu. Ich kann mich an einen sehr ernstgemeinten Text erinnern: „Information is not knowledge. Knowledge is not wisdom. Wisdom is not truth. Truth is not beauty. Beauty is not love. Love is not music. Music is THE BEST.“ (Ich glaub von Joe’s Garage). Das war eine Art Glaubesnbekenntnis von Frank Zappa, der – Sie werden es wissen – sich ja auch als „klassischer“ Komponist mit großer Partitur und klassischem Orchester versucht hat. Er war ein Bewunderer des (ebenfalls humorvollen und hochkulturellen) Eric Satie, ein extrem anspruchsvoller Leiter einer vielköpfigen Band von ausgebildeten Profis, arbeitete hochkomplexe Partituren aus, lebte den lieben langen Tag im Studio und war insofern schon, trotz seiner textlichen Provokationen, Hochkultur. Zumindest wollte ers sein. Das bringt mich aber auf einen Gedanken:

    @Alan Posener/Alle: Möglicherweise ist es die Einstellung zu Humor und Witz, die die Beatles von den Stones unterscheidet und nicht zuletzt auch ihre Anziehungskraft auf den Soziopathen Manson begründet?

    Jedenfalls denke ich, das der von Ihnen, Herr Posener, im früheren Text angeführte „Street fighting Man“ keinesfalls ernstzunehmen ist und womöglich auch gar nicht sooo ernstgemeint war. Wie überhaupt diese Posings, Attitüden und Grimassen von Jagger und Richards und auch der rumpelnde, kratzende, „coole“ Sound der Stones auf mich eher pubertär/oberflächlich/witzig wirkt (und dadurch auch anziehender als die manchmal arg betuliche Gefühligkeit und hintersinnige Gedankenwelt der Beatles).

  8. avatar

    @R.Z.: „Oder Frank Zappa, der keine revolutionär andere Musik wollte, sondern sich (zurecht) zur Hochkultur rechnete, aber trotzdem in jedem zweiten WG-Badezimmer auf dem Klo hockte. „
    Das allerdings glaube ich nicht. Auch nicht mit den späten Sachen, wie Yellow Shark – Zappa war Musiker und hat sich mit den Mothers lustig über Rock&Roll und modernen Lebensstil gemacht, mehr nicht. Das allerdings, auch aufgrund Mitmusiker wie George Duke, auf sehr hohem musikalischen Niveau. Er hat sich selbst nicht allzu ernst genommen, sich stets gegen die Vereinnahmung durch (linken) Zeitgeist gewehrt und konnte daher gar nicht als Blaupause für soziopathische Idioten herhalten. Niemand wäre bei „Penguin in Bondage“ oder „Teenage Prostitute“ auf die Idee einer „Botschaft“ o.Ä. gekommen. (Toll war, in den 80ern Damen beim „Mitsingen“ von Bobby Brown zuzuhören.) Hochkultur? Naja… Aber Gut!
    Gemein ist ( 😉 ), was Sie über George Benson schreiben: Gerade die „Schmalz-Sachen“ (z.B. Give me the night) entstehen oft auf ausdrücklichen Wunsch der Musiker. Das ist Aufstieg, ein würdiger Rahmen, denken Sie (sie kennen sich ja aus) an Charlie Parkers Verve-Aufnahmen mit „strings“. Aber es geht wirklich um Musik. Diese Ideologien und Idioten haben damit nichts zu tun, aber vielleicht kann ich diese Zeit auch nicht verstehen. Vieleicht erklärt mir das jemand..

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    @APo
    Ihre Frage, was das mit Adorno zu tun hat, versuche ich gerne zu beantworten, soweit ich vermeine davon ein Verständnis zu besitzen.
    Die Klassifikation Psychopath bringt uns nicht zum Begriff Bewusstsein, der Begriff Soziopath schon eher. Ich unterstelle einmal, dass Sie es akzeptieren, die Wahrheit einer Handlung nicht in ihrer Rezeption auffinden zu wollen, sondern in ihrem Vollzug. Diese Wahrheit ist bei Manson durch den Konsum von Psychopharmaka und die nur schwer von außen zu begreifende Intensität der Erfahrung (im Zustand des Drogenkonsums) eines bereits Gewusstem (Rassenwahn, Offenbarung) mit der Kohäsion und der Authentizizät der Beatles-Songs (die auch nicht ohne Zuhilfenahme von Psychopharmaka gedacht werden können), zu rekonstruieren. Dre von Ihnen dargestellten Rekonstruktion schließe ich mich an.
    In seiner Ästhetischen Theorie, verweist Adorno auf diese Form der (Re-)Konstruktion, der Dechiffrierung, bezogen auf das Verständnis von Kunst (es liegt in der Produktion). Ich ergänze, wie das Kunstwerk nach gesellschaftlicher Dechiffrierung verlangt, so wollte auch Manson dechiffriert werden, was wohl den Teil seines Wahnsinns ausmacht. Tödlich an ihm wird sein falsches (vordergründig gestörtes) Bewusstsein in der Tat.
    Die Wahrheit des Snowdens, denke ich, verlangt nach analoger Vorgehensweise. Sie kann ebenfalls nur in seinem Handeln aufgesucht werden. Hier ist der Ort der Analogie, die mich zu Ihrer früheren Beurteilung von Snowden bringt. Man kann unterstellen, dass die Wucht der Erkenntnis über das Ausmass der globalen NSA-Aktivität in Snowden eine Vorstellung von Notstand hervorrief. Die Beatles haben ihre eigene intensive Erfahrung des vorliegenden Stoffes (helter-skelter) mit ihrer LP verarbeitet und weiterbefördert. Die Wirkung auf Manson war so ungeheuerlich, weil er damit in seiner psychischen Situation überfordert war.
    Das wohl eher nicht falsche Bewusstsein Snowdens hat sich bisher nicht als tödlich erwiesen, wobei die gesellschaftliche Bewältigung der NSA-Ungeheuerlichkeit noch nicht vorstellbar ist. Snowden mag in den USA straffällig geworden sein, aber die Aufdeckung einer der größten gesellschaftlichen Katastrophen der Gegenwart (globales „Erdbeben“), die ich mir vorstellen kann, als Verrat auszupreisen, scheint mir nicht angemessen. Der Wahrheit der NSA nach der angedachten Methode selber weiter zu erörtern, bleibt jedem unbenommen (die Zurechnung der Verantwortung auf einzelne Akteure gestaltet sich allerdings schwierig). Jedoch fand ich es angebracht, angesichts der durchaus plausiblen Rekonstruktion der Mansonschen Handlung, nochmals auf ihr (imo. fatales) Urteil bezüglich Snowden zu erinnern und würde dieses auch weiterhin gerne revidiert sehen.
    mfg

  10. avatar

    @ Roland Ziegler: Das darf man nicht generell mit FlowerPower banalisieren.

    Ja. Völlig klar. Und das war auch keiner Weise meine Absicht. In der umfassenden kulturrevolutionären Wirkung der 60er Jahre stellt der Manson-Fall nur ein winziges Moment dar. Allerdings würde ich schon darauf bestehen, dass es massenhaft Banales und Seichtes und Dummes gab in den 60er Jahren, so etwa als ein Spitzenprodukt in diesem Sinne das Elvis-Pathos und der Elvis-Schmalz, das nämlich als global-westliches, als im engeren Sinne pop-kulturelles Transportmittel fungierte für das, was Sie umschreiben und das damals underground hieß und unsere Hör- und Denkgewohnheiten so „global“ und so „nachhaltig“ veränderte.

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    Lieber jmb, Manson mit Snowden zu vergleichen, finde ich abwegig. Manson ist geisteskrank – was nicht dasselbe bedeutet wie schuldunfähig. Er ist ein Soziopath. Ihm fehlt es an Mitgefühl für irgendeinen Menschen außer sich selbst. Er ist vergleichbar mit Verbrechern wie Breivik oder Atta. Snowden hingegen mag sich objektiv des Verrats schuldig gemacht haben, jedenfalls bin ich dieser Meinung, aber ich habe ihm nicht niedrige Motive unterstellt. Mit Manson würden Sie vermutlich ungern nachts irgendwo allein sein; mit Snowden wäre das kein Problem. Was Adorno damit zu tun hat, verstehe ich nicht; vielleicht wollen Sie das mal erläutern?
    Lieber Moritz Berger, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Freue mich, dass Sie wie ich Keynes bewundern.
    Lieber Roland Ziegler, Ihr Hinweis auf die Produktionsbedingungen der damaligen Musik ist sehr wichtig. Die Beatles etwa haben noch das Album Sergeant Pepper auf einem Vier-Spur-Gerät aufgenommen! Heute hat jede Garagenband 24 Spuren und mehr; allein fürs Schlagzeug vier. Nicht, dass die Musik dadurch besser würde, sie klingt nur besser.
    Liebe Marit, dass sich „niemand für die Texte der Beatles interessierte“, mag in Deutschland der Fall gewesen sein; in der angelsächsischen Welt aber ganz bestimmt nicht! Und dass etwa ein Song wie „Strawberry Fields“ heiter ist, möchte ich entschieden leugnen. wir könnten hier mal einen Wettbewerb der düstersten Beatles-Nummern veranstalten. Ich nenne schon mal fünf:
    1. Strawberry Fields Forever
    2. Eleanor Rigby
    3. I Am The Walrus
    4. I’m A Loser
    5. Baby’s In Black

    @ Alle:
    http://starke-meinungen.de/blo.....vs-stones/

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    Marit: Den Beatles möchte ich zugute halten, dass deren Texte kaum jemand interessierten und die Kultur, die sie verbreiteten eine eher heitere war, auch ganz und gar ohne Drogenunterstützung.

    … genau so war es. Als ich das erste Mal die Beatles hörte, nachgespielt auf einer Freilichtbühne in MV, she love you, verstanden die meisten vor der Bühne kein Wort. Englisch war kein Pflichtunterrichtsfach. Wir hatten Russisch.

    – Sie liebt dich – konnte jeder verstehen, war Traum und Wunsch der Mädchen und Jungen. Und das ist auch gut so. 😉

    Die Musik der Beatles, Stones usw., war und ist, auch oder gerade ohne Drogen, einschließlich Alkohol, einfach herrlich.

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    Woran ich mich erinnere ist auch dies: In UK gab es eine Anti-Szene (Antipädagogik, Antipsychiatrie), die ein Konzept zur „Befriedung“ imperialistischer Kriegslüsternheit aufbrachte, das darin bestehen sollte, die gesamte Bevölkerung unter Drogen zu setzen.LSD für alle, ewiger Friede als Ziel.
    Ideen, wie dem „Wahnsinn“ infolge „schlechter Trips“ begegnet werden könne, dem der ein oder andere anheimfallen könnte, erinnere ich allerdings nicht.Aber jedes Konzept hat halt seine Lücken.
    Den Beatles möchte ich zugute halten, dass deren Texte kaum jemand interessierten und die Kultur, die sie verbreiteten eine eher heitere war, auch ganz und gar ohne Drogenunterstützung.

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    @APo
    Vorausgesetzt Ihre persönliche Metaphysik (und Ihr Zeitbudget) erlauben es Ihnen sich über Ihre Bewunderung für Maria hinauszuwagen, möchte ich eine These von Adorno, die einem jeden richtigen Ex-Revolutionär geläufig sein dürfte, zum Thema Manson-Snowden einbringen:

    „““tödlich ist einzig falsches Bewusstsein“““

    Liegt dieses bei Manson vor? Besitzt ein Psychopath, wie er, ein falsches? Wie sieht die Sache bewusstseinsmäßig bei Snowden aus? (Tödlich wurde seine Verhaltensweise genannt.) Ist er ein Psychopath, möglicherweise ein Revolutionär, ein Krimineller oder einfach jemand, dem etwas zu Bewusstsein gelangt ist, das den „Weltfrieden“(?) gefährden könnte und somit tödliche Folgen evoziert?
    Die Beurteilung von Manson sollte es Ihnen nun imo. ermöglichen, Ihr Urteil über Snowden im aktuellen Vergleich zu bestätigen oder zu verwerfen? Ist Snowden für Sie immer noch ein Veräter, und wenn ja, an wem?

    Sind Verrat und Revolution nicht zwei Seiten einer Medaille? (Fragen über Fragen.)

    Wenn Sie immer noch keinen Zusammenhang sehen, sollten Sie sich vielleicht noch was genehmigen um das rolling-stone-Magazin besser zu verstehen.(Haben Sie wenigstens herausgebracht, wie die Beatles zu ihrem „Stoff“/Thema gelangt sind?)

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    Beatles, Beach Boys, Mamas & Papas, Scott McKenzie, Simon & Garfunkel, Cat Stevens – das ist alles Zuckerguss mit Maraschinokirsche auf einer Riesentorte. Darunter befinden sich ganz andere Schichten. Wenn man sich mal auf die Suche begibt nach den bizarrsten musikalischen Ideen, wird man in der Zeit der 60-70er und im angloamerikanischen Sprachraum so fündig wie in keiner anderen Zeit an keinem anderen Ort.
    Vielleicht erinnert sich noch jemand der Älteren hier an das Konzeptalbum mit dem Titel „666“ der Band Aphrodite’s Child? Das war ein Kultalbum für Hippies. Im Umkreis dieses apokalyptischen-satanistischen Werks (@EJ: Hier finden Sie jede Menger „anspruchsvoller Atheisten“) würde man doch viel eher einen Charles Manson vermuten. Übrigens ein Projekt des heute als Zuckerbäcker reüssierenden Komponisten Vangelis (und am Bass, man glaubt es kaum: Demis Roussos, der deutschgriechische Schlagersänger!), das zusammen mit dem sehr guten „Earth“ (darauf eine Laute, deren Hall King Tubby alle Ehre gemacht hätte) und dem bizarren Free-Jazz-Album „Hypothethis“ (zusammen mit dem Jazzdrummer Tony Oxley) Vangelis als erstklassigen Musiker dieser Zeit ausweist (allem späteren Kitsch/Bombast zum Trotz). Aber auch die Trashsounds des uramerikanischen Rock&Rolls der späten 50er und, auf der anderen, schwarzen Seite die wahnwitzigen Soul/Funk/Free Jazz-Experimente kann man hier einreihen. Oder Frank Zappa, der keine revolutionär andere Musik wollte, sondern sich (zurecht) zur Hochkultur rechnete, aber trotzdem in jedem zweiten WG-Badezimmer auf dem Klo hockte.

    Ein unübersehbar weites Feld, eine grenzenlose Spielwiese der Musik und des Sound. Das darf man nicht generell mit FlowerPower banalisieren. Dass aber nun ausgerechnet die harmlosen, braven Love&Peave-Pilzköpfe einen Charles Manson zu seinen Untaten inspirierten, ist wohl nur mit ihrem global durchschlagenden Erfolg bei weißen Mittelstandsmädchen zu erklären.

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    …anderswo hat die Elektrotechnik der 60er/70er ganz andere Sound-Ideen hervorgebracht. Wer Lust hat, vergleiche mal die Dub-Aufnahmen des jamaikanischen Elektrotechnikers „King Tubby“, der sich sein Hallgerät noch selber lötete, mit diesem Happy-Heintje-Hall der US-amerikanischen Hit-Singles. Das war die gleiche Zeit! Und es war der weiße, sonnige, umjubelte Sonnen-Sound der Beatles, der den Mörder inspirierte, nicht der schwarz delirierende Kingston-Dub (oder US-Funk/Soul).

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    @EJ: Man muss unbedingt die musikalische Produktion (Einschübe/Soli, Sound, Effekte, Instrumentierung…) von der musikalischen Qualität (Komposition) trennen. Sie weisen auf das Flötensolo hin; das ist tatsächlich reinster Zuckerguss, aber eben nur Teil der Produktion. Die Produktionen dieser Zeit wimmeln vor fürchterlichsten Ideen und Soundeffekten; das hängt oft ganz simpel mit der Faszination der neuen Technik (Synthesizer, Hallgeräte) zusammen. In einem Anfall sentimentaler Umnachtung habe ich mir mal ein Album von Simon & Garfunkel gekauft; das kann ich mir heute nicht mehr durchhören. Aber das liegt nicht an der Musik, sondern an der Produktion. „The Boxer“ beispielsweise ist ein wunderbares Lied, aber die Produktion ist furchtbar. Die reduzierteren Songs, die nur mit Gesang und Gitarre daherkommen, sind heutzutage noch uneingeschränkt gut (Scarborogh Fair ist super).

    Die musikalische Qualität ist von der Produktion unabhängig. Es gibt z.B. von California Dreaming eine hörenswerte Version von George Benson, den die meisten nur als schmalzigen Sänger kennen, der aber vor allen ein erstklassiger Jazz-Sologitarrist war. (Leider hat ihn offenbar das Geld korrumpiert.) Und was er aus diesem Song auf seiner Gitarre gemacht hat, ist wirklich schön. Ich habe jedenfalls Hochachtung vor jedem Ohrwurm.

    Die Hippiezeit war eine sehr musikalische Zeit, und es gab viele Experimente und Innovationen, die meisten allerdings abwegig. Schon die Titel, z.B. Pink Floyd: „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cage and Grooving with a pict“… Das ist absolut abwegig, aber ausgesprochen gutartig.

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    @KJN

    „oder nur Geschäftsmodell, wie mit anderen eher fragwürdigen Figuren der Weltgeschichte auf T-shirts (Che Guevara), also den Traum weiter verkaufen?“

    Eindeutig ein Geschäftsmodell!!!

    Alles was es gibt wird heute vermarktet:

    Wie der Stalin in Litauen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C5%ABtas-Park

    oder A.H. als Weinflaschenetikett.

    http://www.inostalgici.it/de/c.....egory_id=1

    Ein guter indirekter “ Indikator “ für die
    “ Vermarktung “ sind auch die google Suchergebnisse:
    Adolf : 17,4 Mill.
    Stalin: 8,0 Mill.
    Mao Tse Tung 800.000 (ist ist noch Nachholbedarf)

    Bei Charles Manson sind es: 25 Mill. !!!!

    Und wenn Sie sich die Discographie anschauen:

    http://en.wikipedia.org/wiki/C.....iscography

    warten wir doch einmal ab, wenn dieser Kriminelle ins Gras beißt, ob sich nicht jemand findet, der diese Produkte wieder vermarktet!!

    Noch gibt es keine Charles Manson trademark:

    http://tess2.uspto.gov/bin/gat.....zmp7vq.1.1

    Bei Stalin bin ich bereits fündig geworden:

    http://tess2.uspto.gov/bin/sho.....mp7vq.10.1

    https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/trefferliste

    Auch bei Mao:

    https://register.dpma.de/DPMAregister/marke/registerHABM?AKZ=008694168&CURSOR=32

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    Lieber Herr Posener,

    leider lesen Sie meine Kommentare nicht, sondern reagieren nur, wenn ich Ihre Adam Smith Bibel und Ihren Ricardo kritisiere.

    Und Sie haben auch übersehen, dass mein Beitrag sich nicht direkt an sie und Ihren Manson richtete, sondern an eine Passage von EJ.

    Ich war bislang der Meinung, dass dieser Blog es auch erlaubt nicht nur „vertikal“, sondern auch „horizontal“ Argumente auszutauschen.

    Mea culpa wenn ich hier die AGB´s nicht eingehalten habe, daher werde ich sicherlich auch am Nikolaustag die Rute erhalten. 🙂

    Nichtsdestotrotz wünsche ich Ihnen in Berlin einen schönen 1. Advent

  20. avatar

    Hm, jmb: einen Bezug zu meinem Artikel kann ich nicht erkennen.
    Lieber Moritz Berger, dass ausgerechnet Sie Keynes zitieren! Schön. Aber auch Ihr Beitrag hat leider nicht sehr viel mit Charlie Manson zu tun.

  21. avatar

    Verrat und Revolution finden heute in der 3. und in der Cyberwelt statt. Gegenwärtig zeichnen sich Weltuntergangsszenarien ab, die bedingt durch peak oil, die damit verbundene Hysterie und manische Finanzmarktattacken, das Zusammenleben und den Wohlstand ganzer Kontinente zu gefährden drohen (inklusive God’s own country). Eine gefährliche Mischung aus Helter Skelter und James Bond. Täglich entwickeln wir neue Szenarien, denen zu entgehen unser Schicksal darzustellen vermeint. Die Ursachen von Irrationalität, Aberglauben und Hypes, auch dem Kampf der sog. Kulturen, liegen in handfesten Motiven vor. Ich frage mich, ob wir für die wirklich nicht neuen sozialen Spannungen gerüstet sind. Die Antworten auf 9/11 konnten nicht wirklich überzeugen und die kulturelle Last der Religionen ist dabei bisher auch nicht leichter geworden. Dabei müssten wir uns mehr anstrengen, wenn Revolution Nr.9 oder Helter Skelter nicht auf die eine oder andere Weise grausame Realität bleiben sollen. Das Marxsche „Lumpenproletariat“ hat sich bisher stets, als Antwort auf die gesellschaftlichen Verwerfungen, neu erschaffen, ohne dass es einer wissenschaftlichen Tatsachenfeststellung bedurfte. Die Spekulation in die Zukunft erlaubt es regelmäßig wieder den Aberglauben an Revolutionen und machtvolle Auseinandersetzungen aus der Büchse der Pandora heraus zu ziehen. Dabei verlieren wir genauso regelmäßig den Respekt vor uns selbst, als auch den vor dem Kontinuum. Wir müssen lernen mit unserem Wissen erfolgreicher umzugehen, als in der Vergangenheit und der Gegenwart. Frage an APo, ist Snowden immer noch ein Verräter, wenn ja, an wem? Zusatzaufgabe: Welche Bildung ist für die Beantwortung der Frage erforderlich?

  22. avatar

    APo: ‘Man muss das Weiße Album mit den Ohren Charles Mansons hören. Es gewinnt eine ganz neue und unheimliche Dimension.

    Die ich, ab gesehen davon, so beantworten würde: Ich schreibe hier, was für mich relevant ist. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann, ist mir wurscht.

    … mit Ohren Charles Mansons … selber … … au-haua-ha !!! … da kann die WELT sich echt glücklich schätzen, dass Sie den Absprung – als nun ‘nonKiffer‘ – geschafft haben. 😉

  23. avatar

    Lieber EJ,

    ich gehöre nicht zur flower power generation.

    Allerdings zu Ihrem Satz:

    Im Grunde wollte man leben, wie die Reichen scheinbar leben – in der Sonne, ohne Arbeit.

    kann ich es mir doch nicht verkneifen, eine kleine Randbemerkung zu machen und auf Keynes zurückzugreifen.

    Wir arbeiten heute >40 Std in der Woche,

    Laut Keynes brauchten wir angesichts der gestiegenen Produktivität nur noch 18 Stunden zu arbeiten.

    Und hieß und heißt nicht heute immer noch:

    Die steigende Produktivität führt zu mehr Freizeit!!

    Wo bleibt daher eigentlich der Fortschritt, der oftmals propagiert wird.

    Oder ist dieses auch “ wurschtig “ ???

  24. avatar

    Lieber Martin Jander: Ja. Man muss das Weiße Album mit den Ohren Charles Mansons hören. Es gewinnt eine ganz neue und unheimliche Dimension.
    Lieber Roland Ziegler: Zum einstieg empfehle ich das erste Album, „Please Please Me“. Ungeschliffene Diamanten.
    Lieber Lindwurm: Gelegentlich müsste man auch über die höchst zwielichtige Rolle schreiben, die The Dead im Rahmen der Hippie-Szene spielten.
    Lieber Michael Bender, gegen den „Mainstream“ zu sein, ist nicht eine Tugend an sich, wie die Ausführungen von Edmund Jestadt zeigen. Immerhin beantwortet Ihre Stellungnahme die von Wolfgang Schäfer gestellte Frage nach der Relevanz.
    Die ich, ab gesehen davon, so beantworten würde: Ich schreibe hier, was für mich relevant ist. Ob irgendjemand das nachvollziehen kann, ist mir wurscht.

  25. avatar

    Sehr umfassender Aufsatz, finde aber den Vorwurf Flower Power wäre für diese Morde verantwortlich nicht haltbar.

    Es gibt, gerade in den USA viele Verrückte den Ey gelingt eine „Sekte“ zu gründen, die dann gemeinsam irgendwelche Wahnsinnstaten begeht. Jimmy Jones, oder diese Typ in Waco fallen mir da spontan ein.

    Im übrigen ist Rolling Stone eine hervorragendes Magazin, die sich immer wieder mit Themen beschäftigt, die dem Mainstream in den USA missfallen. Vor einigen Monaten herrschte ja helle Aufregung um das Cover des ueberlebenden Marathonbombers.

  26. avatar

    Schade, dass Sie den irren Kriminellen Manson noch 45 Jahre nach seinem Verbrechen mit unseren Helden in Verbindung bringen. Letzten Endes fehlt mir an Ihrem Artikel auch die Relevanz.

  27. avatar

    Der Leser fragt sich schon, wo das Interesse an dem Massenmörder Manson bei einem Musik Magazin „rolling stone“ herrührt. Unverarbeitete Lebenslüge der „beat generation“? (..der 68er?) –
    oder nur Geschäftsmodell, wie mit anderen eher fragwürdigen Figuren der Weltgeschichte auf T-shirts (Che Guevara), also den Traum weiter verkaufen?

  28. avatar

    Musik macht dumm? – Mir ist der Flower-Power- und Hippie-Bewegung und deren Suche nach „Spiritualität“ immer suspekt gewesen. (Allerdings „kenne“ ich sie nur in ihrer Spätphase.) Scott McKenzies San Francisco ist – wie ähnliche Machwerke, California Dreamin’ der Mamas und Papas z.B. (das Flötensolo … Kitsch as Kitsch can!) – nichts als Zahnschmelz zerstörende Zuckertorte. Und wie ihre Musik aus der skrupellosen Aneignung klassischer Elemente bestand, basierte das „Lebensmodell“ der Flower-Power- und Hippie-Bewegung auf der schmarotzerhaften Ausbeutung genau der (konventionellen) Gesellschaft, die sie zu verachten vorgab. Es wurde geklaut und gebettelt, die Bettelei bestenfalls mit dem Verkauf von selbstgemachtem Schmuck oder ähnlichem Kram getarnt. Mag sein, dass es sich um eine Protestbewegung handelte. Wenn ja, dann um eine sehr dumme, die eine alternative Lebensmöglichkeit nicht mal im Ansatz aufzeigte. Im Grunde wollte man leben, wie die Reichen scheinbar leben – in der Sonne, ohne Arbeit. Das dieser Widerspruch auf Dauer nicht auszuhalten war und einer – radikalen – „Lösung“ bedurfte, liegt auf der Hand. Ich hatte, ungefähr in der fraglichen Zeit, einen Deutschlahrer, der mir mal aller Seelenruhe erklärte, das einzige Land, in dem man noch mit Würde leben könne, sei Südafrika. Er hatte offenbar eine ähnliches Problem. Und – siehe da! – auch eine ähnliche Lösung parat. „Lass die Schwarzen arbeiten!“: San Francisco und California Dreamin’.

  29. avatar

    Ich hab ja eine Textstelle von „Candyman“ der Grateful Dead stets falsch gehört und statt eines „B“ ein „M“ wahrgenommen: „Good Mornin Mr. Benson / I see you’re doin well / If I had me a shotgun / I’d blow you straight to Hell“

  30. avatar

    Ja, Herr Posener, ich stimme komplett zu und den Staatsanwalt Porfiri lobe ich mir ebenfalls; er ist die interessanteste Figur des stark übergewichtigen Romans, weil mit ihm die Geschichte zu leben beginnt. Er ist eine Figur der Aufklärung (im wörtlichen Sinne, weil es um eine kriminalistische Untersuchung geht).

    Was die Beatles betrifft, so war mir früher rätselhaft, woher die an Wahnsinn grenzende Bewunderung stammt. Ich hielt das – früher – für recht hübschen, aber im Grunde läppischen Singsang, etwas weniger albern als die Beach Boys, aber jedenfalls vollkommen ungeeignet für geheime Botschaften, quasireligiöse Spintisierereien, eine dämonischen Weltsicht oder gar die darauf gründende bestialische Mordserie.
    Aber ich habe mich sehr getäuscht, denn auch diese hochglänzende Medaille mit Love, Peace & Happiness und dem Sinnspruch „Nun lasst uns froh und glücklich sein!“ hat eine entsprechend banale und hässliche Rückseite. Auch musikalisch schätze ich die Beatles (dank meiner musikalischeren Frau) bei weitem höher ein und finde ihre Melodien und Arrangements ebenfalls bewundernswert (ich habe mich sogar schon dabei ertappt zu überlegen, ob ich mir wohl mal eine CD besorgen sollte).

    Zum Rolling Stone: Hier scheint mir eine relativistische Betrachtungsweise zugrunde zu liegen, nach der jede Sichtweise im Prinzip berechtigt, ja gleichberechtigt ist, auch die abwegigste. Zumindest ist jeder Zeitgenosse, wie Sie ja anführen, gleichermaßen schuldig oder unschuldig am Desaster, was ja offensichtlich falsch ist. Diese Sicht ist eine Variante des „Anything Goes“: Wenn „anything“ goes, dann „goes“ auch Chales Manson und Hitler.

    Abgesehen von der Selbstwidersprüchlichkeit der Behauptung, Wahrheit sei immer relativ („immer“ ist ja gerade ein Ausdruck für die Nicht-Relativität) führt das in die Aussagelosigkeit. Man kann alles sagen und dann ist es sinnlos, überhaupt etwas zu sagen (eine Variante des aristotelischen Satzes vom Widerspruch). Man muss schon unterscheiden zwischen Richtigem, einigermaßen Richtigem, einigermaßen Falschem, Falschem und völlig Abwegigem. Sowohl die Attentäter von 9/11 als auch Chales Manson sind in den Bereich des völlig Abwegigen einzusortieren, und dort in die Gruppe des Bösartigen. Denn es gibt ja auch – sogar meist – gutartiges Abwegiges, wenn ich mir den einen oder anderen mystischen, esoterischen, gläubigen oder abergläubigen (Lehr-)Satz so ansehe.

  31. avatar

    Toll!!! Ich hatte keine Ahnung davon. Was für ein Irrsinn. Besonders toll finde ich, dass sie den Terror-Aspekt herausarbeiten. Der Terrorist organisiert das Drumherum so, dass die Unwelt den Mord, jemand anders in die Schuhe schiebt und dann reagiert. Diese Reaktion selbst würd dann Anlass für weitere Gewalt. In dieser Hinsicht sind Manson, Meinhof, Zschaepe gleich. Terror pur. Als alter Beatles Fan, war ich auch geschickt. Mit solchen Ohren hatte ich das weiße Album nie gehört. Toller Analyse!

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